Kjartan Hatløy: Die Lippen verlangen nach Ocker edition offenes feld

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Der Norweger Kjartan Hatløy, Jahrgang 1954, ist in seinem Heimatland als Lyriker durchaus bekannt. Er hat dort bereits viele Gedichtbände veröffentlicht. Sein neuester Band wurde in einer norwegischen Zeitung immerhin auf einer Doppelseite vorgestellt. So etwas ist hierzulande gar nicht denkbar. Hatløy lebt in Westnorwegen und arbeitete als Werftarbeiter und als Landwirt. Und er ist der Onkel von Karl Ove Knausgard.

In deutscher Sprache ist nun zum ersten Mal eine Sammlung seiner Gedichte erschienen, zusammengestellt und übersetzt von Klaus Anders, der den Autor schon lange kennt und selbst Lyrik schreibt.

„ich gehe vorbei
spüre die Lippen verlangen nach Ocker
will in dem Gelben wohnen
[…]“

Was mir sofort zu den Gedichten einfällt ist Tiefe. Hatløy bleibt niemals nur an der Oberfläche. Selbst wenn viele der Gedichte als Naturlyrik benannt werden könnten, gibt es immer darunter auch eine zweite Schicht eine weitere Lesart. Für mich gründen sie auf großer Naturverbundenheit und auf reinster Wahrnehmung. Niemals sind sie lau.

„Bevor die Julisonne aufsteht
sammelt sie sich eine Weile im Heuschreckenlaut
mitten im Luchsauge wohnt sie ein wenig
und mitten in unserer Erwartung
im gelben Blut verbirgt sie sich
und dann, sehr tief: in allen Menschenhänden für den Ernst einer Zeit“

Im ersten Teil des Bandes finden sich Gedichte in freien Versen, formlos. Oft erinnern sie an Haikus. Später löst sich die Verform auf, entwickelt sich hinein in eine Art Kurzprosa. Diese Texte erzählen kleine Geschichten, skizzieren Bilder, die ich als Leser aufgenommen habe und abgeglichen mit dem was in mir ist. Sie haben mir letztlich am Besten gefallen.

„Dies ist mein Kiesweg, ich sehe ihn gut, er ist mein kleiner bleicher Weg, doch plötzlich scheint er mehr Licht als Weg zu sein.“

Vielleicht hätte der Dichter auch Maler werden können, denn ein besonderes Farbspektrum durchwandert seine Verse. Er malt mit Worten. Immer wieder taucht Gelb auf, Ocker, und Grün. Und blaue Krähen, rote Katzen und schwarzer Wacholder.

„eine kleine spätrote Wolke
sprang auf wie eine blaufliegende Krähe
dunkelblau
grüßt sie die Klippe den Berg steilt vor seinen 2 leuchtenden Fjorden
[…]“

Oft findet sich in den Gedichten eine spirituelle Dimension, etwas Meditatives entsteht, sehr konzentriert auf die Essenz, sehr kraftvoll. Für mich sind es Gedichte der Stille, mehr als wohltuend in dieser lauten Zeit. Ein Leuchten!

Der Gedichtband erschien in der edition offenes feld, in der auch der letzte Lyrikband von Klaus Anders „Ätna“ erschien und in der auch sonst allerhand lyrische Perlen zu entdecken sind.
Einen weiteren Band mit norwegischer Lyrik von Olaf H. Hauge, ebenfalls von Klaus Anders übersetzt, habe ich bereits hier besprochen.

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen Eichborn Verlag

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Isabelle Lehns Roman lässt mich nach der Lektüre ein wenig ratlos zurück. War ich noch überzeugt von dem Auszug, den sie dieses Jahr bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vorlas, entsteht nun, nach der kompletten Lektüre, eine merkwürdige Leere. Liegt es am Thema, liegt es an dem Gefühl, dass aus vielen starken Eindrücken kein überzeugendes großes Ganzes entsteht?

Die gesamte Besprechung von mir kann man auf fixpoetry.com lesen

Katja Lange-Müller: Drehtür Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Asta, Mitte sechzig, ist soeben am Münchener Flughafen gelandet. Von weit her kommt sie. Als Krankenschwester war sie über zwanzig Jahre im Ausland tätig. Sie hat keine Euros, aber eine Stange Zigaretten aus dem Dutyfree-Shop in der Tasche. Aus Rauchlust und weil ihr Gepäck noch fehlt, steht sie nun vor der Drehtür, die Zigarette in der Hand neben dem Ascher und denkt nach. Und beobachtet.

Die komplette Rezension von mir auf fixpoetry.com

Andreas Maier: Der Kreis Suhrkamp Verlag

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Der neue Band von Andreas Maiers Wetterau-Chronik ist da und ich stürze mich hinein in die (leider nur) 146 Seiten und binnen Stunden ist „Der Kreis“ ausgelesen. Und nun? Wieder ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr warten auf den nächsten Band …

Wer diesen Autor noch immer nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen, denn Maier schafft das, wofür Knausgard 800 Seiten braucht, in gelungener Verdichtung in 150 Seiten. Wobei der Vergleich hinkt … Maier geht viel klüger mit Sprache um, seine Romane erinnern im Stil an Kurzeck, Bernhard und Proust.

Im Band „Der Kreis“, es ist der 5. Band der auf zwölf angelegten Chronik „Ortsumgehung“, schildert Maier in 4 Kapiteln von Grundschule bis Oberstufe seine Initiation zum Schriftsteller. Er ist acht Jahre alt, als er das Bücher- und Studierzimmer seiner Mutter für sich entdeckt und beginnt sich mit den fremd anmutenden Werken zu beschäftigen. Allen voran steht das mehrbändige „Lingen-Lexikon“, aus dem er immer mehr Wissen schöpft. (Wir sind also in einer Zeit, in der es noch kein „Google“ gab, Maier ist Jahrgang 1967). Seine Mutter schreibt in diesem Zimmer an einem geheimnisvollen Buch in dem lauter Wörter mit „ismus“ und „logie“ vorkommen und führt „geistige“ Gespräche oder briefliche Korrepondenzen mit diversen Schriftstellern.

Zu Hause dagegen, bei uns in der Küche im Mühlweg, fielen die „logie“ und „ismus“-Wörter manchmal beim Essen. Mein Vater machte dann ein Gesicht, wie man es im Städel auf einem Gemälde von Rembrandt sieht, das König Saul zeigt, wie er David beim Harfespielen zuhört. Der Blick kehrt sich horchend nach innen.“

Bereits hier, allein in diesem Bücherraum spürt er die Stille, dieses besondere geheimnisvolle, dieses, wie er es nennt „durchweht werden“ von einer unbenennbaren Kraft. Ähnliches erlebt er Jahre später durch das Lauschen von Klavierspiel und richtig deutlich überraschenderweise auch bei seinem ersten Rockkonzert einer Heavy-Metal-Band und noch später und vielleicht am deutlichsten bei einer Theateraufführung der Oberstufe.

„Mir wurde immer schmerzhafter bewußt, daß ich dieses Konzert niemals in der rechten Weise würde genießen oder wertschätzen können, weil ich die Vergangenheit dieser Band, die mythischen Urjahre nicht – wie alle anderen – miterlebt hatte. Ich war ein Zuspätgekommener, ich hatte das Wesentliche versäumt.“

Großartig beschreibt Maier diese Entwicklung, dieses Erwachen, diese Klarheit, dass er selbst sich dorthin, in dieses Metier hinein begeben kann und will, dass ihm früher nur für andere, „Größere“ vorgesehen schien.

„Bis zu diesem Augenblick hatte ich nie eine wirkliche Vorstellung davon gehabt, daß es tatsächlich Menschen wie wir waren, die Bücher schrieben, Menschen aus Fleisch und Blut, Raum und Zeit und Gegenwart.“

Der Roman „Der Kreis“ erschien im Suhrkamp Verlag, wie alle bisherigen Bücher von Andreas Maier. Eine Lesprobe gibt es hier. Meine Besprechung zum vorigen Band „Der Ort“ gibt es hier

Dagmar Leupold: Die Witwen Jung und Jung Verlag

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Vier Frauen um die fünfzig leben in einem kleinen lauschigen Moselort so vor sich hin: Die Witwen, Penny, Beatrice, Dodo und Laura, die eigentlich keine Witwen sind, sich aber oft so fühlen. Sie kennen sich lange schon, noch aus Zeiten, als alle vier in Berlin lebten. Dann hat es eine nach der anderen in diesen Provinzort verschlagen.

„Aber es schwang etwas bei ihnen mit, das ihm zu benennen schwerfiel, außer mit: verwitwet. Als hinge allen eine zarte Schleppe aus Trauer und Abgelebtem an. Aus seiner Sicht war auch er Witwer. Und Waise. Witwenschaft als Abwesenheit von Zukunft, Witwenschaft als Zustand der Abhandenheit.“

Eines Tages beschließen sie, dass es so nicht weitergehen kann. Sie wollen etwas Neues, vielleicht eine Reise, etwas um die Sehnsucht zu erfüllen, ein Abenteuer. Und so heuern sie einen Chauffeur an, der sie sicher an jenen Ort bringen soll, den sie noch gar nicht kennen. Eine Fahrt ins Blaue beginnt.

Bendix, der Chauffeur passt trefflich zu den Witwen. auch er ist des täglichen Einerleis überdrüssig. Sie beschließen dem Lauf der Mosel bis zur Quelle zu folgen (schöne Metapher!). Bendix, der Fahrer führt in seinem Sudelbuch eine Art Brief-Tagebuch und sinniert dabei über die vier Frauen, teilt sie beispielsweise nach Betrachtung ihrer Füße einer jeweiligen Kunstepoche zu.
Nichts spektakuläres passiert, bis schließlich das Auto, namentlich ein Fiat Ulysse (auch eine schöne Metapher!) seinen Geist aufgibt. Beim Warten auf den Pannendienst beginnen sie schließlich nacheinander zu erzählen, von sehr persönlichen Erlebnissen, die sie stark prägten und die sie bisher selbst vor den Freundinnen verschwiegen.
Tags darauf ist der Wagen repariert und auch die Witwen sind bereit für die nächste (Lebens-)Etappe. „Ans Meer!“ hört Bendix sie einstimmig rufen …

Die Autorin teilt ihren Roman in zwei größere Abschnitte, die sie Abwesenheit und Anwesenheit nennt. Und in der Tat scheinen mit dem Erzählen des lange Verschwiegenen und Unterdrückten, mit dem der zweite Teil beginnt, alle wesentlich präsenter zu werden.

„Etwas bewunderte er an den Erzählungen der Frauen: möglicherweise die Liebe zum Detail, die Fähigkeit, einer Einzelheit etwas zu entlocken, die über diese hinausging,
das für etwas stand, das ungenannt blieb. Oder unbegriffen – sofern Begreifen mit Begriffen begann und endete.“

So in etwa könnte man auch das beschreiben, was mich beim Lesen dieses Romans von Dagmar Leupold faszinierte und geradezu hungrig immer weiter lesen ließ. Oder solche Zeilen wie die folgenden, die die Autorin Penny (Penelope!), die am Nähesten am Witwendasein dran ist, da ihr Mann vor vielen Jahren verschwand, in den Mund legt. Spannend: Fällt mir doch beim Lesen sofort die Übereinstimmung zu Peter Stamms Roman „Weit über das Land“ auf, in dem ja auch der Ehemann einfach verschwindet, so wie Pennys Otto (Odysseus!). Und auch Penny hat sich einerseits damit abgefunden, andererseits wartet sie auf dessen Rückkehr mit dem sicheren Gefühl, dass sie sowieso irgendwie durch Raum und Zeit verbunden sind.

»Habt ihr schon einmal der Spülmaschine bei ihrem Gesang zugehört? Manchmal sitze ich abends in der Küche, habe sie gerade eingeräumt und angestellt. Ein Kammerorchester. Anfangs Einstimmen, schräg, darauf ein feenhaftes Klingen, wie von Triangeln, leise Reibung von Glas an Glas, luftige Harfen setzen ein. Das Klirren der Teller, im Bass summen und poltern die Töpfe, erst kollert das Wasser, dann zischt es, brandet, übernimmt schließlich den Continuopart mit einem steten Brummen. [ … ]“

Hat man jemals so etwas Banales so schön beschrieben gelesen? Gut, dass ich Leupolds Roman aufgrund der Nominierung für den Buchpreis wahrgenommen habe. Sie ist eine virtuose Erzählerin, eine, die mit ihrer Sprache ein inneres Jubeln in mir erzeugte. Ich würde am Liebsten die ganze Besprechung hier mit Zitaten füllen. Ich empfehle die Lektüre unbedingt, ganz unabhängig von irgendwelchen Besten- oder Preislisten. Ein Leuchten!

Dagmar Leupolds Roman „Die Witwen“ mit diesem wunderbaren Coverbild ist im Jung und Jung Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier

Martin Mosebach: Mogador Rowohlt Verlag

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Ein neuer Roman von Martin Mosebach ist erschienen. In „Mogador“ erzählt der Autor beinahe ein Märchen aus 1001 Nacht. Die Geschichte, obwohl in der Jetzt-Zeit angesiedelt, liest sich als wären wir in eine Welt geraten, in der wir hinter jeder Ecke auch Ali Baba oder Aladin mit der Wunderlampe begegnen könnten. Schauplatz ist der marokkanische Küstenort Mogador, der heute eigentlich Essaouira heißt. Tatsächlich war ich beim Lesen immer wieder erstaunt, wenn dann plötzlich ein Mobiltelefon auftauchte, wo ich doch eigentlich einen Geist aus der Flasche erwartet hätte. Dabei benutzt Mosebach auch alte Schreibweisen wie Telephon oder Bankerott.

Der Roman beginnt, als Hauptfigur Patrick Elff, der als junger, aufstrebender Banker nicht nur legale Geschäfte betreibt, sich mit einem Sprung aus dem Fenster des Polizeireviers auf die Flucht vor dem Gesetz begibt. Nach Marokko bricht er auf, weg aus der angenehmen Beziehung mit seiner Ehefrau Pilar, weg aus dem ansehnlichen Haus in Düsseldorf. Nach Marokko deshalb, weil dort der betuchte, angesehene Pereira lebt, dem er einmal bei einem nicht legalen Geldgeschäft geholfen hat, und von dem er sich nun im Gegenzug Hilfe erhofft.

„Dies war eine Reise ins Ungewisse. Die Fahrkarte galt bis Mogador, aber was ihn dort erwartete und wie er sich dort durchschlagen würde, das war völlig unklar. Er hatte ein Ziel; danach wußte er nicht weiter. In Mogador mußte sich alles entscheiden – aber was konnte er selbst noch dazu tun?“

Dort angekommen landet er, von deren Helfershelfer Karim abgeschleppt, ausgerechnet im Hause von Khadija, die mit einem Geist, einem „Dschunnat“ im Bunde ist. Khadija und ihrem Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen zur Geldverleiherin, Bordellbesitzerin und Hellseherin widmet der Autor einen beträchtlichen und sehr unterhaltsamen Teil des Romans.

„Der erwünschte Effekt aus dem Zusammenwirken mit dem Imam trat ein. Die Geldverleiherei verschwand dahinter etwas. Im Westen würde man sagen, Khadija habe eine Lebensberatungspraxis begründet, die sich auch mit Finanzberatung befaßte, denn meist hingen die Sorgen der Menschen doch mit Geld zusammen. Geldverleiher galten als böse Menschen, weil sie ihr Geld wiederhaben wollen. Das konnte auch Khadija nicht von sich abstreifen, aber es war jetzt besser verpackt.“

Elff mietet sich dort ein, weil ihm das am wenigsten auffällig erscheint und macht sich auf die Suche nach seinem Retter. Mit Monsieur Pereira in Kontakt zu treten, wird allerdings ein weitaus schwierigeres Unterfangen, als Elff es sich vorstellt. So muss er lernen zu warten und sich ganz dem etwas anderen Zeitgefühl der Bewohner von Mogador anzupassen. Von seltsamen Träumen geplagt und in Gedanken immer wieder bei Pilar, traut er sich doch nicht, ein Lebenszeichen in die Heimat zu senden.
Nach mehrfachem Vorsprechen im Hotel des einflussreichen Pereira hinterlegt er schließlich einen persönlichen Brief, der jedoch die erwünschte Wirkung verfehlt und das genaue Gegenteil bewirkt.

Währenddessen spitzt sich die Situation aufgrund einer weiteren Verfehlung Elffs in Mogador immer mehr zu, so dass er erneut die Flucht ergreift und zwar nun zurück in die Gegenrichtung, nach Deutschland, scheint ihm die deutsche Rechtssprechung doch zuverlässiger als die Marokkos…

Zugegeben hat mich Mosebach zwar mit dieser Geschichte gefesselt, aber so ganz überzeugt hat er mich diesmal nicht. Ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt die Inszenierung, zu wenig überzeugend die Hauptfigur (die von Khadija bei Weitem überstrahlt wird),  zu verklärt das „Morgenland“. Schön ist wie immer Mosebachs Sprache, seine ausschweifende, leicht altertümliche Art zu erzählen, die sogleich Bilder hervorruft und die mit ganz feinem Humor durchzogen ist. Doch haben mir die beiden Vorgängerromane „Was davor geschah“ und „Das Blutbuchenfest“ besser gefallen, die beide in Mosebachs Heimatstadt Frankfurt spielen.

„Mogador“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald S.Fischer Verlag

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Es ist die Geschichte von zwei Brüdern, Alexander und Jakob, die ein Altersunterschied von 15 Jahren trennt, der eine zu Beginn des Romans 30, der andere 15 Jahre alt. Es ist eine ganz und gar ungewohnte Geschichte, scheint sie doch in einer ganz anderen Zeit zu spielen, die mich ein wenig an Kakanien erinnert. Und doch ereignet sich alles in der Gegenwart, aber eben nicht in der Gegenwart eines (Groß-)Stadtbewohners, sondern im ländlichen Raum in Österreich. Mich hat Kaiser-Mühlecker in eine Zeit versetzt, in der ich selbst auf dem Land lebte und einige der traditionellen dörflichen Strukturen, die beispielsweise auch auf dem elterlichen Bauernhof der beiden Brüder herrschen, miterlebt habe.

Es ist in der Tat eine Geschichte, dunkel wie der Wald, mit seltsam fremd beseelten Menschen. Beide Brüder scheinen sich irgendwie haltlos und ziellos durchs Leben zu bewegen. Alexander, der als Kind auf einer Klosterschule war und Priester werden wollte, ist inzwischen als Zeitsoldat bei der Armee und zu Beginn des Romans bei einem Auslandseinsatz im Kosovo. Das erste prägende sexuelle Erlebnis mit dem Mädchen Elvira brachte ihn von seinem geplanten religiösen Lebensweg ab.
Jakob führt quasi allein den elterlichen Hof, da der Vater umtriebig merkwürdigen Geschäften nachgeht, die jedoch nie gewinnbringend enden. Der Hof ist auf dem Weg in den Ruin, während die Großeltern auf einem großen Vermögen hocken. Eine seltsame Stimmung der Kälte und Gleichgültigkeit herrscht zwischen den Familienmitgliedern.

Kaiser-Mühlecker gelingt es in seiner etwas altmodischen („er war nicht mehr leutselig“), aber zum Inhalt trefflich passenden Sprache starke Bilder hervorzubringen und Stimmungen einzufangen.

„Als wäre irgendwann eine Tür zugefallen, war es ihm, denn tief in sich hörte er bisweilen ein Geräusch wie einen Nachhall, sah aber nicht mehr, wo sich diese Tür befunden hatte; und es kam ihm vor, als streiche er immer nur – suchend, suchend – entlang an einer glatten, fugenlosen Mauer.“

Mehr um sich abzulenken, als aus Zuneigung, geht Jakob schließlich eine Beziehung mit Nina ein, als sie schwanger wird, ziehen sie zusammen. Doch Jakob fühlt sich eingeengt, empfindet immer mehr Wut und hat schließlich Angst, dass aus der Wut Gewalt wird. Das Paar trennt sich, Jakob verliert seine Arbeit aufgrund dubioser Gerüchte, er wäre am Selbstmord eines Freundes schuldig. Schließlich wendet er sich in seiner Ausweglosigkeit an eine Sekte, Urchristen genannt, die ausgerechnet von Elvira, Alexanders früherer Geliebten, geleitet wird. Erst dort findet er aus seiner düsteren Sinnlosigkeit, die in beständig quält, heraus.

Alexander hat mittlerweile einen Innendienstposten im Ministerium in Wien und eine Geliebte, Lilo, die ausgerechnet die Ehefrau seines Vorgesetzten ist. Er, der sonst nur lose Liebschaften suchte, sich nicht binden wollte, wird vollkommen aus der Bahn geworfen, als diese ihn verlässt. Er gerät in eine tiefe Depression. Erst eine Reise nach Italien und der plötzliche Tod von Lilos Ehemann, eröffnen neue Wege.

„Hätte er traurig ausgesehen, wäre es ihm klarer gewesen, weshalb es so war, man mied die Traurigen. Aber wenn er sich im Spiegel betrachtete, konnte er nicht finden, dass etwas Trauriges an ihm war, höchstens etwas Melancholisches, Schwermütiges, das wohl die beständigen immergleichen Gedanken an Lilo ihm verliehen.“

Ein wenig abrupt und auch (für mich) unerwartet lässt der Autor seinen Roman enden. Und damit bleiben auch viele Fragen offen. Gerne hätte ich noch weitergelesen, vor allem auch aus Lust an Kaiser-Mühleckers Sprache, die fasziniert und lockt, und das obwohl die Geschichte keine einfache ist. Ich bin weiterhin tief beeindruckt vom Erzählstil dieses Autors und empfehle auch unbedingt den vorher erschienenen Erzählband  „Zeichnungen“. Beide Bücher sind im S.Fischer Verlag erschienen. Der Roman steht auf der Longlist zum Deutschen und zum österreichischen Buchpreis.
Eine Leseprobe gibt es hier
Eine weitere Besprechung gibt es auf letteratura

Akos Doma: Der Weg der Wünsche Rowohlt Verlag

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Akos Domas Roman ist die Geschichte einer Flucht, der Flucht aus dem kommunistischen Ungarn in den Westen. Der 1963 in Budapest geborene Autor hat vermutlich einiges seiner eigenen Biografie in diesem Roman verarbeitet. Es ist ein leicht lesbares durchaus interessantes Buch ohne wirkliche Höhepunkte, weder sprachlich noch inhaltlich.

Die Geschichte spielt etwa Mitte der siebziger Jahre und beginnt in Budapest. Térez und Károly müssen sich mit den beiden Kindern Misi und Bori ein einziges Zimmer in einem Haus teilen. Eine größere Wohnung erhalten sie nicht, da sie nicht linientreu genug und nicht in der Partei sind. Während Térez  von ihrem Arbeitgeber degradiert wird und aufs Land versetzt wird, bietet man Károly für ein Jahr einen Arbeitsplatz in West-Deutschland an. Beide haben eine düstere Vergangenheit hinter sich,  Térez ist traumatisiert durch die Flucht vor den Russen im zweiten Weltkrieg, Károly wurde mit seiner Mutter enteignet und aufs Land zwangsumgesiedelt, obwohl er studieren und Arzt werden wollte.

Nach der Rückkehr Károlys beschließen sie ihr Heimatland für immer zu verlassen, den Kindern erzählen sie von einer Urlaubsreise an den Plattensee, doch in Wirklichkeit ist die Flucht über Jugoslawien und Italien nach Deutschland geplant. Mit viel Glück gelangen sie tatsächlich nach Italien, doch dort im Auffanglager scheint das Leben noch unerträglicher, die Zustände unmenschlich. Immer mehr hinterfragen sie ihre Entscheidung. Viele Monate müssen sie dort verweilen, die Mühlen der Ämter mahlen langsam, doch dann beschließt Térez, dass sie versuchen wird, die Dinge zu beschleunigen …

Wahrscheinlich hätte ich dieses Buch nicht gelesen, wäre es nicht für den Deutschen Buchpreis für die Longlist nominiert. Tatsächlich wundert es mich, wie es dahin gelangt ist. Für mich ist es nicht buchpreisverdächtig. Wäre es der Jury darum gegangen einen Roman zu den Themen Flucht und Migration zu nominieren, dann hätte es bei Weitem bessere gegeben. Wie zum Beispiel Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“ und Senthuran Varatharajahs „Vor der Zunahme der Zeichen“.
„Der Weg der Wünsche“ von Akos Doma erschien im Rowohlt Verlag.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis Frankfurter Verlagsanstalt

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Eine Novelle nennt Kirchhoff sein neues Buch mit dem wunderbaren Titel „Widerfahrnis“.
Es ist schon erstaunlich, was der Sprachzauberer Kirchhoff hier mit einer Geschichte macht, die auch ziemlich banal und kitschig erzählt werden könnte. Der Stoff allein würde nicht reichen: Sicher, eine überraschende Begegnung, ein verrücktes Vorhaben und eine beginnende, sich entwickelnde Liebesgeschichte, die auch noch durchs malerische Italien führt, hat von sich aus etwas. Aber wie Kirchhoff hier auch noch mit einer zweiten Ebene hantiert und seinen Protagonisten selbst diese Liebesentwicklung kommentieren lässt und auch noch Vergleiche zieht zu der Entwicklung einer Romanhandlung ist schon hochkarätig.

„Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen? Vielleicht mit den Schritten vor seiner Tür und den Zweifeln, ob das überhaupt Schritte waren oder nur wieder etwas aus einer Unruhe in ihm, seit er nicht mehr das Chaos von anderen verbesserte, bis daraus ein Buch wurde.“

Der passionierter Verleger Reither hat seinen kleinen anspruchsvollen Verlag verkauft und will sich in einem kleinen Ort in den Bergen zur Ruhe setzen. Eines späten Abends erhält er in der exklusiven Wohnanlage Besuch von einer Frau, die einen Literaturkreis leitet und ihn, den bekannten Buchmenschen dafür gewinnen will. Im geblümten Sommerkleid, obwohl es noch Winter ist, steht sie vor seiner Tür und kurz darauf trinken sie zusammen Wein und rauchen. Wie sich herausstellt ist sie, Leonie Palm, die Autorin des Buches ohne Titel, welches er Tags zuvor in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Ein Roman, den er wohl nie verlegt hätte. Eine autobiografische Geschichte, wie sich bald zeigt. Beide erlauben sich eine kleine Verrücktheit und entschließen sich zum Sonnenaufgang mit ihrem Auto an einen nahe gelegenen See zu fahren. Viel zu früh sind sie dort, noch ist es dunkel, und so geht es einfach weiter gen Süden, sie beschließen in den Sonnenaufgang hinein zu fahren. Und plötzlich sind sie schon auf dem Weg nach Italien, es geht über den Brenner und als die Sonne aufgeht, frühstücken Sie, bereits im Veneto. Sie fahren immer weiter ins Blaue, sind sich darüber einig, reden, erzählen sich aus ihrem Leben, von ihren Beziehungen, schweigen, rauchen, essen, teilen sich mit. Zwei Menschen, die im Gespräch und im Fluss des Reisens auch ihr bisheriges Dasein reflektieren.

„Erinnerungen sollten wie Abschnitte in einem Handbuch sein, nur dazu dienen, in bestimmten Situationen die richtigen Worte in richtiger Reihenfolge zu sagen, aber es sind Einflüsterungen, die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides.“

Es ist ein Vergnügen, die beiden als Leser zu begleiten. Es entwickelt sich ganz vorsichtig eine Liebesgeschichte, doch wie Leonie Palm bereits eingangs sagte, dass „das Menschliche mit der Zeit kaum einfacher wird“, bleibt auch eine gewisse Distanz.
Eine Nacht verbringen sie im Auto, dann fahren sie durch bis nach Sizilien. Dort wollen sie übernachten, nicht im Auto diesmal, sondern bequemer und Reither hofft auf eine romantische Liebesnacht und noch viel mehr. Doch alles kommt anders. Verblüffend anders, vor allem auch für den Leser. Und so wird aus dem Roman in der Tat eine Novelle…

Das Einzige, was mich an Kirchhoffs Geschichte anfangs ein klein wenig störte, was mir aber derzeit bei vielen anderen Romanen ebenso auffällt, ist das oft etwas künstliche und gewollte Bemühen das aktuelle Thema Flüchtlingskrise unbedingt irgendwie mit in die Geschichte einzubauen. Glücklicherweise ist es bei Kirchhoff letztlich doch noch stimmig und wichtig für den Fortlauf der Geschichte.

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff erschien soeben in der Frankfurter Verlagsanstalt und wurde nominiert für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016. Eine Leseprobe gibt es hier

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen Matthes & Seitz Verlag

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Da gibt es Karl. Karl ist pensionierter Lehrer, Karl hat Zeit und macht sich so seine Gedanken. Also unternimmt er eine Reise. Er fährt an einen Ort, den er per Zufallsprinzip gewählt hat und mietet sich ein im Hotel Post. Die Wirtin lebt dort mit einer dicken Hündin namens Annemarie, die ein Gast einmal zurückgelassen hat. Beide sind Karl wohlgesonnen. Zuhause hat Karl eine Frau, Margit. Mit Margit telefoniert Karl um sein Tagwerk zu besprechen. Sie kennt Karl beinahe besser, als er sich selbst. Margit hat immer die besten Ratschläge. Denn Karl will nicht etwa Urlaub machen, nein, er hat eine heikle Aufgabe vor sich: Er will sich als Forscher betätigen. „Ich erhebe, wie es um unsere Gesellschaft steht“. Karl startet eine Umfrage zum Thema Glück, angeregt durch Fragebögen aus dem Bhutan, die das „Bruttonationalglück“ feststellen sollen.
Was er dabei erlebt, was alles anders kommt als geplant und wie es dann mit Karl weitergeht, erzählt uns Anna Weidenholzer in ihrer sehr eigenen Art und Weise. Mit Hin- und Herblenden, Gedankensprüngen, abgebrochenen Sätzen, Zeit- und Ortsverschiebungen, abgedrehten Dialogen schafft sie es für völlige Unklarheit zu sorgen. So wirr und skurril wie Karl ist, schreibt auch seine Schöpferin.

„Während Karl die letzten Butterreste auf das dritte Brot streicht, wartet er darauf, dass Margits Theorie der unerträglichen Stille greift. Gibt jemand zu wenig Auskunft, kann es hilfreich sein, in Stille abzuwarten, dass das Gegenüber in einen Redeschwall gerät. Aber die Wirtin schweigt.“

Erzählt wird die Geschichte indem sich Karl auf seiner Rückfahrt zu Margit in den Jupiterweg 7 seiner Erlebnisse erinnert. Weit über die geplante Zeit von zwei Wochen hinaus, hielt er sich in diesem schneefreien Wintersportort im Gebirge auf. Weit kam er nicht mit seinen Befragungen, skeptisch waren vor allem die Frauen. Viel hat er über die Menschen und sich selbst an jenem Ort dennoch erfahren, sei es am Grillhähnchenstand von M4 (Klassifizierung der Befragten, der Professionalität halber lieber keine Namen) oder beim Baumfällen mit M1, seinem Holzfreund oder am Frühstückstisch von der Wirtin.F1, manchmal mehr als im lieb war.

„Also sagt M5: Kommst du zur Welt, hast du zwei Möglichkeiten: hier oder anderswo. Anderswo wäre gut für dich, kommst du hier zu Welt hast du zwei Möglichkeiten: reiche Eltern oder nicht. Reiche Eltern wären gut für dich, bei armen Eltern hast du zwei Möglichkeiten. Du kommst zu einer Volksschullehrerin, die dich trotzdem fördert, oder nicht. Fördern wäre gut für dich, ist es nicht so, hast du zwei Möglichkeiten …“

Und so ganz nebenbei erfährt man dann auch, schon fast am Schluss, den ein oder anderen Grund warum die Herren in solch gebirgiger Gegend, weitab vom Meer Seesterne tragen.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich fürchte, ich habe den tieferen Sinn dieses Buches, falls es ihn denn gibt, nicht ganz verstanden. Das macht aber nichts, ich habe mich trotzdem wohlgefühlt mit Karl und Annemarie.
Man kann natürlich viel deuten. Es gibt gesellschaftskritische Anspielungen zu Themen wie Klimawandel, zur Schnelllebigkeit, zur Umweltproblematik und zu Ängsten und Einsamkeit. Die Frage „Wie sollen wir leben?“ steht im Raum. Doch das Buch unter diesem Aspekt zu lesen wäre nicht ratsam. Es ist vielleicht eher eine Lektüre für solche, die selbst verwirrt sind, etwas verloren in der Welt stehen, und vor allem für Leser die schräge Geschichten mit sonderbaren Gestalten zum Weiterspinnen mögen. Zu letzteren zähle ich mich auch …

Der Roman der Österreicherin Anna Weidenholzer erschien soeben im Matthes & Seitz Verlag mit schön gestaltetem Cover und Fadenheftung. Er wurde für die Longlist zum deutschen Buchpreis 2016 nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier

Silvie Schenk: Schnell, dein Leben Hanser Verlag

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„Schnell, dein Leben“ ist eigentlich zu kurz. In diesem schmalen 160 Seiten-Roman wird zwar einerseits alles gesagt, dennoch entsteht durch Schenks Erzählweise der Wunsch noch viel mehr über dieses „schnelle Leben“ zu erfahren, ausführlicher durch die einzelnen Lebensstationen begleitet zu werden. Doch vielleicht, und das macht die Lektüre für mich umso interessanter, ist genau die Kürze eben die Absicht Schenks, worauf sogar der gewählte Titel hinweisen könnte.

Die gesamte Besprechung von mir kann man lesen auf fixpoetry.com

Han Kang: Die Vegetarierin Aufbau Verlag

Vollkommen zurecht hat Han Kangs Roman „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Price 2016 erhalten. Es ist eine tiefgründige, ja abgründige Geschichte, die fasziniert aufgrund ihrer Vielschichtigkeit; eine Geschichte, die so harmlos beginnt, gerade auch sprachlich, sich immer mehr verzweigt, bis ins Mark dringt und den Leser schließlich gänzlich absorbiert. Einer jener Romane, nach deren Lektüre man sich fragt, wie man jemals wieder einen neuen beginnen kann.

Der Roman ist in drei Kapitel unterteilt, in denen jeweils eine Person mit Blick auf die eigentliche Protagonistin Yong-Hye erzählt.
Zunächst wird aus der Sicht des Ehemanns geschildert, wie Yong-Hye sich eines Tages plötzlich entscheidet kein Fleisch mehr zu essen. Als Grund gibt sie an, sie hätte einen Traum gehabt. Die Ehe der beiden, die ohnehin nur eine Zweckehe ist, wird immer brüchiger. Yong-Hye wird schließlich bei einem Besuch der Eltern von ihrem Vater gezwungen Fleisch zu essen, worauf hin sie ein Messer ergreift und sich vor aller Augen die Pulsadern aufschneidet. Darauf hin schickt man sie für einige Zeit in eine psychiatrische Klinik. Der Ehemann trennt sich von ihr, da eine Ehe mit solch einer „Verrückten“ seiner angepassten Art zu leben und seiner Karriere nicht förderlich ist.

„War sie etwa doch nicht die durchschnittlichste Frau der Welt, die zu finden ich mir so viel Mühe gegeben hatte?“

Im zweiten Kapitel erzählt Yong-Hyes Schwager, ein Künstler, der überwiegend von dem Geld seiner Frau lebt. Yong-Hye hat inzwischen eine eigene kleine Wohnung und scheint mit sich ins Reine zu kommen. Ihr Schwager jedoch ist mehr und mehr fasziniert von ihr. Für ihn wird sie Objekt erotischer Fantasien. Er bittet sie Modell zu werden für sein Videokunst-Projekt, ein Projekt, von dem er leidenschaftlich besessen ist. Um dieses Kunstwerk zu vollenden, kommt es zu einer realen sexuellen Begegnung zwischen beiden, die jedoch ein neuerliches familiäres Desaster auslöst. Yong-Hye landet daraufhin wieder in der Psychiatrie.

Die letzte Episode wird aus der Sicht von Yong-Hyes Schwester In-Hye erzählt. Sie ist die einzige aus der Familie, die sich noch um Yong-Hye kümmert, die nun mit der Diagnose Magersucht und Schizophrenie in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht ist. Immer wieder hinterfragt sie die Ereignisse, die dazu geführt hatten, überlegt, was sie selbst hätte tun können, um all das zu verhindern.

„Sie denkt oft darüber nach, welche Faktoren eine Rolle in Yong-Hyes Leben und Schicksal gespielt hatten. Wie bei den komplizierten Zügen eines Go-Spiels ist es sehr
schwer, um nicht zu sagen unmöglich, aus dem Leben ihrer Schwester einen Sinn herauszulesen. Aber sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.“

Yong-Hye hingegen wirkt, als sei sie mit ihrer Situation vollkommen einverstanden. Nachdem sie eines Tages aus der Klinik verschwunden war und man sie nach 2 Tagen im Wald fand, stellte sie die Nahrungsaufnahme ganz ein, um statt Mensch aus Fleisch und Blut, eine Pflanze zu werden.

„Ihre Schwester kam mit ihrem fleischlosen Gesicht näher an sie heran. „Ich bin kein Tier mehr, große Schwester“, flüsterte sie, als sei dies ein wichtiges Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Blick verstohlen durch das Zimmer gleiten, obwohl außer ihnen niemand da war. „Ich brauche keine Nahrung. Ich kann ohne leben. Ich brauche nur Sonne.““

Aus den Traumsequenzen Yong-Hyes, die im Anfangskapitel kursiv gedruckt eingefügt sind und die von Gewalt und Blut beherrscht sind, lässt sich schließlich die ganze Dimension eines Kindheitstraumas entschlüsseln. Lange zurück Gedrängtes, die Gewalttätigkeit des Vaters, ein Hundebiss und dessen blutige Folgen, kommt durch ihre Träume zutage und löst Yong-Hyes Entschluss kein Fleisch mehr zu essen und nichts Tierisches anzurühren aus. Es ist offenbar für sie die einzige Möglichkeit Widerstand gegen überhand nehmende Fremdbestimmung zu leisten.
Zumindest wäre dies (m)eine Interpretation. Han Kang schreibt jedoch so, dass man sich nicht sicher sein kann, der Leser muss mit vielen Ungewissheiten in dieser Geschichte zurechtkommen … und das macht einen guten Teil der Größe dieses Romans aus.

Wichtig erscheint mir zum Verständnis des Romans, dass die Handlung in Korea spielt, einem Land, in dem Traditionen und Konventionen noch stark verankert sind. Nur so lässt sich beispielsweise das Entsetzen der Familie erklären, dass Yong-Hye Vegetarierin (streng genommen Veganerin) wird und daraus resultierend ihre gesellschaftlich vorgeschriebene Rolle nicht mehr ausfüllt.

Die südkoreanische Autorin Han Kang schrieb ihren Roman bereits im Jahr 2007. Die deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee erschien soeben im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

 

Longlist Deutscher Buchpreis 2016: Bisherige Leseerfahrungen

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Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 steht fest:

Akos Doma: Der Weg der Wünsche (Rowohlt Berlin, August 2016)
Gerhard Falkner: Apollokalypse (Berlin Verlag, September 2016)
Ernst-Wilhelm Händler: München (S. Fischer, August 2016)
Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald (S. Fischer, August 2016)
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt, September 2016)
André Kubiczek: Skizze eines Sommers (Rowohlt Berlin, Mai 2016)
Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2016)
Katja Lange-Müller: Drehtür (Kiepenheuer & Witsch, August 2016)
Dagmar Leupold: Die Witwen (Jung und Jung, September 2016)
Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder (Suhrkamp, September 2016)
Thomas Melle: Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin, August 2016)
Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
(Kiepenheuer & Witsch, November 2015)
Hans Platzgumer: Am Rand (Paul Zsolnay, Februar 2016)
Eva Schmidt: Ein langes Jahr (Jung und Jung, Februar 2016)
Arnold Stadler: Rauschzeit (S. Fischer, August 2016)
Peter Stamm: Weit über das Land (S. Fischer, Februar 2016)
Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch
(Lenos, März 2016)
Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses (S. Fischer, März 2016)
Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen
(Matthes & Seitz Berlin, August 2016)
Philipp Winkler: Hool (Aufbau, September 2016)

Ich finde die Liste, obwohl sie mich überrascht hat, durchaus anregend. Bisher habe ich drei Bücher davon gelesen. Eines ist meine aktuelle Lektüre und zwei weitere liegen bereits lesebereit.

Peter Stamms Buch „Weit über das Land“ hat mich sehr begeistert. Das kann man hier nachlesen.

Auch „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff war eine wunderbare Lektüre. Der Roman erscheint am 1.9., meine Besprechung hier.

Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“ habe ich ebenfalls gelesen, war nicht ganz überzeugt, aber auch nicht ganz enttäuscht. Nachzulesen hier.

Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“ liegt bereits zur Lektüre bereit. Ich mag diesen österreichischen Autor sehr und freue mich, dass er durch den Platz auf der Longlist vielleicht etwas bekannter wird. Es lohnt sich! Seinen letzten Erzählungsband „Zeichnungen“ habe ich hier besprochen.
Nachtrag: Inzwischen  gelesen

Anna Weidenholzers „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ habe ich nun gerade gelesen und mag ihre Eigenart zu schreiben sehr. Bereits mit ihrem Roman „Der Winter tut den Fischen gut“ hat mich die junge Österreicherin erfreut.

Hineingelesen habe ich auch bereits in „Die Witwen“ von Dagmar Leupold, was mich schon aufgrund des wunderbaren Coverbilds ansprach. Auch das erscheint mir eine ausgesprochen lohnende Lektüre.
Nachtrag: Inzwischen gelesen und für sehr gut befunden, Besprechung hier

Ansonsten bin ich sehr gespannt auf Arnold Stadlers „Rauschzeit“. Der Autor hat mich mit einigen seiner Romane begeistert, allen voran „Komm, gehen wir“ und „Ein hinreißender Schrotthändler“.

Durch die Besprechung von Birgit auf Sätze & Schätze bin ich auf Katja Lange-Müllers „Drehtür“ aufmerksam geworden.
Nachtrag: Auch das habe ich inzwischen gelesen. Die Rezension findet man auf fixpoetry. Einer meiner Favoriten!

Auch der mir bisher gänzlich unbekannte Autor Akos Doma mit „Der Weg der Wünsche“ macht mich neugierig.
Nachtrag: Inzwischen gelesen

Es folgt so oder so eine lesereiche Zeit.
Über Kommentare zu Leseerfahrungen freue ich mich …

Nachtbus nach Mitte Berliner Gedichte von heute Verlag für Berlin-Brandenburg

Cover Nachtbus nach Mitte_U1_75

„Fragt doch die Dichter. Wie klingt diese Stadt, deren Wirklichkeit ihrem Ruf weit vorauseilt oder langsam hinterher trödelt oder eigentlich ganz woanders vor sich hin blüht, wie klingt sie jetzt, da die Verse von Tucho und Erich, Heiner und Eva in Lesebüchern stehen müssen, damit sie nicht verloren gehen? Gibt es einen Klang des heutigen Berlin, der mehr ist als die Summe unvergleichlicher Unikate?“

So fragten sich die Herausgeber dieser Lyrik-Anthologie Martin Jankowski und Birgit Hoyer und fanden schließlich reichlich Stoff für diese umfangreiche Sammlung von Hauptstadtgedichten.

Ausgesprochen vielfältig und mit einer großen Anzahl an namhaften aktuellen Lyrikern, so wie einigen „Klassikern“ zeigt sich dieser neue Band. Alle haben die Stadt „beschrieben“, verdichtet. Nicht alle leben hier, manche sind hier geboren, manche haben länger oder kürzer hier gelebt, manche nur einen kurzen Blick auf die Hauptstadt geworfen. Viele der Gedichte sind Erstveröffentlichungen.

Von brav bis frech, von klassisch bis Subkultur, von jung bis alt, von West bis Ost ist alles dabei. Von Jan Wagner bis Monika Rinck, von Björn Kuhligk bis Günter Kunert, von Bert Papenfuß bis Marion Poschmann, von Thomas Brasch bis Lutz Seiler, um nur einige zu nennen.

In sechs Kapitel ist das Buch unterteilt, wobei sich mir die Unterteilung thematisch nicht ganz erschließt.
Im ersten Kapitel freue ich mich vor allem über Ulf Stolterfohts typische Stimme in seinem Gedicht „erst mal die fakten“:

„erst mal die fakten: bis zum finalen zerbröseln verlief die mauer
ziemlich genau parallel zur östlichen länge von greenwich. sie
teilte und fungierte somit als scheide links / rechts. ausnahme:
staaken. das sollte man schon wissen. zwischen klipp und
klapp lag der rauschende bach. die schere im kopf. die mauer …“

Im zweiten Kapitel fällt mir Mirco Bonnés „Mitte“ ins Auge:

„[ …] Und der Sinn des Ganzen? Keiner.
Du stehst an einem dunklen Fenster,
rauchst in die Nacht, Gelächter kommt
aus einem Hof, und letzte Maschinen
landen in Tegel. Zwei Straßen weiter
wohnte Dora Diamant. Zeit vergeht,
die Pergola blüht. Wieder Sommer.“

Im dritten Kapitel dann Martin Piekars „Hauptbahnhof Berlin“:

„So oft, wie hier schon Wind ging – miteinander
// gegeneinander könnte man
ein Lexikon der Stürme schreiben –.
Eine Voliere außerhalb
des Bahnhofs. Hier:
Matrjoschka-Dimensionen von
Überfüllungen: spiele: Zug – Bahnhof – Stadt.
Die Narreteien Vorbeifahrender und
von meinen Haaren;
sie kommunizieren miteinander
// gegeneinander. Ich fühle
mich
umgangssprachlich …“

Tom Bresemann mit „punktlandung im sinusmilieu“ trifft schließlich das „hippe“ Berlin genau auf den Punkt:

„kreative schauprozesse, dergleichen,
was man halt macht

im nebenleben, wenn schon was mit medien
dann in kreuzberg, wenn schon

geld in die hand genommen,
dann auch handshake.

hinab mit dem establishment!
die matinee frisst ihre mieter

zum mittagstisch, die krumen
im brechts,

hi there, hausverwaltung,
would you sign my petition? …“

Es finden sich Stadtteilgedichte, Randgedichte, politische Gedichte, Naturgedichte, Begegnungsgedichte und erstaunlich viele U-Bahn-Gedichte. Jegliche Form oder Nichtform ist dabei. Die Stadt erscheint in all ihren Facetten, bunt, windig, dreckig, schnell, gelassen, grün, geschichtsträchtig, jung …

Die beiden Herausgeber haben eine gute Auswahl getroffen, wenngleich ich mir lieber noch eine größere Anzahl unterschiedlicher Autoren gewünscht hätte und nicht unbedingt mehrere Gedichte von einzelnen Autoren.
Mit diesem Band, der kürzlich im Verlag für Berlin-Brandenburg erschien, kann man sich auf über 180 Seiten ziemlich gut selbst ein Bild über die Vielfalt der Poesie Berlins machen.
Mehr über das Buch findet sich hier

Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag

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Ein schmales Bändchen aus dem Steidl Verlag hat mich gerade enorm überrascht. Für eine Leserin wie mich, die sich gerne von Sprachzauberei und eigenwilligen Geschichten faszinieren lässt, kam Véronique Bizots „Menschenseele“ gerade recht. Ich bin hingerissen von dem, was Bizot mit ihrem kurzen Stoff, der eigentlich gar keiner ist, macht: Sie lässt ihn nämlich leuchten! Die Geschichte, die vermeintlich so langsam dahinfließt, entpuppt sich als „etwas“ mit enormer Kraft. Gegen Ende hin kommt Bewegung, aus Fluss wird Überschwemmung, so dass mir der Kopf schön schwirrte und ich zeilenweise nach las, ob ich auch richtig verstanden hätte. Ums Verstehen geht es allerdings vielleicht gar nicht vorrangig, sondern ums Verwirrenlassen, um schöpferisches Lesen womöglich …

Will man den Inhalt darlegen, genügt vielleicht ein einziger, wenngleich langer, Schachtelsatz, wie sie auch Bizot in ihrem Roman verwendet. Ich versuche es mal:
Vier Männer verschiedenen Alters, der erfolgreiche Theaterautor Fouks und der geheimnisvolle Montoya, ein Übersetzer und sein scheinbar stummer Bruder – sie könnten nicht unterschiedlicher sein –, treffen sich allein um der Gesellschaft Willen, allein um der Einsamkeit ihrer abgeschiedenen Wohngegend in den französischen Alpen zu entgehen und zelebrieren sie dann doch in stillem Einverständnis gemeinsam, bis etwas ganz anderes passiert.

Bizot arbeitet jede ihrer skurrilen Figuren aus, sie beschreibt sie nicht, sondern verinnerlicht sie uns. Am meisten hat es mir der gerade `mündig` gewordene, nicht sprechende, aber umso mehr denkende Ich-Erzähler angetan. Er, der durch ein traumatisierendes Ereignis vor vielen Jahren seine Stimme verloren hat, nimmt seine Umgebung viel deutlicher war als alle Redenden. Er denkt darüber nach, was er gesehen hat und fügt dem ein gerüttelt Mass Fantasie hinzu. Da er Stunde um Stunde in der Bibliothek des Theaterschriftstellers verbringen darf, hütet er einen enormen Bestand an Romanhandlungen im Kopf, aus denen er zu passender Zeit Sätze zitiert, alles nur in Gedanken, versteht sich. Dass wir viel Zeit quasi in seinem Kopf verbringen dürfen, ist eine der kleinen Kostbarkeiten, die das Buch bereithält.

„In letzter Zeit hatte ich begonnen, die Zeitung zu lesen, die eine ganz andere Art Auskünfte lieferte als jene, die ich in Büchern fand. Dabei gewann ich den Eindruck, dass die Menschen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu jeder Zeit eine unermesslich große Anzahl aberwitziger Initiativen ergriffen, die sie geradewegs ins Desaster führten, und das schien schon eine ganze Weile so zu gehen.“

„Menschenseele“ ist ein verrücktes Stück Literatur, eins, dass einem durch den Kopf schleicht und heimlich allerhand aufwirbelt. Hauptthemen, will man sie wirklich benennen, sind die Einsamkeit und der Verlust, aber auch das Glück der Einfachheit. Bizot paart Melancholie mit sehr feinem Humor und lässt mich in ihrer wortschatzreichen Sprache schwelgen.
Wenn unser Erzähler, als er sich auf einer Reise nach Turin mit den anderen das Treppenhaus ansieht, in dem (vermutlich mit der Absicht der Selbsttötung) Franco Luccentini in den Tod stürzte, sich in Gedanken ausführlich über Hintergründe und Möglichkeiten der Art einen Selbstmord zu begehen, befasst, dann mag das zwar vielleicht ein trauriges Thema sein, zeigt aber gleichzeitig Bizots große Erzählkunst.

„Wie es auch gewesen sein mag, da war also ein Mann, dachte ich, der sich, obwohl ihm drei Schritte von seiner Wohnung entfernt ein großer Fluss zur Verfügung steht oder ein geräumiger Hof, in die Enge seines Treppenhauses wirft, ein Mann, der am Morgen aus seiner Wohnung tritt, in ein paar Schritten den Treppenabsatz überquert und weiterläuft, die Existenz des Flusses oder des weiten Hofes ignoriert, sich in die erstbeste Leere fallen lässt, diese Leere nimmt, wie er ebenso gut die Treppe hätte nehmen können, um bis zum Fluss zu laufen oder sich mit der Zeitung vor ein Café zu setzen, wobei alle Dinge in ihrer Gleichgültigkeit verschmelzen, die Leere so gut wie die Treppe, der Hof so gut wie der Fluss, der Sturz so gut wie eine Caféterrasse, etwas so gut wie nichts.“

Man beachte: Obiges Zitat besteht aus nur einem Satz.

Die Reise unserer vier Helden nach Turin bringt schließlich für jeden, wenngleich sehr rasch und unerwartet einen Wendepunkt im Leben. Mehr will ich nicht verraten …
So könnte man jedenfalls den nur 142 Seiten langen Roman wohl auch als Novelle bezeichnen.

„Menschenseele“ von Véronique Bizot erschien im Steidl Verlag in typischer Ausstattung, schön gesetzt auf feinem Papier und mit Fadenheftung. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz. Weitere Romane der in Paris lebenden Autorin erschienen ebenfalls im Steidl Verlag.

Eine schöne Rezension, die Anlass war für meine Lektüre findet sich auf fixpoetry.com