Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2021

 

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

 

 

Das 35. Jahrbuch der Lyrik herausgegeben von Christioph Buchwald (zum letzten Mal) zusammen mit der Lyrikerin Carolin Callies bietet wie in jedem Frühjahr eine interessante Auswahl der derzeitigen Lyrikvielfalt im deutschsprachigen Raum. Es erscheint am 2. März wie immer im Schöffling Verlag.

 

 

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Der US-Amerikaner Ben Lerner schreibt vorrangig Gedichte. Nach dem Roman „Die Topeka-Schule“ erscheint nun bei Suhrkamp ein zweisprachiger Band seiner Gedichte. Es ist ein Überblick über das bisherige lyrische Gesamtwerk. Von Steffen Popp übersetzt, mit Monika Rinck, beide selbst Lyriker. Erscheint am 19.4.2021.

„Was ist ein Name?“, fragt Ana Luísa Amaral, die beliebteste Lyrikerin Portugals und eine der großen Dichterinnen unserer Zeit. In einer klarsichtigen Sprache, die in der Tradition von Dickinson und Szymborska steht, leistet sie ihren Offenbarungseid: Worte können nichts festhalten, außer der Flüchtigkeit der Dinge. (Verlagstext) Portugiesische Lyrik passend zum Gastland der Leipziger Buchmesse im Mai. Übersetzt von Michael Kegler, Piero Salabè. Erscheint im HanserVerlag am 15.3.2021.

Anja Kampmanns Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ habe ich bereits auf dem Blog vorgestellt. Die neuen Gedichte erzählen vom Marschland, Figuren treten auf, wiederkehrende Motive verklammern sie zu einem großen Bild der Landschaft in unserer Zeit. Sie bestätigen Anja Kampmanns Rang als ganz eigenständige, überraschende Stimme ihrer Generation. (Verlagstext) Erscheint am 15.3.2021 im HanserVerlag.

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Marina Zwetajewa (1892-1941), die bedeutendste russische Dichterin neben Anna Achmatowa, ist eine der großen Liebesdichterinnen der Weltliteratur, eine Liebende voller »Maßlosigkeit in einer auf Maß bedachten Welt«. Der Band umfasst über hundertfünfzig Gedichte Marina Zwetajewas – viele davon erstmals in deutscher Übersetzung. (Verlagstext) Übersetzt von Ralph Dutli. Erscheint  am 22.2.2021 im Wallstein Verlag.

Steffen Mensching blickt mit wachen Augen und nachdenklicher Neugier in die Welt, um in seinen Gedichten herauszufinden, was sie im Innersten zusammenhält. Und was sie zu zerstören droht. Immer wieder ist das Meer ein Bezugspunkt, seine Weite, seine ewige Bewegtheit, seine Ufer. (Verlagstext). Seinen großartigen Roman „Schermanns Augen“ habe ich bereits besprochen. Erscheint am 22. 2. im Wallstein Verlag.

Abenteuerlust, Neugier und Aufbruch – afrikanische Dichtung auf der Höhe der Zeit: das erste Buch der großen Lyrikerin Sylvie Kandé auf Deutsch. (Verlagstext) Übersetzt von Tim Trzaskalik, Leonard Pinke. Erscheint am 28.1. 2021 im Matthes & Seitz Verlag.

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Ursula Krechels Gedichte sind dynamische Gegenwart. Es sind Erkundungen mit offenem Eingang und offenem Ausgang, eigenwillig, voller Wagemut und Spielfreude. Sie zeigen Zeile für Zeile die Meisterschaft und Souveränität einer großen Autorin. (Verlagstext) Ihren letzten Roman „Geisterbahn“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Erscheint am 26.2. beim Jung und Jung Verlag.

Gemeinsame Sprache lautet der Titel des neuen Bandes des Schweizers Jürg Halter, einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker seiner Generation. Seine Gedichte werfen kaleidoskopartig Schlaglichter auf unser Sein und unser Zusammenleben. (Verlagstext). Erscheint am 27.1.2021 im Dörlemann Verlag.

In Regina Dürigs „Federn lassen“ werden jenen Momenten, in denen nichts als Sprachlosigkeit einsetzt, Räume geschaffen. Interpunktionslos brechen die Zeilen nach wenigen Wörtern um, wodurch Dürigs Prosa einen lyrischen Anklang erhält. (Verlagstext). Die poetische Novelle erscheint am 5.2. im Literaturverlag Droschl.

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Axel Görlach schreibt Gedichte mit weitem Horizont. In diesen Gedichten ist und bleibt also fast alles möglich, jede Einengung, jede vorschnell begründete Festlegung wird vermieden – weil es keinen grund gibt für grund. (Verlagstext) Erscheint am 26.2. in der Edition Keiper.

Berge, Weiden, Wald: Je näher Claudia Gabler diesen Urbildern von Naturerfahrung kommt, desto sichtbarer wird, wie menschengemacht sie sind. Die Natur wird nicht nur vom Menschen gestaltet, sondern bildet sich auch nach seiner Wahrnehmung. Klischees setzt Gabler Ambivalenz entgegen. Beziehungen bilden ein Zentrum in ihren Gedichten. (Verlagstext) Mit Illustrationen von Elke Ehninger. Erscheint am 1.3.21 im Verlagshaus Berlin.

Gegenden, Landschaften, Orte, ein Figurenkabinett, die Herkunft, der Historienhauch, das Antlitz der Dinge, Wortfährten, Alltagsbühnen … Nichts, nur versammelt Gedichte, Prosagedichte und Erzählminiaturen von Walle Sayer aus 35 Jahren: Lesebuch, Kompendium, Querschnitt und Zwischensumme zugleich.(Verlagstext) Den Band „Was in die Streichholzschachtel passte“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen. Erscheint im März 21 im Kröner Verlag.

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„das kleingedruckte“, Linda Vilhjálmsdóttirs siebter Lyrikband, ist ein Buch voller weiblicher Revolutionskantaten. Die Gedichte sind klar, direkt und manchmal von beißendem Witz. Ihre Wirkkraft beruht nicht zuletzt darauf, wie gründlich sie den vorherrschenden Zustand zwischen den Geschlechtern offenlegen. (Verlagstext) Der zweite von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übertragene Band erscheint im Elif Verlag am15.3.21. Den Band „Freiheit“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen.

Ester Naomi Perquin (geb. 1980), Poet laureate der Niederlande, erzeugt in ihren Gedichten Momente der Verblüffung und des Staunens. Scheinbar paradoxe Bilder und Kippfiguren schlagen um in plötzliches Erkennen, wenn ihre Gedichte Spielarten des Verschwindens erforschen. (Verlagstext) Übersetzt von Stefan Wieczorek. Erscheint am 22.2.21 im Elif Verlag.

Mit >>Überall, wo wir Schatten werfen<< legt Ingrid Mylo – die Flaneurin der deutschen Gegenwartsliteratur – nach vier Bänden mit Kurzprosa ein starkes Lyrikdebüt vor: Gedichte zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Logik und Zufall, Traum und Wachzustand. Immer in der Schwebe – doch alles andere als unentschieden.(Verlagstext) Erscheint im März bei Edition Azur/Voland &Quist.

 

Tanikawa Shuntarõ / Jürg Halter: Das 48-Stunden-Gedicht Wallstein Verlag

 

Bevor der neue Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ des Schweizer Jürg Halter am 27. Januar beim Dörlemann Verlag erscheint, möchte ich noch an ein schönes lyrisches Projekt erinnern. Mein Beitrag dazu erschien 2016 zuerst auf fixpoetry, der großartigen Lyrik und Literaturplattform, die es leider nun aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung nur noch als Archiv gibt.

„Eine aus Worten gebaute Welt ist ausdauernder als die wirkliche.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden Lyriker Jürg Halter aus der Schweiz und Tanikawa Shuntarõ aus Japan zusammen arbeiten. Kennengelernt haben sie sich 2002 auf einem Poesiefestival. Sie schienen sich auf Anhieb zu verstehen, ein „ähnliches poetisches Weltverständnis“ zu haben. Keiner verstand des anderen Sprache und dennoch planten sie bald ein gemeinsames Projekt. Bereits 2012 entstand ein Lyrikband aus beider Stimmen. Damals ging der Austausch über mehrere Jahre und von Land zu Land.

„(Zu jeder Stunde schreibe ich mit Jürg ein Gedicht. […]
Die Stunden eines ganzen Tages sind uns nur Vehikel,
ein Versuch, weg von der Tradition zu einer neuen Form von Kettengedicht.)“

Für das neue Projekt, welches schon fast einer Performance gleicht, trafen sich Halter und Tanikawa in Tokio, um in einem gläsernen Raum des Tsuda College vom 8. bis 12. September 2014 tags und nachts an ihrem Kettengedicht oder japanisch Renshi, zu arbeiten. Renshi ist eine moderne freie Art des Kettengedichts. Dabei geht es weniger um traditionelle Formen, Bilder oder Motive. Es gilt aus   dem vorherigen Gedicht des Anderen etwas herauszufiltern und in ganz eigenem Kontext weiterzuführen, so bildet sich ein vollkommen neuer Pfad. Bei Halter und Tanikawa findet auch die unterschiedliche kulturelle Prägung und der Altersunterschied Eingang in den dichterischen Austausch.

[…]
„hören die Ohren verschiedener Kulturen
je ein anderes Schweigen?“

Tanikawa schrieb seine Gedichte in jeder geraden Stunde, Halter in jeder ungeraden. So blieb Zeit, um die Verse direkt übersetzen zu lassen und danach darauf zu „antworten“. Zwei Übersetzer waren  dabei, Franz Hintereder-Emde, der vom Japanischen ins Deutsche übertrug und Niimoto Fuminari vom Deutschen ins Japanische.

Das 48-Stunden-Gedicht ist ein sehr besonderes Buch geworden. Sowohl inhaltlich, als auch in der Gestaltung der äußeren Form wirkt es fernöstlich ästhetisch. Kapitel gibt es nicht, dafür eine Aufteilung in Tageszeiten. Für jede Stunde steht ein Gedicht, es sind immer 3 – 5-Zeiler, die sowohl in Deutsch als auch in Japanisch abgedruckt wurden. Ergänzt wird der Text durch filigrane, surreale Schwarz/Weiß-Illustrationen, die speziell für den Gedichtband entstanden sind, die einzeln für sich Geschichten erzählen, aber auch mit den Texten kommunizieren. Auch hier sind es jeweils eine Künstlerin aus Japan, Tabaimo, und ein Künstler aus der Schweiz, Yves Netzhammer. Auch das feine Cover aus rotem Halbleinen zieren zwei Illustrationen. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort der beiden Herausgeberinnen, Kakinuma Marie und Susanne Schenzle, in dem sich Details zur Entstehungsgeschichte des Bandes nachlesen lassen.

Tanikawa Shuntarõ  wurde 1931 in Tokio geboren und ist einer der bekanntesten japanischen Gegenwartsdichter. Man merkt seiner Lyrik an, dass sie auf großer Lebenserfahrung basiert. Sie strahlt eine enorme Kraft aus. Seine Gedichte sind sehr gewandt, da ist einer sehr erfahren und doch sehr jung und frei geblieben. Seine Verse erinnern oft an Haikus und sind in ihrer Art vielfach so angelegt, dass es am Ende zu einem überraschenden Bild kommt. Sie sind keineswegs altbacken, eher von seltener Weisheit und feinem Humor durchdrungen. Sie nehmen alle neuen Einflüsse und Eindrücke genügsam auf, aber nicht sofort an, sondern hinterfragen sie häufig, oft im Schlusspart des Gedichts. Tanikawa vermischt in schönster Weise Alltäglichkeiten mit spirituellen, ja ZEN-haften Gedanken und lässt dabei auch aktuelle politische Ereignisse nicht außen vor. Er ist ein glänzender Beobachter und sehr souveräner Dichter.

„Unter hunderten von in der Zeitung aufgelisteten Namen
sucht jemand mit geröteten Augen einen einzigen.
[…]“

oder:

[…] weiß nicht, wo die Sonne an diesem Morgen steht.
Jetzt, ein Land in tiefer Nacht, ein Mädchen schluchzt in einem Camp.“

Jürg Halter wurde 1980 in Bern geboren und ist Dichter, Musiker und Performancekünstler. Seine Verse klingen moderner, sind rhythmisch und am besten laut gelesen (Halter selbst liest seine Gedichte mit einem deutlich hörbaren Anklang seines Berner Dialekts, was einen besonderen, auch verlangsamten Klang hervorruft). Doch auch hier versteckt sich eine gewisse Geistigkeit, ein Durchdrungensein von Sprache. Seine Bilder sind dennoch direkter, tauchen sofort beim Lesen auf, benötigen kaum Geduld. Seine Sprache ist mitunter robuster, nicht so feinsinnig wie die Tanikawas.

„Die Tradition und der gesunde Menschenverstand
lagen in der Rehaklinik im gleichen Zimmer.
[…]

oder

„Sie vermissen einander zu verschiedenen Minuten,
deshalb elektrifiziert sich die Luft wohl nicht,
[…]

Beide schreiben in freien Versen, es sind 3-5 Zeilen, mehr nicht, denn beide beherrschen das Verdichten, machen aus großen oder kleinen Gedankenwolken ein stimmiges Wortkonzentrat., dass sich beim Lesen dann wieder ausdehnt, als sei es gewässert oder beatmet worden. Für den Stoff ihrer Gedichte greifen beide einfach nach Alltäglichem und verbinden es in einem Atemzug mit Ungewöhnlichem. Oft spiegelt sich bei Halter die Begegnung mit der fremden Stadt Tokio.

„Eine Sardine in der U-Bahn erschrak,
ob all der anderen Sardinen,
die plötzlich wie Menschen aussahen,

[…]

Die Dichter fokussieren beide Situationen, Erlebnisse oder Begegnungen, verdichten und geben die Essenz daraus wider.

„Was, schon sechs Uhr! Was, erst sechs Uhr!
Nichts Psychisches, nur eine Frage der Laune
[…]“

Obwohl sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, schaffen sie es sich in ihren Arbeiten zu begegnen und in einen Dialog zu treten. Der Eindruck, dass beide miteinander kommunizieren, sich wirklich aufeinander beziehen, stellt sich erst bei wiederholtem Lesen ein, ist nicht sofort ersichtlich. Dieser Band lädt ein zum Eintauchen, zum Verweilen; dabei bietet sich ein meditatives Versenken in die wunderbar integrierten feinen Zeichnungen an. Es braucht Zeit sich darauf einzulassen, oder vielleicht auch nur den einen richtigen Moment.

Der Band erschien im Wallstein Verlag.

 

Ulrike Bail: wie viele faden tief Conte Verlag

Gedichte übers Nähen? Wäre mir die Luxemburger Dichterin Ulrike Bail nicht durch zwei ihrer Gedichtbände bekannt, hätte ich wohl nicht zu diesem Titel gegriffen. Schon im Handarbeitsunterricht in der Schule stand ich mit Nähmaschinen auf Kriegsfuß. Dennoch ein Glück, dass ich sie gelesen habe, denn was die Lyrikerin aus verschiedenen Nahtformen, Nadelstichen und diversen Fäden macht, ist große Dichtkunst.

„du löst die nähte auf löst los die fasern am äußersten
rand des zettelkastens nistest du stoffkante an holz
über vertäuungen verzäunt fransen verse aus geheule
wie gehäuse flattern ins verlinkt unvertäut verflogt“

Es sind kurze Gedichte, die sprachlich und rhythmisch gut ausgeklügelt sind. Die Wortspielereien, die man mit Nadel und Faden machen kann, sind gelungen. Die Gedichte sind jeweils nach einer Nahtform oder einem Nähzubehör benannt. Sie treffen eigentlich immer den Nerv der Zeit. Denn dass es nicht „nur“ ums Nähen geht, ist gleich klar. Dass das Nähen und Weben und Sticheln auch auf andere Bereiche des Lebens übertragbar ist, das man es in der Natur und in Beziehungen findet, in den großen Zusammenhängen, zeigt Ulrike Bail sehr stimmig. Das Haptische, das Händische, die Fingerfertigkeit, das Handwerkliche – all das liest sich klangvoll heraus und hinein.

Immer finden sich Elemente aus der Natur. Vögel und Bienen fliegen und Wolken am Himmel. Der Lauf der Jahreszeiten spiegelt sich in den Versen. Der Sound der Nähmaschine im Ohr.

„zwischen mantelsaum und futter in den winter hinein
aus luftmaschen einen fadensteg schlagen eine sanfte
brücke aus vogelfederflaum ein federsteg im flug verfliegt
die zeit auf schneeweißem kopfsteg hoch über der stirn“

Das Nähen entpuppt sich hier beinahe als eine Kunstform, die sogar heilsam ist, indem sie Dinge zusammenfügen, Löcher stopfen, Ausgefranstes festigen und Gebrauchtes verschönern kann.

„farbe flieht aus dem kleid den tränen
nach fein gekräuseltem papier
inwendig markierter abwesenheit
färbte ein bedeckte haut kein gehen
zu ihren füßen pfützen vertrauerten lichts
nothing she wore could reflect the light“

Ulrike Bails Dichtung empfinde ich immer in einer tiefen Verbindung zu etwas „Höherem“, aber niemals abgehoben, immer gut im Hier verankert. Kontemplativ, meditativ, konzentriert trifft es, wie ich finde, recht gut.

Im letzten Drittel des Bandes finden sich noch Fotos von Collagen, die die Dichterin während des Schreibens gestaltet hat. Eine schöne Ergänzung zum Prozess der Entstehung. Wobei ich die Gedichte durchaus aussagekräftiger finde. Ich empfehle dieses Buch sehr. Es erschien im Conte Verlag. Danke für das Rezensionsexemplar!

Auf fixpoetry habe ich bereits Ulrike Bails Band „sterbezettel“ besprochen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

 

 

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!

 

 

Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2020

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

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Allen voran der Reclam Verlag mit einer Anthologie, die nur Lyrik von Frauen bzw. aus dem Blick von Frauen enthält. Eine sehr gute Idee, wie ich finde. Frauen / Lyrik beinhaltet Gedichte in deutscher Sprache, auch solche, die im Kanon bisher übersehen wurden. Auf 800 Seiten finden sich über 500 Gedichte, ausgewählt von der Literaturwissenschaftlerin Anna Bers. Der fadengeheftete Band mit Lesebändchen erscheint Ende September 2020.

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Vier Titel aus dem Suhrkamp Verlag, der einer der großen Verlage ist, die noch regelmäßig Lyrik verlegen.
Die Ikone der afroamerikanischen Literatur, Maya Angelou, hat auch Gedichte geschrieben. Im Text auf der Verlagsseite heißt es darüber: „Für Millionen Frauen in den USA begann das eigene Selbstvertrauen mit einem Gedicht von Maya Angelou.“ „Phänomenale Frauen“ enthält eine Auswahl ihrer Gedichte, erstmals in deutscher Übersetzung von Judith Zander. Erscheint am 12.10.2020 in einer Taschenbuchausgabe.
Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyers neuer Lyrikband klingt vielversprechend. Nach „Graphit“, das bereits 2014 erschien, kommt nun der Dämonenräumdienst. In den Texten, die strikt 40 Zeilen lang sind, treiben es allerlei mehr oder weniger bekannte Protagonisten recht bunt. Erscheint am 17.8.2020
Maria Stepanova, bekannt durch ihren Band „Nach dem Gedächtnis“, hat sich seit vielen Jahren in der Moskauer Lyrikszene einen Namen gemacht. Der zweisprachige Band Der Körper kehrt wieder beinhaltet drei Langgedichte, sowohl in Russisch, als auch in Deutsch, übersetzt von Olga Radetzkaja. Erscheint am 16.11.2020.
Serhij Zhadan aus der Ukraine hat mich mit seinem Roman „Internat“ begeistert. Nun freue ich mich auf neue Gedichte, übersetzt von Claudia Dathe, die sich wie immer auf die aktuelle Politik beziehen, aber diesmal auch auf den Tod des Vaters. „Antenne“ erscheint am 28.9.2020 in der edition suhrkamp.

»Der Wert eines Gedichts steigt im Winter / Vor allem in einem harten Winter. / Vor allem in einer leisen Sprache. / Vor allem in unberechenbaren Zeiten.«

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Im vielseitigen Wallstein Verlag erscheinen zwei Lyrikbände zweier bereits bekannter deutscher Dichterinnen. Zum Einen Plötzlich alles da“ von Dorothea Grünzweig, die zuletzt mit dem Kurt Sigel-Lyrikpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Die Dichterin, die in Finnland lebt, bezieht auch diese Sprache mit in ihre aus „kalkuliertem Wortzauber, von Klangmagie und sprachschöpferischer Lust“ (lt. Vorschautext) geprägte Dichtung mit ein.
Daniela Danz erhielt 2019 für Auszüge aus ihrem Manuskript von Wildniß“ den Deutschen Preis für Nature Writing. Beide Bände erscheinen am 27.7.2020.
Im Hanser Verlag erscheint am 21.9.2020 ein erster umfangreicherer Lyrikband der Polin Marzanna Kielar auf Deutsch. Der Vorschautext von „Lass uns die Nacht“ klingt vielversprechend:

Kielars Gedichte versuchen den Augenblick zu erhaschen, da die Gegenwart endlich aufgehoben ist: „Ich streife eine Ameise von meinem Fuß / und schaue, was sie macht mit dem geschenkten Leben, mit ihrem Tropfen Zeit.“

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Margaret Atwood kennen alle von ihrem Roman „Der Report der Magd“. Nun gibt es zum Buchmesse Gastland Thema Kanada eine Auswahl ihrer Gedichte von bekannten zeitgenössischen Lyriker*innen ins Deutsche übertragen. „Die Füchsin“ erscheint als zweisprachige Ausgabe am 12.10.2020 im Berlin Verlag.
Etwas sehr Besonderes ist sicher die illustrierte Ausgabe von Elke Lasker-Schülers Gedichtzyklus „Styx“. Bei Faber & Faber soll diese numerierte, limitierte Ausgabe mit Zeichnungen von Madeleine Heublein im September 2020 erscheinen.
Nach Ror Wolfs Tod hat nun Michael Lentz eine Auswahl an Gedichten aus dem riesigen Textarchiv in einen Band gebracht, der mit bisher unveröffentlichten Collagen des Künstlers und Dichters ergänzt wird. Mit großer Sicherheit ein Lesevergnügen! Erscheinen wird „Alles andre: ungewiß“ am 18.8.2020 im Schöffling Verlag.
Der Wunderhorn Verlag bringt jedes Jahr zum Buchmesse Gastland eine Lyrikanthologie heraus, so auch dieses Jahr zu Kanada. Das Buch aus der Reihe VERSSchmuggel beinhaltet Werke von 6 kanadischen Dichter*innen, die auf 6 deutsche Dichter*innen trafen und sich gegenseitig übersetzten. Ein kleiner Überblick über die aktuelle kanadische Lyrik. Erscheint im Oktober 2020.

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Aus dem Elif Verlag, der in diesem Jahr 10 Jahre besteht und der sich besonders stark für Lyrik einsetzt, gibt es zwei wunderbare Gedichtbände von Frauen. Beide erscheinen im September 2020. Zu „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt sagt der Verlag:

„Ein kräftiger Puls schlägt in den Gedichten von Elke Engelhardt, ein Rhythmus von stiller Intimität und staunender Einlassung auf die Welt. Profane Gebete sind diese Texte, ganz dem Diesseits zugeneigt und vorgebracht von einem lyrischen Ich, das mit beiden Händen fest auf dem Boden steht.“

Hoch interessant klingt auch der Band „Der Uterus ist groß wie eine Faust“ von der Brasilianerin Angélica Freitas. Es sind Gedichte in der Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Odile Kennel, die sich mit dem Thema Frau als Konstrukt befassen:

„Und dann dekliniert sie mit viel Verspieltheit alle Eigenschaften, die „Frau“ im Laufe der Jahrhunderte zugeordnet wurden, (schmutzig, hässlich, gut, dick, hübsch, sauber); Haltungen und Positionen, die sie in der Gesellschaft annehmen kann (Frau mit Besitz, respektable Frau, Frau auf Diät usw.); oder lässt Google herausfinden, was „Frau“ ist.“

Von der Luxemburgerin Ulrike Bail habe ich bereits zwei Lyrikbände besprochen. Ihre neuen Gedichte beschäftigen sich mit dem Nähen. Das stelle ich mir hochinteressant vor. Ergänzt werden die Texte mit zeitgleich entstandenen Collagen. Der Band „wie viele faden tief“ erscheint im August beim Conte Verlag.

Alle drei Titel konnte ich noch nicht direkt verlinken. Sobald möglich, ergänze ich.

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Der Kookbook Verlag mit immer sehr schön gestalteten Bänden bringt neue Lyrik von Karla Reimert, die sich in ihren Gedichten immer schon mit Politik und Gesellschaftskritik auseinandersetzte. Camp Zenith“ erscheint am 19.10.2020.
Von der Georgierin Diana Anfimiadi kommt der Lyrikband mit dem bezeichnenden Titel Warum ich keine Gedichte schreibe“. Gut, dass sie es dennoch tut, denn sie lesen sich ganz verzaubernd. Er erscheint am 1.10.2020 im Wieser Verlag und wurde übertragen ins Deutsche von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt (die bereits Lia Sturuas Enzephalogramm vorzüglich übersetzten).
Der vierte Lyrikband von Timo Brandt (einen habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen) mit dem Titel Nicht noch mal Legenden“ erscheint diesmal in der Edition Keiper und zwar am 18.9.2020.

Teilweise konnte ich leider bisher kein Coverfoto herunterladen, bzw. direkt verlinken. Wird ergänzt, sobald möglich.

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Und zu guter Letzt interessiert mich sehr die Interpretation einer Auswahl von Paul Celans Gedichten des Schauspielers Jens Harzer. „Eine Annäherung“ heißt das Hörbuch, das bei speak low im August erscheint.

 

 

 

 

Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

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Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Benjamin Myers: Offene See Dumont Verlag

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Auf der Bestsellerliste also. Platz 13. Eigentlich finden sich selten richtig gute Romane auf der Bestsellerliste. Dann schon eher an der SWR-Bestenliste orientieren, denke ich. Trotzdem bestellte ich „Offene See“ in meiner Bibliothek vor, um zumindest hineinzulesen. Die Welle auf dem Cover lockte. Gleich auf den ersten Seiten scheint mein Eindruck bestätigt: Gewollte missglückte Metaphern – so etwas ist für mich schwer erträglich:

“ … und ich kam an Kühen vorbei, deren Euter, wie Partyballons herumbaumelten“ […] und deren Rippen hervortraten wie die Rümpfe von gestrandeten Booten.“

oder

„Das graue Meer brüllte in der Ferne wie ein Fußballstadion, das eine Fehlentscheidung in der Nachspielphase erlebt, …“

Ich sehe in der Biographie des Autors, dass er auch Lyrik schreibt. Na gut. Vielleicht kann er das besser. Und doch lese ich weiter, irgendetwas lockt. Die Dialoge sind auch gut gelungen. Und sehr spät, auf Seite 148, kriegt er mich dann. Kein Wunder: es geht um ein gefundenes Manuskript einer Lyrikerin. Und wie Benjamin Myers da beschreibt, wie ein 16-jähriger das Gedichtelesen für sich entdeckt, was er dabei erlebt, das trifft es schon sehr gut. Das kann ich nachvollziehen. Als ich die genannte Dichterin google, erfahre ich, dass es sie tatsächlich gab: Romy Landau, 1912 in Bayern geboren, später in England lebend und erfolgreich mit ihrem Debütlyrikband von 1936 „The Emerald Chandelier“, doch als Deutsche mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgegrenzt. Ihr Manuskript „The Offing“, nach dem dieser Roman benannt ist, erschien posthum.

„Bis zu diesem Sommer war Lyrik eine Geheimsprache gewesen, die nur von vornehmen Leuten gesprochen wurde, […]
Jetzt jedoch tat sich mir dieses geheime Universum durch die Gedichte, die ich im Atelierhaus las, jeden Abend etwas weiter auf, und nirgends mehr als in den Worten, die John Clare, Landarbeiter und Prophet der Scholle, über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte.“

Der 16-jährige Robert erlebt den 2. Weltkrieg in Nordengland in einer Bergbaustadt und geht kurz nach dessen Ende 1946 auf eine Wanderung. Er will in die Natur, er will ans Meer, bevor er wie schon der Vater und Großvater zuvor Grubenarbeiter werden wird. Etwas in ihm sträubt sich gegen diesen vorgegebenen Lebenslauf. Auf einem kleinen Cottage an der Westküste begegnet er schließlich nach langem Wandern der weltoffenen Dulcie, die allein mit ihrem Schäferhund lebt und trotz der Nachkriegsarmut, die überall herrscht, über große Lebensmittelvorräte verfügt. Zwischen den beiden entwickeln sich Gespräche, die Robert zum Nachdenken anregen, die ihn auf Gedanken bringen, auf die er in heimatlicher Enge nie gekommen wäre. Er hilft ihr mit Arbeiten auf dem Grundstück mit Meerblick und sie kocht für ihn und bringt ihm manche Lektüre nahe.

Als Robert das kleine Gartenhaus, das Atelier, renoviert, entdeckt er ein Manuskript, liest die Gedichte und versenkt sich hinein. Hier spürt er zum ersten Mal, was es mit Gedichten wirklich auf sich haben könnte (unter anderem liest er auch John Clare, von dem ich hier bereits einen Band besprochen habe). Nach und nach erzählt ihm Dulcie von der Herkunft des Manuskripts …

Und hier an dieser Stelle wundere ich mich ein wenig. Ein Roman, in dem es um Lyrik geht auf der Bestsellerliste? Okay. Wahrscheinlich liegt es an der bezaubernden Landschaft, am Nature Writing„, was ja sehr beliebt ist und hier mit Ausnahmen (siehe oben) ja durchaus funktioniert. Und doch wünsche ich mir sehr, dass die, die das Buch gekauft und damit auf die Bestsellerliste gebracht haben, auch entflammen und sich wie Robert mutig ans Lyriklesen wagen. Und wenn dann ein Bruchteil davon ähnliche Initiationserlebnisse hätte wie er, wäre schon viel gewonnen. Denn Lyrik ist ein Geschenk, Lyrik birgt Geheimnisse, die man in keinem Roman findet. Lyrik leuchtet und dieses Buch insofern schlussendlich mit ihr!

Der Roman des 1976 geborenen Engländers Benjamin Myers erschien im Dumont Verlag. Übersetzt haben ihn Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

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Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

 

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„Die Grand Tour war, vor allem im 18. Jahrhundert, die klassische Bildungsreise für junge Adelige, aber auch für Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Italien, mitunter aber auch nach Paris und London, nach Athen, Istanbul und Amsterdam, um die dortige Architektur, Kunst und Kultur kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Erlernte und Erlesene durch sinnliche Erfahrungen vor Ort ergänzen und vervollkommnen zu können, was Monate, manchmal Jahre dauern konnte.“

Eine ganze Weile liegt die umfangreiche bereits 2019 erschienene Lyrik-Anthologie „Grand Tour“ nun schon hier und gerade zur Zeit, da Reisen selbst in Europa derzeit noch schwierig sind und es wieder Grenzkontrollen gibt, nehme ich sie immer wieder zur Hand. Tatsächlich fällt es mir derzeit auch leichter Lyrik zu lesen als Prosa. Womöglich liegt es an der schönen Abstraktheit oder an der Möglichkeit, mich als Leserin viel weiter „auszudehnen“ als im Roman.

„Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden.“

Die Herausgeber des Bandes sind Jan Wagner, kein Unbekannter, spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2015, und Federico Italiano, ebenfalls wie Wagner Dichter und Übersetzer. Aus einem unter Lyrikern bei einem Poesiefestival entsponnenen Vorhaben wurde ein umfangreicher Band kreiert, der wirklich einen schönen Einblick in die Lyrik unserer europäischen Nachbarn gibt. Viel Arbeit war es. Mehrere Jahre haben beide Herausgeber über Inhalte diskutiert, beraten, gestritten und entschieden. Zunächst aus der Ferne dann im Zwiegespräch. Beide erzählen darüber im aufschlussreichen Vorwort. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war hinlänglich am Gelingen beteiligt.

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme. Einzig eine Einschränkung gibt es: Es wurde entschieden, um den Begriff „junge Lyrik“ einzugrenzen, eine Altersgrenze bis zum Jahrgang 1967/68 zu setzen.

Schnell ist das Jahrhundert. Wir überleben die leichten
Erdbeben,
indem wir in den Himmel schauen statt auf die Erde.
Wir öffnen die Fenster, um Luft hereinzulassen
von den Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.
Kriege existieren nicht, weil täglich jemand
unser Herz verletzt. Schnell ist das Jahrhundert.
Schneller als das Wort.
Wäre ich tot, würden mir alle glauben,
wenn ich schwiege.“

Nikola Madzirov – Alexander Sitzmann

Eine riesige Fülle an Dichtern und Übersetzern sind an diesem Projekt beteiligt gewesen. Ein besonders reger Austausch entstand zwischen den Nationen, der durch den Rahmen von Poesiefestivals ohnehin gegeben ist. Länder- und sprachübergreifend wurde gearbeitet. Erkennbar ist auch, wie viele der Autor*innen ohnehin in mehreren Gegenden und/oder Sprachen zuhause sind und wie kurz zum Glück die Wege durch das heutige Europa geworden sind. Die Themen sind vielseitig und vielschichtig, durchaus auch gesellschaftskritisch und politisch engagiert. Die folgend abgebildeten 3 Texte kommen von Dichter*innen, von denen ich auch bereits Bücher auf dem Blog besprochen habe (siehe link):

Wer Lust darauf hat Lyrik zu entdecken und noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll, dem sei dieses feine Buch als Wegweiser ans Herz gelegt. Lyrik leuchtet!

Grand Tour erschien im Hanser Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch der Beitrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch: