Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secession Verlag für Literatur

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Kürzlich gab es eine schöne Aktion namens Verlagebesuchen. In Berlin war das richtig ergiebig. Ein Highlight: der Secession Verlag. Das Verlagsbüro findet man in einem schönen Gartenhaus in der Potsdamer Straße und es teilt sich die Räume mit der Galerie P98a, in der Erik Spiekermann sein Büro und eine Druckwerkstatt hat. Man erfährt also gleich nebenbei, wo die wunderschönen qualitativ anspruchsvollen Bücher des Verlages gemacht werden …

Verleger Christian Ruzicska sagt dann auch gleich, dass sowohl inhaltlich, sprachlich und auf das Äußere sehr geachtet wird. Alles soll stimmigen Einklang finden. Hier werden Bücher aus Leidenschaft gemacht!

Und das sehe ich einmal mehr bei dem vorliegenden aktuellen Buch von Jérôme Ferrari. „Ein Gott Ein Tier“ ist in schwarzes Leinen gebunden, der Schriftzug kontrastiert in rot und schlängelt sich über Vorder- und Rückseite. Hochwertiges Papier wurde gewählt. Welches es ist, kann man im Impressum nachlesen, ebenso die gewählte Schriftart. Innen rote Vorsatzblätter und ein farblich passendes Lesebändchen. Das ganze natürlich fadengeheftet. Und, man möge es mir nachsehen, es riecht gut …


Jérôme Ferraris Buch erschien bereits 2009 in Frankreich. Inzwischen ist der 1968 geborene Franzose auch in Deutschland bekannter geworden. 2012 erhielt er den Prix Goncourt. Das nur 110 Seiten umfassende Bändchen hat es in sich …

Der Tod und das Grauen kommen aus den schwarzen Augen einer Frau, die unter ihrem Gewand mit schmaler Hand die Schnur des Sprengsatzes zündet „die sich um ihre Taille schlossen wie der goldene Gürtel einer frisch Vermählten am strahlenden Morgen ihrer Hochzeit.“ – eine Selbstmordattentäterin. Auf diese konkrete Tat kommt Ferrari erst spät im Buch zu sprechen. Zunächst berichtet er von den Auswirkungen, die auch viel später noch Leben zerstören können.

Ein junger, zielloser Franzose verdingt sich als Söldner in einer Sicherheitfirma im Irak, ein sehr gut bezahlter, aber äußerst gefährlicher Job. Damit hat er auch seinen Freund überredet mitzukommen. Als sie nach ein paar Tagen Urlaub wieder am checkpoint eintreffen, passiert es.

Kurz darauf kehrt der junge Mann in sein Heimatdorf zurück – als psychisches Wrack. Sein Freund ist bei der Detonation ums Leben gekommen. Er fragt sich warum er überlebt hat und wie er nun leben soll …  er sucht nach dem Sinn.

„Denn du warst des Glaubens und der Kindheit müde, und müde des Vögeltötens, und du hast dir vorgestellt, dass die Welt darauf wartete, dich aufzunehmen in ihrer Umarmung, die sie dir niemals zugestanden hat, und dies hier, das war mitnichten die Welt, das war nur eine Wüste, erinnere dich, …“

Mit seinem alten Hund streift er durch das Dorf und erinnert sich: an den Vater, der ihm das Töten, das Jagen beibrachte, an seine Jugendliebe Magali, die die Sommer in seinem Dorf verbrachte, den ersten Kuss. In Gedanken malt er sich Magalis derzeitiges Leben aus: Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, eine gute Stellung mit Aufstiegschancen und gutem Verdienst. Aber auch mit großer Leere und Oberflächlichkeit, denn es gibt nichts mehr sonst als die Arbeit, geschäftliche Verpflichtungen und flüchtige Bekanntschaften.

„Sie wird eine erlesen gute Laune zur Schau tragen, und einen beispielhaften Teamgeist, wofür sich die Bereichsleiterin bei ihr bedanken wird, indem sie die Zeichen der Zuneigung steigert, …“

Er schreibt ihr einen Brief, versucht auf diese Weise an alte Zeiten anzuknüpfen. Schließlich besucht er sie. Sie mögen sich noch immer. Doch ihre Welt ist nicht die seine und so verschwindet er wieder. Seine Welt gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr, gab es vielleicht nie. So sehr er sie auch sucht, er findet sie nicht. Es gibt keinen Weg mehr ins Leben. Weder in der Liebe noch bei Gott findet sich Trost. Auch wenn der Erzähler seinen Protagonisten mehrmals ans Herz legt: „Die Menschen benötigen etwas Größeres als sich selbst, um leben zu können.“

Als Magali einige Zeit später auf der Suche nach ihm in seinem Dorf eintrifft, findet sie ihn nicht mehr …

Auf der Umschlagbanderole des Buches steht der Schriftzug „Requiem auf die Entfremdung des modernen Menschen“. Ich bin geneigt zuzustimmen. Ferraris Requiem ist allerdings auch eine sprachlich Offenbarung. Dem Vorwurf der Pathetik, der in manchen Kritiken zu lesen ist, kann ich nicht zustimmen. Ferrari wählte eine sprachliche Form, die mit dem Inhalt direkt in Beziehung steht und sie ist stimmig. Und sie ist das Einzige, was einen Ausgleich schafft zur Düsternis der Geschichte.

„Ein Gott ein Tier“ wurde von Christian Ruzicska selbst aus dem Französischen übersetzt. Mehr über Buch und den Secession Verlag hier.

Außerdem bisher aus dem Verlag von mir gelesen und besprochen:
„Unorthodox“ von Deborah Feldman und der wunderschöne Gedichtband „minimal“ von Tanikawa Shuntaro

Ellen Hinsey: Des Menschen Element Matthes & Seitz Verlag

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Der Traum
Die Zeit wie eine Schote aufzubrechen und ihre leuchtenden, glühenden Samen zu betrachten

Ellen Hinsey habe ich nur entdeckt, weil Litauen diesmal Gastland der Leipziger Buchmesse war. Denn sie hat zusammen mit dem 80jährigen litauischen Lyriker Tomas Venclova ein Buch herausgegeben. Die 1960 in Boston geborene Amerikanerin hat mit dem vor langer Zeit nach USA emigrierten Dichter und Literaturprofessor Gespräche geführt und somit sein Leben fürs Lesepublikum aufgeblättert. Das Buch heißt „Der magnetische Norden“ und erschien vor kurzem im Suhrkamp Verlag. Ebenso ist sie Übersetzerin seiner Gedichte.

Als ich ein wenig recherchierte fand ich heraus, dass Ellen Hinsey, die lange Zeit in Paris lebte, nicht nur sich gut auskennt im osteuropäischen Raum und dessen Geschichte, sondern dass sie selbst auch schreibt, und zwar vorrangig Lyrik. Als ich in einer Leseprobe die ersten Zeilen von ihr las, war ich fasziniert: Hinsey weiß hochaktuelle und brandheiße politische Gedichte zu verfassen, die in solch gelungener Spracharbeit und Direktheit selten sind. Ihre Themen lassen außerdem auf intensive Philosophie- und Geschichtskenntnisse schließen. So spricht sie bei der Buchvorstellung in der Berliner DAAD-Galerie über die Ideen des griechischen Philosophen Parmenides, der sie beim Schreiben für dieses Buch sehr beeinflusste: Grob gesagt, hatte er die Theorie, dass es keine Getrenntheit gibt in der Welt, dass alles eins ist. So gesehen erhalten die Gedichte auch eine spirituelle Dimension.

Einsicht und Zweifel
Einmal nur unerwartet die Einheit der Welt erfahren –
wider die Manöver des Verstandes.

Dauerhafter Zustand
Die Wachheit lädt den Verstand ein, sich ihr anzuschließen
im sprießenden, sich stetig erneuernden Feld der Welt.

Merkwürdiges Autodafé
Im Gegenzug plant der Verstand seinen ewigen Angriff auf
das Sein.

Auszug aus dem Notizbuch A

 


Ellen Hinsey scheut nicht die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. So schilderte und verdichtete sie beispielsweise Verhöre von Gefangenen verschiedener Regimes. Hinsey besuchte dazu den Gerichtshof in Den Haag, wo es um Kriegsverbrechen im osteuropäischen Raum ging. Oft schockierend und ungeschönt: diese Gedichte sind mitunter starker Tobak …

Die Tyrannei hat nichts dagegen, klein anzufangen: Maß ist ihr gleichgültig. Ihre Träume vom Ruhm werden frohen Mutes im Kindertheater geprobt.
[…]
Die Regression der Tyrannei ist einfach: die Begierde eines Kleinkinds, der Welt seine Allmacht aufzuerlegen.

aus Chronik – Eine kurze Biografie der Tyrannei

In ihrer Buchvorstellung erzählt Hinsey desweiteren, dass es ihr beim Schreiben ums „Bewahren“ geht, das Bewahren vor dem Verschwinden. In ihrem Lyrikband findet sich dieses Bewahrenwollen in allen drei Kapiteln: Im ersten „Des Menschen Element“ geht es um das Wesen des Menschen: seine Besonderheit; im zweiten „Zeugnis“ geht um das Treiben und Tun der Menschen: die Spaltung der Welt; im dritten „Mitternachtsdialog“ um das Zweifeln, den Moment der Veränderung, um die Vergebung.

Langsam rollen Polizeiautos die mitternächtlichen Boulevards entlang, überwachen das Unheil. Pomp protzt mit Verfall – aber keiner gewinnt, da die Nacht beide in ihren abgenutzten Teppich rollt – um sie auf die Schultern ermatteter Schläfer zu laden, jener unschuldigen Träger der Hoffnung.

aus Annalen – Östliche Apokryphen

Ellen Hinsey schreibt über den Menschen in der Welt, verdichtet, konzentriert und philosophisch. Ihre Gedanken sind unbedingt lesenswert, auch für Nicht-Lyrik-Leser.

Ellen Hinsey war 2015 Gast beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Der vorliegende Band erschien in der Reihe DAAD Spurensicherung 29 im Matthes & Seitz Verlag und wurde übersetzt von Uta Gosmann.

Nellie Bly: 10 Tage im Irrenhaus AvivA Verlag

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Eine schöne Idee: Verlagebesuchen scheint mir in Berlin ganz besonders ergiebig. In diesem Jahr war ich beim AvivA Verlag in Moabit. Die Verlegerin Britta Jürgs hatte ihr Büro in einen gemütlichen Empfangsraum für Gäste verwandelt und erzählte aus der nunmehr fast 20jährigen Verlagsgeschichte. Britta Jürgs hat seitdem nichts von ihrem Elan und ihrer Buchleidenschaft verloren. Mit bewundernswertem Engagement widmet sie sich vorrangig Entdeckungen aus den 20er Jahren, aber nicht nur. Da ist viel Offenheit für Neues. So wird demnächst eine georgische Autorin im Programm dabei sein.

Eines der Highlights aus dem Verlagssortiment scheint mir Nelly Blys Buch „10 Tage im Irrenhaus“ zu sein. Es ist bereits 2011 in deutscher Sprache erschienen und erregte damals nach Ersterscheinung in New York 1887 enormes Aufsehen. Doch auch heute ist diese Geschichte noch spannend, denn leider werden immer noch Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung stigmatisiert und weggesperrt.

Der erste Auftrag bei der New Yorker Zeitung „New York World“ führte die forsche, erst 23-jährige Journalistin Nellie Bly in die psychiatrische Anstalt Blackwell´s Island, damals berühmt und berüchtigt. Sie sollte sich undercover einschleichen und über die misslichen Zustände der Insassen direkt vor Ort recherchieren.

„Ich war von vier Fachärzten für geisteskrank erklärt worden un war nun hinter den unbarmherzigen Stäben und Gittern eines Irrenhauses eingesperrt! Hier gefangen zu sein und Tag und Nacht als Gefährtin von besinnungslosen, plappernden Irren zu verbringen, mit ihnen zu schlafen, mit ihnen zu essen und als eine von ihnen betrachtet zu werden, das war eine unbehagliche Situation.“

Was Nellie Bly dort erlebt, ist unvorstellbar. Nahezu 1600 Frauen lebten in dieser Anstalt unter unsäglichen Bedingungen. Das Essen war nicht Essen zu nennen, die Behandlung nicht menschenwürdig. Nicht die Angestellten erledigten alle Arbeiten, sondern die Patientinnen. Es war keine Heilanstalt sondern eine „Aufbewahrungsanstalt“. Die eigentlich Hilfsbedürftigen erhalten bei Widerworten und Widerstand Schläge, jedoch keinerlei Medikamente. Die Ärzte scheinen sich nicht zu kümmern. Die Frauen werden in dieser Hölle aller Wahrscheinlichkeit nach erst in den Wahnsinn getrieben, zu Verrückten gemacht. Alle Frauen, mit denen Nellie Bly vor Ort sprach, zeigten keinerlei Anzeichen von Wahnsinn …
Obwohl Nellie mit ihrer Aktion erreichen wollte, dass sich die Bedingungen für die Patientinnen verbesserten, ist dies von öffentlicher Hand wohl nur kurzfristig und nicht hinreichend geschehen.


Von Nellie Bly gibt es außerdem ein Buch über ihre Weltreise von 1890, die sie ebenfalls für die Zeitung machte, und zwar schneller als Jules Verne es sich ausdachte, nämlich in 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden und das alleine als Frau. Das Buch ist ebenfalls im AvivA Verlag erschienen. Leseproben beider Bücher hier.
„Zehn Tage im Irrenhaus“ enthält ein informatives Nachwort von Martin Wagner, der auch übersetzt hat.

Es gibt zwei weitere Bücher zu diesem Thema hier auf dem Blog:
Zum einen ist es der Roman „Professor Hieronimus“ von Amalie Skram, der erstmals 1895 erschien und im vergangenen Jahr beim Guggolz Verlag in deutscher Sprache aufgelegt wurde.
Zum zweiten das Buch „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, die im Jahr 1935 einige Monate in der Psychiatrie verbrachte, erschienen im Wallstein Verlag.

Film-Kunst-Film: Vor der Morgenröte DVD Film von Maria Schrader 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Maria Schrader lässt in ihrem Film „Vor der Morgenröte“ Josef Hader den Stefan Zweig spielen. Und er passt in der Tat vortrefflich in diese Rolle.
Es geht um die Jahre im Exil in Brasilien und es geht um die Position, die Zweig vertritt. Gleich zu Beginn spricht er auf dem PEN-Kongreß 1936 in Buenos Aires. Von Journalisten bedrängt, er möge sich doch zu den Entwicklungen in Deutschland äußern, enttäuscht er seine Zuhörer: Stefan Zweig ist Pazifist, Intelektueller und Künstler. Er steht für die Meinung, jeder solle mit seinen Mitteln für Freiheit und Frieden kämpfen. Zudem glaubte er an ein vereintes Europa. Er macht klar, dass er aus seiner sicheren Position im Exil keine kämpferischen Reden schwingen möchte. Ihm bliebe nur sein Schreiben, doch darin sei er aktiv.
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Der 1881 in Wien geborene Schriftsteller, überaus bekannt und erfolgreich, stand 1935 mit seinen Büchern sogleich auf der Liste der von den Nationalsozialisten verbotenen Autoren. Er lebte aus diesem Grund zunächst in London, dann in New York und schließlich in Petropolis in Brasilien. Begleitet wurde er auf seinen Reisen von seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er schließlich auch heiratete. Seine Exfrau, gespielt von Barbara Sukowa,  lebte derzeit mit ihren Töchtern in New York. Beide behielten auch nach der Trennung steten Kontakt.
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Maria Schrader fängt sehr genau die jeweiligen Gemütsbewegungen Josef Haders alias Stefan Zweigs ein. Gerade diese langen Kameraeinstellungen in ein und derselben Position versinnbildlichen das Ausharrenmüssen, die Bewegungslosigkeit der unfreiwillig ins Exil Verbannten. Zwar ist Stefan Zweig in Brasilien mehr als willkommen, zwar hat er diese Stille und Abgeschiedenheit gesucht nach den vielen Reisen, doch findet er nicht die Ruhe, das Ankommen, das er sich sicher erwünscht hat. Zu schwer wiegen die Geschehnisse in der Heimat, zu aussichtslos die Rückkehr in seine geistige Heimat Europa. Im Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau Lotte das Leben.
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Sowohl inhaltlich, als auch aufgrund der beeindruckenden Kraft der Bilder ist dieser Film ein großer Gewinn. Es lohnt sich, ihn mehr als einmal anzusehen. Hier gehts zur offiziellen Film-Website mit Trailer: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/film/

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

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Natascha Wodin hat mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Natascha Wodin kann schreiben. Ich weiß es aus dem Roman „Nachtgeschwister“, in dem sie über die schwierige Beziehung zu dem großen Schriftsteller Wolfgang Hilbig schreibt. Durch die Lektüre von Wolfgang Hilbig (in „Das Provisorium“ erfährt man einiges über ihre Beziehung) habe ich überhaupt erst von ihr erfahren. Nun also der Buchpreis …

„Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“

„Sie kam aus Mariupol“ ist ein sehr persönliches Buch, eines, was zu schreiben, sicher nicht leicht gefallen ist. Man merkt es immer wieder durch das Buch schimmern, wie stark das Thema Wodin berührt: Schwierig daraus Literatur zu machen …  Vielleicht hätte es eines längeren Abstands bedurft zwischen Recherche und fertigem Buch. Jedenfalls fehlt mir in diesem Buch durchgängig Wodins starke Sprache.

Das Buch ist in vier Abschnitte unterteilt:
Zuerst berichtet Natascha Wodin von ihrer Suche nach den Wurzeln der Mutter, die sich umgebracht hat, als sie selbst noch ein Kind war. Tatsächlich wird sie übers Internet fündig: viele Erinnerungen erweisen sich als wahr, doch noch viel komplexer, als gedacht. Hier erzählt Wodin wie in einem Erlebnisbericht über ihre Recherche und ich als Leserin verheddere mich immer stärker in den immer neuen russischen Namen der gefundenen Verwandten.

„Mein Leben lang hatte ich mich benachteiligt gefühlt, weil ich keine Familie hatte, aber das war nur deshalb so gewesen, weil ich nicht gewusst hatte, dass ich ein glücklicher Mensch war ohne diesen ganzen Ballast.“

Im zweiten Teil erzählt Wodin aus den Tagebüchern und Memoiren ihrer Tante Lidia. Die Hefte wurden in der Wohnung eines neu entdeckten Verwandten aus Sibirien gefunden und ihr zugeschickt. Aus diesen geht hervor in welch schreckliche trostlose Zeit Wodins Mutter 1920 in Mariupol hineingeboren wurde. Anhand von Lidias Lebenslauf gewinnt sie einen kleinen Eindruck vom Leben ihrer Mutter, obgleich diese neun Jahre jünger war als Lidia.

„Wie hat sie ausgesehen mit ihren zwei, drei Jahren? Wie die Kinder in heutigen Hungerländern, kleine Skelette mit geblähten Bäuchen und großen leeren Augen?“

Wodin versucht im dritten Teil das Leben ihrer Mutter von der Flucht (oder Zwangsdeportation?) mit ihrem russischen Mann aus der Ukraine nach Deutschland zu er-schreiben. Sie und ihr Mann arbeiten als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie in Leipzig, wo für die sogenannten Ostarbeiter die schlechtesten Bedingungen herrschen.
Das meiste in diesem Teil ist aus wenigen persönlichen Anhaltspunkten und anhand geschichtlicher Dokumentationen rekonstruiert.

Zuletzt erzählt Wodin von der Zeit, die sie ab ihrer Geburt 1945 selbst mit erlebt hat: das Heranwachsen in Lagern für Displaced Persons, später in einer Kleinstadt in Oberfranken in einem Viertel der „Ausgegrenzten“. Sie erlebt die Ängste der Mutter, versteht sie aber nicht. Die kleine Schwester wird geboren. Die Beziehung zwischen den Eltern ist alles andere als liebevoll. Bei kleinsten Vergehen setzt es Hiebe. Die Mutter verfällt in immer tiefere Depressionen. Der Vater kümmert sich nicht. Die beiden Mädchen verwahrlosen …  Schließlich kommt es dazu: Die Mutter tut das, was sie so oft schon ankündigte. Sie „geht ins Wasser“.

„Immer muss man bei uns alles suchen, obwohl wir eigentlich dauernd aufräumen, aber wir finden einfach keinen festen Platz für die Dinge, wir wissen nicht, welche Ordnung wir dem Chaos entgegensetzen sollen.“

Und auf diesen letzten Seiten blitzt auch endlich etwas durch, was an die Ausdrucks- und Sprachkraft aus Wodins vorherigen Büchern erinnert.

Dieses Buch ist ein Erinnerungsbuch. Vermutlich war es für Natascha Wodin notwendig und befreiend die Geschichte ihrer Familie nieder zu schreiben. Es ist auch eine erschütternde Dokumentation, ein zeitgeschichtlicher Einblick. Große Literatur, wage ich zu behaupten, ist es nicht. Ein gutes Beispiel einer ganz ähnlichen Recherche, die mir jedoch sprachlich und literarisch gelungener erscheint, ist Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.

„Sie kam aus Mariupol“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Zwei sehr begeisterte Besprechungen findet man bei LiteraturReich und Masuko13

Moyshe Kulbak: Montag Ein kleiner Roman Edition fotoTAPETA

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Eine große Entdeckung ist dieses schmale blaue Buch aus dem Programm des vorwiegend nach Osten ausgerichteten Verlags Edition fotoTAPETA mit Sitz in Berlin. „Ein kleiner Roman“ heißt der Untertitel des Buches und er ist in der Tat kurz, aber enorm gewichtig. Ich befinde mich gerade selbst aus unerfindlichen Gründen in Lese-Richtung nach Osteuropa, Russland ehemals Sowjetunion und freue mich über dieses schöne, schöne Buch. Es erschien erstmals 1926 und erzählt anhand des jüdischen Hebräischlehrers Mordkhe Markus von der Zeit der Revolutionen in Russland 1917 und der Situation der Juden in dieser Zeit. Und er trifft mit seiner lyrischen zugleich expressionistischen Sprache einen ganz besonderen eindringlichen Ton.

So folgen beispielsweise, wie in der Lyrik oft der Fall, Attribute oder Adjektive dem Substantiv, oft doppelt, was eine merkwürdige Intensivierung entstehen lässt.

„Kleine Einheiten von Soldaten, grauen, gingen von Zeit zu Zeit mit revolutionärem Schritt vorbei, hinab zu ihren Kasernen.“

Zum anderen gibt es auffällig viele Diminuitive (wie ich sie mitunter von den großen russischen Dichtern, etwa Gogol, kenne), was aber hier in den Zusammenhängen alles andere als verniedlichend wirkt.

„Eine Granate seufzte lang und fiel ins Flüsschen. Mit einem Mal explodierte sie dort, wie eine abgefeuerte Rakete, und atmete unter Wasser mühevoll weiter.
Das hölzerne Brückchen erhob sich, und seine Einzelteile stoben über die Felder.“

Manchmal hört sich Kulbaks Sprache dabei an, als würde er einem Kind ein Märchen erzählen. So einfach, so bildreich, so säuselnd. Und steht damit stark im Kontrast zum Erzählten. In dieser Spannung zwischen Sprachgestaltung und Inhalt entfacht er eine starke Wirkung auf den Leser. Ich bin davon sehr beeindruckt. Es ist ein großer Sprachgenuss!
Dabei stellt er noch ganz nebenbei die wichtigsten Fragen der Menschheit. So gibt es dann beispielsweise ein ganzes Kapitel lang einen Monolog über philosophische Fragen über das Sein, das Existieren, die Erkenntnis und Markus alias Kulbak hat kluge Ideen dazu.

„Weil Sein heißt: Sich selbst in der Welt zu erkennen, und Erkennen heißt: sich der Realität stellen, aber Kampf ist gerade das Selbstverschließen, die Spaltung, die Aktivität von etwas gegen etwas. Und weil der Verstand ein Mittel des Menschen im Kampf ist, ist er kein Mittel für die Erkenntnis;“

Bei einem Blick auf die Biografie von Moyshe Kulbak stellt man fest, dass er selbst auch Lehrer war, dass ihm Wissensaneignung und Wissensvermittlung ausgesprochen wichtig war. Kulbak wurde in Vilnius 1896 geboren, ging als Lehrer nach Minsk und später auch für kurze Zeit nach Berlin, wo er im Romanischen Cafe auch auf Elke Lasker-Schüler traf. Zurück in Minsk widmete er sich ausschließlich dem Schreiben von Romanen und Lyrik und war in der jiddischen Literatur sehr bekannt. Bereits 1937 starb er durch die Hand des Regimes. Man warf ihm vor nicht sozialismuskonform zu schreiben.

Ähnlich wie Kulbak ist der Held Markus zerrissen zwischen der „alten“ Ordnung und der neuen Welt. Wie kann Religion einher gehen mit der kommunistischen Ideologie? Viele der neuen Ideen gefielen ihm, doch eben nicht alle. Wo blieb Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Für die vielen Juden, die zu seiner Zeit in Russland lebten gab es diese Ideale bald schon nicht mehr. Immer wieder kam es während der Revolutionen auch zu antisemitischen Progromen. Im Roman wird Markus schließlich so etwas wie ein Messias der Armenleute, die, die immer Montags durch die Viertel zogen und um Almosen baten. Ein langes Leben war ihm damit nicht beschieden …

„Die Armenleute standen unten auf dem Gässchen und weinten. Tränen eines wohligen Schmerzes ergossen sich in ihre Bärte. Es war, so zeigte es sich, wirklich Montag, der Tag der Erlösung.“

Sophie Lichtenstein, die das Werk aus dem Jiddischen übersetzte, hat dem Roman ein aufschlussreiches Nachwort angefügt, in dem sie über die Biografie des Autors schreibt und über die Entstehung seines Werkes. Die verwendeten jiddischen Wörter werden im Anhang erläutert. Das Buch erschien in der Edition fotoTAPETA zum achtzigsten Todestag des Autors. Ich kann Buch und Verlag sehr sehr empfehlen – sehr außergewöhnlich! Ein Leuchten!
Und als Lyrikerin freue ich mich sehr auf den im Herbst erscheinenden Gedichtband von Moyshe Kulbak.

VERSschmuggel Gedichte: deutsch, litauisch Verlag Das Wunderhorn

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Noch einmal zurück nach Litauen:
Gerade rechtzeitig zur Buchmesse erschien die Gedicht-Anthologie VERSschmuggel Litauen. Die Reihe VERSschmuggel gibt es schon länger und mit einer Vielzahl von Ländern. Es ist ein geniales Projekt: Deutsche Lyriker und Lyriker eines anderen Landes setzen sich zusammen, reden mithilfe eines Dolmetschers über ihre Gedichte und übersetzen sie dann gegenseitig. Als Grundlage wird vorab eine sogenannten interlineare Übersetzung angefertigt. Das Litauische ist eine der Sprachen, die als Tonsprache gilt, so dass sich je nach Betonung ein anderer Sinn ergeben kann, es hebt sich also vom Deutschen stark ab. Im Buch sind dann alle Gedichte zweisprachig abgedruckt und können mithilfe eines QR-Codes sogar angehört werden (so man denn über ein entsprechendes Mobilphone verfügt). Das Buch erschien gleichzeitig auch in einem litauischen Verlag.
Initiiert wurde das Projekt von der französischen Übersetzerin Aurélie Maurin, die auch Mitherausgeberin ist, in Zusammenarbeit mit Thomas Wohlfahrt vom Haus der Poesie in Berlin. Dieser Reihe zugrunde liegt eine Diskussion über das Thema `Lyrik übersetzen´ im Allgemeinen: Ist es besser professionellen Übersetzern das Handwerk zu überlassen oder sind Dichter dafür geeigneter?

Diesmal also Litauen, Gastland der Leipziger Buchmesse.
Im Anhang des Buches finden sich jeweils biografische Angaben und die Bücher, aus denen die Gedichte stammen und kurze Einblicke in die Zusammenarbeit jedes Einzelnen, die für manche Dichter ganz neue eigene Herangehensweisen eröffneten und wohl eine große Bereicherung war. Es arbeiteten diese 12 Lyriker zusammen.

Christian Filips mit Aivaras Veiknys
Norbert Hummelt mit Antanas A. Jonynas
Orsolya Kalász mit Giedré Kazlauskaité
Sabine Scho mit Agné Zagrakalyté
Mathias Traxler mit Gytis Norvilas
Christoph Wenzel mit Sigitas Parulskis

Das sind noch einmal ganz andere Stimmen als in meinem letzten Beitrag über litauische Lyrik. Hier sind einige Auszüge aus Gedichten, Gesprächen, Beiträgen, die etwas aus dieser Arbeit, aus diesem Buch verdeutlichen und wiederspiegeln:

„das lagerfeuer brennt und ich erinnere mich,
wie mein sohn in meine schuhe schlüpft
als probierte er mich selber an

die schuhe sind ein raum, für füße ein zuhause
die zuflucht des verlorenen sohns,
in ihnen wohnt die zeit als ein zurückgelegter weg […]“

aus „Das Verbrennen der Schuhe“ von Sigitas Parulskis, übersetzt von Christoph Wenzel

oder

„Todesangst packte mich auf einmal,
vor einem langen Leben
voller Verluste, ohne je etwas produziert zu haben […]“

aus „Treppe zur Bibliothek“ von Giedré Kazlauskaité, übersetzt von Orsolya Kalász

oder Christian Filips zu seiner Arbeit mit Aivaras Veiknys:

„Wie übersetzt man den erstarrten Wunsch nach dem einfachen Leben in ein: Schau doch! Da! Es ändert sich ja! Selbst, Stein, Feld, Vater sind nicht immer dieselben …“

Die VERSschmuggel-Bände erscheinen alle im Wunderhorn Verlag, der auch sonst einiges an Lyrischem zu bieten hat. Mehr über Verlag, Buch und eine Leseprobe gibt es hier

Einen weiteren Beitrag zur litauischen Lyrik gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Auf der Website lyrikline findet sich ein reicher Schatz an gelesenen Gedichten, unter anderem auch Lyrik oben genannter Autoren.

Und noch einmal ans Herz legen möchte ich Antanas Skemas Roman „Das weiße Leintuch“ aus dem Guggolz Verlag. Darin geht es um einen litauischen Dichter im New Yorker Exil.

Riikka Pelo: Unser tägliches Leben C. H. Beck Verlag

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Über „Unser tägliches Leben“ soll sie schreiben, die kleine Ariadna, das elfjährige Mädchen, das eigentlich nur ein ganz normales Kind sein möchte. So verlangt es ihre Mutter. Und ihre Mutter ist niemand geringeres als die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Die behandelt die kleine Tochter wie eine Erwachsene und verlangt oft mehr, als sie selbst geben kann. Das gemeinsame geschriebene Werk soll als großes Prosawerk erscheinen und von ihrem Leben zeugen.

Der Roman der Finnin Riikka Pelo, für den sie den renommierten Finlandia-Preis erhielt, beschreibt Auszüge aus dem Leben der russischen Dichterin Marina Zwetajewas. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Beziehung der Dichterin zu ihrer Tochter Ariadna.

Meine komplette Besprechung hier auf fixpoetry.

Christoph Hein: Trutz Suhrkamp Verlag

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Gerade ein Jahr ist seit „Glückskind mit Vater“ vergangen und schon liegt ein neuer Roman von Christoph Hein vor. Was er in Interviews darüber erzählte, klang bereits verlockend. Die Mnemotechnik, von der ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, spielt eine besondere Rolle in „Trutz“. Es handelt sich um eine Form von Gedächtnistraining bzw. um ein System sich einfacher Dinge merken zu können, sich genauer erinnern zu können. Das menschliche Gedächtnis soll dabei voll ausgeschöpft werden. Man kann dies mit bestimmten Methoden erlernen. Außerdem ist es ein Roman, der tief in die russisch/sowjetische Geschichte eintaucht, die anhand zweier Hauptprotagonisten geschildert wird.

Zum einen: Rainer Trutz zieht als junger Mann vom Land nach Berlin. Zunächst versucht er vergeblich Arbeit zu finden. Doch durch einen Zufall lernt er die Russin Lilja kennen, die ihm Arbeit bei einer Zeitung verschafft. Er schreibt zwei Romane, die nicht überragend erfolgreich sind, vor allem einer wird ihm jedoch zum Verhängnis: Die Nazis ergreifen die Macht und Trutz ist kein hinlänglich deutschtümelnder Autor. Nach einem Überfall versucht er 1933 mit seiner Freundin Gudrun ins Ausland zu emigrieren, doch als einziges Land bleibt die Sowjetunion, da Lilja hier bei der Einreise helfen kann. Dort findet Trutz jedoch nur Arbeit als Bauarbeiter und das Stalin-Regime wird immer strikter. Jahre später wird er aufgrund eines alten, angeblich stalinfeindlichen Zeitungsartikels aus Berliner Zeiten zu 5 Jahren Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt. Gudrun und sein Sohn Maykl bleiben zunächst in Moskau, erfahren jedoch nie mehr etwas von Rainer und werden später aufgrund des Kriegsbeginns durch Hitler, als Deutschstämmige in die Verbannung in ein Arbeitslager geschickt.

„Ein zivilisiertes Volk wie die Deutschen könne sich einmal irren und einen Fehler machen, aber die Deutschen seien durch ihre wechselvolle Geschichte, durch ihre hohe Bildung, durch ihre weltweit bewunderte Kultur gottlob davor gefeit, einen Fehler zu wiederholen. In ein paar Monaten werde auch Berlin den braunen Spuk wie eine schwere Infektion überstanden haben und wieder lebenswert und liebenswert sein.“

Zum zweiten geht es um den Moskauer Neurolinguistik-Professor Waldemar Gejm, der über Mnemotechnik forschte und der in der Zeit der großen „Säuberungen“ Stalins zunächst von der Universität entfernt und später mit seiner Frau und den Kindern Geta und Rem ebenfalls in die Verbannung geschickt wird. So treffen sich beide Familien wieder, die sich in Moskau durch Lilja kennengelernt hatten und die gleichaltrigen befreundeten Jungen, die bereits in Moskau vom Vater im Gedächtnistraining geschult wurden, erhalten weiter Unterricht.

„Gejm erläuterte die Gedächtnistheorie der Antike, wonach sich der Mensch all jenes gut einprägen kann, was sich durch die Sinne mitteilt. Das Gedächtnis setzten sie einem inneren Schreiben gleich. So wie der Schüler, der das Alphabet lerne, alles aufschreibe, was man ihm diktiere, und alles lesen könne, was geschrieben ist, würde derjenige, der die Mnemonik erlerne, alles Erlebte und Erfahrene und Gehörte in seinem Gedächtnis festschreiben und es jederzeit wieder lesen, also erinnern können.“

Maykl legt man später nach dem Krieg und nach dem Tod seiner Eltern nahe, wieder nach Deutschland zurückzukehren und so beginnt er ein Studium in der DDR, in der er letztlich ein beinahe ähnliches Schicksal erlebt, wie sein Vater. Ihm gelangt sein geschultes Gedächtnis nicht zum Vorteil. Rem hingegen, dessen Vater später vollkommen rehabilitiert wurde, macht in Moskau Karriere beim Militär.
Rem und Maykl sehen sich erst nach der politischen Wende 1989 wieder …

Christoph Heins Roman ist eine beachtlich genau recherchierte Geschichte, die jedoch nicht das Potenzial eines großen Romans hat. Nicht, dass ich nicht mit Erwartungsfreude gelesen hätte. Aber irgendetwas fehlt; es fällt schwer, das genau zu benennen: Es könnte vielleicht einfach mangelnde Sympathie des Autors für seine Romanfiguren und deren schicksalhafte Lebensläufe sein. Oft wird einfach, beinah wie in einer Aufzählung, alles hintereinander weg erzählt. Der Text wirkt wenig gestaltet und ergibt nach meinem Empfinden keine runde stimmige Geschichte. Große Zeitsprünge werden gemacht, gerade im letzten Teil fehlt eine ausführlichere Darstellung der Ereignisse bis zum Treffen. Andererseits werden Erklärungen häufig wiederholt, obgleich der Leser sie längst kennt. Zudem hätte man mit der Idee der Mnemotechnik eine spannendere Story entwickeln können.
Was Hein sehr eindrücklich und überzeugend aufzeigt, sind die politischen Verhältnisse in Zeiten des Stalinregimes, die totale Überhöhung Stalins, die Sprunghaftigkeit der Oberen, die Unsicherheit, nie zu wissen, wer am nächsten Tag verhaftet, denunziert oder verbannt wird und die Zustände in den Lagern und unter der Zwangsarbeit.

Alles in allem habe ich Heins neuen Roman gern gelesen, aber gänzlich überzeugt hat er mich nicht. An „Glückskind mit Vater“ kommt er nicht heran und einen Jahrhundertroman, wie er im Klappentext bezeichnet wird, würde ich ihn nicht nennen, erinnert er doch oft eher an ein durchaus lesenswertes biografisches Sachbuch.

Christoph Heins „Trutz“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Peter liest.

Zum Welttag des Buches: Warum ich lese – 40 Liebeserklärungen an die Literatur Homunculus Verlag

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Zum heutigen Welttag des Buches ist es natürlich notwendig ein Loblied auf das Lesen, die Literatur und auf das Buch anzustimmen: Deshalb möchte ich noch einmal auf ein kürzlich erschienenes Buch hinweisen, das genau das tut – vielleicht ist es dem ein oder anderen bisher entgangen …

„Warum ich lese“ ist aus einer Idee des Literaturbloggers Sandro Abbate entstanden. Er stellte auf seinem Blog novelero die Frage: Warum lest ihr eigentlich?

Das ist doch klar, dachte ich. Doch so einfach ist es gar nicht in Worte zu fassen und mich schickte diese Frage sofort zurück in meine Vergangenheit. Schließlich formulierte ich einen kurzen Text, der aus sehr persönlichen Erfahrungen schöpfte: Welche Initiation für mich das Lesenlernen war, wie gut die Entscheidung war Buchhändlerin zu werden, welche Bedeutung Fernando Pessoa für mich hat und dass ich durchs Lesen schließlich auch zum eigenen Schreiben gekommen bin …

Erstaunlich viele andere Literaturblogger beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit der Frage. Die entstandenen Texte waren so interessant und vielschichtig, dass Sandro die Idee hatte, man könne diese Texte doch in einem Buch versammeln. Sandro konnte dann den unabhängigen kleinen feinen Homunculus Verlag für dieses Unterfangen gewinnen.

Im März ist es nun mit einer Auswahl von 40 Texten erschienen und es ist schön geworden! Schön wäre auch, wenn es viele Leser fände. Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Homunculus Verlags, wo auch alle Beitragenden mit ihren Blogs aufgeführt sind. Mein Text ist natürlich auch hier auf dem Blog zu lesen.

PS: Die kleine Schokoladeneule oben im Bild und vieles dergleichen mehr kann man in der Chocolaterie und Buchhandlung Fräulein Schneefeld & Herr Hund erwerben, wo auch die Buchpräsentation stattfand.

Rachel Cusk: Transit Suhrkamp Verlag

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Sie tut es wieder! Nicht ganz so extrem wie in „Outline“ ( Besprechung siehe hier), aber es ist immer noch so, dass der Leser Rachel Cusks auch im zweiten Band der Trilogie die weibliche Hauptfigur vor allem über deren Gespräche mit anderen Menschen kennenlernt. Die anderen erzählen. Unsere Protagonistin schweigt, beobachtet, hört zu und stellt ab und an kluge Fragen.

„… genauso wenig könne man beim Sprechen zuhören. Beim Zuhören, sagte ich, habe ich mehr dazugelernt, als ich jemals für möglich gehalten hätte.“

Das ist und bleibt spannend, findet man sich doch in manchen Figuren selbst beim Reden oder Tun ertappt. Es ist eine ungewöhnliche aber vielleicht die treffendste Art, sich ein Bild zu machen von einem Unbekannten. Gegen Ende hin wird sie etwas gesprächiger – das fällt auf. Aus dem ersten Roman weiß der Leser, dass die Heldin eine Frau um die 40-50 Jahre alt ist (ihr Name ist Faye – er wird auf Seite 192 einmal genannt), gerade geschieden, mit zwei Söhnen und dass sie als Autorin arbeitet. In „Transit“ nun, zieht sie in eine etwas heruntergekommene Wohnung in einem guten Viertel in London, mit ziemlich unsympathischen Nachbarn …

„Ich hätte, sagte ich, ganz vergessen wie befreiend anonym das Leben in der Großstadt sei. Hier müsse niemand sich erklären: die Stadt sei eine leichtverständliche Benutzeroberfläche, eine Art selbsterklärendes Lexikon menschlichen Verhaltens, das es allen erlaubte, effektiv und gewissermaßen in Kürzeln zu kommunizieren.“

Sei es im Gespräch mit einem Handwerker oder beim Besuch beim Friseur, bei einem Literaturfestival, in einem Gespräch mit einem jungen schwulen Mann auf der Sinnsuche, mit einer Freundin oder bei befreundeten Familien – immer gerät der Leser tiefer hinein, als beim Lesen üblich. Das Herausfinden geschieht abrupt, das Kapitel ist zu Ende und ein neues mit neu auszulotendem Terrain beginnt. Dass sich in den vielen Gesprächen immer wieder das Thema Veränderung/Wandlung zeigt, ist nicht verwunderlich, denn die Hauptfigur scheint diese anzuziehen. Womöglich fungiert sie selbst als Spiegel ihrer Gesprächspartner. Sie scheint in der Tat jemand zu sein, der sich alle offenbaren und anvertrauen. Gleichzeitig erscheint sie mitunter wie eine Forschende, eine die Interviews führt, bei Ungereimtheiten nachhakt und für ihre Romane recherchiert, ohne das die Gesprächspartner etwas davon ahnen. So entsteht vielleicht sogar eine Symbiose. So präsent das Thema auch ist, meistens entsteht, oft in Schlüsselszenen, dadurch etwas ganz neues – von Transformation ist oft die Rede. Etwas was die Autorin Rachel Cusk als Suche, als Wunsch durch sich selbst mit in die Geschichten bringt. Zugleich sind es Geschichten in Geschichten in Geschichten, die etwas matrjoschkahaftes an sich haben.

So erzählt die Studentin Jane, die sich Rat bei unserer Protagonistin sucht, sie habe eine Idee für einen Roman und in diesem Roman wiederum finden sich weitere Geschichten, Geschichten, die sich mit dem eigenen Leben der Studentin vermischen. So erzählt der albanische Bauarbeiter Tony, der gerade ihre neu bezogene Wohnung renovieren soll von seiner Tochter, einer fünfjährigen, die bereits besser Englisch spreche als die Engländer selbst, jedoch könne seine Frau kein Englisch …

„Dann könnten, sagte ich, seine Frau und seine Tochter im Grunde nicht kommunizieren? Tony nickte langsam, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Im Grunde“, sagte er.“

Jedes Kapitel, jede Begegnung endet überraschend – jedes Kapitel eine sehr kurze Novelle. Rachel Cusk schreibt Geschichten für Menschen, die bereit sind sich mit der Lektüre des Buches zu bewegen – Transit, der Titel sagt es ziemlich treffend. Es ist eines dieser Bücher, die sich nicht näher beschreiben lassen, schon gar nicht anhand eines ereignisreichen Inhalts, es ist eines, bei denen man selbst jenen Zauber hervorholen muss, den gute Bücher ausmachen. Ich mag es sehr!

„Transit“ von Rachel Cusk erschien im Suhrkamp Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Eva Bonné. Es ist der zweite Teil (nach „Outline“ siehe oben) einer Trilogie „einer weiblichen Odyssee“, wie es im Klappentext heißt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich, auch wenn es nur eine Kleinigkeit sein mag, den haptischen Einband dieses Buches: Den Titel ziert ein mit Abklebeband geformtes Haus, das sich ertasten lässt, als könne man das Klebeband einfach vom Papier abziehen.
Eine weitere Besprechung findet sich auf letteratura.

Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag

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Am 16.4.1917, also genau heute vor 100 Jahren wurde die Malerin Charlotte Salomon in Berlin geboren. Ihr Leben war kurz. Sie starb 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz-Birkenau. Nun ist ein biografisches Buch von Margret Greiner anlässlich dieses Jahrestages erschienen. Es enthält einen Bildteil, der die Lebensgeschichte von Salomon mit ihrer Malerei unterstreicht.

Charlotte Salomon wird als Tochter des Arztes Albert Salomon und Franziska Grunwald in Berlin geboren. Sie ist ein aufgewecktes, doch von starken Stimmungsschwankungen geprägtes Mädchen. Im Alter von acht Jahren begeht ihre schwermütige (aus heutiger Sicht depressive) Mutter Selbstmord. Bereits die Schwester von Franziska entschied sich in jungen Jahren für den Freitod. Charlotte wird nun von Kindermädchen und den strengen Großeltern betreut. Der Vater bemüht sich, ist aber ganz in seiner Arzttätigkeit absorbiert. Eines der Kindermädchen erweckt in Charlotte die Lust auf das Zeichnen und Malen. Fortan wird diese Neigung Charlotte ihr Leben lang begleiten.
Der Vater heiratet wieder: die berühmte Opernsängerin Paula Lindberg, mit der sich Charlotte glänzend versteht. Ihre erst schwärmerische Liebe wird der Gesangslehrer von Paula, Alfred Wolfssohn. Doch die guten Zeiten halten nicht lange an, denn die Nationalsozialisten werden immer machtvoller. Charlotte schafft es sogar an der Akademie der Künste einen Studienplatz zu bekommen, trotz ihrer jüdischen Herkunft. Doch die Gefahr spitzt sich zu. Charlottes Eltern schicken sie nachdem Albert verhaftet, doch wieder frei gekommen war, nach Südfrankreich zu den Großeltern, die dort bereits seit geraumer Zeit leben.
Doch auch dort ist niemand sicher. Charlottes Großmutter nimmt sich 1940 das Leben. Erst da erfährt Charlotte die Wahrheit über die Suizide in ihrer Familie. Kurz darauf bringt man sie und den Großvater ins Lager Gurs. Doch sie kommen wieder frei aufgrund des hohen Alters des Großvaters. Charlotte schafft es nur mithilfe der Malerei eine tiefe Krise zu überstehen, nachdem ein befreundeter Arzt sie anregt, die Ereignisse künstlerisch zu „verarbeiten“. So beginnt sie wie eine Getriebene mit ihrem Lebensprojekt „Leben? oder Theater?“, an dem sie fast zwei Jahre lang malt, die Schlüsselszenen ihres Lebens in Farbe festhält.

„Sie rettete sich in die Arbeit, malte unaufhörlich. Wenn sie malte, hatte sie keine Angst.“

Der Großvater stirbt. Sie lernt Alexander Nagler kennen, zieht zu ihm. Beide heiraten, werden aber 1943 verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Die schwangere Charlotte wird gleich nach der Ankunft ermordet, ihr Mann überlebt die Zwangsarbeit nicht.


Margret Greiner beginnt in ihrem Buch mit der Reise von Charlottes Eltern nach Südfrankreich im Jahr 1947. Beide konnten aus dem Lager Westerbork entkommen und haben überlebt. Sie entschließen sich, den Spuren ihrer Tochter zu folgen. Sie finden Charlottes Nachlass:  er enthält über 1300 Gouache-Malereien, darunter das Projekt „Leben? oder Theater?“ mit 769 Blättern, aus denen sich ihr Leben nachvollziehen lässt. Darin versieht sie alle Personen mit neuen Namen und beschriftet die Bilder mit kurzen Texten. Aus heutiger Sicht wirken diese Blätter teilweise wie eine moderne Graphic Novel. Charlotte hatte sogar Musik und Gesang dazu angedacht.

Es ist wie ein Wunder, dass all die Bilder in einem Keller, aufbewahrt in einem Karton, erhalten blieben. Es ist unglaublich, welche Kraft aus Charlottes Bildern strömt und außergewöhnlich, wie sie dieses Werk in kürzester Zeit erschaffen konnte. Wie unfassbar, dass eine junge Frau, die aus eigener Kraft ihre Traumata bewältigte und trotz allem am Leben bleiben wollte, diesem grausamen Regime zum Opfer fiel.
Und dennoch, welch ein Glück, dass sie durch ihre Bilder für die Nachwelt lebendig bleibt … Ein Leuchten!


Vor einiger Zeit gab es bereits einen Versuch von David Foenkinos, das Leben Charlottes in einen Roman zu fassen – womit er meinem Empfinden nach deutlich scheiterte. Was er nicht schaffte, gelang Margret Greiner in jeglicher Hinsicht: Ihre Biografie über Charlotte Salomon wird der Malerin gerecht und versucht nicht in sprachlich besonders kreativer Form zu punkten. Das Buch erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier

Charlotte Salomons Originalbilder befinden sich im Joods Historisch Museum in Amsterdam. Ein wunderbarer umfassender Bildspeicher ist diese Website mit den Malereien von „Leben? oder Theater?“:
http://www.charlotte-salomon.nl/collection/specials/charlotte-salomon/leben-oder-theater
Die Bildhinweise im Buch entsprechen der Nummerierung dieser Sammlung. Man kann also alles genau verfolgen und betrachten.

Ergänzend:  Eine Neuauflage des Buches „Charlotte Salomon – Bilder eines Lebens“ von Astrid Schmetterling ist im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag erschienen. Meine Besprechung dazu gibt es auf fixpoetry.

Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

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Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Meine gesamte Besprechung gibt es auf fixpoetry

Asli Erdoğan: Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch Knaus Verlag

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„Ich bin Schriftstellerin und kein Mensch in der Türkei nimmt mich politisch ernst.“, sagte Asli Erdoğan nach ihrer Freilassung der FAZ-Journalistin Karen Krüger. Vielleicht habe man mit ihrer Verhaftung die Nachricht senden wollen: „Es kann jeden Intellektuellen treffen.“

So steht es in der soeben erschienenen Anthologie mit Essays von Asli Erdoğan gleich eingangs im Vorwort von Cem Özdemir. Diese Einführung ist gleichzeitig ein sehr kurz gehaltener aber sehr gut verständlicher Text über die letzten Jahre türkischer Politik. Sofort erkennt man, welch ein komplexes Thema diese ist.

Was in der Tat stark zu spüren ist in Erdoğans Essays ist, dass sie sich vor allem als Schriftstellerin sieht. Denn ihre Texte sind viel mehr als sachliche Essays. Es sind hochliterarische Selbstvergewisserungen, zutiefst poetisch, sehr persönlich, sehr klug und sie berühren in hohem Maße. Es war wichtig, dass sie übersetzt wurden, man sollte sie lesen, vor allem als Frau, denn Asli Erdoğans Stimme ist vor allem auch eine der Frauen. Ein Leuchten!

In ihren sehr aktuellen Texten gibt sie eindrucksvoll ihr Verhalten in Istanbul in der Nacht des Putschs am 15.7.2016 wieder, schreibt über den Genozid an den Armeniern und über die Kriegsverbrechen an den Kurden, über die Gezi-Proteste, vom Zusammenhalt der Frauen am Frauentag, verfasst einen Nachruf auf eine junge Frau, die für den Frieden demonstrierte und erschossen wurde und für all die anderen, die Opfer einer korrupten Regierung wurden, erzählt von Krieg und Folter und Gewalt und in alldem von sich und vom Schreiben.

„Ein Satz, der schon zig Male gesagt wurde, manchmal reißt er einen Menschen mit wie ein Strudel und wirbelt ihn zwischen Erde und Himmel umher. Dann speit er einen unverhofft aus und man bleibt an den Ufern des Schweigens liegen.“

Ich zögerte lange, ob ich dieses Buch lesen will: Welch ein Glück, dass ich es getan habe! Es ist ein großer Gewinn …

Asli Erdoğan ist zur Zeit auf freiem Fuß, mit der Auflage die Türkei nicht zu verlassen, nachdem sie im Zuge des Putsches im August 2016 verhaftet wurde, vor allem weil sie für eine kurdisch-türkische Zeitung schrieb. Möge dieser Irrsinn für sie und für all die anderen Betroffenen gut ausgehen!

Das Buch wurde aus dem Türkischen übersetzt von Oliver Kontny, Sabine Adatepe, Sebnem Bahadir, Angelika Gillitz-Acar, Angelika Hoch-Hettmann und Gerhard Meier. Es erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.