Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Viel Freude!

aus „diese kleinen,in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde“ von Carl-Christian Elze

Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/04/13/carl-christian-elze-diese-kleinen-in-der-luft-haengenden-bergpredigenden-gebilde-verlagshaus-berlin/

Clairice Lispector: Die Flucht und andere Erzählungen Random House Audio

Schon lange schleiche ich um die brasilianische Autorin Clarice Lispector herum. Immer wieder taucht sie auf, doch scheint sie immer noch ein Geheimtipp zu sein. Zuletzt hat nun der Penguin Verlag ihre Erzählungen neu herausgegeben. Ich höre ab und zu gerne Hörbücher, eher Lesungen als Hörspiele und habe mir deshalb die Lesung von Erzählungen Lispectors von Hannelore Hoger interpretiert, vorgenommen. Hoger ist eine Kennerin und Verehrerin Lispectors. Es sind zwei Cd`s mit kürzeren und längeren Stories, die sie selbst ausgewählt hat. Hannelore Hogers Altersstimme schien mir mitunter etwas zu betulich für die Wucht der Kurzgeschichten Lispectors. Dennoch haben die Geschichten mich in ihren Bann gezogen.

Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen. 

Die Autorin hat eine besondere Art das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Frauen sind die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt. Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Freund Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Beziehung. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie eines Morgens aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt.
Die Geschichte „Die kleinste Frau der Welt“ führt uns nach Zentralafrika zu den Pygmäen. Ein Forscher entdeckt den Stamm der kleinsten Pygmäen. Verständigen kann er sich kaum, doch die Leserin merkt schnell, dass die kleine schwangere Pygmäenfrau ganz andere Vorstellungen von Sprache und Ausdruck hat. Später wird in einer bekannten Zeitung das Foto dieser nur 45 cm großen Frau erscheinen und Lispector zeigt uns, wie die Menschen, die das Foto sehen darauf reagieren. Überwiegend wenig schmeichelhaftes tritt da zutage: von Ekel bis Befremdlichkeit, von Bedauern bis Gerührtheit. Aber auch ein „Gott weiß was er tut„. Man muss die Geschichte selbst lesen oder hören, um das ganze Ausmaß zu erkennen und man muss sie natürlich vor dem Hintergrund der Zeit des Entstehens sehen.

Generell erscheinen mir die Stories auf CD 1 stärker als die folgenden. Wobei, die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ einen krönenden Abschluss bildet. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Das Hörbuch bietet dabei einen guten Einstieg. 

Die Erzählungen sind den beiden Bänden Gesammelte Erzählungen entnommen, die neu übersetzt wurden von Luis Ruby. Die CD erschien bei Random House Audio. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

 

Katja Kettu: Die Unbezwingbare Ecco Verlag

Katja Kettus Roman ist einer von mehreren Romanen, die ich in letzter Zeit las, die sich mit dem Thema der Ausgrenzung indigener Völker beschäftigen und sich speziell auch dem Missbrauch von und Gewalt gegen Mädchen und Frauen widmen. Da gab es im letzten Jahr zum Buchmesse Thema Kanada schon den Roman „Klee Wyck“ von Emily Carr, jetzt neu den Roman „Gestapelte Frauen“ von Patricia Melo, dessen Handlung im brasilianischen Amazonasgebiet spielt und Julia Phillips Roman „Das Verschwinden der Erde“, der auf der russischen Halbinsel Kamtschatka spielt.

„meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.“

Katja Kettus Roman führt in die USA und dort in das Reservat Font du Lac in Minnesota. Sie verbindet darin das Leben des indigenen Stammes der Ojibwe mit dem einer Gruppe ausgewanderter Finnen. Die 20 Kapitel, die jeweils mit indianischen Überschriften beginnen, spielen teils 1973 teils 2018. Sie sind jeweils Briefen nachempfunden, die direkt ein „Du“ ansprechen. Kattja Kettu hat im Vorfeld des Romans viel recherchiert und auch längere Zeit in finnisch/indianischen Gemeinschaften verbracht. Dabei wollte sie auch die Geschichte ihrer eigenen Vorfahren erforschen.

Es beginnt mit der Reise von Lempi, Tochter des Finnen Ettu und der Ochibwe Rose Feathers, in das Reservat, in dem sie ihre Kindheit verbrachte bis sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter als 8-jährige ins Internat in die Stadt gebracht wurde. Mittlerweile sind 45 Jahre vergangen und man beschuldigt den kranken Ettu, ein Mädchen versteckt zu halten. Bei der Begegnung mit dem Vater, aber auch mit einem Mann, dem Indigenen Jim Graupelz, mit dem sie damals viel verband, kommen Erinnerungen hoch und Lempi erhält Briefe, die einst die Mutter vor ihrem Verschwinden an sie schrieb. Darin geht es immer wieder auch um die Suche der Mutter nach verschwundenen Mädchen und ihre Aktivität in der Indianerbewegung. Lempi begegnet ihrer stolzen indianischen Großmutter Patti, sie nimmt an einem Pow Wow teil, einem Fest mit rituellen Tänzen und sie trifft immer wieder auf den verheirateten Jim Graupelz, zu dem es sie sehr hinzieht. Ihm sind auch die Briefe gewidmet, aus denen wir die Geschichte erfahren.

Von Lempi selbst erfährt man immer nur Fragmente, die darauf hindeuten, dass sie als Kind im Internat durch Zwang und Gewalt dazu gebracht wurde ihre Sprache und Kultur aufzugeben. Und auch, dass sie sich in der Stadt und in der Welt der „Weißen“ immer unwohler fühlt. Sie entdeckt bei diesem Besuch ihre Wurzeln, Mutter und Großmutter waren Heilerinnen mit großer Naturverbundenheit, und dröselt nach und nach die Geheimnisse dieses seltsamen Ortes und ihrer eigenen Familie auf. Es geht um Gewalt und um Missbrauch. Am Ende beschließt Lempi alias Kleine Tatze wieder abzureisen; ob sie es dann wirklich tut oder ob sie es sich anders überlegt, bleibt unserer Phantasie überlassen, wie überhaupt sehr viel in diesem Roman zwischen den Zeilen zu finden ist.

„Es war Frühling, als in mir das Blut erblühte und Mutter mich zum Lauf des Baches führte, noch hinter die Stelle, wo der achtfüßige Wasserfall die Wasser der Widjiw-Berge auch bei der größten Hitze hinabstürzen lässt und wo die grünhaarigen alten Steine im Strom der Zeit meditieren. Ich weiß noch, dass es nach dem Spätwinter endlich warm geworden war, die Birken hatten grüne Mäuseöhrchen, aber aus den Schatten der Moosbülten starrten noch traurige Augen.“

Das ganz Besondere an diesem Roman ist die Atmosphäre, in dem er spielt und die durch die außergewöhnliche Sprache starke Bilder erzeugt. So verwendet Kettu Worte wie „baumnadelknisternder Zorn“, „die knotige Faust eines Gewitters“, „wurmige Welt“ oder „rundknollige Jahre“. Das funktioniert im Kontext der Geschichte ganz wunderbar. Der Roman lebt von mystischen Geschehnissen, von unausgesprochenen Wahrheiten und in aller Düsternis, die natürlich durch Lempis Nachforschungen zum Vorschein kommt, von einer unverstellten direkten Poesie, wie ich sie sonst oft nur aus Gedichten kenne. Ein Leuchten!

„Die Unbezwingbare“ erschien im neuen Ecco Verlag, der nur Bücher von Autorinnen verlegt. Die große Übersetzungsleistung kommt von Angela Plöger. Gewünscht hätte ich mir ein Glossar, dass die vielen indianischen Begriffe erklärt. Ein Vorwort und ein Interview mit der Autorin auf der Verlagsseite sind aufschlussreich.

Weitere begeisterte Besprechungen gibt es auf den Blogs Letteratura und BooksterHRO.

Juli Zeh: Über Menschen Luchterhand Verlag

„Dora mag keine absoluten Weisheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.“

Juli Zehs Romanheldin Dora ist eine, die scheinbar perfekt in die Berliner Szene passt. Bestens bezahlter Job in einer hippen Werbeagentur, wo alle „Wir sind eine Familie“ spielen. Super Altbauwohnung in Kreuzberg zusammen mit dem passenden Partner, Robert, Journalist, der über brisante Themen, wie Umweltschutz, Klimawandel etc. berichtet. Gut integriert im Freundeskreis. Alles läuft super, bis Robert zum dogmatischen Klima-Aktivisten wird. Alles dreht sich nur noch um Greta und um Fridays for Future. Dora fühlt sich übersehen bis gegängelt. Als das C-Virus auftaucht stürzt sich Robert mit voller Kraft in die Bekämpfung des Virus, wird zum „Corona-Aktivisten“. Für die Zweiflerin Dora ist es der Albtraum schlechthin. Als er ihr verbieten will, lange Spaziergänge mit ihrer Hündin zu machen, platzt Dora der Kragen. Sie zieht von jetzt auf gleich aus. Nach Bracken im ländlichen Brandenburg, wo sie sich in offensichtlich weiser Voraussicht und mit Einsatz all ihrer Ersparnisse ein Häuschen mit großem Garten gekauft hat.

„Aber dann kam das Virus. Robert konvertierte vom Klimaaktivisten zum Epidemiologen, und die Welt stand Kopf. Man rief das Ende der guten alten Zeiten aus. Nie wieder würde das Leben sein, wie es gewesen war. Virologen wurden zu Medienstars, Zeitungen fragten Prominente, wofür sie beteten. Das große Mitmachen war übermächtig.“

Dass ihr Nachbar, von dessen Grundstück sie eine hohe Mauer trennt, sich gleich als „Dorf-Nazi“ vorstellt und in Laufe der Geschichte auch so gebärdet, ist mir zuwider. Dass Dora sich von ihm Möbel restaurieren lässt, mit ihm bald jeden Abend die letzte Zigarette über die trennende Mauer hinweg raucht, ist mir unbegreiflich. Aber da ist eben auch seine Tochter Franzi, die sich in Doras Hund verguckt, da ist auch eine raue, irgendwie ehrliche Zugewandtheit. Und tatsächlich: immer wenn Dora sich beinahe als befreundet mit ihm fühlt, kommt der nächste Schock – vorbestraft, wegen Messerstecherei, mit dem Vater bei den fremdenfeindlichen Übergriffen der Nazis einst in Rostock-Langenhagen etc. Wie Dora bin ich dauernd hin- und hergerissen. Wie Dora versuche ich mich irgendwo einzuordnen.

„Die Worte klingen richtig, und es hat sich herrlich angefühlt, sie herauszuschreien. „Und ob ich besser bin.“ Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst.“

Juli Zeh hat das sehr geschickt konstruiert. Immer wenn man sich seiner Meinung über die Protagonisten sicher ist, wird sie wieder hinterfragt. Denn in der Provinz ist das Leben eben komplett anders als in Berlin. Da fährt der Bus nur 3x am Tag, da braucht man ein Auto, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, da wird in kaum etwas investiert, da werden Menschen von „denen da oben“ vergessen.

Zehs Roman hat mich diesmal auch vom Thema her sehr interessiert. Im ersten von drei Teilen überzeugt mich die Autorin am meisten. Das Kapitel, das bereits von Bracken aus rückwirkend über das Berliner Leben und die Zuspitzung der Situation durch C. erzählt, ist brillant, auch sprachlich. Hier zeigen sich auch deutlich die Spaltungen, die das tägliche Leben durchziehen. Immer geht es um die Entscheidung für oder gegen etwas zu sein. Unentschieden und dazwischen gibt es offenbar nicht mehr. Auch das Dorfmilieu schildert sie großartig und mit feinem Humor. Ihre Figuren, wesentlich weniger diesmal als noch in „Unterleuten“, sind glasklar gezeichnet, wie etwa das schwule Paar Tom und Steffen, Heini, der „Serien-Griller“ oder Sadie, die alleinerziehende Mutter. Wenn es um Doras „Beziehung“ zu Gote, dem Nazi geht, wird es mir manchmal zu süßlich, ja fast romantisch. Zum Glück endet das Buch dann aber nicht wie im Märchen von der Verwandlung eines Nazis in einen Gutmenschen. Das wäre zu viel. Aber eben halt doch irgendwie traurig … Ein Buch, dass herausfordernd ist, im besten Sinne, den Blick weitet und Sichtweisen auf den Kopf stellt.

Eine aufschlussreiches, hochinteressantes Interview mit Juli Zeh, die auch ehrenamtliche Richterin in Brandenburg ist, gibt es beim SWR.

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sonntags-Literatürchen

In Form der Literarischen Adventtürchen gibt es nun jeden Sonntag ein Türchen zu leuchtender Literatur. Viel Freude!

Aus „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ von Peter Handke

Meine (sehr persönliche) Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/10/12/peter-handke-mein-jahr-in-der-niemandsbucht-oder-wie-ich-ins-nirgendwo-gelangte-eine-herzenssache/

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen Hanser Verlag

Seit „Eileen“ und „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ bin ich großer Fan von Ottessa Moshfegh. Deshalb freute ich mich sehr auf den neuen Roman, der nun nicht mehr im Liebeskind Verlag erschien, wie seine Vorgänger. Zunächst war ich allerdings etwas enttäuscht. Mir erschien die Art der Sprache, der ganze Duktus anders als vorher. Ich dachte, vielleicht liegt es an der Übersetzung. Doch es war die gleiche Übersetzerin, Anke Caroline Burger. Ich las weiter und langsam aber sicher sprang der Funke über. Denn auch die Tiefe der Geschichte zeigt sich erst in ihrer fortdauernden Entwicklung. Ab der Hälfte war ich dann gespannt wie ein Flitzebogen. (Inzwischen weiß ich, dass das Buch bereits vor den beiden oben genannten erschien, vielleicht erklärt das meine anfängliche Zögerlichkeit). Und als ich das Buch zuklappte, war ich wieder höchst beeindruckt, was die Autorin da mit ihren Lesern macht. Vor allem nun auch gerade in der Vielfalt ihrer Figuren der einzelnen Romane. Das ist sehr gekonnt, immer wieder andere Charaktere vollkommen überzeugend und immer einzigartig in ihrer Seltsamheit und Verlorenheit wirken zu lassen.

„Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“

So beginnt die Geschichte um Vesta und ihren Hund Charlie, die gerade in ein kleines einsam am See in Levant, Maine, USA gelegenes Holzhaus gezogen ist. Auf einem ihrer Spaziergänge durch die nahen Wälder findet sie einen Zettel mit diesen Worten. Nun könnte man dieses Zettel einfach liegenlassen und ignorieren und weiter spazieren. Doch das macht Vesta nicht. Sie nimmt den Zettel mit und beginnt zu rätseln. Vesta ist nach dem Tod ihres Mannes ans andere Ende des Landes gezogen und lebt sparsam und zurückgezogen mit dem geliebten Hund Charlie. Sie begegnet kaum anderen Menschen und ist auch froh darum. Umso mehr erschüttert sie diese Botschaft. Sie fühlt sich angesprochen und verpflichtet der Sache nachzugehen. Zunächst überlegt sie wer hinter dem Namen Magda stecken könnte. Dann versucht sie die wenigen Menschen, die sie in der Umgebung kennt, ihre Nachbarn, die Leute aus dem Supermarkt, sogar den unangenehmen Polizisten, damit in Verbindung zu bringen. Sie fährt zur Recherche in die kleine Stadtbücherei, weil sie im Haus kein Internet, ja nicht mal Telefon hat. Je mehr Zeit sie in diesen scheinbaren Hilferuf investiert, je stärker sie sich als Aufklärerin des Mordes an Magda identifiziert, desto undurchsichtiger werden die Geschehnisse für uns Leser/innen. 

Zwischendurch erfahren wir von Vestas Ehemann, der alles andere als liebevoll und zugewandt war, sondern ein regelrechter Macho, Tyrann und Ehebrecher. Wir lesen über die lieblose Kindheit in der italienischen Auswandererfamilie und den Versuch des Aufstiegs durch die Heirat, die vom Regen in die Traufe führt. Wir lesen, wie befreit sie sich nach der langen Pflege durch den Tod des Mannes fühlte. Wir lesen aber auch von der Einsamkeit einer alten Frau, die selbst am Essen sparen muss und deren Hund ihr einziger Vertrauter ist. Als Charlie dann eines Tages verschwindet, bricht die ganze Trauer aus ihr heraus.

„Und dann dachte ich an meine Einsamkeit, an den näher rückenden Tod, dass mich niemand kannte, dass mein Tod niemandem nahegehen würde. Ich dachte an meine seit Langem tote Eltern, wie wenig Liebe sie mir geschenkt hatten. Ich dachte an Walter mit seinen widerlich nachsichtigen Zärtlichkeiten. Selbst wenn er liebevoll zu mir sein wollte, bevormundete er mich und behandelte mich von oben herab. Ich war noch nie richtig geliebt worden.“

Sowieso passieren im Laufe der Geschichte allerlei seltsame Dinge. Die im Garten ausgesäten gerade gekeimten Pflänzchen wurden über Nacht ausgebuddelt, von Weitem vom See aus sieht es aus, als wären Leute im Inneren des Hauses, der Polizist verhält sich noch sonderbarer als sonst und bei einem unangekündigten Besuch bei den Nachbarn, bei denen ein Fest stattfindet, fällt Vesta aus unerfindlichen Gründen in tiefe Ohnmacht. Im Verlauf der Geschichte ist auch nicht mehr so klar, ob das alles in Wirklichkeit passiert oder in Vestas Fantasie oder gar durch ein allzu sehr gereiztes Nervenkostüm. Möge jede Leserin selbst erkunden, ob die Geschehnisse sich wirklich so zugetragen haben. Ich kann das Buch jedenfalls sehr empfehlen. Ein Leuchten!

„Der Tod in ihren Händen“ erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 
 
 

Andreas Maier: Die Städte Suhrkamp Verlag

Der achte Band des auf elf Teile angelegte Romanzyklus „Ortsumgehung“ von Andreas Maier ist erschienen! Beinahe jedes Jahr gibt es einen neuen Band, der von mir immer sehnlichst erwartet wird, denn ich bin großer Fan des Erzählstils von Maier. Es sind autobiographische Schriften, womöglich in Anlehnung an Thomas Bernhard, dessen Prosa Thema der Dissertation Maiers war. Auch Maier hat einen sehr eigenen Stil, den ich sehr amüsant finde, zudem ergibt sich bei mir oft ein Wiedererkennungseffekt, da ich im selben Jahr wie Maier geboren bin und somit ähnliche Kindheitsszenarien kenne. 

Andreas Maier wuchs in der Wetterau Nähe Frankfurt am Main auf und nimmt uns diesmal mit auf Reisen. Da sind die Kindheitsreisen mit den Eltern und den Geschwistern in den Ferien. Meist immer ans gleiche Ziel: Das eigene Ferienhaus in Brixen in Südtirol, wo immer die gleichen Abläufe vor sich gehen. Die selben Touren immer mit dem Auto, mit dem Mercedes Benz, denn der Vater ist wohlhabender Rechtsanwalt. Die täglichen Ausflüge und das Köfferchen mit den geliebten Asterixheften, die zum xten Mal gelesen werden, bereits auf der Anreise beim Autofahren.

Auch bei einer klassischen Bildungsreise der Eltern nach Griechenland ist Andreas noch dabei. Der 13-jährige Teenager sitzt dann allerdings meist an der Hotelbar und trinkt Ouzo in südländischer Langsamkeit, statt die Eltern bei den Besichtigungstouren zu begleiten. Die erste Reise allein, bzw. mit einem etwas älteren Schulfreund führt nach Frankreich, nach Biarritz und zwar per Anhalter. Schnell zeigen sich allerdings die Unterschiede zwischen den beiden Jungen. Der eine interessiert sich vor allem für Strand und Mädchen, während Andreas sich irgendwie so gar nicht zielgerichtet lieber treiben und überraschen lässt. 

Der interessanteste Teil spielt in einem piemontesischen Dorf, in dem Andreas, durch eine Freundin vermittelt, viele Wochen in einer Ferienwohnung verbringt. Mit dem Vorsatz, sich umzubringen ist er losgefahren, hadert jedoch von Tag zu Tag damit. Das Wie und Wo will bedacht sein. Das Warum erfährt die Leserin nicht, vermutet aber, dass es eine typische melancholische Stimmung einer bestimmten Altersgruppe ist, die dazu neigt. Auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Schreiben scheint eine Rolle zu spielen. Trotz des scheinbaren Ernsts der Situation, ist dies auch die witzigste Geschichte im Buch. Denn A. beginnt plötzlich Italienisch zu lernen und seine ersten Kenntnisse im Laden und in der Pizzeria bei der hübschen Kellnerin anzuwenden. Das ist natürlich eine Zukunftszugewandtheit in der ein Suizid keinen Platz hat.

„Besuch hatte sich angekündigt. Mein Freund Jan Plaumann und ein weiterer Bekannter würden nach Oulx kommen, in meine Wohnung. Da konnte ich mich natürlich auch wiederum nicht umbringen. Vorher wollte ich nicht, denn der Besuch würde spaßig werden, das wußte ich im voraus. Den Besuch konnte ich gerne noch mitnehmen.“

Zuletzt, Andreas ist nun bereits 32, Doktorand und hat einen Roman geschrieben, geht es nach Weimar. Es ist das Jahr 2000, ein Jahr nachdem Weimar Kulturhauptstadt Europas war. Ich erinnere mich gut daran, habe ich doch damals in Thüringen gelebt und selbst viele der Veranstaltungen besucht. Maier ist angereist zu einer Lesung anlässlich des Nietzsche-Geburtstags. Er erzählt vor allem von den vielen Nazis, die ihm dort begegnen und von den Weimarern, die er, aufgrund einer einzigen skurrilen Begegnung als sehr provinziell darstellt, was ich ein wenig unglücklich bis überheblich finde, denn an zwei Besuchen in Weimar kann man sicher keinen hinreichenden Eindruck von der Bevölkerung erlangen. Ich selbst habe die kulturellen Veranstaltungen dort mit sehr aufgeschlossenem und buntem Publikum erlebt. 

„Die Städte“ erschien im Suhrkamp Verlag. Die Besprechung zum letzten Band „Die Familie“ findet sich hier. Dort kann man auch die jeweils vorherige Besprechung der einzelnen Bände finden. 

Eine weitere Besprechung des Buches gibt es auf dem Blog BooksterHRO