Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

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Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

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Julia Cohen: Ich wurde nicht geboren Literaturverlag Droschl

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Ein recht ungewöhnlicher Band kommt aus einem meiner Lieblingsverlage, dem Droschl Verlag aus Graz. Dass sich das Buch auf einem Foto, so oft ich es auch versuchte, vollkommen unscharf zeigt, ja luftig verschwommen, fast unwirklich, passt wiederum irgendwie auch zum Inhalt, deshalb lasse ich es so stehen.

„Es ist okay, wenn du sagst, dass du ein Gefühl fühlst, bis du es nicht mehr fühlst. Ein Buch ist ein Schleusenzustand. Glaube auf dem Antlitz der Nacht, auf den blutigen Konstellationen von Sprache.“

Die in Chicago lebende Amerikanerin Julia Cohen hat eine Mischung aus poetischer Selbstbetrachtung und psychotherapeutischem Tagebuch geschrieben. Dass es um reine Selbsterforschung geht, die Literatur hervorbringt, gefällt mir über die Maßen gut. Cohen spiegelt sich im Leser, spiegelt ihre komplizierte Beziehungsgeschichte, wie es womöglich noch niemand vor ihr getan hat. Das ist nicht immer einfach, keine freundliche Lektüre sondern Herausforderung an Leser, die tiefer gehen wollen und keine Angst vor dem haben, was womöglich ziemlich nahe kommt. Doch es ist keine autobiographische Selbstentblößung á la Knausgard, sondern der Unterschied liegt in der Reflexion und der poetischen Sprache, die eben nicht beliebig ist, aber auch nicht unanstrengend.

„Eine Ampel, drei Kreuzungen, der beißend blumige Geruch eines Waschsalons. Ich renne die sechs Blocks nach Hause und finde N. zusammengesackt auf dem Sofa liegen. Die Schlinge im Rucksack, den Kopf voller Selbstmord.“

Der Text entzieht sich jeder Zuordnung, ist weder Gedicht noch Roman, noch Essay oder reines Tagebuch. Der einzige inhaltliche Aspekt, an dem man sich festhalten kann, das einzige, was sicher ist, ist der Selbstmordversuch des Lebenspartners, N. genannt, der Protagonistin. Drumherum versucht diese sich damit auseinanderzusetzen, einen Weg zu suchen, damit umzugehen. Dass sich herauskristallisiert, dass eine Trennung nötig wird, ein Lösen aus einer destruktiven Beziehung, macht das Buch nicht leichter, gibt aber der Suche nach Halt durch die Sprache einen noch höheren Wert, ja vielleicht ist sogar sie es, die diese Erkenntnis überhaupt hervorbringt.

„Ich habe dein Gesicht erkannt, aber du hast es mich nicht lesen lassen. Oder es konnte nicht gelesen werden.“

Neben der Therapie, von der Cohen uns recht viel erzählt – manche Stunde könnte eins zu eins übernommen sein – zeigt sie uns viel von ihrem Inneren, in aller Schönheit und in aller Dunkelheit. Jede/r, der/die einmal eine Liebe verloren hat (und wer hat das nicht?), erkennt sich darin wieder.

„kreativität ist überleben, ich versuche,
mir nicht mehr zu fehlen.“

Wie die Autorin das sprachlich ausarbeitet, macht das Besondere aus und ist keineswegs nur bloße Selbsthilfe. Es ist literaturgewordenes Suchen, Zweifeln, Anlehnen, Durchdrehen, aber auch ein Erden durch den so vielseitigen Ausdruck durch Sprache. Dabei wird der Text, gerade im Gedichtzyklus „der schmerz der schmerz“, wunderbar vom Rhythmus weitergetragen.

„Steckt irgendwer Salz in den Briefkasten? Kurzlebiger Flieder. Besucht irgendwer den falschen Fluss, sein verzaubertes Kind? Eine zu Wüste verwitwete Küste. Früher Feind? Nimm das Geschmeichel aus der Antwort, um ein Antlitz ist ein Antlitz zu fegen. Absteigende Sterne oder Marzipangefühle.“

Für mich ist es ein Buch, dass weitab aller derzeitigen Veröffentlichungen steht. Ich bin sehr dafür, dass es solche konsequent herausfordernden Texte in Buchform gibt und denen sehr dankbar, die sich in dieser heutigen allzu schnellen Zeit trauen, solch „zeitraubende“ und gleichzeitig so viel mehr gewinnbringende Literatur zu verlegen.
Ein Leuchten!

„ich wurde nicht geboren“ erschien im Literaturverlag Droschl und wurde hervorragend übersetzt von Maria Hummitzsch. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

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Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

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Es ist der zweite Band, den ich von Carl-Christian Elze lese. Und auch hier bin ich wieder betört von der Schönheit dieser Lyrik. Der Band kommt auch diesmal wieder aus dem Verlagshaus Berlin und ist, wie alle Bände dieses Verlages, ganz wunderbar illustriert. Die Künstlerin ist Lilli Gärtner. Ungewöhnlich ist diesmal, dass der Band zweisprachig ist: Deutsch und im zweiten Teil, der sich auch farblich abhebt in Italienisch. Nicht von ungefähr, sind doch die Gedichte zum großen Teil mit einem Bezug zu Venedig. Die italienische Lagunenstadt von Elze bedichtet, das gefällt mir.

etwas greift in dich ein, in dein biologisches gerüst
als ständen hinter jeder biegung träume
auf den schienen: deine züge entgleisen
deine gedanken, auch deine bewegungen
verwackeln, jemand übernimmt die kontrolle
im dogenpalast deiner zellen: deine schultern
und deine beine beginnen zu zucken, nachts,
und immer öfter am tag im rhythmus …“

Schon das Cover strahlt in blauer Tiefe mit metallisch glänzendem Titelschriftzug. Innen wird es dann Pastell. Zarte, feine Motive, die sich filigran zwischen die Gedichte schmiegen. Textteil wechselt mit Bildteil ab. Das Buch ist fadengeheftet und mit vom Umschlag verdeckter japanischer Bindung. Unterschiedliche feinste Papiersorten wurden ausgewählt.

Elzes Gedichte erzählen von einem Venedig weitab der Touristenperspektive (Der Autor war als Stipendiat des Deutschen Studienzentrums 3 Monate in Venedig). Schon im Eingangsgedicht (siehe oben) spürt man, dass der Dichter versucht hat die Stadt zu durchdringen, aber es trotz längerem Aufenthalt nicht gelungen ist, was bei einer Stadt wie Venedig vielleicht gar nicht gehen kann. Das macht aber gar nichts, denn ob Elze aus der Perspektive einer Eintagsfliege auf die Stadt blickt oder im Zimmer Wagners dem Komponist kurz vor seinem Tod in Venedig über die Schulter schaut, immer ist es ein etwas anderer Blick. Immer bleibt ein Geheimnis.

Der Band ist, wie schon der Vorgänger in Kapitel, Caput genannt, unterteilt. Enorm viele der Gedichte beziehen sich auf Gemälde, die der Autor vermutlich in Museen und Kirchen betrachtet hat. (Auflage für ein Stipendium war ein gewisser Venedig-Bezug der Arbeiten). Gemälde von Tintoretto, Bellini, Giorgione und Carpaccio. Interessant wird das, wenn man sich beim zweiten Lesen die Bilder dazu aufruft, die unter dem jeweiligen Gedicht benannt werden. Hier fühlt man sich, als ginge man selbst durch die Scuola Grande die San Rocco und betrachte Tintorettos Zyklus der Leidensgeschichte Jesu. Obgleich ich sehr kunstbegeistert bin und ich mit den venezianischen Malern auch vertraut bin, gefallen mir die „neutralen“ Gedichte ohne Bildbezug dennoch besser. Sie sind freier, offener, zeigen mehr von der Stadt und auch mehr vom Dichter, was ich spannender finde. Gedichte über berühmte Gemälde, obgleich Elze einen besonderen Ton dafür findet, reichen meist nicht an diese heran, können es gar nicht, können bestenfalls den Blick oder die Auslegung des betrachtend Schreibenden aufzeigen.

„und dennoch gibt es eine art blume, die dich noch immer erfreut
eine art tier, das sich zu dir legt und dich wärmt
einen gedanken, der still hält und dich anhält
in deiner verzweifelten magie, eine art wolke,
die flüstert .. für einen kurzen moment.“

Immer wieder zeugen die Gedichte davon, wie es dem Autor geht, wie der Körper auf die Stadt reagiert, wie der Geist aus dem Lot gerät, ob der ganzen Kunst, der labyrinthischen Gassen, der vielen sinnlichen Eindrücke. Die Stadt als Spiegel des Selbst, das Ich auflösend? Überreaktionen, vielleicht gar das Stendhal-Syndrom? Und das Telefon verloren und zwinkernde Krankenschwestern. Doch dann gleicht sich alles wieder aus. Am Schreibtisch, den ruhig atmenden Hund zu Füßen.

„niemand ist rettbar
in diesem gebilde

weder dogen noch päpste
weder du noch dein kind

alles verschwindet
in einem anfall von schönheit

nichts und alles gelingt“

Elze schreibt alle Gedichte in Kleinbuchstaben, unterschiedlich formatiert, oft Einschübe, viele Zeilenbrüche, auch gestaltete konkrete Poesie. Form scheint genauso wichtig wie Inhalt. Ich kann den Gang durch diese venezianische Bildergalerie nur empfehlen. Denn sie leuchten, diese Gedichte, so hell, wie die Tintorettos oder Bellinis oder so glitzernd, wie die sonnenbeschienenen Wasser der Kanäle.

„langsames ermatten im labyrinth“ erschien im Verlagshaus Berlin. Die Übersetzung ins Italienische kommt von Daniele Vecchiato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

Leipziger Buchmesse 2019: Gastland Tschechien

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Die Leipziger Buchmesse wendet sich bei der Suche nach einem Gastland häufig nach Osteuropa, was mir sehr gefällt. Ich finde es ganz wunderbar als Anregung ein Land literarisch zu bereisen. Nach Rumänien ist es nun Tschechien, das mit überraschenden Autor/innen und deren Übersetzungen aufwartet. Es gibt einiges zu entdecken.

Recht bekannt ist der Autor Jaroslav Rudiš, der in diesem Frühjahr seinen neuen Roman „Winterbergs letzte Reise“ veröffentlicht hat. Es ist das erste Buch, dass der 1972 in Turnov geborene Autor in Deutsch verfasst hat und ist der letzten „Überfahrt“ gewidmet, ist eine besondere Art Roadmovie. Er ist damit nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Eine ausführliche Besprechung dazu folgt.


Große Entdeckungen sind für mich die beiden Autorinnen Radka Denemarková, die in ihrem neuen Roman das Thema Vergewaltigung in intensiver, ungewöhnlicher Weise beleuchtet, und Tereza Semotamová, deren Roman im Schrank spielt, den die Hauptfigur sich als neuen Wohnsitz auserkoren hat. In Bälde werde ich die beiden neuen Romane „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ aus dem Hoffmann & Campe Verlag und „Im Schrank“, erschienen bei Voland & Quist, noch ausführlich auf dem Blog vorstellen.
Ebenfalls beachtenswert ist die Literatur von Kateřina Tučková, deren neuer Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“  (Klak Verlag) in die deutsch-tschechische Geschichte eintaucht (weitere Titel siehe Foto unten) und Marek Šindelkas psychedelisch-experimenteller Roman „Der Fehler“, erschienen im Residenz Verlag.


In der Lyrik fiel mir vor allem Jan Skácel mit seinem im Wallstein Verlag erschienenen Sammelband „Für alle die im Herzen barfuß sind“ auf und im kleinen Verlag Edition Korrespondenzen Ivan Blatnys starke Gedichte, die meist in einer psychiatrischen Klinik  in England geschrieben wurden und die es zu entdecken gilt. „Alte Wohnsitze“ und „Hilfsschule Bixley“ heißen die beiden lieferbaren Bände.


Die in Prag geborene, in Aachen lebende Lyrikerin Klara Hurkova schreibt und malt. Ihre Gedichte weiß ich zu schätzen. Eines davon, „Atlantis heute“, durfte ich für fixpoetry  für den poetryletter illustrieren. Klara schreibt auf Tschechisch und Deutsch, übersetzt, und ist Herausgeberin zweier tschechisch/deutscher Lyrikanthologien.

In der Edition Azur erscheint der Gedichtband „Irgendwohin nach Haus“ von Petr Hruška. Und im Klak-Verlag erscheint mit „Die Weltuhr“  Lyrik von Sylva Fischerová. Und auch im Wunderhorn Verlag gibt es wieder aus der Reihe VERSschmuggel eine Anthologie in lyrischer deutsch/tschechischer Zusammenarbeit.           

Weiterhin hat der kleine Lyrikverlag hochroth neue Bändchen von jungen tschechischen Lyriker/innen herausgegeben: „Geheimes Leben“ von Milan Děžinský, „Astronauten“ von Jan Těsnohlídek, „Porträts“ von Olga Stehlíková und „Ohne Option“ von Natálie Paterová. (siehe auch hochroth Verlag edition OstroVers).

Einen sehr umfassenden Überblick über die Neuerscheinungen bietet die offizielle Seite Leipzig 2019 Tschechien Ahoj: http://ahojleipzig2019.de/de

2 x 2ter Lyrikband: Timo Brandt: Ab hier nur Schriften Aphaia Verlag/ Şafak Sarıçiçek: der gestaute und der frei fließende fluß Brot & Kunst Verlag

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Zwei junge Autoren, Şafak Sariçiçek und Timo Brandt, beide 1992 geboren, mit ihrem zweiten Lyrikband gibt es heute zu erforschen. Beide schreiben erstaunlicherweise so viel, dass sie in kurzem Abstand nach ihrem Debüt bereits neue Gedichte in einen weiteren Band packen konnten. Schön aufgemacht sind beide. Beide haben eine unwahrscheinliche Tiefe bei gleichzeitiger Gelassenheit. Inhaltlich und sprachlich sind sie so verschieden, wie sie beide unbedingt beachtlich sind.

Timo Brandt, bekannt durch seine emsige Rezensententätigkeit, sammelt in seinen Gedichten die Welt ein und zeigt sie auf seine Weise. Gleich im ersten mehrseitigen Text „Wider den Tag, dem 23.“ fühle ich mich, als wäre ich in ein Ror Wolf-Gedicht hinein geraten. Da wird rhythmisch gereimt und zwar ziemlich gelungen. Dann wird es bunt. Ein Konglomerat aus Zeilen, Strophen. Experimentierfreudig. bewusstseinserweiternd, suchend? Finde den roten Faden! Freie Verse mischen sich, mal gereimt, mal ungereimt, mal klassisch anmutend, Terzinen, Elegien, mal wild davon driftend, dann auch mal Blocksatz. Die schönsten Worterfindungen gibt es im Gedicht „Mayröcker mitschreiben“, ein ganzer Sack wird hier ausgeschüttet, um zu schauen, was möglich ist. Die Inhalte spiegeln Alltag, Lieben, Erleben bis zur Vergänglichkeit – aktuell, nachdenklich, witzig, persönlich, nah dran. Und wie Matthias Engels in seinem Nachwort schreibt: „Fast ein wenig unverschämt – diese Begabung …“

„Gnadenlos Verständnis, wie bückst du dich, vorbeugend,
ich zieh mir deinen Dorn aus manch Verpasstem, heiß.
Ist nicht Wehren gegen Heiteres, noch nicht Verstummtes
als bräche man von jedem Stift die Spitze, stumpf?

Lebensfaden wird nicht dünner werden. Verdichtete Gefühle,
langend im Lichte der eigenen Bestimmungsfeuer.
Das Unverr/zichtete schlägt Brücken, seltsam tragend.
Bei bangen Fragen setze dich ans Steuer.   (Ja)

Şafak Sariçiçeks Debütband „Spurensuche“ habe ich bereits hier besprochen. Auch das neue Buch ist sehr individuell gestaltet: es ist ein kleines quadratisches, ca. 10×10 cm-formatiges Büchlein, das auf dem Cover und innen feine schwarz/weiß-Illustrationen von Deniz Sariçiçek zeigt. Gleich anfangs merke ich, dass sich der Ton verändert hat. Da hat sich eine Stimme entwickelt. Was vorher augenblicksbezogen und leicht war, dehnt sich nun in schwerer wiegende Verse mit steilen Wortwechseln. Es sind nicht mehr nur die Beobachtungen, es sind daraus gefasste Entschlüsse. Und auch Sariçiçek sammelt die Welt ein und verdichtet sie. Und er spricht in Erinnerung an den ursprünglichen Fluß seiner Herkunft. Auch Worte sind im Fluß, manchmal angestaut. Er beschäftigt sich mit dem Alltäglichen, mit unserer Zeit, mitunter erlese ich Gesellschaftskritik, auch über Grenzen hinaus. Ich meine fast, es sind nun Kopf und Gefühl mehr im Einklang. Im positiven Sinn. Meine Feststellungen basieren auf diversen recht langen Wortbauten, teils stakkatohaft aneinander gereiht. Manchmal geht einem beim Lesen die Puste aus, es gilt Luft zu holen oder sich eine schnellere Lesart anzueignen. Ich mag das, was mit mir beim Lesen geschieht. Ich staune. Ich freue mich sowohl über den gestauten, als auch über den frei fließenden Lesefluß. Hier ein Auszug aus dem gleichnamigen Gedicht:

„der raum selbst war so still
schwalbenstimmen machten bei der tür kehrt
diesen raum umspannte eine so undurchlässige membran
gesponnen aus überbleibseln negierter irrlichter und frühester träume

ausbrechend riss ich die ahnung an ein verirrtes licht mit mir
in die gleißenden teile des frühen jahres“

Mehr über „Ab hier nur Schriften“ beim Aphaia Verlag
Mehr über „der gestaute und der frei fließende fluß“ beim Brot & Kunst Verlag
Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Muriel Pic: Elegische Dokumente Wallstein Verlag

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„Der Tod des Dichters ist eine Honiggeschichte.“

Schön, dass es den Wallstein Verlag gibt. Hier findet sich immer wieder Besonderes, gerade auch, wenn es um Lyrik geht. Vollkommen unbekannt war mir die französische, in der Schweiz lebende Autorin Muriel Pic. Sie beschäftigte sich mit Henry Michaux, W.G. Sebald und übersetzte Walter Benjamin. Alles mich sehr ansprechende Autoren. Und nun ihre Gedichte auf Deutsch in einem zweisprachigen Band, übersetzt von Lukas Bärfuss. Ich freue mich sehr über dieses Buch.

Muriel Pic schreibt anhand alter Fotos Spuren in die Geschichte ganz verschiedener Welten. Alle Gedichte entstanden aus einem Blick ins Archiv. Sind die Themen rein zufällig gewählt? Jedenfalls gibt es Überschneidungen, Schnittmengen. Gemeinsam haben alle eins: Es sind zunächst vermeintlich unscheinbare Zeugnisse, die durch Pics Betrachtungsweise in einen Mittelpunkt gestellt werden, der mit weitreichenden Assoziationen einhergehen. (Witzig und interessant, dass Pic auch Fotos(pics!) in ihrem Band mit unterbringt.

Zunächst besucht sie das Dokumentationszentrum Prora auf der Insel Rügen. Spannende geschichtliche Einblicke liefern bereits die Fotos zu Prora, das im Nationalsozialismus ja zum „Kraft durch Freude“-Urlaubsmassenresort werden sollte. Bis heute weiß man nicht so recht, was man mit diesen Monsterbauten, erbaut von 1936 bis 39 direkt am Strand, machen soll. Wer diese viereinhalb Kilometer lange größenwahnsinnige Architektur an einem der schönsten Strände Rügens selbst gesehen hat, wird die Gedichte Pics sofort begreifen.

„Wenn Prora stattgefunden hätte
wenn sich die Ostsee an ihre
blauwandigen Versprechen gehalten hätte
es wäre ein Ferienlager
des Dritten Reiches gewesen.
Mit Leibesertüchtigung für zwanzigtausend
eine Masse der Einsamkeit
eine vereinigte soziale Idylle
bei ganz populistischer Tauglichkeit
im Fehlschlag der Utopie.“

Pic bildet Verse aus dieser Zeit heraus, hinterfragt, zerpflückt, verdichtet Dokumente und verknüpft sie mit Gedanken von Franz Kafka, Hannah Arendt, Alexander Kluge, W. G. Sebald, Tomas Morus und Lukrez.

Die Texte des folgenden Kapitels „Honig“ wurden durch Funde in Archiven verschiedener  Kibbuze Israels inspiriert. Es geht um die Arbeit. Aus der Gesellschaftsform und der Arbeit eines Bienenschwarms heraus überdenkt Pic die Gesellschaftsformen und die Stellung der Arbeit bei uns Menschen. Das Bienensterben aufgrund von Parasiten: Die Leben im Kapitalismus oder im Kommunismus. Wer sind unsere Parasiten? Welche Politik ist dem Menschen am zuträglichsten? Ist die Arbeits- und Lebensform eines Kibbuz eine Idealform? Viele Fragen wirft Pic auf. Sie lädt ein zum Mitdenken, zur Selbsterforschung. Hier erzählt sie in Versen von Kafkas hebräischem Vokabelheft (von rechts nach links) und was Waben mit der Bauhaus-Architektur zu tun haben.

„Was sagen die Archive?
Sie beschreiben das Leid nicht.
Sie warten auf einen der sprechen wird
sie warten darauf
trotz aller Folgen Fragmente zu werden.
Aber wo ist der Grund der Bilder?
Auf ein Desaster sollte man sie stecken.“

Im letzten Kapitel geht es um Orientierung. Hier begegnen wir den Ureinwohnern Amerikas. Die Indianer haben als Orientierung die Natur, vor allem auch den Himmel, die Sterne benutzt, für die sie auch bestimmte Namen haben. Durch verschiedene Sternenkarten und Fotos lässt sich Pic zu ihrer universellen Archivpoesie inspirieren.

„Ausgedehnte Meditationen über die Fixsterne:
Seit längst vergangen Jahrtausenden
bewegen sie sich in Richtung kommender Jahrtausende
ebenso weit entfernt.
In ihrer Nähe die siebzig Jahre
die gewöhnliche Dauer eines menschlichen Lebens?
Eine infinitesimale Parenthese der Kürze.“

Ein Leuchten!

aus der Nachbemerkung der Autorin:

Die Elegischen Dokumente wurden nach Archivbeständen geschrieben, nach Untersuchungen, mit der Empfindung eines Sandkorns im Auge des Gedankens.“

Der Band erschien im Wallstein Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Einen kleinen Auszug aus den Gedichten über Prora/Rügen gibt es in Originalsprache von der Autorin selbst gelesen auf youtube:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt #weiterschreiben Ullstein Verlag

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Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand  im Netz die Seite https://weiterschreiben.jetzt/  und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

 

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Hagar Peeters: Malva Wallstein Verlag

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Ein schwarzer Schutzumschlag mit einer rosafarbenen Blume, einer Malve. Ich erkenne sie, weil ich sie selbst in meiner Sommerblumensammlung aussähe. Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans wurde nach dieser zarten Blume benannt. Doch darunter, und das wird mir später erst klar, kann man ein weißes großes Semikolon erkennen. Nicht von ungefähr, denn Malva Marina Trinidad del Carmen Reyes, die unbeachtete, verlassene Tochter des großen Dichters Pablo Neruda sieht sich selbst als solch ein Satzzeichen.

„… wie mein Vater behauptete, das Semikolon charakteristisch ist für die Gestalt, die ich auf Erden war, mit meinem kleinen Körper, wie ein Komma, ein krummer Strich, ein gewundener Wurm, und mit meinem immer mehr anschwellenden Schädel, wie ein grotesker Punkt, der sich selbst entstieg und dem Himmel entgegenwuchs; jenem einen großen, mich nun doch beherbergenden Jenseitshimmel.“

Malva wird nur 8 Jahre alt. Sie stirbt an Gehirnwassersucht, auch kurz Wasserkopf genannt. Am Anfang des Romans beobachtet sie von ganz weit oben die riesige Beerdigung ihres berühmten Vaters, der sie und ihre Mutter verlassen hat und sich lieber als Kommunist um die Gerechtigkeit in der Welt gekümmert hat, statt ihr ein Vater zu sein.

„So ein Detail, sagte ich, darum geht es und nicht um die perfekten Proportionen oder den Goldenen Schnitt oder die große Geste oder die rassereine Vollkommenheit oder die ewige Wahrheit oder den Nobelpreis für Literatur. Aber wer bin ich, um das zu sagen? Ich bin schließlich schon längst tot.“

Malva „lebt“ nun im Himmel. Sie hat sich gute Gesellschaft gesucht: Da ist Oskar Matzerath, genau, der aus der Blechtrommel, da gibt es den Sohn Arthur Millers, die Tocher von James Joyce. Malva verehrt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska (hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn Szymborska starb erst im Jahr 2012, aber vielleicht wird das im Jenseits nicht so genau genommen) der sie oft Fragen stellt und kann den Geschichten Roald Dahls einiges abgewinnen. Selbst Sokrates wird in Gespräche verwickelt.

Von dieser hohen Warte aus berichtet sie von Szenen im Leben ihres Vaters, der sich diversen Geliebten zuwandte und sich immer mehr in die Politik und den kommunistischen Klassenkampf stürzte. Zwischen Bewunderung und Hass schwankt Malva, was ihren Vater betrifft. Die Mutter liebt sie, obgleich auch sie sie verließ und in eine holländische Pflegefamilie gab, um Geld zu verdienen, da vom Vater nichts zu erwarten war. Selbst als die Mutter nach Malvas Tod, ihren Exmann bittet sie aufgrund des Krieges und der Besatzung der Niederlande durch die Nazis zurück nach Chile zu holen, verweigert er dies und sie wird kurz vor Kriegsende noch für einige Wochen ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert.
Zeitweise wendet die Hauptfigur Malva sich in persönlicher Rede direkt an die Autorin, deren Familiengeschichte gewisse Schnittmengen mit der Malvas Familie aufweist.

Was für eine irre Idee der Autorin! Die toten, ehemals verlassenen Kinder berühmter Eltern suchen sich auf der Erde ihre Biographen aus und flüstern ihnen die Sätze ihres Lebens ein. In Hagar Peeters hat Malva die ideale Biographin gefunden, denn die Autorin beherrscht die Sprache, biegt sie, verziert sie, lässt sie tanzen und tosen. Und lässt Pablo Neruda beinahe blass aussehen. Hier ist deutlich zu spüren, dass Peeters eine preisgekrönte Lyrikerin ist. Auch die Übersetzerin hat hier einiges geleistet.

Die im Leben ausgeschlossenen Kinder bilden im Jenseits eine eingeschworene Gemeinschaft, Arthur Millers von ihm verschwiegener Sohn Daniel mit Down-Syndrom, Lucia, die verrückte Tochter James Joyce, der nicht wachsende Blechtrommler Oscar und Malva mit dem Wasserkopf. Viele weitere Kinder wollen aufgenommen werden, etwa Rousseaus Kinder, die er alle ins Kinderheim steckte, während er seelenruhig ein Buch über Erziehung schrieb. Und Albert Einsteins, als schizophren diagnostizierter Sohn Eduard, dessen Vater ebenfalls die Frau wechselte und nichts hinterließ.

„Ach Hagar, das waren einfach nur ein paar bekannte Fälle, aber die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos. Aus Anlass des Falles von Paul Gauguin, der seine Familie verließ, um auf Tahiti edle wilde Frauen zu malen, hat der Philosoph Bernard Williams sogar einen Terminus dafür geprägt: moral luck. Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen. Sie kommen damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken.“

Hagar Peeters Roman ist in vielen Aspekten bezwingend. Scharfsinnig klagt sie Ausgrenzung an und findet eine Stimme für Frauen und Mütter und für „behinderte“ Kinder. Wie sie in ihrem Roman eine Lösung für deren Leid im Jenseits findet, gefällt mir außerordentlich gut und lässt mich getröstet und versöhnlich zurück. Ein Leuchten!

Der Roman „Malva“ der 1972 geborenen Niederländerin Hagar Peeters erschien im Wallstein Verlag. Übersetzt hat es Arne Braun. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.