Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa Rowohlt Verlag

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Nach „Felix und Felka“ über das Künstlerpaar Nussbaum/Platek folgt nun ein Roman, der ein Haus in den Mittelpunkt stellt. In „Die Villa“ zeigt sich auch wieder die große Meisterschaft, die Hans Joachim Schädlich beherrscht: Die Kunst der Verknappung. Schmale Bände sind es mit kurzen Kapiteln. Doch immer wiegen sie mindestens doppelt so schwer. Denn das was der Autor nicht mitteilt, liest sich aus den Zusammenhängen dennoch heraus und verbindet sich zu einer komplexen Geschichte. Mehr und mehr erinnert mich diese Schreibart auch an Eric Vuilards (z.B. „Tagesordnung“) Herangehensweise.

Schädlich erzählt aus der Lebensgeschichte einer Familie im Vogtland, die durch strebsames Arbeiten und Wirtschaften zu Vermögen gekommen ist. Seine Geschichte umfasst den Zeitraum anfangs der 30er Jahre bis zu den Anfängen der DDR. Die Gründerzeitvilla mit großem Landschaftsgarten, die 1890 erbaut wurde wird in einem Prolog vorgestellt und auch das Schlußkapitel ist ihr wieder gewidmet. Zwischendrin begleiten wir die Mitglieder der Familie Kramer, die das Haus 1940 beziehen. Bereits das erste Kapitel, in dem Elisabeth Kramer „sich vorstellt“, legt den Grundstein für ein falsches Leben im Richtigen.

„Ich wollte keine Kinder“, sagte Elisabeth Kramer. „Ich wollte nicht heiraten“. Ich wollte nach der Volksschule in Oberheinsdorf was Soziales lernen und wollte in die Welt. Aber mein Vater hat nur die Jungs was lernen lassen, die gar keine Lust dazu hatten.“

Doch 1931 mit 18 Jahren „muss“ sie den Hans heiraten, kurz darauf kommt das erste Kind. Hans kommt aus einer Drogistenfamilie und steigt beim Schwiegervater in den Wollgroßhandel ein. Gleichzeitig wird er als NSDAP-Mitglied Ortsgruppenleiter der kleinen Stadt und die Familie wächst. Die Kinder, 3 Jungs und ein Mädchen, leben direkt in die von den Nazis geschaffenen Strukturen hinein, werden Pimpfe, später schickt man sie in die NAPOLA. Das Ehepaar verfolgt scheinbar nur am Rand mit, wie sich die Situation in Deutschland verändert, wie das angrenzende sudetendeutsche Gebiet übernommen wird, wie der Krieg erklärt wird, wie der einzige Jude im Ort, der Doktor, aus dem Alltagsleben verschwindet, wie einer von Elisabeths Brüdern, der psychisch krank ist, in einer Heil-und Pflegeanstalt plötzlich verstirbt. Der Garten der Villa wird neuerdings von einem französischen Zwangsarbeiter in Schuss gehalten. Die Familie lebt im Wohlstand, es gibt Auto und Dienstmädchen, scheint von der Verfolgung der Juden nichts mitzubekommen, hat auch in der Zeit während des Kriegs zunächst keinerlei Mangel. Der aufgrund einer Herzschwäche vom Wehrdienst befreite Hans fährt sogar mehrmals zur Kur quer durch Deutschland. Nur bruchstückhaft dringen die schrecklichen Geschehnisse auch in die Familie ein.

Nach Hans Tod durch Herzversagen 1943 zeigt sich Elisabeths soziale Stärke. Sie schafft es, als deutlich wird, dass der Krieg bald verloren sein wird, das Haus, ihre Eltern und die Kinder durchzubringen und später beim Einmarsch der Amerikaner sogar Unterstützung zu bekommen. Dennoch entscheidet sich sie nach deren Abzug die Heimat nicht aufzugeben, obwohl nun das Gebiet nach der Aufteilung der Alliierten an die Russen fällt …

Alles liest sich vollkommen natürlich, würde man diese Geschichte nicht mit dem heutigen Wissen lesen. Schädlich konstruiert das sehr geschickt. Er lässt den Krieg und die Gräueltaten der Nazis nur in ganz geringen Dosen in die im Kleinen heile Familienwelt einfließen, setzt bewusste Akzente. Erklärt nicht viel, lässt die Leser in der eigenen Vorstellung dieses Familienlebens treiben. Einzig der liebenswerte kleine Sohn Paul kommt einem hier als Persönlichkeit näher und steht vielleicht auch stellvertretend für die erschreckende Naivität der Bewohner dieser „normalen“ Familie im ländlichen Vogtland. Große Empfehlung!

„Die Villa“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson Suhrkamp Verlag

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Ich erinnere mich noch gut an Valerie Fritschs Roman „Winters Garten“. Es war eines der ersten Bücher, das ich 2015 auf meinem Blog besprach. Und es ist für mich eines, was bis heute noch vollkommen lebendig in mir ist, sicher aufgrund der starken Bilder, die es erzeugte. Gebannt hatte ich sie beim Bachmannpreis 2015 lesen hören, zwei Preise hat sie damals erhalten. Sie hat sich Zeit gelassen mit einem neuen Roman, doch das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin hat noch die gleiche Intensität der Sprache wie vor Jahren. Ich verneige mich vor solch einem sicheren Sprachgefühl, vor solch einer intensiven Stimme.

„Wann immer Alma als Kind an den Krieg dachte, stellte sie ihn sich als eine magische Maschine vor, in die auf der einen Seite die Menschen hineingingen und auf der anderen Seite verwandelt, fremd und falsch wieder herauskamen.“

Valerie Fritsch erzählt von Alma, die in einer von großer Traurigkeit und Sprachlosigkeit geprägten Familie aufwächst. Die Mutter depressiv und schlafwandelnd, der Vater, dem nicht viel entgegensetzend. Alma lebt als Kind in ihrer eigenen Welt und wundert sich über die Erwachsenen. Auch die Großeltern sind zurückhaltend, was Liebe und Wärme angeht. Der kriegsgeschädigte (schuldige?) Großvater verstummt, die Großmutter mit Begabung zum Geschichtenerzählen, dem Alkohol gewogen. Es ist die Generation Kriegskinder und -enkel, von denen Fritsch erzählt. Vom Weitergeben der Kriegstraumata bis in spätere Generationen hinein und von beschädigten Kindern, die daran zu tragen haben/hatten.

„Sie sah, wie sie die Kinder zu vorsichtigen, stillen Wesen heranzog, die nicht stören sollten in dieser Welt, kleinen Menschen, die mit großer Ernsthaftigkeit vermieden, eine Last zu sein, aber versuchten jene diffuse Traurigkeit auszugleichen, die stets in der Luft lag.“

Als Alma später Friedrich kennenlernt, haben beide schon eine Ehe hinter sich. Doch hier scheint sich nun etwas Beständiges leben zu lassen. Das Kind Emil, das dieser Liebesbeziehung entspringt, bringt für Alma zunächst eine tiefe postnatale Depression. Es dauert lange, bis sie ihren Sohn akzeptieren kann. Und dann stellt sich heraus, dass Emil eine sehr besondere „Krankheit“ hat: Er kann keine Schmerzen empfinden. Für die Eltern ist das eine besondere Herausforderung. Wie Alma damit umgeht, ist brillant erzählt.

„Emils Körper funktionierte anders als jener der übrigen, denn er verstieß gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist. Emil empfand keinen Schmerz.“

Wer Valerie Fritschs Profil in den sozialen Medien verfolgt, wird bemerken, dass die Polaroid-Fotos, die sie von Zeit zu Zeit postet, offenbar auch von Recherchereisen stammen, denn einige Bilder lassen sich im letzten Teil des Buches wieder erkennen. Diesem Teil des Buches ist eine Reise gewidmet, die Alma nach dem Tod der Großeltern mit Friedrich und Emil von Österreich nach Osten treibt, durch verschiedene osteuropäische Länder bis in die kasachische Steppe. Monatelang sind sie im Auto unterwegs auf den Spuren von verlassenen Gebäuden, die Friedrich, der Fotograf ist, für ein Magazin ablichten soll. Aber auch auf der Suche nach Spuren, die zur Vergangenheit von Almas Großvater führen, der dort in Gefangenschaft war. Der Großvater, der nur mit den neuen Herzklappen der Firma Johnson und Johnson überhaupt so lange leben konnte …

Valerie Fritschs Sprache sucht ihresgleichen. Die vielen bewundernswert gelungenen Metaphern, die für ihre Romane stellvertretend sind, weisen eine flirrende Vielfalt und eine unverkennbare Melodie auf. Es ist, als ob man durch eine andere Zeit liefe, in der die Worte noch ein größeres Gewicht hatten. Es ist eine scheinbar sehr sanfte und doch gewaltige Kraft der Sprache, die mich mitunter in ihrer Erzählweise an Märchen erinnerte. Es ist ein Herzensbuch. Große Leseempfehlung! Helles Leuchten!

Der Roman der 1989 geborenen Österreicherin erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Bov Bjerg: Serpentinen Claassen Verlag

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Selten ist es mir so schwer gefallen eine Besprechung über ein Buch zu schreiben wie hier mit „Serpentinen“, obwohl ich es sehr mag. Vielleicht fange ich mit der Frage an, die sehr häufig im Text selbst gestellt wird: „Um was geht es?“ Immer wenn ich beim Lesen dachte, ich verstehe nicht, weshalb dauernd diese Frage gestellt wird, kam sie immer so lange nicht mehr, bis ich sie vergessen hatte. Dann plötzlich war sie wieder da. Um was geht es in diesem Roman?

Im weitesten Sinne wahrscheinlich um das, was wir aus unserer Herkunftsfamilie, aus unserer Kindheit ins Erwachsenenleben mit hineinschleppen, was wir erben oder erfahren, was uns nicht gut tut oder traumatisiert. Und darum, dass das die Generation der Kriegskinder/enkel noch immer Unaufgearbeitetes mit herum trägt. Ich bin wenig jünger als Bov Bjerg, der 1965 geboren wurde, und erkenne vieles was er schreibt wieder. Sein Held hat ein schweres Familienschicksal zu tragen, dass sich über Jahrzehnte hinweg fortschrieb.

Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Pioniere zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Ich war noch am Leben. Der Junge war noch am Leben.
So weit waren wir gekommen.“

Ein namenlsoer Vater ist in den Ferien mit seinem namenlosen Sohn unterwegs in der alten Heimat. Was genau das Ziel dieser Reise ist, erahnt man im Laufe des Lesens. Sehr schnell wird klar, dass es keine Vergnügungsfahrt wird. Vater und Sohn haben ein unsicheres Bindungsverhältnis. Dem Vater fällt es schwer, mit dem Sohn umzugehen. Auf dieser Reise, die auch eine in die Vergangenheit ist, kann das Verhältnis jeden Moment kippen, das drohende Unglück ist jeden Moment spürbar. Wenn der Vater während der Autofahrt seinen Sohn bittet ihm ein neues Bier zu reichen oder der Vater in der Pension mit dem Kopfkissen in Händen neben dem schlafenden Jungen sitzt, wird mir ganz anders. Wenn der Vater jedoch seinerseits als Sohn vom eigenen Trinker-Vater (oder der Mutter?) verprügelt wird und in einer engen katholischen konservativen Kleinstadtwelt aufwächst, verändert sich der Blickwinkel.

„Ich wurde losgeschickt von der Mutter, ich traute mich nicht, der Bruder kam mit.
Losgeschickt, den Vater aus der Wirtschaft zu holen: Die Bücher, in denen davon die Rede war, füllten eine Bibliothek. Die Bibliothek der Säuferväterbücher. Die Bibliothek der Hohen Losgeschickt-den-Vater-aus-der-Wirtschaft-zu-holen-Literatur.“

Es scheint aber auch Hoffnung in einer solchen Kindheit und Jugend zu geben. Die Entdeckung von etwas grundlegend Neuem:

„Kunst war für Bonzen und Schwuchteln. Lange hatte ich in das Gelächter der Alten eingestimmt. Ich war ein verständiger Junge. […] Jetzt ahnte ich, dass das falsch war.
Und ich ahnte, dass der Gott der Erwachsenen erfunden war und ihr Beten gelogen.
Kunst bedeutete: Es gab noch etwas anderes.
Kunst war das, von dem die Herkunft keine Ahnung hatte.

Und diesen letzten Satz aus dem Zitat kann ich unterstreichen.

Bereits seine Lesung beim Bachmannpreis-Wettlesen 2018, die Auszug aus diesem Roman war, gefiel mir sehr. Obwohl es eine dunkle Geschichte ist, trifft Bjerg einen Ton, der nicht nur düster ist in einer Sprache, die sehr gelungen ist. Seltsam fand ich jedoch, dass das Buch bei mir nicht lange nachgewirkt hat. Bereits wenige Tage nach der Lektüre, hatte ich es schon vergessen. Ein ungewöhnliches Phänomen, was ich bei so intensivem Inhalt nicht kenne. Womöglich hat es mit meiner eigenen Biographie zu tun …

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Gute Literatur und Ruth liest

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Jon Fosse: Kindheitsszenen Kleinheinrich Verlag

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Nachdem ich mich schon über den Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“ von Jon Fosse aus dem Kleinheinrich Verlag so gefreut hatte (und noch freue), wollte ich auch den ganz ähnlich schön aufgemachten Band mit Prosaminiaturen besitzen. Denn diese Bände sind große Buchkunstwerke, ein Genuß für Bibliophile. Jon Fosse hat es mir sowieso angetan. Ich lese alles von ihm und bin auch mit den Kindheitsszenen vollkommen glücklich. Es sind mal kurze, halbseitige, mal mehrere Seiten zählende Geschichten, die oft recht unspektakulär scheinen, aber durch Fosses unverkennbare Sprache ins Leuchten kommen.

Die Texte sind auf kräftigem schönen Papier gedruckt, mehrfarbig, mitunter mitten im Text wechselnd, und begleitet von Farbholzschnitten von Olav Christopher Jenssen, dessen Arbeiten auch schon den Lyrikband bereicherten. Zudem gibt es zwei orange Lesebändchen in dem großformatigen, fadengehefteten Band.

Fosses manchmal nur wenige Zeilen umfassende Texte erzählen von Kindheit und Jugend, von Sicherheiten und Unsicherheiten, von Mut und Angst. Von einem Leben auf dem Land oder Dorf, vom Leben am Wasser und mit der Natur. Oft sind es Erinnerungen, wie man sie selbst kennt. Kurze Gedankenblitze. Eine aus dem Unterbewusstsein heraufgedriftete Erinnerung, auch wenn sie längst vergessen schien. Da ist die Großmutter als wichtige Bezugsperson. Da sind die Freunde, die mit durch Dick und Dünn gehen. Da sind die ersten Begegnungen mit Mädchen. Da kommt die erste Gitarre zum Einsatz. Die erste eigene Wohnung in der Stadt. Da sind aber auch die Unfälle, Missgeschicke, Enttäuschungen und ja, auch die frühe Konfrontation mit dem Tod.

„Ich war im Ort, etwas Neues zum Anziehen kaufen. Ich habe mir ein Buch mit Schriften von Karl Marx gekauft. Ich liege im Bett und lese Wörter und Sätze, die ich nicht verstehe. Am nächsten Tag lasse ich in der Mittelschule ein Wörterbuch mitgehen. Ich schlage viele Wörter nach. Ich verstehe ein klein wenig etwas, und es geht mir gut.“

Dann lese ich über den Ungehorsam des 4-jährigen, der eigentlich nur neugierig die Welt entdecken will, daran aber von der überängstlichen Mutter gehindert und womöglich fürs spätere Leben eingeschränkt wird. Der 4-jährige ist aber auch der ältere Bruder der 3-jährigen Schwester und trägt schon Verantwortung. Die Episoden mit Bruder und Schwester kannte ich teilweise verändert und/oder erweitert, bereits aus dem Roman „Der andere Name“ und es gibt sie auch in Form eines Kinderbilderbuches, erschienen im Bajazzo Verlag gibt.

Die längste Geschichte, eine Erzählung namens „Und dann kann der Hund kommen“ hat mich aufs Wundersamste überrascht, denn hier herrscht Spannung, hier wird es brenzlig wie in einem Kriminalroman. Hier geschehen möglicherweise zwei Morde. Eine Seite, wie ich sie bisher nicht von Fosse kannte, die mich aber sehr begeistert hat und auf die Vielfältigkeit seiner Ideenspektrums hinweist. Auch in dieser Geschichte gibt es die bewusst gebetsmühlenartig wiederholten Sätze, die auf das allerwichtigste reduzierte Sprache.

Überhaupt ist es so: Fosse lesen ist wie einen anderen Raum betreten, eine andere Welt, die tiefer und stiller, gleichzeitig aber kraftvoller ist. Hier ist der Hauptprotagonist immer die Sprache, die bewusst gestaltet, nicht einfach nur geschrieben wird. Und hier zeigt sich für mich eben der enorme Unterschied zwischen großer Literatur und einer Literatur, die „nur“ unterhalten oder erzählen will. Ein Leuchten!

Das wundervoll gestaltete Buchkunstwerk erschien im Kleinheinrich Verlag, den ich nur jeder/m Bibliophilen empfehlen kann. Übersetzt hat es der vielfach preisgekrönte Hinrich Schmidt-Henkel.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Jon Fosse:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/05/27/jon-fosse-trilogie-rowohlt-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/03/jon-fosse-der-andere-name-rowohlt-verlag/

8. März – Frauentag: Aus aller Welt – Frauen über Frauen – Romane und Lyrik

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Der 8. März ist Internationaler Frauentag. In Berlin ist es mittlerweile sogar ein Feiertag. Grund genug einen Beitrag den vielen Autorinnen zu widmen, die ich bereits gelesen habe. Seit ich auf meinem Blog darüber schreibe, vielleicht sogar noch intensiver. Hier ist eine intuitive Auswahl aus den letzten Jahren als Geschenk zum Frauentag. Lauter leuchtende weibliche Stimmen aus aller Welt. Viel Spaß beim Entdecken!

Der Klick auf das Foto führt jeweils zum Link zur ausführlichen Besprechung.

Als erstes der wunderbare Band „Stark und leise“ über bekannte und weniger bekannte „Pionierinnen“ der Literatur von Ursula Krechel, eine Graphic Novel und Romane zunächst aus dem deutschsprachigen Raum: Hier sind immer einzelne Frauenfiguren im Mittelpunkt, oft autobiografisch.
Sei es etwa die komplizierte Großmutter-Enkelin-Beziehung bei Anna Baar oder das Altern mit dem Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden bei Katja Lange-Müller. Sei es eine Großmutter, die bei Sigmund Freud auf der Couch lag bei Katharina Adler oder die berührende Graphic Novel, illustriert von Barbara Yelin über die Geschichte einer hochbegabten Physikerin, die, mittlerweile im Altenheim, auf ihr Leben zurückblickt, in dem sie meist als Frau zurückstecken musste. U.v.m.

 

aus Europa und England:
Allen voran die Britin Rachel Cusk mit ihrer ungewöhnlichen autobiografischen Romantrilogie. Amy Liptrot, die ihre Alkoholabhängigkeit mithilfe der rauhen Natur der Orkney Inseln heilt. Da ist die Mutter-Tochterbeziehung der Dichterin Marina Zwetajewa.  Da ist das ewige Übersehenwerden als Mädchen in einem Kinderheim in Bulgarien bei Nataliya Deleva. Da ist bei Aya Cissoko die junge Frau mit afrikanischen Wurzeln, die sich mithilfe des Boxsports ins Leben kämpft. Da sind die drei Frauen, die mit allen Mitteln gegen Missbrauch von Frauen in der Vergangenheit und Gegenwart eintreten bei Radka Denemarková. U.v.m.

 

aus Afrika, Asien, Amerika:

In Han Kangs Buch „Die Vegetarierin“ finden wir eine Frau, die sich weigert Fleisch zu essen, und selbst zur Pflanze wird, wir erfahren durch Chinelo Okaparanta, was es heißt, in einem afrikanischen Land lesbisch zu sein. Wie wenig Rechte Frauen in Indien haben, zeigt uns Meena Kandasamy und Gusel Jachina erzählt uns von einer Emanzipation in einem Straflager in der sibirischen Taiga. U.v.m.

 

Und nun last but not least zur Lyrik: Auch hier sind starke Stimmen aus aller Welt zu vernehmen. Sei es Lina Atfah, die sich in einem neuen Land ihrer Sprache versichert oder Özlem Özgül Dündar deren Gedanken sie hierhin und dorthin zerren. Sei es Granaz Moussavi, deren Lyrik in ihrer Heimat Iran nicht erwünscht ist oder Lia Sturua, die große georgische Dichterin mit beeindruckender Sprachkunst. U.v.m.

 

Damiano Femfert: Rivenports Freund Schöffling Verlag

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Der Debütroman Damiano Femferts sprach mich gleich an. Die Thematik erinnerte mich an Olivier Guezs Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“. Nur leider, gleich vorweg, erreicht dieser Roman nicht die gleiche Qualität. Handwerklich gut geschrieben, aber leider doch ziemlich vorhersehbar gearbeitet und mit mir teils allzu salopper Sprache. Hätte ich nicht immer wissen wollen, ob die Geschichte doch noch eine spannende Wendung nimmt, hätte ich womöglich nicht zu Ende gelesen.

Die Geschichte spielt 1952 im Norden Argentiniens. In der Nähe einer Kleinstadt nahe der Grenze zu Chile wird ein verletzter Mann gefunden, der keine Papiere bei sich trägt und bei dem sich nach den ersten Untersuchungen herausstellt, dass er offenbar das Gedächtnis und die Sprache verloren hat. Chefarzt Rodrigo Rivenport betreut den Mann, obwohl er sich lieber mit seiner Schmetterlingssammlung beschäftigen würde (was überflüssigerweise anfangs auch dauernd im Text betont wird), er ist leidenschaftlicher Hobby-Entomologe. Als sich der Patient von den körperlichen Verletzungen erholt, zeigt sich, dass der große blonde Mann mit blauen Augen durch die Amnesie mit einem kindlich fröhlichem, neugierigen Gemüt versehen ist. Irgendwann nennt er den Namen Kurt. Irgendwann stellt sich heraus, dass er perfekt Orgel und Klavier spielen kann. Irgendwann stellt sich heraus, dass er ein Deutscher ist.

Schon hier kann man sich aufgrund des Settings leicht vorstellen, wer Kurt wirklich ist. Doch Rivenport, der sich allmählich aus seiner langweiligen Lebensroutine befreit, sich mit dem „Blondschopf“ anfreundet und vieles gemeinsam erlebt, braucht noch viele Seiten für seine Recherche von biografischen Daten nach der Herkunft und Identität des Mannes. Als er sie schließlich erhält, bleibt die Gewissensfrage.

„Und doch wusste er, Kurt war schuldig. Er war einer jener Täter, für die der Nationalsozialismus und der mit ihm verbundene Horror stand. Kurt erinnerte sich vielleicht nicht mehr, aber er war es doch, der anderen Menschen das Leben zur Hölle gemacht hatte, nicht andersherum, wie Rivenport nach seiner Chile-Reise angenommen hatte.“

Kurt, der zunächst die Identität eines im KZ ermordeten Juden annahm, nach Südamerika floh und dort auf der Flucht mit dem unter wieder anderem Namen gekauften Auto, einen Unfall hatte, bei dem er das Gedächtnis verlor und fortan ein selbstvergessenes vollkommen im Jetzt verankertes Leben weiterführt. „Darf das sein?“, fragt sich Rivenport und denkt dabei an die Metamorphose der Lepidopterae, von der Raupe, zum Kokon, zum wunderschönen Schmetterling. Kann aus einem SS-Mann ein gütiger Mensch werden?

Der Roman des 1985 geborenen Autor erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ann Petry: The Street Nagel & Kimche Verlag

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„An der Pennsylvania Station kaufte sie sich eine Fahrkarte nach Chicago.
„Einfach?“, fragte der Mann am Schalter.
„Einfach“, bestätigte sie. Ja, dachte sie. Die Reise geht seit meiner Geburt in nur eine Richtung.“

Ann Petrys (1908 – 1997) Roman erschien bereits 1946. „The Street war der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.“ steht dazu im Klappentext. Die Journalistin hat sich in allen ihren Texten mit dem Rassismus auseinandergesetzt. Das ist das Hauptthema in diesem Roman. Welche Chancen hast du überhaupt, wenn du nicht mit weißer Hautfarbe geboren bist? Was mir aber in diesem Buch mindestens genauso stark auffiel, war die Diskriminierung der Frau. Eigentlich gibt es in der ganzen Geschichte nur starke Frauen, die aber scheitern, weil sie von Männern (oft mit ihren Kindern) sitzengelassen, ausgebeutet, benutzt und auf ihren Körper reduziert werden. Ein Albtraum, den auch Lutie Johnson, die Hauptfigur von The Street erlebt.

Die Straße ist die 116. in Harlem, New York in den 40er Jahren und steht stellvertretend für alle Straßen, in denen nur Schwarze lebten, weil sie mussten, weil sie keinen Zugang zu anderen, „besseren“ Straßen und Vierteln hatten. Die junge Lutie Johnson zieht hier hin, weil ihr Mann Jim sie mit einer anderen betrogen hat, im eigenen kleinen Haus in einem besseren Viertel. Jim hat das Haus von seiner Mutter geerbt. Als er keine Arbeit findet, verdingt sich Lutie in einer reichen weißen Familie als Kindermädchen. Da sie dort während der Woche wohnen muss, sieht sie ihren eigenen achtjährigen Sohn Bubb weniger als den Sohn ihrer Arbeitgeber. Ihr Mann Jim nutzt das aus und holt sich eine andere ins Haus. Als Lutie das erfährt, zieht sie mit Bubb in eine schäbige Wohnung in der 116. Sie macht Abendkurse, um sich weiterzubilden und bekommt schließlich einen Bürojob, von dem sie sich und Bubb gerade so ernähren kann. Aus der reichen Familie hat sie im Kopf, dass es in Amerika jeder schaffen kann, nach oben zu kommen, reich zu werden. Wie wenig das auf Schwarze zutrifft, erfährt sie, trotz aller neuer Hoffnung dann doch immer wieder.

„Straßen wie die, in der sie lebte, waren kein Versehen. Sie waren sozusagen die Lynchmobs des Nordens, dachte sie bitter. Auf diese Weise hielten Großstädte die Schwarzen gefügig. […] Seit ihrer Geburt wurde sie mehr und mehr in die Enge getrieben, bis sie fast ganz eingemauert war, und diese Mauer hatten Stein für Stein eifrige weiße Hände errichtet.“

Vom Hauswart gierig begafft, von einer Mieterin, die in ihrer Wohnung einen Puff betreibt und ihr einen „Nebenverdienst“ anbietet, beobachtet, von der Arbeit erschöpft, erhofft sich Lutie dennoch immer einen Absprung aus dieser Düsternis. Eine bessere Wohnung, ein besseres Viertel, schon für ihren Sohn. Als sie einen Job als Sängerin in einem Nachtclub angeboten bekommt, träumt Lutie von einer schöneren Zukunft. Dass sie ihre Gage nur bekommen wird, wenn sie zu ihrem Boss, einem Weißen, „nett“ ist, weiß man als Leser längst. Die stolze Lutie lässt sich darauf nicht ein. Schließlich gerät ihr Sohn, der Geld dazu verdienen will, in Schwierigkeiten mit dem Gesetz, als er sich auf einen kriminellen Job vom Hauswart einlässt. Der spielt ein perfides Spiel, um sich an Lutie zu rächen, weil er von ihr abgewiesen wurde. Um Bubb auszulösen, braucht Lutie 200 Dollar. Weil sie die nicht hat, wendet sie sich aus Verzweiflung an jenen Nachtclubbesitzer …

Ann Petry hat einen atmosphärisch dichten Roman geschrieben, der im Kontext seiner Zeit, einen Meilenstein bildet. Sie arbeitet ihre Figuren und Charaktere genau aus und zeigt uns, dass hinter jedem Menschen, auch dem „Bösen“ ein einzelnes Schicksal steht. Er verhält sich so, weil er aus seinen Erfahrungen heraus, nicht anders kann. Sie stellt außerdem die Straße als „Täterin“, als Verursacherin des Leids in den Mittelpunkt. Das ist faszinierend, weil sie damit quasi das Unglück, die Gewalt, die Armut auslagert. Litaneihaft lässt sie Lutie dann auch immer wieder wiederholen, das sie aus der Straße weg muss, dass sie deshalb sparen müssen, dass sie mehr Geld brauchen. Luties ganzer Kampf richtet sich darauf, an einem besseren Ort, besser leben zu können. Das ist gekonnt inszeniert und inhaltlich brisant.

Ann Petrys Roman wurde von Uda Strätling aus dem Amerikanischen übersetzt. Ein aufschlussreiches Nachwort von Tayari Jones (deren Roman An American Marriage ich bereits hier besprochen habe) ist beigefügt. Er erschien im Nagel & Kimche Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arthur Miller: Fokus Büchergilde Gutenberg

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In ihrem Nachwort dieser Büchergilde-Ausgabe von Arthur Millers (1915 – 2005) Fokus, schreibt die Illustratorin und Grafikerin Franziska Neubert darüber, wie erschrocken sie war, als sie das Buch las, um sich auf die Illustrationen vorzubereiten. Genauso erging es mir. Arthur Miller, vor allem bekannt durch seine Theaterstücke, schreibt in seinem einzigen Roman über Antisemitismus in den USA. Die Geschichte erschien erstmals 1945, sie spielt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in New York. Bisher war mir nicht bewusst, dass der Antisemitismus auch in den Vereinigten Staaten solche Ausmaße besaß. Nach einiger Recherche ist mir nun klar, dass es vor allem christliche Organisationen waren, die massiv gegen Juden hetzten, wie in Millers Roman die „Christliche Front“.

Zitat aus Wikipedia„Nach einer Umfrage von 1939 waren 53 Prozent der US-Bürger der Ansicht, dass Juden anders seien und Einschränkungen unterliegen sollten. Verschiedene Untersuchungen zwischen 1940 und 1946 belegten, dass sie als eine größere Gefahr für das Wohl der Vereinigten Staaten angesehen wurden als jede andere national, religiös oder rassisch definierte Gruppe“ 

In „Fokus“ erleben wir, wie der als Personalchef in einem großen Unternehmen tätige Lawrence Newman nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit plötzlich aus seiner leitenden Position verdrängt wird. Der Grund: Er muss wegen eingeschränkter Sehkraft eine Brille tragen, die ihn in den Augen vieler wie ein Jude aussehen lässt. Erschreckend, wie allein anhand der Physiognomie hier Ausgrenzung stattfindet. Auch als Personalchef hatte Newman strenge Anweisungen „solche“ Bewerber gleich abzuwimmeln. Nun trifft es ihn selbst. Lange findet er keinen Job und auch in den Augen seiner Nachbarn wird er plötzlich zum Feind. Vor allem, weil er einer antisemitisch ausgerichteten Organisation nicht beitreten will, für die sein Nachbar Fred wirbt. In der gleichförmigen Einfamilienhaussiedlung in Queens gibt es jedoch schon Anfeindungen gegen den Ladenbesitzer Finkelstein. Man will das Viertel „säubern“.

„Finkelstein war noch ein junger Mann, als Jude aber war er alt. Er wusste, was da vorging; er musste es wohl wissen. Zweimal hatte er in den letzten drei Wochen, wenn er um sechs Uhr früh aus seinem Haus gekommen war, seinen Mülleimer auf der Seite liegend gefunden und die Abfälle vor seinem Haus verstreut.“

Newman, der, selbst voller Vorurteile, zuvor nie darüber nachgedacht hatte, warum man Juden ausgrenzt, erfährt nun selbst, was es bedeutet. Er wird nicht mehr als Einzelner gesehen, sondern aufgrund der vermeintlichen Zugehörigkeit einer Rasse behandelt. Newman versucht anfangs alles zu tun, weiter dazuzugehören, doch das ändert nichts. Etwas verändert sich nun in seinen Gedanken.

Als er an seiner neuen Arbeitsstelle eine Frau trifft, deren Bewerbung er ehemals aufgrund ihres Aussehens als Personalchef abgelehnt hatte, scheint sich sein Leben noch einmal grundlegend zu ändern: Er verliebt sich, sie heiraten. Zunächst scheint alles leichter, doch als beide in einem Hotel aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft kein Zimmer erhalten, beginnt auch hier die Schmach. Lawrences Frau Gertrud möchte nun, dass er auch zu den Versammlungen geht, dass sie endlich auch zeigen, auf welcher Seite sie sind. Newman hingegen erlebt am eigenen Leib, was die Fanatiker anrichten können. Das, was vorher allein Finckelstein zu ertragen hatte, trifft nun auch ihn. Er erlebt Ablehnung bis hin zur physischen Gewalt. Doch all das sensibilisiert ihn umso mehr. Und so steht er schließlich Finkelstein näher als allen anderen …

Arthur Miller hat einen Roman geschrieben, der mich aufgrund seiner perfekten Konstruktion und seiner gekonnten Sprache stark beeindruckt. Vollkommen mit genommen und mit wachsender Erschütterung las ich dieses Buch und möchte es hier bedingungslos empfehlen. Zumal Franziska Neuberts Holzschnitte sich in ihrer Zurückgenommenheit perfekt in die Geschichte einpassen, genug Raum lassen für eigene Bilder. Nie zeigt sie Gesichter, nie sieht man Newman genau. Absichtlich nicht, sagt Neubert. Das leuchtet ein, zumal allein die Atmosphäre und die Farbgebung hinreichend Auskunft geben, dass hier Unheimliches geschieht. Ein Leuchten!

„Fokus“ erschien in der Büchergilde Gutenberg wie immer in feinster Ausstattung. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzte es Doris Brehm. Von der 1977 geborenen Graphikerin Franziska Neubert stammen die ausdrucksstarken Illustrationen.

Weiter Besprechungen zum Buch gibt es bei Zeichen & Zeiten und bei Gute Literatur – Meine Empfehlung.

Ergänzend bietet sich als Lektüre an: „Der Empfänger“ von Ulla Lenze.