Norbert Scheuer: Die Sprache der Vögel C. H. Beck Verlag

Nach „Winterbienen“, bereits hier auf dem Blog besprochen, lag Norbert Scheuers Roman „Die Sprache der Vögel“ schon hier zum Lesen bereit. In seinem gerade erschienenen Roman „Mutabor“ tauchen nun Figuren aus vorherigen Romanen auf und ich entschloss mich vorher noch „Die Sprache der Vögel“ zu lesen. Beide Romane sind, wie auch Winterbienen, mit zarten Schwarz/Weiß-Bildern illustriert, die mir sehr gefallen. Im Abspann erfährt man, dass Scheuers Sohn die stimmigen Illustrationen gefertigt hat. Der Autor, der in der Eifel lebt und dessen Romane auch immer zumindest teilweise dort spielen, hat eine unspektakuläre und wohltuend mainstreamferne Art zu schreiben. Ich mag das sehr.

In mehreren Strängen erzählt Scheuer hier die Geschichte von Paul Arimond, der sich als Sanitätsoffizier in Afghanistan aufhält und dort bei jeder sich bietenden Gelegenheit Vögel beobachtet. Es kommt einem beim Lesen beinahe zwanghaft vor, doch erfährt man nach und nach, was es damit auf sich hat.

Was anfangs als eine ganz einfache schlichte Geschichte beginnt, fächert sich nach und nach auf und entfaltet sich, bis die Leserin Einblick erhält, warum alles genauso passiert, wie es passieren muss. Fliegen – das ist das Stichwort, dass in diesem Roman (wie auch in Winterbienen) über allem steht. Beginnend mit Ambrosius Arimond, einem Urahnen von Paul (auch ihn kennen wir schon aus Winterbienen), der sich mit der Sprache der Vögel beschäftigte und viele Länder bereiste, um darüber zu forschen. Unter anderem auch das heutige Afghanistan, was vielleicht mit ein Grund war für Pauls Entscheidung. Ein weiterer Grund, wir bekommen immer wieder kleine Hinweise darauf, ist die obsessive Vogelbeobachtung des Vaters von Paul, der sich im Sport als Hochspringer hervortat und der nach und nach, auch aufgrund, der Geschehnisse in seiner Ehe, seinen Sprungstil verfeinert, in der verrückten Annahme dann abheben und fliegen zu können …


Paul übernimmt die Passion der Vogelbeobachtung des Vaters und begibt sich in dem gut gesicherten Lager, in dem er stationiert ist, damit immer wieder in Gefahr, bis er dort nicht mehr tragbar ist. Hals über Kopf hatte er sich zum Wehrdienst verpflichtet, nachdem er mit seiner Freundin und einem Freund einen Unfall hatte, an dem er sich die Schuld gibt.

Als Rahmenhandlung dient eine Frau, Helena, die mit ihrem Mann Ignatz auch in Mutabor auftaucht, aus Pauls Heimatort. Sie liest die Aufzeichnungen von Paul, die er mit Vogelzeichnungen unterlegt hat, die für ihn als eine Art Tagebuch in Afghanistan fungierten. Sie erhielt sie von einem Soldaten, einem Kameraden Pauls.

„Sergej neben mir gähnt, ihn interessiert das nicht. Er holt seinen Zauberwürfel aus der Tasche und dreht ihn unter der Bank. Gestern hat er mir erzählt, dass er dabei alles vergessen kann. Vielleicht kommt es im Leben nur darauf an, irgendetwas zu finden, bei dem alles andere in Vergessenheit gerät.“

Mich hat der Roman sehr fasziniert, vor allem aufgrund seiner klugen Konstruktion, die zunächst viel im Verborgenen lässt. Auch am Ende stehen noch Fragen, die ich aber gut unbeantwortet stehen lassen kann (teilweise werden sie in Mutabor beantwortet). Es passt einfach zu Scheuers Erzählart. Ein Leuchten!

Im folgenden Blogbeitrag schreibe ich über den neuen Roman „Mutabor“. Beide Romane sind im C. H. Beck Verlag erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2022

Schon zu einer schönen Gewohnheit geworden: Mein Blick auf die Lyrik in den Herbstvorschauen 2022 der Verlage. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!


Kein Tag ohne“ ist eine lyrische Chronik der vergangenen zwei Jahre – persönlich, intim und zugleich Ilma Rakusas politischstes Buch. Von Oktober 2020 bis Februar 2022 vergeht für sie kaum ein Tag ohne Gedicht. Ilma Rakusa ist Kosmopolitin, eine femme de lettre und Expertin Osteuropas. Dass sie diese grauenhaften und schockierenden Ereignisse nicht unberührt lassen, zeigen Zeilen wie diese: »du willst noch retten / was zu retten ist / nur wie? / ein Wechselbad ist diese Zeit / ihr Siegel: / Bitterkeit« (Vorschautext) Der Band erscheint am 26.8.22 im Literaturverlag Droschl. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/02/25/ilma-rakusa-impressum-langsames-licht-literaturverlag-droschl/

Die poetischen Texte Yoko Tawadas versetzen die Bilder, das Denken, die Sprache in tänzerische Bewegung, Zusammenhänge springen heraus, verschwinden, Gegenwärtiges erscheint in einem anderen klaren Licht. Leben wird spürbar, im Körper und über Grenzen hinaus. Bewegungen zwischen Zeichen, Existenzfomen, Gegenden der Welt, Wörtern, die wie in allen Texten der Autorin verborgenen Sinn sichtbar werden lassen. Neue Gedichte und Kurzprosa, die meisten auf Deutsch geschrieben, eine Serie (»Steine«) aus dem Japanischen übersetzt von Peter Pörtner. (Vorschautext) Porträt eines Kreisels erscheint am 22.9.22 im Konkursbuch Verlag. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/22/yoko-tawada-ein-balkonplatz-fuer-fluechtige-abende-konkursbuch-verlag/

Dana Rangas erster, auf Rumänisch geschriebener und von Ernest Wichner nun übersetzter Gedichtband ist Aufbruch in die Welt der Poesie und Abschied aus einer rumänisch geprägten Welt- und Wirklichkeitswahrnehmung. Aufrufung überbordender und burlesker Phantasmen und krude Bestandsaufnahme von Missgeschick und Bitternis und schlichtem, bedrängendem Alltag. All dies getragen von der Macht der Poesie, jener Schönheit, die noch in den düstersten Winkeln grauer Alltagsfotografien einen Moment aufblitzen lassen kann, in dem sich etwas öffnet, verwandelt und Wert ist aufgehoben und weitergesagt zu werden. (Vorschautext) Stop Die Pausen des Sisyphos erscheint am 13.10.22 im Matthes & Seitz Verlag.


In Lina Atfahs Gedichten finden Verwandlungen statt, nicht nur von Welt und Biografie in Sprache, sondern ganz konkret, wenn die ­Dichterin zunächst als Kiesel von den Wellen hin- und hergerollt, sodann eine ­Schnecke, eine Pflanze, ein Baum und ein Vogel wird, schließlich zu dem »Wesen, das mit fünf Fingern Dinge festhält«. n ihrem neuen Gedichtband verbindet Lina Atfah aktuelle gesellschaftliche Themen und Wahrnehmungen mit der Sprachgewalt magischer Bilder. (Vorschautext) Grabtuch aus Schmetterlingen erscheint am 6.10.22 im Pendragon Verlag. Von der Autorin bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/06/30/lina-atfah-das-buch-von-der-fehlenden-ankunft-pendragon-verlag/

Sirka Elspaß trifft in ihrem Debüt einen einzigartigen Ton zwischen Pop und Poesie, existenzieller Wucht und müheloser Leichtigkeit. Emotionale Verletzungen, Momente der Einsamkeit und psychische Krisen werden in glasklare, pointierte Bilder gefasst. So schön und so traurig, so herzergreifend und klug, auch weil die Autorin weiß: »niemand steht über den dingen / wir stehen alle mittendrin«. (Vorschautext) „ich föhne mir meine wimpern“ erscheint am 10.10.22 im Suhrkamp Verlag.

Wenn der Lyriker Walle Sayer erzählt, sucht er den Punkt, den Augenblick, die Wendung, den Gedankensprung, mit dem oder durch den Prosaisches in Poesie übergeht. Ihn zu lesen: eine wahre Entdeckungsreise! Zwischen unserem ›Gegenwartsgewusel‹ und dem ›Damalsjetzt‹ erstrecken sich seine neue Miniaturen. »Weißt du noch«, klingt’s in seinem ›Wehmoll‹ an: »als du, so das Nichtstun meditierend, im Schneidersitz zusahst, wie sich auf den gegenüberliegenden Häuserdächern an den Fernsehantennen die Krähen sammelten, daraufhin in den Wohnzimmern darunter das Bild zu rauschen begann …« (Vorschautext) „Das Zusammenfalten der Zeit“ erscheint im September 22 im Kröner Verlag. Vom Autor bereits besprochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/07/14/walle-sayer-was-in-die-streichholzschachtel-passte-kloepfer-meyer-verlag/


Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition in die menschliche Existenz. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver)Zweifeln. „panik/paradies“ eröffnet uns Leser*innen ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Geschichte und wie wir sie erzählen, tradiertes Wissen und reflektierte Kritik, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben. Es ist Elzes unverwechselbarer Ton, sein Flow, sein Atem. „panik/paradies“ ist nichts weniger als eine unbedingte, eine schonungslose Hingabe an die Existenz und an die scheinbar unendlichen Fragen, die sie aufwirft. Der Band erscheint im November 2022 im Verlagshaus Berlin. Vom Autor bereits bespochen: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/14/carl-christian-elze-langsames-ermatten-im-labyrinth-verlagshaus-berlin/

In Motels, im Einkaufszentrum und auf Skype, in Danzig, Zürich oder Manhattan ist Tadeusz Dąbrowski lesend und schreibend unterwegs. Seine Gedichte handeln von Liebe und vom Leben in der Gegenwart, nehmen aber ebenso das Nachbeben vergangener Konflikte auf, indem sie in Sarajevo lesen lassen wie in einem Buch, an die Freilassung von Gefangenen appellieren oder die Spuren von Soldaten auf der Prager Karlsbrücke entziffern. Vor allem setzt Tadeusz Dąbrowski sich mit dem Einfluss des katholischen Erbes auseinander und bringt das freiheitliche Wort der Dichtung damit in Dialog. (Vorschautext) „Wenn die Welt schläft“ erscheint am 16.08.22 im Schöffling Verlag.

Von der Kindheit in der Arbeiterklasse im ländlichen Michigan bis hin zu den gefährlichen Verlockungen von New York City: Virtuos bewegt sich Diane Seuss durch Gedanken und Zeit, Poesie und Punk, AIDS und Sucht, Glaube und Mutterschaft. Trotz drastischer biographischer Erfahrungen verliert Diane Seuss nicht den Humor. In ihrem mal scho­nungslos ehrlichen, mal politisch-pointierten oder lyrisch-verspielten Witz steckt aber auch eine Verletzung, ein Schmerz. In diesen Momenten wird der Humor zum Werkzeug, zum Mittel, um ein an Enttäuschungen reiches Leben zu bewältigen. (Vorschautext) „Frank: Sonette“ erscheint im September 22 im Maro Verlag.


Kann man in unserer Zeit noch an Poesie glauben? „Ich stelle sie mir so vor, noch immer fähig, / sich alles vorzustellen“, schreibt der spanische Dichter Abraham Gragera in seinem programmatischen Gedicht ‚Poesie‘. Lyrisch zu denken ist keine romantische Einbildung, keine Flucht aus unserer Zeit, sondern vielmehr eine Form des Realismus: Denn die poetische Vorstellungskraft schenkt uns auf heilsame Weise die ganze Wirklichkeit zurück, sie verwandelt das Sehen selbst und somit das Verhältnis der Menschen zueinander und zur Welt. Grageras Gedichte sind eine Meditation über unsere nachmetaphysische Zeit. (Vorschautext) „Die weniger einsame Zeit“ erscheint am 26.09.22 im Hanser Verlag.

Marieke Lucas Rijnevelds lyrisches Universum ist unnachahmlich und doch so vertraut. Seine Gedichte sind bevölkert von Fröschen, Schmetterlingen und Seesternen, von Vätern, denen schwierige Fragen gestellt werden, von unsterblichen Großmüttern und Jugendlichen auf ihrem Weg zu einer belastbaren Identität. Und doch scheint nichts belastbar in diesem Kosmos aus zarten Begegnungen und erschütternden Einsichten über Leben und Ableben: Erheiterndes wird tragisch, Statisches kommt ins Wanken, das Unsichtbare greift unvermittelt an. (Vorschautext) „Kalbskummer Phantomstute“ erscheint am 15.08.22 im Suhrkamp Verlag.

Bèstia („Bestie“) ist die erste Gedichtsammlung der preisgekrönten katalanischen Bestsellerautorin Irene Solà in deutscher Sprache. Mit ihrem poetischen Roman „Singe ich, tanzen die Berge“ wurde sie weltweit in über 21 Sprachen veröffentlicht und für ihre besonderen Erzählperspektiven bekannt. Auch in diesem Gedichtband erzählt Solà in besonderen, in tierischen Perspektiven. Ihre Gedichte sind düstere, aufrüttelnde und lyrisch präzise Erkundungen von Geschlecht, Identität, Sexualität und vielfältigen Formen des Begehrens. (Vorschautext) Der Band erscheint am 15.11.22 im Trabanten Verlag.

und last but not least: gar nicht mehr so geheime Geheimtipps:
(Cover können sich noch ändern)


„Meine poetische Arbeit tastet sich an der Grenze zwischen Fantasie und Erinnerung entlang. Ein Gedicht entzündet sich immer an etwas Konkretem, das beim Lesen oder Betrachten einer Szenerie unerwartet aus dem Gedächtnis auftaucht: ein Schlafanzug, eine Laubharke, eine Glasscherbe. Ohne das Konkrete hätte ich keinen Anlass zu schreiben. Und doch habe ich kein Interesse an realistischer Abbildung. Im Gegenteil: Mich interessiert, wie die Erinnerung Dinge und Szenen fortlaufend verwandelt.“ So beschreibt Friederike Haerter im Nachwort ihres Lyrikdebüts „Im Zugwind flüchtender Tage„, wie ihre Gedichte entstehen. Der Band erscheint im September 2022 im Aphaia Verlag.

Falterfragmente/Poussiere de papillon“ heißt der neue Gedichtband von Franziska Beyer-Lallauret. Er erscheint zweisprachig Französisch/Deutsch und enthält feine Illustrationen von Johanna Hansen. Es ist ein Zyklus in 5 Teilen, wobei die Gedichte von Liebe, Nähe, Distanz, Sehnsucht und Trauer sprechen, immer aber auch den Fokus auf Natur und Landschaft und deren Veränderungen richten. Der Band erscheint im Oktober 2022 im Dr. Ziethen Verlag.

wir ländern uns fort“ heißt der neue Lyrikband von Jayne-Ann Igel. Ein vieldeutiger geheimnisvoller Titel, wie ich finde. Im Buch finden sich auch Fotographien der Dichterin, die ein besonderes Geschick hat für ungewöhnliche Blickwinkel und Augenblicke. Zitat:
„sei sichel, sagte sie, die meine mutter war, sei die mit dem
kurzen stiel, und geh dahin, wo ich nie gewesen; mit worten
zu leben heißt, gegenorte zu bilden –“
Der Band erscheint im Herbst 2022 beim Gutleut Verlag.

Die dunkle Nacht der Seele Teil 2 – Psychische Erkrankungen in Roman und Graphic Novel

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Bereits im Jahr 2020 gab es hier einen Beitrag über das Thema Psyche im Buch: Depressionen/Psychische Erkrankungen/Psychiatrie. Ich finde es richtig, dass dieses Thema auch im Buch immer mehr Eingang findet. Menschen mit psychischen Erkrankungen werden noch immer stigmatisiert. Mich interessiert dieses Thema brennend. Vor allem dann, wenn es Autor*innen gelingt, aus oft (auto)biographischem Inhalt wirklich gute Literatur zu machen. Deshalb heute ein neuer ergänzender Beitrag über die Psyche. Sowohl in Prosa als auch in Graphic Novels habe ich Empfehlenswertes gelesen. Durch Klick auf das jeweilige Foto gehts zur ausführlichen Besprechung.

In „Gesichter“ erzählt Tove Ditlevsen von einer Autorin, die sich von Mann und Haushaltshilfe bedroht fühlt und sich selbst in die Psychiatrie begibt. Hier gehen die Wahnvorstellungen weiter, die drastisch aufgezeigt werden; woher sie kommen, eventuell gar von Drogenexperimenten, erfahren wir nicht.

In „Yoga“ erlebt der Autor dieses autobiografischen Romans, Emmanuel Carrère eine schwere Phase der Depressionen, die ihn länger schon begleiten. Yoga und Meditation helfen ihm unter anderem beim Bewältigen der Krankheit.

Gine Cornelia Pedersen erzählt in „Null“ von einer jungen Frau, die bereits früh im Leben mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert wird. Auch mehrere Versuche der Heilung in verschiedenen Kliniken, bringen nicht dauerhaft Hilfe. Bis sie ihren ganz eigenen, ziemlich abenteuerlichen und auch gefährlichen Weg findet, sich selbst zu helfen.

Einen seltsam anmutenden Titel „Triceratops“ trägt der Debütroman von Stephan Roiss. Wir gelangen in eine dysfunktionale Familie, in der vor allem der jüngere Sohn unter der psychischen Krankheit der Mutter zu leiden hat. Aus dem Gefühl heraus für ihr Wohl verantwortlich zu sein, kann er sich selbst nicht hinreichend weiter entwickeln. Dennoch versucht er einen eigenen Weg zu gehen, der ihn letztlich auch stärken wird.

Die farbenfrohe Graphic Novel „Fremde Blicke“ von Cynthia Hafliger thematisiert die Erkrankung Schizophrenie. Der besondere Blick liegt hier darauf, wie die Familie des betroffenen jungen Manns damit umgeht. Die Auffälligkeiten bemerken vor allem die anderen, er selbst hält alles für normal. Die dramatischen Ereignisse werden mit unterschiedlichem künstlerischem Material gut dargestellt.

„Black Box Blues“ von „Ambra Durante“ zeigt in schwarz/weiß-Bildern, wie sich die eigene Depression der jungen Künstlerin anfühlt und auf die Umwelt auswirkt. Was sie als Betroffene braucht und sich wünscht und was nicht. Sehr ausdrucksstark und comicähnlich gestaltet.

Zwei weitere Bücher zum Thema: Eines habe ich noch vor zu lesen, „Ungefähre Tage“ habe ich gerade beendet. Ines vom Blog Letteratura hat beide schon besprochen und ich darf teilen: Mit Klick auf das Foto kommt man zu ihren Blogbeiträgen. Danke, Ines!

Annika Domainko erzählt in „Ungefähre Tage“ von einem Pfleger in der Psychiatrie, der sich seiner selbst nicht sicher ist und in eine viel zu dichte Beziehung zu einer Patientin geht, obwohl er seine Arbeit bereits seit 20 Jahren macht und weiß, wie unmöglich das ist. Seine Frau und die kleine Tochter scheint er dabei völlig auszublenden. Domainko hat hier ein starkes Debüt geschrieben, dass eine höchst sensible Thematik beleuchtet.

In Mischa Mangels Buch „Ein Spalt Luft“ geht es um ein Kind, das unter der Psychose der Mutter leidet, die gleich nach seiner Geburt beginnt. Es fällt vor allem durch seine Form auf. Es ist zwar eine Art Roman, aber doch mit sehr vielen ungewöhnlichen Erzählarten: bürokratische Sprache psychologischer Gutachten und Studien, Märchen, Träume, psychotische Tiraden, erzählerische und poetische Sequenzen (Verlagstext)

Clarice Lispector: Ich und Jimmy Manesse Verlag

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Clarice Lispectors Erzählungen mit dem Titel Ich und Jimmy“, nach der ersten Geschichte im Buch benannt, ist als Manesse-Ausgabe eine besondere Augenweide. Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen.

Lispector hat eine besondere Art das Wesentliche zunächst vollkommen verschleiert auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Fast immer sind Frauen die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch, oft skurril und sogar kauzig, zumindest aber eigensinnig. Doch immer werden die dieser Zeit zugrunde liegenden Themen, lange bevor Emanzipation ein Thema war, hervorragend beleuchtet. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt.

Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, was das Thema Treue angeht, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Frau, die eines Morgens beschließt, ihren Mann zu verlassen. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am selben Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt. Ihr Mann hat letztlich von all dem gar nichts mitbekommen …

Meine liebste Geschichte, obwohl sie sehr kurz ist, heißt „Eine Hoffnung“. Und wer hätte gedacht, dass manche Hoffnungen grün sind und hinter deinem Stuhl an der Wand entlang gehen; ich muss in Zukunft achtsamer sein:

„Hoffnungen sind sehr diskret, normalerweise lassen sie sich direkt auf mir nieder, ohne dass es jemand merkt, und nicht erst an der Wand über meinem Kopf. Ein kleines Gewirr: Aber kein Zweifel, da war sie und hätte dünner und grüner nicht sein können.“

Schön auch die Geschichte vom Seidenäffchen, dass einen sonst langweiligen Tag verschönt:

„Und sie beklagte mit einem unbeholfenen Lächeln, dass sich – wo doch die Tage dahineilten, lauter Neuigkeiten in den Zeitungen und so wenig Neues bei ihr –, dass die Ereignisse so ungünstig zusammengefallen waren: ein Seidenäffchen und ein Beinaheunfall zur selben Stunde.
„Ich wette“, dachte sie, „jetzt passiert ganz lange nichts mehr, ich wette, jetzt kommt die Zeit der mageren Kühe.“ Die ganz allgemein die Ihre war.“

Ob eine Frau ganz still am Fenster dem Regen zusieht oder ein Rosendiebstahl in fremden Gärten zum Genuss wird, Lispectors Geschichten sind sinnlich und ja, auch elegant.

Die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ bildet einen krönenden Abschluss. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, mitunter schillernd, vielfach überraschend direkt, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Manch banal erscheinende Geschehnisse werden durch besondere Worte oder Wortkombinationen vergoldet. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Dieser wunderschön ausgestattete Erzählband bietet dabei einen guten Einstieg. Ein Leuchten!

Mich haben manche Geschichten in ihrer Seltsamkeit auch an die wunderbaren Erzählungen der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel erinnert. Ihr Buch „Fern von hier“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen.

Die Erzählungen wurden aus dem Portugiesischen übersetzt von Luis Ruby. Ein Nachwort von Teresa Präauer ergänzt und informiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute wieder etwas anders als gewohnt.

Angelika Stallhofers Lyrikband ist eine Perle, ein kleines Kunstwerk in Sprache und Bild. Ich mag ja diese Kombinationen aus Gedichten und Bild oder Collage sehr. Hier zog mich das Cover magisch an, diese blaue Tiefe betont durch die pinken Durchbrüche, aber auch der wunderschöne Titel. Die Collage/Malarbeiten, die sich ins Innen des Buches erweitern sind von Andrea Zámbori. Die Schriftstellerin und Lyrikerin Angelika Stallhofer hat ein unglaubliches Geschick in der Kürze ihrer Gedichte unglaublich viel zum Ausdruck zu bringen. Ich bewundere das. Das kürzeste zählt gerade mal 2 Zeilen und keines ist länger als eine Seite. Doch sie sprechen Bände in all ihrer Zartheit, stellenweise auch direkt und ungeschönt. Hier werden große Fragen der Herkunft verhandelt oder die eines Vogelgesangs. Im Kleinen das Große und umgekehrt. Große Empfehlung!

Stille Kometen“ erschien im Verlag Edition ch.

Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug Hörbuch Der Hörverlag

Dirk Kurbjuweit thematisiert in seinen Romanen oft aktuelle gesellschaftliche Zustände. Mehrere Romane habe ich von ihm vor längerer Zeit gelesen. Dieser nun interessierte mich aufgrund der Thematik. Denn bereits dem Klappentext nach, kann man davon ausgehen, dass es sich um das Thema Rassismus dreht. Doch es geht um viel mehr. Es geht um Beziehungskonstellationen, die Kraft von Freundschaften, um die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Mainstream und Gutbürgerlichkeit, um alte und neue Verletzungen. Und die Geschichte ist spannend wie ein Krimi.

Vier Freunde machen regelmäßig einmal jährlich zusammen eine Reise. Das letzte Mal war es eine Bergwanderung in Südtirol, nun ist eine Kanupaddeltour übers Wochenende geplant. Unschwer ist die Landschaft als eine in Brandenburg zu erkennen, sehr wahrscheinlich ist es der Spreewald. Amalia, um die dreißig, ist die einzige Frau. Von ihr erfahren wir auch am meisten in mehreren Rückblenden. Dabei ist ihr Bruder Bodo, den sie selten sieht, und die Freunde Gero und Josef; alle sind bis zum Abitur gemeinsam zur Schule gegangen. Dann trennten sich die Wege. Nur Amalia und Josef waren länger zusammen, sie waren eine zeit lang ein Paar.

Gleich am ersten Abend, als sie in einem Landgasthaus übernachten, in dessen Schankraum sie zu Abend essen, wird Josef angefeindet und bedroht, da er schwarz ist. Amalia verteidigt ihn sofort, die anderen beschwichtigen. Am nächsten Morgen geht es weiter. Auch beim Kanuverleih wird Josef angegafft, die Freunde zahlen für schlechte Boote mehr als bei Buchung ausgemacht. Dennoch beginnen sie frohen Mutes mit der Fahrt. Amalia hat eine Karte, bestimmt die Richtung. Kurbjuweit gelingt es von da an eine Stimmung zu erzeugen, die die Leser*innen selbst auf der Hut sein lässt, wie es in kurzer Zeit auch die Paddler sind. Merkwürdigkeiten passieren. Ein Jäger mit einer Armbrust erschießt Rehe. Ein Pickup taucht in der Nacht unweit der Zelte auf, Kinder lassen die Kanus in die Schleuse, aber nicht mehr heraus. Immer sind es seltsame Dinge, die passieren, die aber doch auch zufällig passiert sein könnten. Sie begegnen einer seltsamen Glaubensgemeinschaft, einem Straußenzüchter. Als Leserin denke ich sofort an die Reichsbürgerbewegung oder die völkischen Siedler …

Da Amalias Karte nicht besonders genau oder alt zu sein scheint, wissen sie schließlich nicht mehr, wie sie am letzten Tag wieder den richtigen Weg zurück finden können. Sie paddeln von Fließ zu Fließ, alles sieht ähnlich aus. Die Stimmung verschlechtert sich. Nirgends haben sie mit dem Handy Empfang. Bald gibt es Streitereien, bald zeigt sich unterschwellig, wenn auch ungewollt, Misstrauen. Als eine Drohne an ihrem Rastplatz auftaucht und ein Päckchen ablegt, wissen alle, dass das nun kein Zufall mehr ist. Sie sind zum Ziel geworden. Vielmehr Josef ist zum Ziel von Fremdenfeindlichkeit geworden. Angst breitet sich aus, zurecht, denn die Zeichen werden immer eindeutiger. Bald zeigt sich, dass in Aussnahmesituationen auch Freunde, vielleicht unbewusst, zwischen schwarz und weiß differenzieren. Bald zeigt sich, dass diese so fröhlich begonnene Reise zum Kampf ums Überleben wird und eine große Prüfung für die Freundschaft.

„“Wahlen sind nicht immer und überall das richtige Mittel. Wahlen können spalten. Danach gibt es Gewinner und Verlierer. Wir sollten uns nicht spalten lassen.“
„Hast du mir nicht erklärt, dass Wahlen das große Fest der Demokratie seien. […] die makellose Grundlage der Macht? Die Macht ist hier. Die Pistole.““

Mehr will ich zum inhaltlichen Verlauf nicht verraten, um nicht die Spannung zu nehmen.

In Kurbjuweits Roman wird ein wichtiges Thema verhandelt, zudem ist die Geschichte wirklich spannungsreich komponiert. Was mir ein wenig unangenehm auffiel, war, dass der Autor die Landbevölkerung, die im Roman auftritt, als minderbemittelt und dümmlich darstellt. Das finde ich nicht gerecht. Nicht jeder Großstadtmensch ist per se einem Dorfbewohner geistig überlegen. Seltsam scheint mir auch, dass zur Sommerzeit keine anderen Kanutouristen unterwegs sind, die helfen könnten und auch das es durchgängig kein Telefonnetz geben soll, kommt mir unglaubwürdig vor. Mir schien es allerdings auch unmöglich, dass es Fremdenfeindlichkeit in einem solchen Ausmaß gibt. Ich kann die Geschichte zum Schluss hin dann auch nicht mehr als realistisch nachvollziehen. Auch das Ende lässt viel zu viele Fragen offen.

Das Hörbuch wurde von Shenja Lacher eingelesen, den ich bisher als Sprecher noch nicht kannte, der aber mit seiner Stimme genau den richtigen Ton für diese Geschichte trifft. „Der Ausflug“ erschien bei Der Hörverlag (als Buch bei Penguin). Ich danke für das digitale Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier.