Simone Scharbert: Rosa in Grau Edition Azur


Simone Scharbert kenne ich als Lyrikerin. Nun ist bereits ihr zweiter Prosaband erschienen. Rosa in Grau interessierte mich vor allem wegen der Thematik: eine Frau in der Psychiatrie, Schreiben und Malen in der Psychiatrie, die sogenannte Art Brut. Die Autorin orientiert sich an wahren Schicksalen. Sie hat viel recherchiert über die Zustände in deutschen „Nervenheilanstalten“, wie sie in der Nachkriegszeit und weit in die 70er Jahre hinein herrschten. Im Nachwort kann man mehr darüber erfahren. Wunderbar stimmig finde ich auch den Untertitel „Eine Heimsuchung“, denn der trifft ja gleich mehrdeutig zu. Eine Heimsuchung die psychische Krankheit – eine Heimsuchung: auf der Suche nach einem Zuhause, einem Ankommen. Einem So-Sein-Dürfen. Vielleicht ein Daheim finden im Aufbrechen der unausgelebten Kreativität.

„Manchmal sehe ich Worte. Egal ob ich will oder nicht. Sie sind einfach da, farbig. Manchmal steht Rosa daneben, wenn das passiert. Sie schüttelt dann den Kopf und lacht. Sie mag, wenn ich Worte sehe, wenn ich sie male oder schüttle, etwas Neues draus mache oder sie einfach vergesse, so wie ich mich manchmal vergesse.“

1. Kapitel: zu Hause, 1951. Wir sehen eine Frau mit zwei Kindern, einem Mann. Eine Frau, die ihre Kinder mit Hingabe liebt. Besonders Rosa, das Mädchen, bei dem man manchmal gar nicht weiß, ob die Tochter gemeint ist oder ob es sich um ein inneres Kind oder ein zweites Ich handelt. Sie fühlt sich überfordert, überschwemmt von einem Zuviel. Scharbert inszeniert alles nur schemenhaft und fragmentarisch. Nichts ist klar. Es gibt keine chronologische Abfolge, es geschieht vermeintlich wenig. Zumindest äußerlich. Im Innenleben der Hauptfigur passiert jedoch viel. Gedanken über Gedanken, ein Gedankenrauschen. Ein großes Fühlen.

2. Kapitel: Heil- und Pflegeanstalt Haar, 1953. Hauptschauplatz ist nun die psychiatrische Anstalt. Wie sie hier hin gelangt, erfahren wir nicht. Hier lernt die Heldin Eugen kennen, der sehr lange schon hier lebt und zum Maler geworden ist. Bei ihm fühlt sie sich wohl, mit ihm teilt sie die inneren Farben, die Worte. Zu ihm fasst sie Vertrauen. Es gibt Phasen, in denen sie aggressiv ist und in eine Isolationszelle kommt, es gibt Phasen der Klarheit und der Sehnsucht nach einem Ort außerhalb der Anstalt, nach den Kindern. Nach einem gelingenden Dasein.

Bereits in ihren Gedichten glänzt Simone Scharbert mit einer feinen Sprache, mit Wortspielereien und kunstvoller Poesie. Hier stellt sie die Zartheit ihres poetischen Ausdrucks dem oft harten Inhalt gegenüber. So zeigt sich auch, dass nicht alles pathologisch ist, was auf den ersten Blick so wirkt. Viele der Patientinnen wurden einfach ihrem Schicksal überlassen. Ein riesiger Schlafsaal, in der Nacht voller Patientinnen und tagsüber keinen Raum für sich, das ist das, was die Protagonistin am schwersten aushält. Wir erleben den stumpfen Alltag der Patientinnen, in dem jede Unregelmäßigkeit erfrischend, aber ebenso sehr erschreckend sein kann.

„Es ist ein hemmungsloses Weinen. Es ist ein Weinen gegen alles. Ich verstehe es sofort. Dagegen kann man nichts tun, darf man nichts tun. Eine Wasserflut, eine eigene Sprache. Vom Verlust der Dinge, der Menschen, die uns wichtig sind, wichtig waren. Dagegen ist kein Ankommen. Es ist eine Sprache, die nur hier verstanden wird, wir sprechen sie alle.“

Wir erfahren auch aus der Erzählung einer Pflegerin, Käthe, die die Heldin gern hat, wie es war zur Zeit des Nationalsozialismus, wie schnell hier „unwertes“ Leben einfach ausgelöscht wurde und wie zäh, träge und langsam sich die Behandlungen, die Zustände ändern. Käthe erzählt von Tausenden, die hier angeblich in Heilpflege waren, in Wirklichkeit aber dem Tode geweiht waren. Über die Euthanasie der Klinik Eglfing-Haar findet man mithilfe der Suchmaschine verschiedene Beiträge und persönliche Tatsachenberichte.

3. Kapitel: zu Hause, 1954. Plötzlich heißt es: Sie darf nach Hause. Eine kleine Wohnung wartet. Sie ist nun eine „Geschiedene“, wird schräg angeschaut. Sie sehnt sich nach Rosa, die immer seltener an ihrer Seite ist. Sie versucht sie zu finden, doch scheint diese sie vergessen zu haben. Vielleicht findet die Suche aber auch nur in ihrem Kopf, in ihrer Vorstellung statt.

„Das es zwei Kinder seien. Zwei. Dass ich sie nicht sehen dürfe. Trotz meiner Entlassung. Man wisse ja nicht. Dass jemand anderes für sie sorge. Dass das so besser sei. Ich nicht mehr in der Lage dazu gewesen, einfach weg gewesen sei. Die armen Kinder.“

4. Kapitel: Nervenkrankenhaus Haar, 1956. Wieder ist sie da. Warum sie es nicht geschafft hat „draußen“, erfahren wir nicht. Sie ist wieder bei den Frauen, manche bekannt, manch neues Gesicht. Ganz junge Frauen sind dabei. Eine stickt aus den eigenen ausgefallenen Haaren das Antlitz eines Mannes in ein Stück Stoff, eine andere zerreißt die Laken in kleine Streifen und bildet daraus am Boden ihres Zimmers einen Sternenhimmel nach. Welch eine Tragik. Wie es wohl gewesen wäre, wenn diese Frauen ihre Kreativität hätten ausleben dürfen? In Freiheit? Und der große unerklärliche Zorn einer Frau, die sich aufgrund dessen der Elektrokrampftherapie aussetzen lassen muss, so dass sie hinterher nur ein Grau in Grau sieht. Die Frauen, die eingeteilt werden in die Kategorien: die Ruhigen, die Unruhigen und die Unsicheren. Die Frauen, die bei klarem Verstand sind, und dennoch bleiben (müssen). Und auch sie muss sich schließlich dieser Behandlung unterziehen. Ausgerechnet die vertraute Pflegerin Käthe muss sie darin betreuen.

“ … vor der Anwendung noch schnell Erinnerungen in die Innenseiten ihrer Schürzen, Kleidertaschen einnähen, Bilder, einzelne Worte, Relikte eines anderen Lebens, das hier an der Pforte abgegeben wird und von dem mit jedem Heilkrampf ein weiteres Stück verschwindet, in einem selbst oder dem, was davon übrig ist.“

Wie Menschen entmenschlicht werden, aus dem Leben, aus der Zeit fallen, in ein nur-noch-körperlich-Anwesendsein. Wieviel fehlt. Wieviel Zeit verstreicht. Wieviel verlorenen geht. Die Hauptfigur wird lange bleiben. 1979 heißt es am Ende.

„Was die Zeit auch sieht: Wie alles wieder zusammenbricht. Wie die Wörter verschwinden. Und immer weniger zum Malen bleibt. Wie Käthe an mir vorbeigeht. Ohne mich anzusehen. Immer öfter. Irgendwann stehen bleibt. Sagt, dass sie bald gehen, die Anstalt verlassen müsse.“

Dieses Buch hat mir beigestanden in den letzten Wochen. Ich habe es über einen langen Zeitraum hinweg gelesen. Es hat dadurch für mich eine besondere Qualität. Ich habe Bilder empfangen und in den Seiten Wege gefunden. Formal ist es wie ein Gedankenstrom, mitunter fragmentarisch. Die Poesie in der eigentlich dunklen traurigen Geschichte hellte mich auf und ließ mich nicht allein im Hier stehen. Eine Zartheit nahm ich war. Eine Verlorenheit, die ich kenne. Und unter all dem ein Leuchten! Danke, Simone, dafür!

Und dieser Text steht auch für all die Frauen, die man oft in die Psychiatrie schickte, weil sie dem jeweiligen Rollenbild ihrer Zeit nicht entsprachen. Zum Thema passt da auch sehr gut Amalie Skrams „Professor Hieronimus“ oder auch Johanna Holmströms „Die Frauen von Själö“:

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Aus dem Archiv: Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon Bilder eines Lebens Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon: Bilder eines Lebens

„C´est toute ma vie“ – „sich das Leben nehmen oder etwas ganz verrückt Besonderes unternehmen“

Charlotte Salomon entschied sich für das „ganz verrückt Besondere“. Sie schuf binnen eineinhalb Jahren ein riesiges Gesamtkunstwerk. Unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ (1940-1942) beginnt sie ihr Mammut-Projekt: Sie malte ihr Leben in über 1000 Blättern, die zudem mit Text versehen und mit Musik angedacht waren: Ein „Singespiel“, das eine wahre Meisterarbeit ist. Trotz ihres Entschlusses, sich nicht das Leben zu nehmen, war ihr Leben kurz. Sie wurde 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Bereits 2001 erschien das vorliegende Buch von Astrid Schmetterling über die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon erstmals. Nun hat sie es neu überarbeitet. Anlass war der 100. Geburtstag von Charlotte Salomon am 16.4. Im Buch sind außer Malereien auch einige wenige Fotos der Malerin abgebildet.

Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter des Arztes Albert Salomon und Franziska Grunwald in Berlin geboren. Sie ist ein aufgewecktes, doch von starken Stimmungsschwankungen geprägtes Mädchen. Im Alter von acht Jahren begeht ihre schwermütige (aus heutiger Sicht depressive) Mutter Suizid. Charlotte gegenüber spricht man nicht von Selbstmord. Das wird sie erst viel später von ihrem Großvater erfahren. Charlotte wird nun von Kindermädchen und den strengen Großeltern betreut. Der Vater bemüht sich, ist aber ganz in seiner Arzttätigkeit absorbiert. Eines der Kindermädchen erweckt in Charlotte die Lust auf das Zeichnen und Malen. Fortan wird diese Neigung Charlotte ihr Leben lang begleiten.

„Weibliches Sprechen, Schreiben, Malen, als zulassen anderer Blickwinkel und Deutungen, als Sprechen vom Ort der Frau aus, jenem Ort, der zugleich innerhalb der sozialen Ordnung ist und außerhalb, zugleich eingegrenzt, in die Grenzen gewiesen, und ausgegrenzt.“

Astrid Schmetterling gelingt in ihrem Band über Charlottes Leben und Kunst vor allem auch eine  weibliche Betrachtungsweise. Zusätzlich legt sie den Focus auf das Dasein als Jüdin in Zeiten des Nationalsozialismus. So verlässt Charlotte die Schule ein Jahr vor dem Abitur, wegen der zunehmenden antisemitischen Anfeindungen. Dass Charlotte es einige Zeit darauf schafft in der Kunsthochschule in Berlin angenommen zu werden, in einer Zeit in der Juden fast keine Möglichkeiten und keine Rechte mehr haben, ist allein Charlottes Tatkraft und ihrem starken Willen zuzurechnen. Selbst als sie es beim ersten Mal nicht schafft, versucht sie es ein zweites Mal. Und es gelingt. Als ihr jedoch dort ein 1. Preis aberkannt wird, eben weil sie Jüdin ist, verlässt sie sofort die Akademie.

„Es ist diese gewaltsame Realität, von der Charlotte Salomons brüchige Sprache erzählt. Gegen die nazistische Einheits- und Ganzheitsrhetorik setzte die Künstlerin Fragmentierung und Vermischung, behauptete sie mit ihrem Werk ihre Differenz, ihr Anderssein. Als Jude, als jüdische Frau, als jüdische Frau im Exil.“

In vier Kapitel gliedert Astrid Schmetterling das Buch auf: Bildteil, Vorspiel, Hauptteil, Nachwort, vielleicht in Anlehnung an ein Theaterstück.

Im umfangreichen Bildteil eröffnet sich gleich die große Ausdruckskraft der Charlotte Salomon. In ihren Malereien zeigt sie ihre besondere Eigenart – heute würde man ihre Art vielleicht in die Sparte der Graphic Novels einordnen – sie malt auf Papier mit Gouachefarbe auf einzelnen Blättern fortlaufende Ereignisse wie in einer Bildgeschichte. Nicht immer sind sie mit Text versehen. Falls doch, hat Charlotte sie mit dem Pinsel ins Bild integriert oder Zwischenblätter eingelegt. 32 Blätter hat Astrid Schmetterling für das Buch ausgewählt, Bilder die die große Vielfalt von Charlottes Kunst widerspiegeln.

 

Im zweiten Kapitel weist Schmetterling darauf hin, dass Charlottes Werke oft nur als zeithistorische Dokumente wahrgenommen wurden, ähnlich des Tagebuchs der Anne Frank. Glücklicherweise, schreibt sie, hat sich das inzwischen verändert: Bekannt gemacht in den letzten Jahren durch mehrere Ausstellungen in den verschiedensten Ländern, auch auf der documenta 2012, wird Salomons Arbeit endlich als ernstzunehmende Kunst beachtet. Mittlerweile wird Salomons Stück sogar als Theaterstück, Oper und Ballett aufgeführt. Die Reduzierung auf ein rein biografisches Werk hält die Autorin für falsch. Charlotte hat Fakten mit Fiktion geschickt verwoben.

[…] ein komplexes Werk aus biografischen und fiktiven Elementen, das davon zeugt, wie sehr sich Charlotte Salomon der Täuschungen bewusst war, denen sich ein erinnerndes Ich beim Versuch, sich selbst zu schreiben und zu malen, unterliegt.“

Charlotte Salomons vielschichtige Bilder sind schwer einzuordnen. Der Vielfalt liegt vermutlich die Tatsache zugrunde, dass sie sie aus ihren zwei Lebenswelten zusammensetzte: Aus Heimat in Verbindung mit der Zeit im Exil in Südfrankreich. „Auflesen und Wiederverwenden“ nennt es Schmetterling im Buch.

„Eine Frau sitzt am Meer. Den Rücken uns zugewandt, malt sie. Sie malt das tiefblaue Wasser und den Sand, den endlosen Himmel und das Licht. Das Blatt auf ihrem Schoß erscheint jedoch durchsichtig. Als sei es kein Bild, sondern nur ein Rahmen, der ein Stück vom Augenblick umfängt. Ein Rahmen, in dem Abbild und Wirklichkeit ineinanderfließen. Leben oder Theater? Diese Frage ist der Frau auf den Rücken geschrieben.“

Dieses hier von der Autorin beschriebene Bild scheint ein Schlüssel zu sein, der die Tür zu allen anderen Bildern, ja zum Leben Charlottes öffnet. Es entstand in Südfrankreich, wo sie sich in ein kleines Hotel am Cap Ferrat zum Malen zurückgezogen hatte. 1939 war Charlotte aus Berlin geflohen und kam zunächst zu den Großeltern nach Villefranche. Dort nimmt sich Charlottes Großmutter 1940 das Leben. Kurz darauf bringt man sie und den Großvater ins Lager Gurs. Doch sie kommen wieder frei aufgrund des hohen Alters des Großvaters. Charlotte schafft es anschließend nur mithilfe der Malerei eine tiefe Krise zu überstehen. So beginnt sie wie eine Getriebene mit ihrem Lebensprojekt „Leben? oder Theater?“, an dem sie fast zwei Jahre lang malt, die Schlüsselszenen ihres Lebens in Farbe festhält.

Astrid Schmetterling berichtet weiter, dass Charlotte ihre Arbeiten wie ein Theaterstück inszeniert: Alle Figuren gibt es im eigenen Leben, sie werden jedoch umbenannt, erhalten teils skurrile neue Namen. So nennt sie ihre Stiefmutter, die Opernsängerin Paula Lindberg, die sie verehrt und liebt, in ihrem Stück Paulina Bimbam. Ihr Vater heißt Albert Kann. Der Gesangspädagoge ihrer Mutter und gleichzeitig angehimmelter Geliebter Charlottes, Alfred Wolfsohn, trägt den Namen Amadeus Daberlohn. Charlotte schwebt als allwissende Erzählerin über den Geschehnissen. Viel Ironie steckt hinter dieser Vorgehensweise.

Sie bindet auf vielen Seiten Anweisungen für die Begleitmusik mit ein. Diese reichen von klassischer Musik über Opern bis zum aktuellen Schlager. Bei der Textauswahl finden sich oft Sprichwörter zwischen Bibelpassagen und Zeilen aus klassischer Literatur – Goethe, Dante, Rilke etc. Charlotte ließ sich von einigen Künstlern aus verschiedensten Epochen inspirieren. Ihre Bilder enthalten beispielsweise Elemente der mittelalterlichen Buchmalerei, gleichwohl aber orientierte sie sich an der expressionistischen Malerei: Van Gogh, Gauguin, aber auch Chagall.

Nach Abschluss ihrer Arbeit für „Theater“ oder Leben?“ lebt Charlotte Salomon wieder in Villefranche. Trotz aller sie umgebender Widrigkeiten, die Nazis sind mittlerweile auch bis in den Süden Frankreichs vorgedrungen, heiratet sie. Mit ihrem Mann und dem ungeborenen Kind wird sie  1943 nach Auschwitz gebracht und ermordet. Sie hatte ihr Werk einem befreundeten französischen Arzt übergeben, der es bis nach dem Krieg aufbewahrte. Charlottes Eltern, die in Amsterdam in einem Versteck überlebten, übergaben es später einem Amsterdamer Museum.

Astrid Schmetterling ergänzt ihr Buch am Ende mit aufschlussreichen Anmerkungen und einer biografischen Zeittafel. Sie beleuchtet sehr differenziert Aspekte aus Charlotte Salomons Leben und Werk. Zusammen mit den Bildtafeln kann der/die Leser/in sich ein recht umfangreiches Bild von dessen Strahlkraft machen. Ein Wunder vielleicht, jedenfalls ein großes Glück, dass die Blätter erhalten blieben …

Diese Rezension erschien zuerst auf fixpoetry.com, einer wunderbaren Plattform für Literatur und vor allem auch Lyrik. Aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung wurde das Portal geschlossen.

Erschien zuerst auf fixpoetry.com
14.05.2017 Hamburg Von Marina Büttner

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.


aus Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben Hrsg. Ilka Piepgras (Text von Elif Shafak)
– aufgrund der 24 Kapitel auch wunderbar als Adventskalenderbuch geeignet.

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/02/15/schreibtisch-mit-aussicht-schriftstellerinnen-ueber-ihr-schreiben-kein-aber-verlag/

Mariam Kühsel-Hussaini: Emil Klett-Cotta Verlag


„Eine Toteninsel ist Berlin, wenn man Angst hat.“

Ein Roman über Emil Cioran? Das interessierte mich. Cioran, ein rumänischer Philosoph (1911-1995), der mir vor allem wegen seiner Suizid-Gedanken, die er in vielen seiner Bücher auch schriftlich darlegte, faszinierte mich vor allem deswegen, weil er dann doch nie Suizid beging, sondern sogar sehr lange lebte. Vielleicht schützt es sogar vor dem tatsächlichen Begehen eines Suizid, wenn man sich hinreichend theoretisch damit befasst?

„Es tut wohl, auch nur zu denken, man könnte sich umbringen. Es beruhigt. Man atmet auf. Wenn man, so wie ich, ständig jenseits der Welt ist, bringt einen zumindest der Gedanke, man könne sich selbst abschaffen, auf ein Niveau der Lebenden zurück, ja führt einen dem Leben zu.“

Mariam Kühsel-Hussaini zeigt mir dann aber in ihrem Roman kurz eine andere Seite von Cioran, die ich noch nicht kannte. Sie erzählt über Ciorans Stipendienaufenthalt zunächst an der Humboldt-Universität Berlin im Jahr 1933, später in München und verknüpft dies mit der Geschichte des Chefs der damaligen Geheimpolizei, Rudolf Diels. Cioran fühlte sich vom Gedankengut der Nationalsozialisten angezogen. Es wäre interessant, dazu mehr Hintergründe zu erfahren. Doch das Buch handelt viel zu wenig von Cioran, sondern es überwiegen die Gräueltaten der SS und SA die mir zu oft zu detailreich und zu drastisch auserzählt werden.

Ich bekomme Cioran im Text nicht wirklich zu fassen, obwohl die Autorin ihn ja schon durch den Buchtitel in den Mittelpunkt stellt. Ich erfahre zu wenig über ihn. Nur ganz selten blitzen interessante Aspekte, meist philosophische Ideen auf, die ich dann auch sprachlich stark finde. Doch die meiste Zeit bleibt der Held in seinen Gedanken und Vorstellungen gefangen. Werden anfangs noch Begegnungen und Beziehungen zu Studenten beschrieben, verliert sich das im Laufe des Romans ganz.

„Mir wurde bewusst, in diesem Berlin der Theorien und der Ideale war ich nur ein Absteiger, ein Mensch ohne Geltung, ohne Teilhabe, ein Fremder, denn das Leben selbst war mir fremd und nur mit meiner unerschöpflichen Gabe der Geistesgestörtheit, die mir meine Mutter mitgegeben hatte, würde ich dieses ganze Dasein weiterführen können.“

Mitunter verzettelt sich Kühsel-Hussaini auch mit einem Wortschatz, der von poetisch bis pathetisch reicht. Oft steht die zierliche Sprache auch den inhaltlich grausamsten Szenen gegenüber. Da wird man hin und her geworfen. So verfährt sie auch mit dem Personal ihres Romans. Sprunghaft wechseln sich die Charaktere ab, mitunter geht es drunter und drüber. Und wenn ein kurzer Absatz über den jungen Josef Mengele mit einem über Carl Ossietzky und Hans Scholl konkurriert, frage ich mich, ob es nicht etwas zu viele Personen sind, die hier agieren. Ich hätte mir mehr Tiefe, vor allem bei Cioran gewünscht.

„Die Zeit ist meine einzige Heimat, ich bin kein Bewohner dieser Erde, ich betrachte sie, berühre ihr Glas. Ich lebe nicht, ich schaue das Leben an. Ich atme nicht, ich fange die Luft ein. Ich bewundere den Mond nicht, ich bemitleide ihn.“

Kurz werden Einzelschicksale angerissen: der Kommunist, der gefoltert wird, der jüdische Kunsthändler, der auf der Straße blind geprügelt wird. Otto, Medizinstudent, der Emil zu Beginn in Berlin als Stipendiat in Empfang nahm, wird im Laufe der Geschichte, weil drogenabhängig und (nicht offen) homosexuell, nun als SS-Mann als Aufseher und Peiniger ins KZ Dachau geschickt, um „clean“ zu werden. Heinrich Himmler kommt zu Wort und wir lesen von kruden Allmachtsfantasien. Rudolf Diels trifft mehrfach Adolf Hitler persönlich und klagt die grausamen Foltermethoden an. Er bringt wiederholt Männer hohen Dienstrangs vor Gericht, da sie sich nicht an geltende Gesetze halten, bis Hitler ihm irgendwann nicht mehr freie Entscheidungen zugesteht. Er steht hier im Roman fast noch als humanste Figur da, obwohl er sehr große Entscheidungsgewalt hat. Inwiefern das in der Realität so war, ist schwierig herauszufinden.

Ich finde es durchaus mutig aus diesen zwei realen Gestalten der Geschichte, die sich nie begegnet sind und die nichts verbindet, außer eine Zeit lang der Aufenthaltsort, einen fiktiven Roman zu machen. Für zart Besaitete und Sensible ist der Roman nicht zu empfehlen; und das liegt nicht an Ciorans Suizidgedanken, sondern vielmehr an der schlimmen Gewalt, die doch sehr viel Raum einnimmt. Mich hat das ziemlich abgeschreckt und ich habe mich gefragt, warum man als Autorin so etwas macht. Ich habe mich deshalb auch in den Zitaten auf die Cioran`schen Gedanken konzentriert, die mir sehr gefielen.

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier gibt es eine interessante Diskussion zum Buch, die meiner Meinung überwiegend auch entspricht:
https://www.swr.de/swr2/literatur/mariam-kuehsel-hussaini-emil-100.html

Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter Büchergilde Gutenberg/Argon Hörbuch

„Nicht hier sein wollen und woanders nicht hinkönnen, auch das habe ich von ihr.“

Immer wieder habe ich von diesem Roman gehört; oft hieß es „Geheimtipp“ oder „Ganz besonders“. Ich bekam dann die schöne Ausgabe der Büchergilde als Geschenk, als ich gerade auch das Hörbuch entdeckt hatte. Und so habe ich sozusagen parallel gehört und gelesen und muss sagen, dass das zuhören wirklich eine Freude war, denn der österreichische Schauspieler Wolfram Berger interpretiert den Roman grandios. Es ist, als würde er die Geschichte aus seinem Gedächtnis heraus erzählen und nicht etwa ablesen, was die Perspektive der Ich-Form erleichtert. Durch seine Worte hindurch spürt man die Atmosphäre des Romans, man erlebt mit dem Helden mit; stimmig dazu auch die österreichische Tönung der Sprache.

Alois Hotschnig orientiert sich mit diesem Roman an der Biographie des Schauspielers Heinz Fitz. Er schreibt sich suchend und tastend um dieses Leben herum und mitunter auch sehr tief hinein. Dabei macht er stets klar, dass alles wahr oder eben auch fiktiv sein kann. Die wenigen wirklich sicheren Fakten, mit denen sich der Held Heinz zufrieden geben muss, führen dabei wie ein roter Faden voran. Schon als kleines Kind herrscht größtmögliche Unsicherheit, da Heinz der Sohn einer Norwegerin ist, die sich in der Besatzungszeit mit einem deutschen Soldaten „eingelassen“ hat. Die schwangere Gerd wird von ihm 1942 zumindest ein Stück weit in seine Heimat Hohenems in Österreich begleitet. Doch die weitere Reise ist von Unterbrechungen und Unrast geprägt. Nachdem der Sohn geboren ist, erleidet Gerd einen Zusammenbruch und kommt in eine Klinik. Dort wird sie auch gegen ihre Epilepsie behandelt, von der sie erst spät geheilt wird. Heinz wird, vermutlich, in einem Heim des Lebensborn untergebracht.

„Der Lebensborn war es, der meine Mutter mit mir im Bauch von Norwegen nach Hohenems heruntergeholt hat. Der Lebensborn war überall oder sollte überall sein, so war es gedacht und geplant, wo es diese Mütter und deren Kinder gegeben hat. Und doch wusste kaum jemand davon.“

Und so sehen sich beide erst nach vier Jahren wieder, als die Mutter ihn sucht und auf einem Bauernhof findet, wo er als Pflegekind lebte. Immer steht die Frage nach dem Vater im Raum, der nicht mit ihnen leben will und die Mutter, die oft glaubt, Heinz wäre als Baby vertauscht worden. Diese Frage nach der Identität verfolgt Heinz durch sein Leben. Die Mutter heiratet Fritz und bekommt zwei weitere Kinder, Fritz stirbt früh an einer Lungenkrankheit und Heinz muss bald für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen. Er arbeitet in einer Stickereifabrik in Lustenau. Als Kind erlebte er immer wieder die epileptischen Anfälle der Mutter und ihre Schwermut, die auch auf ihn überging. Als Zwölfjähriger wollte er sich bereits umbringen. Zum Glück traten immer wieder Menschen in sein Leben, die ihm Mentor und Freund wurden. So entdeckte er auch die Welt der Bücher, das Kino und schließlich das Theater, dass ihm nach dem Schauspielstudium zur Heimat wurde.

Erst sehr spät, mit 60 Jahren nimmt sein Vater durch die Stiefschwester Kontakt mit ihm auf. Ein vorheriger Versuch des Jungen scheiterte. Durch seine Stiefschwester und anderen entfernten Verwandten erfährt er dann nach und nach Fragmente seiner Geschichte, Wie es der Mutter ergangen ist, als sie in Hohenems in der Tür stand. Die „Norwegerin“, die Fremde mit dem Silberfuchs um den Hals und der falschen Religion. Immer mehr Puzzleteile setzt Heinz zusammen; es entsteht dennoch nur ein vages Bild. Ein Historiker interessiert sich dann für seine Herkunft als „Lebensborn“-Kind. Auch durch ihn finden wieder einige Teile des Puzzles ineinander. Viel später – Heinz ist Schauspieler und lebt mit vielen Tieren auf einem Hof –kommen dann noch Puzzleteile aus Norwegen, die ein Verwandter Gerds sammelte und nur durch einen glücklichen Zufall finden sie den Weg zu Heinz. Es sind Briefe der Mutter und der Eltern der Mutter und des Vaters, die wieder eine ganz andere Geschichte erzählen und die bisherige in Frage stellen.

„So vieles ist offen. Auch durch diese Briefe jetzt noch einmal neu. Wenn es stimmt, was meine Mutter in den Briefen erzählt, dann werde ich auch mit dieser zweiten Hälfte der Wahrheit leben wie mit der ersten bisher, im Wissen darum, dass eine ganze Wahrheit wohl nicht daraus werden kann.“

Dieses Zitat fast am Schluss des Romans zeigt die große Unsicherheit und auch Zwiespältigkeit auf, die in diesem Leben zu finden ist. Es ist eine Geschichte vom Versuch sich selbst besser zu verstehen und eine Mutter zu finden, die sehr wenig greifbar war. Noch weniger greifbar, der Vater. Und zum Glück gab es immer stützende Menschen, die zur rechten Zeit da waren und halfen dieses Leben leichter lebbar zu machen. Ich bin sehr angetan von diesem Buch. Hotschnig hat ein einfühlsames eindringliches Porträt eines Menschen geschrieben, der trotz aller Widrigkeiten seine Berufung fand, das Schauspiel. Und er hat an die Aktion „Lebensborn“ erinnert, deren Geschichte sicher auch noch nicht umfassend bekannt ist. Ein Leuchten für Buch und Hörbuch!

Das Buch erschien bei der Büchergilde, das Hörbuch bei Argon. Eine Hörprobe gibt es hier.

Etel Adnan: Die Stille verschieben Edition Nautilus

„Aber alles dauert nur eine Weile, wahrscheinlich selbst die Ewigkeit.“

Erst im letzten Jahr entdeckte ich die vielseitige und besondere Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan. Kurz darauf starb sie im Alter von 96 Jahren. Sie hatte ein reiches Leben, welches auch durch ihre vielen Schriften, Texte und Bilder dokumentiert ist. Erst kürzlich sah ich einige Bilder von ihr in einer Berliner Ausstellung (siehe oben). Nun ist ihr letztes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. „Die Stille verschieben“ ist ein wirklich passender Titel, denn es ist im Bewusstsein der Möglichkeit des nahenden Todes geschrieben.

„In jedem Ende liegt eine Einsamkeit, aber wir haben uns schon einsamer gefühlt. Wir sind auf Gipfel gestiegen, um seltsamen Bauchschmerzen zu entkommen, aber wir stießen auf andere Schmerzen. Das Licht schwindet wie damals, als wir von der Schule heimkamen, oh die Verzweiflung, die Kinder kennen und sich nicht anmerken lassen! Ich hatte Angst vor dem Ende des Tages, jetzt fürchte ich den Tag selbst. Dazwischen liegen Jahre, aber die, die ich war, ist seither verschwunden.“

Es sind mehrzeilige kurze Texte, die aus Gedanken entstanden und sich teilweise aufeinander beziehen. Sie unterstehen keiner chronologischen Reihenfolge. Es könnten auch Tagebuchauszüge sein. Jedenfalls ist es zunächst leicht, sich auf sie einzulassen. Man springt gerne mit den Denkansätzen hin und her. Wir bewegen uns gedanklich zu den verschiedenen Orten, die große Bedeutung in Adnans Leben hatten. Der Geburtsort Beirut, Paris, die Bretagne, Kalifornien. Aber auch die mythischen Landschaften der Antike fehlen auf kaum einer Seite. Immer wieder taucht Delphi auf mit seinem Orakel, Prometheus, Ikarus und auch Schriftsteller wie Tolstoi und Dostojewski.

„Besser zugeben, dass wir im Lauf der Zeit immer weniger von allem wissen. Lassen wir die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen., wann immer sie einen haben.“

Doch auch die aktuellen Themen wie Flüge in den Weltraum, die KI, die künstliche Intelligenz (die Gedichte schreiben kann), die Kriege, die Politik, das Zeitgeschehen finden Eingang in dieses Buch. Oft wird dabei auf die Ewigkeit angespielt, die Größe des Universums, die Un-Endlichkeit. Die Stille wirkt manchmal beängstigend auf die Autorin, manchmal wird sie zur großen Beruhigung. Ebenso wie der Sternenhimmel, die Natur, die Gezeiten – alles ganz unabhängig vom Menschen funktionstüchtig.

„Was kann man gegen melancholische Stimmungen tun? Ich mache mir Gedanken. Ich weiß es nicht. Sie haben mir so lange Gesellschaft geleistet, sie sind sogar mit mir gealtert. Sie brachten mich zu Flughäfen und Bahnhöfen. Ich hätte sie vermisst, wenn sie verschwunden wären, ja, wirklich; unsere Freunde sind nicht notwendigerweise menschlich. (Zu menschlich?)“

Etel Adnan kann, wie ich finde, wunderschön in Worte fassen, was eigentlich unsagbar ist. Vielleicht sogar unvorstellbar, wenn man nicht direkt der eigenen Vergänglichkeit gegenübersteht. Sie scheint durchlässig und akzeptierend noch im Wissen, dass das Dasein nur ein Lidschlag ist, gegenüber der Weltzeit. Dieses Buch ist somit, salopp ausgedrückt, ein Ratgeber im Angesicht der Sterblichkeit und gleichzeitig ein Hoch auf die Schönheit und die Reife des Alters. Und vor allem ist es ein Gedankenbuch einer klugen, ich möchte sogar sagen, weisen Frau, die es versteht, mit feinster Sprache, mit Wort und Bild zu gestalten. Ein Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Nautilus. Die Übersetzerin Klaudia Ruschkowski, die Etel Adnan gut kannte, hat ein aufschlussreiches Vorwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bereits hier auf dem Blog besprochen: