Christiane Ritter: Eine Frau erlebt die Polarnacht Ullstein Verlag

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„Diese Landschaft hat nichts Irdisches mehr. Sie scheint in ihrer Entrücktheit ein in sich geschlossenes Leben zu führen. Sie ist wie der Traum einer Welt, der sichtbar wird, bevor er sich zur Wirklichkeit gestaltet.“

Es ist faszinierend: Christiane Ritter, geboren 1898 in Karlsbad, aus wohlhabender Familie, reist im Alter von 36 Jahren zu ihrem Mann, der sich schon länger in der Arktis aufhält, nach Spitzbergen, um dort ein Jahr lang mit ihm in einer winzigen Hütte ohne Komfort in absoluter Einsamkeit zu verbringen. Und was sie anfangs selbst nicht glaubt, sie erliegt dem Zauber der Natur, der Stille und der weißen Weite.

Bereits im letzten Winter hatte ich mir dieses Buch gekauft. Offenbar hat es aber jetzt erst den richtigen Zeitpunkt des Lesens gefunden. Wohl auch, weil der kühle Norden mich immer mehr anzieht. Wie man schon an obigem Zitat erkennen kann, liegt die Besonderheit dieses Buches nicht nur an der Außergewöhnlichkeit, dass eine Frau 1934 mit ihrem Mann, einem Kapitän und Abenteurer, einen dunklen Winter im eisigen Spitzbergen unter schwierigsten Lebensbedingungen verbringt, sondern auch an der großartigen Sprache Ritters. Sie schafft es, all das, was man hier im gemütlichen mitteleuropäischen Winter so gar nicht kennt, in Worte zu fassen, die genau die Stimmung dieses nordischen Landstrichs spiegeln.

Und sie zeigt auch, dass Frauen all das auch können. Immer schon konnten. Christiane Ritter wusste ihre kleine Tochter bei den Großeltern gut versorgt und lebte ihren Traum und ließ sich dabei nicht von damaligen Konventionen beirren. „Laß alles liegen und stehen und folge mir in die Arktis“, schrieb ihr Mann und sie tat es. Ich bin von diesem Reisebericht, der letztlich auch Überlebens/Erwachensbericht ist, zutiefst beeindruckt. Gleich nach der Ankunft, ihr Mann ist längere Zeit auf der Jagd, erlebt sie allein in einer winzigen Hütte einen tagelang dauernden Sturm. Dies durchzustehen, war Vorbereitung auf die „Polarnacht“ (vier Monate lang ist die Sonne nicht zu sehen) und gab ihr die Kraft den Winter mit all den Entbehrungen zu überstehen. Und nicht nur das: aus jedem ihrer Sätze klingt die große Faszination, die eine solche Landschaft im Menschen auslösen kann, an. Die Weite, das Licht, das Dunkel, die Nähe zur alles überwältigenden Natur, das auf sich selbst zurückgeworfen sein klingt durch jede Zeile.

Im Laufe des Winter müssen die Ritters monatelang ohne frisches Fleisch auskommen, weil sie abhängig sind vom Auftauchen von Eisbären, die mit dem Packeis an Land kommen. Robben, Füchse und Enten werden geschossen und bevorratet. Die Daunen gesammelt, die Felle gegerbt. Hier wird einem klar, was Jagd eigentlich einmal bedeutete. Ritter beschreibt, wie wichtig die winzigen Hütten sind, die verteilt über die Fjorde stehen, um unterwegs Schutz vor Wetter und Kälte zu finden. Sie erläutert, wie es sich anfühlt bei minus 35 Grad mit Skiern über das zugefrorene Meer zu fahren, wie es ist keine Geräusche mehr zu hören oder lauthals tobende Stürme. Sie macht die Erfahrung mondsüchtig zu werden oder geisterhafte Naturphänomene zu erleben, die an Hellsichtigkeit grenzen. Heutzutage würde man sagen, sie findet im Einklang mit der (damals noch intakten) Natur zu sich selbst. Doch was sie schreibt ist so klug und wichtig, dass ihr Reisebericht Jahrzehnte überdauerte. Für mich ist dieses Buch in jeder Hinsicht besonders: es ist feministisch, es ist spirituell und es ist sprachlich beeindruckend. Eine echte Perle. Polarlichtleuchten!

Christiane Ritter lebte nach ihrer Reise wieder in Mitteleuropa, seit 1985 in Wien. Sie wurde 103 Jahre alt. Ihr Buch ist mit eigenen Illustrationen bereichert. Es erschien 1938 zum ersten Mal und erlebte bis heute unzählige Neuauflagen und Übersetzungen. Meine Taschenbuchausgabe erschien im Ullstein Verlag. Hier finden sich interessante Infos zu den Buchausgaben.

Gertraud Klemm: Hippocampus Kremayr & Scheriau Verlag

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Wirklich schön aufgemacht ist dieses Buch aus dem österreichischen Verlag Kremayr & Scheriau. Auf dem Umschlagcover  des neuen Romans von Gertraud Klemm leuchtet einem Gelb auf Meerblau ein Seepferdchen entgegen. Das Seepferdchen, griechisch Hippocampus, spielt auch in der Geschichte, die im gewohnten Klemm`schen Ton erzählt wird, eine nicht unwichtige Rolle. Der Buchschnitt ist desweiteren mit gelben Wellen bedruckt, der tatsächliche Bucheinband ist ebenfalls mit Seepferdchen verziert. Alles sehr kunstvoll aufeinander abgestimmt.

Es geht im Buch um Bücher, Kritiker und den Literaturbetrieb. Und um Feminismus. Genaugenommen um ein Buch, dass für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Genaugenommen um eine Autorin, die zu wenig Aufmerksamkeit für ihr Werk bekommen hat, eine die noch recht jung einen feministischen Bestsellerroman schrieb. Es geht um eine um die 60-jährige Frau, die Freundin dieser Autorin, die sich nach dem plötzlichen Tod, der etwa gleichaltrigen um deren Nachlass kümmern soll. Elvira jedoch tut sich damit schwer. Sie erinnert sich an die Jahre in der gemeinsamen Frauen-WG, an die wilden feministischen Aktionen, die es damals noch gab. Helene, die Autorin mit Buchpreisnominierung, versank nach dem ersten Erfolg in Vergessenheit. Sie heiratete, bekam Kinder und begann erst nach der Scheidung wieder mit dem Schreiben. Nun scheint endlich der Erfolg greifbar. Doch dann stirbt Helene allein in ihrem Haus auf dem Land. Für die Nominierung zum Buchpreis scheint das sogar ein Glücksfall: Gut fürs Marketing, makaber, aber es ist so.

„Mit „Rauhreif“ kam der große Erfolg nämlich zu früh. Helenes Erfolg war außerdem zu groß für eine dreiundzwanzigjährige Frau. Vor allem 1977. Heute ist das etwas anderes. Heute ist der Literaturbetrieb ein Kindergarten für Schwererziehbare: Jeder darf alles.“

Elvira, eine unabhängige eigensinnige Frau, ehemals 68erin, will das so nicht hinnehmen. Sie beschließt, mit diversen hanebüchenen Kunstaktionen im öffentlichen Raum Gerechtigkeit für Helene einzufordern und setzt dabei gezielt den Focus auf die Benachteiligung von Frauen in der Literatur. Sie will abrechnen mit Kulturausschüssen, Literaturkritikern und Liebhabern, die Helene das Leben schwer machten. Sie engagiert einen jungen Mann als Assistenten und reist mit ihm im alten VW-Bus durch Österreich. An bestimmten Schauplätzen aus Helenes Leben inszeniert sie ihre Kunstaktion (die sie immer mit dem Seepferdchen kennzeichnet) mithilfe von Adrian, der auch alles dokumentiert und hinterher recherchiert, wie die Aktion öffentlich wahrgenommen wurde. So zieht sie ihre feministische Aktionsspur quer durch Österreich und hält sich dabei nicht immer an die Gesetze. Dass Adrian es mit ihr nur wegen der Bezahlung aushält, scheint klar …

„Seine Mutter mal ausgenommen, sind alte Frauen eine Art Hintergrundgeräusch.“

Teils amüsant zu lesen, wenn Klemm mit ihrer typischen scharfsinnigen, spitzzüngigen Sprache brilliert, gerade auch, wenn sie den heutigen Zeitgeist unter die Lupe nimmt,

„… so ist das neoliberale Zeitalter. Wer kein Streber ist, fliegt gleich ganz raus. Es gibt keine Ränder mehr, an denen es sich ein wenig verweilen lässt, es gibt nur mehr gleich den Abgrund.“

teils aber auch ein wenig zu gewollt, vor allem am Schluss, wo meiner Meinung nach die Handlung irgendwie unglaubwürdig aus dem Ruder läuft.

Besonders nett auch von Gertraud Klemm, dass sie beim Erzählen über Literaturkritik auch einen Absatz über Literatur- und Buchblogger parat hält (siehe Textauszug Foto oben).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere Besprechungen hier auf dem Blog zu Büchern von Gertraud Klemm:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/04/23/gertraud-klemm-muttergehaeuse-kremayr-scheriau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/01/09/gertraud-klemm-erbsenzaehlen-literaturverlag-droschl/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Das Debüt 2019 – Bloggerpreis für Literatur: Meine Favoritinnen

In diesem Jahr war das Jury-Lesen für den Bloggerpreis von Das Debüt für mich ein Vergnügen. Dennoch war es schwer die Punkte zu verteilen. Beim ersten und zweiten Platz gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Eigentlich wünsche ich mir zwei erste Plätze. Aber es musste ja eine Entscheidung fallen. So sieht sie aus:

 

5 Punkte für Ana Marwans „Der Kreis des Weberknechts“:

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Der für mich schönste Debütroman dieses Jahres kommt von der 1980 in Slowenien geborenen, in Wien lebenden Ana Marwan und begeisterte mich sofort im Sprachstil, mit seiner skurrilen Hauptfigur und in seiner Intensität. Im Laufe der Handlung entwickelt sich eine wunderbare eigene Erzählart, die mit schrägem Humor auffällt, mit Sprache exzellent spielt und zudem noch ausgesprochen klug und so ganz anders als üblich mit Beziehungsklischees umgeht.

Es geht um Karl Lipitsch. Und zwar ganz und gar. Lipitsch ist nämlich ein Egoist, ja womöglich ein Narzisst, auf jeden Fall jedoch ein Misanthrop, wie er selbst stolz behauptet. Lipitsch schreibt an einem Buch. Einem philosophischen. Worum es geht, weiß man nicht so genau. Er möchte dabei jedoch möglichst wenig gestört werden. Vor allem nicht von einer Frau. Denn Frauen findet er anstrengend, Beziehungen wenig gewinnbringend. Lipitschs Frauenbild lässt allerhand zu Wünschen übrig. Also ein durch und durch unsympathischer Zeitgenosse.

Doch seine Nachbarin Mathilde, die er zufällig am Flughafen, bei der Rückkehr von einem Familienfest trifft, ist sehr freundlich zu ihm, wie er findet, bis zur Aufdringlichkeit. Auf keinen Fall will er mit ihr mehr zu tun haben. Doch Mathilde will Kontakt knüpfen, am Gartenzaun spricht sie ihn an, wo er doch gerade vertieft ist ins Schreiben. Mathilde lässt nicht locker und Lipitsch gesteht ihr sogar außer einem hübschen Aussehen ein wenig Klugheit zu, kennt sie doch immerhin Proust, weiß sogar Zitate daraus.

„Proust ist nicht jedermanns Sache“, öffnete Lipitsch gleich ein Ventil. Er betätigte regelmäßig die Ventile seiner Wut, die sich im Bereich der Zweideutigkeit befanden, damit alles unverrostet und gut gelüftet und gesund blieb, und offene Konflikte vermieden werden konnten.“

Es ist höchst spannend und amüsant als Leserin mitzuverfolgen, wie Lipitschs Innenwelt von seinem äußeren Verhalten Mathilde gegenüber abweicht. Denn innen entsteht langsam aber stetig eine Abhängigkeit von ihr. Er wartet auf Zeichen, auf Gesten, auf Einladungen zu ihren Salon-Abenden, um sich möglichst vorteilhaft zu zeigen, denkt ständig was er noch tun kann, um gut anzukommen. (Ein herrliches Beispiel dafür: Er überlegt sich ein kleines Mitbringsel für sie. Es darf nicht zuviel, nicht zu wenig sein. Er hat noch ein Glas Honig stehen, entfernt das Etikett und ersetzt es durch ein handgeschriebenes und gibt es als frischen Imkerhonig von einem Bekannten aus.) Doch nie gesteht er sich gänzlich zu, dass womöglich Zuneigung entstanden ist, dass er sich vielleicht gar verliebt hat. Mathilde gegenüber schon gar nicht. Ihr Angebot sich endlich zu duzen, lehnt er rundweg ab. Zuviel Nähe erträgt er nicht.
Dennoch vereinbaren sie für jeden Freitagnachmittag Kaffeetreffen.

„Die ersten Male wartete er mit großem Unbehagen, bestehend bald aus Angst, dass sie nicht kommen würde, bald aus vorzeitiger Wut, weil sie vielleicht nicht gekommen sein wird, oder aber auch aus mühsam vorgetäuschter Indifferenz, ob sie kommen würde oder nicht. Ihre Pünktlichkeit wiegte ihn jedoch bald in ein Gefühl von Sicherheit, denn sie wusste ihr Spinnennetz als Hängematte anzubieten.“

Eines freitags – es sind Monate mit regelmässigen Treffen vergangen, Lipitsch fühlt sich mittlerweile sicher und angenehm mit Mathilde, mehr braucht und will er nicht – erzählt Mathilde, dass sie für 2 Wochen in Urlaub fährt. Mit wem? Mit Arbeitskollegen (er weiß noch immer nicht, wo und was sie arbeitet!). Lipitsch fällt aus allen Wolken. Wie kann sie nur? Und so kurzfristig? Wie soll er das durchstehen?

Für Mathilde, die Kluge, ist der Urlaub schließlich ausschlaggebend um einen Schlußstrich zu ziehen. Klar erkennt sie, dass mit „Karl“ nichts weiter anzufangen ist und beendet ihre Treffen nach ihrer Rückkehr.

Lipitsch nun, geht durch alle Phasen einer echten Trennung. Sieht bei sich keinerlei Schuld am Scheitern. Wütet innerlich. Droht. Schreibt Briefe. Versucht erneut Kontakt zu knüpfen. Sieht letztlich ein, dass er es verpatzt hat. Dass aus alldem für ihn eine Erkenntnis reift, die er schriftlich darlegt. Dass er, der nie an so etwas wie Schicksal glaubt, plötzlich den Zufall als weltbewegend sieht und als ausschlaggebend für die Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, den ewigen Kreislauf des Lebens, ist erstaunlich (so klärt sich auch der ungewöhnliche Titel des Romans am Schluß). Aber wer weiß, vielleicht hat Lipitsch sich auch hier wieder in eine Theorie verrannt, die ihn vom echten Leben fern hält? Überlegt die Leserin …

Ana Marwan deckt die im Geheimen wirkenden Muster von Männern und Frauen auf. Sie hat eine brilliante Charakterstudie eines durch und durch unsympathischen Mannes geschrieben. Doch sie entlarvt ihn, durchleuchtet ihn und lässt ihn in einer großen freundlichen Geste an einer Frau, an einer Beziehung wachsen. Ich bin froh, das mir dieses Buch vom Otto Müller Verlag nahe gelegt wurde. Es ist eine erfrischende und amüsante, kluge und sprachlich hervorragende Entdeckung! Ein Leuchten!

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3 Punkte für Nadine Schneiders „Drei Kilometer“:

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Nadine Schneiders Debüt ist ein stilles, stimmungsreiches Buch. Ich mag das sehr. Keine lauten Protagonisten, keine vom Plot getriebene Story. Nur eine stetig fein fließende Sprache, viel Lesen zwischen den Zeilen.

Wir gehen mehrere Jahre in der Zeit zurück. Es ist die Zeit kurz vor der politischen Wende in Osteuropa, der Sommer 1989. Drei junge Leute, Anna, Hans und Misch, leben auf dem Dorf in der rumänischen Provinz im deutschsprachigen Banat nahe der Grenze zu Jugoslawien. Eben genau nur drei Kilometer entfernt. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Flucht in eine bessere Zukunft und den Gedanken zu bleiben, nicht alle Menschen, die man liebt, die eigene Familie zurückzulassen. Immer wieder begeben sich die drei in die Nähe der Grenze. Es ist Hochsommer, noch steht der Mais überreif mannshoch und sichtschützend auf dem Feld. Es wäre die Gelegenheit …

„Hans hätte auf die Universität gehen können. Bevor sein Bruder abgehauen war. Mit seinem Bruder gingen auch Hans`Wünsche, zumindest seine wirklichen. Nicht die, die sich in die Lücken der alten Wunden zwängten, sodass jeder sehen konnte, dass sie dort nicht hingehörten.“

Die Welt der jungen Leute ist begrenzt. Sie arbeiten in einer Fabrik in der nächsten Stadt am Fließband. Der Verdacht auf Spitzel unter den Kollegen ist immer da, Ceaușescus Macht schwindet, verbreitet aber immer noch bis in die hintersten Zipfel des Landes Angst. Die meisten Familien hier leben an der Armutsgrenze.

Viele wichtige Lebensmittel fehlen auch in der Stadt. Highlights sind die Kirchweihfeste in den umgebenden Dörfern oder die Fahrradausflüge zum Fluß Temes. Die Winter hingegen sind lang und schwer erträglich. Anna, aus deren Sicht auch erzählt wird, kann sich nicht zwischen den beiden jungen Männern entscheiden, will beide nicht als Freunde verlieren.

Schneider flicht in die Dorfroutine immer wieder geschickt kleine Erschütterungen ein, wie ein Erdbeben, den Tod der Großmutter, den Ausreiseplan des Vaters, mit dem niemand gerechnet hat und verbindet die Gegenwart in kleinen Episoden aus Annas Kindheit mit der Vergangenheit. Schneiders Sprache ist so stark, bildreich und sinnlich, dass ich den Roman lese, wie ich einen Kinofilm sehe. Er ist extrem gut konstruiert und lässt Lücken, die sich als Fragen in mir als Leserin festsetzen und dadurch den Roman bereichern. Ein Leuchten!

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1 Punkt für Katharina Mevissens „Ich kann dich hören“

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Beim Debütroman „Ich kann dich hören“ von der 1991 geborenen Katharina Mevissen habe ich mich erst beim zweiten Versuch in die Geschichte einlesen können. Aber dann gefiel mir doch diese Sprache, die sich immer dann ins Poetische verändert, wenn der Held Osman sich mit seiner Musik beschäftigt, er studiert Cello, oder wenn er seinen inneren Gedanken nachgeht. Die tatsächliche alltägliche Sprache seiner Kommunikation unterscheidet sich deutlich. Es ist die Sprache eines 24-jährigen, der in einer WG in Hamburg lebt, der Fußball spielt und mit seinen Freunden einen trinken geht. Immer dann fühlte ich mich aus der an sich guten Geschichte geworfen.

Osman, spielt Cello und wird von seinem Cello gespielt. Er kann nicht ohne die Musik, obwohl er es manchmal gerne möchte. Immer mit dem Vater Suat im Rücken, der erfolgreicher Violinist ist, aber ihn und seinen Bruder als Kinder bei Konzertreisen der Tante Elide überlassen hatte. Die Mutter hatte die Familie schon früh verlassen. Über die Gründe wird nicht gesprochen. Außer der Musik herrscht vor allem Schweigen in dieser Familie.

“ … weg von meinem Vater und seiner Musik, von Musik überhaupt. Aber sie kam mir nach. Ist mir so lange gefolgt, bis ich stehen geblieben bin und mich umgedreht hab. Wir mussten uns in die Augen sehen: Wer kann länger.
Ich gab nach. Wir kamen wieder zusammen.“

Als Suat sich die Hand bricht und nicht mehr spielen kann, die Tante überstürzt beschließt wieder in die Türkei zurück zu gehen, will auch das Cellospiel Osman nicht mehr gelingen. Er macht Fehler, ist abwesend, bleibt Proben und Konzerten fern.

„Gegen die Schwerkraft beginne ich, vom Blatt zu spielen. Der Klang ist holzig und stumpf, und tiefer unten wird er sumpfig.
Ich will diese Musik zersägen, die ich nicht zu greifen bekomme, will sie zerstoßen, die zarten, leisen Passagen im dritten Satz. […] Ich schneide Töne ins Zimmer, grobe Brocken, laut, fest, leblos. Es schmerzt und schürft in den Ohren und an den Fingerkuppen.“

Inwieweit daran auch Luise, Osmans Mitbewohnerin, die er sehr anziehend findet, anteil hat und weshalb die Tonaufnahme mit der Stimme einer jungen Frau eines von ihm gefundenen Diktiergeräts ihn so fasziniert, erfahren wir Leser immer nur bruchstückhaft.

Mevissens Geschichte ist ein Text mit vielen Auslassungen, mit unterschiedlichen Sprachstilen und wechselnder Tonart. Auf nur 150 Seiten bringt die Autorin sehr viel unter, es hätten auch gut und gern mehr Seiten sein dürfen bei dieser Stofffülle. Manchmal fühlt sich das beim Lesen an, als würde die Autorin ausprobieren, was alles geht. Wirklich schön finde ich vor allem die Beschreibungen von Musik, von Klängen, von Stimmungen und Befindlichkeiten. Auch das Thema, das überall im Roman auftaucht, das Hören, finde ich in dieser Geschichte sehr ungewöhnlich aufbereitet. Alles in Allem rundet sich am Schluss das Bild stimmig ab, konsequent mit offenen Fragen.

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ARTK_CT0_9783446262591_0001.jpg Lehner

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Komplett rausgeflogen sind sofort die beiden Romane „Vater unser“ von Angela Lehner und „Wie man Dinge
repariert“ von Martin Peichl
.
Weder sprachlich noch inhaltlich
konnte mich einer der beiden
überzeugen. Das Lesen war eher mühsam und langweilig. Wobei Lehner inhaltlich einen Tick interessanter war, Peichl sprachlich.

 

Meine Jurykolleg*innen werteten wie folgt:

„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2019 – Meine Entscheidung


https://letteraturablog.wordpress.com/2020/01/06/das-debuet-2019-bloggerpreis-fuer-literatur-meine-entscheidung/
Das Debüt 2019 – meine Punktevergabe

Das Debüt 2019

Bloggerpreis Das Debüt 2019

[ Das Debüt 2019 ] Bloggerpreis für Literatur: Meine Entscheidung


https://literaturgefluester.wordpress.com/2020/01/06/debutpreisbegruendung/

Fünf Punkte für… Die zugetextet-Punktvergabe für Das Debüt 2019

Einen Gesamtbeitrag zu allem rund um den Blogger-Debütpreis gibt es hier:

[Das Debüt 2019] And the winner is…

2019: Meine 10 liebsten Romane, meine 5 liebsten Lyrikbände und 1 hervorragendes Buchkunstwerk

Meine liebsten 10 Romane sind diesmal schwer norwegenlastig. Das hat sicher mit dem Buchmessegastland zu tun, aber auch mit meiner schon eine ganze Weile andauernden Bewunderung der norwegischen Literatur. Da ist in diesem Jahr ganz vorne Johan Harstad mit seinem 1000-Seiter, Jan Kjærstad  und Hanne Ørstavik. Und Jon Fosse, meine große Liebe, sowieso. Da ist aber auch Siri Hustvedt (auch mit norwegischen Wurzeln) mit einem autobiografischen Roman und ein wundervolles, sprachspielerisches Debüt von Ana Marwan. Da sind Laura Freundenthaler und Hendrik Otremba mit ungewöhnlichen, einzigartigen Stimmen. Da ist Christiane Neudecker, die mich mit ihrem neuen Roman überrascht und nicht losgelassen hat. Und Radka Denemarkova, die einen wirklich feministischen, sprachlich großartigen Roman geschrieben hat. Alle 10 empfehle ich uneingeschränkt. Sie leuchten!

Der Link zu meiner ausführlichen Besprechung findet sich beim Anklicken des Fotos.

Und nun zu den Lyrikbänden: Sie kommen allesamt aus unabhängigen, höchst engagierten Verlagen, die sich ausgiebig für Lyrik einsetzen. Etwas, das die großen Verlage kaum mehr tun, was ich ziemlich bedauerlich finde.
Meine Lieblinge kommen aus Island aus dem Elif Verlag, aus Georgien aus der Edition Monhardt, aus Norwegen aus der Edition Rugerup. Ein fein gestalteter Band mit Venediggedichten kommt aus dem Verlagshaus Berlin und ein erstaunliches Debüt aus dem Literaturverlag Droschl.

Das hervorragende Buchkunstwerk kommt aus dem Kleinheinrich Verlag. Ein Verlag, der mich immer wieder lockt mit seinen Lyrikbänden und/oder nordischen Autoren.

Das Buch „Kindheitsszenen“ habe ich mir zu Weihnachten geschenkt, nachdem ich bereits die Gedichte von Jon Fosse „Diese unerklärliche Stille“ ebenfalls aus dem Kleinheinrich Verlag in ähnlich schöner Aufmachung mein eigen nenne. Der Band wurde übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel und mit Holzschnitten von Olav Christopher Jenssen bereichert. Ein Traum! Eine ausführliche Besprechung folgt.

Viel Vergnügen mit meinen Besten aus 2019!

Menschheitsdämmerung ~ Symphonie jüngster Dichtung Hrsg. Kurt Pinthus Rowohlt Verlag

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Schon seit meiner Buchhändlerausbildung steht dieses Buch in meinem Regal. Eines von denen, die ich nie aussortieren würde. Nun hat der Rowohlt Verlag zum 100-jährigen Jubiläum diese wunderbare Anthologie expressionistischer Gedichte in einer neuen gebundenen Ausgabe herausgebracht, mit einem Nachwort von Florian Illies. Es lohnt sich, sich spätestens jetzt dieses Buch zuzulegen, denn es enthält Lyrik, die zur Zeit als sie geschrieben wurde, bahnbrechend war.

Die Gedichte im Buch sind nicht nach Autoren oder chronologisch sortiert, sondern nach bestimmten Motiven, die diese Zeit abbilden. So lauten einzelne Kapitel „Sturz und Schrei“, „Erweckung des Herzens“, „Aufruf und Empörung“ und „Liebe den Menschen“. Das Buch hatte großen Erfolg: „Es erlebte in zwei Jahren vier Drucke mit 20 000 Exemplaren“, schreibt Kurt Pinthus in seinem Vorwort der Neuauflage über die erste Ausgabe von 1919. Davon kann ein heutiger Lyrik-Verleger nur träumen.

1959 ergänzte Pinthus dann die Neuauflage mit biografischen Daten der Dichter. Dazu kommt manches gezeichnete Porträt eines Dichters. Man muss auch wissen, dass zu diesem Zeitpunkt, manche der Autoren, in der NS-Zeit geächtet, vertrieben oder getötet, vollkommen verschwunden waren aus dem Literaturkanon.

Etwas ganz neues brach damals in der Zeit des Expressionismus an. In der Lyrik ist diese Epoche verkörpert von Autoren wie Georg Trakl, Gottfried Benn, Elke Lasker-Schüler, u. v. a. Wohl jedem bekannt ist hier natürlich auch das berühmte Gedicht von Jakob van Hoddis „Weltende“:

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Auch der Dichter Georg Heym, der mir kürzlich durch den großartigen Roman „Der Gott der Stadt“ von Christiane Neudecker, wieder ins Bewusstsein gerufen wurde, ist mit seinen Gedichten dabei. Er starb noch jung, als er im Winter 1919 auf dem Wannsee ins Eis einbrach. Darüber hinaus erfährt man einiges in oben genannten aktuellen Roman.

«Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit», so schrieb der Dichter Georg Heym am 15. September 1911 in sein Tagebuch. Seine Verse und die seiner Generationsgenossen sind also auch immer Versuche, endlich wieder frei atmen zu können.“

Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es nur eine einzige Dichterin, nämlich Elke Lasker-Schüler, in diese Sammlung geschafft hat. Sie ist glücklicherweise mit vielen Gedichten vertreten und toppt dabei so manche der enthaltenen männlichen Autoren.

Alles in allem finde ich diese Sammlung sehr gut, um sich einen Überblick über diese prägnante „neue“ Lyrik zu verschaffen. Womöglich kommt einem aus Schullektüren einiges bekannt vor; so ging es mir jedenfalls. Die Themen sind zeitlos, vieles berührt heute noch genauso wie damals. Und vieles, was damals an Schrecken und Grauen benannt wurde, ist auch heute noch nicht Vergangenheit.

„Genau in dieser Versöhnung der vermeintlichen Gegensätze durch die Kraft der Sprache, in diesem Aufbrechen der Hierarchien liegt der Befreiungsakt der Lyrik des Expressionismus – und deshalb wirkt er nach jedem seiner Untergänge so unzerstörbar weiter.“

Das Buch erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und weitere Infos über den Jubiläumsband gibt es hier.

24.12. Literarische Adventtürchen

Es weihnachtet!
Literatur leuchtet wünscht eine himmlische Zeit mit bester Lektüre! Frohes Fest!
Und das letzte Literarische Adventtürchen birgt ein ganz eigenes Leuchten und ich wünsche mir, dass es ankommt, wo es erkannt wird.

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Gewachsen

Sonderbar klein sein, morgens,
und am Abend wieder groß
gewachsen in Ringen, an Bäume
gelehnt, baumrindenumfangen
und die Lider sanft geschlossen.

Begleitet vom Pochen im Kopf
ein Wachstumsschub und
das Klopfen eines Spechts.
Vom Verlieren verloren, die Federn

zersaust, aus meinen Haaren hat
einer Vogelnester gebaut. Die alte
Eiche nimmt einen Bienenschwarm auf.
Eine Zeder ragt, unentschieden

zwischen Nadel und Laub, ihre
lederne Rinde streift meine Haut.
Ich höre wie ihr hölzernes Herz klopft.
Ein Stamm wie gedrechselt und

das Grünzeug der Zweige himmelan.
Schon die zartesten sind geübt
im Bergen der Vögel, die Blätter
behutsam wie eine gewölbte Hand.

Ohne zu sehen wachse ich mit,
eine Blindgängerin des Lichts
ziellos im Dienst alter Wälder,
meine Haut, eine Borke aus geronnener Zeit.


©Marina Büttner Text & Tusche 2019
aus dem Manuskript eines womöglich erscheinenden Lyrikbands …

 

23.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern aus 2019, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser*innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt: Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

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aus „Kindheitsszenen“ von Jon Fosse

noch keine Besprechung aber bald:
Das Buch erschien im Kleinheinrich Verlag, der sich feinster Buchkunst verschrieben hat: http://www.kleinheinrich.de/buchkunst/buecher_autoren/fosse.html

22.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern aus 2019, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser*innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt: Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

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aus „Die Zeit, die es dauert“ von Hanne Ørstavik

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/22/hanne-orstavik-die-zeit-die-es-dauert-karl-rauch-verlag/

 

 

 

 

Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa Suhrkamp Verlag

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Was für eine Sprache! Welch ein eigensinniger Stil!
Bereits „Die Baugrube“ hat mich von der ersten Seite an begeistert und nun ist es mit dem Roman „Die glückliche Moskwa“ ebenso. Platonow hat eine faszinierende Art vermeintlich schlicht und dennoch anspruchsvoll zu schreiben. Der vorliegende Roman zählt nur 140 Seiten. Es ist der letzte Roman Platonows. Im Anhang kann man einiges über die Entstehung erfahren und sogar vier verschiedene Anfänge lesen, die aufgrund der Notizbücher des Autors von 1932 bis 1936 überliefert sind. Herausgeberin der Moskauer Ausgabe Natalja Kornienko schreibt dazu:

„Die vorliegende Ausgabe wurde auf Grundlage des Manuskripts erstellt, das sich in Platonows persönlichem Archiv befand. Der Text wurde mit Bleistift auf graues Papier geschrieben – teils auf beidseitig beschriebene Blätter, die aus Schulheften und Kontobüchern herausgerissen waren, teils auf die Rückseite von Manuskripten seiner frühen Gedichte.“

Einprägsame Figuren wandeln durch die Geschichte, die in Moskau Mitte der 30er Jahre spielt. Allen voran die stolze Moskwa Tschestnova, die freiheitsliebende junge Frau, die sich nicht binden will, die an den „neuen Menschen“ und an die Kraft des Kommunismus glaubt. Sie wächst als Heimkind auf und trifft später auf Boshko, einen Geometer und Stadtplaner, der sie schließlich in der Schule der Luftfahrt zur Ausbildung unterbringt.

„Was lieben Sie denn am meisten?“, fragte er.
„Ich liebe den Wind in der Luft und noch so dies und das“, sagte die erschöpfte Moskwa.
„Also die Schule für Luftfahrt, etwas anderes kommt für Sie nicht in Frage“, stellte Moskwas Begleiter fest. „Ich werde mich bemühen.“

Doch da fliegt sie, nachdem sie als Fallschirmspringerin zu leichtsinnig unterwegs war, raus. Sie wird danach Angestellte in einer Behörde, arbeitet später auf der riesigen Baustelle der neuen Metro in Moskau. Da ist der Ingenieur Sartorius, der sich unsterblich in Moskwa verliebt und als die Liebe nicht auf Dauer erwidert wird, sich wieder an die Arbeit der Konstruktion neuer Waagen und der Entdeckung der menschlichen Seele macht. Da ist der Arzt und Pathologe Sambikin, der die Seele des Menschen beim Sezieren Verstorbener sucht und dabei glaubt, ein Fluidum der Lebenskraft entdeckt zu haben. Da gibt es den „Außermilitärischen“ Komjagin, der in „oblomow`scher“ Weise lebt und für den Sozialismus nicht tauglich ist. Alle, alle sind sie von Moskwa betört.

„Lange Stunden ging und fuhr sie durch die Stadt, niemand berührte sie, niemand fragte sie etwas. Das allgemeine Leben raste als derart kleinlicher Müll an Moskwa vorbei, das sie den Eindruck hatte, die Menschen seien durch nichts vereint, und Befremden stehe zwischen ihnen im Raum.“

Als Moskwa bei einem Unfall auf der Baustelle ihr rechtes Bein verletzt, landet sie durch Zufall auf dem Operationstisch von Sambikin, der ihr das Bein amputieren muss. Erneut entflammt er in Liebe und fährt mit ihr zur Genesungskur. Doch auch diesmal reicht es nicht. Moskwa verlässt ihn und heiratet ausgerechnet den kränkelnden Komjagin. Ihre Beweggründe erfährt man nicht. Es liegt eine gewisse Beliebigkeit in ihren Entscheidungen.

Der Rest des Romans erzählt von Sartorius, der aus Gram seine Identität vom studierten Ingenieur zum einfachen Arbeiter mit neuem Namen wechselt und dann eine lieblose Ehe mit starrer Routine eingeht. Eindeutig zeigt sich hier die Unfertigkeit der Geschichte und auch die Brüche zwischen den drei einzelnen Teilen. Lag am Anfang der Schwerpunkt auf der Lichtgestalt Moskwa, nach der Hauptstadt Moskau benannt, entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zu den liebes- und lebensleidenden Männern hin, was mich etwas enttäuscht hat. Alle Männerfiguren sind im Vergleich zur Heldin eher schwach und melancholisch bis weinerlich dargestellt. Dennoch spannend zu sehen, auch anhand der beigegebenen Entstehungsgeschichte, welche inhaltliche Entwicklung der 1899 in Woronesh geborene Schriftsteller Platonow in seinem Schreiben machte. Sprachlich ohne Abstriche empfehlenswert!

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Das Cover ist, wie schon bei „Die Baugrube“ schön gestaltet mit einem stofflichen Einband und haptischer Titelprägung unter Verwendung des Gemäldes „Die Bauarbeiter“ von Alexandr Alexandrovich Dejneka. Die Übersetzung liegt der ersten deutschen Übersetzung von Renate Landa und Lola Debüser zugrunde, wurde aber überarbeitet von Jekatharina Lebedewa. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

21.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern aus 2019, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leser*innenbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt: Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

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aus „Bergeners“ von Tomas Espedal

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/05/12/tomas-espedal-bergeners-matthes-seitz-verlag/