Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Oksana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort Graphic Novel danubebooks

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Rose Ausländer ist eine der vielen Lyrikerinnen, die nicht vergessen werden darf. Als Rosalie Ruth Scherzer wurde sie am 11.5.1901 in Czernowitz in der Bukowina geboren. Ein bewegtes Leben erwartet Rose. Später wird sie in einem Gedicht einmal schreiben: „Ich wohne nicht, ich lebe“ und bewahrt alle ihre Habseligkeiten in mehreren Koffern auf. Eine Graphic Novel erinnert nun zum 120. Geburtstag an die Dichterin.

Wegen des ersten Weltkriegs flieht Roses Familie nach Wien, kehrt aber unversehrt zurück, nur dass Czernowitz inzwischen zu Rumänien gehört. Als der Vater stirbt, schickt die Mutter ihre nur 19 jährige Tochter zu Verwandten in die USA. Dort heiratet sie einen Freund, Ignaz Ausländer, lebt in New York, doch die Ehe wird nach drei Jahren getrennt. Sie kehrt 1931 zurück in die Bukowina.  Auch ihre große Liebe zu Helios Hecht, der auch Gedichte schreibt, geht in die Brüche. 1939 erscheint ihr erster Gedichtband „Der Regenbogen“. Die Familie überlebt den zweiten Weltkrieg im Ghetto von Czernowitz, inzwischen Russland zugehörig, dass von den Deutschen eingenommen wird.

Nach der Befreiung geht Rose 1946 erneut in die USA und lebt dort bis 1964. Mutter und Bruder bleiben zurück. Sie schreibt weiter Gedichte, nun in englischer Sprache. Sie reist und liest viel, interessiert sich für Kunst und kehrt schließlich ganz nach Europa zurück, zunächst nach Wien. Ab 1965 lebt sie in Düsseldorf, nach einem Unfall im Pflegeheim der jüdischen Gemeinde. Erst hier erscheint ihr zweiter Lyrikband, wieder in deutscher Sprache, aber Rose entwickelt einen neuem Stil: „Der Reim ging in die Brüche“. 

Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte, die uns von der Rose Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk erzählt wird ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Teils in quadratische Flächen wie in einem Memory-Spiel unterteilt, teils ganz frei durch den vorhandenen Spielraum bewegen sich Bild und Text. Rose selbst durchquert die Bilder oft auffällig immer in Weiß gekleidet. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Große Blüten und Käfer queren die Seiten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Ähnlich wie der Philosoph Adorno fragt sich Rose, ob und wie man nach dem Holocaust noch Poesie schreiben kann. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten.

Rose schreibt und schreibt. Ihre Gedichte werden durchaus bekannt, sie erhält mehrere Literaturpreise, lebt dennoch zurückgezogen. Ihr späterer Nachlassverwalter Helmut Braun hilft ihr mit allem was das Schreiben und Verlegen betrifft. An einem Tag im Juni 1986 entscheidet sie sich, nicht mehr zu schreiben. Es ist alles da. 1988 stirbt sie. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.

Der Band erschien im danube books Verlag. Die Übersetzung stammt von Kati Brunner. Eine Leseprobe, mehr über die Dichterin und ein aufschlussreiches Video gibt es hier.

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Michael Stavarič: zu brechen bleibt die See Czernin Verlag

„Poesie, ach Poesie“

Welch ein besonderer Lyrikband!
Er trägt mich seit er in meinem Besitz ist immer wieder durch die Tage, durch dunkle Momente und lässt mich die Welt da draußen zumindest für kurze Zeit vergessen. Es geht darum, was Poesie nicht kann oder eben vielleicht doch. Michael Stavarič hatte da eine grandiose Idee für ein Langgedicht, das sich litaneihaft über knapp 100 Seiten hinweg ausbreitet und dabei immer neue starke Bilder erzeugt. Lobenswert ist, dass er dazu auch noch 12 weitere Schriftsteller*innen eingeladen hat, seine Idee zu ergänzen. Mit dabei sind also Fortführungen von Isabella Feimer, Katharina J. Ferner, Andrea Grill, Helga Locher, Hanno Milesi, Petra Piuk, Helene Proißl, Tanja Raich, Barbara Rieger, Julia Willmann und von zwei von mir besonders geschätzten Dichterkolleg/inn/en Nancy Hünger und Martin Piekar (hinter beiden Namen finden sich die Besprechungen ihrer Lyrikbände).

Fast immer von scheinbar negativ klingenden Satzanfängen „Poesie kann nicht …“ ausgehend, zu ein oder zwei weiteren harmlos klingenden Sätzen, breitet sich dann ein Vers aus und weiter ein Gedicht, ein und mehrere Gedichtzyklen, die dann in ganzem Ausmaß zeigen, was so alles los ist, schief geht oder im Argen liegt auf unserem Planeten. Das zeigt sich mal im eigenen Inneren, mal in der Liebe, mal in der Arbeit bis hin zur Gesellschaft, zur Politik und weiter ins ganze Universum. Die Kehrseite zeigt sich dadurch aber auch. Alles was Poesie kann zeigt sich für mich in diesen eindringlichen, zauberischen, wundersamen, tiefen, bösen, frechen, zarten und zudem unterhaltsam zu lesenden Gedichten. Für mich ist dieser Band zum Handbuch dieser Tage geworden.

„die Existenz scheint einem
als unendlich lange Telefonnummer
in die Wiege gelegt worden zu sein
bei derer Anwahl man sich
unweigerlich vertippt und daran verzweifelt“

Der Band teilt sich in vier Zyklen ein. Eins bis drei sind von Stavarič. Der letzte Zyklus wurde von zwölf Autor/inn/en (siehe Foto oben) gestaltet. Er hebt sich auch farblich ab, darf meerblau sein. Welche/r der 12 Dichter/innen welches Gedicht geschrieben hat, wird dabei nicht verraten. (Ich rätsle natürlich, zumindest bei denen, deren Schreiben ich kenne.) Die ersten beiden Kapitel sind an alle gerichtet, während sich im dritten die Stimme sehr oft an ein Du wendet. Mir scheint an ein geliebtes Du.

Immer geht es um Alltagssituationen, die sich schlecht poetisieren lassen, mit Jugenderinnerungen ist das schon einfacher und mit der Liebe sowieso. Sowohl der Schritt auf die Waage wird (nicht) poetisiert, wie auch die Finanz- und Arbeitswelt, die Natur, wie auch das Brotbacken, das Reinigen der Zahnzwischenräume oder ein Schweigen. Das Dunkle des Lyrischen Ichs – „du sagtest mir ich hätte es bald geschafft das Dunkle“ – bleibt in allem enthalten und trägt die Atmosphäre des Bandes, lässt aber immer auch andere Seiten (wilde, surreale, sprachspielerische) durchblitzen.

So steht etwa Gesellschaftskritik

„mit Poesie erlangt man keinerlei Kontrolle
über die kapitalistische Welt
das Dröhnen der Serverfarmen das Surren der Aufzüge
das milliardenfache Klappern
von gebürsteten Schuhabsätzen
die einen ständig und überall begleiten
in den Einkaufsmeilen
gelegentliche und beiläufig notierte Verse werden
von stoischen Kehrmaschinen hinausbefördert“

neben Erinnerungsschwangerem (aus Kindheit und Jugend, jedenfalls bei mir)

„die Kirschkernentkernmaschine
die in Anbetracht der vielen Kirsch- und Weichselbäume
ungehinderten Auslauf genoss und die sich im Sommer
so vortrefflich darauf verstand etwas Naturgegebenes
aus weichem Fleisch zu fetzen
ich denke vor ihr fürchteten wir uns 
insgeheim am allermeisten“

neben Leidensgeschichten

„und sich umbringen lässt sich mit Poesie auch nicht
ich hab`s ja versucht
sich totschreiben bis nichts mehr da ist 
im Dunkel der Bedeutung zwischen den Hirnwänden“

neben Liebesgeschichten

„du hast mir versprochen wir würden einander
nie aus den Augen verlieren
hast deine Koffer gepackt und bist in den Bus gestiegen“

neben Ameisen

„wo ich die Sprache der Ameisen hatte lernen müssen
die eine vollkommen andere Art der Poesie betrieben“

Bitte lest alle dieses Buch, auch die, die keine Poesie mögen, denn ihnen wird es eine schöne Bestätigung sein, weshalb sie damit ganz richtig liegen und die, die Poesie mögen, werden sie endlich im richtigen Licht stehen sehen – und sie noch viel mehr lieben. Große Empfehlung! Was Poesie kann: endlos Leuchten!

„zu brechen bleibt die See“ erschien im Czernin Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der in Wien lebende Autor Michael Stavarič schreibt auch Romane, z. B. „Fremdes Licht“, das meine Bloggerkollegin Constanze Matthes auf „Zeichen & Zeiten“ bereits besprochen hat.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Viel Freude!

aus „diese kleinen,in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde“ von Carl-Christian Elze

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/04/13/carl-christian-elze-diese-kleinen-in-der-luft-haengenden-bergpredigenden-gebilde-verlagshaus-berlin/

Tove Ditlevsen: Kindheit/Jugend/Abhängigkeit Aufbau Verlag

Alle sind begeistert von Tove Ditlevsens (1917 – 1976) autobiographischer Roman-Trilogie. Ich hatte mich sehr aufs Lesen gefreut, denn eine Gedichte schreibende Frau aus der Arbeiterklasse klang hochinteressant. Doch ich kann in den Begeisterungssturm gar nicht so sehr mit einstimmen. Der dritte Band gefiel mir letztlich am Besten, schien mir am Ausdruckvollsten. Inhaltlich ist die Geschichte durchaus interessant, als Zeitdokument eines Frauenlebens dieser Jahre und Einblick in die Reifung ins Schriftstellerinnendasein. Sprachlich haben mich die Bände aber ein wenig enttäuscht. In den abgedruckten Gedichtstellen sehe ich auch nicht die große Begabung, die Ditlevsen damals in Kopenhagen bescheinigt wurde.

Schon als Kind fühlt sich Tove anders als die anderen Kinder in der Siedlung, in der die Ärmeren Kopenhagens leben. Der Vater meist arbeitslos, aber lesend und gewerkschaftlich organisiert und politisch interessiert, die unzufriedene Mutter zuhause, die sie schlägt. Schon mit fünf lernt sie von sich aus Lesen und Schreiben. In der Schule ist sie sehr gut, aufs Gymnasium darf sie dennoch nicht. Sie tritt mit 14 also ihre erste Arbeitsstelle an. Und sie schreibt. Was mit einem Poesiealbum beginnt, mit dem Tagebuch weitergeht und schließlich zu Gedichten und längeren Texten führt. Immer wieder wird klar, wie wenig gebildet sie ist und wie sehr (und meist richtig) ihre Intuition sie leitet und antreibt. Mit 18 zieht sie aus – ein eigenes Zimmer, endlich. Oft sind es glückliche Umstände, Zufälle, Begegnungen mit passenden Menschen, aber auch der stete Drang schreiben zu wollen, die sie auf ihrem Weg voran bringen. Ein Schlüsselsatz ist für mich etwa dieser:

„Ich denke, dass Piet Hein nicht weiß, was es bedeutet, arm zu sein und fast seine ganze Zeit verkaufen zu müssen, nur um ein Auskommen zu haben. Ich hege viel mehr Sympathie für Halfdan Rasmussen, der klein, dünn und schlecht gekleidet ist und von Sozialhilfe lebt. Wir entstammen dem selben Milieu und sprechen dieselbe Sprache.“

Klingt die Erzählstimme im ersten Band sehr kindlich, im zweiten Band sicherer, scheint sie mir im dritten Band, der auch im Original später (1967/1971) als die beiden ersten erschien, gereift. Nach ersten Erfahrungen mit Männern und durch das durch eigene Arbeit relativ selbständige Leben, folgen nun in Band 3 Abhängigkeiten in der Ehe. Vier mal hat Ditlevsen geheiratet. In ihrer dritten Ehe (1945) mit einem Medizinstudent wird sie durch ein Medikament nach einem Schwangerschaftsabbruch abhängig. Obwohl dieser Mann ihr gar nichts bedeutet, ist sie abhängig von ihm, weil er die Drogen beschafft und ihr verabreicht. Anfänglich schreibt sie unter Drogeneinfluss wie im Rausch. Doch ihre Gesundheit verschlechtert sich in dieser Zeit enorm. Wie sie diese destruktive Zeit schildert, auch wie ihr Mann Carl zur gleichen Zeit eine Psychose bekommt, ist sehr stark erzählt. Hier zeigt sich auch am deutlichsten der Wunsch einerseits nach Unabhängigkeit, vor allem für ihr Schreiben und andererseits nach Sicherheit und Familie. Mit ihrer Sucht wird sie ihr Leben lang zu kämpfen haben, doch scheint ihr die letzte Ehe mit Victor und ihre Kinder einigen Halt gegeben zu haben. 1976 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten.

Die drei Bände erschienen im Aufbau Verlag. Übersetzt hat sie Ursel Allenstein.

Diana Anfimiadi: Warum ich keine Gedichte schreibe Wieser Verlag

„Dichtung – eine der Sprachen,
 denen das Aussterben droht“

Die 1982 geborene Georgierin Diana Anfimiadi hat mich mit ihren Gedichten in mehrfacher Hinsicht überrascht und froh gemacht. Allein der Titel des kürzlich erschienenen Bandes war eine Offenbarung, hadere ich doch mitunter selbst, ob ich nun weiter Lyrik schreiben soll oder es lassen. Zum Glück tut es die Dichterin ja doch, denn ihre Gedichte sind echte Kunstwerke. Über allem steht ihr großes Thema: Die Sprache und die Liebe zur Sprache. Denn oft erscheinen mir ihre Verse als Liebesgedichte, die sich dann als Hymnen an die Sprache, besonders auch an vergessene oder vom Aussterben bedrohte Sprachen entpuppen. Dabei sind sie oft von Motiven aus der antiken Mythologie durchzogen, aber eben vorrangig auch vom alltäglichen Erleben geprägt.

aufs Brot strich ich dir Butter,
wie man mit der Hand über die Hand streicht,
sparsam, um dich daran zu gewöhnen.
Einst war ich, von deinem Fenster aus, ein Lichtbaum,
du pflücktest Fledermäuse, Früchte der unreifen Angst,
einst war ich der Kühlschrank und nur für dich
pochte mir das Erdbeereis im Gefrierfach“

Anfimiadi erzeugt mit ihrer Sprachzauberei wunderschöne Bilder, eine gewaltige Kraft, die zeigt, was man aus Worten machen kann, wenn man sie ganz eigen und gekonnt zusammenfügt. So wird im Gedicht „Orchester“, aus den Passagieren eines U-Bahn-Waggons ein Orchester. Aus den Geräuschen der Atembewegungen der anderen und schließlich der eigenen erzeugt sie eine Klangkomposition. In „Etüden“ wird aus der Klavierstunde eines Mädchens ein ganz eigenes Lied:

„die Lehrerin sagt:
Um Chopin zu erreichen,

brauchst du eine bessere Technik.
Als wäre Chopin ein Vanillepudding
in der Mitte des Tisches –
ich bin zu klein, ich erreiche ihn nicht“

Mithilfe der Natur und der Götter entstanden hier Gedichte, die immense Auswirkungen haben. Nichts bleibt hier unbesehen, unbeachtet. Eine große Aufmerksamkeit und Liebe lese ich aus ihnen heraus und in sie hinein. Die Liebe, so wie sie sich zeigt, sei es im Alltag der Dichterin oder im antiken Griechenland mit Penelope, die auf den Ihren wartet. Trojanische Pferde tauchen ebenso auf, wie Kassiopeia, Eurydike, Helena und Medusa. All das wird einbezogen in die alltägliche Welt und in die Weite der Sprache. Mir erscheinen die Gedichte durchweg weiblich. Erklären kann ich das nicht. Im Gedicht „Kassiopeia“ ist die Rede von einem georgischen Sprichwort, das ich wunderschön finde:

„… so schwieg ich – das heißt: ich singe verkehrt herum.
>>Und trotzdem starb ich nicht, ich bin verkehrt herum an
                                                          den Himmel genäht,“

In den Anmerkungen heißt es dazu: „an den Himmel angenäht“ bedeutet so viel wie „vom Tod vergessen sein“ oder „über seine Zeit hinaus leben“.

Es ist auch viel von einem Liebes-Du die Rede, welches das lyrische Ich nicht immer nur froh stimmt. Von der Natur und den heiligen Dingen – einige Gedichte heißen Gebete. Aber eben auch vom Tod und Sterben. Von schnöden Körperlichkeiten. Von den Zusammenhängen und von den Zerwürfnissen unserer Welt. Nicht alles, was die Dichterin im Kontext mit ihren antiken Figuren erzählt, kann ich mir erklären. Dazu fehlen mir die genaueren Kenntnisse. Doch ist ihre Sprache durchweg so begreiflich, dass ein Nichtverstehen dabei zurück steht und ein Einfühlen daraus werden kann. Die Bilder, die Anfimiadi erzeugt sind ohnehin so stark, dass ich sie nur bewundern kann. Eines meiner Liebsten hier:

Der Wald steht am Fenster
rauscht,
schaut mich mit ängstlichen Eichhörnchen an,
er schaukelt in der Hängematte der Stimmen,
mal läuft er weg, mal kehrt er zurück,
neugierig und finster“

„Warum ich keine Gedichte schreibe“ erschien im Wieser Verlag. Großes Können steckt in der Übersetzung/Übertragung der Gedichte von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt. Das Übersetzer-Duo kenne ich bereits aus dem wunderbaren Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua. Ich danke Verlag und Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2021

 

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

 

 

Das 35. Jahrbuch der Lyrik herausgegeben von Christioph Buchwald (zum letzten Mal) zusammen mit der Lyrikerin Carolin Callies bietet wie in jedem Frühjahr eine interessante Auswahl der derzeitigen Lyrikvielfalt im deutschsprachigen Raum. Es erscheint am 2. März wie immer im Schöffling Verlag.

 

 

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Der US-Amerikaner Ben Lerner schreibt vorrangig Gedichte. Nach dem Roman „Die Topeka-Schule“ erscheint nun bei Suhrkamp ein zweisprachiger Band seiner Gedichte. Es ist ein Überblick über das bisherige lyrische Gesamtwerk. Von Steffen Popp übersetzt, mit Monika Rinck, beide selbst Lyriker. Erscheint am 19.4.2021.

„Was ist ein Name?“, fragt Ana Luísa Amaral, die beliebteste Lyrikerin Portugals und eine der großen Dichterinnen unserer Zeit. In einer klarsichtigen Sprache, die in der Tradition von Dickinson und Szymborska steht, leistet sie ihren Offenbarungseid: Worte können nichts festhalten, außer der Flüchtigkeit der Dinge. (Verlagstext) Portugiesische Lyrik passend zum Gastland der Leipziger Buchmesse im Mai. Übersetzt von Michael Kegler, Piero Salabè. Erscheint im HanserVerlag am 15.3.2021.

Anja Kampmanns Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ habe ich bereits auf dem Blog vorgestellt. Die neuen Gedichte erzählen vom Marschland, Figuren treten auf, wiederkehrende Motive verklammern sie zu einem großen Bild der Landschaft in unserer Zeit. Sie bestätigen Anja Kampmanns Rang als ganz eigenständige, überraschende Stimme ihrer Generation. (Verlagstext) Erscheint am 15.3.2021 im HanserVerlag.

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Marina Zwetajewa (1892-1941), die bedeutendste russische Dichterin neben Anna Achmatowa, ist eine der großen Liebesdichterinnen der Weltliteratur, eine Liebende voller »Maßlosigkeit in einer auf Maß bedachten Welt«. Der Band umfasst über hundertfünfzig Gedichte Marina Zwetajewas – viele davon erstmals in deutscher Übersetzung. (Verlagstext) Übersetzt von Ralph Dutli. Erscheint  am 22.2.2021 im Wallstein Verlag.

Steffen Mensching blickt mit wachen Augen und nachdenklicher Neugier in die Welt, um in seinen Gedichten herauszufinden, was sie im Innersten zusammenhält. Und was sie zu zerstören droht. Immer wieder ist das Meer ein Bezugspunkt, seine Weite, seine ewige Bewegtheit, seine Ufer. (Verlagstext). Seinen großartigen Roman „Schermanns Augen“ habe ich bereits besprochen. Erscheint am 22. 2. im Wallstein Verlag.

Abenteuerlust, Neugier und Aufbruch – afrikanische Dichtung auf der Höhe der Zeit: das erste Buch der großen Lyrikerin Sylvie Kandé auf Deutsch. (Verlagstext) Übersetzt von Tim Trzaskalik, Leonard Pinke. Erscheint am 28.1. 2021 im Matthes & Seitz Verlag.

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Ursula Krechels Gedichte sind dynamische Gegenwart. Es sind Erkundungen mit offenem Eingang und offenem Ausgang, eigenwillig, voller Wagemut und Spielfreude. Sie zeigen Zeile für Zeile die Meisterschaft und Souveränität einer großen Autorin. (Verlagstext) Ihren letzten Roman „Geisterbahn“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Erscheint am 26.2. beim Jung und Jung Verlag.

Gemeinsame Sprache lautet der Titel des neuen Bandes des Schweizers Jürg Halter, einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker seiner Generation. Seine Gedichte werfen kaleidoskopartig Schlaglichter auf unser Sein und unser Zusammenleben. (Verlagstext). Erscheint am 27.1.2021 im Dörlemann Verlag.

In Regina Dürigs „Federn lassen“ werden jenen Momenten, in denen nichts als Sprachlosigkeit einsetzt, Räume geschaffen. Interpunktionslos brechen die Zeilen nach wenigen Wörtern um, wodurch Dürigs Prosa einen lyrischen Anklang erhält. (Verlagstext). Die poetische Novelle erscheint am 5.2. im Literaturverlag Droschl.

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Axel Görlach schreibt Gedichte mit weitem Horizont. In diesen Gedichten ist und bleibt also fast alles möglich, jede Einengung, jede vorschnell begründete Festlegung wird vermieden – weil es keinen grund gibt für grund. (Verlagstext) Erscheint am 26.2. in der Edition Keiper.

Berge, Weiden, Wald: Je näher Claudia Gabler diesen Urbildern von Naturerfahrung kommt, desto sichtbarer wird, wie menschengemacht sie sind. Die Natur wird nicht nur vom Menschen gestaltet, sondern bildet sich auch nach seiner Wahrnehmung. Klischees setzt Gabler Ambivalenz entgegen. Beziehungen bilden ein Zentrum in ihren Gedichten. (Verlagstext) Mit Illustrationen von Elke Ehninger. Erscheint am 1.3.21 im Verlagshaus Berlin.

Gegenden, Landschaften, Orte, ein Figurenkabinett, die Herkunft, der Historienhauch, das Antlitz der Dinge, Wortfährten, Alltagsbühnen … Nichts, nur versammelt Gedichte, Prosagedichte und Erzählminiaturen von Walle Sayer aus 35 Jahren: Lesebuch, Kompendium, Querschnitt und Zwischensumme zugleich.(Verlagstext) Den Band „Was in die Streichholzschachtel passte“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen. Erscheint im März 21 im Kröner Verlag.

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„das kleingedruckte“, Linda Vilhjálmsdóttirs siebter Lyrikband, ist ein Buch voller weiblicher Revolutionskantaten. Die Gedichte sind klar, direkt und manchmal von beißendem Witz. Ihre Wirkkraft beruht nicht zuletzt darauf, wie gründlich sie den vorherrschenden Zustand zwischen den Geschlechtern offenlegen. (Verlagstext) Der zweite von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übertragene Band erscheint im Elif Verlag am15.3.21. Den Band „Freiheit“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen.

Ester Naomi Perquin (geb. 1980), Poet laureate der Niederlande, erzeugt in ihren Gedichten Momente der Verblüffung und des Staunens. Scheinbar paradoxe Bilder und Kippfiguren schlagen um in plötzliches Erkennen, wenn ihre Gedichte Spielarten des Verschwindens erforschen. (Verlagstext) Übersetzt von Stefan Wieczorek. Erscheint am 22.2.21 im Elif Verlag.

Mit >>Überall, wo wir Schatten werfen<< legt Ingrid Mylo – die Flaneurin der deutschen Gegenwartsliteratur – nach vier Bänden mit Kurzprosa ein starkes Lyrikdebüt vor: Gedichte zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Logik und Zufall, Traum und Wachzustand. Immer in der Schwebe – doch alles andere als unentschieden.(Verlagstext) Erscheint im März bei Edition Azur/Voland &Quist.

 

Tanikawa Shuntarõ / Jürg Halter: Das 48-Stunden-Gedicht Wallstein Verlag

 

Bevor der neue Lyrikband „Gemeinsame Sprache“ des Schweizer Jürg Halter am 27. Januar beim Dörlemann Verlag erscheint, möchte ich noch an ein schönes lyrisches Projekt erinnern. Mein Beitrag dazu erschien 2016 zuerst auf fixpoetry, der großartigen Lyrik und Literaturplattform, die es leider nun aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung nur noch als Archiv gibt.

„Eine aus Worten gebaute Welt ist ausdauernder als die wirkliche.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden Lyriker Jürg Halter aus der Schweiz und Tanikawa Shuntarõ aus Japan zusammen arbeiten. Kennengelernt haben sie sich 2002 auf einem Poesiefestival. Sie schienen sich auf Anhieb zu verstehen, ein „ähnliches poetisches Weltverständnis“ zu haben. Keiner verstand des anderen Sprache und dennoch planten sie bald ein gemeinsames Projekt. Bereits 2012 entstand ein Lyrikband aus beider Stimmen. Damals ging der Austausch über mehrere Jahre und von Land zu Land.

„(Zu jeder Stunde schreibe ich mit Jürg ein Gedicht. […]
Die Stunden eines ganzen Tages sind uns nur Vehikel,
ein Versuch, weg von der Tradition zu einer neuen Form von Kettengedicht.)“

Für das neue Projekt, welches schon fast einer Performance gleicht, trafen sich Halter und Tanikawa in Tokio, um in einem gläsernen Raum des Tsuda College vom 8. bis 12. September 2014 tags und nachts an ihrem Kettengedicht oder japanisch Renshi, zu arbeiten. Renshi ist eine moderne freie Art des Kettengedichts. Dabei geht es weniger um traditionelle Formen, Bilder oder Motive. Es gilt aus   dem vorherigen Gedicht des Anderen etwas herauszufiltern und in ganz eigenem Kontext weiterzuführen, so bildet sich ein vollkommen neuer Pfad. Bei Halter und Tanikawa findet auch die unterschiedliche kulturelle Prägung und der Altersunterschied Eingang in den dichterischen Austausch.

[…]
„hören die Ohren verschiedener Kulturen
je ein anderes Schweigen?“

Tanikawa schrieb seine Gedichte in jeder geraden Stunde, Halter in jeder ungeraden. So blieb Zeit, um die Verse direkt übersetzen zu lassen und danach darauf zu „antworten“. Zwei Übersetzer waren  dabei, Franz Hintereder-Emde, der vom Japanischen ins Deutsche übertrug und Niimoto Fuminari vom Deutschen ins Japanische.

Das 48-Stunden-Gedicht ist ein sehr besonderes Buch geworden. Sowohl inhaltlich, als auch in der Gestaltung der äußeren Form wirkt es fernöstlich ästhetisch. Kapitel gibt es nicht, dafür eine Aufteilung in Tageszeiten. Für jede Stunde steht ein Gedicht, es sind immer 3 – 5-Zeiler, die sowohl in Deutsch als auch in Japanisch abgedruckt wurden. Ergänzt wird der Text durch filigrane, surreale Schwarz/Weiß-Illustrationen, die speziell für den Gedichtband entstanden sind, die einzeln für sich Geschichten erzählen, aber auch mit den Texten kommunizieren. Auch hier sind es jeweils eine Künstlerin aus Japan, Tabaimo, und ein Künstler aus der Schweiz, Yves Netzhammer. Auch das feine Cover aus rotem Halbleinen zieren zwei Illustrationen. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort der beiden Herausgeberinnen, Kakinuma Marie und Susanne Schenzle, in dem sich Details zur Entstehungsgeschichte des Bandes nachlesen lassen.

Tanikawa Shuntarõ  wurde 1931 in Tokio geboren und ist einer der bekanntesten japanischen Gegenwartsdichter. Man merkt seiner Lyrik an, dass sie auf großer Lebenserfahrung basiert. Sie strahlt eine enorme Kraft aus. Seine Gedichte sind sehr gewandt, da ist einer sehr erfahren und doch sehr jung und frei geblieben. Seine Verse erinnern oft an Haikus und sind in ihrer Art vielfach so angelegt, dass es am Ende zu einem überraschenden Bild kommt. Sie sind keineswegs altbacken, eher von seltener Weisheit und feinem Humor durchdrungen. Sie nehmen alle neuen Einflüsse und Eindrücke genügsam auf, aber nicht sofort an, sondern hinterfragen sie häufig, oft im Schlusspart des Gedichts. Tanikawa vermischt in schönster Weise Alltäglichkeiten mit spirituellen, ja ZEN-haften Gedanken und lässt dabei auch aktuelle politische Ereignisse nicht außen vor. Er ist ein glänzender Beobachter und sehr souveräner Dichter.

„Unter hunderten von in der Zeitung aufgelisteten Namen
sucht jemand mit geröteten Augen einen einzigen.
[…]“

oder:

[…] weiß nicht, wo die Sonne an diesem Morgen steht.
Jetzt, ein Land in tiefer Nacht, ein Mädchen schluchzt in einem Camp.“

Jürg Halter wurde 1980 in Bern geboren und ist Dichter, Musiker und Performancekünstler. Seine Verse klingen moderner, sind rhythmisch und am besten laut gelesen (Halter selbst liest seine Gedichte mit einem deutlich hörbaren Anklang seines Berner Dialekts, was einen besonderen, auch verlangsamten Klang hervorruft). Doch auch hier versteckt sich eine gewisse Geistigkeit, ein Durchdrungensein von Sprache. Seine Bilder sind dennoch direkter, tauchen sofort beim Lesen auf, benötigen kaum Geduld. Seine Sprache ist mitunter robuster, nicht so feinsinnig wie die Tanikawas.

„Die Tradition und der gesunde Menschenverstand
lagen in der Rehaklinik im gleichen Zimmer.
[…]

oder

„Sie vermissen einander zu verschiedenen Minuten,
deshalb elektrifiziert sich die Luft wohl nicht,
[…]

Beide schreiben in freien Versen, es sind 3-5 Zeilen, mehr nicht, denn beide beherrschen das Verdichten, machen aus großen oder kleinen Gedankenwolken ein stimmiges Wortkonzentrat., dass sich beim Lesen dann wieder ausdehnt, als sei es gewässert oder beatmet worden. Für den Stoff ihrer Gedichte greifen beide einfach nach Alltäglichem und verbinden es in einem Atemzug mit Ungewöhnlichem. Oft spiegelt sich bei Halter die Begegnung mit der fremden Stadt Tokio.

„Eine Sardine in der U-Bahn erschrak,
ob all der anderen Sardinen,
die plötzlich wie Menschen aussahen,

[…]

Die Dichter fokussieren beide Situationen, Erlebnisse oder Begegnungen, verdichten und geben die Essenz daraus wider.

„Was, schon sechs Uhr! Was, erst sechs Uhr!
Nichts Psychisches, nur eine Frage der Laune
[…]“

Obwohl sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, schaffen sie es sich in ihren Arbeiten zu begegnen und in einen Dialog zu treten. Der Eindruck, dass beide miteinander kommunizieren, sich wirklich aufeinander beziehen, stellt sich erst bei wiederholtem Lesen ein, ist nicht sofort ersichtlich. Dieser Band lädt ein zum Eintauchen, zum Verweilen; dabei bietet sich ein meditatives Versenken in die wunderbar integrierten feinen Zeichnungen an. Es braucht Zeit sich darauf einzulassen, oder vielleicht auch nur den einen richtigen Moment.

Der Band erschien im Wallstein Verlag.