2019: Meine 10 liebsten Romane, meine 5 liebsten Lyrikbände und 1 hervorragendes Buchkunstwerk

Meine liebsten 10 Romane sind diesmal schwer norwegenlastig. Das hat sicher mit dem Buchmessegastland zu tun, aber auch mit meiner schon eine ganze Weile andauernden Bewunderung der norwegischen Literatur. Da ist in diesem Jahr ganz vorne Johan Harstad mit seinem 1000-Seiter, Jan Kjærstad  und Hanne Ørstavik. Und Jon Fosse, meine große Liebe, sowieso. Da ist aber auch Siri Hustvedt (auch mit norwegischen Wurzeln) mit einem autobiografischen Roman und ein wundervolles, sprachspielerisches Debüt von Ana Marwan. Da sind Laura Freundenthaler und Hendrik Otremba mit ungewöhnlichen, einzigartigen Stimmen. Da ist Christiane Neudecker, die mich mit ihrem neuen Roman überrascht und nicht losgelassen hat. Und Radka Denemarkova, die einen wirklich feministischen, sprachlich großartigen Roman geschrieben hat. Alle 10 empfehle ich uneingeschränkt. Sie leuchten!

Der Link zu meiner ausführlichen Besprechung findet sich beim Anklicken des Fotos.

Und nun zu den Lyrikbänden: Sie kommen allesamt aus unabhängigen, höchst engagierten Verlagen, die sich ausgiebig für Lyrik einsetzen. Etwas, das die großen Verlage kaum mehr tun, was ich ziemlich bedauerlich finde.
Meine Lieblinge kommen aus Island aus dem Elif Verlag, aus Georgien aus der Edition Monhardt, aus Norwegen aus der Edition Rugerup. Ein fein gestalteter Band mit Venediggedichten kommt aus dem Verlagshaus Berlin und ein erstaunliches Debüt aus dem Literaturverlag Droschl.

Das hervorragende Buchkunstwerk kommt aus dem Kleinheinrich Verlag. Ein Verlag, der mich immer wieder lockt mit seinen Lyrikbänden und/oder nordischen Autoren.

Das Buch „Kindheitsszenen“ habe ich mir zu Weihnachten geschenkt, nachdem ich bereits die Gedichte von Jon Fosse „Diese unerklärliche Stille“ ebenfalls aus dem Kleinheinrich Verlag in ähnlich schöner Aufmachung mein eigen nenne. Der Band wurde übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel und mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen bereichert. Ein Traum! Eine ausführliche Besprechung folgt.

Viel Vergnügen mit meinen Besten aus 2019!

Menschheitsdämmerung ~ Symphonie jüngster Dichtung Hrsg. Kurt Pinthus Rowohlt Verlag

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Schon seit meiner Buchhändlerausbildung steht dieses Buch in meinem Regal. Eines von denen, die ich nie aussortieren würde. Nun hat der Rowohlt Verlag zum 100-jährigen Jubiläum diese wunderbare Anthologie expressionistischer Gedichte in einer neuen gebundenen Ausgabe herausgebracht, mit einem Nachwort von Florian Illies. Es lohnt sich, sich spätestens jetzt dieses Buch zuzulegen, denn es enthält Lyrik, die zur Zeit als sie geschrieben wurde, bahnbrechend war.

Die Gedichte im Buch sind nicht nach Autoren oder chronologisch sortiert, sondern nach bestimmten Motiven, die diese Zeit abbilden. So lauten einzelne Kapitel „Sturz und Schrei“, „Erweckung des Herzens“, „Aufruf und Empörung“ und „Liebe den Menschen“. Das Buch hatte großen Erfolg: „Es erlebte in zwei Jahren vier Drucke mit 20 000 Exemplaren“, schreibt Kurt Pinthus in seinem Vorwort der Neuauflage über die erste Ausgabe von 1919. Davon kann ein heutiger Lyrik-Verleger nur träumen.

1959 ergänzte Pinthus dann die Neuauflage mit biografischen Daten der Dichter. Dazu kommt manches gezeichnete Porträt eines Dichters. Man muss auch wissen, dass zu diesem Zeitpunkt, manche der Autoren, in der NS-Zeit geächtet, vertrieben oder getötet, vollkommen verschwunden waren aus dem Literaturkanon.

Etwas ganz neues brach damals in der Zeit des Expressionismus an. In der Lyrik ist diese Epoche verkörpert von Autoren wie Georg Trakl, Gottfried Benn, Elke Lasker-Schüler, u. v. a. Wohl jedem bekannt ist hier natürlich auch das berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis „Weltende“:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Auch der Dichter Georg Heym, der mir kürzlich durch den großartigen Roman „Der Gott der Stadt“ von Christiane Neudecker, wieder ins Bewusstsein gerufen wurde, ist mit seinen Gedichten dabei. Er starb noch jung, als er im Winter 1919 auf dem Wannsee ins Eis einbrach. Darüber hinaus erfährt man einiges in oben genannten aktuellen Roman.

«Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit», so schrieb der Dichter Georg Heym am 15. September 1911 in sein Tagebuch. Seine Verse und die seiner Generationsgenossen sind also auch immer Versuche, endlich wieder frei atmen zu können.“

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es nur eine einzige Dichterin, nämlich Elke Lasker-Schüler, in diese Sammlung geschafft hat. Sie ist glücklicherweise mit vielen Gedichten vertreten und toppt dabei so manche der enthaltenen männlichen Autoren.

Alles in allem finde ich diese Sammlung sehr gut, um sich einen Überblick über diese prägnante „neue“ Lyrik zu verschaffen. Womöglich kommt einem aus Schullektüren einiges bekannt vor; so ging es mir jedenfalls. Die Themen sind zeitlos, vieles berührt heute noch genauso wie damals. Und vieles, was damals an Schrecken und Grauen benannt wurde, ist auch heute noch nicht Vergangenheit.

„Genau in dieser Versöhnung der vermeintlichen Gegensätze durch die Kraft der Sprache, in diesem Aufbrechen der Hierarchien liegt der Befreiungsakt der Lyrik des Expressionismus – und deshalb wirkt er nach jedem seiner Untergänge so unzerstörbar weiter.“

Das Buch erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und weitere Infos über den Jubiläumsband gibt es hier.

Feinste Buchkunst: Neues und Bewa(e)hrtes aus der Friedenauer Presse

Die feinen, kleinen Buchwunderwerke aus der Friedenauer Presse habe ich schon zu meinen Buchhändlerzeiten geliebt. Der 1963 in Berlin-Friedenau gegründete Verlag wurde von 1973 bis 2017 von Katharina Wagenbach-Wolff geführt. Unter der neuen Regie von Friederike Jacob in den Räumen des Matthes & Seitz Verlags ist er nun wieder höchst präsent und ich bin jedenfalls immer neugierig, was es hier zu entdecken gibt. Meine kleine bunte Auswahl stelle ich hier vor.

„Norwegen ist, wie allgemein bekannt, ein kleiner Staat, der in Europa keine Rolle spielt.“

Ganz neu erschienen, passend zum Buchmesse Gastland, ist der kleine Band „Briefe aus Norwegen“ von Isidora Sekulić. Die 1877 geborene Serbin bereiste im Herbst 1913 Norwegen und schreibt in ihren Briefen über die Natur und die Menschen, über die Begegnungen, ja, über die Seele dieses nordischen Landes. Ihre Reise führte von Oslo über Bergen nach Trondheim, dann ging es weiter mit dem Schiff über die Lofoten in die Finnmark. Solche Reisen als Frau in dieser Zeit sind durchaus bemerkenswert. Sekulić hatte Mathematik und Naturwissenschaften studiert und verfiel vollkommen der norwegischen Landschaft und den Naturschönheiten. Mitunter verknüpft sie dabei ihre Erlebnisse mit der nordischen oder anderen Mythologien und mit der klassischen Literatur. Der Band beinhaltet eine Auswahl von Texten von 1913 bis 1951. Danach folgt ein informatives Nachwort. Übersetzt wurde der Band von Tatjana Petzer. Der wunderbare Farbholzschnitt auf dem Cover und das Porträt der Autorin auf der ersten Seite stammen von Christian Thanhäuser. Es wurde feines Papier verwendet und fadengeheftet, in Broschur und kleinerem Format in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Und wenn man die norwegische Grenze passiert, ist es, also ob man in das Haus eines ernsten, armen, sorgenvoll beschäftigten Menschen tritt, der sich über den Gast wundert und lange nicht glauben kann, dass sich der Gast darüber freut, auf Besuch in Norwegen zu sein.“

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20191118_1354512460586730539398712.jpgEbenfalls neu erschienen sind unter dem Titel „Der Drang nach Haus“ Gedichte aus dem Exil von Marina Zwetajewa. Die Auswahl der Gedichte dieses schönen Bandes stammt von Richard Pietraß, ebenfalls Dichter, der auch übersetzte und ein aufschlussreiches Nachwort verfasste. Die Gedichte wurden weiterhin übersetzt von Waldemar Dege, Elke Erb, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel und Ilse Tschörtner. Das zauberhafte Umschlagbild mit der zarten Blüte hat Anni von Bergen gemalt. Im Format ist das Büchlein ungewöhnlich zwischen DIN A5 und DIN A4 und es ist auf feinem Papier gedruckt und fadengeheftet in der Reihe Friedenauer Pressedrucke.

„Der Drang nach Haus! Ein dutzendmal
Absurdgeführtes Narrentreiben!
Mir ist es längstens so egal,
Wo ich vollkommen einsam bleibe,“

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20191118_135109441707848069325688.jpg2012 erschien die kurze Erzählung von J.-K. Huysmans mit dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“. Es geht darin um einen Beamten des Justizministeriums, den man vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Als er sich dabei allzu sehr langweilt, richtet er sich zuhause ein, als sei er noch im Büro und bearbeitet Fälle, die er sich selbst ausdenkt …
Höchst amüsant und dennoch recht traurig liest sich die Geschichte, denn auch wenn sie bereits 1888 geschrieben wurde, wirkt sie aktuell wie heute.
Huysmans (selbst Beamter) ist vor allem bekannt durch seinen Roman À rebours/Gegen den Strich, der seinerzeit zum Kultbuch wurde. Gernot Krämer übersetzte, ein Nachwort von Daniel Grojnowski ergänzt den Text.

„Ja, der Gesetzgeber von 1853 hat in dem nachgiebigen Text überall Fußangeln aufgestellt; er hat alles vorhergesehen, folgerte er; den Fall eines Stellenabbaus, eines der gängigsten Mittel, um Leute loszuwerden; man streicht ihre Stelle, richtet sie ein paar Tage später unter anderer Bezeichnung wieder ein, und die Sache ist geritzt.“

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20191120_1651583685824020650448618.jpgWolfgang Hilbig ist einer meiner Herzensautoren. Der 1941 in Meuselwitz/Thüringen geborene Autor war in der DDR einer der bekanntesten „Arbeiterdichter“. Das bedeutet schlichtweg, dass Hilbig lange als Heizer arbeitete und nur nebenher schrieb. Vieles was er schrieb fiel sofort unter die Zensur des Arbeiter- und Bauernstaats. Die Erzählungen in diesem, von Horst Hussel stimmig gestalteten Band aus dem Jahr 1994 sind aus den Jahren 1983 bis 1994 und sind, wie alles von Hilbig sprachliche Meisterwerke. Gleich in der ersten Geschichte, die den Titel des Buches „Die Arbeit an den Öfen“ trägt, zeigt sich die ganze Absurdität des DDR-Sytems … Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Unliebsames wurde nicht gedruckt, das war eine Tatsache, die der Heizer C., der seine Tage im Kesselhaus für gezählt hielt, erfahren hatte, als er einmal ein paar Blätter verschiedenen Redaktionen in Berlin einschickte. Nur in einem Fall erhielt er sie mit einer Erwiderung zurück: Er unterstelle den Zuständen des Landes eine Realität, so hieß es, die weit überholt sei, was bei ihm bis in den Wortschatz reiche.“

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Zu guter Letzt kommt der nachtblaue Band von 1996, ebenfalls von Horst Hussel gestaltet, „Angst“ von Anton Čechov. Mit russischen Schriftstellern begann es auch, da der Gründer Enkel eines Petersburger Verlegers war. In den Erzählungen geht es weniger um Angst, vielmehr sind es sieben Liebesgeschichten, die jedoch alle nicht unbedingt glücklich enden: Es ist kompliziert. Womöglich sind sie deshalb so schön … Dabei ist auch „Die Dame mit dem Hündchen“, die ja in der Tat ein Klassiker aller Liebesgeschichten ist. Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren, übersetzt von Peter Urban.

 

„Man sagte, auf der Strandpromenade sei ein neues Gesicht aufgetaucht: eine Dame mit einem Hündchen. Dmitrij Dmitrievič Gurov, der in Jalta bereits zwei Wochen verbracht und sich eingewöhnt hatte, interessierte sich ebenfalls schon für neue Gesichter.“

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Einen schönen Überblick über das ausgewählte Sortiment und die feine Buchgestaltung der Friedenauer Presse gibt es auf der Verlags-Website.

Tomas Espedal: Das Jahr Matthes & Seitz

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„Ich bin gereist um den Canzoniere
hier zu lesen wo die Gesänge an Laura geschrieben wurden
in Avignon und dem Vaucluse-Tal hier in dem Haus den Bergen
und nicht zuletzt an dem Fluss“

Schon seltsam, dass ich das neue Buch von Tomas Espedal als das am wenigsten poetische all seiner Bücher empfinde, obwohl gerade dieses in Form eines Langgedichts geschrieben ist, vermutlich in Anlehnung an Petrarcas Canzones, um die es im Inhalt oft geht. Okay, es ist Enttäuschung auf hohem Niveau, aber es ist nun mal so, dass ich sehr wenig Anstreichungen machte, sehr wenige Sequenzen mich tief berührten(wie sonst immer). Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich es einfallslos finde, dass sich Espedals Buch nun auch um die Jahreszeiten dreht, zumindest in den Kapitelnamen, wo doch Knausgård auch schon einen „Jahreszeitenzyklus“ veröffentlichte. Oder ist es, weil ich das Liebesglück und vor allem aber das ganze Liebesleid schon aus dem Buch „Wider die Natur“ kenne?

Seis drum. Espedal wandelt auf den Spuren des Renaissancedichters Francesco Petrarcas in Südfrankreich umher, besucht dessen Haus in Fontaine-de-Vaucluse und besteigt den Berg Mont St. Ventoux, und zwar auf den Tag genau zur selben Zeit wie dieser, nur Jahrhunderte später. Er hat die Canzonieres gelesen, 366 Gedichte, überwiegend an Laura gerichtet, die unerreichbare Liebe seines Lebens, die er in seiner Dichtung verewigte und Espedal will es ihm gleich tun.

„Ein Leben ohne Bücher ist ein totes Leben
schreibt er
und berichtet in seinen Briefen von der Gartenarbeit
von Wanderungen in den Bergen
von Jagd und Fischen
von den nächtlichen Gängen am Fluss entlang:
Wer ein zu hastiges Leben lebt der lebt nicht
schreibt er“

Sucht die Einsamkeit, beklagt die verlorene Liebe und verbindet diese Reise als Kontrast mit Lesungen in Arles und Montpellier. Am Ende dieser Reise trifft er seinen Vater in Barcelona, mit dem er von dort aus eine Kreuzfahrt antreten wird.

Tatsächlich ist der Teil der Reise mit dem Vater auch der interessanteste. Gerade die Gespräche der beiden über Espedals Mutter, die die einzige Liebe des Vaters blieb und nach deren Tod er kaum mehr Lebensfreude hat. Hier zeigt sich dann unerwartet, dass der Vater während der Reise auflebt und im Gegensatz zum Sohn immer kontaktfreudiger wird. Der Sohn fühlt sich immer kleiner, immer gefangener, zieht sich zurück. Die Schiffsszenen sind für mich die stärksten des Buches, es ist der Teil, der berührt, der Teil, bei dem der schreibende Espedal wieder zu guter Form aufläuft.

„Das Alter ist ein lebender Tod, sagt er.“

Immer ist viel Alkohol im Spiel, auch zuhause wieder, wo der alles überragende Liebeskummer weitergeht. Da wird morgens schon Wein flaschenweise konsumiert, da wird gehadert und innerlich gewütet. Nun ist der neue Geliebte der Ex im Focus, ausgerechnet ein Freund des Protagonisten. Wie der Vater, vielleicht auch wegen ihm, hatte Espedal den Boxsport betrieben. Reichlich kindisch und unreflektiert trinkt er sich Mut an und will dem neuen Liebhaber in Oslo auflauern und ihn verprügeln. Glücklicherweise taucht in dieser Situation Janne auf und der Verlassene kriegt sich dadurch wieder ein. Wahrscheinlich kann man beim Lesen dieser Zeilen merken, wie mich die ewigen Liebesklagen letztlich genervt haben. Zum ersten Mal ein Buch von Espedal ohne Leuchten. Schade!

Fehl am Platz finde ich tatsächlich auch die Gedichtform dieses Textes (und nicht alle Gedichte sind komplett ohne Interpunktion, wie es hier fast durchgängig der Fall ist). Gerade im letzten Teil, wo wirklich nur biographisch erzählt wird und wenig Poesie vorherrscht.

Bleibt zu warten, wie es mit den nächsten Büchern des Autors weitergeht. Definitv empfehle ich aber weiterhin alle vorherigen Bücher, allen voran „Gehen oder die Kunst ein wildes poetisches Leben zu führen“. Zu meinen Besprechungen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/05/12/tomas-espedal-bergeners-matthes-seitz-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/10/tomas-espedal-biografie-tagebuch-briefe-matthes-seitz/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/08/28/tomas-espedal-wider-die-kunst-matthes-seitz-verlag/

Eine weitere Rezension zu „Das Jahr“ gibt es bei Literaturreich.

Wie alle Bücher von Espedal erschien auch „Das Jahr“ im Matthes & Seitz Verlag. Wie bei allen Büchern hat Hinrich Schmidt-Henkel ausgezeichnet übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Eva Maria Leuenberger: dekarnation Literaturverlag Droschl

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Auf dem Lyrik-Debütband der 1991 in Bern geborenen Eva Maria Leuenberger schlängelt sich das Skelett eines Fisches(?) über das Cover. Es könnte mit zarter Pastellkreide gezeichnet sein, könnte aber auch schlichtweg eine Röntgenaufnahme sein. So passt das Cover stimmig zum Titel und weist bereits auf die zu erwartenden Gedichte hin.

Auf wikipedia finde ich folgende Beschreibung des Wortes Dekarnation:

„Die Dekarnation(„Entfleischung“) oder Exkarnation(„Ausfleischung“) bezeichnet in der Archäologie und der Ethnologie(Völkerkunde) alle Vorgänge, durch die ein menschlicher Leichnam oder ein Tierkadaver von allen Weichteilen befreit wird, so dass nur die Knochen und bei Tieren auch das Geweih oder die Hörner übrig bleiben. Verschiedene Techniken der Dekarnation wurden und werden als Teil von Bestattungsritualen angewendet; das reicht vom Auslösen mit Messern, Verwesenlassen und Wiederausgraben bis hin zum Aussetzen als Fraß für Vögel.“

Sehr einladend klingt das zunächst nicht, doch schon beim Lesen des ersten Gedichtes, weiß ich dass mir hier etwas Existentielles angeboten wird, etwas was mich brennend interessiert. Wer sich nicht scheut, mit der Vergänglichkeit in Berührung zu kommen, ist hier willkommen. Das, was letztlich uns alle betrifft, bereits zu Lebzeiten wahr zu nehmen, zu integrieren, sich damit zu beschäftigen, ist keine allzu schlechte Idee.

„du bist nichts als zeit die fest
wird und zerrüttet
/ ein bröcklig gewordener ton
der zittert und bricht /“

Es beginnt im Kapitel eins alles noch sehr idyllisch in einem „Tal“, an einem Bach. Ein Mensch, erwacht, ein lebendiges Wesen berührt das Wasser, das Moos, sieht das Reh, den Vogel, den Himmel, den Himmel gespiegelt im Wasser. Das Lebewesen steht auf und geht … und wer weiß, ob es dann noch ein lebendiges Wesen ist oder der Versuch einer Auferstehung, am Ende gar Wiedergänger? Ein Naturgeist? Eine Moorleiche? Befinde ich mich in einem dystopischen Szenario?

Was Leuenberger hier in kraftvolle und doch feine Poesie übersetzt, ist ungewöhnlich und gefällt mir sehr. Naturgedichte? Ja. Aber es ist keine liebliche Natur, die in den vier Kapiteln „ Tal, Moor, Schlucht, Tal“ genannt, auftaucht. Es ist eine wilde unnachgiebige Natur, die sich ihr Reich zurückerobert. Die Verstorbenen werden vom Moor umschlungen und bleiben. Und werden lange lange Zeit später selbst wieder Moor. Wie kurz doch ein Menschenleben ist! Wie klein der Mensch im Großen Ganzen.

„dort, wo der see zu moor wird
gibt es keine zeit
ein moor und ein körper
heißt unendlichkeit“

Im zweiten Kapitel „Moor“ wird es dann klar, dass es sich um Moorleichen handelt. Mann Tollund und Frau Elling sind zwei tatsächlich in Dänemark im Moor gefundene Menschen. Erhalten noch Knochen und Haare. Dekarniert von der Natur selbst.

Leuenbergers Gedichte, eigentlich ist es ein einziges langes Gedicht, sind von einem einzigartigen Rhythmus geprägt. Ich muss an klassische englische Naturdichter denken, wobei hier alles extrem verknappt gehalten ist, keine Ausschweifungen, nur die Klarheit und Direktheit der Natur. Mehr braucht es nicht. So ist es sogar eindringlicher und zwischendurch geradezu unheimlich. Im Anhang lese ich, dass die Lyrikerin sich mit Emily Dickinson („vielleicht ist sehnsucht ein weißes Kleid“) und Anne Carson beschäftigt und diese auch einige Male zitiert.

Das dritte Kapitel, „Schlucht“ überschrieben, hebt sich durch die Gestaltung, die Einteilung der Verse ab. Enorme Zeilensprünge, Einrückungen, viel Leerraum dazwischen. Hier befindet sich ein Wesen, eine denkende fühlende Kreatur auf dem Weg durch Raum und Zeit, befindet sich womöglich bereits im Übergang in eine andere natürliche Daseinsform.

„und vor dir
wartet die schlucht

der anfang der nacht dringt
durch die zweige du weißt
niemand wartet auf dich
du weißt es und trotzdem
suchst du die bäume ab“

Im letzten Kapitel kehrt alles zurück, bewegt, verwandelt und so schließt sich der Kreis. Anfang und Ende unabwendbar das „Stirb und werde“.

In einer erweiterten Sichtweise finde ich das Dasein in einem Körper, der nicht mehr funktioniert. Geht es um Krankheit, Schmerz? Eher noch um den Tod. Leuenbergers Gedichtzyklus könnte ein Memorandum des Sterbens sein. Ein/e Sterbende/r erzählt, Körpervorgänge im Focus. Es kann aber auch die Beschreibung eines alten Horrorfilms sein: „das Bild knistert“. Es könnte der Weg Dantes ins Inferno sein. Es kann ein Traum sein. Ein Alptraum. Eine Vision.

„einmal reißt der nebel ein
und die luft dringt durch –
stille taut auf und wasser:
tropft die worte weich“

Aber vielleicht ist es alles ganz anders. Möge jede/r sich selbst ein Bild machen. Und Bilder gibt es ausreichend, sie entstehen sofort. Und es darf auch ein Geheimnis bleiben. Fragen dürfen bleiben, blieben mir noch tagelang … So oder so ist dieser Gedichtband in meinen Augen ein kleines Wunder.

Diese Rezension erschien zuerst am 14.8. auf dem Hotlistblog.

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

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Rechtzeitig zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Ehrengast Norwegen erschien im Elif Verlag die erste Übersetzung eines Lyrikbands von Knut Ødegård ins Deutsche. Åse Birkenheier hat dies meisterhaft geschafft. Der Dichter ist in seiner Heimat sehr bekannt und erhielt zahlreiche Preise für sein lyrisches Werk.

Diese Lyrik erzählt. Sie beschäftigt sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart  und einer möglichen Zukunft. Es sind keine verrätselten Gedichte, sondern glasklare in ihrer Direktheit. Eindeutige Aussagen werden von poetischen Zeilen umspült. Das liest sich, als würde man auf einem Boot sitzen, von Wellen bewegt, mal mehr, mal weniger heftig.

Mutter

Ich habe eine Mutter in blauem Mantel.

Sie nimmt meine Hand, ich bin
klein, ich habe Angst, sie
führt mich.

Ihr Mantel ist
mit Sternen übersät.
Der Schnee ist sehr tief
hier, wo wir gehen, auf der nicht geräumten
Milchstraße: Sie
und ich.

Ødegårds Gedicht über Zeit, gleich das erste im Band, welches auch den Titel des Buches vorgibt, ist von unglaublicher Eleganz. Was im nächsten Kapitel folgt, sind eigentlich beinahe Fließtexte, die Geschichten erzählen. Man darf sie dennoch Gedichte nennen, so voller Poesie sind sie. Ødegård hat sich durchweg schwierige Themen auferlegt, die es einem nicht leicht machen. Vielleicht ist aber dies der einzig machbare Weg, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie in eine poetische Form zu bringen, sie sozusagen zu umschließen und in ihrer Brüchigkeit zusammenzuhalten.

Ob der Dichter von der Großtante schreibt, die noch Jahrzehnte nach dem Krieg an einem Schal für den (gefallenen) Sohn strickt,

„Saß da
im Dachgeschoss und schaukelte auf und ab, ab
und auf im schwarzen Schaukelstuhl
mit so langen Kufen, dass die schimmelweißen Locken
in Tantes bakteriengelben Kopf mit roten Geschwüren
manchmal Stern berührten, ferne Spiralgalaxien
im endlosen Raum des Himmels,
und manchmal den gierigen Humusmund der Erde,
der von unten schnappte.“

ob vom Kirchendiener, der sich um die kleinen Ministrantenbuben „kümmert“, oder ob er von dem psychisch kranken Lars erzählt, der mit Elektroschocks und einer Lobotomie „behandelt“ wird, es sind erschütternde Zeugnisse der Vergangenheit.

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Altern. Hier lese ich sehr anmutige, berührende Verse über den uns allen bevorstehenden Alterungsprozess und das Glück, jemanden an der Seite zu wissen.

„Ein wenig schief kehren wir heim
vom Spaziergang an diesem Sonntag, wir beide. Du
und ich. Und langsam
streiche ich dir übers Haar, das
noch vor kurzem durchs Universum
flog: Du, noch vor kurzem ein kleines Mädchen
auf einer Schaukel.“

Ergänzt wird dieser Teil durch weitere, wie ich finde, sehr schwere Gedichte. Den längeren Zyklus „Nieselregen“ am Ende des Bandes kann ich fast nicht ertragen. Er erzählt von einer Apokalypse der Menschheit. Hier werden Menschen wieder zutiefst unmenschlich, werden zu Monstern, hier stürzt die Welt wieder ins Chaos. Nicht umsonst werden hier auch Zeilen aus der „Edda“ zitiert. Und hier trifft es wirklich zu: Die Zeit ist gekommen.

Ødegårds Gedichte sind schonungslos, aber oft klingt für mich etwas Höheres durch die Zeilen. Es ist viel vom Universum die Rede und das ist womöglich im Blick des Dichters (oder der Leserin?) auch ein spiritueller Raum. Vielleicht kommen wir dem alle näher, wenn sich unser Dasein gen Ende neigt, vielleicht werden wir alle uns erst dann des Todes bewusster …

Der Lyrikband des 1945 in Norwegen geborenen, teils in Island lebenden Knut Ødegård erschien im kleinen feinen Elif Verlag , auf dessen Programm es lohnt, einen Blick zu werfen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Der Traum in uns – Lyrik aus Norwegen Ehrengast Frankfurter Buchmesse 2019 #3

„Der Traum in uns“ ist das Motto des diesjährigen Ehrengasts der Frankfurter Buchmesse. Die Zeile ist einem Gedicht Olav. H. Hauges entnommen (unten eine Vertonung des Gedichts). Das finde ich schon bedeutsam. Lyrik spielt in Norwegen eine viel größerere Rolle als etwa bei uns. Als ich vor vielen Jahren in einer kleinen Stadt in Norwegen eine Buchhandlung betrat, wie ich es immer in anderen Ländern mache, war ich freudig überrascht, wie viel Platz der Lyrik in den Regalen eingeräumt wurde.
Ich stelle hier eine kleine Auswahl an Lyrikbänden vor.

Olav H. Hauge

Olav H. Hauge ist einer der bekanntesten Lyriker in Norwegen. Er lebte von 1908 bis 1994. Ich habe Hauges Gedichte und seine Tagebuchauszüge bereits vor längerer Zeit gelesen und auch hier auf dem Blog vorgestellt. Der Dichter stammte aus einer einfachen Landfamilie in Westnorwegen, sehr abgelegen der Hof. Er war Obstgärtner, neugierig, klug, unglaublich belesen und sprachbegabt. Teils las er im Original Lyrikbände oder auch berühmte Philosophen. Klaus Anders, der Übersetzer der Hauge-Bände hat einen wunderbaren Beitrag über Hauge auf fixpoetry veröffentlicht.

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Kjartan Hatloy

Kjartan Hatløys Gedichte sind sehr nah an der Natur. So lebt auch der 1954 in Westnorwegen geborene Dichter ganz abgeschieden und sowohl der Natur als auch den Büchern verbunden. Ich lernte ihn durch seinen Übersetzer Klaus Anders kennen. Bisher gibt es 2 Bände in deutscher Sprache: „Der weiße Weg“ und „Die Lippen verlangen nach Ocker“. Hatløy ist der Onkel des berühmt gewordenen Karl Ove Knausgård. Es gibt einen sehr schönen Film von Frank Wierke über den Dichter und seinen Lebensraum „Solrøven. Sonnenfuchs“.

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Jon Fosse

Der große norwegische Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse (geb. 1959) ist auch ein wunderbarer Lyriker. Im kleinen, (gerade auch für nordische Literatur) unbedingt empfehlenswerten Verlag Kleinheinrich erschien der zweisprachige Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“, der unübertrefflich schön gemacht ist. Auf feinstem Papier mit schönsten Illustrationen liest man hier Gedichte, die von sehr großer Weite und unendlicher Tiefe zeugen. In ähnlich schöner Aufmachung erschien aktuell zur Buchmesse ergänzend ein Prosaband „Kindheitsszenen“.

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Ruth Lillegraven

Ruth Lillegravens Lyrikband „Sichel“ hat es auf die Hotlist der unabhängigen Verlage geschafft. Ich habe ihn für den Hotlistblog besprochen. Es ist ein eigentlich ein einziges Langgedicht über ein naturnahes Leben, welches plötzlich gefährdet ist durch eine Krankheit. Wie dann Sprache und Literatur Heilung bringen können, erzählt die 1978 geborene Lillegraven auf wunderbare Weise. Der Band erschien im Verlag Edition Rugerup (sowieso ein Ort für nordische Lyrik) und Klaus Anders hat es übersetzt.

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Ulrik Farestad

Einer der bekanntesten jungen Lyriker ist der 1984 in Oslo geborene Ulrik Farestad. Sein Band „Staub, Sterne, Pixel“ erschien ebenfalls bei Edition Rugerup. Seine Gedichte sind Beobachtungen des Alltags und spiegeln mitunter auch Gesellschaft und Politik des Landes. Übersetzer ist auch hier Klaus Anders.

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Knut Ødegård

Knut Ødegårds Lyrik ist nun in diesem Band „Die Zeit ist gekommen“ aus dem Elif Verlag auch in deutscher Sprache zu lesen. Seine Gedichte sind eigentlich kleine Geschichten. Sie wenden sich sehr direkt an den Leser. Schonungslos und mit hoher Aktualität schreibt der 1945 geborene Dichter, der in seiner Heimat sehr bekannt ist, auch von Unfassbarem, von Leid, Trauer und nicht zuletzt dem Altern. Es übersetzte Åse Birkenheier. Meine ausführliche Besprechung dazu hier.

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Rolf Jacobsen

Der Norweger Rolf Jacobsen (1907-1994) ist einer der wichtigsten Dichter seines Landes. Seine Texte im Band „Nachtoffen“ spiegeln die Natur, die Abfolge der Jahreszeiten und doch auch die Zivilisation, das Leben in der Stadt und auf dem Land. Er erkannte die Armut seiner Umgebung und schrieb darüber. Jacobsen hat einen tiefergehenden Blick für die Dinge, auch für die inneren. Der Band erschien in der Edition Rugerup, übersetzt von Klaus Anders.

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Anthologie „Sternenlichtregen“

Die Anthologie aus dem Wunderhorn Verlag bietet einen guten ersten Überblick über die aktuelle Lyrik in Norwegen. Hier findet man nicht nur traditionell schreibende Dichter sondern auch experimentierfreudige. Es finden sich sowohl ältere als auch jüngere Stimmen ein. Mir gefällt dieser Gedichtauszug der 1994 geborenen Svanhild Amdal Telnes besonders gut:

„In den Nächten
benutzt Mutter einen Tropfenzähler
bei ihrer Arbeit

Sie reiht
kleine, salzige Perlen
auf unsere Wangenknochen

Ob sie die bei Ebbe sammeln geht?“

Ruth Lillegraven: Sichel Edition Rugerup

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Aus Norwegen, dem diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, kommt ein in seiner Schlichtheit der Sprache außergewöhnlich eindrücklicher Lyrikband von Ruth Lillegraven. Die 1978 in Westnorwegen geborene Dichterin taucht ein in eine archaische Lebenswelt, die sich in ihren Menschen und in der Natur manifestiert. Hier ist wenig Raum für fliegende Gedanken. Hier ist vielmehr harte Arbeit angesagt. Und für den Held dieses Langgedichts ist es schwer, als er seine körperliche Kraft verliert. Dass neue Energie aus dem Geist kommen darf, dass Worte, die oft so schwer fielen, ganz neue Räume eröffnen, gleicht höchster Magie. So magisch wie diese Gedichte.

In einer klaren einfachen Sprache bildet Lillegraven ihre Verse. Sie sind bis aufs absolut Notwendigste verdichtet, enorm konzentriert. Zeilen- und Wortwiederholungen prägen die Gedichte und machen sie dringlich, bilden den Rhythmus.

all dieser stein

alles fällt
in den fjord
der himmel
der berg, das licht
blau in blau
grau in grau
nass in nass
alles in alles

alles fällt
in den fjord

Im Kapitel I werden wir in eine Familie eingeführt. Der Mond lenkt anfangs das Geschehen. Ein Kind, der Junge Endre, der nicht schlafen kann und vom Vater mit dem Mond vertraut gemacht wird. Eine Zärtlichkeit liegt in diesen Zeilen, eine Liebe. Der Junge benennt seine Eltern in der Sprache der Natur:

mutter und vater

meine mutter ist sonnenschmelz
und butterblume

vater ist altfichte
und adlerkreisen

Als der Junge vier wird, redet er nicht mehr. Viel später erst beginnt er von neuem, doch:

die stille sitzt in mir, liegt auf der lauer
als wäre sie eine andere sprache

Die Mutter erkennt, dass dieser Sohn anders ist als seine vielen Geschwister.

neun junge, neun walderdbeeren auf einem halm, das sagte mutter

Das Schicksal spielt ein Spiel mit der Familie. Der Hof brennt ab, der Vater wird krank und erzählt Geschichten von früher. Es ist eine Zeit, in der Krankheit leicht Tod bedeuten kann. Geschwister sterben jung. Manche heiraten, verlassen die Familie, das Land bis in die neue Welt. Sommer und Winter vergehen. Die Jahreszeiten bestimmen die Arbeit. Immer weniger Walderdbeeren. Und irgendwann sind es nur noch der Junge Endre, die Mutter, der Vater.

so sacht fällt der schnee
dass er fast nicht fällt

so sacht fällt der schnee
dass ich beinahe sehen kann
wie er sich löst und zurückfällt
in den himmel

legt sich auf dem mond
zur ruhe
hier sind die bäume
schwer und dunkel

Die Natur weist die Wege. Der Mondkalender sagt, tu dies, lass das. Darauf ist Verlass. Schon immer ist das so und bleibt so.

Dann findet Endre seine Frau. Abelone, die Tochter des Lehrers. Und sie leben auf seinem Hof.

und
den blauglockenhimmel
werde ich runterhakeln zu dir
flüstere ich, lege ihn wie
den feinsten schal
um deine
schultern

Es ist ein Leben vollkommen nach der Natur. Endre wächst ein in die Natur, wird Wald und Baum und Regen. Und Abelone erwartet ein Kind, es wird wachsen und sein Vater wird ihm den Mond zeigen in einer Nacht ohne Schlaf.

In Kapitel II stirbt Endres Vater – der ewige Kreislauf, das Stirb und werde. Doch Abelone hat eine Fehlgeburt. Kein weiteres Kind will kommen. Auch Endre erkrankt, er hat das „Reißen“, den Rheumatismus vom Vater geerbt, schafft das Pensum nicht, was Haus und Hof abverlangen. So ist er nichts wert. Der Hof wird verkauft an den Schwager, der arbeitet wie ein Bär.

so habe auch ich
meinen schatten

ich bin der du warst
sagt der schatten

ich bin der du
sein solltest

ich bin
sveins sohn

und du bist
nichts

Kapitel III lässt Hoffnung leuchten. Und was da leuchtet, kommt in einer anderen Sprache aus dem fernen Land in Übersee, wo der Bruder lebt. Er schickt ein Buch, ein Wörterbuch, dick und schwer. Endre wächst mit den Wörtern mit dem fremden Klang.

snow, sage ich
mit der neuen stimme
blättre und blättre in dem buch
die seiten dünn wie
morgendunst

Es ist eine Freude, zuzusehen, wie Endre nun auflebt. Neue Bücher kommen. Endre liest und lernt und wächst innerlich. Er liest von den Niagara-Fällen, von der Kaiserin von Indien, von Guiseppe Garibaldi und vom ausgestorbenen Vogel, dem Dodo. Endre liest und liest und blüht auf, doch Abelone, die früher die Lesende war, leidet. Sie hat mit dem Tagwerk zu tun, mit der Küche, dem Hof, auf dem sie weiterhin leben. Sie, die früher las, versteht ihn nicht mehr. Die Bücher sind nun sein Spiegel, sein Traum. Hier ist er Reisender, Entdecker, Wissenschaftler.

Und dann geschieht es wundergleich: Auch Abelone, die Enttäuschte nimmt das dicke Buch zur Hand und spricht leise die neuen Wörter. Und so finden sie wieder zusammen, durch eine neue Sprache zueinander in neuen Worten wieder gemeinsam.

Im VI. Kapitel kommt der Bruder aus Amerika zu Besuch und wundert sich und erinnert sich, wie der Bruder einmal war und wie er jetzt ist. Wie er viel redet in dieser neuen Sprache, wo er doch immer so wenig sprach früher. Endre und Abelone sprechen ihr Englisch bis der Tod Endre holt. Der ewige Kreislauf … das Stirb und werde.

Ruth Lillegravens „Sichel“ ist ein stilles langsames Buch. Es erreicht seine Höhepunkt, als Endre durch die Worte, durch Bücher, durchs Lesen neue Lebenskraft erlangt. Und doch wachsen mir von Anfang an auch die Zeilen ans Herz, die mich durch die Natur des ländlichen Norwegens um 1900 führen. Hier ist eine Tiefe zu spüren, auch eine Schwere, eine Art magischer Melancholie. Jedes Wort findet seinen stimmigen Platz, jeder Vers passt, um einen beschwörenden Rhythmus hervorzurufen. Gedichte mit sehr kurzen Zeilen und mit vielen Brüchen wechseln sich ab mit dichten, beinah blockartigen, erzählenden Textteilen, die allerdings immer in ihrer Anordnung einen sichtbaren Schwung enthalten.

Wunderschön dann die für mich sehr überraschend kommende Wende in Endres Leben, hervorgerufen durch das Studium der Bücher. Lesen als heilsame Kraft. Sprache als Licht. Das ist die wunderbare, diesem Gedichtzyklus zugrunde liegende Erkenntnis.

Und so freue ich mich sehr, dass dieser Zauberband einen Platz auf der Shortlist des Preises der unabhängigen Verlage gefunden hat. Die Gedichte wurden trefflich übersetzt von Klaus Anders, der selbst Dichter ist. Der Band erschien in der Edition Rugerup.

Diese Rezension erschien erstmals auf dem Hotlistblog. Das Buch ist eines von 10 Titeln, die für den Preis der Unabhängigen Verlage ausgewählt wurden. Auf der Seite der Hotlist gibt es eine Leseprobe.

Der Traum in uns – Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 #1


Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 ist mir eine besondere Freude. Deshalb gibt es einen dreiteiligen Beitrag hier auf dem Blog. Seit ich vor vielen Jahren durch Norwegens Berge, an seiner Küste, seinen Fjorden und über seine Wasser fuhr und mich an diesen so satten Farben, dieser so unglaublich schönen Landschaft nährte, ist es für mich ein Sehnsuchtsland geblieben. Eine echte Reise ist zur Zeit nicht möglich, aber in und mit Literatur reisen ist ja fast genau so schön.

Viel später, etwa zu der Zeit, als ich mit meinem Blog begann, fielen mir Gedichte zu, Gedichte, die mich innigst berührten. Es waren Gedichte von Olaf H. Hauge. Gleichzeitig lernte ich damals den Übersetzer seiner Gedichte ins Deutsche kennen, Klaus Anders, der noch einiges mehr an norwegischer Lyrik mit seinem – er ist selbst Lyriker – Gespür für Sprache übertrug. Mein Beitrag zu Hauges beiden Büchern aus der Edition Rugerup erschien deshalb auch schon 2015 und umso überraschender war es nun, dass eine Zeile eines seiner Gedichte „Der Traum in uns“ als Leitwort für die Buchmesse 2019 ausgewählt wurde.

Det er den draumen

Det er den draumen me ber på
at noko vedunderleg skal skje,
at det må skje —
at tidi skal opna seg
at hjarta skal opna seg
at dører skal opna seg
at berget skal opna seg
at kjeldor skal springa —
at draumen skal opna seg,
at me ei morgonstund skal glida inn
på ein våg me ikkje har visst um.

(Olav H. Hauge, Dropar i austavind, Noregs boklag 1966)

Das ist der Traum

Das ist der Traum, den wir tragen,
daß etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muß —
daß die Zeit sich öffnet,
daß das Herz sich öffnet,
daß Türen sich öffnen,
daß der Berg sich öffnet,
daß Quellen springen —
daß der Traum sich öffnet,
daß wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht
wußten.

(Olav H. Hauge, Gesammelte Gedichte,
Edition Rugerup 2012)
Übersetzung des Gedichts ins Deutsche von
Klaus Anders.

Schon lange zuvor, noch in meinen Zeiten als Buchhändlerin waren mir Autoren wie Per Petterson, Lars Saabye Christensen, Erik Fosnes Hansen, Ketil Bjørnstad und Jon Fosse bekannt. An kaum einem ihrer Romane kam ich vorbei. Inzwischen sind wunderbare neue Namen dazu gekommen, allen voran Tomas Espedal, einer meiner Herzensautoren. Keines seiner von Hinrich Schmidt-Henkels ins Deutsche übertragenen Bücher konnte ich auslassen. Seine Sprache, so wunderbar vom genialen Schmidt-Henkels übertragen, ist mir zum Bedürfnis geworden. Dazu kamen desweiteren Merethe Lindstrøm, Hanne Ørstavik, Jan Kjaerstad und zu Zeiten auch Karl-Ove Knausgårds autobiografische monumentale Reihe „Min Kamp“.

Ich werde einige dieser Bücher, die ich teilweise hier auch bereits schon ausführlich besprochen habe, in meinen nächsten beiden Beiträgen vorstellen und zum besseren Überblick trenne ich hier Lyrik und Prosa.

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Ganz am Anfang stand aber, vor Jahrzehnten gelesen und vielleicht schon fast ein Klassiker, Jostein Gaarders „Sophies Welt“, der einem jungen Menschen wirklich Philosophie nahe bringen kann.
Ein echter Klassiker, der mich mit seiner Geschichte um einen mittellosen, hungernden Schriftsteller, die eindringlich ans Existenzielle geht, faszinierte, ist Knut Hamsuns „Hunger“. Dieses Buch ist aktuell auch als Graphic Novel im Avant Verlag erschienen und glänzt mit seinen ausdrucksstarken Illustrationen von Martin Ernstsen. Aus dem Norwegischen übersetzte Ina Kronenberger. Mehr über das Buch hier und in einem der nächsten Beiträge.

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Interessant scheint mir diese neue Anthologie mit so namhaften Autoren wie Tomas Espedal, Dag Solstad, Siri Hustvedt, Karl Ove Knausgård, Helga Flatland und mit Übersetzungen von Hinrich Schmidt-Henkels, Gabriele Haefs, Elke Ranzinger u.v.m. Der Band mit Erzählungen über Norwegen als Heimat wurde herausgegeben von der Kronprinzessin Mette-Marit. Sicher ein guter Einstieg in die Landesliteratur. Mehr über das Buch hier und in einem meiner nächsten Beiträge.

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Außerdem gibt es eine Seltenheit auf meinem Blog, denn ich bespreche nur wenige Sachbücher. Doch der Band „Einer von uns“ von Åsne Seierstad, der über die ganz Norwegen traumatisierenden Ereignisse des Terroranschlag vom 22.7.2011 von Anders Breivik berichtet, war mir wichtig. Die Lektüre war nicht immer leicht. Doch die Journalistin Seierstad hat wirklich genauestens recherchiert und ein sehr starkes Buch daraus gemacht. Meine ausführliche Besprechung gibt es hier.

Weitere Sachbücher aus Norwegen findet man auf dem Blog „Elementares Lesen“.

Viel Freude bei der Entdeckung der norwegischen Literatur!

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

Marina_Tsvetaeva

„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.