Han Kang: Die Vegetarierin Aufbau Verlag

Vollkommen zurecht hat Han Kangs Roman „Die Vegetarierin“ den Man Booker International Price 2016 erhalten. Es ist eine tiefgründige, ja abgründige Geschichte, die fasziniert aufgrund ihrer Vielschichtigkeit; eine Geschichte, die so harmlos beginnt, gerade auch sprachlich, sich immer mehr verzweigt, bis ins Mark dringt und den Leser schließlich gänzlich absorbiert. Einer jener Romane, nach deren Lektüre man sich fragt, wie man jemals wieder einen neuen beginnen kann.

Der Roman ist in drei Kapitel unterteilt, in denen jeweils eine Person mit Blick auf die eigentliche Protagonistin Yong-Hye erzählt.
Zunächst wird aus der Sicht des Ehemanns geschildert, wie Yong-Hye sich eines Tages plötzlich entscheidet kein Fleisch mehr zu essen. Als Grund gibt sie an, sie hätte einen Traum gehabt. Die Ehe der beiden, die ohnehin nur eine Zweckehe ist, wird immer brüchiger. Yong-Hye wird schließlich bei einem Besuch der Eltern von ihrem Vater gezwungen Fleisch zu essen, worauf hin sie ein Messer ergreift und sich vor aller Augen die Pulsadern aufschneidet. Darauf hin schickt man sie für einige Zeit in eine psychiatrische Klinik. Der Ehemann trennt sich von ihr, da eine Ehe mit solch einer „Verrückten“ seiner angepassten Art zu leben und seiner Karriere nicht förderlich ist.

„War sie etwa doch nicht die durchschnittlichste Frau der Welt, die zu finden ich mir so viel Mühe gegeben hatte?“

Im zweiten Kapitel erzählt Yong-Hyes Schwager, ein Künstler, der überwiegend von dem Geld seiner Frau lebt. Yong-Hye hat inzwischen eine eigene kleine Wohnung und scheint mit sich ins Reine zu kommen. Ihr Schwager jedoch ist mehr und mehr fasziniert von ihr. Für ihn wird sie Objekt erotischer Fantasien. Er bittet sie Modell zu werden für sein Videokunst-Projekt, ein Projekt, von dem er leidenschaftlich besessen ist. Um dieses Kunstwerk zu vollenden, kommt es zu einer realen sexuellen Begegnung zwischen beiden, die jedoch ein neuerliches familiäres Desaster auslöst. Yong-Hye landet daraufhin wieder in der Psychiatrie.

Die letzte Episode wird aus der Sicht von Yong-Hyes Schwester In-Hye erzählt. Sie ist die einzige aus der Familie, die sich noch um Yong-Hye kümmert, die nun mit der Diagnose Magersucht und Schizophrenie in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht ist. Immer wieder hinterfragt sie die Ereignisse, die dazu geführt hatten, überlegt, was sie selbst hätte tun können, um all das zu verhindern.

„Sie denkt oft darüber nach, welche Faktoren eine Rolle in Yong-Hyes Leben und Schicksal gespielt hatten. Wie bei den komplizierten Zügen eines Go-Spiels ist es sehr
schwer, um nicht zu sagen unmöglich, aus dem Leben ihrer Schwester einen Sinn herauszulesen. Aber sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.“

Yong-Hye hingegen wirkt, als sei sie mit ihrer Situation vollkommen einverstanden. Nachdem sie eines Tages aus der Klinik verschwunden war und man sie nach 2 Tagen im Wald fand, stellte sie die Nahrungsaufnahme ganz ein, um statt Mensch aus Fleisch und Blut, eine Pflanze zu werden.

„Ihre Schwester kam mit ihrem fleischlosen Gesicht näher an sie heran. „Ich bin kein Tier mehr, große Schwester“, flüsterte sie, als sei dies ein wichtiges Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Blick verstohlen durch das Zimmer gleiten, obwohl außer ihnen niemand da war. „Ich brauche keine Nahrung. Ich kann ohne leben. Ich brauche nur Sonne.““

Aus den Traumsequenzen Yong-Hyes, die im Anfangskapitel kursiv gedruckt eingefügt sind und die von Gewalt und Blut beherrscht sind, lässt sich schließlich die ganze Dimension eines Kindheitstraumas entschlüsseln. Lange zurück Gedrängtes, die Gewalttätigkeit des Vaters, ein Hundebiss und dessen blutige Folgen, kommt durch ihre Träume zutage und löst Yong-Hyes Entschluss kein Fleisch mehr zu essen und nichts Tierisches anzurühren aus. Es ist offenbar für sie die einzige Möglichkeit Widerstand gegen überhand nehmende Fremdbestimmung zu leisten.
Zumindest wäre dies (m)eine Interpretation. Han Kang schreibt jedoch so, dass man sich nicht sicher sein kann, der Leser muss mit vielen Ungewissheiten in dieser Geschichte zurechtkommen … und das macht einen guten Teil der Größe dieses Romans aus.

Wichtig erscheint mir zum Verständnis des Romans, dass die Handlung in Korea spielt, einem Land, in dem Traditionen und Konventionen noch stark verankert sind. Nur so lässt sich beispielsweise das Entsetzen der Familie erklären, dass Yong-Hye Vegetarierin (streng genommen Veganerin) wird und daraus resultierend ihre gesellschaftlich vorgeschriebene Rolle nicht mehr ausfüllt.

Die südkoreanische Autorin Han Kang schrieb ihren Roman bereits im Jahr 2007. Die deutsche Übersetzung von Ki-Hyang Lee erschien soeben im Aufbau Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

 

Longlist Deutscher Buchpreis 2016: Bisherige Leseerfahrungen

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Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 steht fest:

Akos Doma: Der Weg der Wünsche (Rowohlt Berlin, August 2016)
Gerhard Falkner: Apollokalypse (Berlin Verlag, September 2016)
Ernst-Wilhelm Händler: München (S. Fischer, August 2016)
Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald (S. Fischer, August 2016)
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis (Frankfurter Verlagsanstalt, September 2016)
André Kubiczek: Skizze eines Sommers (Rowohlt Berlin, Mai 2016)
Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2016)
Katja Lange-Müller: Drehtür (Kiepenheuer & Witsch, August 2016)
Dagmar Leupold: Die Witwen (Jung und Jung, September 2016)
Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder (Suhrkamp, September 2016)
Thomas Melle: Die Welt im Rücken (Rowohlt Berlin, August 2016)
Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
(Kiepenheuer & Witsch, November 2015)
Hans Platzgumer: Am Rand (Paul Zsolnay, Februar 2016)
Eva Schmidt: Ein langes Jahr (Jung und Jung, Februar 2016)
Arnold Stadler: Rauschzeit (S. Fischer, August 2016)
Peter Stamm: Weit über das Land (S. Fischer, Februar 2016)
Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch
(Lenos, März 2016)
Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses (S. Fischer, März 2016)
Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen
(Matthes & Seitz Berlin, August 2016)
Philipp Winkler: Hool (Aufbau, September 2016)

Ich finde die Liste, obwohl sie mich überrascht hat, durchaus anregend. Bisher habe ich drei Bücher davon gelesen. Eines ist meine aktuelle Lektüre und zwei weitere liegen bereits lesebereit.

Peter Stamms Buch „Weit über das Land“ hat mich sehr begeistert. Das kann man hier nachlesen.

Auch „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff war eine wunderbare Lektüre. Der Roman erscheint am 1.9., meine Besprechung folgt nach Erscheinen.

Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“ habe ich ebenfalls gelesen, war nicht ganz überzeugt, aber auch nicht ganz enttäuscht. Nachzulesen hier.

Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“ liegt bereits zur Lektüre bereit. Ich mag diesen österreichischen Autor sehr und freue mich, dass er durch den Platz auf der Longlist vielleicht etwas bekannter wird. Es lohnt sich! Seinen letzten Erzählungsband „Zeichnungen“ habe ich hier besprochen.

Anna Weidenholzers „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ habe ich nun gerade begonnen zu lesen und mag ihre Eigenart zu schreiben sehr. Bereits mit ihrem Roman „Der Winter tut den Fischen gut“ hat mich die junge Österreicherin erfreut.

Hineingelesen habe ich auch bereits in „Die Witwen“ von Dagmar Leupold, was mich schon aufgrund des wunderbaren Coverbilds ansprach. Auch das erscheint mir eine ausgesprochen lohnende Lektüre.

Ansonsten bin ich sehr gespannt auf Arnold Stadlers „Rauschzeit“. Der Autor hat mich mit einigen seiner Romane begeistert, allen voran „Komm, gehen wir“ und „Ein hinreißender Schrotthändler“.

Durch die Besprechung von Birgit auf Sätze & Schätze bin ich auf Katja Lange-Müllers „Drehtür“ aufmerksam geworden. Auch das werde ich lesen.

Auch der mir bisher gänzlich unbekannte Autor Akos Doma mit „Der Weg der Wünsche“ macht mich neugierig.

Es folgt so oder so eine lesereiche Zeit.
Über Kommentare zu Leseerfahrungen freue ich mich …

Nachtbus nach Mitte Berliner Gedichte von heute Verlag für Berlin-Brandenburg

Cover Nachtbus nach Mitte_U1_75

„Fragt doch die Dichter. Wie klingt diese Stadt, deren Wirklichkeit ihrem Ruf weit vorauseilt oder langsam hinterher trödelt oder eigentlich ganz woanders vor sich hin blüht, wie klingt sie jetzt, da die Verse von Tucho und Erich, Heiner und Eva in Lesebüchern stehen müssen, damit sie nicht verloren gehen? Gibt es einen Klang des heutigen Berlin, der mehr ist als die Summe unvergleichlicher Unikate?“

So fragten sich die Herausgeber dieser Lyrik-Anthologie Martin Jankowski und Birgit Hoyer und fanden schließlich reichlich Stoff für diese umfangreiche Sammlung von Hauptstadtgedichten.

Ausgesprochen vielfältig und mit einer großen Anzahl an namhaften aktuellen Lyrikern, so wie einigen „Klassikern“ zeigt sich dieser neue Band. Alle haben die Stadt „beschrieben“, verdichtet. Nicht alle leben hier, manche sind hier geboren, manche haben länger oder kürzer hier gelebt, manche nur einen kurzen Blick auf die Hauptstadt geworfen. Viele der Gedichte sind Erstveröffentlichungen.

Von brav bis frech, von klassisch bis Subkultur, von jung bis alt, von West bis Ost ist alles dabei. Von Jan Wagner bis Monika Rinck, von Björn Kuhligk bis Günter Kunert, von Bert Papenfuß bis Marion Poschmann, von Thomas Brasch bis Lutz Seiler, um nur einige zu nennen.

In sechs Kapitel ist das Buch unterteilt, wobei sich mir die Unterteilung thematisch nicht ganz erschließt.
Im ersten Kapitel freue ich mich vor allem über Ulf Stolterfohts typische Stimme in seinem Gedicht „erst mal die fakten“:

„erst mal die fakten: bis zum finalen zerbröseln verlief die mauer
ziemlich genau parallel zur östlichen länge von greenwich. sie
teilte und fungierte somit als scheide links / rechts. ausnahme:
staaken. das sollte man schon wissen. zwischen klipp und
klapp lag der rauschende bach. die schere im kopf. die mauer …“

Im zweiten Kapitel fällt mir Mirco Bonnés „Mitte“ ins Auge:

„[ …] Und der Sinn des Ganzen? Keiner.
Du stehst an einem dunklen Fenster,
rauchst in die Nacht, Gelächter kommt
aus einem Hof, und letzte Maschinen
landen in Tegel. Zwei Straßen weiter
wohnte Dora Diamant. Zeit vergeht,
die Pergola blüht. Wieder Sommer.“

Im dritten Kapitel dann Martin Piekars „Hauptbahnhof Berlin“:

„So oft, wie hier schon Wind ging – miteinander
// gegeneinander könnte man
ein Lexikon der Stürme schreiben –.
Eine Voliere außerhalb
des Bahnhofs. Hier:
Matrjoschka-Dimensionen von
Überfüllungen: spiele: Zug – Bahnhof – Stadt.
Die Narreteien Vorbeifahrender und
von meinen Haaren;
sie kommunizieren miteinander
// gegeneinander. Ich fühle
mich
umgangssprachlich …“

Tom Bresemann mit „punktlandung im sinusmilieu“ trifft schließlich das „hippe“ Berlin genau auf den Punkt:

„kreative schauprozesse, dergleichen,
was man halt macht

im nebenleben, wenn schon was mit medien
dann in kreuzberg, wenn schon

geld in die hand genommen,
dann auch handshake.

hinab mit dem establishment!
die matinee frisst ihre mieter

zum mittagstisch, die krumen
im brechts,

hi there, hausverwaltung,
would you sign my petition? …“

Es finden sich Stadtteilgedichte, Randgedichte, politische Gedichte, Naturgedichte, Begegnungsgedichte und erstaunlich viele U-Bahn-Gedichte. Jegliche Form oder Nichtform ist dabei. Die Stadt erscheint in all ihren Facetten, bunt, windig, dreckig, schnell, gelassen, grün, geschichtsträchtig, jung …

Die beiden Herausgeber haben eine gute Auswahl getroffen, wenngleich ich mir lieber noch eine größere Anzahl unterschiedlicher Autoren gewünscht hätte und nicht unbedingt mehrere Gedichte von einzelnen Autoren.
Mit diesem Band, der kürzlich im Verlag für Berlin-Brandenburg erschien, kann man sich auf über 180 Seiten ziemlich gut selbst ein Bild über die Vielfalt der Poesie Berlins machen.
Mehr über das Buch findet sich hier

Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag

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Ein schmales Bändchen aus dem Steidl Verlag hat mich gerade enorm überrascht. Für eine Leserin wie mich, die sich gerne von Sprachzauberei und eigenwilligen Geschichten faszinieren lässt, kam Véronique Bizots „Menschenseele“ gerade recht. Ich bin hingerissen von dem, was Bizot mit ihrem kurzen Stoff, der eigentlich gar keiner ist, macht: Sie lässt ihn nämlich leuchten! Die Geschichte, die vermeintlich so langsam dahinfließt, entpuppt sich als „etwas“ mit enormer Kraft. Gegen Ende hin kommt Bewegung, aus Fluss wird Überschwemmung, so dass mir der Kopf schön schwirrte und ich zeilenweise nach las, ob ich auch richtig verstanden hätte. Ums Verstehen geht es allerdings vielleicht gar nicht vorrangig, sondern ums Verwirrenlassen, um schöpferisches Lesen womöglich …

Will man den Inhalt darlegen, genügt vielleicht ein einziger, wenngleich langer, Schachtelsatz, wie sie auch Bizot in ihrem Roman verwendet. Ich versuche es mal:
Vier Männer verschiedenen Alters, der erfolgreiche Theaterautor Fouks und der geheimnisvolle Montoya, ein Übersetzer und sein scheinbar stummer Bruder – sie könnten nicht unterschiedlicher sein –, treffen sich allein um der Gesellschaft Willen, allein um der Einsamkeit ihrer abgeschiedenen Wohngegend in den französischen Alpen zu entgehen und zelebrieren sie dann doch in stillem Einverständnis gemeinsam, bis etwas ganz anderes passiert.

Bizot arbeitet jede ihrer skurrilen Figuren aus, sie beschreibt sie nicht, sondern verinnerlicht sie uns. Am meisten hat es mir der gerade `mündig` gewordene, nicht sprechende, aber umso mehr denkende Ich-Erzähler angetan. Er, der durch ein traumatisierendes Ereignis vor vielen Jahren seine Stimme verloren hat, nimmt seine Umgebung viel deutlicher war als alle Redenden. Er denkt darüber nach, was er gesehen hat und fügt dem ein gerüttelt Mass Fantasie hinzu. Da er Stunde um Stunde in der Bibliothek des Theaterschriftstellers verbringen darf, hütet er einen enormen Bestand an Romanhandlungen im Kopf, aus denen er zu passender Zeit Sätze zitiert, alles nur in Gedanken, versteht sich. Dass wir viel Zeit quasi in seinem Kopf verbringen dürfen, ist eine der kleinen Kostbarkeiten, die das Buch bereithält.

„In letzter Zeit hatte ich begonnen, die Zeitung zu lesen, die eine ganz andere Art Auskünfte lieferte als jene, die ich in Büchern fand. Dabei gewann ich den Eindruck, dass die Menschen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu jeder Zeit eine unermesslich große Anzahl aberwitziger Initiativen ergriffen, die sie geradewegs ins Desaster führten, und das schien schon eine ganze Weile so zu gehen.“

„Menschenseele“ ist ein verrücktes Stück Literatur, eins, dass einem durch den Kopf schleicht und heimlich allerhand aufwirbelt. Hauptthemen, will man sie wirklich benennen, sind die Einsamkeit und der Verlust, aber auch das Glück der Einfachheit. Bizot paart Melancholie mit sehr feinem Humor und lässt mich in ihrer wortschatzreichen Sprache schwelgen.
Wenn unser Erzähler, als er sich auf einer Reise nach Turin mit den anderen das Treppenhaus ansieht, in dem (vermutlich mit der Absicht der Selbsttötung) Franco Luccentini in den Tod stürzte, sich in Gedanken ausführlich über Hintergründe und Möglichkeiten der Art einen Selbstmord zu begehen, befasst, dann mag das zwar vielleicht ein trauriges Thema sein, zeigt aber gleichzeitig Bizots große Erzählkunst.

„Wie es auch gewesen sein mag, da war also ein Mann, dachte ich, der sich, obwohl ihm drei Schritte von seiner Wohnung entfernt ein großer Fluss zur Verfügung steht oder ein geräumiger Hof, in die Enge seines Treppenhauses wirft, ein Mann, der am Morgen aus seiner Wohnung tritt, in ein paar Schritten den Treppenabsatz überquert und weiterläuft, die Existenz des Flusses oder des weiten Hofes ignoriert, sich in die erstbeste Leere fallen lässt, diese Leere nimmt, wie er ebenso gut die Treppe hätte nehmen können, um bis zum Fluss zu laufen oder sich mit der Zeitung vor ein Café zu setzen, wobei alle Dinge in ihrer Gleichgültigkeit verschmelzen, die Leere so gut wie die Treppe, der Hof so gut wie der Fluss, der Sturz so gut wie eine Caféterrasse, etwas so gut wie nichts.“

Man beachte: Obiges Zitat besteht aus nur einem Satz.

Die Reise unserer vier Helden nach Turin bringt schließlich für jeden, wenngleich sehr rasch und unerwartet einen Wendepunkt im Leben. Mehr will ich nicht verraten …
So könnte man jedenfalls den nur 142 Seiten langen Roman wohl auch als Novelle bezeichnen.

„Menschenseele“ von Véronique Bizot erschien im Steidl Verlag in typischer Ausstattung, schön gesetzt auf feinem Papier und mit Fadenheftung. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz. Weitere Romane der in Paris lebenden Autorin erschienen ebenfalls im Steidl Verlag.

Eine schöne Rezension, die Anlass war für meine Lektüre findet sich auf fixpoetry.com

Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen S. Fischer Verlag

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Valmira Surroi                                                                                 18.43
„Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe.“

Einen Auszug aus seinem Roman las Senthuran Varatharajah bereits bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2014 und erhielt dafür den 3sat-Preis. Inzwischen ist der Roman vollendet und erschienen. Es ist ein durchaus ungewöhnliches Stück Literatur. Der Autor wählt für seinen Text zum einen eine sehr besondere Form, nämlich einen Dialog und zwar einen, der auf Facebook geführt wird; zum anderen lässt er seine beiden Protagonisten in einer anspruchsvollen Sprache kommunizieren und philosophieren, was ein großer Genuß ist.

„wir stellten keine Fragen. der enträumte schnee warf durch die seitenscheibe das kalte licht einer ausgestanzten sekundensonne zurück. die tageszeit war auf der porösen haut nicht abzulesen.“

Das Thema des Romans ist die Flucht der Eltern und das „Einleben“ in einem anderen Land, Weggehen und Ankommen, welches der Autor vorrangig über die Sprache transportiert.

„Ich wusste noch nicht, dass ausweisen beides heißen kann, dass es bedeutet, dass wir unsere Identität durch ein Stück Plastik oder Papier beweisen, und dass es bedeutet, dass wir ein Land verlassen müssen, und vielleicht sind diese Bedeutungen nicht weit voneinander entfernt, ich bin mir nicht sicher.“

Die beiden Gesprächspartner, Senthil Vasuthevan, Ende Zwanzig und Valmira Surroi, Anfang Zwanzig haben beide in Marburg studiert und hätten sich dort begegnet sein können. Tatsächlich sind sie das nie und Senthil lebt inzwischen in Berlin, aber Facebook schafft eine Verbindung durch eine gemeinsame Freundin. Sie beginnen einander zu schreiben, tun das über sieben Tage hinweg, bis Valmira mit ihren Eltern eine Reise in ihr Herkunftsland, den Kosovo antritt.
Sie schreiben sich tagsüber und auch nachts. Sie erzählen sich von ihren Familien und den Umständen der Flucht aus der Heimat, die sie beide als Kind miterlebten. Senthils Eltern flohen als verfolgte Tamilen aus Sri Lanka, Valmiras Eltern aus dem Kosovo, weil sie als Albanier von den Serben verfolgt wurden.Sie zeigen sich Fotos von damals und pendeln zwischen früher und jetzt. Beide sprechen kaum noch ihre „Muttersprache“, dafür aber perfekt deutsch.

Manchmal liefern sie sich Stichwörter. Manchmal scheinen sie einfach frei zu assoziieren. Selten beantworten sie gestellte Fragen direkt. Dennoch entsteht eine Verbindung, ein Austausch, ein Gedankenstrom. Der Leser erkennt die Zusammenhänge manchmal Seiten später, manchmal gar nicht, was der Faszination, mit der man den beiden folgt, keinerlei Abbruch tut. So erinnert sich Valmira, wie sie sich als Kind die Atemwolken im Winter als Sprechblasen vorstellte, viele Seiten später, erfährt man von Senthil, dass er glaubte die Sprache der Engel sähe wie Atemwolken aus. Der intime Austausch scheint gerade durch das Medium Facebook möglich, eine Offenheit gegenüber einem Unbekannten leichter; manchmal wirkt es als würden beide Selbstgespräche führen oder sich einem Tagebuch anvertrauen.

Um Zeichen und deren Deutung geht es hier in der Tat fast immer. Zunächst sieht Senthils Mutter „die Zunahme der Zeichen“:  Sie erkennt, dass es besser wäre rechtzeitig, aus dem eigenen Land zu fliehen, weil die Bedrohung immer deutlicher zu spüren ist. Später die Sprachzeichen, also die Buchstaben, der neuen Sprache, die gelernt werden muss oder auch religiöse Zeichen und Symbole; einerseits die der Hindu-Religion der Mutter Senthils, andererseits die der Zeugen Jehovas, denen der Vater in Deutschland beitritt. Selbst ihre Namen erscheinen den Protagonisten als Zeichen für die Umwelt, erkennt man sie doch sofort als „Fremde“.

„nur gebrochenes deutsch wird uns zugestanden.

es liegt an unseren namen.“

Anfangs dachte ich, es sei ein Roman, der gänzlich ohne Handlung auskommt, der vorrangig über die Sprache lebt, was mich bei solcher Sprachkraft überhaupt nicht stört, doch die Handlung gibt es; sie entsteht im eigenen Kopf, gestaltet sich aus dem, was man selbst mit den kleinen Episoden der Protagonisten in Verbindung bringt und letztlich auch aus dem, was zwischen den Zeilen steht und aus den unbeantworteten Fragen.
Ein Leuchten!

Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, lebt in Berlin. „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist sein erster Roman und erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Georgi Gospodinov: 8 Minuten und 19 Sekunden Literaturverlag Droschl

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8 Minuten und 19 Sekunden dauert es bis das Licht der Sonne bei uns auf die Erde trifft, Genau so lange hat man also Zeit, vom Leben Abschied zu nehmen, falls die Sonne sich abschaltet, keine Wärme und kein Licht mehr schickt oder explodiert, also im Falle einer Apokalypse. Das erklärt der Erzähler in der ersten Story von Georgi Gospodinovs neuem Buch und er tröstet uns gleich, dass diese Geschichte auch in eben dieser Zeit gelesen sein wird.

Auch die folgenden Erzählungen sind etwa so lang und auch in etwa so schräg. Gospodinov schreibt von verlorenen, einsamen, traurigen Menschen, von verkappten Existenzen von Weltuntergangsstimmungen, von Endzeitszenarien, und ich glaube an diese Geschichten, obwohl sie so unglaublich erscheinen. Das ist für mich reinste magische Erzählkunst. Da scheint etwas auf, was mehr ist als bloße Beschreibung der Geschehnisse: da liegen Geheimnisse unter der Oberfläche, die ich als Leser erforschen darf.
Und da ist wohl auch dieser bestimmte Erzählton, den ich immer stärker wahrnehme, der mich fasziniert, der Ton vieler osteuropäischer Schriftsteller. Schwer zu beschreiben, vielleicht ist es die besondere Melancholie in Verbindung mit einem ganz eigenen Sinn für Humor. Da fällt mir gleich der Roman „Alle Eulen“ des Rumänen Filip Florian ein, Stansic´ Fallensteller, auch „Drach“ von Twardoch, und irgendwie auch der verrückte Film „Schwarze Katze, weißer Kater“ von Emir Kusturica.

In Gospodinovs Geschichten geht es oft selbst ums Geschichtenerzählen, ums Sprache finden; Erzählen, um sich zu vergewissern, noch da zu sein. Die Protagonisten selbst sind Erfinder ihres Lebens. Oft läuft es bei ihnen nicht so gut, aber es gibt die Fantasie, eine immense Vorstellungskraft. Es sind meist Geschichten einer neuen Zeit, einer Zukunft, die alles andere als heil ist und bei der die Tage der Menschheit gezählt sind. Immer verbirgt sich irgendwo versteckt oder offensichtlich eine Spur von Wahnsinn im Kleinen wie im Großen.

In der Erzählung „Einen Vater adoptieren“ geht es um einen Jungen, der elternlos im Heim lebt und der versucht, seine Einsamkeit zu bekämpfen, indem er verschiedene Objekte als Ersatzvater adoptiert. Das ist einmal ein Baum im Schulhof, einmal die Büste von Stalin (weil die Erzieher sagten, er sei der Vater aller Völker) und einmal ein streunender Hund. Nichts davon bleibt ihm …
Da gibt es die Geschichte „Das Ritual“, in der eine Regisseurin einen Film über eine Dorfhochzeit drehen will. Die vielen Gäste sind versammelt, doch das Brautpaar fehlt, ist zumindest körperlich nicht anwesend …
Dann gibt es die Erzählung mit dem Titel „O, Henry!“, in der ein Schriftsteller mit Schreibblockade in der vielversprechenden Vorweihnachtszeit auf Geschichtenfang geht und zuletzt in seinem Stamm-Fang-Cafe endlich fündig wird.

„Mir blieb nichts anderes übrig, als es mit einer alten Technik zum Anlocken von Geschichten zu versuchen, die ich auch andere Male in hoffnungslosen Fällen probiert habe.“

Und zu guter Letzt, und es ist wirklich die schönste Geschichte von allen, lesen wir in „Und alles wurde Mond“ von einer Zukunft, in der es keine Bienen mehr gibt und nur noch künstliche Bäume, dafür aber eine Lebensaltergarantie von 125 Jahren. Kastor ist „erst“ 79 und mag dennoch nicht mehr. Er vermisst den Akazienduft, die Atmosphäre ist ozonlochgespickt, alles, für das er gekämpft hat, ist verschwunden und der Sohn lebt weit entfernt auf einem anderen Planeten im Weltall. Bevor er „geht“, muss er dies beantragen und nach 3 Monaten bestätigen. Er schreibt seinem Vater und seinem Sohn Abschiedsbriefe auf echtem Papier, bevor er Richtung Bestattungsplanet Mond aufbricht …

„Mein Großvater sagte, mein Vater sei in die Stadt „geflüchtet“. Später „flüchtete“ ich aus der Stadt in ein anderes Land, und jetzt bist Du irgendwohin in den Kosmos geflüchtet. Ich frage mich abends, wie Deine Einsamkeit ist, ob sie die Ausmaße des Weltalls hat, ist sie leichter und verdünnter? Wie groß ist ihre Eigenmasse und wie wirkt sich die Gravitation auf sie aus?
Früher einmal war die Einsamkeit konzentrierter und kleiner, man konnte sie zähmen, sie wie eine Katze streicheln. Jetzt komme ich nicht mehr mit den kosmischen Dimensionen zurecht.“

„8 Minuten und 19 Sekunden“ von Georgi Gospodinov erschien im Literaturverlag Droschl und wurde von Alexander Sitzmann aus dem Bulgarischen übersetzt. Mehr über den Autor und eine Leseprobe findet sich hier.

Joost Zwagerman: Duell Weidle Verlag

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Das renommierte Hollands Museum in Amsterdam soll renoviert werden. Die letzte große Ausstellung vor der Schließung wird von Jelmer Verhooff, dem Leiter des Museums, organisiert und sie soll „Duel“ heißen. Lauter junge, vielversprechende Künstler werden ausgewählt (Jelmer nennt sie manchmal spöttisch „Installateure“) mit wahnsinnig innovativen Kunstprojekten, die sie in Beziehung zu einem der großen Werke aus dem Bestand des Museums setzen sollen. Nur eine ist dabei, Emma Duiker, die noch richtig „klassisch“ malt. Sie kopiert perfekt Meisterwerke, in diesem Fall das Werk „Untitled No. 18“ von Mark Rothko.

„So ging Emma Duiker auch vor, auf den ersten Blick wie eine Kopistin, doch sie selbst empfand sich mehr als eine reproduzierende Künstlerin. Das sagte sie zumindest zu Verhooff, als er sie einmal besuchte. Der „Komponist“ Rothko könne auf unterschiedliche Weise gespielt werden, und sie versuche aus ihrer Darstellung von Untitled No. 18 mehr als eine normale „Aufführung“ zu machen; sie unternehme den Versuch, die Seele des Machers offenzulegen.“

Einige Monate nachdem das Museum bereits geschlossen ist, stellt der Chefrestaurator Olde Husink fest, dass der Rothko im Bestand eine Fälschung ist und teilt dies seinem Chef Verhooff mit. Emma Duiker muss die Bilder am Ende der Ausstellung ausgetauscht haben …
Und nun beginnt eine spannungsreiche, amüsante und höchst interessante Odyssee, in der nicht nur das Originalbild, sondern auch Museumsdirektor und Restaurator auf Reisen und an ihre Grenzen gehen.

Verhooff, Mitte vierzig, der selbst als junger Mann mit ganz viel Idealismus und Hingabe bei der Sache „Kunst“ war, der selbst eine kleine alternative Galerie aufbaute, einzigartige junge Künstler entdeckte und förderte, dann aber eine steile Karriere hinlegte und nun nur noch als Organisator und Repräsentant mit riesigen Summen jongliert, wird nun plötzlich von der knapp dreißigjährigen enthusiastischen Emma Duiker daran erinnert, was Kunst tatsächlich sein könnte, was Kunst mit den Menschen macht, wenn man sie aus ihrem „toten“ Museumsdasein herausholt.

Dass das Kunstwerk durch die Faust des Direktors zu Schaden kommt, ist letztlich, wie ich erstaunt las, nicht irreparabel. Mit viel Zeit und noch viel mehr Geld ist alles restaurierbar. Ein paar Millionen hin oder her, scheinen in diesem Rahmen keine Rolle zu spielen. Und so könnte schließlich alles gut ausgehen …

Zwagerman wirft hier einen durchdringenden Blick auf den heutigen Kunstmarkt und die Szene. Die Lektüre wirft Fragen auf: Was ist Kunst? Was ist der Wert der Kunst? Geld oder Genuß? Materiell oder ideell? Wer darf und kann Kunst machen? Für wen wird Kunst gemacht? Für reiche Sammler, die die Werke gut konserviert unter Verschluß halten? Für Museumsbesucher, die sich in kompliziert klimatisierten Räumen in Massen vor immer den gleichen Bildern drängen? Warum nicht einfach für alle Menschen, an „normalen“ Orten, mitten im Alltäglichen eingebettet?
Trotz solch ernster Fragen, findet man eine große Leichtigkeit und schönsten Sprachwitz, so dass es ein einziges Vergnügen ist dieses 150 Seiten-Büchlein zu lesen.

Der 1963 geborene Joost Zwagerman, der in den Niederlanden durch Romane, Lyrik und Essays sehr bekannt war, entschied sich 2015 für den Freitod. Gregor Seferens hat die Novelle ins Deutsche übersetzt. von ihm gibt es auch ein aufschlussreiches Nachwort.
„Duell“ ist im Weidle Verlag erschienen, auf feines Papier gedruckt und fadengeheftet.
Gestaltung und Satz oblagen dem famosen Buchgestalter Friedrich Forssman.

Eine weitere Besprechung dieses Titels findet man bei lustauflesen

Szczepan Twardoch: Drach Rowohlt Verlag

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Der Roman „Drach“ des polnischen Autoren Szczepan Twardoch bietet eine gewisse Herausforderung, aber eine sehr erfüllende! Ein Leuchten!

Er ist exzellent und außergewöhnlich in seinem Aufbau und seiner Eigenart. Es ist eine, nein, es sind viele Lebensgeschichten, die sich verzweigen und die über Jahrhunderte hinweg einen Einblick in einen kleinen Teil der Geschichte Oberschlesiens bieten, wobei der Schwerpunkt auf den Jahren zwischen erstem und zweitem Weltkrieg und in der Gegenwart liegt und da wiederum auf den Lebensgeschichten der beiden Figuren Josef Magnors und Nikodem Gemanders, die sieben Jahrzehnte trennt. In einem der Erzählstränge kehrt Josef Magnor als junger Mann aus dem ersten Weltkrieg nach Hause zurück, findet Arbeit in der Zeche, heiratet, wird Vater, verliebt sich in ein Mädchen, tötet es aus Eifersucht, wird versteckt unter der Erde im Schacht und landet schließlich in der Irrenanstalt. Nikodem Gemander wächst am selben Ort auf, wie Josef Magnor, nur Jahrzehnte später, erlebt die politische Wende als Kind, studiert Architektur, heiratet und wird Vater, erhält einen bedeutenden Architektur-Preis, verlässt Frau und Kind wegen eines jüngeren Mädchens und landet schließlich in der Psychiatrie. Drumherum webt Twardoch kunstvoll seine Erzählnetze.

Jegliche Kapitelüberschriften bestehen aus diversen Jahreszahlen von 1241 bis 2014. In jedem Kapitel beschreibt der Autor kurze Episoden aus den jeweiligen Jahren (und den jeweiligen Leben),  so dass der Leser der Handlung ausgesprochen konzentriert folgen muss. Ob der diversen Zeitsprünge innerhalb der Kapitel, die oft abrupt von einem zum anderen Satz kommen, hat man sonst leicht den Faden verloren. Allerdings schadet es der Lektüre auch nicht, einmal den Anschluss zu verlieren, denn die Essenz dessen, was erzählt wird, bleibt immer erhalten. Überhaupt ist das wieder einmal so ein Wunderbuch, bei dem es für mich nicht in erster Linie auf den Inhalt ankommt. Sprache und Konstrukt sind hier vorrangig und ein echter Genuß.

„Gela Magnor ist achtundachtzig Jahre alt. Früher einmal war sie Gela Czoik. Jetzt nicht mehr.
Gela Czoik ist zwanzig und steht in der steinernen Kirche von Przyszowice neben Ernst Magnor, und sie gelobt Ernst, was die Frauen den Männern in der Kirche üblicherweise geloben, und Ernst gelobt ihr dasselbe.
[…]
Gela Magnor will etwas sagen, vergisst aber, was das war. Also schweigt sie. Hat Angst. Gela ist dreizehn.“

Das Bemerkenswerteste indes ist, dass die Ich-Erzählerin des Romans die Erde ist. Beim Lesen vergisst man das immer wieder, fragt sich, was der Satz bedeuten soll, bis man sich erinnert, achja, die Erde selbst spürt ja die trippelnden Schritte eines Kindes oder lagert ja in ihrem Bauch unendlich viele verwesende Leichen oder spürt, wie die Grubenarbeiter in ihr Sprengungen machen.

„Der Slowake hieß Anton Stodola, jetzt heißt er Leiche, auch wenn er noch warm ist. Gela Czoik fasst das Blut auf seinem Kopf an und weiß nicht, warum die Angreifer ihn umgebracht haben; ich weiß es, doch das hat keine Bedeutung.“

Die Erde ist eine unerbittliche Erzählerin. Sie schont uns nicht, schildert mal detailreich, mal präzise und knapp, was zu sagen ist. Und sie richtet unseren Blick auf manches Unappetitliche, auf die Vergänglichkeit und darauf, dass ja doch alles „nicht von Bedeutung ist“.  Sie ist eine Alleswisserin, die die Vergangenheit und die Zukunft kennt, und den Todeszeitpunkt eines jeden. Sie macht uns darauf aufmerksam, wie subjektiv Zeitempfinden ist und welch kurze Spanne ein Menschenleben dauert im Verhältnis zur Unendlichkeit des Universums.

„Mensch, Baum, Reh, Stein, ich. Alles das Gleiche.
Nikodem, Stanislaw und Natalia Gemander, Ernst und Gela Magnor, Josef und Valeska Magnor leben am selben Ort und in der gleichen Zeit, wenn auch in verschiedenen, sich aufeinander ablagernden Jahren, so wie die Rehe.“

In Twardochs Roman geht es letztendlich darum, was uns ausmacht, wer wir sind, ob wir Körper und Seele sind oder viel mehr und was wohl bleibt. Es geht um Wissen und Bewusstsein. Aber auch darum, dass wir Teil der Natur sind, dass wir tierhaft sind. Es geht um Kriege und um das, was Menschen sich gegenseitig antun, im Kleinen wie im Großen.

„Drach“ von Szczepan Twardoch (Jahrgang 1979) erschien im Rowohlt Verlag Berlin und wurde sehr gut übersetzt von Olaf Kühl.

 

 

 

Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus Wallstein Verlag

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„Ob ich nach den Wochen hier noch einmal die Lust oder den Mut haben werde zu lachen? Ach, vielleicht sogar sehr? Vielleicht soll man überhaupt an solchen Orten erst das Lachen erlernen, um es ganz unverlierbar in sich zu haben.“

Mit 20 Jahren hat die 1915 geborene Lyrikerin und Erzählerin Christine Lavant sechs Wochen in der Landesirrenanstalt Klagenfurt verbracht. Nach einem Suizidversuch hat sie sich freiwillig dort hin begeben. Ihr autobiografischer Text entstand im Jahr 1946, elf Jahre nach ihrem Aufenthalt in der Anstalt.
Für Lavant war es zeitlebens schwierig ihre Werke zu veröffentlichen, immer gab es den Zweifel, zu viel von sich selbst preis zu geben. So auch hier bei den „Aufzeichnungen“. Glücklicherweise blieb dieses Manuskript erhalten. Es wurde zu Lebzeiten nie veröffentlicht, nur als Hörspiel in England von einer befreundeten Übersetzerin inszeniert, in deren Nachlass es später auch gefunden wurde.

In der Erzählung wird zunächst nicht deutlich, weshalb die Hauptfigur sich das Leben nehmen wollte, doch wird im Verlauf immer klarer, dass sie absolut fehl am Platz ist in der Psychiatrie, sie ist bei klarem Verstand. Sie beobachtet mit genauem Blick ihre Mitpatientinnen und die Pflegerinnen, tritt selbst oft unterstützend und mitfühlend ein. Und sie durchschaut sehr schnell die Zusammenhänge und Abläufe des Anstaltsdaseins und somit auch, wie sie sich am besten verhalten muss, um ihr Ziele zu erreichen. Sie will schreiben und sie will den Mann für den sie schwärmt, den sie verehrt, einen viel älteren Arzt, konsultieren dürfen, allein aus dem Grund, ihn wiedersehen zu können. Das schafft sie, doch ist danach auch klar, dass es sich um eine unerwiderte Liebe handelt. Sie ist untröstlich und wünscht sich irre zu sein, um bleiben zu können in diesem Raum, der letztendlich auch Schutz bietet, vor der Aussichtslosigkeit draußen. Nach sechs Wochen jedoch wird die Patientin entlassen.

[…] aber es wundert mich immerhin, dass die, welche hier dazu berufen sind, zu beruhigen und zu lindern, nicht die nötige Zeit dafür aufwenden, um sich in die seltsamen Gedankengänge der Kranken so weit einzufühlen, dass sie die Stelle herausfinden, an welcher sie einzusetzen haben. Sicher wäre es oft viel einfacher als man annimmt und mit ein paar entsprechenden Worten gelänge mehr als mit Spritzen und Zwangsjacken.“

Sofort nach Beginn der Lektüre fiel mir die Verbindung zu einem erst kürzlich gelesenen Buch auf, in dem es ebenfalls um das Thema geht. Auch in Amalie Skrams Professor Hieronimus begibt sich eine Künstlerin freiwillig in die Psychiatrie und berichtet im Nachhinein über die erschreckenden Erlebnisse. Hier wie da, zeigt sich eine ähnliche Problematik: Eine Frau mit eigenem Kopf und einer künstlerischen Passion wird sehr schnell pathologisiert und weggesperrt. Dennoch ist sichtbar, dass einige Jahrzehnte zwischen beiden Frauen liegen. Bei Lavant wird die Szenerie nicht ganz so grausam und aussichtslos dargestellt. Doch auch sie schildert die Erlebnisse aus einer sehr persönlichen Erzählperspektive. Und sie tut das in typisch Lavant´scher Art, durch die immer auch ihre lyrische Sprache hindurch scheint.

„Da schreibe ich nun dies mit gewöhnlichen Worten, schreibe es wie irgendetwas und müsste eigentlich die Mauern hier Stein für Stein abbrechen, um jeden einzeln gegen den Himmel zu werfen, damit dieser sich darauf besänne, dass er auch gegen sein Unten noch eine Verpflichtung hat.“

Lavant wollte statt der vorhersehbaren Laufbahn einer aus armen Verhältnissen stammenden Bergarbeitertochter etwas anderes. Sie wollte schreiben, sie wollte Dichterin sein. Es ist ihr gelungen, doch der Preis waren andauernde Armut und tiefe Zweifel.

Unbedingt lesen sollte man auch Lavants „Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte“, denn ihre Lyrik ist von ganz besonderer tiefer Schönheit.
Beide Bände sind im Wallstein Verlag erschienen und mit aufschlussreichem Anhang und biografischen Daten versehen.

Ulla Lenze: Die endlose Stadt Frankfurter Verlagsanstalt

 

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In der FAZ las ich letzthin einen interessanten Bericht von Ulla Lenze über ihre Reisen in den Nahen und Fernen Osten. Im Iran auf der Teheraner Buchmesse dabei waren auch die österreichische Schriftstellerin  Anna Baar und der Schweizer Peter Stamm, deren Bücher ich sehr mag. Lenzes Romane kannte ich bisher noch nicht und wurde nun neugierig auf ihren Roman „Die endlose Stadt“.

Darin geht es in der Tat um zwei endlose Städte, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Istanbul und Mumbai. Lenzes Stadtbeschreibungen sind wunderbar atmosphärisch dicht.
Es geht aber um viel mehr: um den Kulturbetrieb, die Tragik des Künstlerdaseins, die Beziehung zwischen Künstler und Kunstkäufer, um soziale Ungerechtigkeit, um den Abgrund zwischen Arm und Reich, um unüberwindbare(?) Unterschiede zwischen den Kulturen, zwischen „Orient und Okzident“, um Sensationsjournalismus und den Versuch als Journalist authentisch zu bleiben. Es geht um nichts geringeres als Ethik und Moral, allerdings auf die bestmögliche Weise in einer lebendigen Art durch einen Roman interpretiert.

Als Hauptfiguren schickt die Autorin Holle, eine deutsche Malerin und Fotokünstlerin  und Theresa, eine deutsche Journalistin in die „endlosen“ Städte. Aus beider Perspektive wird abwechselnd und teilweise zeitversetzt erzählt.

Die Geschichte beginnt in Istanbul, wo Holle als Stipendiatin in einem Kunsthaus einige Monate arbeiten und leben darf. Ihr künstlerisches Ziel ist es menschenleere Orte in einer Millionenstadt zu fotografieren. Sie will die Abwesenheit innerhalb der steten Bewegung einer überfüllten Stadt einfangen. Um dieses Motivs willen verharrt sie oft Stunden an einem Platz. Sie lernt Celal kennen, einen Dönerladenbesitzer, mit dem sie nur in englischer Sprache radebrechen kann, der sich in sie verliebt. Mit ihm erfährt sie auch eine andere „untouristische“ Seite Istanbuls. Als er ihr jedoch einen Heiratsantrag macht, flieht sie zurück nach Berlin.

„Sie denkt an die menschenleeren Straßenzüge in Istanbul. Sie kann jedesmal spüren, wenn das Gleichgewicht sich einstellt, wenn sie selbst, als wäre das Gewicht auf der anderen Seite nur schwer genug, in die Luft gehoben wird und wenn zwei gleich starke, einander in der Schwebe haltende Mächte sich gegenüberstehen. Subjekt und Objekt. Das ist der Moment des Fotos.“

Sie trifft Christoph Wanka, einen vermögenden Geschäftsmann und Kunstsammler, der ihr einige ihrer Bilder abkauft. Sie fühlt sich in seiner Gegenwart zwiegespalten, einerseits hingezogen, anderseits ablehnend, da sie sich als Künstlerin als eindeutig Abhängige sieht. Er verschafft ihr eine Wohnung in Mumbai, wo sie an ihrem Fotoprojekt weiterarbeiten will. Dort merkt sie schnell, dass ihre Idee des Stillstands nicht greift und lehnt eine Auftragsarbeit von Wanka ab. Stattdessen fliegt sie zu Celal nach Istanbul zurück, wo sie allerdings nicht etwa zur Ruhe kommt, sondern durch Celals nicht ganz legale Geschäfte in Teufels Küche und in die Gezi-Proteste gerät ….

Gleichzeitig lebt nun die Journalistin Theresa in Mumbai in Holles Wohnung, die diese untervermietet hat. Auch Theresa zweifelt an ihrer Arbeit. Sie spürt, dass alle wirklich wichtigen und berührenden Erlebnisse und Bilder verloren gehen, sobald sie sie festhält, sobald sie darüber für die Öffentlichkeit berichtet. So hinterfragt sie jeden neuen Auftrag. Sie erlebt dort Armut direkt neben maßlosem Reichtum: Auf dem Dach eines Hochhauses, in dem sie sich auf einem luxuriösen Cocktailempfang amüsieren soll, gibt es eine Art Lager für Arme, einen Slum.

„Es war eine aufgeblätterte Stadt, winkende und raschelnde Stadt, voller Unruheherde und Flüsterer. Chipstüten, zerbeulte Coca-Cola-Dosen, Zigarettenschachteln, Einwickelpapier. Eine Textur entstand, eine Schrift, ein Archiv: Abfall, in allen möglichen Stadien, staubig, schmutzig, pelzig, verschimmelt, neu. Man sah die Schichtungen der Zeit, und man sah die anderen, ihre Spuren.“

In einer Ausstellung in Mumbai, die von Wankas Firma gesponsert wird, sollen auch die neuesten Gemälde von Holle ausgestellt werden. Doch Holle ist in Istanbul und Theresa übergibt in der Wohnung gelagerte Bilder, die nicht dafür vorgesehen waren und schlüpft schließlich bei der Vernissage in Holles Rolle …

Ein beeindruckender Roman, der nicht an der Oberfläche bleibt, sondern Einblick gibt in Strukturen unserer Gesellschaft, die viel öfter schriftstellerisch hinterfragt werden sollten. Ulla Lenze hat einen Blick und eine passende Sprache dafür. Ich mag diesen Roman sehr!

Ulla Lenze, Jahrgang 1973, war selbst aufgrund von Stipendien in Istanbul und Mumbai. Sie lebt in Berlin. Ihre Romane erscheinen in der Frankfurter Verlagsanstalt.

Walle Sayer: Was in die Streichholzschachtel paßte Klöpfer & Meyer Verlag

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„[…] Das Tagesleck mit einem Satz abdichten. Und, Schlußverse in der Mitte versteckt, Vergangenheiten hinhaltend. Bis um einen herum Brennesseln wachsen. Bis ein lichter Hallraum entsteht. Bis aus dem Gesehenen Gesehenes wird.“

Walle Sayer ist einer der Lyriker, der sich nicht einer Mode anpasst. Auch wenn vielleicht gerade jetzt wieder der Trend zur Prosalyrik geht – Sayer schreibt diese schon seit Jahren und ist mittlerweile ein Meister darin.

Bereits in seinem Band „Kerngehäuse“ zeigte sich ein Blick auf die Welt, der dem meinen so ähnelt. Doch jeder neue Band bringt weitere Einsichten, weiteres Verdichten des Alltäglichen. Der Untertitel des neuesten Buches lautet „Feinarbeiten“ und birgt auch den Hinweis, worauf der Dichter sein Augenmerk legt. Es ist das feine sprachliche Aufarbeiten eines aufmerksam durch die Welt Gehenden, eines „Sehenden“.  Reine Wahrnehmung wird verwandelt in dichte Verse, in unumwundene Worte. Es ist wie ein Wechsel des Aggregatzustands – das Beobachtete wird im Innern bewegt und tritt in Worte gefasst neu hervor …

“ […] Aber was ist das, was da ist. Aber was ist das, was du siehst, was sich zeigt. Wenn eine müde Straßenlampe auftaucht, die darauf zu achten hat, daß zwei Wohnblöcke ihren Abstand einhalten. […]

Das Lesen dieses Bandes ist ein Flanieren durch ein Bilderkabinett. Von Seite zu Seite geht man, bleibt oft staunend stehen, betrachtet Details, tritt zurück, um das Gesamte zu sehen. Wie Stilleben aus verschiedenen Epochen gestaltet Walle Sayer seine Miniaturen, die oft nur eine halbe Seite brauchen, drapiert die Worte so, dass sie ein stimmiges Bild ergeben und wirken.

Es schieben sich dann auch Erinnerungen mit hinein in die Texte, wie es damals war und was nicht vergessen werden will. Der Kindheitsblick oder der Erwachsenenblick rückwärts und mitunter der sehnende Blick desjenigen, der älter wird. Die Betrachtung der Natur, die Geschehnisse im Heimatort, der Bezug zur Religion – das sind Sayers Themen.

„Der Platzbedarf einer Leerstelle. Die Fadenheftung unserer Jahre. Am Ruhepuls der Zeit läuten Betglocken. Was sind das für Gestalten, drüben an der Außenlinie deiner Biographie.“

Zeitweise wird aus Prosagedicht auch Kürzestprosa. Sayer erzählt dann Geschichten. Kurz und dicht und vermeintlich unspektakulär, bliebe man nicht an so manchem Satz hängen, der etwas im Eigenen anrührt.Tatsächlich kamen mir beim Lesen mitunter Assoziationen zu Wilhelm Genazinos Romanen. Vergleichen kann man beide indes nicht.

„Deine Schritte waldstill hallen. Dein Ausatmen die Luft verformt. Du, als Schlußläufer, der immer nur bei sich ankommt, dich selbst einholt.“

Walle Sayer wurde 1960 geboren und lebt in einem kleinen Ort am Neckar. Seine Bücher erscheinen im Verlag Klöpfer & Meyer. Näheres über Autor und Buch liest man hier.

Doris Knecht: Wald Rowohlt Verlag

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„Hegel funktionierte ja auch immer. Jedenfalls ging es vereinfacht gedacht darum, dass es, wenn es kein Marian registrierendes Bewusstsein gab, auch keine Marian gab, dass ohne den auf sie gerichteten, sie wahrnehmenden Blick Marian nicht existierte, mit oder ohne Falten nicht. So einfach.“

Hui, was war das?
Was für eine Sprachkraft, welch treffliche Sätze fliegen mir hier um die Ohren?
Doris Knecht, welch ein Glück, dass ich sie endlich gefunden habe, beweist einmal mehr, wie großartig und besonders die österreichischen Autorinnen schreiben können. Sei es Valerie Fritsch oder Gertraud Klemm, sei es Marlene Streeruwitz oder Elfriede Jelinek – sie alle beherrschen ihr Handwerk ausgezeichnet und haben einen Ton, der mir vorzüglich gefällt. „Wald“ ist ein Meisterstück!

Eine Frau um die 40 zieht in ein altes geerbtes Haus auf dem Land; nur Dorf, Fluß und Wald rundherum. Das Haus ist alles was ihr geblieben ist. Sie besitzt nichts mehr, sie hat kein Geld. Sie hat den ersten Winter irgendwie überstanden mithilfe des Selbstgebrannten und den alten Einmachgläsern aus dem Keller und den zerlegten Möbeln vom Dachboden, die als Feuerholz dienten. Mit einer gefundenen Pistole geht sie in den Wald und tötet ein Reh, doch so einfach geht das nicht. Franz, Großgrundbesitzer und Jagdpächter, erwischt sie. Er zeigt sie nicht an, sondern bringt ihr vom Fleisch. Er bringt ihr auch Holz. Doch nun steht sie in seiner Schuld und so beginnt eine ungewöhnliche Beziehung, die auf einem scheinbar seltsamen Tauschgeschäft basiert: Materielle Versorgung gegen körperliche Zuwendung. Doch das ganze ist letztlich viel komplexer. Sie macht sich Gedanken, wie sie weiterleben will, sie lässt die Vergangenheit Revue passieren …

„Früher, viel früher: Da brauchte man nur eine gute Ausbildung, man musste nur ein fleißiger Einserstudent sein, man brauchte nur Tüchtigkeit, Durchhaltevermögen, einen Rolodex voller guter Kontakte und viel Kaffee (oder Red Bull oder Koffeintabletten oder Kokain): Dann hatte man Erfolg. Zuverlässig. […]
Das Rezept hatte nach dem Krieg zu funktionieren angefangen, und dann funktionierte es gut fünfzig Jahre lang gut, und dann funktionierte es wegen ein paar dummgekoksten Wallstreetzockern plötzlich nicht mehr.“

In Rückblenden wird die Vorgeschichte Marians erzählt, indem immer wieder Erinnerungsspuren gelegt werden: Marian alias Marianne hat durch die Finanzkrise ihr erfolgreiches edles Marken-Modeatelier verloren. In einer Zeit, in der sie mehr Augenmerk auf die wirtschaftlichen Entwicklungen hätte legen sollen, hatte sie sich nach der Trennung vom langjährigen Lebensgefährten Oliver in den leichtlebigen Bruno verliebt und ihr Atelier neu ausgebaut. Doch es kommen immer weniger Aufträge. Die Schulden wachsen. Was Marian anfangs ignoriert, führt sie binnen kürzester Zeit in den Bankrott. Und damit ins gesellschaftliche Aus. Der noble Bekanntenkreis zeigt zwar Mitleid, spiegelt ihr aber ebenso ihr vermeintliches Selbstverschulden. Marian sieht als einzigen Ausweg die Flucht aus dem bisherigen Leben und taucht unter. Ein Leben im Ausnahmezustand beginnt oder ist das nun die echte und wahre Lebensart?

„Der Gedanke lässt sie stolpern, während sie ihn denkt, es hat etwas von einem Escher-Bild, auf das man zu lange schaut: Sie weiß nicht mehr, ob sie drin ist oder draußen. Sie kann sich nicht entscheiden, was besser ist: die Rolle zu spielen? Keine Rolle mehr zu spielen? Zu spielen, dass man spielt, dass man nicht spielt?“

Doris Knecht ist eine genaue Beobachterin, sie wirft einen schonungslosen Blick auf das, was in unserer Gesellschaft vonstatten geht. Was sie schreibt ist absolut stimmig, ihr direkter Ton tut ungemein gut. Ihr trockener Humor belebt. Nichts wird beschönigt oder glattgebügelt. Jeder Satz sitzt. Die Hauptprotagonistin wird zur sympathischen Anti-Heldin. Selbst der Schluß, bei dem auch alles hätte aus dem Ruder laufen können, gelingt Knecht meisterlich. „Wald“ ist ein wahnsinnig guter Roman! Ein Leuchten!

Doris Knecht lebt in Wien. Ihre Romane erscheinen im Rowohlt Verlag.
Der vorherige Roman „Besser“ ist gleichwohl empfehlenswert.

Spreepartie: Neue Bücher aus dem Kunstanstifter Verlag, der Büchergilde, dem Berenberg Verlag und dem Verlagshaus Berlin

 


Die Presse-Agentur Kirchner Kommunikation, die ganz wunderbare kleine Verlage vertritt, lud kürzlich einige Literatur-Blogger ein zur „Spreepartie“ durch Berlin. Es war ein vielfältiges Programm, dass wieder einmal zeigt, auf welche überraschenden Entdeckungen man gerade in den kleinen unabhängigen Verlagen treffen kann!
Alle vier hier vorgestellten Neuerscheinungen erwarte ich freudig.

Im Kirchner-Büro in Kreuzberg ging es um einen neuen Titel aus dem Verlag Kunstanstifter. Die Illustratorin Christina Röckl stellte den Roman  „Liegender Akt in Blau“ über den französischen Maler Nicolas de Stael, einem Künstler des Informel vor, in dem eine Episode aus dessen Leben in Südfrankreich erzählt wird. Im Mittelpunkt der Geschichte steht dabei die Liebesbeziehung zu Jeanne, einer Freundin des Dichters Rene Char, mit dem de Stael zusammenarbeitete. Christina Röckl hat in Frankreich vor Ort recherchiert und sich vom Licht des Südens inspirieren lassen. Sie findet mit ihrer eigenen künstlerischen Art stimmige Bilder für diese Geschichte.

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Natalie Chaix/Christina Röckl: Grand nu Orange erscheint im Oktober 2016 unter dem deutschen Titel „Liegender Akt in Blau“ bei Kunstanstifter – Verlag für Illustration

Der zweite Anlaufpunkt des Tages war die mir bis dahin unbekannte iranische Buchhandlung Hedayat von Abbas Maroufis. Der Iraner, der seit 1996 in Deutschland lebt und seit 13 Jahren seine Buchhandlung in der Kantstraße in Berlin führt, stellte seinen Roman „Fereydun hatte drei Söhne“ vor, der im Herbst auf Deutsch erscheinen wird in der Reihe „Weltlese“ der Büchergilde, die von Ilja Trojanow herausgegeben wird. Es ist die Geschichte einer iranischen Familie, die durch die Revolution 1979 auseinander gerissen wird. Jeder der vier Söhne orientiert sich in eine andere politische Richtung …

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„Fereydun hatte drei Söhne“ von Abbas Maroufi erscheint im Oktober 2016 in der Edition Büchergilde – oben abgebildet ist die iranische Ausgabe aus dem Eigenverlag.

Von Charlottenburg ging es nach Mitte in die Sophienstraße, wo der Berenberg Verlag seinen Sitz hat. Die Journalistin Bettina Baltschev sprach hier über ihr Buch „Hölle und Paradies“, in dem sie über den holländischen Querido Verlag schreibt, der während der Zeit des Naziregimes viele deutsche Exilautoren verlegte. Für manche Autoren wurde Amsterdam dadurch auch zunächst zum Zufluchtsort. Baltschev erzählt von ihren Streifzügen durch das heutige Amsterdam an die Orte der Exilschriftsteller, wie Cafes, Hotels etc. und verbindet sie in ihrem Buch mit den historischen Begebenheiten.

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Bettina Baltschev: Hölle und Paradies – Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur erscheint im September 2016 im Berenberg Verlag

Letzte Station der Spreetour war das Verlagshaus Berlin, welches unter dem Motto „poetisiert euch“ enthusiastisch und engagiert Lyrik verlegt. Lea Schneider, selbst Lyrikerin, stellte als Herausgeberin und Übersetzerin die Lyrikanthologie „Chinabox“ vor. In diesem Band finden sich moderne zeitgenössische Gedichte chinesischer Autorinnen und Autoren. Das Buch erscheint in der Reihe „polyphon“, die zweisprachig gestaltet ist und mit ergänzenden Illustrationen ausgestattet ist. Lea Schneider berichtete über die Schwierigkeiten der Auswahl und die Tücken bei der Übersetzung der Gedichte. Diese Anthologie wird einen aktuellen Überblick über chinesische Lyrik bieten, wie er auf Deutsch so derzeit nicht zu finden ist.

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„Chinabox“ – Neue Lyrik aus der Volksrepublik erscheint im Oktober 2016 im Verlagshaus Berlin. Herausgeberin und Übersetzerin ist Lea Schneider.

Dank an Kirchner Kommunikation und an alle anderen Beteiligten für diesen ergiebigen Tag der literarisch-künstlerischen Fülle!
Weitere Beiträge zur Spreepartie von Zeichen & Zeiten, Lust auf Lesen, Sounds & Books, Masuko13 und Herzpotential.

 

 

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken Büchergilde/Kein & Aber

 

 

„Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er diesen Mann umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond, dachte weiter an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen.“

So beginnt der Roman der Israelin Ayelet Gundar-Goshen. Er hat mich total umgehauen.

Ich habe dieses Buch schon vor einer ganzen Weile gelesen und es hat mich mehr als gefesselt, ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, bis es zu Ende war. Und brannte darauf, das mitzuteilen, ich wollte darüber schreiben und schwärmen …

Und dann?

Tja. Und dann ging es nicht. Ich wartete auf den Impuls. Er kam nicht. Ich wusste nicht, wie ich das Buch vorstellen sollte, wie es beschreiben, wie die Stimmung einfangen, wie die Faszination der Lektüre aufzeigen.
Ich bin ratlos. Das ist mir noch mit keinem Buch passiert. Ich weiß überhaupt nicht, woran es liegt und habe nun auch beschlossen, es nicht mehr zu hinterfragen, mich nicht mehr zum Schreiben anzuhalten, sondern die Unmöglichkeit hier einfach in den Raum zu stellen.

Fest steht jedoch unabdingbar:
Ich möchte das Buch jedem Leser ans Herz legen. Es ist spannend, klug, vielschichtig, sprachlich gewandt, gut konstruiert, psychologisch tiefgründig und behandelt ein aktuelles, politisch brisantes Thema im Großen und im Kleinen.

Ich las Ayelet Gundar-Goshens „Löwen wecken“ in der Ausgabe der Büchergilde, die offenbar nicht mehr lieferbar ist. Die Übersetzung aus dem Hebräischen stammt von Ruth Achlama. Mehr darüber beim Originalverlag Kein & Aber, wo soeben auch die Taschenbuchausgabe erschienen ist.

Ausführliche Rezensionen gibt es unter anderem bei Das graue Sofa und bei Literaturen

 

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Wie viel ich erfahre aus diesem Roman über ein Land, das mir ferner nicht sein könnte!
Es ist viel mehr als ein Nachrichtenbeitrag aussagt oder ein Sachbuch. Ich erfahre etwas über den Iran, weil Shida Bazyar es schafft, die Menschen in ihren Geschichten zu mir sprechen zu lassen. Es gelingt ihr, sie mir nahe zu bringen.

Shida Bazyar hat ihren Roman so angelegt, dass er sich in 4 Kapitel und einen kurzen Epilog unterteilt und in chronologischer Reihenfolge die Mitglieder einer iranischen Familie zu Wort kommen lässt. Dabei klingt jede der Erzählstimmen ganz authentisch und zur jeweiligen Zeit passend. Die Entwicklung von Generation zu Generation ist spürbar.

Die erste Stimme kommt aus dem Jahr 1979, dem Zeitpunkt kurz nach dem Sturz des Schah. Das Land ist im Aufbruch und alle Möglichkeiten scheinen offen zu stehen. Aus der Sicht eines jungen Lehrers namens Behsad wird dieses Kapitel erzählt. Er ist für eine neue kommunistische Ordnung, geht dafür auf die Straße, froh dass das Land vom Schah befreit ist. Doch sehr schnell sind die religiösen Geistlichen unter der Führung des aus dem Exil aufgetauchten Khomeni dabei, die Macht zu ergreifen (wunderbar aufgezeigt: Vorher waren viele junge Männer glattrasiert, weil nach Westen orientiert, nun sieht man immer mehr Vollbärte). So stürzt das Land sozusagen von einer Diktatur in die nächste. Die Gefängnisse füllen sich, es wird gefoltert, um Namen der Oppositionellen zu erfahren. Behsad versucht als Revolutionär mit seinen Freunden gegen zu steuern, doch muss er sich schließlich mit seiner jungen Familie verstecken, um nicht verhaftet zu werden. Eines Tages, als er von der Festnahme seines besten Freundes erfährt, beschließt er mit Frau und Kind das Land zu verlassen.

„[…] und Behsad und ich, wir sagen immer, Deutschland ist unser Exil, und mir kommt das Wort vor wie ein eingefrorener Zustand, in dem ich trotzdem noch versuchen soll, mich zu bewegen. Am Anfang passte alles, was ich hier tat, in dieses Wort, passte jede formschöne und geschmacklose Pfirsichfrucht unter die Glocke des Wortes, hörte ich mich jedes deutsche Wort sagen, als wäre es eingefroren, um aufzutauen, in späteren Zeiten.“

Die zweite Stimme ist die von Nahid, 10 Jahre sind vergangen, es ist das Jahr 1989. Sie ist Behsads Frau und muss sich nun in einer kleinen Stadt in Deutschland einleben. Nach den Strapazen der Flucht und dem Aufenthalt im Flüchtlingsheim ist für sie die kleine Wohnung ein Schutzraum. Behsad findet Arbeit. Sie wird erneut schwanger. Sie erhalten schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Nahid vermisst ihr Land, die Familie. Sie, die Literatur und die persische Sprache so liebt, muss nun die „harte“ Sprache Deutsch lernen. Die Kinder Laleh und Morad tun sich da sehr viel leichter in Schule und Kindergarten. Doch sie schafft es ihr Studium in Deutschland wieder aufzunehmen.

1999 hören wir die Stimme von Laleh, der Tochter. In dieser Stimme hören wir viel Zerrissenheit. Wo gehöre ich hin? Laleh hat noch einige Erinnerungen an die Familie in Teheran. Als die Frauen, mittlerweile ist noch die kleine Schwester Tara hinzugekommen, im Urlaub für 3 Wochen in den Iran reisen, zu einer Zeit, da die Regierung sich gerade einmal wieder etwas weltoffener zeigt, fühlt sie sich dort abwechselnd  wie zuhause und dann wieder sehr fremd. Ihr wird bewusst, welche Freiheiten sie als junge Frau in Deutschland hat, spürt aber andererseits die Verbundenheit mit den Traditionen des Heimatlands.

Im Jahr 2009 erzählt Mo, der Sohn. Er studiert, feiert Parties und hat einen multikulturellen Freundeskreis. Als an seiner Universität zu Demonstrationen gegen Studiengebühren aufgerufen wird, hört Mo auch gleichzeitig über die sozialen Medien von den Demonstrationen in Iran. Die grüne Revolution hat begonnen und Mos Interesse an seiner Herkunftsfamilie wird plötzlich geweckt. Doch die Hoffnung auf Veränderungen werden nicht erfüllt, die Regierung geht gegen die friedlichen Massenproteste schließlich wieder mit Gewalt vor.

Im Epilog ist es Tara, die jüngste Tochter, die wiederum Hoffnung schöpft, aufgrund der politischen Ereignisse. Es ist ein (utopischer?) Blick in eine aussichtsreichere Zukunft.

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist ein solch gelungenes Debüt, dass man glaubt, die 1988 geborene Autorin schreibe schon immer: Sprachlich schön und so stimmig konstruiert, dass absolut nichts fehlt. Außer vielleicht noch einige Seiten mehr – ich war im Bann dieser Geschichte und hätte zu gerne noch weiter gelesen. Ein Leuchten!

Der Roman ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen. Mehr über die Autorin und eine Leseprobe gibt es  hier.