Levin Westermann: Farbe Komma Dunkel Matthes & Seitz Verlag

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„und was mich rettet sind die bücher
ist die sprache und ihr klang

Bereits mit seinen letzten beiden Lyrikbänden „3511 Zwetajewa“ und bezüglich der schatten“ hat mich Levin Westermann verzaubert. Ihm gelingt es, mich vollkommen aus der Außenwelt abzuziehen und dennoch in seiner Sprache wieder darin aufzutauchen. Aber anders. Und woanders. Es ist ein Raum, in dem ich die Welt anders sehe und mich selbst verändere. Solch eine Lektüre ist ein unglaubliches Glück und ich kann es jedes Mal wieder kaum fassen, dass es diesen Raum der Sprache gibt, der offenbar mit meinem schwingen kann. Selten passiert solches mit Gedichten und umso kostbarer sind sie mir dann.

In „Farbe Komma Dunkel“ glaube ich gleich eingangs den Text zu erkennen, den Westermann beim Bachmannpreis-Wettlesen im letzten Jahr vorgelesen hat. Doch es ist nicht ganz der gleiche, er ist leicht verändert, verschoben, manche Zeilen und um viele Verse ergänzt zum Langgedicht. Das Gedicht lebt von seinen Wiederholungen, lebt vom Rhythmus und wird immer besser, je länger man liest und je häufiger sich Zeilen wiederholen, immer dann, wenn man sie gerade über den neuen wieder vergessen hatte. Es ist eine Art Litanei, könnte Mantra, könnte Gebet sein; und es sollte laut gelesen werden. Dann entspinnt sich der Zauberfaden an dem sich alles entlang schlängelt. Alles ist klein geschrieben, ohne Absätze, 100 Seiten lang. Ich habe sie an einem Stück gelesen, weil es nicht aufhören sollte.

„alles wiederholt sich
alles wiederholt sich
tag für tag
fortwährend läuft dasselbe band
ein hörbild namens leben“

Westermann schreibt über ein Lyrisches Ich, welches sich in einer bestimmten tagein tagaus fortsetzenden Langeweile befindet. Ein Ich, welches seine Tage in einem Haus auf dem Land in der französischen Bresse verbringt. Am Laufen wird es gehindert von einer Verletzung oder OP der Hüfte. Durch eine gewisse körperliche Bewegungseinschränkung, dehnt sich das Geistige, der Verstand umso weiter aus. Es ist Zeit für: Hühner füttern, Schafe fragen, Kaffee kochen „und dann geht die sonne wieder unter und dann geht die sonne wieder auf“So vergeht die Zeit und wir dürfen teilhaben am Bewusstseinsstrom des Ichs. Es ist ein Ich, das grübelt, nachdenkt, liest, schreibt, Post erwartet. Oft verzweifelt, voller Sehnsucht und Melancholie. Mit kleinsten Freuden dazwischen (wie z.B. ein Igel). Es ist ein stetes Hinterfragen. Und es beschreibt für mich auch den Prozeß des Schreibens an sich.

Tiere tauchen immer wieder auf, einzeln oder im sogenannten Kollektiv (Rehe, Frösche, Schafe). Erinnerung an Reisen, an Orte tauchen auf. Paris, New York. Hitze und Kälte. Durch das tägliche Zeitunglesen bricht die Außenwelt in die Abgeschiedenheit des Landlebens. Die Bedrohung. Ein US-Präsident. Der Amazonas brennt und dann Kalifornien. Rehe werden nicht etwa getötet, sondern vom Jäger dem Wald entnommen. Nerze werden gekeult, nicht getötet. So ist Sprache. Geschönte, unehrliche Sprache zum Wohl der Menschen. Und das Ich leidet darunter. Doch die Natur kommt zurück, die Nerze kommen wieder an die Oberfläche, die toten Nerze. Das Ich leidet unter der Welt, leidet am Dasein, am Schmerz, an der Leere. Somit zeigt sich Westermanns Lyrik nicht nur ichbezogen, sondern auch gesellschaftskritisch.

„und ich schaue in die zeitung
und ich lese diesen satz
ich lese diesen einen lauten satz
unsere gehirne sind nicht dafür gemacht
über die sterblichkeit zu grübeln
und ich starre auf die wörter
und ich denke: so ein quatsch
ich denke: großer quatsch
denn ich sitze und ich grüble
ich sitze und ich grüble
tag für tag
das ende in gedanken
tag für tag“

Da sind dann die erhabenen Momente, wenn auf dem Friedhof Montparnasse Gott erscheint, in Form eines Habichts. Oder wenn die Lektüre von Ilse Aichinger, Sylvia Plath, Louise Glück, Cioran und Rilkes „Panther“, das ausspricht, was zählt und berührt.

„und ich denke an ein buch
von Cioran
wo dieser schreibt
der wahnsinn
ist vielleicht nichts anderes
als ein kummer
der keine entwicklung mehr erlebt“

Manch einer mag vielleicht die ständigen Wiederholungen oder das andauernde „und dann …“ kritisieren, dass auch schon beim Bachmannpreis Thema war. Für mich ist es allerdings genau die richtige Verbindungsform, denn nichts anderes ist das Geschehen in der Welt, als ein andauerndes Weiter und Weiter. Ein unglaublich „echtes“ Buch. Ein Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Antanas Škėma: Das weiße Leintuch Guggolz Verlag

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Von der alten in die neue Welt oder der Liftboy als Dichter

Antanas Škėma ist ein litauischer Autor, der von 1910 bis 1961 lebte. Über sein Buch „Das weisse Leintuch“ kann man nicht sprechen, ohne auch in die Biografie des Schriftstellers einzutauchen, dessen Roman zum ersten Mal ins Deutsche übertragen wurde. Škėma schrieb seinen Roman in den Jahren zwischen 1952 und 1954. Er wurde in Lódz geborenen, wo sein litauischer Vater als Lehrer arbeitete. Nach Beginn des ersten Weltkriegs floh die Familie zunächst nach Woronesch, weiter in die Ukraine und kehrte schließlich 1921 endlich ins inzwischen unabhängige Litauen zurück. 1929 begann Škėma sein Studium, zunächst Medizin, dann Jura, doch bereits 1944 musste die Familie wieder vor den sowjetischen Besatzern fliehen. Er fand sich in Deutschland wieder, in einem Camp für Displaced Persons. Dort schrieb er an Dramen und Kurzgeschichten. 1949 emigrierte er in die USA. Er arbeitete unter anderem wie seine Romanfigur als Liftboy. Er engagierte sich in Exilkreisen fürs Theater und schrieb Essays und auch Gedichte. Bereits 1961 starb er bei einem Autounfall.

In Škėmas Romanfigur Antanas Garšva spiegelt sich die Spaltung, die eigene und die Litauens, spiegelt sich die jahrhundertelange unruhige Geschichte eines Landes, dass erst seit relativ kurzer Zeit seine Stabilität gefunden hat. Diese Unruhe mag auch verantwortlich sein für die tief verankerten und wohl der eigenen Vergewisserung dienenden traditionellen Eigenarten. Lyrik, beispielsweise, geschrieben oder gesungen gehört als wichtiger Bestandteil dazu.

So finden sich allerlei sprachliche und geschichtliche Eigenheiten im Roman, Symbole und Verschlüsselungen, die sich allerdings anhand der hilfreichen Anmerkungen im Anhang meist erlesen und erklären lassen.

Erstaunlich frisch und modern liest sich Škėmas Roman, der 1958 unter dem Titel „Balta drobulé“ erschien. Der Autor erzählt seine Geschichte in zwei Strängen, zum einen in der Jetzt-Zeit als Liftboy in einem New Yorker Hotel, zum anderen in Rückblenden in die Kindheit und Adoleszenz in der Heimat Litauen. Einige Kapitel sind überschrieben mit „Aus den Aufzeichnungen von Antanas Garšva“ – vermutlich ist es ein Skript, das Garšva in der Geschichte seiner Geliebten Elena zu lesen überlässt, damit sie weiß, auf was sie sich mit ihm einlässt.  Beide Stränge sind jedoch nicht konsequent chronologisch gearbeitet, sie folgen vielmehr dem Gedankenstrom Garšvas. Oft scheinen surreale Elemente (wie etwa ein Auftritt bekannter verstorbener Dichter in der Personalkantine im Hotel:

„Durch die Tür kommt Rimbaud. Er taumelt, Gewehre, Säbel und Dolche in den Händen. Seinen Armen entgleitet das trunkene Schiff. Durch die Tür kommt der betrunkene Verlaine …“

– eine ganz wundersame Szene, wie auch der groteske schwäbische Beerdigungszug mit Kapelle im strömenden Regen), schimmernde Phantasiewelten durch diese Prosa, vornehmlich dann, wenn der Fahrstuhlführer Garšva seinen mitunter langweiligen Dienst versieht.

„Up und down, up und down in einem streng eingerahmten Raum. Sisiphos, von neuen Göttern an diesen Ort versetzt. Diese Götter sind humaner. Der Stein hat die Erdanziehung verloren. Sisyphos braucht keine geäderten Muskeln mehr. Triumph von Rhythmus und Kontrapunkt. Synthese, Harmonie, up und down.“

Anspielungen an die antike Mythologie findet man nicht wenige in Škėmas Geschichte, so löst sich auch das Rätsel um den Titel „Das weisse Leintuch“ gegen Ende des Romans auf. Škėma schöpft aus einem großen Wissensschatz aus Geschichte und Philosophie, aus der baltischen Götterwelt und aus heimischem, mitunter religiösem Volksliedgut; das macht das Buch so faszinierend vielschichtig.

Einführend begleitet der Leser Antanas Garšva auf seinem Weg durch die Straßen New Yorks zur Arbeit. Wir folgen ihm in die Personalräume im Keller des Hotels und lernen seine nächsten Kollegen kennen. Und wir hören von einem Arztbesuch und einer Krankheit. Wir sehen zu, wie Garšva seine Uniform mit der aufgestickten Nummer anzieht: Die Nummer 87 geht an die Arbeit, nicht ohne einen Gedanken an Elena, die unerreichbare Geliebte.

„Elena – eine Jerusalemer Jüdin an der Klagemauer. Elena – Undine, die sich ihren abgerissenen Fischschwanz annäht. Elena – eine kniende Karyatide mit der wankenden Annenkirche auf dem Kopf. Elena – ein Baseballschläger im Gras.“

Durch Garšvas Tagesgedanken spannen sich immer wieder Erinnerungsbögen. So erfahren wir die  wichtigsten Lebensabschnitte:

Der Vater war musikalisch begabt, konnte wie der Teufel Geige spielen, doch die Eltern konnten sich den Beitrag fürs Musikkonservatorium nicht leisten, so dass er Lehrer wurde. Mit seinem Vater lebte Antanas geraume Zeit allein, da die Mutter, ebenfalls Lehrerin, an einer psychischen Erkrankung litt. Sie jagte Antanas als Kind furchtbaren Schrecken ein, wenn wieder ein Schub bevorstand. Als es nicht mehr anders ging, lies der Vater sie in die Psychiatrie einliefern.

Bereits im Alter von 21 Jahren merkt Antanas, dass er Symptome jener Krankheit zeigt, die er vermutlich von seiner Mutter geerbt hat: Schizophrene Schübe oder epileptische Anfälle oder posttraumatische Belastungsstörungen, ganz klar ist das nicht zu deuten, die ihn urplötzlich überkommen. Etwas, was auch die erste Liebe zu dem Mädchen Joné überschattet.

Kurze Zeit darauf schlägt sich Garšva als Partisan durch: Eine weitere Schlüsselszene folgt: die Tötung eines Menschen, eines jungen gleichaltrigen Manns, des Gegners im Kampf. Wir erfahren von Lektüren und ersten Schreibversuchen, wir sind dabei, wenn der Held von der Geheimpolizei bedrängt wird, seine Gedichte doch mehr nach dem gängigen kollektiven Geschmack auszurichten, zunächst noch freundlich, doch später mit roher Gewalt. Einige Monate verbringt er danach in einer psychiatrischen Klinik. Doch es will keine Ruhe einkehren in sein Leben. Allein die Flucht scheint die Rettung und so lebt Garšva längere Zeit in einem Lager für Displaced Persons in Deutschland und macht sich dann auf die Reise in die neue Welt. New York ist das Ziel. Doch als Emigrant und Dichter wird er dort nicht bejubelt, das Dichten wird zur Nebensache, da es gilt, Geld zum Überleben zu verdienen.

„Ein kleiner Gedichtband – danach sehne ich mich. Nun fange ich sogar zu beten an. Ist das ein Zeichen von Schwäche? Ich habe nicht mehr die Kraft, nach der Antwort in Büchern zu suchen. Ich habe nicht mehr die Kraft, nach der Antwort in mir zu suchen. Ich bin ein Überschussprodukt der Natur.“

Škėmas Sprache ist abwechselnd weich und poetisch, zeitweise rau und ruppig, manchmal nur beschreibend. Je nach Szene passt sie sich den Ereignissen an. Mitunter schleicht sich Ironie ein, vor allem dann, wenn Garšva während seiner Tätigkeit im Fahrstuhl über die darin beförderten Hotelgäste vor sich hin sinniert. Auch in seinen Erinnerungen spürt man die Veränderung in der Sprache. Garšvas Frauengeschichten werden in einem ganz anderen Ton erzählt, als beispielsweise das Gespräch mit dem litauischen Dichterkollegen im Camp für Displaced Persons. Sofort merkt der Leser auch, dass es mit der bereits anderweitig liierten Elena etwas ganz besonderes auf sich hat, anders als mit den vorherigen Liebschaften. So spiegelt sich auch jegliche Stimmung wieder, keine innere Befindlichkeit bleibt verborgen.

Der Biografie Škėmas entnimmt man, dass er auch der „litauische Camus“ genannt wurde, aufgrund seiner existenzialistischen Art zu schreiben. Modern und zeitgemäß, auch beeindruckend experimentell ist sie in der Tat. Wie gut, dass dieser Roman nach langer Zeit auch ins Deutsche übertragen wurde (von Claudia Sinnig) – empfehlenswert ist diese Entdeckung des Berliner Guggolz Verlag unbedingt.

Eva Menasse: Dunkelblum Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Es geht sich aus! Es geht sich ganz wunderbar aus!
Viele Tassen Kaffee und einige Mehlspeisen lang hatte ich riesige Freude an dieser opulenten Lektüre. Eva Menasses neuester Roman „Dunkelblum“ scheint mir auch ihr bester bisher zu sein. Ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Roman Vienna, den sie damals 2005, ich war noch als Buchhändlerin tätig, im Café Einstein in Berlin bei einem köstlichen österreichischen Menü vorstellte. Seitdem sind einige weitere Romane erschienen, nicht alle davon habe ich gelesen, aber hier hat mich die Leseprobe schon absolut überzeugt. Auf über 500 Seiten breitet sie hier ein irres Panorama einer österreichischen Marktgemeinde aus, Dunkelblum genannt, aber angelehnt an die Geschichte des real existierenden Rechnitz im Burgenland. Über das „Massaker von Rechnitz“ kann man auf Wikipedia lesen, ich empfehle aber erst den Roman, denn von Menasse nachkonstruiert und auserzählt, ist es schon noch einmal etwas anderes.

1989: Es beginnt mit der Anreise des Dunkelblumer Lowetz, der sehr bald als junger Kerl dem Heimatort an der Grenze zu Ungarn den Rücken gekehrt hat und in der Hauptstadt lebt. Er kommt, um sich um den Nachlass seiner gerade gestorbenen Mutter zu kümmern, eine Verbindung zu ihr hatte er nicht mehr. Doch der Einzug ins Elternhaus und die Gespräche mit den alteingesessenen Dunkelblumern lassen ihn rasch wieder in den Ort eintauchen. Er lernt Flocke kennen, die Tochter des einzigen Bioweinbauern vor Ort, die auch nur zu Besuch ist und den Ehrgeiz hat eine Art Heimatmuseum aufzubauen; allerdings anders, als sich das die Einheimischen vorstellen. Der Reisebürobesitzer Rehberg, der an einer Dunkelblumer Chronik arbeitet und eben Lowetz` Mutter recherchierten mit ihr zusammen für dieses Projekt.

Etwa zur gleichen Zeit taucht auch ein vermeintlich Fremder namens Gellért auf, der sich augenscheinlich ebenfalls für die Dunkelblumer Geschichte interessiert, vor allem für die Zeit kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Er verwickelt die Bewohner freundlich in Gespräche und stellt Fragen. Viele können, oder vielleicht eher wollen, sich nicht mehr erinnern.

„Man tat, wie man geheißen wurde, und schwieg, so war das damals. Und später war es auch so.“

Gleichzeitig widmet sich eine Gruppe Wiener Geschichtsstudenten der Verschönerung des Jüdischen Friedhofs, der sehr lange sich selbst überlassen blieb. Die Studentin Martha begleitet die Aktion mit ihrer Kamera. Sie spielt später noch eine große Rolle gegen Ende des Romans.

Wir lernen nach und nach verschiedene Mitglieder der Ortschaft kennen. Menasse schafft es hier wunderbar die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und auch in Bezug zu der persönlichen Familiengeschichte zu setzen. So wimmelt es bald von Namen und Persönlichkeiten, die man später nicht unbedingt immer zuordnen kann, aber das spielt so gar keine Rolle, weil die Lektüre einen einfach weitertreibt und vollkommen fasziniert über die Geschehnisse staunen lässt. Da gibt es beispielsweise die resolute Resi Reschen, die das Hotel Tüffer führt, in welchem sie ihre Lehre begann und welches sie nach der Flucht der jüdischen Eigentümersfamilie Tüffer eigenständig weiterführte.  Da gibt es die schöne Leonore, die aus einem Nachbarsort eingeheiratet hat und ehrgeizig mit ihrem Mann, dem Toni Malnitz, aus dem eigenen Weingut einen Biobetrieb mit anspruchsvoller Hotellerie gemacht hat. Sie ist auch die Mutter von Flocke, aber Malnitz ist nicht der Vater. Da gibt es den bald pensionierten Hausarzt Sterkowitz, der damals frisch aus dem Studium plötzlich die Arztstelle übernehmen musste, weil der ansässige jüdische Arzt Bernstein den Ort verlassen musste. Da ist Antal Grün, ein KZ-Überlebender, der wieder nach Dunkelblum zurückkehrt und einen Laden eröffnet. Da gibt es den phlegmatischen Bürgermeister Koreny, der sich mit dem Wasserwirtschaftsamt herumschlägt, den öko-angehauchten Faludi-Bauer und den Obstbauer, den geflickten Schurl und viele andere mehr. Es ist ein großes Vergnügen zu lesen, wie die Autorin hier mit der Sprache und den speziellen österreichischen Begrifflichkeiten spielt.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.
Und daher geht es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit, in der man sich anstrengen musste, um den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern endlich wieder herauszuarbeiten – das war historisch noch nie dasselbe, bitteschön!“

Dunkelblum gelangt mehr und mehr aus dem Ruder, als zuerst bei Grabungen ein altes Skelett gefunden wird, dann ein Flüchtling aus der DDR auftaucht, der über die ungarische grüne Grenze kam, Flocke verschwindet und der inzwischen wieder ansehnliche jüdische Friedhof mit Schmierereien geschändet wird. Plötzlich nach so langer Ruhe kommt Bewegung in den Ort, kommen Journalisten, gelangen Menschen durch den Eisernen Vorhang. Wie es geschieht, dass dann doch nach über 50 Jahren Schweigen über die grauenhaften Taten der Nazis kurz vorm Ende des zweiten Weltkriegs einer den Mund aufmacht, der wirklich große Schuld trägt und das auch noch vor der Kamera der jungen Martha, ist auch der Mithilfe von Gellért zu verdanken, der, man ahnte es schon, ebenfalls aus Dunkelblum stammt und fliehen musste:

Im Schloss der Gräfin feierten Nazigrößen noch kurz bevor die Russen eintrafen ein riesiges Gelage. Und in dieser Nacht wurden unzählige jüdische Zwangsarbeiter, die den Südostwall zum Schutz des Landes graben mussten, mithilfe Dunkelblumer SS-Schergen und der Hitlerjugend gewaltsam hingerichtet und dort verscharrt. Im realen Reckwitz hat man die Toten trotz vieler Grabungen niemals gefunden. In den umgebenden Gemeinden, in denen ähnliches geschah, aber schon. Eva Menasse hat unglaublich viel recherchiert für diesen Roman und ihn sehr breit angelegt. Ihr ist es unglaublich gut gelungen zum Schluss hin alle vielleicht zeitweise verwirrenden Fäden zu einem stimmigen Ende zusammenzubringen und richtig gute Literatur zu machen. Unbedingte Empfehlung!

Das Buch erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Film–Kunst–Film: Schachnovelle Film von Philipp Stölzl 2021 nach Stefan Zweigs gleichnamiger Novelle

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Schachnovelle von Stefan Zweig las ich schon vor sehr langer Zeit. Es muss in der Ausbildung zur Buchhändlerin (also vor über 30 Jahren) gewesen sein. Sie hat mich sehr nachhaltig beeindruckt. Nun hatte ich Kinokarten bei einer Verlosung vom Diogenes Verlag gewonnen für die gerade angelaufene Neuverfilmung von Philipp Stölzl und habe deshalb die nur knapp 100 Seiten zählende Novelle vorher noch einmal gelesen. Meine Taschenbuchausgabe ist aus dem Fischer Verlag von 1988. Auch beim erneuten Lesen stellte sich wieder die Freude über dieses Buch, über Stefan Zweigs Können ein.

Umso gespannter war ich auf den Film. Mit Verfilmungen ist es ja oft so eine Sache, aber diese hat mir ausgesprochen gut gefallen, obgleich durchaus Veränderungen zur Buchvorlage vorgenommen wurden. Im Buch beginnt es mit einem Erzähler, der sich auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires befindet. Das könnte durchaus eine autobiografische Szene sein, denn Stefan Zweig musste Österreich in der NS-Zeit verlassen und nach Südamerika ins Exil gehen.

Im Film ist die Anfangsszene ganz anders gestaltet. Der Notar Dr. Josef Bartok lebt mit Frau Anna gut betucht in Wien und verdrängt den geplanten Einzug der Deutschen nach Österreich. Doch noch bevor er die Stadt verlassen kann, wird er von der Gestapo verhaftet. Er soll die Nummernkonten seiner Klienten verraten, weil die Nazis das Vermögen an sich bringen wollen. Er wird im Hotel Metropol, nun Sitz des Gestapo-Hauptquartiers, in einem kleinen Zimmer wie in Isolierhaft gehalten und zwischendurch zu Verhören geholt. Als er heimlich an ein Buch gelangt, was Ablenkung zu versprechen scheint, ist es ausgerechnet ein Schachbuch. Er lernt alle Partien auswendig, wird zum fanatischen Spieler im eigenen Kopf, sein Bewusstsein spaltet sich, um gegen sich selbst spielen zu können und er verliert sich letztlich vollkommen bis zum Zusammenbruch. Als er schließlich nach einem Jahr als psychisches Wrack auf freien Fuß gesetzt wird mit Anordnung das Land zu verlassen, begibt er sich mit neuen Papieren auf ein Schiff Richtung New York. 

Während im Buch die Zeit in der Haft recht kurz gehalten ist, wird sie im Film stark ausgebaut. Es gibt einige brutale Szenen, die man im Buch nicht findet. Doch die Art und Weise dieser Gefangenschaft, kommt durch die Kameraführung und die immerfort düsteren Lichtverhältnisse gut zur Geltung. Auch die Szenen auf dem Schiff, auf dem immer schlechtes Wetter und trübe Dunkelheit herrscht, unterscheiden sich leicht vom Buch. Hier wird Bartok, der sich nun van Leuwen nennt, zufällig Zeuge einer simultanen Schachpartie zwischen dem ebenfalls anwesenden Schachweltmeister Czentovic (über dessen Werdegang man im Buch sehr viel mehr erfährt) und einigen Passagieren, die natürlich fortwährend verlieren. Er mischt sich ein und erreicht so immerhin ein Remi. Alle sind begeistert und laden ihn auf eine Partie allein gegen den Weltmeister ein. Eine Partie, die ihn in die Gefahr bringt, wieder dem Wahnsinn anheim zu fallen, sich wieder eine „Schachvergiftung“ zu holen. Auch das Ende ist im Film anders als im Buch. Gut wird jedoch bei beiden das Motiv herausgearbeitet, das aufzeigt, dass beim Schachspiel wohl immer versucht wird, den Willen des Gegners zu brechen, was letztlich für einen Gewinn Bartoks über die Gestapo spricht.

„Selbstverständlich bin ich mir heute ganz im klaren, daß dieser mein Zustand schon eine durchaus pathologische Form geistiger Überreizung war, für die ich eben keinen anderen Namen finde als den bisher medizinisch unbekannten: eine Schachvergiftung. Schließlich begann diese monomanische Besessenheit nicht nur mein Gehirn, sondern auch meinen Körper zu attackieren.“

Für mich ist das Buch ein kleines Meisterwerk, was natürlich an der Form und der Sprache liegt, die Zweig hier großartig gelingt. Und doch hat auch der Film mich beeindruckt, was sicher überwiegend an der großartigen Leistung des Schauspielers Oliver Masucci liegt. Wie er die Wandlung vom gut situierten Wiener Notar über den psychisch gefolterten, aus Not immer bessessener werdenden Schachspieler bis zum erschöpften, ins Exil Flüchtenden darstellt ist sehr gekonnt. 

Die Schachnovelle ist das einzige Buch Zweigs, das die politische Gegenwart behandelt. Zweig schrieb sie zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil. Und auf diesen 100 Seiten spiegelt sich beispielhaft das ganze Ausmaß der Geschehnisse beim und nach dem Anschluss von Österreich ans Deutsche Reich unter Hitler. Etwas, das Zweig selbst miterlebte und was ihn schließlich bewog Wien zu verlassen. Ein Schicksal, welches stellvertretend für so viele steht.

Hier gehts zum Trailer auf der offiziellen Website: https://www.arthaus.de/kino/schachnovelle

Ebenfalls empfehlenswert der Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader über Stefan Zweigs Exil in Südamerika. Hier meine Besprechung dazu: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/05/14/film-kunst-vor-der-morgenroete-dvd-film-von-maria-schrader/

Angela Lehner: 2001 Hanser Berlin Verlag

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Nach ihrem Debüt „Vater unser“ erschien nun Angela Lehners neuer Roman „2001“. Es ist ein sehr junger Roman, zumindest strotzt er nur so von Jugendsprache und die am häufigsten verwendeten Worte sind „Fick dich“, „Fuck“ und „Alter“. Nichts desto trotz passt eben genau diese Sprache zum Inhalt, zu den „vergessenen“ Jugendlichen in einem Ort namens Tal in Österreich. Tal heißt auch der fiktive Ort, in dem die Geschichte spielt, in den sommers wie winters die Touristenhorden einfallen, die damit jedoch auch den ein oder anderen Arbeitsplatz sichern, wenn schon der größte Arbeitgeber, die Milchfabrik, weil sie nicht mehr rentabel war, schließen musste.

„Unsere Stadt heißt Tal und das ist alles, was man wissen muss.“

Die Geschichte erstreckt sich etwa über die Dauer eines Schuljahrs, beginnend mit Jänner. Die Hauptfigur Julia geht in die letzte Klasse der Hauptschule im Ort. Ihre Klasse wird auch unter der Hand „der Restmüll“ genannt. Doch ihre Interessen gelten nicht den Schulfächern, sondern vor allem der Rap-Musik. Mit ihrer Clique, „die Crew“ genannt, zieht sie an Wochenenden durch die Kneipen, soweit dort erwünscht, oder eben an die diversen anderen Treffpunkte am Wasserfall oder im Keller eines der Crewmitglieder. Julia schwänzt oft die Schule, sitzt zuhause vor der Glotze und trinkt Fertigcappuccino und ist Käsebrot. Ihr Bruder ist ehrgeiziger, er will studieren und auch andere aus der Crew, wie etwa Bene haben Ideen, wie die Zukunft aussehen könnte. Sie versuchen Julia wiederholt beim Lernen zu helfen, doch Julia drückt sich immer wieder.

Auch als der Geschichtslehrer im Unterricht ein Experiment ausprobieren möchte, ist Julia mehr oder weniger die Einzige, deren Interesse nicht geweckt wird. Das „Experiment“ war auch das, was mich an diesem Roman anfangs am meisten gelockt hat. Ich dachte an so etwas wie in „Die Welle“. Tatsächlich aber geht es um wichtige Personen aus der Zeitgeschichte und deren Darstellung durch die Schüler. Nicht ganz so spektakulär und doch schafft es der Lehrer das Interesse vieler Schüler zu wecken und einige beweisen großen Einfallsreichtum, ja ausgezeichnete Schauspielkunst. Dass das Experiment letztendlich dem Lehrer als Profilierung dienen soll, stößt bitter auf.

Die Beziehungen der Klasse untereinander verändern sich in diesem Schuljahr, so wie das in diesem Alter wahrscheinlich immer ist. Erste Verliebtheit kommt ins Spiel, oder zumindest das Schwärmen für den oder die. Julia ist heimlich verliebt in Tarek (der mitunter auch Rassismus zu spüren bekommt). Doch ihre beste Freundin Melli ist die Auserwählte, nachdem sie Julias Bruder einen Korb gegeben hat. Einer aus der Clique driftet weit nach rechts ab, einer outet sich als schwul. Ein Konzert der Lieblings-HipHop-Gruppe steht im Ort an und Julia sieht und bekommt ihre Chance, sich als Rapperin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Als Höhepunkt der Geschichte zeigt sich schließlich die gewalttätige Eskalation zwischen einer rechten Gruppe und Teilen der „Crew“, bei dem Melli und Julia sich nicht unterkriegen lassen und dennoch auf der Polizeiwache landen. Die Vorkommnisse schweißen sie allerdings wieder eng zusammen.

Und immer schwebt die Atmosphäre der Verlorenheit über der Geschichte. Denn es ist trotz kleiner Bewegungen im Freundeskreis kaum Veränderung in Sicht und es bleibt eben nur wenig Spielraum für neue Wege. Wer hier aufwächst, hat es schwer. Wer hier im Ort, in diesem Viertel bleibt, verfällt in Stagnation und gibt auf. So wie Julias Mutter, die im ganzen Roman unsichtbar bleibt und erst in der Schlussszene auftaucht, aber auch da nur als Schatten vor dem Fernseher, vor dem Schatten des Attentats am 11.9.2001 in New York auf die Zwillingstürme.

„Die Schule ist vorbei. Jedes Unglück ist passiert und meine Welt ist zum Stillstand gekommen. Hier ist sie also: meine Zukunft.“

Angela Lehner trifft mit ihrem Erzählton immer wieder ins Schwarze. Trotz der rauen ruppigen Sprache gibt es immer wieder Stellen, die zum Totlachen sind, auch wenn sie teils zugleich sehr traurig sind. Und auch die Hauptfigur ist trotz ihrer jugendlichen Rotzigkeit oder vielleicht gerade deshalb eben irgendwie auch sympathisch.

Das Buch erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau S. Fischer Verlag

Eingangs ein Zitat der Dichterin Inger Christensen. Schön. Und gleich auf den ersten Seiten weiß ich, das ist ein Buch für mich. Ein Roman mit einer Geschichte, die mich schon anfangs sprachlich einfängt und in ihrer Art eigen erscheint. Antja Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Autor*innen wie sie sind imstande für mich echte gute Literatur zu machen. Sie, wie auch Hari Kunzru (dessen neuen Roman ich in Kürze hier auch vorstelle), schaffen es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Solche Bücher liebe ich.

In der Geschichte ist neben der Heldin Adina auch die Blaue Frau unterwegs. Sie ist auch für mich eine besondere Begleiterin, denn sie bleibt rätselhaft. Sie bleibt verschwommen, mitunter widerspenstig, sie spricht in Rätseln, aber voller Poesie und vielleicht gibt es sie ja nur in der Phantasie, vielleicht ist sie ein Wassergeist? Vielleicht ist sie aber auch die Muse der Autorin selbst?

„Die blaue Frau bleibt, bis die Sonne untergegangen ist. Mit der Dämmerung wird es kalt. Das Wasser nimmt die Farbe von Asphalt an. Bevor sie geht, wendet sie sich noch einmal um.

Sie zögert.

Sie hält es für denkbar, dass Menschen ihre Energie manchmal auf etwas Ersehntes hin so ausrichten, dass es in Erscheinung tritt.“

Der Roman beginnt in Finnland. Wir begegnen einer jungen Frau (Adina, Nina, Sala) in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbauwohngebiet von Helsinki. Sie scheint verwirrt und angeschlagen, sie versucht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Sie driftet von Vergangenheit zu Gegenwart, versucht ihre Gedanken zu sammeln. Immer wieder schieben sich erlebte Szenen, vergangene Gespräche in den Text. Warum, erfahren wir nach und nach in Rückblenden; zwischen den Kapiteln kommt meist die Blaue Frau zu Wort.

Adina ist im tschechischen Riesengebirge aufgewachsen. Sie ist der einzige Teenager ihres Ortes. So wie der „Letzte Mohikaner“. Und so fühlt sie sich bereits als Mädchen oft verloren. Im Fantasiegebilde „Rio“, wo sie ihre Internet-Chatroom-Freundschaften knüpft, fühlt sie sich aufgehoben. Dort ist es egal, wer sie ist. Durch Arbeit im Skigebiet verdient sie sich das Geld, um nach dem Schulabschluss nach Berlin zu gehen. Sie will dort Deutsch lernen.

2006, Merkel ist gerade Kanzlerin geworden: In Berlin angekommen lebt Adina im Hostel, lebt sparsam und lernt. Als sie Rickie begegnet, ist sie fasziniert von der rebellischen Frau, die sie unbedingt porträtieren will. Adina verbringt viele Stunden in Rickies Fotoatelier, das gleichzeitig ihre Wohnung und Eventroom ist. Rickie scheint auf einem ihrer Porträtfotos auch den „Letzten Mohikaner“ eingefangen zu haben. Das beeindruckt Adina. Von Rickie, die für Adina (aber auch für mich als Leserin) nicht so ganz greifbar ist, weder in ihrem Tun noch ihrem Sein, erhält Adina eine Adresse, wo sie sich Geld fürs geplante Studium verdienen kann und ihr Deutsch weiter praktizieren kann. Es handelt sich um eine Kultureinrichtung im Oderbruch, nahe der polnischen Grenze.

Das Kulturprojekt ist noch im Entstehen; es werden Sponsoren gesucht. Adina wird schnell zur zweiten Hand des Chefs, dem gegenüber ein Luxusresort am See gehört. Er nennt sie Nina, weil für ihn alles im Ostblock offenbar Russland bedeutet. Immer wieder werden Festessen ausgerichtet im neu renovierten Teil des alten Hauses, um wichtige Leute für das Projekt zu gewinnen. Zu den Gelagen werden auch junge Frauen aus Polen angeheuert, damit die Verhandlungen nicht allzu trocken verlaufen, fließt reichlich Alkohol. Adina muss eines Tages dort Schreckliches erleben und flieht zu Fuß mit gepacktem Rucksack. Wohin weiß sie nicht. Sie lässt sich treiben, um zu vergessen.

Über verschiedene Umwege, ziellos, landet sie schließlich mit dem Zug in Helsinki. Sie findet einen Job in einem Hotel an der Bar. Dort lernt sie Leonides kennen, der aus Estland kommt und als Abgeordneter für die EU arbeitet. Die beiden lernen sich näher kennen; sicher spielt auch beider Herkunft aus Osteuropa eine Rolle, dass sie sich irgendwie verbunden fühlen. Schließlich zieht Sala, wie er Adina nennt, zu ihm in den Abgeordnetenbungalow. Hier beginnt Adina, sich wieder wohler und sicherer zu fühlen, obwohl beide sehr vorsichtig in ihrer Beziehung sind. Als Leser erfahren wir hier auch sehr viel über die Arbeit der EU, vor allem was Menschenrechtsverletzungen angeht, vor allem über die noch immer bestehende Kluft zwischen West- und Osteuropa. In diesen Kapiteln, die in Finnland spielen, wirkt der Roman auf mich am Stärksten. Hier zeigt sich die große Verletzbarkeit von Individuen und das, was die große Politik daraus macht.

Als Sala/Adina Leonides eines Abends auf eine Abgeordnetenparty begleitet geschieht etwas, was alle verdrängten traumatischen Ereignisse wieder hervorruft, von denen sie Leonides natürlich nie etwas erzählt hatte. Sie muss von ihm weg. Und so schließt sich der Kreis. Adina landet in der Wohnung im Plattenbau …

„Die Wahrheit einmal auszusprechen ist dabei nicht von Belang. Zwischen ihr und der Welt liegt ein gewaltiger Abstand. Ödes, baumloses Land. Was immer sie sagen wird in einem holzgetäfelten Saal, vor einer Richterin in einer schwarzen Robe; an dieser Ödnis werden ihre Worte nichts ändern.“

Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe. Und der Schluss, der ebenfalls mehr Andeutungen als Klarheit bringt, bietet uns immerhin Möglichkeiten des Fortdenkens der Geschichte an, in der Hoffnung, es möge der Heldin Gerechtigkeit widerfahren.

Antje Rávik Strubels Roman hat mich sehr beeindruckt. Die brillante Sprache in dieser Geschichte, die sich so vielschichtig zeigt ist ein absoluter Genuss, das Thema ein gesellschaftlich relevantes. Und absichtlich habe ich versucht in diesem Beitrag nicht so viel zu verraten, denn man sollte die Geheimnisse des Buches selbst entdecken. Unbedingte Leseempfehlung! Helles Leuchten!

„Blaue Frau“ steht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, was mich riesig freut. Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere begeisterte Stimme gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.