Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!

 

 

Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2020

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

978-3-15-011305-9.jpg reclam lyrik

 

Allen voran der Reclam Verlag mit einer Anthologie, die nur Lyrik von Frauen bzw. aus dem Blick von Frauen enthält. Eine sehr gute Idee, wie ich finde. Frauen / Lyrik beinhaltet Gedichte in deutscher Sprache, auch solche, die im Kanon bisher übersehen wurden. Auf 800 Seiten finden sich über 500 Gedichte, ausgewählt von der Literaturwissenschaftlerin Anna Bers. Der fadengeheftete Band mit Lesebändchen erscheint Ende September 2020.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

 

Vier Titel aus dem Suhrkamp Verlag, der einer der großen Verlage ist, die noch regelmäßig Lyrik verlegen.
Die Ikone der afroamerikanischen Literatur, Maya Angelou, hat auch Gedichte geschrieben. Im Text auf der Verlagsseite heißt es darüber: „Für Millionen Frauen in den USA begann das eigene Selbstvertrauen mit einem Gedicht von Maya Angelou.“ „Phänomenale Frauen“ enthält eine Auswahl ihrer Gedichte, erstmals in deutscher Übersetzung von Judith Zander. Erscheint am 12.10.2020 in einer Taschenbuchausgabe.
Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyers neuer Lyrikband klingt vielversprechend. Nach „Graphit“, das bereits 2014 erschien, kommt nun der Dämonenräumdienst. In den Texten, die strikt 40 Zeilen lang sind, treiben es allerlei mehr oder weniger bekannte Protagonisten recht bunt. Erscheint am 17.8.2020
Maria Stepanova, bekannt durch ihren Band „Nach dem Gedächtnis“, hat sich seit vielen Jahren in der Moskauer Lyrikszene einen Namen gemacht. Der zweisprachige Band Der Körper kehrt wieder beinhaltet drei Langgedichte, sowohl in Russisch, als auch in Deutsch, übersetzt von Olga Radetzkaja. Erscheint am 16.11.2020.
Serhij Zhadan aus der Ukraine hat mich mit seinem Roman „Internat“ begeistert. Nun freue ich mich auf neue Gedichte, übersetzt von Claudia Dathe, die sich wie immer auf die aktuelle Politik beziehen, aber diesmal auch auf den Tod des Vaters. „Antenne“ erscheint am 28.9.2020 in der edition suhrkamp.

»Der Wert eines Gedichts steigt im Winter / Vor allem in einem harten Winter. / Vor allem in einer leisen Sprache. / Vor allem in unberechenbaren Zeiten.«

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Im vielseitigen Wallstein Verlag erscheinen zwei Lyrikbände zweier bereits bekannter deutscher Dichterinnen. Zum Einen Plötzlich alles da“ von Dorothea Grünzweig, die zuletzt mit dem Kurt Sigel-Lyrikpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Die Dichterin, die in Finnland lebt, bezieht auch diese Sprache mit in ihre aus „kalkuliertem Wortzauber, von Klangmagie und sprachschöpferischer Lust“ (lt. Vorschautext) geprägte Dichtung mit ein.
Daniela Danz erhielt 2019 für Auszüge aus ihrem Manuskript von Wildniß“ den Deutschen Preis für Nature Writing. Beide Bände erscheinen am 27.7.2020.
Im Hanser Verlag erscheint am 21.9.2020 ein erster umfangreicherer Lyrikband der Polin Marzanna Kielar auf Deutsch. Der Vorschautext von „Lass uns die Nacht“ klingt vielversprechend:

Kielars Gedichte versuchen den Augenblick zu erhaschen, da die Gegenwart endlich aufgehoben ist: „Ich streife eine Ameise von meinem Fuß / und schaue, was sie macht mit dem geschenkten Leben, mit ihrem Tropfen Zeit.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Margaret Atwood kennen alle von ihrem Roman „Der Report der Magd“. Nun gibt es zum Buchmesse Gastland Thema Kanada eine Auswahl ihrer Gedichte von bekannten zeitgenössischen Lyriker*innen ins Deutsche übertragen. „Die Füchsin“ erscheint als zweisprachige Ausgabe am 12.10.2020 im Berlin Verlag.
Etwas sehr Besonderes ist sicher die illustrierte Ausgabe von Elke Lasker-Schülers Gedichtzyklus „Styx“. Bei Faber & Faber soll diese numerierte, limitierte Ausgabe mit Zeichnungen von Madeleine Heublein im September 2020 erscheinen.
Nach Ror Wolfs Tod hat nun Michael Lentz eine Auswahl an Gedichten aus dem riesigen Textarchiv in einen Band gebracht, der mit bisher unveröffentlichten Collagen des Künstlers und Dichters ergänzt wird. Mit großer Sicherheit ein Lesevergnügen! Erscheinen wird „Alles andre: ungewiß“ am 18.8.2020 im Schöffling Verlag.
Der Wunderhorn Verlag bringt jedes Jahr zum Buchmesse Gastland eine Lyrikanthologie heraus, so auch dieses Jahr zu Kanada. Das Buch aus der Reihe VERSSchmuggel beinhaltet Werke von 6 kanadischen Dichter*innen, die auf 6 deutsche Dichter*innen trafen und sich gegenseitig übersetzten. Ein kleiner Überblick über die aktuelle kanadische Lyrik. Erscheint im Oktober 2020.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Aus dem Elif Verlag, der in diesem Jahr 10 Jahre besteht und der sich besonders stark für Lyrik einsetzt, gibt es zwei wunderbare Gedichtbände von Frauen. Beide erscheinen im September 2020. Zu „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt sagt der Verlag:

„Ein kräftiger Puls schlägt in den Gedichten von Elke Engelhardt, ein Rhythmus von stiller Intimität und staunender Einlassung auf die Welt. Profane Gebete sind diese Texte, ganz dem Diesseits zugeneigt und vorgebracht von einem lyrischen Ich, das mit beiden Händen fest auf dem Boden steht.“

Hoch interessant klingt auch der Band „Der Uterus ist groß wie eine Faust“ von der Brasilianerin Angélica Freitas. Es sind Gedichte in der Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Odile Kennel, die sich mit dem Thema Frau als Konstrukt befassen:

„Und dann dekliniert sie mit viel Verspieltheit alle Eigenschaften, die „Frau“ im Laufe der Jahrhunderte zugeordnet wurden, (schmutzig, hässlich, gut, dick, hübsch, sauber); Haltungen und Positionen, die sie in der Gesellschaft annehmen kann (Frau mit Besitz, respektable Frau, Frau auf Diät usw.); oder lässt Google herausfinden, was „Frau“ ist.“

Von der Luxemburgerin Ulrike Bail habe ich bereits zwei Lyrikbände besprochen. Ihre neuen Gedichte beschäftigen sich mit dem Nähen. Das stelle ich mir hochinteressant vor. Ergänzt werden die Texte mit zeitgleich entstandenen Collagen. Der Band „wie viele faden tief“ erscheint im August beim Conte Verlag.

Alle drei Titel konnte ich noch nicht direkt verlinken. Sobald möglich, ergänze ich.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Der Kookbook Verlag mit immer sehr schön gestalteten Bänden bringt neue Lyrik von Karla Reimert, die sich in ihren Gedichten immer schon mit Politik und Gesellschaftskritik auseinandersetzte. Camp Zenith“ erscheint am 19.10.2020.
Von der Georgierin Diana Anfimiadi kommt der Lyrikband mit dem bezeichnenden Titel Warum ich keine Gedichte schreibe“. Gut, dass sie es dennoch tut, denn sie lesen sich ganz verzaubernd. Er erscheint am 1.10.2020 im Wieser Verlag und wurde übertragen ins Deutsche von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt (die bereits Lia Sturuas Enzephalogramm vorzüglich übersetzten).
Der vierte Lyrikband von Timo Brandt (einen habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen) mit dem Titel Nicht noch mal Legenden“ erscheint diesmal in der Edition Keiper und zwar am 18.9.2020.

Teilweise konnte ich leider bisher kein Coverfoto herunterladen, bzw. direkt verlinken. Wird ergänzt, sobald möglich.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

20200709_1321497342349144174816216.jpg

 

Und zu guter Letzt interessiert mich sehr die Interpretation einer Auswahl von Paul Celans Gedichten des Schauspielers Jens Harzer. „Eine Annäherung“ heißt das Hörbuch, das bei speak low im August erscheint.

 

 

 

 

Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

20200430_224443-14043347603228518956.jpg

Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Benjamin Myers: Offene See Dumont Verlag

csm_9783832181192_75c3af9e1b.jpg offene see

Auf der Bestsellerliste also. Platz 13. Eigentlich finden sich selten richtig gute Romane auf der Bestsellerliste. Dann schon eher an der SWR-Bestenliste orientieren, denke ich. Trotzdem bestellte ich „Offene See“ in meiner Bibliothek vor, um zumindest hineinzulesen. Die Welle auf dem Cover lockte. Gleich auf den ersten Seiten scheint mein Eindruck bestätigt: Gewollte missglückte Metaphern – so etwas ist für mich schwer erträglich:

“ … und ich kam an Kühen vorbei, deren Euter, wie Partyballons herumbaumelten“ […] und deren Rippen hervortraten wie die Rümpfe von gestrandeten Booten.“

oder

„Das graue Meer brüllte in der Ferne wie ein Fußballstadion, das eine Fehlentscheidung in der Nachspielphase erlebt, …“

Ich sehe in der Biographie des Autors, dass er auch Lyrik schreibt. Na gut. Vielleicht kann er das besser. Und doch lese ich weiter, irgendetwas lockt. Die Dialoge sind auch gut gelungen. Und sehr spät, auf Seite 148, kriegt er mich dann. Kein Wunder: es geht um ein gefundenes Manuskript einer Lyrikerin. Und wie Benjamin Myers da beschreibt, wie ein 16-jähriger das Gedichtelesen für sich entdeckt, was er dabei erlebt, das trifft es schon sehr gut. Das kann ich nachvollziehen. Als ich die genannte Dichterin google, erfahre ich, dass es sie tatsächlich gab: Romy Landau, 1912 in Bayern geboren, später in England lebend und erfolgreich mit ihrem Debütlyrikband von 1936 „The Emerald Chandelier“, doch als Deutsche mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgegrenzt. Ihr Manuskript „The Offing“, nach dem dieser Roman benannt ist, erschien posthum.

„Bis zu diesem Sommer war Lyrik eine Geheimsprache gewesen, die nur von vornehmen Leuten gesprochen wurde, […]
Jetzt jedoch tat sich mir dieses geheime Universum durch die Gedichte, die ich im Atelierhaus las, jeden Abend etwas weiter auf, und nirgends mehr als in den Worten, die John Clare, Landarbeiter und Prophet der Scholle, über ein Jahrhundert zuvor geschrieben hatte.“

Der 16-jährige Robert erlebt den 2. Weltkrieg in Nordengland in einer Bergbaustadt und geht kurz nach dessen Ende 1946 auf eine Wanderung. Er will in die Natur, er will ans Meer, bevor er wie schon der Vater und Großvater zuvor Grubenarbeiter werden wird. Etwas in ihm sträubt sich gegen diesen vorgegebenen Lebenslauf. Auf einem kleinen Cottage an der Westküste begegnet er schließlich nach langem Wandern der weltoffenen Dulcie, die allein mit ihrem Schäferhund lebt und trotz der Nachkriegsarmut, die überall herrscht, über große Lebensmittelvorräte verfügt. Zwischen den beiden entwickeln sich Gespräche, die Robert zum Nachdenken anregen, die ihn auf Gedanken bringen, auf die er in heimatlicher Enge nie gekommen wäre. Er hilft ihr mit Arbeiten auf dem Grundstück mit Meerblick und sie kocht für ihn und bringt ihm manche Lektüre nahe.

Als Robert das kleine Gartenhaus, das Atelier, renoviert, entdeckt er ein Manuskript, liest die Gedichte und versenkt sich hinein. Hier spürt er zum ersten Mal, was es mit Gedichten wirklich auf sich haben könnte (unter anderem liest er auch John Clare, von dem ich hier bereits einen Band besprochen habe). Nach und nach erzählt ihm Dulcie von der Herkunft des Manuskripts …

Und hier an dieser Stelle wundere ich mich ein wenig. Ein Roman, in dem es um Lyrik geht auf der Bestsellerliste? Okay. Wahrscheinlich liegt es an der bezaubernden Landschaft, am Nature Writing„, was ja sehr beliebt ist und hier mit Ausnahmen (siehe oben) ja durchaus funktioniert. Und doch wünsche ich mir sehr, dass die, die das Buch gekauft und damit auf die Bestsellerliste gebracht haben, auch entflammen und sich wie Robert mutig ans Lyriklesen wagen. Und wenn dann ein Bruchteil davon ähnliche Initiationserlebnisse hätte wie er, wäre schon viel gewonnen. Denn Lyrik ist ein Geschenk, Lyrik birgt Geheimnisse, die man in keinem Roman findet. Lyrik leuchtet und dieses Buch insofern schlussendlich mit ihr!

Der Roman des 1976 geborenen Engländers Benjamin Myers erschien im Dumont Verlag. Übersetzt haben ihn Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Die dunkle Nacht der Seele – Psychische Erkrankungen in Roman und Lyrik

The_Scream_by_Edvard_Munch,_1893_-_Nasjonalgalleriet

Wenn ich so meine Besprechungen der letzten 5 Jahre überblicke, finde ich immer wieder das Thema Psyche: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Mich interessieren diese Themen brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft autobiographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute, nach „Kunst im Buch“, ein Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in der Lyrik habe ich Hervorragendes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur Besprechung.

Depression

Allen voran der große amerikanische Autor David Foster Wallace, der in seinem frühen Text über seine beginnenden Depressionen als „die üble Sache“ schreibt. David Vann, der in seinem neuesten Roman sehr anschaulich über die Depression seines Vaters schreibt. Connie Palmen, die aus der Sicht Ted Hughes auf Depression und Suizid Sylvia Plaths blickt. Die Sprachzauberin Merethe Lindstrøm, die über Depressionen in Familienkonstellationen schreibt und zuletzt gelesen und aktuell ganz neu: Benjamin Maacks sehr persönliches Buch über die eigenen Depressionen.

andere psychische Erkrankungen

Nancy Hünger schreibt sich mit ihren Gedichten ausdrucksstark in den Selbstverlust einer Frau ein. Die Amerikanerin Julia Cohen schreibt in poetischer Form außergewöhnlich über die eigene (oder die des lyrischen Ichs) Psychotherapie. Akwaeke Emezi erzählt den abgründigen Weg einer seit der Kindheit traumatisierten jungen Frau. Der Lyriker und Romanautor John Burnside schreibt umfassend über eine ganz und gar labile Persönlichkeit. Und der Finne Juha Hurme lässt sich mit seinem „ver-rückten“ Romanhelden durch die Abteilungen einer psychiatrischen Klinik treiben.

Psychiatrie und Psychoanalyse, wie sie einmal war und zum Glück nicht mehr ist

Hier begleiten wir die wohl erste investigative Journalistin der USA, Nelly Bly, die sich 1887 für ihre Recherche freiwillig für 10 Tage ins „Irrenhaus“ einweisen ließ. Die großartige Lyrikerin Christine Lavant lebte nach einem Suizidversuch für 6 Wochen in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt und schrieb 1946, 11 Jahre später, über diese Zeit als 20-jährige. Auf der finnischen Schäreninsel Själö befand sich eine Nervenheilanstalt. Johanna Holmström erzählt aus dem Leben zweier Frauen, die dort 1891 und 1931 eingeliefert wurden. Katharina Adler schreibt in ihrem Roman über ihre Urgroßmutter, die auf der Couch Sigmund Freuds lag und unter dem Namen „Dora“ als Hysterie-Patientin bekannt wurde. Und die Norwegerin Amalie Skram erzählt von einer Malerin, die unter der Doppelbelastung Familie/Künstlerin einen Zusammenbruch erleidet und 1894 von ihrem Mann in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Alle diese Bücher sind auch ohne den speziellen Fokus Psyche uneingeschränkt zu empfehlen. Über weitere Tipps zum Thema würde ich mich freuen.

 

 

Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

 

20200515_1441338096879022845935490.jpg

„Die Grand Tour war, vor allem im 18. Jahrhundert, die klassische Bildungsreise für junge Adelige, aber auch für Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Italien, mitunter aber auch nach Paris und London, nach Athen, Istanbul und Amsterdam, um die dortige Architektur, Kunst und Kultur kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Erlernte und Erlesene durch sinnliche Erfahrungen vor Ort ergänzen und vervollkommnen zu können, was Monate, manchmal Jahre dauern konnte.“

Eine ganze Weile liegt die umfangreiche bereits 2019 erschienene Lyrik-Anthologie „Grand Tour“ nun schon hier und gerade zur Zeit, da Reisen selbst in Europa derzeit noch schwierig sind und es wieder Grenzkontrollen gibt, nehme ich sie immer wieder zur Hand. Tatsächlich fällt es mir derzeit auch leichter Lyrik zu lesen als Prosa. Womöglich liegt es an der schönen Abstraktheit oder an der Möglichkeit, mich als Leserin viel weiter „auszudehnen“ als im Roman.

„Vielleicht ist die uralte, bis in mythische Zeiten zurückgreifende, aber immer noch bemerkenswert lebendige Form des Gedichts nicht das schlechteste Mittel um festzustellen, an welchem Punkt des Weges hin zu jenem Ort oder Zustand, zu einem idealen Europa, wir uns befinden.“

Die Herausgeber des Bandes sind Jan Wagner, kein Unbekannter, spätestens seit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2015, und Federico Italiano, ebenfalls wie Wagner Dichter und Übersetzer. Aus einem unter Lyrikern bei einem Poesiefestival entsponnenen Vorhaben wurde ein umfangreicher Band kreiert, der wirklich einen schönen Einblick in die Lyrik unserer europäischen Nachbarn gibt. Viel Arbeit war es. Mehrere Jahre haben beide Herausgeber über Inhalte diskutiert, beraten, gestritten und entschieden. Zunächst aus der Ferne dann im Zwiegespräch. Beide erzählen darüber im aufschlussreichen Vorwort. Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war hinlänglich am Gelingen beteiligt.

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme. Einzig eine Einschränkung gibt es: Es wurde entschieden, um den Begriff „junge Lyrik“ einzugrenzen, eine Altersgrenze bis zum Jahrgang 1967/68 zu setzen.

Schnell ist das Jahrhundert. Wir überleben die leichten
Erdbeben,
indem wir in den Himmel schauen statt auf die Erde.
Wir öffnen die Fenster, um Luft hereinzulassen
von den Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.
Kriege existieren nicht, weil täglich jemand
unser Herz verletzt. Schnell ist das Jahrhundert.
Schneller als das Wort.
Wäre ich tot, würden mir alle glauben,
wenn ich schwiege.“

Nikola Madzirov – Alexander Sitzmann

Eine riesige Fülle an Dichtern und Übersetzern sind an diesem Projekt beteiligt gewesen. Ein besonders reger Austausch entstand zwischen den Nationen, der durch den Rahmen von Poesiefestivals ohnehin gegeben ist. Länder- und sprachübergreifend wurde gearbeitet. Erkennbar ist auch, wie viele der Autor*innen ohnehin in mehreren Gegenden und/oder Sprachen zuhause sind und wie kurz zum Glück die Wege durch das heutige Europa geworden sind. Die Themen sind vielseitig und vielschichtig, durchaus auch gesellschaftskritisch und politisch engagiert. Die folgend abgebildeten 3 Texte kommen von Dichter*innen, von denen ich auch bereits Bücher auf dem Blog besprochen habe (siehe link):

Wer Lust darauf hat Lyrik zu entdecken und noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll, dem sei dieses feine Buch als Wegweiser ans Herz gelegt. Lyrik leuchtet!

Grand Tour erschien im Hanser Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch der Beitrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Buch:

 

 

Nancy Hünger: 4 Uhr kommt der Hund Edition Azur

20200413_1625354655464741020857747.jpg

Den Hund kennt man bereits. Der „schwarze Hund“ ist zum Symbol für die Krankheit Depression geworden. Bereits Winston Churchill sprach über seine Depressionen als Schwarzer Hund. Und außer einem kleinen Bilderbüchlein für Erwachsene, welches ich nicht wirklich gelungen finde, hat auch der an Depressionen erkrankte australische Lyriker Les Murray über den „Schwarzen Hund“ geschrieben. Nancy Hünger spricht nur vom Hund, der ihre Heldin regelmäßig in der Nacht um 4 Uhr besuchen kommt.

                                                                    „… bei aller
anstrengung war das anziehen urplötzlich unmöglich
und ich fand nicht mehr hinaus aus dieser nacht die
dem tag glich der der nacht glich und immer so fort
und so weiter urplötzlich unmöglich“

Hünger hat einen sprachlich herausragenden poetischen Band geschrieben. Die Thematik ist keine einfache. Aber die Herangehensweise, damit umzugehen oder zumindest im Nachhinein darüber zu reflektieren ist möglicherweise eine ideale. Die kurzen Sequenzen bilden letztlich eine Einheit und sind aber jede für sich Sprachkonstrukte von besonderer Art. Die Worte reihen sich aneinander, sind im Fluß ohne Punkt und Komma. Die Gedanken sprudeln unaufhörlich, vermeintlich wirr, doch bei wiederholtem Lesen entstehen Zusammenhänge von ganz allein.

                                                           „… jenseits der grenze sind
wir nun ein seltsam fremdes aus seltsam fremden tieren die
einsam immer kleinere runden drehen in den immer
kleineren zimmern die schnüren uns noch die luft schnüren
die uns ab bei lebendigem bewusstsein schnüren wir über
den hof wie kleine halbverhungerte rauchende tiere im zoo
ist man frei denken wir oft dass wir einmal menschen
gewesen sein müssen irgendwie frei bis auf das hemd das
uns trug als wir noch menschen waren die vor einer grenze
standen“

Es geht um eine Frau, die in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie kommt. Der Eindruck, der beim Lesen entsteht, lässt einen psychischen Zusammenbruch vermuten. Es scheint um eine zerbrochene Beziehung zu gehen. Eine, die glücklich begann, aber unglücklich für die Protagonistin endete. Man könnte aus dem Gelesenen schlussfolgern, dass es sich um eine toxische Beziehung handelte, in der auch Gewalt vorkam, physisch, psychisch und/oder emotional …

Es klingt an, dass die Frau sich vollkommen verloren hat in dieser Verbindung und sinnbildlich nur noch ganz klein ist. Das manifestiert sich aber auch im Körper, der offenbar immer mehr Gewicht verliert. Zumindest stellt das die „Wiegerin“ fest, die täglich nachprüft, ob es denn mehr geworden ist. Denn wenn es nicht mehr wird, gibt es keine Aussicht auf Ausgang, keine Aussicht auf Freiheit. Und dann kommt eben nachts um 4 Uhr der Hund. Und Albträume und der Wunsch nach dem Nicht-mehr-Dasein.

                                                  „ha ha sagen die Kittel c‘ est la vie
oder positiv denken positiv verrecken ha ha
gruppentherapie das leben hat auch schattenseiten carpe
mortem genieße auch die kleinen leiden lerne dich selbst zu
hassen sorge dich nicht sterbe einfach schuldig an dir
selbst“

Es ist so beeindruckend wie die Dichterin diese Erlebnisse sprachlich behandelt. Wie die Worte wirken, wenn sie aus einem gebrochenen Körper, einer verletzten Seele kommen. „Ein unglückliches Sprechen“ heißt es auch im Untertitel. Da kommen Wörter vor wie „Schelf“ oder die „katabatischen Winde“, die ich nicht kannte. Schelf ist ein Begriff aus der Geologie und der Ozeanografie. Katabatische Winde sind z. B. der Mistral oder die Bora, also recht kalte Winde. Und die innerlichen Zustände als Wetter- oder Naturphänomene zu benennen ist da so abwegig nicht.

Ergänzt wird der durchweg kleingeschriebene Text mit Zeichnungen von Tommy Reinhardt, die ebenso überraschen, wie die Worte. Mit Bleistift oder Graphit skizzierte Dinge oder Personen befinden sich jeweils an einigen Stellen in Auflösung, was eine unheimliche Stimmung auslöst, die durchaus zum Geschriebenen passt.

Nancy Hüngers Lyrikband erschien im Verlag Edition Azur. Mehr über die Autorin und ihre bisherigen Bücher gibt es auf der Verlagsseite. Meine Besprechung zum vorherigen Lyrikband „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“ gibt es auf fixpoetry.

Marion Poschmann: Nimbus Suhrkamp Verlag

20200412_1940026575857542949223887.jpg

„Was ist Dunkelheit? Eine Beruhigung, daß etwas endet,
was lange zunahm, zuviel wurde, Wald wurde, Wildnis, was
weiter wucherte, bis es sich endlich lückenlos schloß,
schwarzer Waldwürfel, Wildnisklotz, eine Vitrine, vollkommen
ausgefüllt mit der Behauptung von tiefer Nacht.“

Als Marion Poschmann Ende Februar ihren neuen Gedichtband im Literarischen Colloqium Berlin vorstellte, war ich wieder einmal überrascht von der Vielseitigkeit dieser Autorin. Nach „Geliehene Landschaften“ und dem Roman „Die Kieferninseln“ begibt sie sich mit den neuen Gedichten in die Welt des Wettergeschehens, des Klimas und der Landschaften, immer im Zwiespalt zwischen Höheren Kräften und Wissenschaft. Der Autor Christoph Peters unterhielt sich mit der Lyrikerin über ihre Gedichte und brachte passend zu den „Seladon-Oden“ eigene Seladon-Keramik aus China und Korea mit.

„Seladon ist die Farbe, die Jade nachahmt,
die Farbe, die sich aus der Welt zurückzieht,
das Flüstern von einem nach innen gekehrten Meer – „

Wie es zu dem Kapitel kam, erzählte Poschmann anschaulich: Ein französischer Barockroman mit einem Schäfer namens Seladon und die farbige Glasur der Keramik in Seladon-Farben, ein changierendes Graugrün, nicht klar definierbar, manchmal ins Bläuliche gehend. Faszinierende Texte sind daraus entstanden.


Poschmann ist eine Forscherin und eine Reisende im Namen des Lyrischen Ichs. So erzählte sie von ihrer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee (auf dem Blog Allons Enfants kann man darüber lesen) zusammen mit der französischen Autorin Celine Minard (ihren Roman „Das große Spiel“ kann ich sehr empfehlen) nach der die Kapitel „Transsib“ und „Sibirischer Tierstil“ entstanden. Im letztgenannten Kapitel geht es eisig zu. Poschmann hatte wohl von den „Top-Eis- und Schneefestivals der nördlichen Hemisphäre“ (= auch der Titel eines Gedichts) die Idee der Eisfiguren mitgebracht und überraschte mit einigen selbstgeformten Eisplastiken, die leider aufgrund der milden Temperaturen sehr schnell schmolzen (Klimawandel im Kleinen):
„ich taute Grönland auf mit meinem Blick, ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll der Andacht überflog.“


Die Dichterin, die wenig jünger ist als ich, schreibt im Kapitel „
Wettermachen“ von häuslichen Szenen, die mich sehr an meine eigene Kindheit erinnern: „Seltsam, daß Dinge wie Haarspray mit mir zusammen auf die Welt kamen“ und bringt dabei gleich ganz subtil eine Umweltkritik unter, in dem sie weiterschreibt: 

                         „Meine Kindheit jene der Tetrapaks,
Plastiktüten und Kühltruhen. Letztens erst trieben
im Müllstrudel Tausende Überraschungseikapseln
mit Spielzeug gefüllt an den Strand von Langeoog.“

Bald danach ist vom Staubsaugen die Rede und womöglich hat noch nie jemand so gelungen eine Hausarbeit verdichtet:

„Ich führe das gierige Tier auf die Weide. Ein Schlauch
voller Anmut, gebogener Nacken, das Kabelschwänzchen
erst ängstlich zwischen die Räder geklemmt, dann
nur noch gefräßig, und lange äste es zwischen den
Teppichfransen.“

Der Buchtitel, Nimbus, aus dem Lateinischen für „dunkle Wolke“, bedeutet gleichzeitig aber auch Heiligenschein, weist auf die Symbolkraft hin, die Poschmann in jedem ihrer Bücher gerne umkreist. Diesmal geht es dann auch um Wolkenformationen – Cumolonimbus – und Wasser, fließend oder gefroren und um Farben, vielfach um die Farbe Weiß in all ihren Variationen, aber auch um Schwarz, das absolute Dunkel. Hierbei spielt sie auch dazu passend mit den verschiedenen Gedichtformen, so das es immer stimmig durchgearbeitete Verse sind.

Marion Poschmanns zeigt in diesem Band aufs Schönste, dass man Gedichte über die Natur sehr wohl mit Zeitkritischem verbinden kann und dabei nicht explizit politische Gedichte schreiben muss, um auf die relevanten Themen unserer Zeit hinzuweisen. Dass ihr das bravourös gelingt, weist auf ihr feines Gespür und ihr überragendes Können als Lyrikerin hin. Ein Leuchten!

„Nimbus“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Aras Ören: Berliner Trilogie Verbrecher Verlag

20200405_1824531750972258883821646.jpg

Aras Örens drei Poeme aus den 70er und 80er Jahren sind nun in einem Band zusammengefasst neu erschienen. Der 1939 in Istanbul geborene Autor, Journalist und Schauspieler lebt seit 1969 in Berlin und hat für diese Ausgabe ein kurzes Vorwort geschrieben. Seine Texte schrieb er auf Türkisch, sie wurden übersetzt von H. Achmed Schmiede, Johannes Schenk, Jürgen Theobaldy und Gisela Kraft.

Die „Berliner Trilogie“ unterteilt sich in die drei Kapitel „Was will Niyazi in der Naunynstraße?“, „Der kurze Traum aus Kagithane“ und „Die Fremde ist auch ein Haus“. Figuren aus dem ersten Kapitel tauchen auch in den folgenden wieder auf. Ören beginnt ausgehend von einem Mietshaus in der Naunynstraße in Berlin Kreuzberg die Geschichte seiner Bewohner zu erzählen. Überwiegend sind es türkische Gastarbeiter, die hier wohnen. Die Miete ist bezahlbar und der Arbeitstag lang. So lernen wir gleich eingangs Niyazi Gümüşkiliç kennen. Anhand seiner Lebensgeschichte erkunden wir die Geschichten der im Haus und in der Straße lebenden Menschen. Ören erzählt nicht chronologisch und auch nicht sachlich. Seine Texte sind Poesie und durch diese Form sehr dicht und von eigentümlicher Schönheit. Diese teils düsteren, teils aufleuchtenden Geschichten in Lyrikform zu lesen ist ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

„Es schneit in Berlin.
Die Temperatur ist 3 Grad unter Null.
Die Naunynstraße ist zugefroren.
Ihre Häuser sind fertig zum Aufwachen.

Niyazi Gümüşkiliç aus der Naunynstraße
geht mit schnellen Schritten,
wie Mitte September,
zum Blaufischfang in der Bucht von Bebek
geht er spät, mit schnellen Schritten,
den Kopf tief zwischen den Schultern
zur Nachtschicht.“

Ich erfahre viel über die „Gastarbeiter“, ein Begriff, den ich aus Kinderzeiten noch im Ohr habe. Ich lerne hier viel über die Geschichte der Türkei. Ich erfahre von denen, die zunächst von Anatolien nach Istanbul gingen, auf der Suche nach einem besseren Leben und um die Familie zu ernähren. Über die Wege, die sie weiter nach Deutschland führten, die großen Hoffnungen und die oft auch enttäuschende Ankunft. Ören stellt mir Menschen persönlich vor, schafft Nähe zu ihnen und lässt mich dicht dran miterleben, wie jeder einzelne vom Schicksal gezeichnet ist. Ich lese aber auch über Freundschaften, die entstehen und über Arbeiter, die sich zusammenschließen, über eine Zeit, in der Gewerkschaften noch mehr bewirken konnten und ja, auch über Zusammenhalt.

„Fangen wir erst einmal zu sprechen an,
fangen wir erst einmal an zu erzählen
von unserem Leben, unserem Kampf,
schwer und roh spricht die Geschichte aus jedem Mund,
denn, nicht wahr, was haben wir alles erlebt,
während wir die Werkzeuge in den Händen hielten.
Und was wir erlebt haben, zeigt sich
darin, wie wir leben.“

Der erste Teil wirkt auf mich am stärksten, obgleich er am leichtesten zu lesen ist. Hier schwingt Sprache im Rhythmus der Straße. Hier ist das Kreuzberg der 70er Jahre, das bald Klein-Istanbul genannt wird. Kreuzberg 36, dass direkt an die Mauer zu Ostberlin grenzt. Ören lässt sie alle zu Wort kommen. Die Müllfahrer, die Fabrikarbeiter/innen, die Gewerkschaftler, die Arbeitslosen, die kommunistischen Aktivisten. Die Witwe Frau Kutzer kommt ebenso zu Wort, wie Kazim oder Süleyman oder die 15-jährige Emine.

„Das Haus, das sind drei Zimmer
aus vier Wänden.
Im Kissen, dass ich sticken mußte,
steckt meine Geduld, mein Traum, meine Hoffnung.
Wenn ich groß bin, kann ich nicht Ärztin werden,
nicht Beamtin, nur ein Kissen,
und auf dem Kissen eine Stickerei,
während ich in den Gebäuden der Fremde
Fußböden wische wie meine Mutter.“

Aras Örens drei Poeme sind ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Dass es sich um Gedichtzyklen handelt ist an der ausdrucksstarken Sprache zu spüren, sollte aber niemanden abschrecken, sie nicht zu lesen. Denn sie sind spannend und fließend zu lesen und ganz und gar unverrätselt. Große Empfehlung!

Das Buch steht auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2020, die ich Lyrikfans unbedingt ans Herz legen kann.

Die Berliner Trilogie erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

2019: Meine 10 liebsten Romane, meine 5 liebsten Lyrikbände und 1 hervorragendes Buchkunstwerk

Meine liebsten 10 Romane sind diesmal schwer norwegenlastig. Das hat sicher mit dem Buchmessegastland zu tun, aber auch mit meiner schon eine ganze Weile andauernden Bewunderung der norwegischen Literatur. Da ist in diesem Jahr ganz vorne Johan Harstad mit seinem 1000-Seiter, Jan Kjærstad  und Hanne Ørstavik. Und Jon Fosse, meine große Liebe, sowieso. Da ist aber auch Siri Hustvedt (auch mit norwegischen Wurzeln) mit einem autobiografischen Roman und ein wundervolles, sprachspielerisches Debüt von Ana Marwan. Da sind Laura Freundenthaler und Hendrik Otremba mit ungewöhnlichen, einzigartigen Stimmen. Da ist Christiane Neudecker, die mich mit ihrem neuen Roman überrascht und nicht losgelassen hat. Und Radka Denemarkova, die einen wirklich feministischen, sprachlich großartigen Roman geschrieben hat. Alle 10 empfehle ich uneingeschränkt. Sie leuchten!

Der Link zu meiner ausführlichen Besprechung findet sich beim Anklicken des Fotos.

Und nun zu den Lyrikbänden: Sie kommen allesamt aus unabhängigen, höchst engagierten Verlagen, die sich ausgiebig für Lyrik einsetzen. Etwas, das die großen Verlage kaum mehr tun, was ich ziemlich bedauerlich finde.
Meine Lieblinge kommen aus Island aus dem Elif Verlag, aus Georgien aus der Edition Monhardt, aus Norwegen aus der Edition Rugerup. Ein fein gestalteter Band mit Venediggedichten kommt aus dem Verlagshaus Berlin und ein erstaunliches Debüt aus dem Literaturverlag Droschl.

Das hervorragende Buchkunstwerk kommt aus dem Kleinheinrich Verlag. Ein Verlag, der mich immer wieder lockt mit seinen Lyrikbänden und/oder nordischen Autoren.

Das Buch „Kindheitsszenen“ habe ich mir zu Weihnachten geschenkt, nachdem ich bereits die Gedichte von Jon Fosse „Diese unerklärliche Stille“ ebenfalls aus dem Kleinheinrich Verlag in ähnlich schöner Aufmachung mein eigen nenne. Der Band wurde übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel und mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen bereichert. Ein Traum! Eine ausführliche Besprechung folgt.

Viel Vergnügen mit meinen Besten aus 2019!