Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

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Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

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Stadt Land Buch 2018 Literatur aus den nordischen Ländern

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Vom 11.11. bis 16.11.18 sind die Nordischen Länder zu Gast bei StadtLandBuch in Berlin und Brandenburg. Hier gehts zum Programm: http://www.stadtlandbuch.de

Und hier einige meiner nordischen Favoriten:

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer Galiani Verlag

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„Wegen des Hustens war ihr verboten worden zu lesen und zu schreiben. Lesen und schreiben lösten ja bekanntlich die schlimmsten Hustenanfälle aus. Sie langweilte sich entsetzlich.“

Welch großes Glück, dass solche Zeiten vorbei sind! Unerträglich wurde mir beim Lesen die Narrenfreiheit die den Männern zu jener Zeit gewährt wurde, unerträglich die Unterdrückung der Frauen, die bestenfalls mit Handarbeiten still dasitzen durften, als Ehefrau jedes Jahr ein Kind bekommen mussten und denen man jeglichen Verstand, jedes Rederecht absprach. Was die lebhafte, begabte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff empfand, wie furchtbar es für sie war in solch einem Korsett gefangen zu sein, keine Eigenständigkeit zu besitzen und dass man ihr großes Talent unbeachtet ließ, ja geradezu unterdrückte und klein hielt, kann ich schmerzlich nachvollziehen.
Und die errungenen Frauenrechte dürfen wir uns nie wieder absprechen lassen. Nie wieder darf es so werden, wie in jener Zeit in der Karen Duves biografischer Roman über die Droste spielt. Schon an der Einteilung des Romans kann man erlesen, wie wenig Platz Fräulein Nette einnehmen durfte und wie viel Raum dem männlichen Ego zustand. Annettes Dichtung kommt auch im Roman wenig zum Zuge – niemand mit dem sie darüber reden konnte. Der Roman hat einen langen Vorlauf, in dem vor allem die Männer in Annettes Leben auftreten dürfen, Verwandte und befreundete Künstler wie etwa die Gebrüder Grimm. Ein Spiegel der Zeit.

Die Handlung von Duves Roman spielt zwischen 1817 und 1821 im Westfälischen. An dieser Gegend lässt Duve kein gutes Haar. Und tatsächlich tun sich die Familien um Droste-Hülshoff schwer mit der neuen Zeit. Sie sind frömmelnde Adelige, die von Gleichberechtigung und Industrialisierung wenig halten, alles Neue verteufeln, sich an das vermeintlich unumstößliche Gottgewollte halten, obgleich sie in der Tat mit ihren langsam zu Grunde gehenden Gütern nicht mehr viel Staat machen können.

„Wollen Sie meine Meinung dazu hören: Eine Frau, die schreibt, setzt ihre Weiblichkeit aufs Spiel. Sie verkauft ihre Seele für Eitelkeit und falsches Kritikerlob, vernachlässigt ihre Pflichten und gewinnt dabei doch nichts.“

Für Männer scheint die Droste ein Schrecknis. Sie haben Angst vor ihr und müssen sich durch Sarkasmus und Scherze auf ihre Kosten vor ihr schützen. Und wenn das nicht mehr hilft, wird sie verklärt, zur Seherin, zur Frau mit dem zweiten Gesicht oder zur Zauberjungfer, dann kann man sie auf einen Sockel stellen. Was „mann“ offenbar nicht kann, ist, sie als gleichwertige kluge, talentierte Person zu sehen. Und derjenige, der es dann schließlich  kann, ist der wenig ansprechend aussehende bürgerliche, mittellose perücketragende Dichter Heinrich Straube, angeblich fast so talentiert wie Goethe. Und Annette nimmt dies dankbar an. Endlich einer, der sich für ihr Schreiben interessiert, ihre Verse schätzt, sich ihr im Gespräch zuwendet. Dass sich eine Heirat zwischen dem Bürgerlichen und dem Freifräulein nicht schickt, ist allen klar. Mit einer Intrige schafft es dann auch der gut aussehende, streng gläubige Arnswaldt, ein Freund von Straube, die beiden zu trennen. Er erreicht sogar, dass Annette tief in ihre Schuldgefühle sinkt und sich von Gott zurecht bestraft sieht.

„Es dauerte Monate, bis sie sich zum ersten Mal gestattete, die Angelegenheit mit Arnswaldt und Straube aus einer anderen Perspektive als vom Boden einer Grube aus zu betrachten und in Erwägung zu ziehen, dass man die Schuld manchmal auch bei anderen suchen durfte, dann zum Beispiel, wenn andere die Schuld hatten.“

In kurzen Zwischenkapiteln berichtet Duve von zeitgeschichtlichen Themen passend zur Handlung, wie etwa die Angriffe auf jüdische Mitbürger, die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue und die Gerichtsverhandlung Heinrich Heines aufgrund eines verbotenen Duells mit Pistolen. Überhaupt ist der Roman tief in die deutsche Geschichte eingebettet. Es ist die Zeit zwischen Romantik und Aufklärung. Die Autorin hat extrem viel recherchiert. Das bereichert den Roman sehr. Duves kluger Witz und die geschickten Wendungen von damaliger in heutige Sprache finde ich äußerst gelungen. (So wandelt sie den heutzutage gängigen Spruch „Hätte, hätte, Fahradkette“ um in „Hätte, hätte, Epaulette“.)

Karen Duve steht meiner Meinung nach mit diesem Buch auf der Höhe ihres schriftstellerischen Könnens. Sie hat einen Roman geschrieben, der mich sprachlich beglückt, inhaltlich vollkommen einnimmt und der trotzdem, auch wenn ich dieses Wort ungern benutze, ein Pageturner ist. Etwas, was wirklich selten zusammen kommt. Sapperment! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Galiani Verlag. Im Einband vorne und hinten finden sich Stammbaum der Droste und eine Karte der Orte, zwischen denen die unzähligen Kutschfahrten stattfinden.

Wer mehr über die Droste erfahren will, dem seien diese informativen Seiten empfohlen:
https://www.nach100jahren.de/  und  https://www.droste-portal.lwl.org/de/

 

Steven Uhly: Den blinden Göttern Secession Verlag

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„Ja, natürlich. Diese Geschichte ist eigentlich zu verworren, um ein Bestseller zu werden. Die Leute wollen etwas Handfestes, verstehen Sie, eine packende Lebensgeschichte, am besten eine Befreiungsgeschichte, in der sich jemand von äußeren oder inneren Zwängen emanzipiert. Die Leute wollen eigentlich keine Literatur – sie wollen Wirklichkeit, verstehen Sie?“

Welch eine Perle! Welch eine Offenbarung! Steven Uhlys neuer Roman hat für mich spirituelle Dimensionen. Die Geschichte selbst ist ein Koan, welches es zu lösen gilt oder eben gerade nicht. Sie ist witzig und spannend und sprachlich anregend. Folgt man der Idee der Geschichte, bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als sich auf alles und damit auf nichts einzulassen. Es ist ein gezielter Schritt ins/in die Leere. Ich bin hin und weg!

Man könnte, wie es oft in Kritiken über das Buch heißt, an eine beabsichtigte Verunsicherung oder Verwirrung des Autors glauben oder an eine verrückte Story. Aber es ist ja viel mehr. Das bemerkt man aber nur, wenn man einen anderen Raum betritt und das Erzählte tief in sich hinein lässt. Wenn man nicht nur endlich wissen will, wie es denn wirklich war. Das wäre viel zu kurz gegriffen.

Zunächst läuft alles glatt. Der Buchhändler und Schöngeist Friedrich Keller erhält eines Tages ein unbekanntes Manuskript von einem Obdachlosen. Als er einige Zeit später zu lesen beginnt, erweist sich die Lektüre als ein Geschenk des Himmels – göttliche Sonette, wie sie gelungener nicht sein könnten.

„In Wahrheit suchte er in den Versen des trunkenen Dichters nach einer Erklärung für die Tatsache, dass ihm, dem gesellschaftsunfähigen Menschenflüchtling, diese eigenartige Lyrik zur letzten Heimat geworden war, obwohl sie alle Fassaden, alle Masken herunterriss und nichts übrig ließ, hinter dem er, Keller, sich hätte verstecken können.“

Als Keller dem obdachlosen Säufer und vermeintlichen Autoren der Sonette erneut begegnet, erfährt er dessen Namen: Radi Zeiler. Zeiler taucht eines Tages im Haus von Keller auf und bleibt einfach. Er wird zum verlorenen Bruder Kellers, verbringt seine Nächte mit der Putzfrau und ruiniert Kellers zurückgezogenes, streng gehütetes Einsiedlerdasein, in dem er wilde Geschichten über den verstorbenen Vater und beider Geliebte erzählt. Dann taucht auch noch ein Sohn auf, also ein Bruder von Keller und das Haus wird zum Unterkunftsort für syrische Flüchtlinge. Keller versteht die Welt nicht mehr, als er auch noch die ehemalige Buchhändlerkollegin vorfindet und sie plötzlich in ganz anderem Licht sieht und sie stante pede zu seiner Braut macht. So weit alles klar?

„Wo er eben noch eine geradezu unbewusste Gewissheit von Selbst empfunden hatte, gab es nunmehr ein großes leeres Nichts, so leer und so nichts, dass es war, als erblindete er, sobald er den inneren Blick dorthin richtete.“

Genau, eine haarsträubende Geschichte. Und ab der Mitte des Romans mischt sich dann auch der Autor Uhly (Gugly? Umbli?) selbst ein. Zur Klärung trägt das wenig bei, obwohl man glauben soll, Keller (Kühler? Kulkur?) erwache gerade nach einem Unfall aus einem Koma und erzähle dahindämmernd seine Geschichte, die der Autor für einen Roman verwenden will (siehe oben: Eingangszitat). Ab diesem Zeitpunkt werden die Abstände zwischen Traum- und Wachzustand des Patienten Keller immer kürzer, schließlich übergangslos … bis die Geschichte auf der Verkehrsinsel einer Hauptstraße endet, wo sie auch begonnen hat.

In diesem Roman kommen nach meiner Lesart vor:
-Ein Autor, der sich einen Bestseller erhofft
-Ein im Krankenhaus angestellter Linguist
-Flüchtlinge aus Syrien in Lederhosen
-Buchhandlungen, die Lyrik verbannen
-jede Menge Neurosen und Traumata
-undurchsichtige Familienverhältnisse
-Obdachlose, die Sonette schreiben
-Dichtung und Wahrheit
-mehr als eine Wahrheit
-diverse Wirklichkeiten
-Lügengespinste
-Raum und Zeit
-Leere

Der Geschichte folgen Seiten mit Sonetten, die wie Haikus wirken. Wer sie geschrieben hat, wird man nie wissen können. Radi Zeiler wird Anspruch darauf erheben. Dann folgen leere Seiten …

Selten habe ich so einen witzigen, phantasiereichen, sprachlich wertvollen, skurrilen, spannenden, geistreichen Roman gelesen. Ein göttliches Leuchten!

Steven Uhlys Roman erschien im fabelhaften Secession Verlag, dessen Bücher nicht nur mit feinen Inhalten sondern auch mit ästhetischem Äußeren auffallen. Das Buch ist fadengeheftet, auf feinem Papier in einer besonderen Schriftart gedruckt. Welches Papier, welche Schrift kann man dem Impressum entnehmen. Wie immer gab es die Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter und Typograf Erik Spiekermann. Uhly schreibt in der Tat auch Gedichte, die im gleichen Verlag erschienen sind.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Riina Katajavuori: Herbsttrompetenkonzert hochroth Verlag

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Der Lyrikband der 1968 geborenen Riina Katajavuori ist im hochroth Verlag Bielefeld erschienen. Die Finnin ist in ihrem Heimatland schon mit diversen Publikationen bekannt geworden. Wie schon vor einiger Zeit hier vorgestellt, ist hochroth vor allem der Lyrik zugewandt und da auch vielen unbekannteren Namen. Für diesen vorzüglichen Band habe ich für das Titelbild eine meiner Tuschearbeiten zur Verfügung gestellt. Alles fügt sich stimmig zusammen, Bild und Text, Text und Form und Inhalt.

Die Gedichte, manchmal in Versform, manchmal sind es auch Fließtexte, erinnerten mich ein wenig an kürzlich besprochene Lyrikbände aus Island und Norwegen:
„Denen zum Trost die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson, „bewegliche berge“ von Sjón oder „Der weiße Weg“ von Kjartan Hatløy.
Vielleicht gibt es gar so etwas wie eine spezifisch nordische Dichtung?

„Braune, wortkarge, einflussreiche
Herbsttrompeten im Gewittersturm.
Der Regen pausiert.
Der Wald ist grau, stimmlos, tröpfelnd, knackend,
und streckt vorsichtig die Glieder aus.
Alles ist gesehen, getan, gelebt.“

Katajavuori bezieht sich einerseits sehr stark auf die Natur, die natürlich in der Tat in Finnland und Lappland präsenter ist als hier, die aber auch nicht mehr ganz unversehrt ist.

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Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28×21

„Offen und direkt zu reden ist unverzichtbar,
doch in zwischenmenschlichen Beziehungen/ in der Politik unmöglich,“

Zum anderen schreibt sie aber auch über Politisches, Soziales und geht auf die Entwicklungen des Landes und die unausweichlichen Veränderungen ein. So wird auch hier die Situation der Emigranten thematisiert. Wie sie das macht ist unvergleichlich, locker, überrumpelnd, keck, forsch.

Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28x21
Serie von wegen 3, Tusche auf Papier, 28×21

„Suchen Sie Augenkontakt. Begegnen Sie dem Menschen.
Ich wiederhole ein wichtiges Wort: dem Menschen.
Grüßen Sie den Busfahrer (auch beim Aussteigen).“

Generell empfehle ich die fein gestalteten Lyrikbände des hochroth Verlag, sei es aus Wien, Berlin oder Bielefeld. Der Band „Herbsttrompetenkonzert“ wurde von Elina Kritzokat und Gisbert Jänicke übersetzt. Mehr über die Autorin und ihre Texte hier.
Mehr über die Illustratorin (die gerne weitere Aufträge annimmt, it´s me!) hier: http://www.marinabuettner.de

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Für alle Berliner: Das Literaturprojekt „Stadt Land Buch“ mit vielen Lesungen hat diesmal die nordischen Länder im Focus.

Nadine Olonetzky: Belichtungen Kommode Verlag

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Eine ganz und gar faszinierende Idee hatte die vielseitige Schweizer Autorin Nadine Olonetzky. Sie fing die Zeit ein. Wir Bücherliebhaber wissen alle, wie das ist, wenn das Buchregal der Sonne ausgesetzt ist und die Seiten manchen Buchs am Buchschnitt vergilben, Jahr für Jahr mehr. Olonetzky hatte die Idee, dieses Zeitphänomen bewusst auszunutzen. Ich bewundere ihre Geduld: Seit 20 Jahren platziert sie gefundene kleine Gegenstände auf einem Blatt Papier und lässt Sonne und Zeit ihre Arbeit tun. Rund um die Dinge vergilbt das Papier. Zurück blieb die ursprüngliche Form, das Weiß unter den Dingen.

 

„Wir sind leicht, längst hinter allen Wolken, vielleicht auf
dem Weg zur Rückseite des Monds und immer weiter
durch ein Nichts, das trägt. Der Auslöschung
gerade noch einen Lidschlag voraus.“

In dem kostbaren Band sind nun viele dieser Motive abgebildet und eingerahmt von kleinen Texten, die hervorragend zu den Wandlungen passen. Es sind sehr persönliche Miniaturen. Sie sind ebenso wie die Bilder Zeitzeugen. Es wird hinterfragt, geschaut, gefühlt und erinnert. Wie die Belichtungen zeigen sie die Essenz unserer Existenz im Alltäglichen.

„Das Jetzt, wenn es sichtbar wird, ist immer schon
vergangen. Klappen die Lider zu, wird das, was gerade
war, ein Bild im Meer der Erinnerungen. Nur
weil sie vergehen, kann man die Augenblicke sehen.“

Der kleine Kommode Verlag hat aus dem Buch ein feines Kunstwerk gemacht: Hochwertiges Papier, fadengeheftet, der Bucheinband doppelt gelegt und von einer Lichtarbeit hinterlegt. Man spürt hier die Liebe zum Buch. Ich bin froh, trotz aller Hiobsbotschaften, was das Buchsterben betrifft, solche wunderbaren Bücher zu finden. Herzlichen Dank an den Verlag, auch für das Rezensionsexemplar. Mehr über die Autorin und den Verlag findet sich hier.

Klaus Anders: Sappho träumt Edition Rugerup

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Der Dichter Klaus Anders bewegt sich mit seinem neuen Lyrikband durch Zeit und Raum. Von einer durchwachten Nacht über eine ganz besondere und eigene Auslegung von Tarotkarten bis zum Maler Max Beckmann spannt sich der Bogen. Es gibt Miniaturen, die Alltägliches beleuchten, oft auch mit einem ironischen Anklang. Ganz im Gegensatz dazu finden sich im Übermaß Wunden, Schmerz und Tragik. Auch Gesellschaftskritisches kreuzt mitunter die Zeilen. Und es gibt zwei längere Zyklen, die sicher einiger Recherche bedurften.

Vieles bleibt rätselhaft, uneindeutig, manche Hintergründe lassen sich im Gedächtnis zusammensuchen (oder ergooglen oder später im Anhang lesen). Klaus Anders bearbeitet oft historische Motive. So wird dieser Lyrikband mitunter spannender als ein Geschichtsbuch.
Thomas Manns letzte Liebe kommt vor, Stalins Sterben, der Niedergang eines syrischen Stadtstaats und die im Titel genannte griechische Dichterin Sappho. Da tauchen dann so spannende historische Figuren auf, wie Guglielma, deren Anhänger glaubten: Sie „sei der Heilige Geist, entzündet in einer Frau. So wie Gott als Sohn in einem Mann.“ (Eine schöne Vorstellung …)

„Wenig aber bis nichts lernt ein Mensch, wenn es
dem eigenen Vorteil nicht dient. Dabei zeigt ihm
der arglose Blick in ein Augenpaar, was
er zum Leben braucht und zum Sterben.“

Im Zyklus „Beckmanns Speicher“ wird die Zeit des Malers Max Beckmann auf der Flucht vor den Nazis verdichtet. Die gesamte Kriegszeit verbrachte Beckmann versteckt in Amsterdam, da ihm das Visum für die USA verweigert wurde. Anders benutzt dabei die Bilder der Triptychen, die Beckmann in dieser Zeit häufig malte. Diese Bilder werden zwischen mythischen Begebenheiten arrangiert.

„Nicht zu fragen ist die Botschaft,
Licht versandet in der Nacht,
Schatten sinken in die Wände,
wer noch hofft, hat nichts bedacht.“

Der Zyklus Tarot bezieht sich auf die 22 Trumpfkarten, die große Arkana. Ein Teil der Gedichte sind inspiriert von historischen Persönlichkeiten. Hier Ausschnitte aus erster „0-Der Narr“ und letzter Karte „XXI-Die Welt“:

„Lass gehen, heut bin ich der Narr, und morgen,
Du. Es schwankt das Schiff,
Es sinkt nicht. Mach die Augen zu.“
————–

„Sprach zu mir im Wald die Taube:
Immer seh ich dich allein,
Gehst und sinnst und sprichst dir leise.

Geh schon immer diese Wege;
Immer bin ich hier allein,
Doch hier bin ich niemals einsam.

Alles spricht mich liebend an.
Gehen will ich, schauen, lauschen
Und verwehen irgendwann.“

Auch vor Tod und Teufel schreckt der Dichter nicht zurück. Sie hält er mit seinen Versen in Schach. Die Themen Religion und Spiritualität werden in ihrer großen Vielfalt beleuchtet und dazu gehört auch die Natur, die den ewigen Kreislauf, die Endlichkeit aufzeigt. Hier finden sich auch kurze Texte, die Haikus ähneln.

Dabei bleibt der Dichter immer einer klassischen Form treu. Und darin sind seine Gedichte auch am besten aufgehoben. Sie benötigen keine Experimente. Die Wirkung liegt allein in der Sprache und dem in ihr gebetteten Inhalt.

„Sappho träumt“ erschien in der Edition Rugerup. Eine Leseprobe und mehr über den Autor Klaus Anders, der auch Lyrik aus dem Norwegischen übersetzt, unter anderem Olav H. Hauge und Kjartan Hatløy, gibt es hier.

Andreas Altmann: Weg zwischen wechselnden Feldern poetenladen

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Das Cover wirkt wie eine Landkarte: Grüne Flächen durch schwarze Linien und Punkte verbunden. Den Umschlag dieses Lyrikbandes hat Franziska Neubert gestaltet und er verweist stimmig auf den Inhalt. Auch hier geht es um Flächen, um Felder, begrenzt und mit Anhaltspunkten ausgestattet. Die Gedichte von Andreas Altmann sind grün. Diese Farbe legt sich um eine Sprache, die leise und sanft sich bewegt. Mitunter, wenn die Sanftheit in eine umfassendere Ganzheit gelangt, wechselt die Farbe. Unter jedem Gedicht liegt eine Schwingung, die die Verse trägt und den Leser langsamer werden lässt, mitunter auch tiefer atmen lässt.

“ … dem regen
läuft das licht zusammen und rinnt mir
über das gesicht.“

Altmanns Gedichte sind weitab von dem, was heute oft gefordert wird: größer, schneller, weiter. Auf einer tieferen Ebene gibt es diese Eigenschaften dann doch, aber voller Absichtslosigkeit. Bereits im stillen Lesen, wird deutlich, wie klangvoll und liedhaft diese kurzen Texte sind. Der Dichter sieht und setzt um, spürt und verbindet, versinkt in Augenblicken, heftet sensibel Wort an Wort, färbt gefundene Sprachspuren neu.

„der weg vergreist, geht an seinem horizont
schon über meine leiche, die weiße katze zögert,
steigt zwischen zügen über gleise, die wiese
schwimmt im regenlicht, „

Andreas Altmann ist einer der Lyriker die eher einen kleinen Bekanntheitsgrad haben, was schade ist. Er macht nicht mit außergewöhnlichen Formen (außer konstanter Kleinschreibung) oder exaltierter Performance auf sich aufmerksam und das nimmt mich gerade für ihn ein. Hier steht die Sprache und allein die Sprache, nichts was ablenkt, dem/der Leser/in gegenüber und fordert nichts, außer einem Versinken ins Sprachfeld.

“ pferde reiten durch das feld, sind nur der kopf,
in dessen mähne meine hände greifen, dann seh ich
den zitronenfalter auf einem schädelgroßen findling
sitzen, und dieser anblick sperrt mich wieder ein.“

In Felder sind auch die Kapitel diese Bandes aufgeteilt: Es gibt die Geisterfelder und die Schlafrandfelder, die Wetterfelder und die Marienfelder und zwischendrin, Muttererde und Nährboden. Eine geerdete lyrisches Einheit, die sich dennoch immer wieder in Höhen schwingt, um zurückzukehren und erneut Kraft in der Erde zu finden. Viele der Gedichte tragen Themen wie Kindheit, Familiengeschichte, Krieg und Flucht mit sich. Trotz des vielen Grün, ist es häufig eisig, winterweiß. Obwohl die Natur das Bühnenbild bestimmt, sind diese Gedichte weit mehr als Naturgedichte. Oft bietet der Wald den Lebensort von Tier und Geisterhaftem. Natura morta, sprachliche Stilleben in einer Zeit des Vergänglichkeit, der Endlichkeit. Oft melancholisch, sind es essenzielle Lebens- und Sterbensgedichte.

“ … der wind umhüllt die körper,
sie sind außer sich, und an den grenzen
sterben kinder in den nächten, schlafen
in den schreien ihrer mütter ein. …“

Andreas Altmann, 1963 in Hainichen geboren, hat schon einige Lyrikbände veröffentlicht, alle im poetenladen. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Özlem Özgül Dündar: Gedanken zerren Elif Verlag

Özlem Özgül Dündar las beim diesjährigen Bachmannwettbewerb einen Text, den die Jury für preiswürdig hielt. Zurecht bekam sie den Kelag-Preis. Mehr über die Autorin, die Lesung und den Text findet man hier: https://bachmannpreis.orf.at/stories/2914730/

Ihre Lyrik steht, wie ich finde, auf einem ganz anderen Blatt. Sie fordert weit mehr heraus, ist sprachlich ganz anders und umfassender, tief und eigensinnig: Pro Seite ein im Blocksatz, mit dauernden Zeilenumbrüchen geschriebenes Gedicht. Durch einzeln stehende  Buchstaben wird der Leser immer wieder unterbrochen: Was mich zunächst nervt, dann aber durch verlangsamtes Lesen gewinnt. Gleichzeitig, falls das überhaupt geht, gewinnen die Zeilen eine unglaubliche Geschwindigkeit, atemlos, ein her und hin. Eine Suchbewegung. Ein Ausleuchten. Wohin? Woher?

„einen krampf um die  komp
osition machen zwei schritte
vorwärts u zwei rückwärts g
ehen eine schiefe beobachtu
ng hinstellen u um den geda
nken von glück u unglück k
reisen bis die perspektive die
augen schief hängen lässt d
…“

Alle Gedichte beziehen sich auf ein Selbst, auf ein lebendiges Wesen in seinem So-Sein. Das lyrische Ich stellt Fragen, stellt fest, erläutert. Begreift etwas körperliches, innen und außen. Die Wechselwirkungen beim Funktionieren, beim Stillstand, die Wunden und Brüche. Die jeweilige Haltung dazu. Die Gedanken, die zerren und nicht vorüber gleiten. Die Wolken, die Sturm bringen. Sprache, die stürmt und stammelt und Worte deutlich platziert, jedes muss da stehen, wo es steht und muss mitunter wiederholt werden. Ein Fluß, ein Strom, ein Er- und Übergießen. Und darin die Welt, die gesellschaftlichen Strukturen mit ihren Hinderungen und Grenzen und ein Du, ein beziehen auf. Das Du und Ich im Austausch, geistig und körperlich. Das durch Sprache zu einander finden. Auch Liebesgedichte, dringlich und durchdrungen vom schöpferischen Ausdruck. Bei mir war es Liebe auf den zweiten Blick …

Dündars Debüt-Lyrikband erschien im Elif Verlag, dessen Programm ich jedem Sprachfreund ans Herz legen möchte.

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

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Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.