Steven Uhly: Den blinden Göttern Secession Verlag

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„Ja, natürlich. Diese Geschichte ist eigentlich zu verworren, um ein Bestseller zu werden. Die Leute wollen etwas Handfestes, verstehen Sie, eine packende Lebensgeschichte, am besten eine Befreiungsgeschichte, in der sich jemand von äußeren oder inneren Zwängen emanzipiert. Die Leute wollen eigentlich keine Literatur – sie wollen Wirklichkeit, verstehen Sie?“

Welch eine Perle! Welch eine Offenbarung! Steven Uhlys neuer Roman hat für mich spirituelle Dimensionen. Die Geschichte selbst ist ein Koan, welches es zu lösen gilt oder eben gerade nicht. Sie ist witzig und spannend und sprachlich anregend. Folgt man der Idee der Geschichte, bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als sich auf alles und damit auf nichts einzulassen. Es ist ein gezielter Schritt ins/in die Leere. Ich bin hin und weg!

Man könnte, wie es oft in Kritiken über das Buch heißt, an eine beabsichtigte Verunsicherung oder Verwirrung des Autors glauben oder an eine verrückte Story. Aber es ist ja viel mehr. Das bemerkt man aber nur, wenn man einen anderen Raum betritt und das Erzählte tief in sich hinein lässt. Wenn man nicht nur endlich wissen will, wie es denn wirklich war. Das wäre viel zu kurz gegriffen.

Zunächst läuft alles glatt. Der Buchhändler und Schöngeist Friedrich Keller erhält eines Tages ein unbekanntes Manuskript von einem Obdachlosen. Als er einige Zeit später zu lesen beginnt, erweist sich die Lektüre als ein Geschenk des Himmels – göttliche Sonette, wie sie gelungener nicht sein könnten.

„In Wahrheit suchte er in den Versen des trunkenen Dichters nach einer Erklärung für die Tatsache, dass ihm, dem gesellschaftsunfähigen Menschenflüchtling, diese eigenartige Lyrik zur letzten Heimat geworden war, obwohl sie alle Fassaden, alle Masken herunterriss und nichts übrig ließ, hinter dem er, Keller, sich hätte verstecken können.“

Als Keller dem obdachlosen Säufer und vermeintlichen Autoren der Sonette erneut begegnet, erfährt er dessen Namen: Radi Zeiler. Zeiler taucht eines Tages im Haus von Keller auf und bleibt einfach. Er wird zum verlorenen Bruder Kellers, verbringt seine Nächte mit der Putzfrau und ruiniert Kellers zurückgezogenes, streng gehütetes Einsiedlerdasein, in dem er wilde Geschichten über den verstorbenen Vater und beider Geliebte erzählt. Dann taucht auch noch ein Sohn auf, also ein Bruder von Keller und das Haus wird zum Unterkunftsort für syrische Flüchtlinge. Keller versteht die Welt nicht mehr, als er auch noch die ehemalige Buchhändlerkollegin vorfindet und sie plötzlich in ganz anderem Licht sieht und sie stante pede zu seiner Braut macht. So weit alles klar?

„Wo er eben noch eine geradezu unbewusste Gewissheit von Selbst empfunden hatte, gab es nunmehr ein großes leeres Nichts, so leer und so nichts, dass es war, als erblindete er, sobald er den inneren Blick dorthin richtete.“

Genau, eine haarsträubende Geschichte. Und ab der Mitte des Romans mischt sich dann auch der Autor Uhly (Gugly? Umbli?) selbst ein. Zur Klärung trägt das wenig bei, obwohl man glauben soll, Keller (Kühler? Kulkur?) erwache gerade nach einem Unfall aus einem Koma und erzähle dahindämmernd seine Geschichte, die der Autor für einen Roman verwenden will (siehe oben: Eingangszitat). Ab diesem Zeitpunkt werden die Abstände zwischen Traum- und Wachzustand des Patienten Keller immer kürzer, schließlich übergangslos … bis die Geschichte auf der Verkehrsinsel einer Hauptstraße endet, wo sie auch begonnen hat.

In diesem Roman kommen nach meiner Lesart vor:
-Ein Autor, der sich einen Bestseller erhofft
-Ein im Krankenhaus angestellter Linguist
-Flüchtlinge aus Syrien in Lederhosen
-Buchhandlungen, die Lyrik verbannen
-jede Menge Neurosen und Traumata
-undurchsichtige Familienverhältnisse
-Obdachlose, die Sonette schreiben
-Dichtung und Wahrheit
-mehr als eine Wahrheit
-diverse Wirklichkeiten
-Lügengespinste
-Raum und Zeit
-Leere

Der Geschichte folgen Seiten mit Sonetten, die wie Haikus wirken. Wer sie geschrieben hat, wird man nie wissen können. Radi Zeiler wird Anspruch darauf erheben. Dann folgen leere Seiten …

Selten habe ich so einen witzigen, phantasiereichen, sprachlich wertvollen, skurrilen, spannenden, geistreichen Roman gelesen. Ein göttliches Leuchten!

Steven Uhlys Roman erschien im fabelhaften Secession Verlag, dessen Bücher nicht nur mit feinen Inhalten sondern auch mit ästhetischem Äußeren auffallen. Das Buch ist fadengeheftet, auf feinem Papier in einer besonderen Schriftart gedruckt. Welches Papier, welche Schrift kann man dem Impressum entnehmen. Wie immer gab es die Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter und Typograf Erik Spiekermann. Uhly schreibt in der Tat auch Gedichte, die im gleichen Verlag erschienen sind.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Riina Katajavuori: Herbsttrompetenkonzert hochroth Verlag

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Der Lyrikband der 1968 geborenen Riina Katajavuori ist im hochroth Verlag Bielefeld erschienen. Die Finnin ist in ihrem Heimatland schon mit diversen Publikationen bekannt geworden. Wie schon vor einiger Zeit hier vorgestellt, ist hochroth vor allem der Lyrik zugewandt und da auch vielen unbekannteren Namen. Für diesen vorzüglichen Band habe ich für das Titelbild eine meiner Tuschearbeiten zur Verfügung gestellt. Alles fügt sich stimmig zusammen, Bild und Text, Text und Form und Inhalt.

Die Gedichte, manchmal in Versform, manchmal sind es auch Fließtexte, erinnerten mich ein wenig an kürzlich besprochene Lyrikbände aus Island und Norwegen:
„Denen zum Trost die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson, „bewegliche berge“ von Sjón oder „Der weiße Weg“ von Kjartan Hatløy.
Vielleicht gibt es gar so etwas wie eine spezifisch nordische Dichtung?

„Braune, wortkarge, einflussreiche
Herbsttrompeten im Gewittersturm.
Der Regen pausiert.
Der Wald ist grau, stimmlos, tröpfelnd, knackend,
und streckt vorsichtig die Glieder aus.
Alles ist gesehen, getan, gelebt.“

Katajavuori bezieht sich einerseits sehr stark auf die Natur, die natürlich in der Tat in Finnland und Lappland präsenter ist als hier, die aber auch nicht mehr ganz unversehrt ist.

Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28x21
Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28×21

„Offen und direkt zu reden ist unverzichtbar,
doch in zwischenmenschlichen Beziehungen/ in der Politik unmöglich,“

Zum anderen schreibt sie aber auch über Politisches, Soziales und geht auf die Entwicklungen des Landes und die unausweichlichen Veränderungen ein. So wird auch hier die Situation der Emigranten thematisiert. Wie sie das macht ist unvergleichlich, locker, überrumpelnd, keck, forsch.

Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28x21
Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28×21

„Suchen Sie Augenkontakt. Begegnen Sie dem Menschen.
Ich wiederhole ein wichtiges Wort: dem Menschen.
Grüßen Sie den Busfahrer (auch beim Aussteigen).“

Generell empfehle ich die fein gestalteten Lyrikbände des hochroth Verlag, sei es aus Wien, Berlin oder Bielefeld. Der Band „Herbsttrompetenkonzert“ wurde von Elina Kritzokat und Gisbert Jänicke übersetzt. Mehr über die Autorin und ihre Texte hier.
Mehr über die Illustratorin (die gerne weitere Aufträge annimmt, it´s me!) hier: http://www.marinabuettner.de

Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28x21

Für alle Berliner: Das Literaturprojekt „Stadt Land Buch“ mit vielen Lesungen hat diesmal die nordischen Länder im Focus.

Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Klaus Anders: Sappho träumt Edition Rugerup

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Der Dichter Klaus Anders bewegt sich mit seinem neuen Lyrikband durch Zeit und Raum. Von einer durchwachten Nacht über eine ganz besondere und eigene Auslegung von Tarotkarten bis zum Maler Max Beckmann spannt sich der Bogen. Es gibt Miniaturen, die Alltägliches beleuchten, oft auch mit einem ironischen Anklang. Ganz im Gegensatz dazu finden sich im Übermaß Wunden, Schmerz und Tragik. Auch Gesellschaftskritisches kreuzt mitunter die Zeilen. Und es gibt zwei längere Zyklen, die sicher einiger Recherche bedurften.

Vieles bleibt rätselhaft, uneindeutig, manche Hintergründe lassen sich im Gedächtnis zusammensuchen (oder ergooglen oder später im Anhang lesen). Klaus Anders bearbeitet oft historische Motive. So wird dieser Lyrikband mitunter spannender als ein Geschichtsbuch.
Thomas Manns letzte Liebe kommt vor, Stalins Sterben, der Niedergang eines syrischen Stadtstaats und die im Titel genannte griechische Dichterin Sappho. Da tauchen dann so spannende historische Figuren auf, wie Guglielma, deren Anhänger glaubten: Sie „sei der Heilige Geist, entzündet in einer Frau. So wie Gott als Sohn in einem Mann.“ (Eine schöne Vorstellung …)

„Wenig aber bis nichts lernt ein Mensch, wenn es
dem eigenen Vorteil nicht dient. Dabei zeigt ihm
der arglose Blick in ein Augenpaar, was
er zum Leben braucht und zum Sterben.“

Im Zyklus „Beckmanns Speicher“ wird die Zeit des Malers Max Beckmann auf der Flucht vor den Nazis verdichtet. Die gesamte Kriegszeit verbrachte Beckmann versteckt in Amsterdam, da ihm das Visum für die USA verweigert wurde. Anders benutzt dabei die Bilder der Triptychen, die Beckmann in dieser Zeit häufig malte. Diese Bilder werden zwischen mythischen Begebenheiten arrangiert.

„Nicht zu fragen ist die Botschaft,
Licht versandet in der Nacht,
Schatten sinken in die Wände,
wer noch hofft, hat nichts bedacht.“

Der Zyklus Tarot bezieht sich auf die 22 Trumpfkarten, die große Arkana. Ein Teil der Gedichte sind inspiriert von historischen Persönlichkeiten. Hier Ausschnitte aus erster „0-Der Narr“ und letzter Karte „XXI-Die Welt“:

„Lass gehen, heut bin ich der Narr, und morgen,
Du. Es schwankt das Schiff,
Es sinkt nicht. Mach die Augen zu.“
————–

„Sprach zu mir im Wald die Taube:
Immer seh ich dich allein,
Gehst und sinnst und sprichst dir leise.

Geh schon immer diese Wege;
Immer bin ich hier allein,
Doch hier bin ich niemals einsam.

Alles spricht mich liebend an.
Gehen will ich, schauen, lauschen
Und verwehen irgendwann.“

Auch vor Tod und Teufel schreckt der Dichter nicht zurück. Sie hält er mit seinen Versen in Schach. Die Themen Religion und Spiritualität werden in ihrer großen Vielfalt beleuchtet und dazu gehört auch die Natur, die den ewigen Kreislauf, die Endlichkeit aufzeigt. Hier finden sich auch kurze Texte, die Haikus ähneln.

Dabei bleibt der Dichter immer einer klassischen Form treu. Und darin sind seine Gedichte auch am besten aufgehoben. Sie benötigen keine Experimente. Die Wirkung liegt allein in der Sprache und dem in ihr gebetteten Inhalt.

„Sappho träumt“ erschien in der Edition Rugerup. Eine Leseprobe und mehr über den Autor Klaus Anders, der auch Lyrik aus dem Norwegischen übersetzt, unter anderem Olav H. Hauge und Kjartan Hatløy, gibt es hier.

Andreas Altmann: Weg zwischen wechselnden Feldern poetenladen

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Das Cover wirkt wie eine Landkarte: Grüne Flächen durch schwarze Linien und Punkte verbunden. Den Umschlag dieses Lyrikbandes hat Franziska Neubert gestaltet und er verweist stimmig auf den Inhalt. Auch hier geht es um Flächen, um Felder, begrenzt und mit Anhaltspunkten ausgestattet. Die Gedichte von Andreas Altmann sind grün. Diese Farbe legt sich um eine Sprache, die leise und sanft sich bewegt. Mitunter, wenn die Sanftheit in eine umfassendere Ganzheit gelangt, wechselt die Farbe. Unter jedem Gedicht liegt eine Schwingung, die die Verse trägt und den Leser langsamer werden lässt, mitunter auch tiefer atmen lässt.

“ … dem regen
läuft das licht zusammen und rinnt mir
über das gesicht.“

Altmanns Gedichte sind weitab von dem, was heute oft gefordert wird: größer, schneller, weiter. Auf einer tieferen Ebene gibt es diese Eigenschaften dann doch, aber voller Absichtslosigkeit. Bereits im stillen Lesen, wird deutlich, wie klangvoll und liedhaft diese kurzen Texte sind. Der Dichter sieht und setzt um, spürt und verbindet, versinkt in Augenblicken, heftet sensibel Wort an Wort, färbt gefundene Sprachspuren neu.

„der weg vergreist, geht an seinem horizont
schon über meine leiche, die weiße katze zögert,
steigt zwischen zügen über gleise, die wiese
schwimmt im regenlicht, „

Andreas Altmann ist einer der Lyriker die eher einen kleinen Bekanntheitsgrad haben, was schade ist. Er macht nicht mit außergewöhnlichen Formen (außer konstanter Kleinschreibung) oder exaltierter Performance auf sich aufmerksam und das nimmt mich gerade für ihn ein. Hier steht die Sprache und allein die Sprache, nichts was ablenkt, dem/der Leser/in gegenüber und fordert nichts, außer einem Versinken ins Sprachfeld.

“ pferde reiten durch das feld, sind nur der kopf,
in dessen mähne meine hände greifen, dann seh ich
den zitronenfalter auf einem schädelgroßen findling
sitzen, und dieser anblick sperrt mich wieder ein.“

In Felder sind auch die Kapitel diese Bandes aufgeteilt: Es gibt die Geisterfelder und die Schlafrandfelder, die Wetterfelder und die Marienfelder und zwischendrin, Muttererde und Nährboden. Eine geerdete lyrisches Einheit, die sich dennoch immer wieder in Höhen schwingt, um zurückzukehren und erneut Kraft in der Erde zu finden. Viele der Gedichte tragen Themen wie Kindheit, Familiengeschichte, Krieg und Flucht mit sich. Trotz des vielen Grün, ist es häufig eisig, winterweiß. Obwohl die Natur das Bühnenbild bestimmt, sind diese Gedichte weit mehr als Naturgedichte. Oft bietet der Wald den Lebensort von Tier und Geisterhaftem. Natura morta, sprachliche Stilleben in einer Zeit des Vergänglichkeit, der Endlichkeit. Oft melancholisch, sind es essenzielle Lebens- und Sterbensgedichte.

“ … der wind umhüllt die körper,
sie sind außer sich, und an den grenzen
sterben kinder in den nächten, schlafen
in den schreien ihrer mütter ein. …“

Andreas Altmann, 1963 in Hainichen geboren, hat schon einige Lyrikbände veröffentlicht, alle im poetenladen. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Özlem Özgül Dündar: Gedanken zerren Elif Verlag

Özlem Özgül Dündar las beim diesjährigen Bachmannwettbewerb einen Text, den die Jury für preiswürdig hielt. Zurecht bekam sie den Kelag-Preis. Mehr über die Autorin, die Lesung und den Text findet man hier: https://bachmannpreis.orf.at/stories/2914730/

Ihre Lyrik steht, wie ich finde, auf einem ganz anderen Blatt. Sie fordert weit mehr heraus, ist sprachlich ganz anders und umfassender, tief und eigensinnig: Pro Seite ein im Blocksatz, mit dauernden Zeilenumbrüchen geschriebenes Gedicht. Durch einzeln stehende  Buchstaben wird der Leser immer wieder unterbrochen: Was mich zunächst nervt, dann aber durch verlangsamtes Lesen gewinnt. Gleichzeitig, falls das überhaupt geht, gewinnen die Zeilen eine unglaubliche Geschwindigkeit, atemlos, ein her und hin. Eine Suchbewegung. Ein Ausleuchten. Wohin? Woher?

„einen krampf um die  komp
osition machen zwei schritte
vorwärts u zwei rückwärts g
ehen eine schiefe beobachtu
ng hinstellen u um den geda
nken von glück u unglück k
reisen bis die perspektive die
augen schief hängen lässt d
…“

Alle Gedichte beziehen sich auf ein Selbst, auf ein lebendiges Wesen in seinem So-Sein. Das lyrische Ich stellt Fragen, stellt fest, erläutert. Begreift etwas körperliches, innen und außen. Die Wechselwirkungen beim Funktionieren, beim Stillstand, die Wunden und Brüche. Die jeweilige Haltung dazu. Die Gedanken, die zerren und nicht vorüber gleiten. Die Wolken, die Sturm bringen. Sprache, die stürmt und stammelt und Worte deutlich platziert, jedes muss da stehen, wo es steht und muss mitunter wiederholt werden. Ein Fluß, ein Strom, ein Er- und Übergießen. Und darin die Welt, die gesellschaftlichen Strukturen mit ihren Hinderungen und Grenzen und ein Du, ein beziehen auf. Das Du und Ich im Austausch, geistig und körperlich. Das durch Sprache zu einander finden. Auch Liebesgedichte, dringlich und durchdrungen vom schöpferischen Ausdruck. Bei mir war es Liebe auf den zweiten Blick …

Dündars Debüt-Lyrikband erschien im Elif Verlag, dessen Programm ich jedem Sprachfreund ans Herz legen möchte.

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

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Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Jahrbuch der Lyrik 2018 Schöffling Verlag

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Dem Schöffling Verlag ist es zu verdanken, dass das Jahrbuch der Lyrik nun einen festen Verlag hat und zudem jährlich neu erscheint. Der Schöffling Verlag ist ein unabhängiger Verlag und einer der wenigen überhaupt, die noch eine regelmäßige Anzahl an Lyrikbänden im Programm hat. Herausgeber ist seit jeher Christoph Buchwald, der sich einen Co-Herausgeber mit ins Boot holt. Das ist diesmal Nico Bleutge.

Was mir gleich als erstes auffällt: Die auf der Rückseite abgedruckten Namen der ausgewählten Lyriker/innen überschneiden sich in erstaunlich großer Anzahl mit denen des letzten Jahres. Es sind in Lyrikerkreisen bekannte Namen und wie man im Anhang mit den Namen und Biografien der abgedruckten Dichter feststellen kann, nur sehr sehr wenig unbekanntere Namen. Es scheint schwierig zu sein, ohne Buchveröffentlichung und ohne in der „Szene“ mitzumischen, ins Jahrbuch zu gelangen …

Erfreulich ist hingegen die ausgewogene Anzahl von weiblichen und männlichen Dichtern. Falls ich richtig gezählt habe, sind es sogar einige Frauen mehr.

Was ich, glaube ich, jedesmal hier schreibe, ist, dass ich es besser finde mehr Lyriker abzudrucken und nicht mehrere Gedichte von einzelnen.

Von den „alt-bekannten“ Lyrikern sind die Klassiker dabei: Elke Erb, Herta Müller, Friederike Mayröcker, Jürgen Becker und Richard Pietraß. Von den berühmteren mit einigen Preisen gesegneten sind dabei: Monika Rinck, Marcel Beyer, Marion Poschmann, Kerstin Hensel, Lutz Seiler etc. Und natürlich viele der bei Schöffling verlegten Autoren.

Oft hört man ja Kritikerstimmen, die auf Teufel komm raus immerfort etwas Neues Innovatives, aufregend Anderes, ja, eine Revolution der Lyrik verlangen. Dem kann ich mich nicht anschließen – vielleicht bin ich da sogar konservativ. Ich mag ja auch Wasserglaslesungen. Und tue mich oft schwer mit der mittlerweile permanent geforderten Performance um jeden Preis, sehe ich diese doch eher als Inszenierung des Erzeugers, als würde der Text alleine nicht mehr reichen. Ich jedenfalls habe Einiges an Gedichten gefunden, die für mich sehr wohl inhaltlich und sprachlich hinreichend Neues bieten, Lyrik, die ich nicht nur mit einem Literatur-, Philosophie- oder Germanistikstudium etc. lesen bzw. verstehen kann, sondern auch Gedichte, die mich sofort treffen und berühren, die etwas auslösen, bewegen ganz speziell bei mir. Das ist für mich, das was zählt.

Das Jahrbuch enthält deutschsprachige Gedichte. Im letzten Kapitel, wie schon im Vorjahr, gibt es einige wenige fremdsprachige Autoren, deren Gedichte von deutschen Autoren übertragen wurden. Es ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll. Hier weiß man nicht: Sind diese Gedichte auch eingereicht worden, womöglich von den Übersetzern? So etwa Ulrike Almut Sandig, deren Zusammenarbeit mit Hinemoana Baker und Grigory Semenchuk ja bekannt ist. Aber was soll dann wiederum ein einziges übertragenes russisches Gedicht mitten zwischen den deutschsprachigen? Und was ein einziges handschriftliches fast unleserliches Stück Papier?

Egal. Kleinigkeiten. Es ist fein, dass es das Jahrbuch gibt. Es bietet einen recht guten Überblick und lädt zum Weiter- und Tieferlesen und Selbstkritisieren ein.

So, und nun kleine Kostproben meiner sehr subjektiven Auswahl an Lieblingsgedichten (interessanterweise fast ausschließlich weibliche Stimmen):

Gleich zu Beginn nenne ich hier Sylvia Geist, die mit fünf(!) Gedichten aus ihrem aktuellen Lyrikband „Fremde Felle“ vertreten ist. Diesen habe ich gerade ausführlich besprochen. Wie man da lesen kann, finde ich Geists Gedichte richtig gut. Trotzdem wären hier zwei Gedichte auch aussagekräftig gewesen und es hätten sich mehr andere Namen einfinden können.

Eine Entdeckung ist für mich Kenah Cusanit. Sie ist mir bisher nicht aufgefallen. Doch die Apfel/Fruchtgedichte sind ganz nach meinem Geschmack. Sie sind inspirierend und leicht skurril. Wenn ich es richtig verstanden habe, gehören sie zu einem Zyklus in Verbindung mit dem romantischen Dichter Percy Shelley:

„… Im Thermometer wird der Herbst
ein halbes Jahr gefangen gehalten. Wie ist er da hinein
geraten. Freiwillig, man muss es sagen. …“

Kurze Zwischenbemerkung: Mir fällt immer wieder auf, dass ich mich mit Gedichten im Blocksatz eher schwer tue. Sie sind „in“. Vielleicht deshalb.

Monika Rincks Gedichte sind eine Freude, zeitkritisch und menschlich und forsch:
aus Fossile Technokraten benebeln eingegrabene Talente:

                        „… Der Angstkomet stürzt schrill
in Richtung unserer Mutter Erde. Und knapp verfehlt.
Hier die Anleitung  zur Löschung der Kosmogonie:
Nehmen Sie Nebel! ….“

Karla Reimerts Lyrik,

„Schilder, die zum Langsamfahren aufrufen.
Vielleicht bin ich deswegen zu allem zu spät.“

aus „November 2017“

Anja Kampmanns Lyrik (besprochen habe ich hier bereits ihren wunderbaren Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“),

„Keiner spielt auf dem Grün
stehen Tankstellen
Masten Trafohäuschen du denkst
an einen Gott
in Gummistiefeln
am Bahnschwellenrand wo die Bäume
den Blick versperren
auf die weitere Fahrt
legt er zwei Finger auf die Erde
nimmt den Puls“

aus „Passagier“

und Maja-Maria Beckers Lyrik,

„… unter Liebenden
ist´s Brauch, so selten wie möglich zu blinzeln, so
verschneiden sie Augen mit Blicken, teilen die Welt
in das Entscheidende und das zur Verfügung Stehende …“

aus einem Liebesgedicht

spricht mit mir im passenden Rhythmus.

Und zum Abschluß Lutz Seilers ebenso witziges wie dichterfreundliches Gedicht über die Menschwerdung: Lyrisches Leuchten!

morgenrot & knochenaufgänge

„stunde null im habitat, der sogenannte affenmensch
sitzt in der savanne & kann
nichts sehen – das gras

ist zu hoch. dann das knacken, hörbar
in den kapseln, ein druck, ein griff
nach der geschichte: daumen und zeigefinger

kommen zusammen, die
schreibhand entsteht, zehntausend jahre
vor dem aufrechten gang“

Das Jahrbuch der Lyrik 2018 erschien im Schöffling Verlag. Hier gibt es eine Leseprobe. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sjón: bewegliche berge Edition Rugerup

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Es muss also an Island liegen. Vor ein paar Monaten las ich bereits schon einmal einen Lyrikband eines Isländers: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson. Beeindruckend war er. Und nun kommt Sjón, der in und außerhalb Islands ein Begriff ist, der Romane und Lyrik schreibt und manchmal Songtexte für Björk. Und ich bin wieder vollkommen begeistert von diesen Gedichten. „bewegliche berge“ heißt der Band und er lässt auch den Leser innerlich Berge versetzen.

In „ars poetica“ findet sich das Gedicht dazu im Original und in zwei unterschiedlichen Übertragungvarianten der beiden Übersetzerinnen. So zeigt sich gleich die Vielfalt der Möglichkeiten:

Die Gedichte haben oft etwas skurriles, was aber im Kontext vollkommen normal wirkt. Sie schleichen sich ein. Einmal lesen reicht nicht. In die Tiefe gelangt derjenige, der sich einlässt. Obwohl oft kurz und knapp enthalten sie Fülle und Reichtum der Sprache.

Oft erzählt Sjón von seiner Heimat Island, greift tief in die Vielfalt der Sagenwelt. Über jedem einzelnen Gedicht liegt ein Zauber, womöglich die Magie dieser Insel (die ich zu gerne einmal erleben würde). Teils sehr direkt, ja, fast anklagend lesen sich dann Gedichte wie „lied aus dem silbernen zeitalter“:

„bevor wir die kniegeige verloren
als wir noch kontrolle hatten über den zug der schwäne und lachse

bevor wir die verborgenen türen der erdhütten verloren
als wir noch zuflucht fanden im warmen schoß der lava

bevor wir den eisbären und den weißen falken verloren
als wir noch hörten das krächzen weißer raben …“

Teil sehr verfremdet und in der Tat grotesk, ja, makaber, wirkt der Zyklus „dans grotesque“, in dem es um Frauenleichen geht, der letztlich von der Entstehung des Eilands erzählen.

Ein Kapitel des Bandes steht im Blocksatz: Hier widmet sich der Autor seinen Erlebnissen in und mit der Nationalbibliothek und zeigt, dass man sich in Karteikartenkästen ebenso leicht verlieren kann, wie heute im worldwideweb.

Dann wiederum erzählt er von Reisen, wie etwa nach Berlin, wo ich sofort wusste, welche „Sehenswürdigkeit“ er in „über uns“ meinte. Ich mag das Gedicht sehr, es trifft die Stadt sehr genau:

„in form und farbe wie die erde
ein ballon mit der aufschrift „die welt“

er gleitet durch die bläue

eine mahnung dass wir durchs universum schweben
gleich ob verwurzelt oder wurzellos

und das tut berlin auch“

Das Gedicht „acta poetica“ erinnert vom Bild und der Stimmung her beinahe an Celan:

„schwarze reiskörner
wir essen sie nicht …“

Auch eine große Melancholie liegt oft in den Gedichten, die mitunter nur zwei Zeilen benötigen, um eine Stimmung auszudrücken:

„ein gefühlsmäßig zweifelhafter
pfeilgerader regenbogen“

Sjóns bewegliche berge erschien im kleinen feinen Verlag Edition Rugerup. Übersetzerinnen aus dem Isländischen sind Betty Wahl und Tina Flecken. Das schöne Coverbild stammt von Kristinn Már Pálmason.

Die Edition Rugerup verlegt sehr oft nordische Autoren. Gerade ist auch eine zweisprachige Sammlung schwedischer Gedichte mit dem Namen „Von Nordenflycht bis Tranströmer“ erschienen. Herausgeber ist der Lyriker Håkan Sandell. Er hat eine Auswahl getroffen, die in chronologischer Reihenfolge von 1700 bis heute reicht. Dabei sind unter anderem Nelly Sachs, Edith Södergran, Gunnar Ekelöf, Tomas Tranströmer und Lars Gustafsson.

Sylvia Geist: Fremde Felle Hanser Verlag

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„Eine Katze sprang von einem Balkon
im 10. Stock und blieb unten lange liegen.
Bis sie aufstand, um länger zu leben …“

Fremde, zumindest aber bunte Felle finden sich auch auf dem Coverbild von Sylvia Geists neuem Lyrikband. Mich wundert, dass mir Geists Lyrik nicht schon früher aufgefallen ist, denn die Gedichte sind so, wie ich mir Gedichte wünsche: Zunächst leicht zugänglich, sogar witzig und etwas verschroben. Und dann der Sinkflug, der Tiefgang, die scheinbar mir eigens zugedachte Bedeutung, ein Sprung in Richtung Innerlichkeit. Oder umgekehrt.

“ … Das Bewusstsein
da ist ein leerer Stuhl, der an der Schädeldecke hängt.“

Manches der Gedichte, scheint mir, besteht aus Sätzen des Kreuzwort-Rätsels „Um die Ecke gedacht“ aus der ZEIT, dass ich eigentlich recht gerne versuche zu lösen. Meist weiß ich nicht alle Antworten, doch erschließen sie sich aus den Querverbindungen. Ganz ähnlich ist es mit Geists Gedichten. Die Dichterin arbeitet viel mit Zeilenbrüchen, was noch mehr Variations- und damit Deutungsmöglichkeiten erlaubt und zum Mehrfachlesen auffordert.

Geists Themen sind keineswegs weltfremd, aber mitunter verfremdet. Sie berichten von Reisen, (Ver-)Orten, Beziehungen, Veränderungen, Verbindungen, von Wegen und Abzweigungen, von Natur und Alltag. Oft agiert ein Ich oder ein Wir.

“ … du lässt dich
auswaschen vom Meerlärm, während ich blinde
Plastikflaschen nach Hilferufen schüttle, „

Sylvia Geists Gedichte leben alle auch von ihrem Rhythmus.

„Stimmt, Pusteblume mit der Potenz einer Streubombe
jeder, so rutschen wir durch die Ritze Leben …“

Inhalt und Form gehen eine Beziehung ein, die letztlich harmonisch ist, im Einklang fließend.

„……. Die Minute,
die ihr nicht gemeinsam habt, du und deine Möglichkeiten, …“

Feine Liebesgedichte sind so selten, aber „Porträt des Geliebten als Setzkasten“ ist ein außergewöhnliches:

“ ….. Karge Gelegenheitsfunde,
zum Wahrzeichen erklärt und abgestaubt für einen Setzkasten,
der mich an dich denken lässt. Ein bräunliches Blatt, das mir
unter den Fingern zerbröseln könnte, dein Lid, wenn du mich
dich lieben machst, wie du selbst es tätest, gäbe es mich nicht.“

Die Lyrikerin ist viel auf Reisen, innen und außen. Ihre Wege bereitet sie für ihre Leser nachhaltig auf, weiß genau, was die Essenz des jeweiligen ist, was heraus zu filtern notwendig ist. Beispielsweise die fiktive Begegnung auf einer Reise mit Dichter Bobrowski im Gedicht „Auf dem Heimweg“:

„Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen.“

Ich habe mich an Geists Lyrik fest gelesen und mich bereichern lassen von dieser Art des dichterischen Denkens. Lyrisches Leuchten!

Einige Gedichte sind aus ganz bestimmtem Anlass entstanden, ist aus dem Anhang zu erfahren. Etwa im Rahmen eines österreichischen Projekts Netzwerk Poesie, bei der Geist auf Gedichte anderer Lyriker „antwortete“ oder bei einem Stipendienaufenthalt in Krakau. Fast wirken diese Informationen störend, als wollte man die Gedichte erklären, und ich wünschte mir man hätte sie weggelassen oder sie tatsächlich in den zugehörigen Zusammenhang gestellt.

„Fremde Felle“ der 1963 geborenen Berlinerin erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.