Ulrike Draesner: Schwitters Penguin Verlag

Die 1962 geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner ist sehr vielseitig in ihrem Tun. Sie schreibt Romane und Lyrik und sie übersetzt. Zuletzt waren ihre Übersetzungen der beiden Lyrikbände „Wilde Iris“ und „Averno“ der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück aus dem Englischen im Gespräch. Mit ihrem neuesten Roman „Schwitters“ über das Leben, des vor allem für sein Gedicht „Anna Blume“(siehe unten) bekannten Merz-Künstlers (1887 – 1948) bringt sie das Thema Sprache und das Schreiben in einer fremden Sprache auf den Tisch. Die Idee zum Roman kam auf sie zu, als sie 2015 als „poet in residence“ in Oxford lebte und plante, einen Roman in englischer Sprache zu schreiben.

Den Roman darf man sich nicht als Künstlerbiographie vorstellen. Es geht eher um den Mensch Kurt, seine Beziehungen und um die Flucht vor den Nazis ins Exil. In Hannover konnte er nicht bleiben. Seine Kunst wurde in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ gezeigt. Außerdem litt er an epileptischen Anfällen. So blieb Ehefrau Helma mit den beiden Müttern in der heimischen Villa zurück. Zunächst ging er 1940 nach Norwegen, wo bereits Sohn Erich lebte, der eine Norwegerin geheiratet hatte. Seinen Merzbau zurückzulassen war für ihn das schwerste und so begann er im Exil immer wieder mit kleineren Varianten davon.

Deutschland gewann Schlacht um Schlacht. Land. See. Luft. Militärisch fuhr das Deutsche Reich durch die Welt, als wäre die Welt ein Butterkuchen. Aufschneiden, mit deutschem Quark bestreichen, braune Rosinen drüberstreuen.“

Draesner schildert in drei Teilen (Das deutsche Leben, Das englische Leben, Das Nachleben) zunächst das recht bequeme Leben ohne Geldmangel in der geerbten Villa in Hannover. Dann lebt Kurt bei Sohn und Schwiegertochter in Lysaker, Norwegen, wo die Schwitters auch zuvor schon viele Sommer verbrachten. Doch bald schon sind sie auch dort durch den Einmarsch der Deutschen nicht mehr sicher. Die beschwerliche Reise nach England beginnt, auf der sie nach und nach fast alles an Besitz zurücklassen müssen. In England wird er zunächst als feindlicher Ausländer auf der Isle of Man inhaftiert. Doch sogar da ist er künstlerisch tätig.

Schwitters muss im Exil seine Sprache wechseln. Erst Norwegen, dann England. Da er im Exil nicht in Deutsch schreiben will, beschränkt er seine Kunst auf Collagen, Skulpturen und nach Kriegsende wegen Geldmangel auch auf Porträtmalerei. In England erfährt er, dass die heimische Villa zerbombt wurde, später, dass Helma gestorben ist. Zu dieser Zeit lebt er allerdings schon längst mit einer anderen (wesentlich jüngeren) Frau zusammen und hat kaum noch Kontakt in die Heimat. Edith, genannt Wantee, trifft er in London, beide ziehen zusammen nach dem Krieg aufs Land im Lake Distrikt. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, wieviel Rückenstärkung Schwitters von der jeweils aktuellen Frau erhält (was ja bei vielen großen Künstlern der Fall war), um weiter seiner Kunst nachgehen zu können.

„“Please, help yourself, on all accounts.“ Das fühlte sich besser an als auf Deutsch: Er half sich auf allen Konten, schüttete Hilfe in sich hinein, Zucker, my Dear, Milchtee, knackte den vierten Ingwerkeks aus der Küche von Mrs. Pierce, wobei er Mr. Pierce kontenhaft (sozusagen für alle Fälle) anlächelte. Die englische Sprache kroch ihm in den Kopf und half ihm auf die Sprünge.“

Wantee und Kurt leben in Amberside in ziemlich prekären Verhältnissen. Kurt entscheidet sich dennoch in England zu bleiben. Den Kontakt nach Hannover stellt er fast komplett ein und als der Sohn ihn nach Norwegen einlädt, wo er nun wieder lebt, lehnt Kurt ab. Trotz des Geldmangels und der immer mehr schwindenden Gesundheit hat er eine Art neues Zuhause gefunden. Die raue Natur inspiriert ihn und Wantee steht in allem hinter ihm. Endlich entsteht auch in einer angemieteten Scheune ein neuer Merzbau. Beenden kann er ihn leider nicht mehr. Schon im Jahr 1948 stirbt Schwitters, kurz nachdem er die englische Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Im letzten Kapitel „Das Nachleben“ schildert Draesner noch den erbitterten lange währenden Streit zwischen Edith und Ernst um Kurts Testament und das Erbe. Und erzählt vom Transport der letzten Merzbau-Wand in ein englisches Museum.

Draesners Art zu schreiben ist in diesem Roman sehr experimentell (siehe Auszug Foto oben). Oft legt sie Schwitters Sprachspielereien in den Mund, die auf Dauer das Lesen sehr stockend machen. Das mag sicher zu DADA-Schwitters passen, für mein Gefühl ist es manchmal etwas zu übertrieben. So verlieren sich auch oft Zusammenhänge. Im England-Teil spielt sie auch viel mit der englischen Sprache. Etwas, was sie auch in den eigenen Gedichten oft macht. Besonders gefallen mir die Textstellen, in denen Kurt durch die englische Landschaft streift und Ideen für seine Kunst schöpft. Hier gelingt es Draesner die Stimmung und Atmosphäre großartig einzufangen und zu vermitteln.

Der Schutzumschlag birgt eine Besonderheit. Nach dem Aufklappen findet sich eine große Übersichtskarte über die biographischen Daten Schwitters. Das Buch erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. (Fotos: wikimedia commons)

Weitere Rezensionen gibt es z. B. auf den Blogs „Zeichen & Zeiten“ und „Aufklappen“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karin Smirnoff: Mein Bruder Hanser Berlin Verlag

Dass Karin Smirnoffs Roman ein Debüt ist (das sie erst mit 54 Jahren schrieb), merkt man ihm in keinster Weise an. Sowohl in ihrem individuellen Sprachstil, als auch mit der Geschichte selbst, ist ihr ein wirklich beeindruckendes Buch gelungen. Die 1964 geborene Schwedin siedelt ihre Geschichte im nördlich ländlichen Schweden an, in dem sich die Bewohner des Ortes alle kennen. Sie taucht damit tief ein in eine Lebensform, über die etwa Großstädter, die nie auf dem Land gelebt haben, nur staunen können. Hier scheinen noch archaische Grundstrukturen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu herrschen, die man nur vom Dorf noch kennt. Doch was auch schön sein könnte, ist es eben bei den Hauptprotagonisten gerade nicht. Und geredet wird selten direkt, nur hinter vorgehaltener Hand.

„Dann fingen wir an zu reden. Wir redeten über alles außer das was uns kaputtmachte.“

Jana Kippo, um die 35, besucht nach langer Zeit ihren Zwillingsbruder Bror, der noch auf dem elterlichen Hof lebt. Eigentlich soll es nur über die Osterfeiertage sein, doch dann begegnet sie gleich bei der Ankunft im wenig frühlingshaften Schneesturm einem Mann, der sie fasziniert und alle Vorsätze ins Wanken bringt. Der Bruder, alkoholabhängig, die ungeliebte Mutter im Pflegeheim – eigentlich ein Grund gleich wieder in das Leben in der Stadt zurückzukehren. Doch Jana bleibt, nimmt einen Job bei einem mobilen Pflegedienst an und wird durch die Begegnungen mit den Pflegebedürftigen, die sie fast durchweg von früher kennt, immer mehr in die Kindheit und Jugend zurückgestoßen.

„All diese Namen. Mit den Alten war es genau dasselbe. Unendliche Erzählungen über Menschen. Lebende und Tote Bekannte und Unbekannte die irgendwas gesagt oder getan oder an irgendwas gestorben waren. Das weckte in mir sofort die Sehnsucht nach der Stadt.“

Nach und nach erfahren wir, warum alle Jana und ihren Bruder im Dorf so bekannt sind. Alle wissen von den Ereignissen auf dem Kippo-Hof, vom grausigen Tod des Vaters. Dass sich die Geschwister gegen den gewalttätigen, trinkenden Vater in solcher Form wehrten, scheint unglaublich. Doch immer mehr Abgründe tun sich auf, immer mehr Risse zeigen die Geschichten, die die Erinnerung beschwört. Immer mehr Lügen werden aufgedeckt. Niemandem ist zu trauen, nicht einmal dem eigenen Liebhaber.

„Ich konnte mir niemanden aus meiner Familie verliebt vorstellen. Wir waren keine liebende Familie. Wir waren einfach nur Erbgutträger die Nachfahren in die Welt setzten und taten was getan werden musste. Oft auf die denkbar schlechteste Weise und mit erbärmlichem Ergebnis.“

Smirnoff tut das in grundlegend anderer Weise, wie sonst solche Familiengeschichten aufgebaut sind. Schon in ihrer Sprache wird deutlich, dass hier ein anderer Ton vorherrscht. Die direkte Rede erfolgt ohne sie durch Satzzeichen kenntlich zu machen. Kurze Sätze ohne Kommas. Knallhart, unverschnörkelt. Und dabei doch mit einem eigenen unterschwelligen Humor, der der Geschichte die allzu große Schwere nimmt. Die Übersetzerin hat hier sicher Großes geleistet, da das Original offenbar auch mit Dialekt-Begriffen der Gegend um Västerbotten durchzogen ist.

Eine verlorene Tochter taucht auf und eine neue Schwester, die aber schon tot ist. Viele Menschen sterben in diesem Buch, aufgrund des Alters, der Einsamkeit, an schweren Erkrankungen. Und trotzdem gelingt es der Autorin, ihre Protagonistin immer wieder den Blick nach vorne zu werfen zu lassen. Jana Kippo ist, wie man im Laufe des Romans merkt eine Überlebenskünstlerin, die sich mit immenser Kraft, die sie auch aus der eigenen Kreativität schöpft, durch die alten seelischen Verletzungen und die immer wieder neu auftauchenden Widrigkeiten kämpft. Sie packt an. Den Bruder schickt sie in den Entzug, für die Pflegebedürftigen wird sie bald unentbehrlich, den Respekt der Männer im Dorf holt sie sich durch die Teilnahme an der Jagd, für die sie allerdings ihre eigenen Regeln aufstellt und ihren Liebhaber, der großflächige Bilder mit Motiven aus ihrer Kindheit malt, bringt sie dazu, sich für eine Ausstellung zu öffnen.

„Mein Bruder“ ist ein durchaus erschütterndes, familienpsychologisch jedoch hochinteressantes Buch, welches in mir gleich Resonanz erzeugte, zudem spannend wie ein skandinavischer Krimi. Ich hoffe sehr, dass die beiden weiteren, in Schweden bereits erschienenen Bände auch noch ins Deutsche übertragen werden. Dunkles Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag Berlin. Übersetzt hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben Kein & Aber Verlag

Die Redakteurin und Herausgeberin Ilka Piepgras versammelt in einem Band 23 Stimmen von Schriftstellerinnen, die über ihre Arbeit, ihr Schreiben erzählen. Es sind höchst unterschiedliche Beiträge, die die ganze Vielfalt der Literatur abbilden. Gleich eingangs kommt sie auf einen Essay der Autorin Anne Tyler zu sprechen, in dem diese gefragt wird, ob sie denn nun eine Arbeitsstelle gefunden habe oder immer noch nur schreibe. Da ich selbst schreibe, kenne ich solche Situationen nur allzu gut. Meiner Ansicht nach ist es typisch und gleichzeitig eben erschreckend, dass die Tätigkeit nicht nur von Autorinnen sondern auch von Künstlerinnen im Allgemeinen so in Frage gestellt und als Arbeit nicht anerkannt wird. Umso besser, dass es dieses Buch gibt, das aufzeigt, wieviel Arbeit das Schreiben ist.

Anne Tyler kenne ich noch aus meiner Zeit in der Buchhandelsausbildung. Inzwischen ist sie hierzulande auch sehr bekannt geworden mit ihren Familienromanen. Auch an Eva Menasses Debütroman „Vienna“ erinnere ich mich noch besonders gut. Sie erzählt hier von ihrer genauen Vorgehensweise beim Schreiben. Elif Shafak ist mir als in London lebende türkische Autorin, die sich auch hier mit ihrem Beitrag sehr für ein „Weltbürgertum“ und für Vielfalt statt Dualismus einsetzt, sehr sympathisch. Durch ihren Roman „Der Geruch des Paradieses“ lernte ich ihr Schreiben kennen. Ihre Reden, Essays und Bücher haben immer auch ein politisch/gesellschaftskritisches Ansinnen:

„Als Schriftsteller sind wir von Wörtern fasziniert, aber vielleicht noch mehr von den Stellen dazwischen. Von der Stille. Wir interessieren uns für die Dinge, über die wir in einer bestimmten Zeit nicht offen reden können. Geheimnisse, Tabus – gesellschaftliche, kulturelle, sexuelle Tabus. Ich habe immer das Bedürfnis, nach diesen Leerstellen zu fragen, neue Diskussionen zu eröffnen, den Rand ins Zentrum zu rücken; dem Sprachlosen eine Stimme zu geben, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“

Joan Didion wollte ich schon länger lesen. Ihr Text über ihre sehr intuitive bildhafte Herangehensweise ans Schreiben hat mich nun überzeugt, dass ihre Lektüre nun nicht mehr aufschiebbar ist. Siri Hustvedt geht es beim Schreiben immer auch um das spezifisch weibliche Schreiben. Auch ihre Essays beziehen sich oft auf die Sichtbarkeit und unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen. Ihr letzter Roman „Damals“ bezieht das Thema ebenfalls mit ein.

Mariana Lekys Bücher kannte ich schon bevor sie ihren Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ schrieb. In ihrem Beitrag erzählt sie humorvoll von ihren Schreibschulenerfahrungen in Hildesheim.

Nicole Krauss Schreiben wird viel von äußeren Begebenheiten beeinflusst und verwandelt. Interessant und literarisch gelungen sind die Ausführungen Kathryn Chetkovichs (Partnerin von Jonathan Franzen) über den Neid, wenn beide Partner schreiben. Und ganz großartig Zadie Smith über das Schreiben in der Ich-Form und über das Verwandeln von autobiographischem Schreiben in Literatur:

„Diese Art Literatur habe ich immer am Liebsten geschrieben und gelesen: eine, die sich in viele verschiedene Körper, viele verschiedene Leben einschleicht. Literatur, die nach außen blickt, hin zu den anderen.“

Die Herausgeberin hat wirklich eine schöne Vielfalt bei ihrer Auswahl geschaffen. Was ich allerdings sehr schade finde, ist, dass keine einzige Lyrikerin dabei ist. Seltsam, dass dieses Genre so selten mit einbezogen wird, dabei wäre die Herangehensweise an das Schreiben von Gedichten gerade hochinteressant.

Ich schließe mit einem Zitat, dass aus einem schriftlichen Interview von Sheila Heti mit Elena Ferrante (die ich in ihren Antworten wesentlich stärker finde als Sheila Heti in ihren Fragen) stammt:

„Gute Bücher sind überwältigende Bündel von Lebensenergie. Sie brauchen keine Väter, Mütter, Paten und Patinnen. Sie sind ein glückliches Ereignis innerhalb der Tradition und Gemeinschaft, die sie hütet. Sie haben eine Kraft, die in der Lage ist, sich ganz unabhängig in Raum und Zeit auszudehnen.“

Schreibtisch mit Aussicht erschien im Kein & Aber Verlag. Im Anhang finden sich Kurzbiographien zu allen Autorinnen. Die Übersetzerinnen werden im Anschluss an jeden Text genannt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Romane der Autorinnen im Buch, die ich bereits besprochen habe:

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/21/elif-shafak-der-geruch-des-paradieses-kein-aber-verlag/

Siri Hustvedt: Damals
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/

Terezia Mora: Die Liebe unter Aliens
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/11/terezia-mora-die-liebe-unter-aliens-luchterhand-verlag/

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/24/mariana-leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-dumont-verlag/

Leila Slimani: Dann schlaf auch du
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/09/08/leila-slimani-dann-schlaf-auch-du-luchterhand-verlag/

Meg Wollitzer: Das weibliche Prinzip
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/30/meg-wollitzer-das-weibliche-prinzip-dumont-verlag/

 

Judith Zander: Johnny ohne Land DTV Verlag

Welch ein Sprachfunkeln!

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin und es ist der erste Roman, den ich von ihr lese. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Bei „Lesenswert“ sprechen Ijoma Mangold und Insa Wilke so ziemlich genau das aus, was ich auch über das Buch sagen bzw. schwärmen würde. Ich versuche dennoch eigene Worte zu finden. Denn um Worte geht es ja vorrangig in diesem Roman, die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht.

„Die dazu notwendige Sprachbefähigung aber schien dir ins Sprechen faul und dilettantisch fehlgeleitet, ein Missverständnis, eine unzulässige Ableitung. Ein Oxidationsprozess, der jeglichen Sinn dunkel anlaufen ließ wie Silber oder die grünen Hüllen der Walnüsse, man setzte die Worte der Luft aus, sozusagen an die Luft, und schon verfielen sie. Es war eine Bewegung in die falsche Richtung, Sprache schien dir nicht für Veräußerung, Äußerungen also, und Verdünnung gemacht, sondern für Verdichtung, ein Innewerden, eine Reduktion. Was du meintest, war Denken, Nachdenken, deine Lieblingsbeschäftigung. „

Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Schon als Kind verhält sich Joana nicht so, wie sich die Eltern eine Tochter vorstellten. Zum Bruder entsteht ein komplexes Verhältnis. Wenig bis gar keine Freund*innen hat sie und das zieht sich durch die Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter. Mit der Nachbarstochter Marlen spielt sie „Disco“. Joana, die sich bald Johnny nennt, ist der Junge, Marlen das Mädchen. Später in der Schule gehört sie zu keiner Clique. Sie ist Außenseiterin und will es eigentlich auch sein, denn sie fühlt sich einfach anders, hadert aber gleichzeitig auch damit. Die anderen sind ihr oft zu banal, was sich ebenfalls durch ihr weiteres Leben zieht und sie mitunter auch überheblich wirken lässt viel wahrscheinlicher aber, ist es überspielte Unsicherheit. Als sie 17 ist, verlässt die Mutter die Familie, nur einen nichtssagenden Brief hinterlassend. Seitdem ist es noch stiller im Haus, der Vater, der Bäcker ist, ist ohnehin kaum sichtbar. Die Geschwister wachsen durch diesen Verlust stark zusammen.

„Deine Sehnsucht war groß und ziehend wie ein Zahnschmerz, aber es war doch die nach einem einzelnen Menschen, es zog dich zu der einen Bezugsperson, die dir noch nicht untergekommen war, oder nur halb, nur kurz, einseitig und ansatzweise, und das war doch ein Widerspruch in sich. Und dieses Sehnen hatte nichts mit einer anderen, einer besseren Hälfte zu tun, du wolltest keine Ergänzung, sondern eine Erweiterung. Jemanden zum Reden. Und jemanden zum Anfassen.“

Erst im Studium in Finnland findet Johnny einen Freund und Gefährten, mit dem sie dann auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. 21 ist sie da. Doch der junge Mann hatte das Männliche in ihr gesucht und verlässt sie letztlich, weil sie eine Frau ist. Tröstlich ist da der Besuch Charlies in Finnland, der ihr allerdings dann die Frau ausspannt, in die sie sich verliebt hat. Das Verhältnis der Geschwister zerbricht. Joana kehrt in die Heimat zurück und erlebt einen langweiligen, von Melancholie und der Suche nach dem Sinn und nach der eigenen Identität geprägten Sommer. Die Geschichte führt uns dann weiter mit Johnny nach Leipzig zum Studium und in eine Beziehung mit einem Mann, die eigentlich recht einseitig ist und Johnny nicht das gibt, was sie sucht. Manchmal wirkt Johnny in ihren Ansichten arrogant, wenn sie aus ihrer „Ich bin anders“-Perspektive auf die „Normalen“ herabblickt. Als sie für eine Kollegin ein Auslandsjahr in Australien antritt, ist die Trennung bereits vollzogen. Auch in Australien ist sie nicht recht glücklich, findet kaum Anschluss, wird sich aber immer stärker bewusst, dass sie für eine neue Liebesbeziehung oder Freundschaft keine Kompromisse eingehen will. Das Geschlecht ist nicht so wichtig, eher die Seelenverwandtschaft, das „Erkennen“. Johnnys Suche nach Identität und Verortung ist ein sehr langer Prozeß und womöglich auch mit der letzten Seite nicht abgeschlossen.

Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Es ist, als müsste die Protagonistin sich selbst ansprechen, wenn es schon sonst keiner tut. Auch für mich als Leserin ist diese Sichtweise sehr besonders. Es intensiviert den Leseeindruck noch. Stellt sich nur noch die Frage nach dem Autobiographischen in der Geschichte …
Aber egal, dieser Roman lässt mich fasziniert über 400 Seiten staunen. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Sofia Yablonska: Der Charme von Marokko Kupido Verlag

„Die Macht der Eindrücke, Reize und Entdeckungen, diese Fülle und Kraft der Farben und Formen, viel lieber würde ich, statt Wort für Wort zu Papier zu bringen, alles fotografieren und Ihnen die Aufnahmen schicken.“

Die Ukrainerin Sofia Yablonska (1907-1971) war zunächst keine literarische Schriftstellerin. Sie war Fotografin und Dokumentarin. Dieses Buch hätte es womöglich gar nicht gegeben, wenn Yablonska damals schon die Möglichkeiten des WorldWideWeb gehabt hätte. Sie hätte einfach ihre Aufnahmen auf Instagram geteilt. Sofia Yablonska wurde aber 1907 geboren und ihr Buch über ihre Marokkoreise von 1929 erschien 1932. Es ist eine Art Reisetagebuch, dem man die große Begeisterung der Autorin anmerkt. Sehr subjektiv sind die Eindrücke und oft gerade deshalb auch berührend. In dieser Zeit als Frau alleine auf Reisen zu sein, war durchaus ungewöhnlich und das merkte Yablonska auch immer wieder in ihren Begegnungen. Mit großer Offenheit und Neugier lässt sie sich auf mitunter abenteuerliche Aktionen ein und erzählt lebhaft davon.

Die Reise beginnt mit dem ersten Ziel Marseille und von dort aus geht es mit dem Schiff nach Marokko. Von der Überfahrt erzählt sie uns nichts. Doch wie Yablonska selbst, werden wir Leser in die Flut der ersten Eindrücke von Marrakesch geschickt. Offenbar hat sie ein Zimmer gemietet und sich zur Erholung auf dem Dach des Hauses im Schatten eines Strohdachs einen Liegeplatz gebaut. Von dort aus wird sie die Blicke schweifen lassen und ihre Erlebnisse notieren.

So erfahren wir von den Farben, den Gerüchen, Geräuschen und dem besonderen Licht. Yablonska schwärmt von den Menschen auf den Märkten, den Feuerschluckern, den Märchenerzählern, den Heilern, den Schlangenbändigern und den Tänzern.

In einem sehr ausführlichen Kapitel berichtet sie von ihrer Begegnung mit einem reichen einheimischen Mann, dem Kaid. Er will nicht glauben, dass sie eine Frau ist, weil sie im Kaffeehaus mit einem französischen Bekannten Schach spielt. Für ihn ist so etwas für Frauen undenkbar. Als sie ihn dann beim Schach sogar besiegt, erhalten die beiden eine Einladung in den Palast. In der Figur des Bekannten Manrier zeigen sich stark die Ressentiments der Kolonialherren gegenüber den Einheimischen. Doch der Kaid wird zum Bewunderer Yablonkas, spricht perfekt Französisch und zeigt ihr sogar seinen Harem, zu dem normalerweise nie jemand Zutritt erhält. Und er diskutiert mit ihr sogar über Politik und über beider Heimatländer.

Ein weiteres spannendes Kapitel führt Yablonska durch die Wüste über Taroudant bis ans Meer nach Agadir und in die unbesetzten Gebiete der Berber in der Wüste. Ein bekannter Chauffeur nimmt sie im Auto mit, zusammen mit einem Araber und seinen zwei Frauen. Yablonska ist hier ihre Abenteuerlust stark anzumerken.

„War das womöglich mein letzter Tag in Freiheit? In Gegenden, in denen die Franzosen ihre Trikolore noch nicht gehisst haben, in die sie mit ihren Truppen noch nicht einmarschiert sind, verüben die freien Araber Racheakte an glücklosen Abenteurern, die ihnen, getrieben von Neugier oder Leichtsinn, in die Hände fallen.“

Und tatsächlich gibt es dann auch brenzlige Situationen, da beide die Hitze und Sonne stark unterschätzen. Es drohen Wassermangel und Hitzschlag, doch Yablonska übernimmt das Steuer selbst und schafft es aus der Wüste in die rettende Oase. Später erfahren beide, wieder erholt, die legendäre Gastfreundschaft der Bevölkerung und gewinnen Freunde.

Ein besonderer Blick liegt auch immer auf den Frauen. Die Reisende erzählt begeistert von der Schönheit der Frauen, die jedoch zumeist verschleiert sind. Sie bemerkt jedoch auch, welches Schicksal die Frauen überwiegend tragen, wenn sie etwa wie eine „Frau“ des Kaid bereits mit 12 Jahren verheiratet werden und fortan dem Mann dienen müssen. Einzig die Berberfrauen erkennt sie als stolzer und freier.

In ihrem Nachwort erfahren wir von Olena Haleta mehr über Sofia Yablonska und ihr Leben. Sie wurde 1907 in der Nähe von Lwiw geboren. Die Familie wurde mehrmals vertrieben und Sofia entging diesem Schicksal später, in dem sie von selbst mal hier mal dorthin reiste. Sie war in einer galizischen Frauenbewegung engagiert und veröffentlichte Reisereportagen in Frauenzeitschriften. Um Geld für ihre Reisen zu verdienen, leitete sie zwei Kinos, betrieb später eine Pension. Sie lebte und studierte einige Zeit in Paris. Ihre Reisen führten sie auch überwiegend in französischsprachige Räume. Ihre Unabhängigkeit ist stellvertretend für ein neues Frauenbild. Auch die Liebe und die Zweierbeziehung stellte sie dafür zunächst zurück. Später lebte sie mit ihrer Familie in Frankreich. Sie starb 1971 bei einem Autounfall.

Auf ihren Reisen blieb sie nie oberflächliche Touristin, sondern wollte tatsächlich den Menschen und ihrer Lebensweise begegnen und die Eigenheiten des Landes kennenlernen. Als Hilfe dient ihr dazu auch ihre Kamera und ihr echtes tiefes Interesse. Yablonska reist später noch viel im asiatischen Raum, in China verbringt sie gar 15 Jahre. Hier entstehen zwei Reisetagebücher, veröffentlicht 1936 und 1939, die im Anschluss an dieses Buch zur Veröffentlichung in deutscher Sprache im neuen Kupido Verlag in Vorbereitung sind.

Die Übersetzerin Claudia Dathe übertrug das Buch aus dem Ukrainischen. Herausgegeben hat es Roksolana Sviato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Diana Anfimiadi: Warum ich keine Gedichte schreibe Wieser Verlag

„Dichtung – eine der Sprachen,
 denen das Aussterben droht“

Die 1982 geborene Georgierin Diana Anfimiadi hat mich mit ihren Gedichten in mehrfacher Hinsicht überrascht und froh gemacht. Allein der Titel des kürzlich erschienenen Bandes war eine Offenbarung, hadere ich doch mitunter selbst, ob ich nun weiter Lyrik schreiben soll oder es lassen. Zum Glück tut es die Dichterin ja doch, denn ihre Gedichte sind echte Kunstwerke. Über allem steht ihr großes Thema: Die Sprache und die Liebe zur Sprache. Denn oft erscheinen mir ihre Verse als Liebesgedichte, die sich dann als Hymnen an die Sprache, besonders auch an vergessene oder vom Aussterben bedrohte Sprachen entpuppen. Dabei sind sie oft von Motiven aus der antiken Mythologie durchzogen, aber eben vorrangig auch vom alltäglichen Erleben geprägt.

aufs Brot strich ich dir Butter,
wie man mit der Hand über die Hand streicht,
sparsam, um dich daran zu gewöhnen.
Einst war ich, von deinem Fenster aus, ein Lichtbaum,
du pflücktest Fledermäuse, Früchte der unreifen Angst,
einst war ich der Kühlschrank und nur für dich
pochte mir das Erdbeereis im Gefrierfach“

Anfimiadi erzeugt mit ihrer Sprachzauberei wunderschöne Bilder, eine gewaltige Kraft, die zeigt, was man aus Worten machen kann, wenn man sie ganz eigen und gekonnt zusammenfügt. So wird im Gedicht „Orchester“, aus den Passagieren eines U-Bahn-Waggons ein Orchester. Aus den Geräuschen der Atembewegungen der anderen und schließlich der eigenen erzeugt sie eine Klangkomposition. In „Etüden“ wird aus der Klavierstunde eines Mädchens ein ganz eigenes Lied:

„die Lehrerin sagt:
Um Chopin zu erreichen,

brauchst du eine bessere Technik.
Als wäre Chopin ein Vanillepudding
in der Mitte des Tisches –
ich bin zu klein, ich erreiche ihn nicht“

Mithilfe der Natur und der Götter entstanden hier Gedichte, die immense Auswirkungen haben. Nichts bleibt hier unbesehen, unbeachtet. Eine große Aufmerksamkeit und Liebe lese ich aus ihnen heraus und in sie hinein. Die Liebe, so wie sie sich zeigt, sei es im Alltag der Dichterin oder im antiken Griechenland mit Penelope, die auf den Ihren wartet. Trojanische Pferde tauchen ebenso auf, wie Kassiopeia, Eurydike, Helena und Medusa. All das wird einbezogen in die alltägliche Welt und in die Weite der Sprache. Mir erscheinen die Gedichte durchweg weiblich. Erklären kann ich das nicht. Im Gedicht „Kassiopeia“ ist die Rede von einem georgischen Sprichwort, das ich wunderschön finde:

„… so schwieg ich – das heißt: ich singe verkehrt herum.
>>Und trotzdem starb ich nicht, ich bin verkehrt herum an
                                                          den Himmel genäht,“

In den Anmerkungen heißt es dazu: „an den Himmel angenäht“ bedeutet so viel wie „vom Tod vergessen sein“ oder „über seine Zeit hinaus leben“.

Es ist auch viel von einem Liebes-Du die Rede, welches das lyrische Ich nicht immer nur froh stimmt. Von der Natur und den heiligen Dingen – einige Gedichte heißen Gebete. Aber eben auch vom Tod und Sterben. Von schnöden Körperlichkeiten. Von den Zusammenhängen und von den Zerwürfnissen unserer Welt. Nicht alles, was die Dichterin im Kontext mit ihren antiken Figuren erzählt, kann ich mir erklären. Dazu fehlen mir die genaueren Kenntnisse. Doch ist ihre Sprache durchweg so begreiflich, dass ein Nichtverstehen dabei zurück steht und ein Einfühlen daraus werden kann. Die Bilder, die Anfimiadi erzeugt sind ohnehin so stark, dass ich sie nur bewundern kann. Eines meiner Liebsten hier:

Der Wald steht am Fenster
rauscht,
schaut mich mit ängstlichen Eichhörnchen an,
er schaukelt in der Hängematte der Stimmen,
mal läuft er weg, mal kehrt er zurück,
neugierig und finster“

„Warum ich keine Gedichte schreibe“ erschien im Wieser Verlag. Großes Können steckt in der Übersetzung/Übertragung der Gedichte von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt. Das Übersetzer-Duo kenne ich bereits aus dem wunderbaren Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua. Ich danke Verlag und Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.