Uwe Timm: Ikarien Kiepenheuer & Witsch

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Gleich eingangs, vielleicht schon vom Cover her, fiel mir eine gewisse Ähnlichkeit zu Christoph Heins „Trutz“ auf. Hier ein Eugeniker, dort ein Mnemoniker. Hier ein Ploetz, dort ein Trutz, jeweils ein schwarz-weiß-rotes Cover und die Geschichte eines Erzählers in Rückblenden erzählt und zwei in etwa gleich alte Autoren …
Natürlich ist es dann doch etwas ganz anderes, schließt aber gut an das kürzlich besprochene Buch „Die Stunde der Spezialisten“ an, welches mir letztlich – Hand aufs Herz – auch besser gefiel, obwohl ich Uwe Timms Romane sehr mag..

„Es sind keine Monster, recht normale Menschen. Und solange sie leben, haben sie tausend kleine Erklärungen, wie sie zu diesem bereitwilligen Pflichttöten gekommen sind, warum es „normal“ erschien. Am Anfang vielleicht noch begleitet von einem schlechten Gewissen, das ihnen sagte, es ist nicht recht, ein Tun, das dann durch die Gewöhnung selbstverständlich wurde.“

Timm siedelt seine Handlung kurz nach dem Krieg 1945 in Deutschland an. Der junge amerikanische, aber deutschstämmige Nachrichtenoffizier Hansen soll einen überlebenden Zeitzeugen und Dissidenten befragen, um herauszufinden, was dessen ehemals enger Freund Alfred Ploetz (den es tatsächlich gab), ein Eugeniker, also ein Wissenschaftler, der die Erbanlagen von Menschen untersucht, um etwa zukünftige Erbkrankheiten zu verhindern, mit dem Thema Rassenhygiene zu tun hat. Mit seinen Theorien und seiner Forschung arbeitete er offensichtlich direkt den Nationalsozialisten in die Hände.

„Langweile ich sie?“

fragt der Zeuge Wagner einmal im „Verhör“, eigentlich sind es wohlwollende Gespräche. Und ich als Leserin muss leider antworten: „Ja, mitunter schon“.

Denn so richtig kommt der Roman nicht in Schwung. Irgendwo hakts; ich weiß nicht genau wo. Die Zeugenbefragung erweist sich als sehr langatmig, da der 81-Jährige, der versteckt in einem Antiquariat lebte, sehr weit ausholt, auch mit seiner privaten Lebensgeschichte aufwartet. Das ist allerdings noch relativ interessant, im Gegensatz zum Privatleben des befragenden Offiziers, das immer zwischen den (Verhör-)Gesprächen eingeschoben wird: So sieht man Hansen, den amerikanischen Offizier durch das zerstörte München laufen, Kaugummis verteilen oder den Erörterungen seines Mitbewohners, des GI´s George, im beschlagnahmten Haus am Ammersee über Vogelkunde lauschen. Ansonsten liest man, wie Hansen mit dem ebenfalls beschlagnahmten Cabrio Frauen durch die oberbayerische Landschaft chauffiert, ganz abgesehen von den folgenden Bettgeschichten. Hier hätte Timm die Person Hansens interessanter machen oder diese Zwischenspiele gleich gänzlich weglassen können.

Interessant wird der Roman immer dann, wenn er tatsächlich zum Thema der ganzen Untersuchungen kommt, der Eugenik, was leider nur oberflächlich der Fall ist. Noch interessanter sind die Teile, die den Besuch der neuen Siedlungen der „Ikarier“ oder der „Amanen“ in den USA schildern, bei denen die Suche nach einer neuen Gesellschaftsform, einer neuen Lebensart im Mittelpunkt steht. Wagner und Freund Ploetz begaben sich auf die Erkundungsreise, die Auserwählten aus einem Kreis, zu denen auch die Gebrüder Carl und Gerhart Hauptmann gehörten.

„Sie haben Posten verteilt, die Idee war groß, diese Idee, dass es eine Gesellschaft geben müsse, die beides vereint, die soziale Gerechtigkeit und die Weiter- und Höherentwicklung der Menschen.“

Ikarien, ist die Idee einer utopischen Gemeinschaft, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet 1840 in Amerika gegründet wurde und bei der alle Besitztümer verstaatlicht sind. Interessanterweise funktionierten die Kommunen, die religiös-spirituell ausgerichtet sind gut, während bei den kommunistischen Denkmodellen bald große Unzufriedenheit unter den Bewohnern herrschte.

Timms Roman erscheint mir mitunter etwas zu ausschweifend erzählt, wo hingegen die tatsächliche Thematik „Ikarien“, das Nachdenken über neue Möglichkeiten des Zusammenlebens in sozialer Gemeinschaft, das ja aktueller ist, denn je, etwas zu vage blieb …

Uwe Timms „Ikarien“ erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier .

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Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag

Ein Haus in Paris, ein Innenhof in der Rue de Grenelle, ein Fiat 500 im Hof, ein Haus, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, eine Wohnung mit zwei Stockwerken, in einem Raum das Versteck.

„Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Von nicht mehr ganz eigenen Namen, da sich dahinter andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: „Wer sind wir?“

Die gesamte Besprechung kann man lesen auf fixpoetry

Barbara Zoeke: Die Stunde der Spezialisten Die andere Bibliothek

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Wie konnte ich nur vergessen, wie wunderschön die Bände aus „der anderen Bibliothek“ sind. Kleine Kunstwerke für Bibliophile sind es, Stecknadeln im Heuhaufen der unüberschaubaren Bücherwelt.

Allerdings ist in diesem Band der Inhalt ganz konträr zum schönen Äußeren, so gar kein schöner, zumindest thematisch. Barbara Zoeke schreibt über ein dunkles Kapitel Deutschlands. Man ahnt es vielleicht anhand der Krankenhausbetten und der Schwesterntracht: Es geht um die sogenannte Rassenhygiene und um Euthanasie in der NS-Zeit. „Die Spezialisten“ aus dem Buchtitel sind nämlich genau die Ärzte, die ohne zu zögern „unwertes Leben“ aussonderten und in ihren Tötungsanstalten, skrupellos ums Leben brachten.

„Hitlers Spezialisten, sie sprechen von geistig Toten, von Ballastexistenzen. Sie erproben Tötungsverfahren, elegante, geheime, um die Säle der Landeskrankenhäuser zu leeren und die Rasse rein zu halten.“

Barbara Zoeke gelingt es trotzdem mit ihrer Sprache und dem Ton, der in diesem Roman herrscht, eine sehr gute, wenn auch nicht gut ausgehende (wie auch?), Geschichte zu erzählen. Ich bin beeindruckt von diesem Können. Über solch ein Thema einen Roman zu verfassen, braucht meiner Meinung nach viel Mut.

Der Roman ist in fünf Kapitel geteilt. Im ersten wird aus der Sicht der Hauptfigur Max Koenigs im  Jahr 1940 erzählt. Koenig ist Professor für Altertumsforschung, der mit seiner Frau Fee, einer Italienerin und der Tochter Püppi, in Leipzig lebt. Als sich die Zeichen häufen, dass er an der gleichen ererbten Nervenkrankheit Chorea Huntington, wie sein Vater litt (der hatte sich zusammen mit Koenigs Mutter umgebracht), kommt er zunächst in die Klinik in Wittenau bei Berlin. Sein ehemaliger Mentor warnt ihn, solange noch Zeit ist, er möge auf sich aufpassen und zumindest seine Familie aus Deutschland herausbringen.

„Du ahnst nicht, wie kränkend sie mich behandeln. Diese Medizinbüttel in ihren brettsteifen Kitteln. Lautstark zerpflücken sie meine Vita. Ich liege da, ein Wurm, über den sie reden. Professor für Altertumsgeschichte …“

In Wittenau lernt er drei Mitpatienten, den Jungen Oscar, den Lehrer Carl Hohein und die junge Frau Elfie, (die später als einzige überlebte), näher kennen. Die Klinikleitung entscheidet anhand von Fragebögen, welche Patienten „ausgelagert“ und „entsorgt“ werden sollen. Dazu gehören alle, die nicht mehr arbeiten können. Carl kann zunächst noch arbeiten, stirbt dann aber in einer Klinik an Unterernährung, welche ja auch im Euthanasie-Programm der Nazis vorgesehen war. Max und der mongoloide Junge Oscar werden in Bernburg an der Saale gleich nach Ankunft in der Gaskammer ermordet (14000 Menschen wurden dort zwischen 1940 und 1943 im Rahmen der Euthanasieprogramme vergast).

Die zweite Perspektive ist die von Dr. Friedel Lerbe, Arzt und Leiter der Tötungsanstalt Bernburg. Eine „geheime Reichssache“ übernimmt der Arzt, auch wegen der vielen materiellen Vorteile. An die Tötungen gewöhnt er sich leicht, ist doch alles zum Wohle des deutschen Volkes: das Bewegen des Gashebels, die Beruhigung der „Leichenbrenner“, sie sich über Schwierigkeiten beklagen, die Todes- und später speziell formulierten Trostbriefe, die an die Angehörigen gehen, die ausgedachten Todesarten. Ein ganz normales Leben, so gut wie keine Zweifel an der Tätigkeit, sogar alltägliche Tötungsroutine, bis auf die Begegnung direkt vor der Gaskammer mit Max Koenig, einem flüchtigen Bekannten/Verwandten, der zumindest eine Erinnerung und ein kurzes Zögern hervorruft: „Max Koenig, das war Onkel Gernoths Schwager.“

„Kaum einer wird sich vorstellen können, wie kompliziert und facettenreich meine Tätigkeit ist. Wie sehr ich als Chef dafür stehe, dass alles still und reibungslos funktioniert. Nur sehr naive Menschen können vermuten, dass das Töten unsere Hauptarbeit ist.“

Unfassbar.

In den letzten drei kürzeren Kapiteln schildert die Autorin knapp den Suizid Friedel Lerbes in Gefangenschaft nach Ende des Krieges, kurz vor seinem Prozeß.

Und sie erzählt von der Überlebenden Elfie, die zumindest die Mutter ihres Liebsten, Carl Hohein, am verabredeten Treffpunkt am Meer in Italien nach dem Krieg, wieder sieht. Von ihr erfährt sie die Geschichte von Carls Tod.

Auch Fee und die Tochter scheinen es geschafft zu haben, den Krieg zu überstehen.

„Die Stunde der Spezialisten“ von Barbara Zoeke erschien als 393. Band von „Die andere Bibliothek“. Die Illustrationen des Vor- und Nachsatzblatts stammen von Lars Henkel. Das Buch ist wie alle dieser Reihe auf feinstem Papier gedruckt, fadengeheftet mit Lesebändchen und im illustrierten Schuber. Ein bibliophiles Leuchten!
Mehr über Buch und Autorin findet sich hier.

Petra Morsbach: Justizpalast Knaus Verlag

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„Schon Thirzas Mutter wäre gerne Richterin geworden. Doch dann kam Carlos Zorniger dazwischen.“

Mit diesem Satz leitet Petra Morsbach ihren neuer Roman „Justizpalast“ ein, der auch soeben den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2017 erhalten hat. Imgrunde sagt dieser eine Satz schon viel über den Inhalt des Buches aus, denn es legt klar fest, dass Thirza nun gerade erst recht Karriere als Juristin machen will. Thirzas Mutter brach ihr Jurastudium ab und heiratete den wesentlich älteren erfolgreichen Schauspieler Carlos Zorniger. Das Glück hielt nicht lange vor. Die Tochter Thirza wächst bei ihren Tanten und ihrem Großvater auf und entschließt sich auch Jura zu studieren und Richterin zu werden.

„Randbemerkung von Thirza: juristische Elite des 19. Jahrhunderts – Männer, adlig, Professoren! Wie einfältig wird eine Elite, die niemand infrage stellt! Und diese dümmliche Selbstgerechtigkeit bestimmte die Haltung zu Frauen bis ins 20. Jahrhundert hinein.“

Petra Morsbach hat neun Jahre für diesen Roman recherchiert und sie muss sich tief in die Materie eingearbeitet haben. Viele Fälle werden hier dem Leser geschildert und obgleich, sie versucht verständlich zu erklären, bleiben mir die Gesetzlichkeiten oft Böhmische Dörfer. Viele Fälle, von denen die Autorin erzählt, sind schon beim bloßen Lesen hanebüchen oder zum Fürchten.

„Aus Gerichtsperspektive scheint jeder mit jedem zu streiten, das ganze reiche Land eine Horde von hereingelegten, und hereinlegenden, erschrockenen und erbosten, beleidigten und wütenden Bürgern. […] Sie prozessierten sich um Kopf und Kragen.“

Trotzdem ist es spannend einen Blick in die Gerichtsbarkeit und den Arbeitsalltag von Thirza zu werfen. Sie hat sich zielstrebig und mit großer Durchsetzungskraft hochgearbeitet, anfangs in einer fast nur männlich dominierten Welt, und richtet schließlich wie angestrebt im Justizpalast in München. Sie bemüht sich nicht nur Recht zu sprechen, sondern auch möglichst Gerechtigkeit walten zu lassen, was offenbar nicht immer das gleiche bedeutet. Aufgrund der vielen Arbeit, bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Thirza hinterfragt dann auch von Zeit zu Zeit, ob es das wert ist. Später, als sich privates Glück dauerhaft mit einem Mann – wie könnte es anders sein – einem Rechtsanwalt, einstellt, werden auch seine „Fälle“ noch ausdiskutiert. Als Max, inzwischen längst ihr Ehemann, nach vielen glücklichen Jahren aufgrund einer Krebserkrankung den Freitod wählt, stürzt sich Thirza schon kurz darauf wieder in die Arbeit bei Gericht.

„Man lernte: Tausende Gesetze, von denen ein Nichtjurist die meisten auch bei mehrfachem Lesen nicht begreift, auf hunderttausend alltägliche Verstrickungen anzuwenden. Man bewertete zivile Ausgangspositionen nach gesetzten Prinzipien. Man entwarf, indem man Millionen Bürgerstreitereien entschied, ein Gesamtbild der Rechtssicherheit, das unsere Zivilgesellschaft stabilisiert und zu einer der angesehensten der ganzen Welt macht.“

Eine allwissende Erzählerin schickt uns zwischendurch immer wieder in der Zeit zurück Richtung Kindheit und Studium und kommentiert mitunter auch Thirzas Tun und Streben (und teilt ab und an kleine amüsante Seitenhiebe aus auf das männliche Geschlecht vor und hinter dem Richtertisch).

Man sollte sich schon in gewissen Maße für unsere Rechtsprechung interessieren, um Vergnügen an diesem Roman zu haben, zumal er, sobald es um juristische Themen geht, und das tut es oft, mitunter sehr ausschweifend wird. Die Geschichte von Thirza selbst scheint mitunter ein wenig zu kurz zu kommen, dennoch schafft Morsbach in dieser Kürze viel auszudrücken, gerade auch was Thirzas klugen Blick auf ihre vergangenen Beziehungen angeht. Der Roman hat mir jedenfalls ungewohnte Einblicke in die Juristerei gegeben, auch wenn ich manchmal eine allzu ausführliche Urteilserklärung überblättert habe.
Ich erinnere mich außerdem gerne an die bisher gelesenen Romane von Petra Morsbach, wie etwa Dichterliebe und Opernroman, bei denen mir die Themen jeweils näher waren.

„Justizpalast“ erschien im Knaus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Friedrich Kröhnke: Wie Dauthendey starb Literaturverlag Droschl

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„Schon jetzt haben Sie profitiert. Hundert Jahre ist der Todestag Dauthendeys her demnächst, noch dazu 150. Geburtstag,dafür gibt’s Zeilengeld. Der eine oder die andere von Ihnen könnte aus seinen, aus ihren Notizen etwas zusammenstellen,
hier ein wenig gestrichen, da ein paar Formulierungen umgestellt, dort ein bisschen ausgeschmückt, für ein »Kulturradio«, für eine Zeitung: wie Dauthendey starb. Er war ja mal berühmt, für ein kleines Feuilleton reicht’s vielleicht auch heute noch.“

Ziemlich ungewöhnlich gestaltet der Autor Fiedrich Kröhnke seinen neuen Roman um den Dichter Max Dauthendey, der bis heute relativ unbekannt geblieben ist, im Gegensatz zu manch anderen Zeitgenossen. Glücklicherweise gibt es da einen Gastdozenten an einer kleinen Uni, der die Studenten in seinen eigenwilligen Poetikvorlesungen mit Dauthendey konfrontiert. Und mit sich selbst. Friedrich Kröck heißt der Dozent, unschwer zu erkennen als Alter Ego des Autors. Kröck hält seinen Vortrag und der Autor schreibt mit: Zum Glück recht unterhaltsam.

„War Dauthendey ein guter, etwa ein großer Dichter? Wenn ich in seinen Gedichtbänden blättere, stört mich auf fast jeder Seite so eine Inversion, dieses unbeholfene Verkehrtherumstellen von Subjekt und Prädikat, des Verses und des Reimes wegen … Seltsam selbstbewusst spricht er von seiner Tätigkeit des Dichtens, etwa so: Als ich heute Vormittag gerade dichtete … ich setzte mich hin zum Dichten … Das sagt heut keiner mehr.“

In der Tat kann ich persönlich Dauthendeys Lyrik nicht so viel abgewinnen, siehe oben, da spricht mir Kröck aus der Seele. Doch sein Farbenspiel in Texten ist durchaus bemerkenswert. Besser man versuche es mit seiner Prosa. Dauthendey war unglaublich viel auf Reisen, erfährt man weiter von Kröck, was seine Texte auch widerspiegeln, auch in den Kolonien, in entlegensten Gebieten, die seiner Gesundheit nicht unbedingt zuträglich waren. Doch:

„Seine Aufzeichnungen aus Neu-Guinea und Java sind voller Beobachtungen von Ungerechtigkeit und Ausbeutung. An den Klassen- und Rassenkämpfen seiner Zeit nahm er jedoch, wie wir es auch beurteilen mögen, nicht teil.

Dauthendey lebte con 1867 bis 1918, wurde also nur 51 Jahre alt. Er galt als Exotist und Weltreisender. Er starb in den Tropen, auf Java, an einem Ort, an dem er nicht sein wollte. Doch der Krieg in Europa hatte ihn aufgehalten, die Rückreise unmöglich gemacht, so dass er auch seiner schwedischen Frau ungewollt drei Jahre fernblieb, sie dann nie wieder sah. Als Glücksfall für die Literatur bezeichnet das Kröck.
Es hätte zufällige Begegnungen geben können mit Karl May, der endlich doch noch reiste, und mit Emil Nolde, der ebenfalls zu dieser Zeit in den Tropen unterwegs war. Kröck erzählt, dass Dauthendey in Würzburg geboren wurde, wenn er nicht gerade wieder darauf verfällt, aus seinem eigenen verbrauchten Leben zu berichten, wie etwa einem Aufenthalt in Kladow in der Klinik Havelhöhe aufgrund eines Alkoholentzugs oder dem Wunsch im Berliner Westen beigesetzt zu werden. Was dann unwillkürlich dazu führt, dass eine immer geringere Anzahl von Studenten den Kurs frequentiert – immerhin habe ich mich als Leserin nicht vorzeitig abschrecken lassen …

Witzige Idee, schräger kurzweiliger Roman von Friedrich Kröhnke über einen doch eher braven deutschen Dichter, mal wieder aus dem wunderbaren Literaturverlag Droschl (Danke, Frau Knoch!) Leseprobe hier.

Für alle die es genauer wissen wollen: Auf fixpoetry hat ein Dauthendey-Fan sich kürzlich ausführlich über Autor und Werk geäußert.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag

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Leïla Slimani hat für diesen Roman den Prix Goncourt 2016 erhalten. Nach der Leseprobe war ich gespannt, wie es weitergeht und ich hoffte natürlich auch aufgrund des Preises auf ein sprachlich besonderes Buch. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Der Roman ähnelt einem Psychothriller und er will gesellschaftskritisch sein, denn er zeigt zudem manche Missstände in der französischen Gesellschaft auf, begibt sich in die Welt der „neuen Diener“.

Schon auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass zwei Kinder tot sind. Es ist auch klar, wer die Mörderin ist. Es ist die angeheuerte beliebte Nanny eines Paares, das zwar zwei Kinder bekommen hat, das aber dennoch mit Karriereabsichten arbeiten geht und gar keine Zeit hat für die noch kleinen Kinder.

„Das Leben ist zu einer Abfolge von Aufgaben geworden, von Verpflichtungen, die man einhalten , und Verabredungen, die man wahrnehmen muss. Myriam und Paul sind überlastet. Das sagen sie sich gerne immer wieder, als wäre ihre Erschöpfung der Vorbote des Erfolgs.“

Also muss die Nanny her. Sie scheint perfekt, die Kinder sind bestens betreut, der Haushalt gut versorgt und Überstunden sind kein Problem. Immer mehr Raum nimmt sie im Leben der Familie ein, immer mehr Irritationen stellen sich ein. Und Louise, die Nanny, die schwer an ihrem Banlieue-Schicksal trägt, der ungeliebte Mann stirbt und hinterlässt Schulden, die ungewollte eigene Tochter flieht so schnell wie möglich vor der Mutter aus dem Haus, ist wie der Leser schnell erkennt, selbst überfordert und alles andere als psychisch stabil … Doch eine wirkliche Erklärung gibt es für die Tat nicht. Das, auf was man als Leser*in hofft, verweigert die Autorin.

Zugegeben, ich habe mich nach der Lektüre gewundert, weshalb dieses Buch den Prix Goncourt erhalten hat. Die Geschichte zwar spannend, aber nicht überragend, zwar unterhaltend, aber nicht nachhaltig, sprachlich auch kein Highlight. Da habe ich kürzlich ein stärkeres Buch einer Französin gelesen: In allen oben genannten Aspekten hat mich Karine Tuils Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ mehr überzeugt. Obgleich beide Autorinnen selbst einen Migrationshintergrund haben, schafft es Tuil eindrucksvoller und komplexer diese französischen Problemthematiken darzustellen. Tuil gilt auch meine Empfehlung, Slimani eher dann, wenn man sonst eher Psycho-Krimis mag.

Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier.

Nina Jäckle: Stillhalten Klöpfer & Meyer

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Die 1966 geborene Nina Jäckle hat einen Roman über ihre Großmutter geschrieben. Diese Großmutter wurde auf ewig festgehalten in einem Porträt des berühmten Malers Otto Dix. Wer kann das schon von seiner Großmutter sagen … ? Und es ist auch die Geschichte einer begabten Frau, die aufgrund der Strukturen ihrer Zeit, 1933, Dresden, nicht das tun durfte, wozu sie wohl berufen war … das Tanzen.

Wir lesen von Tamara, als sie bereits zurück blickt. Als sie gealtert ist, zwar zunächst noch materiell gut versorgt, dank des reichen Ehemanns, doch unglücklich. In ihr „Abrechnungsbuch“ trägt sie nicht nur ihre finanziellen Ausgaben ein, sondern schreibt auch alles was ihr im Nachhinein für eine Lebens-Abrechnung notwendig erscheint. Imgrunde spielt sich der ganze Roman in Tamaras Kopf ab. Es ist ein einziges Wechselspiel zwischen jetzt und damals, zwischen der großen Chance und dem großen Versäumnis. Zwischen richtig und falsch. es ist ein Hadern mit sich selbst und den Wegen, die sie in ihrem Leben einschlug.

„So steht man nun in dieser einen Variante, die man zu seinem Leben gemacht hat, schreibt Tamara in ihr Abrechnungsbuch, so versucht man nun immer wieder aufs Neue, dem Bedauern das Gelingen entgegenzusetzen.“

Wie so oft damals ist es das Problem ihrer Zeit, dass sie, als sie sich für die Ehe entschieden hatte, „in der Unbedachtheit der Jugend“, ihre Tanzkarriere vergessen konnte, dass sie aufgeben musste, weil der Ehemann das so wollte. Tamara hatte nicht das Glück einer Käthe Kollwitz, deren Mann hinter ihr und ihrer Kunst stand. Und wer weiß, wie vielen Frauen es ebenso erging.

„Du bist herausragend, hatte die Tanzlehrerin Tamara am Tag zuvor gesagt, herausragend nicht im Sinne des Künstlerischen, aber sehr wohl im Sinne der Zerstreuung und des Vergnügens, du wirst Geld verdienen können mit dem Tanzen …“

Als sie 1933 im Alter von 21 Jahren für Otto Dix Modell steht, stillhalten muss, wo sie sich doch vor allem bewegen will, ist sie noch vollkommen frei, lernt tagsüber den „echten“, den Ausdruckstanz von Mary Wigmann und tanzt abends im Varieté, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Von Dix erfährt sie in vielen Gesprächen, was politisch gerade vor sich geht. Die Mutter, die ihr die Tanzkleider näht, beschwichtigt nur und hofft auf eine gute Partie für die Tochter.

Beinahe unmerklich lässt Jäckle einfließen, was Tamaras Mann, ein wohlhabender Geschäftsmann damals im Nationalsozialismus für Geschäfte machte. Überhaupt ist es Jäckles Sprache, die den Roman trägt, obgleich der Inhalt ebenso interessant ist. Denn die Autorin weiß, Spannung zu erzeugen gerade durch die leeren Stellen, durch das Nichterzählte und durch sprunghaften Wechsel von Gegenwart zu Verganenheit. Der Leser spürt den Überdruss und die Sinnlosigkeit, die Tamara empfindet, beinahe genauso stark. Im endlosen Wiederholen der Gedanken, des Tagesablaufs wird der Leser selbst eingeschlossen. Das ist Jäckles Verdienst.
Der Autorin ist mit ihrer konzentrierten, dichten Erzählweise ein sehr schönes eindringliches, wenngleich trauriges Porträt einer Frau gelungen, die Opfer ihrer Zeit wurde. Ich mag es sehr, Und ich bin ganz hingerissen von Otto Dix´Gemälde, es hält Tamara am Leben.

„Stillhalten“ erschien im Verlag Klöpfer & Meyer. Auf Vorsatzblatt vorne ist ein Foto des von Otto Dix gemalten Bildes und auf dem Vorsatzblatt hinten ein Foto von Tamara als Tänzerin. Eine Leseprobe gibt es hier .

Anne von Canal: Whiteout Mare Verlag

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Schade … Anne von Canals Debütroman „Der Grund“ war richtig gut. Im Prinzip ist zwar gegen den nun vorliegenden neuen Roman „Whiteout“ nichts zu sagen. Er ist solide gemacht, recht gut konstruiert, aber er haut mich eben nicht um, weder inhaltlich noch sprachlich. Er fesselt mich bei weitem nicht so, wie „Der Grund“ es in seiner Vielschichtigkeit tat.

Von Canals „Whiteout“ ist eine Freundschaftsgeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, ausgehend und erzählt von der Hauptperson Hanna, einer Glaziologin. Sehr schade finde ich, dass das Thema Gletscherforschung imgrunde nur als Ausganspunkt für die Geschichte gewählt wurde, die sich dann größtenteils aus den Erinnerungen Hannas speist. Viel erfährt man leider über diese Wissenschaft und über die Forschung im Eis nicht. In der Tat hatte ich gerade diese Ausgangssituation für äußerst spannend gehalten. Natürlich bieten sich die Bohrungen im Eis als Metapher für „Bohrungen“ in der Vergangenheit an …

Der Inhalt ist kurz erzählt: Hanna und ihr Bruder Jan lernen als Kinder die Pfarrerstochter Friederike, genannt Fido kennen und die drei werden unzertrennlich. Sie planen nach der Schulzeit ein gemeinsames Studium in Hamburg. Doch bevor es dazu kommt verschwindet Fido ohne Erklärung auf Nimmerwiedersehen.
Ausgerechnet während der wichtigen Forschungsarbeit in der Antarktis erhält Hanna eine Nachricht ihres Bruder Jan, mit dem sie kaum mehr Kontakt hat. In seiner Mail schreibt er, Fido sei tot. Diese Nachricht verwirrt Hanna so, dass sie zunehmend unkonzentrierter in ihrer Arbeit wird, da sie ständig in Erinnerungen an die Zeit mit Fido gestürzt wird.

Ein „Whiteout“ ist ein meteorologisches Phänomen, dass auf eine besondere Sonnenreflexion in Polargebieten zurückzuführen ist. Sie kann bei Beobachtern psychisch zu Beklemmungen und physisch zu Desorientierungen führen. Insofern ist der Titel stimmig gewählt, denn Hannas Zustand verstärkt sich durch das Whiteout noch. Ein aufkommender Schneesturm tut sein Seiniges …

Anne von Kanals Roman erschien im Mare Verlag, ebenso wie ihr voriger Roman, den ich deutlich besser fand. Eine Leseprobe gibt es hier . Eine weitere Blog-Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten

Anna Baar: Als ob sie träumend gingen Wallstein Verlag

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Da ist sie wieder, die so ganz eigene Sprache der Anna Baar. Nach ihrem Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“, der mir überaus gefallen hat und aus dem sie vor zwei Jahren auch beim Klagenfurter Bachmannwettbewerb gelesen hat, halte ich nun ihren neuen, ein wenig kürzeren, aber nicht weniger intensiven Roman in Händen. Vielleicht geht die österreichische Autorin diesmal sogar noch einen Schritt weiter in der Sprache: sie verdichtet so stark, dass man sich manchmal inmitten von Poesie befindet. Wenn es so etwas gibt, dann ist es ein lyrischer Roman. Doch auch die Geschichte selbst hat es in sich.

„Nur der Hebamme war es gegeben, in die Seele des Kinds zu sehen. An der Schwelle des Lebens, noch vor dem ersten Schrei, hat sie Klee den Finger auf die Lippen gedrückt, damit er die Weisheit der Engel nicht an die Irdischen verriete.“

Da liegt einer im Fieber, der alte Klee, fantasiert im Fieberwahn. Liegt im Klinikbett, meist stumm gemacht, sediert durch Medikamente. Und dazwischen liegen die klaren Augenblicke, die Erinnerungsmomente. Immer präsent ist Lily, die Eine, die Geliebte, die er verließ und verlor. Und dann sind da all die Kriegsszenarien. Wie viele Kriege und Kämpfe kann ein einziger Mensch überleben? Überstehen ohne zu brechen? Klee, Bauernsohn und doch die meiste Zeit Krieger, wenn nicht Krieger, dann auf den Weltmeeren unterwegs. Auf der Flucht. Vor der Ehefrau, die die falsche ist. Und vor der geliebten Frau, die außer in seinen Gedanken, nicht mehr ist. Vor sich selbst.

„Wollte man ihm nahe sein, musste man mit in den Krieg, denn in seine Dunkelheit ließ er sonst keinen ein.“

In Gedanken an die glückliche kindliche Zeit, als der Bruder Malik und Lily und Klee selbst auf der Heimatinsel unzertrennlich waren. Bis die Zeit der Kriege kam. Erst die Italiener, dann die Deutschen und Klee war immer bei den Partisanen dabei – Widerstand gegen die Besetzung der Heimat. Die schlimmsten waren die mit dem Totenkopf an der Uniform. Sie nahmen ihm Lily.
Klee kommt als Kriegsheld aus dem Kampf. Mit Orden geschmückt, im Denkmal der Insel verewigt. Er heiratet, bekommt ein Kind, bekommt Enkel. Glücklich ist er nicht. Etwas frisst ihn von innen auf. Als alter Mann muss er schließlich auch noch die Anfänge des dritten Kriegs miterleben. Kämpfen kann er nicht mehr. Für seine Enkelin(?), die ihm nah ist, bespricht er Tonbänder, erzählt ihr seine Geschichte: „Schreib es auf“.

Meine vorsichtige Vermutung: Es ist die Geschichte des Großvaters der Autorin. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber was zählt, ist, dass solche Geschichten erzählt werden. Und Anna Baar hat sprachlich besondere Literatur daraus gemacht. Mit ihrer oft altmodisch (im besten Sinn) wirkenden Erzählweise, erinnert Klees Geschichte auch an Märchen mit ihren mythischen Bräuchen und Aberglauben. Und Teile davon stammen ja vielleicht tatsächlich noch aus dem Zauberkästchen der Ahnen, aus bewahrten Überlieferungen. Eine Eigenart liegt bei Anna Baars Roman auch in den vielen Auslassungen begründet, die die Leser*innen selbst füllen können/müssen, was ich persönlich sehr bereichernd finde. Eine große Leseempfehlung also an alle, die die Kraft der Sprache zu schätzen wissen … Ein Leuchten!

„Als ob sie träumend gingen“ erschien im Wallstein Verlag. Mehr über die Autorin und eine Leseprobe gibt es hier .

Ismail Kadare: Die Verbannte S. Fischer Verlag

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Vor einigen Wochen erst habe ich Ismail Kadare entdeckt, habe „Die Dämmerung der Steppengötter“ gelesen und war begeistert. Das drückte ich auch in meiner Besprechung hier auf dem Blog aus. Ich wollte unbedingt mehr lesen und freute mich auf das neue Buch von ihm und habe mich sofort hineingestürzt. Doch leider leider überzeugt mich „Die Verbannte“ nicht ganz. Vielleicht habe ich die Messlatte zu hoch gehängt. Viel weniger sprachliche Highlights konnte ich finden und die Geschichte wirkt auf mich verwirrend und streckenweise umständlich, mitunter unzugänglich.

Zum Inhalt:
Albanien, Tirana, Anfang der 80er Jahre: Der berühmte Theaterregisseur Rudian Stefa wird zu einem Termin ins Parteikomitee bestellt. Auf dem Weg dorthin überlegt er ängstlich, weshalb. Liegt es an Einwänden gegen sein neues Theaterstück oder an seiner Affäre mit Migena, einer jungen Frau? Als es heißt, dass bei einer Verbannten, die Suizid beging, ein von ihm signiertes Buch gefunden wurde, erinnert er sich: Bei einer Signierstunde hatte er einer Leserin auf deren Wunsch hin eine besondere Widmung ins Buch geschrieben. Er kenne diese Frau nicht, erklärt er der Behörde und ist damit erst mal aus dem Schneider. In seinem Inneren arbeitet es allerdings weiter. Zwischen rätselhaften Träumen, Schreibblockade, eigenartigen Selbstgesprächen und abstrusen Phantasien, kann er sich nur durch ausreichende Valiumeinnahmen beruhigen.

„Rudian Stefa, der die Neigung hatte, alltägliche Ereignisse in höhere Sphären zu verlegen, stellte sich vor, wie die Nachricht auf dem Olymp diskutiert wurde.“

Als Migena sich ihm gegenüber dann im Verlauf ausgesprochen seltsam verhält, kommt sehr langsam eine wilde Story ans Tageslicht: Migena hatte ihrer Freundin (der Verbannten) das Buch stellvertretend signieren lassen, da diese beinahe obsessiv vom Dramatiker schwärmte, aber nie die Chance hatte eine Vorstellung in Tirana zu sehen. Die Geschichte, die sie ihm auftischt, wirkt wirr und eher unglaubwürdig. Nur sehr langsam und nicht in aller Gänze (zumindest in meinem Fall), kommt man als Leser*in dem Geheimnis der beiden Frauen auf die Spur.

Kadare macht hier jede Menge Anspielungen auf die antike Mythologie, spielt mit dem Orpheus-Motiv. Womöglich ist das als Umschreibung, als große Metapher auf die tatsächliche Geschichte anzusehen?

Was mir störend auffällt, ist das Frauenbild, das Kadares Hauptfigur hat. Liebe? Sehnsucht? Die drückt sich im Fall von Rudian Stefa sehr seltsam bis gar nicht aus. Da ist so viel männliche Eitelkeit. Da werden Frauen schon etwas zu oft, auf reine Körperlichkeit reduziert. Was er hier Liebe nennt, würde ich allenfalls als sexuelle Anziehung betrachten. Ich kann nicht anders, als das Alter des Autors mit einzubeziehen, Kadare wurde 1936 geboren, somit vertritt er die Vorstellung  einer ganz anderen Generation. Insofern möchte ich Nachsicht walten lassen und werde zum Abgleich als nächstes einen seiner älteren Romane lesen.

„Die Verbannte“ erschien im S. Fischer Verlag, wie alle Bücher Kadares. Übersetzt wurde es von Joachim Röhm, der auch einen Nachtrag verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier

Irene Diwiak: Liebwies Deuticke Verlag

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„Später würde die Geschichte anders erzählt werden.
[ … ]
Es ist aber nun mal die seltsame Eigenschaft der Zeit, Geschehenes in schwammige Erinnerung und schließlich in Lügen zu verwandeln.“

Mit diesen Sätzen beginnt und endet 334 Seiten später der Debütroman der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak. Ein wenig erinnert das an „Es war einmal … “ und in der Tat hat die Geschichte etwas märchenhaftes. Es ist jedenfalls ein zauberhaftes Buch!
Gut, dass Klaus Kastberger sein Wohlwollen für diesen Roman auf Twitter kund tat, sonst hätte ich ihn womöglich übersehen. Die Leseprobe hat mich dann vollends überzeugt, dass ich diesen Roman lesen will. Er hat eine Atmosphäre wie aus einer fernen Zeit, ein wenig wie aus der Welt gefallen. Dabei spielt er in Österreich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also nach der k und k – Zeit und bereits hineinschlitternd in den Nationalsozialismus. Der genaue Schauplatz wird nicht genannt.

Schon der Titel hat Potenzial (ganz abgesehen vom zauberhaften Coverbild). Liebwies ist gleichzeitig ein schwer zugängliches Dorf im Gebirge, in dem die Geschichte beginnt und Liebwies wird der Nachname einer berühmten Opernsängerin, die eigentlich gar nicht gut singen kann. Liebwies erzählt von den Eitelkeiten und Eigenheiten der Menschen, von Leidenschaften und Lieblosigkeiten, von Schwächen und vor allem von Zufällen und wie daraus sich oft die skurrilsten Möglichkeiten eröffnen oder aber Träume zerfallen. Wie im Märchen gibt es gute Menschen und es gibt Bösewichte. Leider endet es nicht so wie im Märchen …

Wir treffen auf die Hauptfiguren Gisela, später Liebwies genannt und Ida Gussendorf, geborene Padinsky, um die sich sämtliche Geschehnisse drehen und die durch zusätzlich eingeführte sehr gelungene Charaktere ergänzt und durch die Handlung getragen werden – Diwiak hat ein Händchen für ihre Figuren.
Karoline, eine Bauerntochter in Liebwies wird eines Tages vom neuen Dorflehrer als Gesangstalent entdeckt. Da der Herr aus der Stadt, der sie fördern soll, aber die Schönheit seiner verstorbenen Frau in Gisela, ihrer wenig begabten Schwester entdeckt, wird die falsche in die Gesangsschule geschickt.

„Sie war ganz offensichtlich sehr stolz auf ihre Leistung. Sie strahlte über das ganze Gesicht, was sie noch hübscher, aber zu keiner besseren Sängerin machte.“

Nur aufgrund der wunderbar komponierten Oper „Die Gräfin der Stille“, in der sie nur ein Lied zu singen hat, wird sie berühmt. Dass auch hier wieder eine Verwechslung vorliegt, ein echter Betrug, ist ebenso tragisch. Ida, die mit dem wesentlich älteren Dichter und Möchtegernkomponisten Gussendorf verheiratet wurde, ist in Wirklichkeit diejenige die die Kompositionen geschrieben hat. Ihr eitler Ehemann gibt sie als die eigenen aus.

„Nun, da er selber schwanger war, und zwar mit einer Oper, hatte er keinen Bedarf mehr an Idas Körper. Er lebte in seiner Welt der Melodien, der mythischen Sagen und der wechselhaften Liebesgeschichten. Dabei vergaß er aber noch etwas. Er vergaß die Oper zu schreiben.“

Auch Ida verfällt der Schönheit Giselas, doch die egoistische Gisela ist auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihre Berühmtheit bedacht und wendet sich einem vielversprechenden Arzt zu. Dass sich Jahre später die Rollen, gerade auch in Sachen Schönheit, vertauschen, kann Gisela nicht ertragen. Sie sinnt auf Rache …

„Im besten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das viele Menschen begeistert. Im schlimmsten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das nur meine Mama interessiert.“

So sagt Irene Diwiak in einem Interview. Ich wünsche mir und ihr, dass recht viele Leser in den Genuss dieses Buches kommen. Mit „Liebwies“ ist der Autorin nämlich ein ganz und gar überzeugendes, unterhaltsames und auch sprachlich geglücktes Romandebüt gelungen. Mit sehr viel Humor und in charmant österreichischem Stil hat die Autorin eine so unwahrscheinliche wie geschickt entwickelte Geschichte erzählt, die zu lesen ein große Freude ist. Alles ist von vorn bis hinten stimmig. Diwiak beherrscht ihr Handwerk. Ein Leuchten!
Überhaupt scheint mir dieses Jahr ein Jahr der überraschend schönen Debüts zu sein.

„Liebwies“ von Irene Diwiak erschien im Deuticke Verlag. Eine Leseprobe und mehr über Buch und Autorin gibt es hier .

Wolfgang Hildesheimer: Das Paradies der falschen Vögel Edition Büchergilde

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Bereits 1953 ist diese Geschichte von Wolfgang Hildesheimer, der 1916 als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde und der auch in der berühmten nachkriegsdeutschen literarischen Gruppe 47 verkehrte, erstmals erschienen. Ein witziges intelligentes Schelmenstück ist ihm damit gelungen, das aber auch allerhand zwischen den Zeilen lesen lässt und das zudem zeitlos ist. Was den großen Zauber dieser Ausgabe aus der Edition Büchergilde ausmacht, sind die fabelhaften Illustrationen (frei erfundener) falscher Vögel von Monika Aichele.

 

Um falsche Vögel geht es in Hildesheimers Geschichte, um Fälscher, genauer gesagt Kunstfälscher, noch genauer gesagt, um Fälscher, die die Künstler, die sie fälschen auch zuvor noch erfinden und in der Geschichte verankern. Mit gefälschten, fantasievoll erfundenen Daten. Frei erfunden, doch mit Ähnlichkeiten zu tatsächlich vorhandenen Ländern, ist auch die Gegend, wo Hildesheimer seinen Fälscher, Robert Guiscard, ansiedelt. Es handelt sich um die Procegovina, an die direkt Blavazien angrenzt, mit dem es auch immer wieder Auseinandersetzungen bezüglich des genauen Grenzverlaufs gibt. Unschwer ist darin der Balkan zu erkennen.

„Der Maler Ayax Mazyrka, der >Procegovinische Rembrandt< benannt, eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kunstgeschichte, hat niemals existiert. Seine Werke sind gefälscht, und die Geschichte seines Lebens ist eine Fiktion.“

Wer dies dem Leser gleich eingangs unterbreitet, ist die Hauptfigur der Geschichte, Anton Velhagen, den es aber eigentlich auch nicht mehr gibt. Zumindest nicht mehr unter diesem Namen. Als Velhagen eines Tages per Post vom Ableben seiner Tante Lydia erfährt, beginnt er seine Geschichte aufzuzeichnen. Anton, der bei seiner skurrilen Tante, einer Kunst- und Krempel-Sammlerin, aufwächst entdeckt schnell seine Liebe zur Malerei. In Lydias Haus lernt er auch Onkel Robert kennen, der sich später als gewiefter Kunstfälscher entpuppt.

„In den Augen der Öffentlichkeit galt er einfach als Kunstsachverständiger und Sammler, daher auch sein Lebensstil durchaus nicht ungewöhnlich schien. Denn alle, die etwas mit Kunst zu tun haben, sind reich, außer den Künstlern.“

Robert Guiscard, dessen Kopf später auch die Idee des Volkskünstlers Mazyrka entsprang, hatte als Meisterschüler der Künste angeblich die Mona Lisa gefälscht. Er reiste durch die Lande, fälschte, wo er konnte, und kam schließlich durch seltsame, für den Leser ausgesprochen witzige, Umstände – eine Frau ist im Spiel und ein Zugschaffner – in das kleine Land Procegovina auf dem Balkan. Dort entsprang schließlich die Geschäftsidee, einen eigenen großen Maler für das Land zu erfinden, was in der Tat gelingt und dem Land Touristenströme und eine gefüllte Staatskasse einbringt. Als Anton Velhagen in die Procegovina reist, hat Robert bereits den Posten des Kultusministers eingenommen. Anton, der sich nahe der Landesgrenze niederlässt, um in Ruhe mit seiner Malerei voran zu kommen, wird in die absurdesten Ereignisse verstrickt, die schließlich bis zum Identitätsverlust führen, und die sich auszudenken einer besonders reichen Phantasie bedarf …

Hildesheimer hatte sie offenbar. Er macht sich lustig über den Kunstbetrieb und die dazugehörige Politik und stellt gleichzeitig in Frage, was wirklich echt ist und was falsch. Ihm ist eine witzige, schräge Geschichte gelungen, die enormen Spaß macht. Auch sprachlich zieht er alle Register. Ich bin begeistert, da es so selten kluge und dennoch humorvolle Bücher gibt. Ein ungefälschtes Leuchten!

Im Anhang des Buches finden sich ein Nachwort zu den falschen Vögeln von Monika Aichele. Auch sie schwelgt in Vogel-Fälschungen, die herrlich anzusehen sind und deren Erläuterungen sich direkt auf Hildesheimer Fälscherparadies beziehen.

Das Buch ist selbst ein Kunstwerk. Es ist in changierendem Leinen gebunden, mit silbrig eingeprägtem Titel, fadengeheftet und mit zwei Lesebändchen ausgestattet. Die Illustrationen sind eigens für das Buch entstanden mit Tusche, digital coloriert und auf feinstem Papier gedruckt. Erschienen ist das Buch in der Edition Büchergilde. Eine Kostprobe gibt es hier .

Wer mehr über Wolfgang Hildesheimer lesen möchte, dem sei die Biographie empfohlen, die Monika Vasik kürzlich auf fixpoetry vorgestellt hat.

 

Anna Kim: Die große Heimkehr Suhrkamp Verlag

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„Die große Heimkehr“ leistet als Roman beinahe so viel wie ein Geschichtsbuch, das zudem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation zur Wissensauffrischung durchaus geeignet ist. Anna Kim erzählt anhand dreier Hauptfiguren umfangreich und detailliert über die Geschichte und Entwicklung des Landes Korea und die Teilung. Tatsächlich dehnt sie den eigentlichen Zeitraum 1959/60, also zwei Jahre, aus und berichtet auch von den Hintergründen und Voraussetzungen dieser unruhigen Zeit. Hat man das Buch gelesen, begreift man erst, dass dieses Land niemals zur Ruhe kam. Weder im kommunistischen Norden noch im versteckt (militär-)diktatorischen Süden, der in Wirklichkeit keine Demokratie war, konnte man gut und sicher leben. Mich hat das Buch ziemlich erschüttert: Überall Gewalt, Folter, Verrat – wie wenig eigentlich im Namen des Volkes geschieht und wie viel aus Machtgier der Oberen. Und nicht zuletzt, weil sich auch hier wieder die Einflussnahme der Großmacht USA nicht unbedingt von ihrer besten Seite zeigt.

Gut, dass man sich an der im Jahr 1959 in Seoul einsetzenden Geschichte um Johnny und Yunho, die seit ihrer Kindheit befreundet sind und die später eine Art Dreiecksbeziehung mit der älteren Eve führen, entlang hangeln kann und dieser staatlichen Willkür nicht fortwährend ausgeliefert ist. Kim schildert vielleicht manchmal etwas zu ausführlich die politischen Ereignisse, doch letztlich sind sie auch notwendig für das Durchdringen der Romanhandlung. Kurz bevor ich versucht war zu überblättern, fand ich mich wieder in der eigentlichen Geschichte vor. Die drei Helden müssen während der Unruhen aus Südkorea nach Japan ins Exil fliehen, wo sie jedoch ein kaum besseres Schicksal erwartet und wo sich das Misstrauen gegeneinander verstärkt. Viele der Geflohenen werden bald angeworben ins kommunistische Nordkorea zurückzukehren: Die Große Heimkehr.

„Heimat: was für eine heikle, furchtbare und furchterregende Religion 
In Korea steht Kohyang für das Land der Ahnen und für Herkunft, zugleich enthält der Begriff eine emotionale, eine überwirkliche Komponente, nämlich die des Blutes, der individuellen und kollektiven Wurzeln. Heimat ist somit Vergangenheit, aber auch, und das ist die Crux, Zukunft; Schicksal.

Der Handlungsstrang wird in Rückblenden aus der Sicht des 78-jährigen Yunho Kang erzählt, unterlegt mit Sequenzen über die geschichtlichen Ereignisse. Yunho, der wieder in Korea lebt, erhält einen Brief mit der Mitteilung von Eves Tod in den USA. Eine junge Frau, die eigentlich auf der Suche nach ihren Wurzeln in Korea ist, übersetzt ihm den Brief und nach und nach erzählt ihr Yunho seine Erinnerungen.

Anna Kims Roman ist ein großes Epos über die Suche nach Zugehörigkeit, nach Heimat, nach Liebe und Freundschaft im Exil und in den Wirren des Weltgeschehens. Anna Kim wurde 1977 in Südkorea geboren und kam mit ihrer Familie 1979 zunächst nach Deutschland dann nach Österreich. Im Einband des bei Suhrkamp erschienenen Buches ist ergänzend eine Karte von Korea und Japan abgedruckt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine sehr ausführliche und detailreiche Besprechung gibt es auf dem Blog ausgelesen. weitere bei  Zeichen & Zeiten und Literaturreich.

PS: Interessant als begleitende Lektüre ist „Denunziation“, ein Band mit Erzählungen aus dem Piper Verlag, der über die Zustände in Nordkorea viel aussagt. Der Autorenname „Bandi“ ist ein Pseudonym für den wirklichen Autor, der angeblich noch in Nordkorea lebt und bei Aufdeckung wohl nicht mehr seines Lebens sicher wäre. Sprachlich hat mich der Band nicht überzeugt, aber um Einblick in persönliche Schicksale zu erhalten, ist er gut geeignet.

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

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Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.

Hisham Matar: Die Rückkehr Luchterhand Verlag

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„Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ lautet der Untertitel dieses Buches, das eindeutig autobiografisch ist. Bereits in seinen beiden vorhergehenden Büchern erzählt Hisham Matar, mehr fiktional, von der Suche nach dem Vater und von dem was dieser Suche vorausging. Nun kommt der Autor, der aus einer gebildeten und wohlhabenden lybischen Familie stammt, zum ersten Mal seit der Kindheit wieder in sein Heimatland zurück und setzt sich vor Ort den Geschehnissen der Vergangenheit aus. Mit seiner Frau Diana, einer Amerikanerin, und seiner Mutter besucht Matar all die Verwandten, die in Lybien zurückgelassen wurden, die Verwandten, die teilweise ebenso wie Matars Vater Jaballa unter der Herrschaft Gaddafis als Regimegegner verhaftet wurden. Im Gegensatz zum Onkel, wurde der Vater, ein ehemaliger Diplomat und ärgster Widerstandskämpfer gegen Gaddafi nicht wieder freigelassen. Er verschwand spurlos. Hisham Matars Leben ist seither geprägt von der Suche nach dem Vater, doch jegliche Recherche läuft ins Nichts. Eine Ungewissheit, die für Hoffnung kaum Platz lässt und die schwer erträglich ist …

Als die Familie nach der Machtübernahme Gaddafis zunächst in New York, wo auch Hisham 1970 geboren wird, danach im Exil in Agypten lebt, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Doch wird der Vater aus Kairo entführt und 1990 nach Lybien ausgeliefert. Er landet im berüchtigtesten Gefängnis in Tripolis. Einige wenige Briefe erhält die Familie von ihm. Seit dem Massaker in Abu Salim, in dem über 1000 Gefangene, überwiegend Reigimegegner ermordet wurden, kommt kein Lebenszeichen mehr.

„Gaddafi hatte seine größten Gegner gern nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden.“

Matar zeichnet in seinem Buch auch die wechselhafte Geschichte des Landes auf und dessen unruhige politische Entwicklung. Schwerpunkt ist jedoch die Vatersuche mit all der Hoffnung und all dem Zweifel. Er, der mittlerweile mit seiner Frau in England lebt, setzt von dort aus, später sogar mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und des Parlaments, alle Hebel in Bewegung. Die Ungewissheit bleibt …

„Die Suche wurde zur Besessenheit, ich verlor jede Zurückhaltung und war bereit zu kontaktieren, wer immer, wie ich dachte, helfen konnte.“

Matar schreibt sehr gut, er findet eine Sprache in seiner Sprachlosigkeit, die wiederum mich sehr eindringlich anspricht. Er erzählt oft in beinahe poetischen Bildern über die eigentlich schrecklichen Ereignisse. Sicher lohnt es sich, auch die beiden vorherigen Romane des Autors zu lesen, die alle um das Thema kreisen. Matar ist einer der Autoren, dem das Schwierige gelingt: aus Biografischem Literatur zu machen.

Hisham Matars Buch „Die Rückkehr“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe findet sich hier
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Ruth liest und aus.gelesen

Kurzer Nachtrag: Etwas was nicht direkt mit dem Buch zu tun hat, was mir aber auffiel und trotz allen Mitgefühls unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist, dass sich Menschen bei kriegerischen Handlungen gegenseitig fotografieren und filmen, ihre blutigen Taten stolz dokumentieren, so wie Matar das hier in einer Szene von seinem Neffen Issa berichtet.