Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens Wagenbach Verlag

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Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Ich war vor kurzem bei der Buchvorstellung in der Lettretage in Berlin und von da an war mir klar, dass das vollkommen gerechtfertigt ist. Nun nach der Lektüre ist es sicher: Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten. Sie erzählt an diesem Abend auch von der Herangehensweise ihres Schreibens und von den Stimmen, die sie dabei geprägt haben.

Kalnáys kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von ihren seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird.

Tatsächlich kann man sich diese Geschichte gut als Theaterinszenierung vorstellen, wie Hauke vom Blog Leseschatz schreibt.

Zudem ist es mehr als passend, dass ein solcher Text im wunderbaren Wagenbach Verlag seine literarische Heimat gefunden hat.

Paul Auster: 4321 Rowohlt Verlag

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Paul Austers neuer Roman ist eine einzige große Hommage an das Erzählen. Was er hier über mehr als 1200 Seiten lang zelebriert, ist die Hingabe an das Erfinden von Geschichten, an die Fantasie und deren magische Möglichkeit, Leben, ja die ganze Welt zu verändern.

4321 – Ausgangspunkt dieses Romans: Auster lässt seinen Helden Archibald Ferguson quasi von Geburt an in vier Varianten und somit in vier Erzählsträngen ins Leben starten, beginnend mit der Ankunft der osteuropäischen, jüdischen Herkunftsfamilie in der neuen Welt: USA, New York, Ellis Island in den 50er Jahren. Wechselweise erzählt er aus der jeweiligen Perspektive, wie ein Leben mit zunächst gleichen Voraussetzungen, zumindest gleichen Erbmaterials, doch immer anders verlaufen kann. Eine wunderbare Idee, die für mich gleich Anlass war, selbst einmal über ein „Was wäre gewesen, wenn …“ zu sinnieren.

Mich erinnerte diese Anordnung auch an ein Stück von Max Frisch: Biografie: Ein Spiel, in dem Frisch eine Person mehrmals mit gleichen Voraussetzungen ins Leben schickt. Im Stück endet es so, dass der Protagonist doch immer wieder am selben Punkt seines Lebens endet. Auster erforscht, wie und ob der Zufall oder gar Schicksal Archie Ferguson beeinflusst. So lässt er ihn als Einzelkind in einer Kleinstadt in New Jersey, aber in Reichweite von New York aufwachsen, einmal mit getrennten Eltern, einmal mit Stiefvater, einmal in wohlhabender Familie, einmal in weniger begüterten Verhältnissen etc. Was immer gleich bleibt, ist die Sportbegeisterung, besonders für jegliche Ballsportarten und die, jedoch immer anders entstehende, Liebe zur Literatur, zum Film, die früher oder später seine Wege lenkt. Ein beständiges, sehr prägendes Element ist das Mädchen Amy, das unterschiedliche Rollen an Archies Seite einnimmt. Der Leser begleitet Archie vier mal (mit Abstrichen) durch Kindheit, Teenagerzeit, Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter.

“ Bücher, überall Bücher, auf Regalen an allen Wänden der drei Zimmer, auf Tischen und Stühlen, auf dem Fußboden, oben auf den Schränken, und nicht nur fand Ferguson dieses phantastische Chaos bezaubernd, vielmehr schien im die bloße Tatsache der Existenz einer solchen Wohnung darauf hinzuweisen, dass man auf dieser Welt auch ganz anders leben konnte als so, wie er es bisher kannte, dass das Leben seiner Eltern nicht das einzig mögliche Leben war.“

Solch lange, und sogar noch längere wunderbare Sätze schlängeln sich durch alle 1200 Seiten und bieten größten Lesegenuss.
Ich habe bewundernd an den jeweiligen Lebensentwürfen Anteil genommen. Was ich weniger spannend fand, (ich gebe es zu, ich habe irgendwann überblättert) sind die teilweise langen Sequenzen, in denen Archie sich dem Baseball- oder Basketballspiel widmet. Solche Szenen sind fast so häufig, wie die Passagen über Archies sich entwickelndes Interesse an der Sexualität und den gegebenen Möglichkeiten sie auszuleben. Gleichzeitig bietet 4321 aber auch einen guten Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA in der Zeit vor und während des Vietnamkriegs. Es ist die Zeit der Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings und die der Studentenrevolten, die Zeit der Rassenkonflikte, der Straßenkämpfe zwischen schwarz und weiß.

Paul Auster hat letztlich einen großen autobiographischen Roman geschrieben: viele Hinweise finden sich in den jeweiligen Archie-Biografien, die mit seinem eigenen Leben überein stimmen. Manches gab es schon zu lesen in den biografischen Büchern „Winterjournal“ und  „Bericht aus dem Inneren“. Gegen Ende hin ist es das von Archie geführte „scharlachrote Notizbuch“, dass es ja wirklich als Buch gibt: Das rote Notizbuch. Auster schreibt tatsächlich Gedanken für spätere Bücher in Notizbücher und tippt dann mit der Schreibmaschine ab. Auch die Übersetzung von französischer Lyrik ist etwas, was aus Austers Leben gegriffen ist. Auster hat ebenso an der Columbia-Universität in New York studiert und hat nach dem Studium einige Zeit in Frankreich verbracht. Auster kommt aus Newark in New Jersey, wie sein Held Archie und auch er war eine Sportskanone, an allen Arten von Ballspielen interessiert.

4321 erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzungsaufgabe teilten sich mehrere Übersetzer, da Eile geboten war: Auster wollte, dass sein Roman in Deutschland gleichzeitig mit der amerikanischen Ausgabe erscheint: Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl haben das gut gemeistert.
Mehr über das Buch, ein Interview und eine Leseprobe gibt es hier.

Andrej Platonow: Die Baugrube Suhrkamp Verlag

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„Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.“

Mit diesen fantastischen ersten Sätzen führt Andrej Platonow uns in seine Geschichte „Die Baugrube“ ein und fasst gleich alles zusammen, was man über die Persönlichkeit seines Helden Woschtschew wissen muss und wohin uns Platonows Sprache in diesem Werk führt.

Der Roman „Die Baugrube“ des 1899 in Woronesh geborenen Schriftstellers entstand im Jahr 1930. Er war einer der Autoren, der zu Lebzeiten der politischen Zensur unterlag und nicht gedruckt werden durfte. Erst sehr viel später wurde den Werken Platonows wieder Beachtung geschenkt. Zum Glück! Nun liegt eine Neuübersetzung von Gabriele Leupold vor, die auch Belyjs und Schalamows Werke vom Russischen ins Deutsche übertrug.

Es ist ein kurzer Roman mit wenig Handlung, in dem es vor Symbolhaftigkeit nur so wimmelt: Der „Held“ Woschtschew verliert seinen Arbeitsplatz, weil er nicht effektiv genug arbeitet; stattdessen denkt er nach. Er ist nicht schnell genug, er kann dem Tempo der anderen nicht folgen und verliert dadurch seinen Platz nicht nur im Betrieb, sondern auch im sozialistischen Gefüge. Bald darauf schließt er sich in einer Kleinstadt einem Artel (einer Art Kollektiv) von Bauarbeitern an, die eine Grube ausheben, um ein proletarisches Gemeinschaftshaus zu errichten.
Platonows Hauptfigur Woschtschew ist ein Melancholiker, ein Sinnsucher, sowie sich überhaupt eine stete Schwermut durch die gesamte Geschichte zieht. Er ist einer, der nach der Wahrheit fragt und nach dem Sinn sucht; eigentlich ist er ein Individualist. Er ist ein Sachensammler, hortet Dinge, die er irgendwo findet, als Beweismittel des Daseins.

„Woschtschew fühlte noch immer nicht die Wahrheit des Lebens, aber fand sich ab aus Erschöpfung von dem schweren Grund – und sammelte nur an den freien Tagen allerlei Unglückskroppzeug der Natur, als Dokumente der planlosen Erschaffung der Welt, als Fakten der Melancholie eines jeden lebendigen Atems.“

Später führt uns Platonows Geschichte aufs Land, in die Dörfer, wo die „Vergesellschaftung“ in vollem Gange ist. Doch die meisten Bauern sind eher bereit ihr Eigentum zu vernichten, als in Kolchosen einzutreten. Das Mädchen Nastja, eine Waise, die plötzlich in der Kolchose auftaucht, soll wohl stellvertretend für die neue sozialistische Zeit stehen. Doch sie ruft immer wieder nach der verstorbenen Mutter einer burshujka (einer Bürgerlichen) und wird schließlich immer schwächer, bis sie stirbt …
Wie wenig flüssig alle möglichen Projekte im Namen des Klassenkampfes funktionieren, wird mit konsequenter Ernsthaftigkeit geschildert, die allerdings für den heutigen Leser oft ins Komische, beinahe Karikaturistische, bisweilen Surreale abdriftet.

„Aber warum, Nikita, liegt das Feld so trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?“

Es ist die Zeit nach der Kulturrevolution. Stalin will die totale Kollektivierung, die schnellstmögliche Industrialisierung und es kommt der erste Fünfjahresplan. Durch Lautsprecher wurde selbst auf den Dörfern das Volk informiert und indoktriniert. Die Alphabetisierung der Bauern wurde voran getrieben und ging natürlich mit Propaganda einher. Stalins Ziel ist dabei „die Vernichtung der Klassen auf dem Weg des Klassenkampfs des Proletariats“. Die Kulaken, also die Großgrundbesitzer werden getötet, umgesiedelt oder vertrieben, Kirchen geschlossen.

„Wird die Sowjetina umkommen wie Nastja oder heranwachsen zu einem heilen Menschen, zu einer neuen historischen Gesellschaft? Dieses unruhige Gefühl bildete auch das Thema des Werkes, als der Autor daran schrieb.“

Mit obiger Aussage beendet Platonow seine Geschichte. Er ist ein Kind der Moderne, obgleich selbst proletarischer Herkunft, zweifelte er mehr und mehr am Sinn dieser Vorhaben. Er arbeitete bereits mit 15 Jahren, war später ein sehr belesener Student, wurde Mitglied der kommunistischen Partei und zum politischen Autor. All dies kommt in der „Baugrube“ deutlich zum Ausdruck. Seine Sprache enthält typische Begrifflichkeiten dieser Epoche; damals aktuell, mutet sie heute mitunter befremdlich an. Durch mehrfaches Kürzen des Ursprungsmanuskripts gelang Platonow eine zeitweise poetisch anmutende und gleichsam auf das Wesentliche zielende Verdichtung.

Man darf davon ausgehen, dass der Übersetzerin Gabriele Leupold hier eine Meisterleistung gelungen ist: Die vieldeutige und kraftvolle Sprache überzeugt.
Im Anhang der Neuauflage findet man ergänzend umfangreiche Kommentare und Anmerkungen zum Verständnis des Textes (die für mich auch unbedingt notwendig waren), eine editorische Notiz zur Übertragung vom Russischen ins Deutsche und ein aufschlussreiches Nachwort von Gabriele Leupold.

Vor mir liegt ein sehr schön gestaltetes Buch: Ein Leineneinband ohne Schutzumschlag mit dem Titel als Prägedruck. Das Covermotiv ist gestaltet nach dem Gemälde „Köpfe (menschliche Wesen in der Stadt)“ von Pawel Nikolajewitsch Filonow von 1926.
„Die Baugrube“ erschien beim Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und weitere umfangreiche Informationen gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei meiner Bloggerkollegin von Zeichen & Zeiten.
Das Buch steht auf der SWR-Bestenliste Februar auf Rang 6.

John Williams: Stoner dtv

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Zum zweiten Mal habe ich „Stoner“ nun gelesen. Zum ersten Mal 2013 gleich nach Erscheinen und nun, da es in meinem Lesekreis im „Reallife“ als Lektüre gewählt wurde. Schon beim ersten Lesen war ich mehr als begeistert von diesem Roman. Der Autor John Williams, 1922 in Texas geboren wurde nach langer Zeit wiederentdeckt: „Stoner“ war gleich ein Riesenerfolg. Zwei weitere Romane sind inzwischen wieder neu aufgelegt worden.

William Stoner, geboren Ende des 19. Jahrhunderts, lebt mit seinen Eltern in Missouri auf dem Land. Sie bewirtschaften einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, von dem sich trotz harter Arbeit mehr schlecht als recht leben lässt. Als der Vater dem 19-jährigen vorschlägt, ein Landwirtschaftsstudium zu beginnen, um es einmal besser zu haben, besucht William eine Universität und gerät immer mehr in eine vollkommen neue Welt. Er entdeckt die Literatur.

Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur verstörte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.“

Schon während des geplanten 4-jährigen Studiums der Agrarwirtschaft wechselt Stoner das Fach. Fasziniert und angezogen, belegt er Philosophie und Literatur und entscheidet sich nach dem Abschluss nicht auf die Farm der Eltern zurückzukehren. Bald darauf unterrichtet er selbst die ersten Einführungskurse. Langsam übernimmt er mehr und mehr Kurse, promoviert und bleibt an der Uni von Columbia. Dort lernt er auf einer Feier Edith kennen, eine junge, schüchterne Person, die ihn sofort aufgrund ihrer Andersartigkeit anzieht. Er verliebt sich. Sie heiraten. Doch schon am Anfang, erkennt der Leser, dass für die beiden kein glückliches Beisammensein vorgesehen ist.

Edith verweigert sich ihrem Mann, später ihrer Tochter, ja eigentlich dem Leben. Stoner übernimmt jegliche Arbeiten im Haus zusätzlich zu seiner Dozententätigkeit an der Uni und kümmert sich von Anfang an fürsorglich um seine Tochter, während Edith sich apathisch zurückzieht. Doch Stoner wehrt sich nicht. Zudem verschuldet sich das Paar, weil Edith sich wünscht in einem eigenen Haus zu leben. Dann beginnt die unzufriedene launenhafte Edith ihm mehr und mehr die Tochter zu entziehen und ihn in jeder Hinsicht in die Enge zu treiben.

Stoners alter Mentor an der Universität stirbt und wird von einem neuen Professor namens Lomax ersetzt, der sich als schwieriger und durchtriebener Mensch erweist. Stoner, der sich immer mehr zu einer starken Lehrerpersönlichkeit entwickelt hat, traut sich einen von Lomax` Studenten durchfallen zu lassen, was zu bösem Blut führt. Lomax macht Stoner zu seinem persönlichen Feind und legt ihm fortan Steine in den Weg.

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war.“

Bevor Stoner der Lebensmut gänzlich verlässt, passiert es: Die Beziehung zu einer Dozentin, die kurze Zeit an der Universität arbeitet, bringt Stoner eine Spur von ungeahntem Glück, doch auch dies wird ihm wieder aus den Händen gerissen. Das einzige was bis an sein Lebensende bleiben wird, ist die Hingabe an die Literatur, die Leidenschaft ein Gelehrter zu sein.

Das tragische an der Geschichte ist, dass Stoner vieles so hinnimmt, wie es kommt, dass so wenig Aufbruch und Wunsch nach Veränderung seiner Lebenssituation in ihm steckt. Selbst als ihm deutlicher wie nie, die Möglichkeit eines Neuanfangs vor Augen steht, entscheidet er sich pflichtbewusst und gegen das persönliche Glück. Das macht das Lesen dieser Geschichte nicht immer zum Vergnügen, möchte man Stoner doch so manches mal aus seiner Starre wach rütteln.

Und dennoch ist es ein großes Stück Literatur. Williams Sprache ist so klug und zeitweise so poetisch, dass man den oft erdrückenden Inhalt fast vergisst. Und es wendet sich direkt auch an den Leser: Wie steht es um dein persönliches Glück? Wie aktiv gestaltest du dein Leben?

„Stoner“ erschien bei DTV. Die Übersetzung kommt von Bernhard Robben. Informatives über Autor und Entstehung findet man hier.

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta

Mit dem aufsehenerregenden Roman „Erschlagt die Armen“ wurde Shumona Sinha bekannt.

In ihrem nun vorliegenden Roman „Kalkutta“ geht Sinha wieder einen Schritt zurück: Sie schickt ihre Heldin Trisha in ihr Heimatland, zurück nach Kalkutta, wohin sie aufgrund des Todes ihres Vaters reist, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Vor sehr langer Zeit hatte sie das Land verlassen, um in Paris zu leben.

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J. J. Voskuil: Das A. P. Beerta-Institut Das Büro 4 Verbrecher Verlag

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In Band 4 von „Das Büro“,  der die Jahre 1975 bis 1979 umfasst, hat Maarten Koning, Voskuils Alter Ego, es schwerer und schwerer mit seinen Untergebenen: Der Eine, Ad, ist fortlaufend krank, sobald die Arbeit überhand nimmt.

„Und jetzt möchtest du sicher, dass wir uns auch überarbeiten.“
„Das würde ich natürlich schon schön finden, wenn es von zu harter Arbeit käme“, sagte Maarten boshaft. „Aber die Wirklichkeit lehrt, dass man sich schon mit einer sehr bescheidenen Auffassung der eigenen Arbeit überarbeiten kann. Dann habe ich also nicht so viel davon.“

Der Andere ist ein akribisch arbeitender Perfektionist, der Verantwortung scheut, sehr lange für jede Kleinigkeit braucht und jede kleinste Entscheidung Maartens hinterfragt (siehe unten: ein typischer Bart-Asjes-Satz).

„Wenn du dann nur weißt, dass ich entschieden dagegen bin, sagte Bart.“

Die Eine tut sich schwer, weil sie die Arbeit nicht interessiert, die Andere will endlich forschen und nicht nur archivieren und dokumentieren. Und die, die am besten und eifrigsten ist, verlässt das Institut.
Zwei neue Mitarbeiter werden dafür eingestellt, Gerd Wiggelaar und Lien Kiepe, die Voskuil wieder mit einmaligen Charakterzügen ausstattet: Während Lien leicht rot wird, biegt sich Gerd vor Lachen:

„Gerd schüttelte sich vor Lachen. Lien lachte verlegen, als schäme sie sich für diesen kleinen Scherz.“

Eine eigene Zeitschrift, das „Bulletin“ wird gegründet, da man sich unversöhnlich mit den Redakteuren von „Ons Tijdschrift“ überworfen hat. Maarten hält immer wieder Teamsitzungen ab, um möglichst allen seiner Untergebenen ein Mitspracherecht einzuräumen und als Bart, oft der einzige Quertreiber, für längere Zeit aus Krankheitsgründen ausfällt, klappt es auch mit den Abstimmungen.
Maarten fährt zum Kongress für den europäischen Atlas der Volkskultur, der diesmal in Nordirland stattfindet und trifft auf alte Bekannte.

Auch Maartens Frau Nicolien, deren Muttter wegen zunehmender Demenz ins Pflegeheim muss,  wird immer unzufriedener, denn Maarten arbeitet fortan viel zu viel, auch zu Hause, auch abends und am Wochenende. Er übernimmt immer mehr Vorsitze, leitet Ausschüsse und wird zum Vertreter von Direktor Balk. Nicolien kann es nicht nachvollziehen, warum Maarten nicht einfach Aufgaben ablehnt. Sie ist strikt dagegen, dass Maarten „Karriere“ macht:

„Aber nicht so“, sagte sie weinend. „Denn damals gab es Beerta noch. Und jetzt bist du ein hohes Tier geworden.“

Es sterben beide Katzen, Jonas zuerst, später auch Marietje. Es kommen drei neue. Die Tierliebe der Konings kennt keine Grenzen, doch Vegetarier werden sie nicht. Nachdem nun trotz langer Verweigerung doch ein Fernsehgerät angeschafft wurde, bleiben sie jedenfalls Radfahrer, bleibt immer noch der Hass auf Autos/Autofahrer: „lauter tote Tiere am Straßenrand“.

Maarten besucht Direktor Beerta regelmäßig im Pflegeheim. Mittlerweile kann er nach seinem Schlaganfall wieder etwas sprechen, sogar mit einer Hand tippen, aber so wie zuvor wird es nie mehr. Immerhin willigt er ein, dass das Institut rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag seinen Namen tragen wird.

Maarten leidet weiterhin unter seinen Migräneattacken und an Schlaflosigkeit. Und in steter Regelmäßigkeit an der Sinnlosigkeit des Daseins.

„Als er zur Seite blickte, himmelwärts, und hoch hinter dem Turm der Westerkerk vor dem blassen Dunkel des Himmels große, flauschige, schwarze Wolken bewegungslos über dem Tosen und den Lichtern der Stadt hängen sah, stiegen ihm unvermittelt Tränen der Sehnsucht in die Augen, ohne dass er hätte sagen können, wonach er sich sehnte.“

Als glühende „Büro“-Enthusiastin muss ich nun warten auf Band 6, der im Mai erst in der deutschen Übersetzung, wie immer von Gerd Busse, herauskommt.
Band 4 aus J. J. Voskuils „Büro“-Zyklus erschien, wie alle anderen, im Verbrecher Verlag.
Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine ausführliche Dokumentation mit Interview findet man hier.
Band 1 und Band 2/3 habe ich bereits hier besprochen. Die Besprechung von Band 5 folgt in Kürze.

Chinabox – Neue Lyrik aus der Volksrepublik Verlagshaus Berlin

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Hinter dem Titel Chinabox verbirgt sich eine umfangreiche Anthologie mit chinesischen Gedichten. Es sind Werke von 12 zeitgenössischen Autor_innen, mutige, frische Stimmen, meist abseits der langen Tradition asiatischer Dichtkunst. Die Lyrikerin und Sinologin Lea Schneider, mit einigen der Autor_innen bekannt, stellt uns eine vielfältige Auswahl vor, die fein und stimmig von Yimeng Wu illustriert wurde.

Wie man es vom Verlagshaus Berlin kennt, ist der Band, der in der Edition Polyphon zweisprachig erschien, ein kleines Buch-Kunstwerk. Jedem Autor ist ein Kapitel gewidmet, welches mit einer Grafik und Biografischem eingeleitet wird. Es folgen jeweils mehrere Gedichte. Dreht man das Buch um, und beginnt zu blättern findet man den gesamten Inhalt in chinesischer Sprache. Die beiden Buchteile werden wiederum getrennt durch zwei Tuschearbeiten von Yimeng Wu, einer chinesisch-deutschen Künstlerin und Designerin.

Lea Schneider stellt an den Anfang eine kleine hilfreiche „Gebrauchsanweisung“, die
Aufschluss über die Herangehensweise des Entstehens dieses Buches gibt, sowie am Ende ein Kapitel mit Anmerkungen zum Verständnis spezieller chinesischer Begriffe und Wendungen.

„Als Auswahlkritierien haben mir zwei Faktoren gedient: Einerseits wollte ich Autor_innen vorstellen, die bisher nicht oder kaum ins Deutsche übersetzt worden sind. Zweitens habe ich mich bemüht, Autor_innen auszuwählen, die repräsentativ für je eine Richtung in der chinesischen Gegenwartslyrik stehen können.“

Wie schwierig die Übersetzungsarbeiten waren, weil die chinesische Zeichensprache ganz anders funktioniert als die deutsche und Lyrik ohnehin nicht leicht übersetzbar ist, schilderte Lea Schneider bereits vor einiger Zeit im Verlagshaus, wo sie einigen Literaturbloggern ihr anspruchsvolles Projekt vorstellte. (Siehe auch Spreepartie). Mit Schneider zusammen übersetzten diesen Band Peiyao Chang, Daniel Bayerstorfer, Marc Hermann und Rupprecht Mayer.

Kennzeichnend für die zeitgenössische chinesische Dichtung scheint die Abgrenzung zu alten, vielleicht überholten Traditionen und das Aufflammen der eigenen Stimme, die jedoch, gerade wenn sie kritisch ist, einen Weg finden muss, die politische Zensur zu unterlaufen. Die Autor_innen dieses Bandes spannen einen weiten Bogen – vom Literaturkritiker bis zur Wanderarbeiterin, von experimenteller Lyrik über klassische Formen bis zum prosaähnlichen Fließtext. Es ist ein weites Feld, das es hier zu entdecken gibt … einem fremden Land durch dessen Lyrik zu begegnen, ist in der Tat eine schöne Idee.

Mein Lieblingsgedicht kommt von der 1972 geborenen Lyrikerin und Journalistin Lü Yue. Es heißt: „schlaf kann man nicht erben“. Es scheint mir ein guter Stellvertreter für das Lebensgefühl und die Befindlichkeit heutiger Generationen. Und so sehr unterscheidet es sich dann letztendlich nicht von dem unseren …

unsere eltern
schlafen ganz fest
kaum haben sie „ja“
oder „nein“ gesagt
geht das schnarchen los

unsere generation
findet kaum noch schlaf
selbst in frühlingsnächten
wälzen wir uns hin und her
fragen uns, gegenseitig und selbst
was richtig ist
ob wir das auch gemacht haben
wenn wir die augen schließen und leise sind
ist das auch nur ein trick
um möglichst schnell an die antwort zu kommen

auf der anderen seite der holztür
fangen unsere kinder
gar nicht erst zu schlafen an
ab und zu
packt sie ein lachanfall

„Chinabox“ erschien im Verlagshaus Berlin. Weitere Infos darüber hier.

Ein gutes Leben: Zoni Weisz erzählt seine Biografie Hörbuch Verbrecher Verlag

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„Man muss darüber reden“

Der 1937 in Den Haag geborene Zoni Weisz entstammt einer Sinti-Familie aus den Niederlanden. Der größte Teil seiner Familie wurde während des Holocaust ermordet. Er überlebte aufgrund glücklicher Umstände.

Zoni Weisz erzählt für dieses Hörbuch von seinem „guten Leben“, von seiner Familie und von der großen Sinti-Gemeinschaft in den Niederlanden. In Sinti-Familien wird nichts schriftlich dargelegt, aber weitererzählt von Generation zu Generation – Geschichten erzählen abends am Lagerfeuer als Kunst und zur Bewahrung der eigenen Kultur – und so tut er das hier auch für uns.

„Und es fängt immer klein an. Mit Mitlaufen 1933 und diese Mitläufer werden dann Mittäter.“

Die Familie ist lange Zeit mit einem von Pferden gezogenen Wohnwagen unterwegs – eine wunderbare Kindheit, sagt Weisz. Doch dann beginnt 1942 auch die Verfolgung durch die Nazis in den Niederlanden. Sein Vater, ein Musiker und Instrumentenbauer, mietete schließlich einen Laden an, um nicht aufzufallen. Doch kurze Zeit später wurden alle Sinti und Roma in ein Lager gebracht und später deportiert. Der 7-jährige Zoni überlebte nur deshalb, weil er an jenem Tag bei seiner Tante war und kurz danach durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten vor der Deportation nach Ausschwitz gerettet wurde.

„Ich kann ihnen nicht sagen, was man fühlt hier als Kind, wenn man hört, dass Vater, Mutter, Schwester, die ganze Familie verhaftet worden ist.“

Eine Zeit des Versteckens folgt. Dann nach der Befreiung das Aufatmen. Zoni lebt zunächst bei den Großeltern und beginnt mit 13 schon zu arbeiten. Durch Zufall landet er in einem Blumengeschäft und entdeckt sein Talent für Floristik. Er absolviert eine Ausbildung in Gartenbau und Blumenbindekunst und schließt sie erfolgreich ab. Als er die Einberufung zum Militär erhält, meldet er sich freiwillig 1957 nach Surinam (damals holländische Kolonie). Danach gelingt es ihm beim besten Floristen der Niederlande Arbeit zu finden. 1963 übernimmt er das Blumengeschäft seines Chefs. Der wissbegierige junge Mann bildet sich weiter und beginnt schließlich mit Kunstmuseen zusammen Ausstellungen zu kreieren. 24 Jahre lang geht er dieser Tätigkeit nach und gestaltet sogar 2002 Blumengebinde für das niederländische Königshaus.

„Und dann kommt wieder das Stigma: Das einzige was Zigeuner tun ist Stehlen und Leben auf Kosten der Gesellschaft“

Bereits seit dem Mittelalter gibt es Verfolgungen der Sinti und Roma. Weisz erzählt von seiner Kultur, von den ganz eigenen Gesetzen und Lebensweisen, von deren Bewahrung, aber auch über seinen Wunsch nach Offenheit und Weiterentwicklung. Niemals klagt Weisz an, er plädiert für gegenseitigen Respekt.

Interessant, dass auch Zoni Weisz hier von seinen Träumen spricht, von Albträumen über Todesmärsche, die er selbst gar nicht erlebt hat. Hier gibt es eine direkte Verknüpfung zur These von Barbara Hahn in ihrem Buch „Endlose Nacht“ , in dem sie auf kollektive Träume dieser Zeit hinweist.

Zoni Weisz engagiert sich, er geht in Schulen und erzählt, hält Vorträge, klärt auf. 2011 hielt er eine Rede zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ vor dem Deutschen Bundestag, wie er sagt, auch um zu zeigen, dass es Überlebende gibt und damit die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten … in unserer Zeit wichtiger denn je.

Die Musik auf der CD ist Sinti-Musik von Tara Mirando & His Gipsy Orchestra. Mehr über dieses Hörbuch findet sich hier: http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/828

Yoko Tawada: Ein Balkonplatz für flüchtige Abende Konkursbuch Verlag

Yoko Tawada? Ja, der Name war mir durchaus geläufig. Aber was hat Yoko Tawada geschrieben? Wofür hat sie den Kleistpreis 2016 erhalten?

Und dann entdeckte ich diesen wunderschönen Band mit dem schmeichelnden Titel „Ein Balkonplatz für flüchtige Abende“ im Buchladen. Ich blätterte und sah Fließtexte auf schönem Papier, fadengebunden, dazwischen fein unterlegt ein Hauch von Zeichnung: Wieder so ein kleines Kunstwerk aus einem unabhängigen Verlag.

„Weißt du, woher das Wort Familie kommt?
Nein.
Von Vermehren.
Von Vermeer? Er hat fünfzehn Kinder
gezeugt.
Und siebenunddreißig Bilder.“

Yoko Tawadas Texte beziehen sich auf Sprache, die ihr anfangs vermutlich fremde deutsche Sprache, die sie zerlegt und ganz eigen wieder zusammenfügt. Es ist keine Prosa, eher etwas Lyrisches, Poetisches, was einem da Buchstabe für Buchstabe entgegen wächst. Angeordnet wie kurze Erzählungen und doch vielmehr fließende Texte mit interessanten Zeilenbrüchen, die eben doch eher Gedichten ähneln.
Kleine Geschichten werden erzählt mit Menschen darin, Begegnungen, Gesprächen über die Kunst, die Herkunft und die Lust, die vieles offen lassen. Dem Leser bleibt viel Interpretationsraum oder die schlichte Lesefreude an der Sprache, je nach Geschmack.

„Die verschwitzten Buchstaben t und r
machen aus dem Sand einen Strand.
Wenigstens die Konsonanten
geben mir klare Konturen.“

Yoko Tawada arbeitet mit der Sprache. Sie hinterfragt Worte, deren Zusammensetzungen sie ganz anders beleuchtet als ein Muttersprachler. Allzu stark hebt sich da womöglich die japanische Zeichensprache von der deutschen ab. Sie hat alles genau im Blick, schon ein einziger Buchstabe macht aus einer Wortbedeutung etwas ganz anderes. Oft arten ihre Texte in Wortspielereien aus. Dem Leser öffnet sich der Text in ganz anderer Weise, manchmal erst nach dem zweiten, dritten Lesen, springt aus allzu gewohnter Routine und blüht auf. Ein Leuchten!

„Weißt du, was der Diminutiv ist?
Nein, nicht.
Wenn man jemanden klein schlägt
aus Liebe.
Wie denn?
Zum Beispiel Mädchen.“

„Ein Balkonplatz für flüchtige Abende“ von Yoko Tawada erschien im konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Der Text ist teilweise zart durchscheinend unterlegt von Fotos bzw. Bildern von Suzanne Valadon. Mehr über die 1960 in Tokyo geborene Schriftstellerin, die derzeit in Berlin lebt und über die Verleihung des Kleistpreises 2016 findet sich auf der Verlagsseite.

Film-Kunst-Film: Seraphine DVD Film von Martin Provost 2008

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun in loser Folge auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben oder die sonst bemerkenswert sind.

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Nach außen hin wirkt sie naiv, gar etwas zurückgeblieben, doch spricht aus ihren Gemälden eine ganz eigene Leuchtkraft.

Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau. Durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs musste er Frankreich verlassen und kehrte erst 10 Jahre später zurück und entschied sich zu bleiben. Seraphine malte inzwischen exzessiv weiter, auf immer großflächiger werdenden Leinwänden. Uhde unterstützte sie nun finanziell und materiell. Sie begann jedoch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden und lebte, nun regelmäßig Geld verdienend, über ihre Verhältnisse. Auch für Uhde blieb das nicht finanzierbar. 1932 wurde sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, in der sie 1942 aufgrund einer Mangelversorgung während des zweiten Weltkriegs starb. Uhde stellte ihre Bilder aus und machte sie so in aller Welt bekannt.

Seraphine wird authentisch dargestellt von der belgischen Schauspielerin Yolande Moreau, Uhde von Ulrich Tukur; eine starke und überzeugende Besetzung.

Es ist ein stiller Film, bildkräftig, der einmal mehr aufzeigt, wie fragil ein Leben für die Kunst sein kann und wie nah dabei Genie an Wahnsinn grenzt oder umgekehrt.

Zur offiziellen Filmseite mit Trailer gehts hier.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Graphic Novel Carlsen Verlag

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Fast genau zwei Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war wegen Liebeskummer zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet.

Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Daraus entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.

An den Tagen danach wird Meurisse ständig zu ihrem Schutz von Polizisten begleitet.
Nachdem sie mit den hinterbliebenen Hebdo-Leuten allem zum Trotz die neue Ausgabe gemacht hat, spürt Meurisse eine riesige innere Leere: Weder ein Aufenthalt am Meer, noch der geliebte Proust helfen, weder die Ratschläge des Therapeuten und auch nicht der Besuch im Theater, um mit ihrem Ex-Geliebten „Oblomow“ zu sehen. Am schlimmsten scheinen die Trauerbekundungen, die ihr allenthalben begegnen: „Je suis Charlie“ schreit ihr überall entgegen … Der Anschlag auf das Bataclan in Paris im November desselben Jahres verschlechtert erneut ihren Zustand.

Erst ein Aufenthalt in Rom in der Villa Medici, einer Künstlerresidenz, scheint die Erstarrung aufzubrechen. Auf der Suche nach dem sogenannten Stendhal-Syndrom, welches ihre Dissoziation ab- und auflösen soll, stürzt sich Meurisse in die Kunst. Jedes Museum, jede antike Stätte, in ihrer Phantasie begleitet von Stendhal selbst, wird besichtigt.

„Ich warte auf das Stendhal-Syndrom.
Wir haben uns im Museum verabredet, es soll mich angesichts der Schönheit in     Ohnmacht stürzen und mich dann wiedererwecken. Ich soll mich erneuern.“

Meurisses Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. Viele Grafiken würden auch ohne Text wirken. Doch die Sprechblasen-Texte zeigen, mit wie viel Trauer, aber auch mit wie viel bewundernswertem Witz und Selbstironie Meurisse sich wieder ins Leben bringt. Ob als Ophelia, einem bekannten Gemälde von Millais nachempfunden, oder als Überlebende auf dem Gemälde „Das Floß der Medusa“ von Géricault.
„Die Leichtigkeit“ enthält eine wunderbare Hommage an die Kunst und die darin verborgene Schönheit, die so heilsam sein kann. Ein Leuchten!

Meurisse kam unverhofft schon mit 25 Jahren zu Hebdo. Man kann sich vorstellen, wie verbunden sie in den 10 Jahren ihrer Tätigkeit bei der Zeitschrift mit dieser Arbeit und den Menschen ist. Letztlich hat sie sich entschieden, in Zukunft nicht weiter für das Magazin zu arbeiten.

Der Band „Die Leichtigkeit“ erschien im Carlsen Verlag. Übersetzt wurde er von Ulrich Pröfrock. Eine Leseprobe gibt es hier.

Für immer: Peter Kurzeck erzählt sein Schreiben Hörbuch supposé

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Und wieder ein Hörereignis:
Eine „neue“ CD von Peter Kurzeck, dem wunderbaren Erzähler, der nun bereits seit drei Jahren tot ist und der die vielen schönen Geschichten in seinem Kopf nicht mehr alle aufschreiben konnte. Das Hörbuch beinhaltet zusammengeschnittene Erzählstücke, konzipiert von Klaus Sander, der bei supposé schon mehrere Hörbücher von Peter Kurzeck bearbeitete.

Diesmal geht es vor allem um Kurzecks Einstellung zum eigenen Schreiben und seine persönliche Herangehensweise. Wie immer redet Kurzeck ohne Konzept frei drauf los in seiner wunderbar weitschweifenden Art und lässt den Zuhörer gebannt lauschen. Peter Kurzeck ist wie kein anderer in der Lage zu schildern, wie wichtig und dringlich bei ihm das Bedürfnis zu schreiben ist.

„Es gehört eine andere Art von Mut dazu, nachts zu arbeiten, als morgens anzufangen.“

Er erzählt vom Ablauf eines normalen Tags in seinem Leben. Die meiste Zeit des Jahres lebte er in Uzés in Südfrankreich, wo er eine kleine Wohnung in der Innenstadt bewohnte, in einem Haus, in dem auch André Gide einge Zeit lebte. Er berichtet, wann er schreibt, wann er spazieren geht, Kaffee trinkt, isst, was er wahrnimmt. Für Kurzeck war diese Routine  wichtig für sein Schreiben.

So erzählt er, dass er schon als Kind das Wissen hatte, ein Schriftsteller zu werden, bereits mit 16 sein erstes Buch schrieb, welches die Schwester dann abtippte. Es folgte mit 20 das zweite Buch, welches an Abenden nach der Brotarbeit innerhalb eines halben Jahres entstand, aus dem nach mehreren Überarbeitungen Jahre später 1987 der Roman „Keiner stirbt“ entstand.

Und dann kommt der Tag, der 19.8.1971, an dem Kurzeck aufwacht und weiß, er will nun nur noch Schriftsteller sein. So kündigt er seine sichere Stelle und beginnt auf einem langen harten Weg sein Schriftstellerleben.

Überaus plausibel scheint mir der eigentliche Grund, den er für sein Schreiben nennt: Er wollte nichts vergessen. Sein Möglichkeit dafür fand er im Schreiben und Malen – die beste Umwandlung zur Konservierung der Erlebnisse. Überaus begreifbar vor allem auch, weil Kurzeck, geboren 1943, eine Flüchtlingskindheit erlebte.

„Insgeheim träume ich eigentlich davon, ein Buch zu schreiben, dass so gut ist,  dass die Leute dann, so wie sie bisher gelebt haben, nicht mehr weiterleben können.“

Und wenn ein Peter Kurzeck so etwas sagt, kann man gewiss sein, dass es sich nicht um eine narzisstische Befindlichkeit handelt, sondern, dass er in der Tat jedem auf der Welt nur das Beste wünscht.

Mehr über Kurzeck bei supposé.
Einige Erzählauszüge sind bereits im Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ enthalten.
Ich habe bereits das Hörbuch „Da fährt mein Zug“ und das Romanfragment „Bis er kommt“ aus dem Nachlass hier auf der Seite besprochen.

J. J. Voskuil: Schmutzige Hände/Plankton Das Büro 2/3 Verbrecher Verlag

„Es sind die virtuos getimten Wiederholungen, die Running Gags, könnte man fast sagen, die „Das Büro“ trotz all des Leidens und des Grübelns zu einem unwiderstehlichen komischen Buch machen“

So schreibt Pieter Steinz im Nachwort des zweiten Bandes von „Schmutzige Hände“.
Das und die Charaktere, die weniger über Beschreibungen, als über ihre Handlungen Kontur bekommen, ist Teil des Geheimnisses, dass diese Romane so speziell und wunderbar macht.

Nach Teil 1 des süchtig machenden Romanwerks knüpfte ich ohne Pause sofort an den zweiten Teil an und weiter an Band 3. Es ist unglaublich, aber selten habe ich mich so auf meine Lesezeit gefreut und sie so dringlich gefunden wie bei Voskuil.

Scheint in Band 2, also in den Jahren 1965 bis 1972 noch alles so weiterzulaufen wie in Teil 1, ändert sich für mich der Ton im Büro seit dem dritten Band von 1972 bis 1975 enorm. Was im Büro in Band 2 noch weitgehend spielerisch und  nicht ernst zu nehmen scheint, die vielen Reisen zu Kongressen, Sitzungen oder Umfragen verlaufen meist noch einigermaßen erträglich, das Zuhause erholsam, wandelt sich in „Plankton“ unabänderlich in Richtung Leistungsgesellschaft. Immer mehr Arbeit gibt es, das Büro wächst seit dem Umzug in die Kaisersgraacht und Maarten ist als Abteilungsleiter und somit für mehrere Angestellte Ansprechpartner, mitunter überfordert. Jegliches muss belegt und begründet werden, die Arbeit wird kostenorientierter und bürokratischer, es gibt bereichübergreifende Umstrukturierungsmaßnahmen. Bei Maarten wechseln sich Traurigkeit und Wut ab. Er ist immer mehr auf der Suche nach dem sicheren Ort, doch selbst in seinen Träumen und im Urlaub verfolgt in das Büro.

„Als er endlich eingeschlafen war, träumte er, dass er ein Buch über das Büro geschrieben hatte, ein Mittelding zwischen einem Roman und einem wissenschaftlichen Werk. Aus letzterem Grund hatte es de Heer, der Vorsitzende der Kommission Volkssprache, gelesen. Er gab es ihm zurück und sagte, dass es ihn sehr enttäuscht habe: alles Lügen.“

Der Krankenstand im „Büro“ steigt und auch Maarten ist nicht gefeit davor. Ihn plagen Magen- oder migräneartige Kopfschmerzen, doch als verantwortungs (- und schuld) bewusster Angestellter lässt er sich von der eigentlich ungeliebten Arbeit mehr und mehr vereinnahmen. Auch zuhause nach Feierabend geht der Kampf oft weiter, Nicolien, die mit ihrer zunehmend dementen Mutter zu tun hat, spart Maarten gegenüber nicht mit Vorwürfen  und auch das soziale Leben bleibt größtenteils auf der Strecke. Maarten selbst scheint mehr zu reflektieren als bisher, dennoch kann er nicht aus seiner Haut.

„Findest du das nicht komisch?“
„Nein, komisch nicht. Ein Freund von uns hat schon zweimal in einer Einrichtung gesessen. Übrigens auch jemand vom Büro.“
„O ja?“, sagte sie überrascht.
Er stand auf und streckte die Beine. „Man muss das Büro einfach als eine Einrichtung betrachten. Wenn man das macht, wird der Rest von selbst wieder normal.“

Mehr und mehr Kollegen gehen in Ruhestand, Frau Moederman beispielsweise und statt ihrer ist es nun Wiegersma, der Kartenzeichner, der beim Reden leicht mit dem Kopf wackelt. Manche Neuen kommen dazu – Voskuil schafft es einzigartige Charaktere zu zeichnen – und müssen eingearbeitet werden, mehr Frauen nun, seit Beerta nicht mehr die Einstellungsgespräche führt. Maarten streitet als Redakteur der Zeitschrift „Ons Tijdschrift“, kämpft mutig auf einem Kongress um Erneuerungen im Vorstand für den „Europäischen Atlas“ und bemüht sich um stimmiges Verhalten seinen Untergebenen gegenüber. Doch zufrieden mit sich ist er nie, oft geraten seine Gefühle außer Kontrolle.

Am Ende des dritten Teils erleidet Beerta einen Schlaganfall und  Maartens Vater stirbt. Ich habe selten so berührende echte Szenen am Sterbebett in einem Roman gelesen, wie die, die Voskuil hier schildert. Hier zeigt sich die Stärke dieses Autors auf ganz besonderse Weise …

„Zum ersten Mal wurde ihm richtig bewusst, dass sein Vater tot war, und dem gesellte sich das Bewusstsein hinzu, dass es auch mit Beerta vorbei war, sein leiblicher und sein geistiger Vater. Er war allein.“

Jeder der meinen Blog verfolgt, weiß, dass ich seit dem ersten Band der „Büro“-Sucht verfallen bin. Und wenn man bedenkt, dass jeder Band zwischen 800 und 1000 Seiten hat, und ich jetzt schon versuche „sparsam“ zu lesen, damit es nicht so bald vorbei ist, wird klar, dass „Das Büro“ für mich hellstes Leuchten ist.

Der Romanzyklus „Das Büro“ des Niederländers  J. J. Voskuil ist im Verbrecher Verlag in feiner Ausstattung in der großartigen Übersetzung von Gerd Busse erschienen. Er besteht aus 7 Bänden, wovon 5 bereits auf Deutsch erschienen. Band 1 habe ich bereits hier besprochen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Barbara Hahn: Endlose Nacht Suhrkamp Verlag

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Kürzlich stellte Barbara Hahn, Professorin für Germanistik und Autorin, ihr neues Buch „Endlose Nacht – Träume im Jahrhundert der Gewalt“ im Literaturforum im Brechthaus Berlin vor. Sie las Auszüge aus verschiedenen Kapiteln der Buches und erzählte über ihre  Herangehensweise an das Schreiben. Es war ein spannender Abend, der Interesse weckte, sich mit den diversen Schriftstellern und deren Träumen weiter zu beschäftigen.

So berichtet Hahn, dass sie über Jahre hinweg in der Literatur nach Traumnotaten Ausschau hielt. Aus all diesen Fundstücken setzt sich nun ihr Buch zusammen. Es ist ein Sachbuch, kein wissenschaftliches Werk und dennoch ist manches nicht ganz einfach zu verstehen. Aus dem Gespräch geht hervor, dass es keine leichte Arbeit war, dieses Buch zu schreiben, waren doch die gefundenen Träume alles andere als hell und positiv. Sie kommt zu dem Schluss, dass das 20. Jahrhundert selbst, also unter anderem die Zeit der Kriege und des Nationalsozialismus diese Träume hervorbrachten, selbst bei Personen, die nicht direkt betroffen waren, ähneln deren Träume doch immer wieder stark denen der Opfer.

Hahn betont, dass es ihr wichtig war, den Schwerpunkt nicht auf die Deutung und Interpretation der Traumnotate zu setzen, sondern die Texte für sich selbst wirken zu lassen, was eine ungewöhnliche Art ist, sich mit Träumen auseinanderzusetzen. Dennoch kommt Freuds Traumdeutung, die ja genau Anfang des 20. Jahrhunderts erschien mit ins Spiel: viele der Autoren hätten sich durchaus mit Freud beschäftigt.

Anfangs kommen Anna Achmatowa, die in einem Traum quasi Geschichte vorabträumt, Primo Levi, der vermutet „Träumen sei kein individuelles nächtliches Abenteuer“ und Wieland Herzfelde zu Wort. Es folgt eine Traumszene aus Benjamins „Einbahnstraße“, zu der sich sowohl Adorno (der selbst Traumprotokolle aufzeichnete), als auch Bloch äußerten und darüber gar in Streit gerieten.

Dass Benjamins letztes Buch, das er in Deutschland veröffentlichen konnte, Träume enthält – `bloß mitgeteilt` und ´uninterpretiert` – hat damals nachhaltig irritiert. Offenbar trafen diese kurzen Notate einen Nerv. Sie öffneten die Tür zu den wichtigsten Fragen der Zeit. Die bürgerliche Welt zerfiel, am Horizont drohte der Faschismus.“

Jorge Semprun, unter anderem mit Träumen aus dem Lager, kommt zu Wort und Franz Fühmann mit dem Traum, in dem er mit Freud nach Neufundland schwimmt.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts finden sich immer mehr Traumjournale, Bücher mit Traumnotaten, Traumprotokollen. Von Elsa Morante, Marguerite Yourcenar über Graham Greene, Horst Bienek, George Perec, bis zu weniger bekannten Namen führt Hahn ihre Leser. Erstaunlich, wie oft sich manche Träume ähneln … immer wieder Sequenzen aus dem Lager, aus Gefangenschaft, von Zugwaggons, von Kannibalismus, von der Verwandlung in ein Tier.

Sowohl Adorno, Benjamin als auch Anna Achmatowa berichten von Weltuntergangsszenarien in ihren Träumen. Schalamow träumt während seiner Zeit im Gulag folgendes:

„Ich schlief ein, und in meinem wirren Hungertraum sah ich diese Schestakowsche Dose Kondensmilch – eine gigantische Dose mit wolkenblauem Etikett. Die riesige dose, blau wie der Nachthimmel, war an tausend Stellen durchlöchert, und die Milch, breiter Strom der Milchstraße, sickerte hervor: Und ich reichte mit den Händen an den Himmel und aß die dicke süße Sternenmilch.“

Nicht verwunderlich ist, wie stark Franz Kafka und sein Werk offenbar auf Träumende wirkt. Von Kafka geht es weiter über Bruno Schulz zu David Grossman. Kafka und Goethe (geträumt von Heiner Müller und Walter Benjamin) widmet Hahn ein eigenes Kapitel, welches sich für mich am bewegendsten erweist.

Auch das letzte Kapitel ihres Buches wird unter anderem mit einem Zitat Kafkas eröffnet. Es ist mit „Vom Aufwachen“ überschrieben und stellt die Frage, ob Träumen gleich zu setzen ist mit Schlafen, also mit Erholung oder ob es sich nur um eine andere Art des Wacherlebens, einen Parallelzustand handelt.

„Ich kann nicht schlafen. Nur Träume, kein Schlaf.“

Barbara Hahns „Endlose Nächte – Träume im Jahrhundert der Gewalt“ erschien im Suhrkamp Verlag. In der Bibliographie am Ende des Buches finden sich umfangreiche Hinweise über verwendete und somit weiterführende Literatur. Eine Leseprobe gibt es hier.

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht Hörbuch Hamburg

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Magriet de Moor ist eine der großen Schriftstellerinnen der Niederlande. Ihre Novelle „Schlaflose Nacht“ erschien bereits 1989 in den Niederlanden und 1994 in deutscher Fassung. Nun ist eine neu übersetzte und leicht überarbeitete Fassung wieder aufgelegt worden. Da ich die Bücher dieser Autorin immer sehr mochte, das Buch, nicht jedoch das Hörbuch in der Bibliothek ausgeliehen war, habe ich mich einmal wieder aufs Zuhören eingelassen. Gut geeignet ist diese Novelle, vor allem weil es aufgrund der Kürze der Geschichte eine Komplettlesung ist. Zwei CD´s, zwei Stunden eintauchen in die Geschichte, sehr schön gesprochen von der Schauspielerin Ulrike C. Tscharre.

Es geht um ein Thema, dass Margriet de Moor immer schon umtreibt: Die unerklärlichen Fragen in Liebesbeziehungen, die unsichtbaren Fäden, die Liebespaare verbinden. Die Autorin beherrscht dieses Thema so gut, dass man sich den Fragen, die sie in ihren Geschichten stellt, sofort hingibt. Dabei zeigt sich de Moors musikalisches Talent, sie studierte Klavier und Gesang, auch im Geschriebenen. Ihre Texte sind perfekt durchkomponiert, ihre Sprache klingt und schwingt virtuos und vielstimmig.

Eine Frau steht nachts in ihrer Küche und beginnt Kuchen zu backen. Sie tut das regelmäßig. Ihre Schlaflosigkeit begleitet sie schon lange, das Rühren und Teig bearbeiten beruhigt sie und gibt ihr neue Kraft. Während oben im Schlafzimmer ihres Hauses schlafend ein Mann im Bett liegt, den sie am Morgen erst kennengelernt hat, lässt sie uns Leser an ihren Erinnerungen teilhaben, die nun mehr über 13 Jahre zurückliegen: Ton, ihre große Liebe beging mit 25 Jahren Selbstmord, etwas über ein Jahr war sie mit ihm verheiratet, glücklich, und doch griff er zur Pistole und schoss. Beim Schlittschuhlaufen als Studenten lernten sie sich kennen und retteten sich gegenseitig beim Einbruch ins zu dünne Eis. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von da an sind sie unzertrennlich.

Keinen Abschiedsbrief hinterlässt Ton, nichts war geschehen, was auf diese Tat hätte hinweisen können. Und so muss sie mit diesem „wahnsinnigmachenden“ Geheimnis, mit der Unklarheit allein weiterleben. Sie verlässt das Haus und die Kleinstadt nicht, arbeitet als Lehrerin, bindet sich jedoch nicht neu. Sie lernt aufgrund von Kontaktanzeigen andere Männer kennen, doch hält sie immer Distanz, es bleibt bei Ein-tags/nachts-liebeleien.

„Ich kenne das. Meist bin auch ich sehr müde. Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie anstrengend es ist, einen Tag mit einem Unbekannten zu verbringen. Oft genug hatte ich Mühe, die Augen offen zu halten, bis das gleichmäßige Geräusch einsetzte, das sichere Zeichen, dass auch ich mich auf die Seite drehen konnte.“

Doch diesmal scheint die Begegnung etwas anders zu sein. Eine Vertrautheit ist da, beinahe so etwas wie Nähe entsteht im Verlauf des Tages. Und während sie auch diesmal nicht schlafen kann, stattdessen Kuchen bäckt, lauschen wir den Stimmen in ihrem Kopf, lauschen den Vermutungen und Ideen, wer ihr Mann wirklich war, was sie eigentlich wirklich über ihn wusste. Und im Verlaufe der Nacht, findet sich zwar wie immer keine Klarheit, jedoch eine gewisse Zustimmung, ein Einverstandensein, ein Loslassen, vielleicht mit Aussicht auf etwas Neues …

Das Hörbuch „Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor erschien bei Hörbuch Hamburg. Die Neuübersetzung der Novelle stammt von Helga von Beuningen. Eine Hörprobe findet sich hier.