Poesie als Sprache der Freiheit – Lyrik aus Litauen

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„Von Vater und Mutter wurde ich 1936 zum Leben angeworben.
Jene Beziehung habe ich seitdem nicht unterbrochen,
besonders die geheime, welche zuweilen die Poesie preisgibt.“

aus dem Gedicht „Antwort auf einen Loyalitäts-Fragebogen“ von Marcelijus Martinaitis aus der Anthologie „Vierzehn litauische Autoren“

Litauen ist dieses Jahr das Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse. Ich las soeben das Buch „Das weisse Leintuch“ von Antanas Škėma aus dem wunderbaren kleinen Guggolz Verlag, eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1958. Sofort war ich fasziniert. Ein großartiger Roman! Die Hauptperson des Romans ist selbst Dichter und schöpft aus einem reichen Vorrat an Liederschatz und Sagen, Märchen- und Mythenwelt aus der mehr als wechselhaften Geschichte Litauens. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es auf fixpoetry.

Und so machte ich mich auf die Suche nach Litauens Lyrikern:

Alles begann wohl mit Kristijonas Donelaitis (1714-1780), einem Pfarrer, der mit seinem Hauptwerk „Metai – Jahreszeiten“ den Grundstein zur weltlichen litauischen Dichtung und Schriftsprache legte.

Johannes Bobrowski (1917 – 1965) sei gleich eingangs erwähnt. Er ist relativ bekannt und hat, in Tilsit geboren und später in Ostberlin lebend, sowohl in Ost und West veröffentlicht. In seinen Gedichten nimmt er immer wieder Bezug auf seine Heimat. Bekannt wurde er mit seinem ersten Band „Sarmatische Zeit“(siehe Gedicht unten) aus dem Jahr 1961. Gerade ist eine Gesamtausgabe mit über 700 Seiten neu erschienen: „Gesammelte Gedichte“ DVA.

Litauische Lieder 

Nachts, tieräugig, ein Strauch
bin ich, ein Baum am Tag,
ein Wasser im Mittagsschatten,
unter der Sonne das Gras.

Oder um den Abend
eine Kirche am Berg, wo der Liebste
aus und ein geht, ein weißer
Priester, und Lieder singt.

Durch die Welt
lieb ich ihn, der Mondstrahl
muß ich sein um die Tür,
um das Haus im Fichtendunkel.

Einst flieg ich auf
mit der Laubvögel Sprüche im späten
Jahr, wenn ihr Herz,
ein Hagelkorn, weiß ist.

(aus Sarmatische Zeit)

Eine schöne Entdeckung ist die zweisprachige Anthologie „Vierzehn litauische Poeten“ aus dem Athena Verlag, 2002 bereits erschienen, die es leider nur noch antiquarisch gibt. Sehr schade, dass der Verlag keine Neuauflage anbietet, gerade jetzt zum Buchmessethema Litauen wäre das sinnvoll gewesen. Die Anthologie bietet einen schönen kleinen Überblick über die Lyrik Litauens, die stark im Land verwurzelt ist. In Zeiten unter der Sowjetmacht, war Lyrik oft in der Tat eine Sprache der Freiheit, barg sie doch einige Möglichkeiten der Verschlüsselung unter der Verwendung von allerlei Metaphern. Vom 1917 geborenen bis zum 1966 geborenen Dichter spannt sich der lyrische Reigen.

Aufgefallen sind mir dabei vor allem zwei Dichter:

Da ist der Schriftsteller Tomas Venclova. Sein Lyrikband „Gespräch im Winter“ ist bei Suhrkamp verlegt und lieferbar. Er wurde übersetzt von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Ganz neu gibt es von ihm ein Buch mit (biografischen) Gesprächen mit der Dichterin Ellen Hinsey „Der magnetische Norden – Erinnerungen“ ebenfalls bei Suhrkamp erschienen. Venclova wurde 1937 in Memel, heute Klaipėda, geboren, erlebte die Besatzung durch die Sowjets und durch die Nazis. Er studierte in der Sowjetunion. In Moskau hatte er gar sein Erweckungserlebnis als Dichter:
“ Und fast genau dort erlebte ich, wie eine Verszeile strahlt/ Und um Mitternacht Bäume und Schnee erhellt.“ 
Venclova war mit  Brodsky und Milosz befreundet, kannte Szymborska, Achmatowa, Pasternak. Später als unbequemer Schriftsteller erkannte man ihm während einer Reise nach Amerika die Staatsbürgerschaft ab und er blieb im Exil in den USA und lehrte dort als Professor Russische Literatur. Er schreibt in russischer und litauischer Sprache vorrangig Lyrik und Essays. Seine Lyrik ist eher klassisch streng, formal und besteht oft aus vielen Versen bei großer Themenvielfalt. Sie orientieren sich häufig am großen Vorbild: Ossip Mandelstam.
Ich war kürzlich im Literaturhaus bei der Buchvorstellung von „Das weisse Leintuch“ und konnte miterleben wie Venclova einen Auszug daraus in Litauisch las: Eine klangvolle Sprache, die mich an eine Mischung aus Russisch und Finnisch erinnert.

Doppelte Belichtung 

Reuig der Schneesturm, lang war das Meer nicht in seiner Gewalt,
Der gestrige Nordwind hat sich verausgabt beim Brausen,
Unterm Eis blinken Fische, unsichtbar; schneller als der Schall
Breitet die Stille sich in Schneewehen aus.
Die Zeit, vom Gedächtnis nicht aufzuhalten, zerrinnt
Durch die Nadeln der Bäume. So verliert der gesprungene
Tonkrug das Wasser, so wird das Blau am Himmel verdünnt,
[…]

Die zweite Entdeckung ist der 1960 in Sibirien geborene Dichter Eugenius Ališanka. 1961 durfte seine Familie wieder aus dem Exil zurück, seitdem lebt er wieder in Litauen. Von ihm gibt es zwei Einzelbände in deutscher Übersetzung, einer bei Dumont (leider nur noch antiquarisch: „aus ungeschriebenen geschichten“) und der andere im Suhrkamp Verlag, ebenfalls von Claudia Sinnig übersetzt und lieferbar, „exemplum“. Gerade erschienen sind auch Essays von ihm im Klak-Verlag. Seine Gedichte sind modern, halten sich nicht lang mit Reimen auf, sind selten formal, sind schneller eingängig. Anfangs eher metaphysisch, sind sie heute klarer und direkter. Wie ich im Nachwort von „exemplum“ lese, werden Ališankas Gedichte in Litauen eher kritisch beäugt, heben sie sich doch aufgrund leichterer Verständlichkeit zu sehr von klassischer Poesie ab.

die haltbarkeit eines gedichtes

die haltbarkeitsfrist läuft ab
es eignet sich nicht mehr für den export
beim versand
weichen die überreifen metaphern auf
macht sich fäulnis breit
zum halben preis angeboten
am markttag
sieh da eine studentin interessiert sich
für die reifen früchte der arbeit

Gespannt bin ich außerdem auf dieses Buch:
In der Reihe „VERSschmuggel“ gibt es derzeit ein Projekt mit jüngeren litauischen und deutschen Dichtern und Übersetzern. Das Programm wird bei „Leipzig liest“ und im „Haus der Poesie“ in Berlin vorgestellt. Als Buch soll es, wie alle Bände aus dieser Reihe, im Wunderhorn Verlag erscheinen.

Gerrit Wustmann: Taksim Tango/Istanbul Bootleg Binooki Verlag

Passend zum Indiebookday und zum KAIROS-Preis 2017, den der Binooki-Verlag soeben erhalten hat – Glückwunsch! – sende ich heute eine Besprechung, die bereits vor einiger Zeit auf fixpoetry erschien. Zudem ist Gerrit Wustmanns Stimme eine passende zur politischen Situation in der Türkei.

Ich kenne Istanbul nicht. Ich war nie dort. Ich las Gerrit Wustmanns Gedichte über die Stadt. Und weiß doch noch immer nichts über Istanbul. Aber ich weiß, ich kann etwas von ihr finden in seiner Lyrik. Der Dichter weiß etwas über die Stadt. Er hat einige Jahre dort gelebt und ist ihr direkt begegnet. Die Erweiterung dessen sind seine Gedichte.

Wustmanns Istanbul-Gedichtzyklus umfasst drei Bände, die seit 2010 und im Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Beyoglu Blues, Istanbul Bootleg und Taksim Tango. Liest man alle drei hinter- oder nebeneinander, entsteht eine Geschichte, liest man die Bände in der Reihenfolge des Entstehens zeigt sich Entwicklung. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus der aktuellen Geschichte Istanbuls auf Basis der erlebten Eindrücke. Die Bewegungen der Stadt, gerade auch die politischen, werden deutlich, vor allem im dritten Band. Wustmanns Gedichte werden von Band zu Band kritischer. Der Dichter arbeitet reichlich mit Metaphern, Oft gibt erst die Begriffserklärung im Anhang Aufschluss. Doch wenn der Leser dann weiß, was es mit Pinguinen, Glühbirnen oder Töpfen und Pfannen auf sich hat, ergibt sich der Bezug zu den Ereignissen rund um den Gezi-Park. Die oft verwendeten türkischen Worte, die man nachschlagen muss, wenn man die Sprache nicht kennt, mögen zunächst hinderlich erscheinen, bereichern aber und verstärken die Stimmung. Und auch ohne dieses Wissen wirken die Gedichte. Denn über allem klingt die poetische Melodie des mit dem Rhythmus der Stadt verbundenen Autors.

Die Gedichte sind meist kurz und sehr dicht. Manche, besonders in Beyoglu Blues, erinnern schlicht an Haikus, manche sind reich an orientalischer Fülle. Die Worte vielleicht zugeflogen über die Dächer wie die Gebetsrufe des Muezzins. Es gibt in der Luft keine Grenzen. Das Lesen der Gedichte ist zunächst wie ein Schweben über der Stadt, ein erstes Erspüren der Atmosphäre, das erneute Lesen fokussiert. Der Schwebende greift zum Fernglas und zoomt sich heran. Er spaziert durch den Bazar. Er betrachtet Ornamente, er sieht und hört und lauscht. Er riecht die Minze im Tee, kostet vom Raki und spürt die Katze, die um die Beine schleicht. Er atmet Meer. Die Gedichte sind sinnlich erlesbar. Wustmanns Lyrik ist bilderreich mit oft sich wiederholenden Zeilen, die die Inhalte verstärken. Immer wieder tauchen als Motiv Katzen auf, das Lachen der Möwen, die Farbe grün, Regen, Nebel, Tee. Zeilenbrüche finden sich überall, es zeigt sich Schicht um Schicht, vieles bleibt doppeldeutig.
Besonders in den ersten beiden Bänden bezieht er sich auf literarische Werke türkischer Autoren, unter anderem auf Orhan Velis Lyrik, auf Orhan Pamuks Roman „Schnee/kar“, und immer wieder auf Ahmed Hamdis „Uhrenstellinstitut“, aber auch auf Jörg Fausers Aufenthalt in Istanbul.

Taksim Tango ist in fünf Kapitel aufgeteilt. Das erste heißt #widerstand und ist sicher das politischste.

das lied der gasmaskentage
wie weißer nebel zieht
ein blues durch die gassen
im orangen schimmer einer laterne
steht einer und wartet …“

Als Höhepunkt taucht der Leser ein in Kapitel Nummer zwei #taksim tango. Es ist ein einziges drei Seiten langes Gedicht, welches für einen friedvollen Auf- und Widerstand plädiert und sich dabei direkt auf die Geschehnisse im Gezi-Park bezieht.

hinter blickdichten vorhängen
schweben unsere wünsche und morgen
morgen werden wir wieder hier sein
mit bunten regenschirmen am brunnen
und alle werden wir rote kleider tragen
und tango tanzen in den straßen
von letzter nacht […]“

Es folgen Kapitel drei #grenzgebiete und vier #berlinistanblues, welches von der Liebe, von Begegnungen und vom Verlassen erzählt und in seiner Stimmung bereits auf das letzte Kapitel #abschied weist.

wie ein rudel dürrer junger welpen
wirft man sich auf alles was satt macht
bis es wehtut jedes foto
löscht eine erinnerung
in jeder dunklen gasse schimmert
das meer in trüben augen
die nichts mehr sehen wollen
jede idylle ist eine lüge von vergänglichkeit“

Der Kreis schließt sich. Es sind Abschiedsgedichte, wehmütig und traurig, der Dichter verlässt die Stadt und verbeugt sich ein letztes Mal vor ihr, bevor er heimkehrt.

Über die atmosphärische Lage der Stadt und über Eindrücke und Blitzlichter, die sie hervorrufen kann, wenn der Blick und das Herz darauf eingestellt sind, weiß ich nun. Ich habe etwas erfahren, etwas gespürt, nicht nur gelesen, über die Entwicklung der Stadt in den letzten fünf Jahren oder vielleicht über die Entwicklung des Dichters, der sich in dieser Stadt fort-bewegte.

Alle drei Bände sind zweisprachig. Übersetzt ins Deutsche wurde von Miray Atli. Erschienen sind sie im Binooki Verlag (Beyoglu Blues nur noch als ebook). Der kleine Verlag der engagierten türkisch-deutschen Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye mit Sitz in Berlin hat das erklärte Ziel aktuelle türkische Autoren auch in Deutschland bekannter zu machen. Eine große Herausforderung auch politischer Art, wie es scheint, denn seit der Herausgabe ihres Buches über die Gezi-Demonstrationen, erhalten die beiden keine Förderung mehr von der Türkei.
Nun wurde die Arbeit gewürdigt: Der Binooki Verlag erhält den KAIROS-Preis 2017.

Inzwischen hat sich die politische Lage in der Türkei extrem verändert und ich möchte damit auch auf Gerrit Wustmann aufmerksam machen, der auf Facebook unermüdlich wichtige Beiträge zur Situation in der Türkei veröffentlicht.

Wem es nach mehr Büchern aus unabhängigen Verlagen gelüstet, der schaue hier:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/22/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-1-prosa/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/11/29/buecher-aus-unabhaengigen-verlagen-indie-books-als-alternative-teil-2-lyrik/

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen Frankfurter Verlagsanstalt

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„Bei Regen und bei Sonnenschein, sagt Yvonne, am Telefon zu ihrer Freundin. Der Walter schwimmt, komme, was wolle, sagt sie und seufzt.“

Walter Nowak, 68, pensioniert, aber fit, schwimmt täglich morgens seine Bahnen. Diszipliniert. 1000 Meter. 1 Kilometer ist das, sagt er zu seiner Ärztin. Auch an jenem Morgen schwimmt Walter Nowak. Seine jüngere Frau Yvonne ist zeitig aufgebrochen zu einer Konferenz.

Und während er schwimmt gehen ihm Gedanken durch den Kopf. Der Leser sitzt bei der Lektüre in Walters Kopf. Sein Kopf ist voll. Seine Gedanken werden fragmentartig hinausgeschleudert. Ob diese Fragmente schon auf das Kommende hinweisen oder ob es Walters Art ist so zu denken, bleibt zunächst offen. Denn diesmal passiert beim Schwimmen ein kleines Malheur. Walter stößt sich den Kopf heftig am Beckenrand. Von da an ist nichts mehr gewöhnlich. So erfahren wir auch gleich zu Anfang in einer Vorausschau, dass Walter Novak nackt zuhause im Badezimmer auf den Fliesen liegt, neben ihm die Putzfrau Olga.

Eigentlich hätte Julia Wolfs Roman auch „Walter Nowak dreht durch“ heißen können. Andererseits wäre damit alles gesagt gewesen. Und so wird erst im Laufe der Geschichte klar, dass Walter Nowak in einer sich unvermeidlich ausdehnenden Krise steckt. Walter Nowak ist einer, der alleine mit sich selbst wenig anfangen kann. Er ist ein Alphatier, ein Macho. Einer, der sich für größer hält, als er ist. Einer, der Arbeit und Frau braucht, um sich von sich selbst abzulenken und gleichzeitig ins rechte Licht zu rücken. Doch nun ist Yvonne nicht da (sie wird doch wiederkommen?) und Walter wird überspült von lange Zurückgehaltenem, das Fass läuft über, Erinnerungen quillen durch alle Ritzen. Nach und nach rollt sich Walters Lebensfilm vor dem Leser ab. Seine einstige (einzige?) Leidenschaft außerhalb der ´mit eigenen Händen aufgebauten Firma´ ist Elvis Presley. In einer Schlüsselszene radelt der Junge Walter heimlich kilometerweit, um der Mutter ein Autogramm ihres Idols Elvis Presley zu holen: Und Elvis schreibt: Für Laurie, statt Für Lore. Die Mutter Lore freut sich trotzdem. Walter, das uneheliche Kind eines GIs, klebt an ihr und leidet unter der Vaterlosigkeit (Du Bastard!).

Walters eigene Ehe mit Gisela bringt ebenfalls einen Sohn hervor, der Walter immer fremd bleibt, besonders nachdem er seine Frau wegen einer anderen, jüngeren, Yvonne (Yvonnenschein!), verlässt. Auch die gemeinsame Reise nach USA an den Pilgerort für Elvis-Fans hilft da nicht. Denn der Sohn Felix hat ganz andere Interessen, in den Augen des Vaters, die eines Versagers …

„Wer schläft denn bis zwölf. Das ist nicht der Igel, das bin doch nicht ich. Wer bis zwölf schläft, erreicht nicht, was ich erreicht habe. Der boxt sich nicht durch, macht nicht die mittlere Reife. […] Wer bis zwölf schläft, übernimmt keine Firma. Arbeitet nicht wie besessen, revolutioniert nicht den Markt.“

Chronologisch geht es hier nicht zu, eher wild drunter und drüber. Der Leser ist gefragt: Er muss munter zwischen den Zeilen lesen, fehlende Worte richtig ergänzen. Wie in einem Puzzlespiel fügt sich langsam Teil an Teil, bis das Bild zu erkennen ist. Julia Wolf ist es gelungen eine spannend konstruierte Geschichte zu schreiben, die zu überraschen vermag und die auch sprachlich eigene Wege geht. Abzusehen war dies bereits, als sie letztes Jahr beim Bachmann-Wettbewerb 2016 – sie las das erste Kapitel ihres Romans – den 3sat-Preis erhielt.

„Walter Nowak bleibt liegen“ erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt. Mehr über Julia Wolf findet man auf der Seite zum Bachmannpreis.

Jonas Lüscher: Kraft C. H. Beck Verlag

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„So einfach ist das nicht, Kraft, nie und nichts.“

Nachdem Jonas Lüscher mit seiner vor einigen Jahren erschienen Novelle „Frühling der Barbaren“ überraschenden und zu Recht großen Erfolg hatte, ist nun sein Roman „Kraft“ erschienen. Anfangs brauchte ich etwas Zeit, um mich in Lüschers Sprache einzulesen. Doch ab dem zweiten Kapitel wurde es ein großes Vergnügen, denn Lüscher hat sprachlich echt was drauf, um es salopp auszudrücken. Wirklich gut konstruiert ist dieser Roman, der immer wieder aus Krafts Gedanken in seine Vergangenheit schwenkt. Dabei wird die Hauptsache, nämlich der Millionengewinn, den sich die Hauptfigur Kraft zu erschreiben hofft, eigentlich zu einer Randgeschichte.

Es geht um eine philosophische Frage:„Warum lässt Gott, wenn er doch vollkommen ist, das Böse auf der Welt zu?“  Oder in diesem Fall, leicht abgewandelt: „Why whatever is, is right and why we still can improve it?“ „Alles ist gut, aber wir können es noch verbessern.“ Diese Theorie soll untermauert werden, so will es ein schwerreicher Millionär aus dem Silicon Valley und er schreibt für die beste Antwort einfach mal eine Million aus. Kraft denkt sich, das kommt ja sehr passend. Er braucht Geld, da er sich monetär vollkommen übernommen hat und zudem scheint die Beantwortung dieser Frage für ihn, den angesehenen Rhetorikprofessor aus Tübingen, ein Leichtes. So fliegt er nach Kalifornien und findet Unterkunft bei seinem alten Freund aus Studentenzeiten in Berlin. Doch die Antwort auf die Frage stellt sich als schwieriger dar als gedacht. Also sitzt Kraft oft grübelnd vor leerem Blatt/Bildschirm und dabei schweifen die Gedanken zu ganz anderen Themen. Und so erfährt der Leser in recht kurzweiliger Art einiges aus dem Lebenslauf Krafts.

Allein eine Episode, ziemlich am Anfang im 3. Kapitel, als Lüscher seinen „Helden“, in den örtlichen Ruderclub schickt und ihn, der sonst nur auf dem stillen Neckar rudert, in allerhand Unwägbarkeiten mit abschließender Bruchlandung schickt, ist eine herrlich witzige, absolut skurrile Geschichte in der Geschichte.

Auch der Exkurs in die Studentenzeit Krafts, sprich in die Zeit des politischen Wechsels der achtziger Jahre, gelingt Lüscher ausgezeichnet. Wo alle Welt links, gegen Atomkraft, für Frauenrechte und für Frieden ohne Waffen war, liefen Kraft und sein Freund István gegen den Strom in Richtung Liberalismus. Witzig erzählt ist auch die Geschichte Istváns, der aus dem Ostblock in den Westen gelangte, eher durch Zufall als als politisch Verfolgter, wie er manchem immer wieder weiß machen will.

Nicht zuletzt geht es um die Frauen in Krafts Leben, die ihm irgendwie immer wieder abhanden kommen, den Kraft ist kein stiller Familienmensch, Kraft ist ein eitler Schwätzer.

„Hatten wir nicht Krafts finanzielle Situation als einen der Gründe ausgemacht, weswegen er sich so schwertut ins Schreiben zu kommen? […] Und haben wir dann nicht vollstes Verständnis dafür, dass er bei dem Gedanken, Heike nicht nur mit leeren Händen, sondern mit Schulden für ein versenktes Kohlefaserboot in der Höhe eines Monatsgehalts entgegenzutreten, von einem lähmenden Gefühl der Scham überwältigt wird, welches wenig hilfreich ist, bei seinen Bemühungen dafür zu argumentieren, weshalb alles gut sei?“

Ein schöner Kniff ist auch (siehe oben), ab und an eine kommentierende Erzählerstimme (oder ist es Krafts Gewissen?) auftauchen zu lassen, die uns, die Leser, und Kraft selbst, auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Überhaupt muss man Lüscher zu seiner weitreichenden Phantasie, zu seiner überschwenglichen Fabulierfreude gratulieren. Dabei schöpft er aus vollstem ihm zur Verfügung stehenden Wortschatz, und das ist nicht wenig.

Wie es mit Kraft und dem Millionengewinn ausgeht, wird hier nicht verraten. Lesen Sie selbst. „Kraft“ ist ein Buch mit viel Sprachwitz und auf unterhaltsame Art anspruchsvoll.
Ein Leuchten!

Das Buch erschien beim C. H. Beck Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lukas Bärfuss: Hagard Wallstein Verlag

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Endlich ist er da, der lange schon vom Verlag angezeigte neue Roman von Lukas Bärfuss. Zwischendurch, in der Zeit des Wartens, hat man immer mal wieder etwas von Bärfuss gehört. Der Schweizer hat sich mit diversen politsch-philosophischen Essays oder Beiträgen zu Wort gemeldet. Seine vorherigen Romane „Hundert Tage“ und vor allem „Koala“ habe ich gern gelesen. Und nun „Hagard“, ein schmaler Band, wie die beiden anderen auch unter 200 Seiten.

„Ich bin ein Zeuge jener Märztage, und als Zeuge werde ich von ihnen berichten, vollständig und ungeschönt. Manches wird mich in ein schlechtes Licht rücken, aber das ist mir einerlei.“

So sind die Worte des in den Roman einführenden Erzählers: Eine Stimme aus dem Off. Diese Stimme prägt die Geschehnisse, sie erzählt die Geschichte und auch wieder nicht: Philip, der Protagonist, ein Endvierziger, der mit Immobilien sein Geld verdient, verfolgt eines Tages aus einem Impuls heraus, statt einen geschäftlichen Termin einzuhalten, eine junge Frau durch die Stadt, die unschwer als Zürich zu erkennen ist. Über Philip erfährt der Leser nur bruchstückweise etwas. Die Verfolgung, die letztlich einer Suche nach dem eigenen Ich gleicht, dauert schließlich ganze 36 Stunden lang, obwohl der Leser und auch der Held selbst sich immer wieder fragen, welchen triftigen Grund es dafür gibt. Davon berichtet uns der Erzähler, der Schöpfer dieser Romanfigur ist. Er lässt Philip tun und hinterfragt gleichzeitig, was und warum seine Kunstfigur das tut, was sie tut. So fährt er, der Erzähler, eines Tages nach Venedig und lässt Philip einfach in einem Bahnwaggon auf einem Züricher Bahnhof schmoren bis er nach Hause zurückkehrt. Doch auch dann ist der Protagonist nicht bereit, sein seltsames Verfolgungsunterfangen aufzugeben, mit dem Ergebnis: eine sonderbare, nicht erklärbare Wandlung der Persönlichkeit zum Outsider …

„In allen Dingen muss ein Geheimnis bleiben, das uns zum Sehen bringt. Was wir verstanden haben, ist verloren.“

Bärfuss` Roman läuft auf mindestens zwei Ebenen. Das ist höchst spannend und hintersinnig erdacht. Ehrlich gesagt frage ich mich, ob es nicht sogar der Tatsache geschuldet sein könnte, dass der Autor mit seinem Schreiben im Verzug war und er den Verlauf seiner Geschichte sich deshalb so hat entwickeln lassen. Inhaltlich gibt es manche Hinweise, die man schlichtweg so deuten könnte. „Hagard“ war ja, wenn ich mich recht erinnere, bereits im letzten Frühjahr vom Verlag angekündigt (genau der Zeitpunkt, als Peter Stamms „Weit über das Land“ erschien, das ja mit einer ähnlichen Thematik aufwartet). Dann wäre ihm ein echtes Schelmenstück gelungen …

Was manchmal ein wenig gewollt wirkt, sind die kurzen häppchenweise verteilten zeitkritischen Anmerkungen wie etwa über den Ukraine-Krieg, die ausbeuterische Bekleidungsindustrie mit ihren asiatischen Arbeitern oder der unerklärliche Absturz eines malaysischen Flugzeugs. Vermutlich soll dies die Geschichte in der Zeit verankern, ist aber eigentlich für die Handlung wenig bis gar nicht nötig. Aber der Röntgenblick, den Philip alias Erzähler alias Bärfuss auf seine Leistungsgesellschafts-Mitbürger während des Wartens auf die Verfolgte, inzwischen seine Göttin, nun als nicht mehr Zugehöriger richtet, gelingt absolut. Weshalb er den Selbstmord eines japanischen Mathematikers (Yutaka Taniyama, 1927-1958) allerdings mit einflicht und den Werdegang eines kriminellen Taxifahrers ausführlich beschreibt, ist nicht ganz nachvollziehbar, passt aber zur Rätselhaftigkeit des ganzen Romans.

In der Tat erinnert auch mich Bärfuss` Werk an die Romane „Kraft“ von Jonas Lüscher und „Weit über das Land“ von Peter Stamm, wie es kürzlich im Feuilleton einer Zeitung zu lesen war. Im Vordergrund sind jeweils immer Männer, die eigentlich „voll im Leben stehen“ und doch plötzlich ausscheren und ungeahnte Wege gehen. Verläuft so die Krise des heutigen Mannes?  Und hat es eine Bedeutung, dass alle drei Autoren Schweizer sind?

Lukas Bärfuss ist mit „Hagard“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman erschien im Wallstein Verlag, wie auch seine vorherigen Bücher. Eine Leseprobe gibt es hier.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit Kiepenheuer & Witsch

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„Er wusste nur eins: Dies war die schlimmste Zeit.

Er stand schon seit drei Stunden am Aufzug. Er rauchte seine fünfte Zigarette und seine Gedanken zuckten hierhin und dorthin.“

Kunst in Zeiten der Diktatur:
Komponieren und agieren nach Vorgaben des Diktators oder Verweigerung und Untergang? Marionette der Macht sein aber innerlich versuchen frei zu bleiben? Die Achtung vor sich selbst verlieren, wenn man statt eigener neuer Musik Volksmusik komponieren muss?

Julian Barnes hat einen kurzen Roman über den russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906 – 1975) geschrieben, der nach frühen großen Erfolgen, immer wieder unter Beobachtung des Regimes stand. Stalin persönlich, die Stimme der Macht, hatte 1936 seiner Oper „Lady MacBeth von Mzensk“ beigewohnt, allerdings nur bis zur Pause und hinterher „Chaos statt Musik“ genannt und dies in einem Beitrag in der Prawda seinem Volke kund getan. Seitdem stand Schostakowitsch unter Beobachtung, seitdem stand er oft nächtelang im Treppenhaus seiner Leningrader Wohnung mit seinem Köfferchen in banger Erwartung von Stalins Handlangern abgeholt zu werden.

Nach einer Weile komponiert er weiter, mehr nach den Vorgaben von oben, wird zwölf Jahre danach sogar zu einem musikalischen Kongreß in die Vereinigten Staaten beordert, muss dort aber Reden halten, die ihm vorgeschrieben wurden, keine freien Antworten möglich, da überall Spitzel lauern könnten.
Sogar große Auszeichnungen erhält er nun: Stalinpreis, Leninorden. Stalin stirbt und wird von Chruschtschow abgelöst. Das sogenannte „Tauwetter“ beginnt. Er schreibt seine verbotene Oper „Lady MacBeth von Mzensk“ um und reicht sie beim neuen Komitee ein, doch sie wird erneut abgelehnt. Seine Frau Nita stirbt und lässt in mit den beiden Kindern zurück. Bisher bewusst nie in die Partei eingetreten, wird ihm nun ein hoher Posten als Vorsitzender des Komponistenverbandes „angeboten“, eine große Auszeichnung, die allerdings nur mit der Parteizugehörigkeit einhergeht …

„Sein Körper war so nervös wie früher, vielleicht noch nervöser. Aber die Gedanken liefen ihm nicht mehr davon; heute schleppten sie sich vorsichtig von einer Angst zur anderen.“

Julian Barnes führt uns vor allem in die Gedankenwelt Schostakowitschs. Die inneren Vorgänge, das was im Kopf des Komponisten vor geht, das Abwägen und die Verunsicherungen, die stete Angst, die Einschränkungen, die Selbstzweifel – all das macht diesen Roman eher zum Seelenporträt als zur reinen Biografie. Der Autor setzt sie aus diversen Episoden und Szenerien aus dessen Leben zusammen und verbindet sie geschickt. Barnes ist ein versierter Erzähler und ihm gelingt es die Zerrissenheit des Komponisten sehr stimmig und mit einem zeitweise ironischen Unterton zu beschreiben, der vielleicht auch aus Not in Schostakowitschs Lebenslauf und seinen Werken eine große Rolle spielte.

„Wenn man der Ironie den Rücken zukehrte, erstarrte sie zu Sarkasmus. Und wozu war sie dann nütze? Sarkasmus war Ironie, die ihre Seele verloren hatte.“

Interessanterweise habe ich kurz vor dieser Lektüre Platonows Baugrube gelesen, in dem es um Stalins Anfangszeit geht und das in etwa zur gleichen Zeit spielt. Als nächstes auf der Leseliste steht außerdem auch ein gerade erschienener Roman über die Dichterin Marina Zwetajewa von Rikka Pelo „Unser tägliches Leben“, die ja Zeit- und Leidensgenossin Anna Achmatowas war, die wiederum auch kurz in Barnes´ Roman erwähnt wird. Und so schließt sich der Kreis …

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes erschien soeben im Kiepenheuer & Witsch Verlag in der Übersetzung von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier.
Außerdem ist dieses Buch auch auf Platz 1 der SWR-Bestenliste im März.

Film-Kunst-Film: Violette DVD Film von Martin Provost 2013

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/Kunst zu tun haben.

„Ich bin eine Wüste, die selbst mit sich spricht.“

Der Film erzählt von der Schriftstellerin Violette Leduc (1907-1972), die anfangs der 50er Jahre in Paris lebte und zu schreiben begann. Als einfache Frau mit einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung wagte sie es als erste darüber und unverblümt über Themen wie Abtreibung, weibliche gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität zu schreiben. Eines Tages traut sich Leduc, die gerade „Das andere Geschlecht“ gelesen hat, sich ihrem Vorbild Simone de Beauvoir zu nähern und ihr ihr Romanmanuskript zu übergeben.

Beauvoir liest es und ist überrascht über die Kraft dieser Literatur, hilft ihr bei der Veröffentlichung und wird fortan zum Protegé Leducs. Doch was Leduc wirklich möchte, geschieht nicht. Sie wird nicht hinreichend gesehen. Ihre erstes Buch im Jahr 1946, „L`Asphyxie – Das Ersticken“, das immerhin im Verlag Gallimard in einer Reihe erschienen, die Albert Camus herausgab, bleibt weitgehend erfolglos.
Violette, das uneheliche, ungewollte Kind, sucht nach Liebe, die jedoch immer wieder zum Scheitern verurteilt ist. Für Violette ist Beauvoir mehr als ihre Lektorin, sie betet sie an, wirkt geradezu verliebt. Doch die behält meist ihren kühlen Kopf und ausreichenden Abstand bei. Dennoch ist sie zumindest materiell für sie da, vor allem als sie einen psychischen Zusammenbruch hat: Beauvoir besorgt (und zahlt) ihr einen privaten Klinikplatz, wo Violette langsam wieder zu Kräften kommt. Doch auch das zweite Buch, welches zwar mehr wahrgenommen wird und vor allem bei Frauen viel Zuspruch findet, verhilft ihr nicht zum ersehnten großen Erfolg. Erst mit ihrem 1964 erschienenen Roman „La Bátarde – Die Bastardin“ wird sie für den Prix Goncourt nominiert und schafft endlich auch den Durchbruch. Später wird sie ihren Ruheort, wo sie am besten schreiben kann, auf dem Land in der Provence finden.

Der Film lebt von der großartigen Schauspielkunst seiner Protagonisten, allen voran Emmanuelle Devos, die die Violette beeindruckend verkörpert. Sandrine Kiberlain als Simone de Beauvoir spielt die kühle Intellektuelle perfekt. Zudem gibt er einen etwas anderen Einblick in die Literaturszene dieser Zeit in Paris.
Ein filmisches Leuchten!

Mehr über den Film und den Trailer gibt es auf der offiziellen Film-Website.
Die Bücher von Violette Leduc gibt es in deutscher Sprache leider nur noch antiquarisch.Der Film macht allerdings auch Lust, sich wieder einmal die Bücher von Simone de Beauvoir vorzunehmen.

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht Literaturverlag Droschl

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Ilma Rakusa hat vor ein paar Tagen den Berliner Literaturpreis 2017 verliehen bekommen, der auch mit einer Gastdozentur in Berlin verbunden ist. Im „Haus der Poesie“ las sie aus ihrem neuen Lyrikband und unterhielt sich darüber mit dem Dichter Lutz Seiler. Nach langer Zeit gibt es also von Ilma Rakusa wieder Gedichte zu lesen. „Gedichte kommen, wenn sie wollen“ sagt sie, die auch Essays und Erzählungen schreibt. Für Lyrik aber, „atme sie anders“.  Rakusa ist halb Slowenin, halb Ungarin, lebt aber schon sehr lange in der Schweiz, mit einer kleinen Depandance in Berlin. Sie beherrscht viele Sprachen und übersetzte beispielsweise Marguerite Duras aus dem Französischen, Marina Zwetajewa aus dem Russischen und Péter Nádas aus dem Ungarischen.

Der Band „Impressum: Langsames Licht“ ist in sieben Kapitel unterteilt, deren Titel alleine mich schon ansprechen, ist es doch Essentielles, was da bedichtet wird. Die Kapitel werden jeweils mit einem Haiku eingeleitet:

„Abend aber lau
das Alleinsein lädt sich auf
macht keine Szene“

Im ersten Kapitel, überschrieben mit „Melancholien“, taucht Rakusa schon beim vorangestellten Haiku (siehe oben) in diese seltsame Stimmung ein. Doch ihre Melancholie speist sich hier vor allem aus der Natur, vielleicht ist sie dabei der beste Gefährte. Wie hier im Gedicht „Erster Schnee“:

„Kälte kam und das ausgerutschte Licht
leuchtete aus den Büschen,
verschneit…“

Aber auch mancher Blick auf die Menschen macht traurig: So stark das Gedicht „Streben oder Sterben“ über einen Obdachlosen – wie überhaupt auch Politisches oder Gesellschaftskritisches nicht ausgelassen werden in Rakusas Gedichten.

Im Kapitel „Orte“ ruft Rakusa Städte, Dörfer, Landschaften in ihr Bewusstsein und verdichtet sie. Dabei führt uns die neugierige Vielgereiste etwa von Lemberg über Odessa, Wien, Bukarest, Prag nach Berlin und weiter über den Nahen in den Fernen Osten. Geschehnisse, Beobachtungen werden wie Nahaufnahmen zu Gedichten gefasst, jedes erzählt eine kleine Geschichte der Welt.

“ … der Moment hat keine Meinung
er leuchtet und nimmt mich
freimütig auf bis ich merke
er hat mich umgetauft
Impressum: langsames Licht“

Sei es bei einem Blick ins Schaufenster oder unter der Weite einer Kirchenkuppel oder bei einem Bücherkauf im Antiquariat, später im Konfuziustempel und beim japanischen Flohmarkt. Die Worte fließen und schließen Vergangenheit, Geschichte mit ein.

Das dritte Kapitel mit dem Titel „Zeiten“ finden sich Gedichte, die auch einem Journal, einem Gedichttagebuch entnommen sein könnten, die sich durch Tages- und Jahreszeiten schlängeln … es sind oft Gedichte, die aus einer Innenschau, ja, auch hier, aus einer melancholischen Stimmung entstanden sein könnten.

„Endlich Regen gegen den Durst des Grases
grau stillt er Pilze Birken Kiefern
den Hohn der sommerfroh lachte
vorbei
das Licht wie verzagt
späht aus dem hinteren Kragen.“

Darauffolgend das faszinierende Kapitel „Dinge“, das mich staunen lässt, wie genau Rakusa Gegenstände und Dinge wahrnimmt und ganze Lebensläufe der Besitzer herausschreibt, welche Lebensgeschichten doch manch „Ding“ erzählt.
Jedes Gedicht im Kapitel „Bilder“ ist einer Person, einem/r Künstler/in gewidmet. Diese Gedichte sprechen von Farbe, vom Licht, vom Pinselschwung, wie überhaupt das Licht in sehr vielen Gedichten eine große Rolle spielt.
Im folgenden Kapitel „Hommagen“ lese ich Gedichte, die an die Dichterin Friederike Mayröcker, an den Schriftsteller Péter Nádas oder an den Regisseur AndrejTarkowskij gerichtet sind.
Als letztes das kurze Kapitel der „Träume. Wünsche“: am schönsten, auch weil am schlichtesten ist das „Gedicht gegen die Angst“ – ein Gedicht, wie eine Litanei, Wortstrom und Beschwörung, das so endet:

„… prüfe dein Herz
geh übers Feld
ruhe dich aus
rühr an die Welt.“

Rakusas beeindruckende Stärke einfache Momente, kurze Wahrnehmungen in Dichtung zu verwandeln lässt mich flüssig lesen. Diese Gedichte sind nicht statisch, sondern immer vorausschauend, vorausahnend. Sie gleitet auf ihrer Sprache geschickt durch Zeit und Raum und findet dabei oft das Wesen der Dinge.

Rakusas Lyrik ist unkompliziert bei großer Tiefe und Nachhaltigkeit. Es sind Texte, die keine besondere Symbolhaftigkeit benötigen. Alles Wichtige wird konkret benannt.

Impressum: Langsames Licht von Ilma Rakusa erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier .
Ihr Berlin-Journal „Aufgerissene Blicke“ , ebenfalls bei Droschl erschienen, habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen.

Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens Wagenbach Verlag

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Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Ich war vor kurzem bei der Buchvorstellung in der Lettretage in Berlin und von da an war mir klar, dass das vollkommen gerechtfertigt ist. Nun nach der Lektüre ist es sicher: Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten. Sie erzählt an diesem Abend auch von der Herangehensweise ihres Schreibens und von den Stimmen, die sie dabei geprägt haben.

Kalnáys kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von ihren seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird.

Tatsächlich kann man sich diese Geschichte gut als Theaterinszenierung vorstellen, wie Hauke vom Blog Leseschatz schreibt.

Zudem ist es mehr als passend, dass ein solcher Text im wunderbaren Wagenbach Verlag seine literarische Heimat gefunden hat.

Paul Auster: 4321 Rowohlt Verlag

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Paul Austers neuer Roman ist eine einzige große Hommage an das Erzählen. Was er hier über mehr als 1200 Seiten lang zelebriert, ist die Hingabe an das Erfinden von Geschichten, an die Fantasie und deren magische Möglichkeit, Leben, ja die ganze Welt zu verändern.

4321 – Ausgangspunkt dieses Romans: Auster lässt seinen Helden Archibald Ferguson quasi von Geburt an in vier Varianten und somit in vier Erzählsträngen ins Leben starten, beginnend mit der Ankunft der osteuropäischen, jüdischen Herkunftsfamilie in der neuen Welt: USA, New York, Ellis Island in den 50er Jahren. Wechselweise erzählt er aus der jeweiligen Perspektive, wie ein Leben mit zunächst gleichen Voraussetzungen, zumindest gleichen Erbmaterials, doch immer anders verlaufen kann. Eine wunderbare Idee, die für mich gleich Anlass war, selbst einmal über ein „Was wäre gewesen, wenn …“ zu sinnieren.

Mich erinnerte diese Anordnung auch an ein Stück von Max Frisch: Biografie: Ein Spiel, in dem Frisch eine Person mehrmals mit gleichen Voraussetzungen ins Leben schickt. Im Stück endet es so, dass der Protagonist doch immer wieder am selben Punkt seines Lebens endet. Auster erforscht, wie und ob der Zufall oder gar Schicksal Archie Ferguson beeinflusst. So lässt er ihn als Einzelkind in einer Kleinstadt in New Jersey, aber in Reichweite von New York aufwachsen, einmal mit getrennten Eltern, einmal mit Stiefvater, einmal in wohlhabender Familie, einmal in weniger begüterten Verhältnissen etc. Was immer gleich bleibt, ist die Sportbegeisterung, besonders für jegliche Ballsportarten und die, jedoch immer anders entstehende, Liebe zur Literatur, zum Film, die früher oder später seine Wege lenkt. Ein beständiges, sehr prägendes Element ist das Mädchen Amy, das unterschiedliche Rollen an Archies Seite einnimmt. Der Leser begleitet Archie vier mal (mit Abstrichen) durch Kindheit, Teenagerzeit, Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter.

“ Bücher, überall Bücher, auf Regalen an allen Wänden der drei Zimmer, auf Tischen und Stühlen, auf dem Fußboden, oben auf den Schränken, und nicht nur fand Ferguson dieses phantastische Chaos bezaubernd, vielmehr schien im die bloße Tatsache der Existenz einer solchen Wohnung darauf hinzuweisen, dass man auf dieser Welt auch ganz anders leben konnte als so, wie er es bisher kannte, dass das Leben seiner Eltern nicht das einzig mögliche Leben war.“

Solch lange, und sogar noch längere wunderbare Sätze schlängeln sich durch alle 1200 Seiten und bieten größten Lesegenuss.
Ich habe bewundernd an den jeweiligen Lebensentwürfen Anteil genommen. Was ich weniger spannend fand, (ich gebe es zu, ich habe irgendwann überblättert) sind die teilweise langen Sequenzen, in denen Archie sich dem Baseball- oder Basketballspiel widmet. Solche Szenen sind fast so häufig, wie die Passagen über Archies sich entwickelndes Interesse an der Sexualität und den gegebenen Möglichkeiten sie auszuleben. Gleichzeitig bietet 4321 aber auch einen guten Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA in der Zeit vor und während des Vietnamkriegs. Es ist die Zeit der Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings und die der Studentenrevolten, die Zeit der Rassenkonflikte, der Straßenkämpfe zwischen schwarz und weiß.

Paul Auster hat letztlich einen großen autobiographischen Roman geschrieben: viele Hinweise finden sich in den jeweiligen Archie-Biografien, die mit seinem eigenen Leben überein stimmen. Manches gab es schon zu lesen in den biografischen Büchern „Winterjournal“ und  „Bericht aus dem Inneren“. Gegen Ende hin ist es das von Archie geführte „scharlachrote Notizbuch“, dass es ja wirklich als Buch gibt: Das rote Notizbuch. Auster schreibt tatsächlich Gedanken für spätere Bücher in Notizbücher und tippt dann mit der Schreibmaschine ab. Auch die Übersetzung von französischer Lyrik ist etwas, was aus Austers Leben gegriffen ist. Auster hat ebenso an der Columbia-Universität in New York studiert und hat nach dem Studium einige Zeit in Frankreich verbracht. Auster kommt aus Newark in New Jersey, wie sein Held Archie und auch er war eine Sportskanone, an allen Arten von Ballspielen interessiert.

4321 erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzungsaufgabe teilten sich mehrere Übersetzer, da Eile geboten war: Auster wollte, dass sein Roman in Deutschland gleichzeitig mit der amerikanischen Ausgabe erscheint: Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl haben das gut gemeistert.
Mehr über das Buch, ein Interview und eine Leseprobe gibt es hier.

Andrej Platonow: Die Baugrube Suhrkamp Verlag

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„Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.“

Mit diesen fantastischen ersten Sätzen führt Andrej Platonow uns in seine Geschichte „Die Baugrube“ ein und fasst gleich alles zusammen, was man über die Persönlichkeit seines Helden Woschtschew wissen muss und wohin uns Platonows Sprache in diesem Werk führt.

Der Roman „Die Baugrube“ des 1899 in Woronesh geborenen Schriftstellers entstand im Jahr 1930. Er war einer der Autoren, der zu Lebzeiten der politischen Zensur unterlag und nicht gedruckt werden durfte. Erst sehr viel später wurde den Werken Platonows wieder Beachtung geschenkt. Zum Glück! Nun liegt eine Neuübersetzung von Gabriele Leupold vor, die auch Belyjs und Schalamows Werke vom Russischen ins Deutsche übertrug.

Es ist ein kurzer Roman mit wenig Handlung, in dem es vor Symbolhaftigkeit nur so wimmelt: Der „Held“ Woschtschew verliert seinen Arbeitsplatz, weil er nicht effektiv genug arbeitet; stattdessen denkt er nach. Er ist nicht schnell genug, er kann dem Tempo der anderen nicht folgen und verliert dadurch seinen Platz nicht nur im Betrieb, sondern auch im sozialistischen Gefüge. Bald darauf schließt er sich in einer Kleinstadt einem Artel (einer Art Kollektiv) von Bauarbeitern an, die eine Grube ausheben, um ein proletarisches Gemeinschaftshaus zu errichten.
Platonows Hauptfigur Woschtschew ist ein Melancholiker, ein Sinnsucher, sowie sich überhaupt eine stete Schwermut durch die gesamte Geschichte zieht. Er ist einer, der nach der Wahrheit fragt und nach dem Sinn sucht; eigentlich ist er ein Individualist. Er ist ein Sachensammler, hortet Dinge, die er irgendwo findet, als Beweismittel des Daseins.

„Woschtschew fühlte noch immer nicht die Wahrheit des Lebens, aber fand sich ab aus Erschöpfung von dem schweren Grund – und sammelte nur an den freien Tagen allerlei Unglückskroppzeug der Natur, als Dokumente der planlosen Erschaffung der Welt, als Fakten der Melancholie eines jeden lebendigen Atems.“

Später führt uns Platonows Geschichte aufs Land, in die Dörfer, wo die „Vergesellschaftung“ in vollem Gange ist. Doch die meisten Bauern sind eher bereit ihr Eigentum zu vernichten, als in Kolchosen einzutreten. Das Mädchen Nastja, eine Waise, die plötzlich in der Kolchose auftaucht, soll wohl stellvertretend für die neue sozialistische Zeit stehen. Doch sie ruft immer wieder nach der verstorbenen Mutter einer burshujka (einer Bürgerlichen) und wird schließlich immer schwächer, bis sie stirbt …
Wie wenig flüssig alle möglichen Projekte im Namen des Klassenkampfes funktionieren, wird mit konsequenter Ernsthaftigkeit geschildert, die allerdings für den heutigen Leser oft ins Komische, beinahe Karikaturistische, bisweilen Surreale abdriftet.

„Aber warum, Nikita, liegt das Feld so trübsinnig da? Ist wirklich Schwermut in der ganzen Welt, und nur allein in uns der Fünfjahrplan?“

Es ist die Zeit nach der Kulturrevolution. Stalin will die totale Kollektivierung, die schnellstmögliche Industrialisierung und es kommt der erste Fünfjahresplan. Durch Lautsprecher wurde selbst auf den Dörfern das Volk informiert und indoktriniert. Die Alphabetisierung der Bauern wurde voran getrieben und ging natürlich mit Propaganda einher. Stalins Ziel ist dabei „die Vernichtung der Klassen auf dem Weg des Klassenkampfs des Proletariats“. Die Kulaken, also die Großgrundbesitzer werden getötet, umgesiedelt oder vertrieben, Kirchen geschlossen.

„Wird die Sowjetina umkommen wie Nastja oder heranwachsen zu einem heilen Menschen, zu einer neuen historischen Gesellschaft? Dieses unruhige Gefühl bildete auch das Thema des Werkes, als der Autor daran schrieb.“

Mit obiger Aussage beendet Platonow seine Geschichte. Er ist ein Kind der Moderne, obgleich selbst proletarischer Herkunft, zweifelte er mehr und mehr am Sinn dieser Vorhaben. Er arbeitete bereits mit 15 Jahren, war später ein sehr belesener Student, wurde Mitglied der kommunistischen Partei und zum politischen Autor. All dies kommt in der „Baugrube“ deutlich zum Ausdruck. Seine Sprache enthält typische Begrifflichkeiten dieser Epoche; damals aktuell, mutet sie heute mitunter befremdlich an. Durch mehrfaches Kürzen des Ursprungsmanuskripts gelang Platonow eine zeitweise poetisch anmutende und gleichsam auf das Wesentliche zielende Verdichtung.

Man darf davon ausgehen, dass der Übersetzerin Gabriele Leupold hier eine Meisterleistung gelungen ist: Die vieldeutige und kraftvolle Sprache überzeugt.
Im Anhang der Neuauflage findet man ergänzend umfangreiche Kommentare und Anmerkungen zum Verständnis des Textes (die für mich auch unbedingt notwendig waren), eine editorische Notiz zur Übertragung vom Russischen ins Deutsche und ein aufschlussreiches Nachwort von Gabriele Leupold.

Vor mir liegt ein sehr schön gestaltetes Buch: Ein Leineneinband ohne Schutzumschlag mit dem Titel als Prägedruck. Das Covermotiv ist gestaltet nach dem Gemälde „Köpfe (menschliche Wesen in der Stadt)“ von Pawel Nikolajewitsch Filonow von 1926.
„Die Baugrube“ erschien beim Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und weitere umfangreiche Informationen gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei meiner Bloggerkollegin von Zeichen & Zeiten.
Das Buch steht auf der SWR-Bestenliste Februar auf Rang 6.

John Williams: Stoner dtv

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Zum zweiten Mal habe ich „Stoner“ nun gelesen. Zum ersten Mal 2013 gleich nach Erscheinen und nun, da es in meinem Lesekreis im „Reallife“ als Lektüre gewählt wurde. Schon beim ersten Lesen war ich mehr als begeistert von diesem Roman. Der Autor John Williams, 1922 in Texas geboren wurde nach langer Zeit wiederentdeckt: „Stoner“ war gleich ein Riesenerfolg. Zwei weitere Romane sind inzwischen wieder neu aufgelegt worden.

William Stoner, geboren Ende des 19. Jahrhunderts, lebt mit seinen Eltern in Missouri auf dem Land. Sie bewirtschaften einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb, von dem sich trotz harter Arbeit mehr schlecht als recht leben lässt. Als der Vater dem 19-jährigen vorschlägt, ein Landwirtschaftsstudium zu beginnen, um es einmal besser zu haben, besucht William eine Universität und gerät immer mehr in eine vollkommen neue Welt. Er entdeckt die Literatur.

Nur der vorgeschriebene Einführungskurs in die englische Literatur verstörte ihn auf eine Weise wie nichts zuvor.“

Schon während des geplanten 4-jährigen Studiums der Agrarwirtschaft wechselt Stoner das Fach. Fasziniert und angezogen, belegt er Philosophie und Literatur und entscheidet sich nach dem Abschluss nicht auf die Farm der Eltern zurückzukehren. Bald darauf unterrichtet er selbst die ersten Einführungskurse. Langsam übernimmt er mehr und mehr Kurse, promoviert und bleibt an der Uni von Columbia. Dort lernt er auf einer Feier Edith kennen, eine junge, schüchterne Person, die ihn sofort aufgrund ihrer Andersartigkeit anzieht. Er verliebt sich. Sie heiraten. Doch schon am Anfang, erkennt der Leser, dass für die beiden kein glückliches Beisammensein vorgesehen ist.

Edith verweigert sich ihrem Mann, später ihrer Tochter, ja eigentlich dem Leben. Stoner übernimmt jegliche Arbeiten im Haus zusätzlich zu seiner Dozententätigkeit an der Uni und kümmert sich von Anfang an fürsorglich um seine Tochter, während Edith sich apathisch zurückzieht. Doch Stoner wehrt sich nicht. Zudem verschuldet sich das Paar, weil Edith sich wünscht in einem eigenen Haus zu leben. Dann beginnt die unzufriedene launenhafte Edith ihm mehr und mehr die Tochter zu entziehen und ihn in jeder Hinsicht in die Enge zu treiben.

Stoners alter Mentor an der Universität stirbt und wird von einem neuen Professor namens Lomax ersetzt, der sich als schwieriger und durchtriebener Mensch erweist. Stoner, der sich immer mehr zu einer starken Lehrerpersönlichkeit entwickelt hat, traut sich einen von Lomax` Studenten durchfallen zu lassen, was zu bösem Blut führt. Lomax macht Stoner zu seinem persönlichen Feind und legt ihm fortan Steine in den Weg.

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war.“

Bevor Stoner der Lebensmut gänzlich verlässt, passiert es: Die Beziehung zu einer Dozentin, die kurze Zeit an der Universität arbeitet, bringt Stoner eine Spur von ungeahntem Glück, doch auch dies wird ihm wieder aus den Händen gerissen. Das einzige was bis an sein Lebensende bleiben wird, ist die Hingabe an die Literatur, die Leidenschaft ein Gelehrter zu sein.

Das tragische an der Geschichte ist, dass Stoner vieles so hinnimmt, wie es kommt, dass so wenig Aufbruch und Wunsch nach Veränderung seiner Lebenssituation in ihm steckt. Selbst als ihm deutlicher wie nie, die Möglichkeit eines Neuanfangs vor Augen steht, entscheidet er sich pflichtbewusst und gegen das persönliche Glück. Das macht das Lesen dieser Geschichte nicht immer zum Vergnügen, möchte man Stoner doch so manches mal aus seiner Starre wach rütteln.

Und dennoch ist es ein großes Stück Literatur. Williams Sprache ist so klug und zeitweise so poetisch, dass man den oft erdrückenden Inhalt fast vergisst. Und es wendet sich direkt auch an den Leser: Wie steht es um dein persönliches Glück? Wie aktiv gestaltest du dein Leben?

„Stoner“ erschien bei DTV. Die Übersetzung kommt von Bernhard Robben. Informatives über Autor und Entstehung findet man hier.

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta

Mit dem aufsehenerregenden Roman „Erschlagt die Armen“ wurde Shumona Sinha bekannt.

In ihrem nun vorliegenden Roman „Kalkutta“ geht Sinha wieder einen Schritt zurück: Sie schickt ihre Heldin Trisha in ihr Heimatland, zurück nach Kalkutta, wohin sie aufgrund des Todes ihres Vaters reist, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Vor sehr langer Zeit hatte sie das Land verlassen, um in Paris zu leben.

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J. J. Voskuil: Das A. P. Beerta-Institut Das Büro 4 Verbrecher Verlag

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In Band 4 von „Das Büro“,  der die Jahre 1975 bis 1979 umfasst, hat Maarten Koning, Voskuils Alter Ego, es schwerer und schwerer mit seinen Untergebenen: Der Eine, Ad, ist fortlaufend krank, sobald die Arbeit überhand nimmt.

„Und jetzt möchtest du sicher, dass wir uns auch überarbeiten.“
„Das würde ich natürlich schon schön finden, wenn es von zu harter Arbeit käme“, sagte Maarten boshaft. „Aber die Wirklichkeit lehrt, dass man sich schon mit einer sehr bescheidenen Auffassung der eigenen Arbeit überarbeiten kann. Dann habe ich also nicht so viel davon.“

Der Andere ist ein akribisch arbeitender Perfektionist, der Verantwortung scheut, sehr lange für jede Kleinigkeit braucht und jede kleinste Entscheidung Maartens hinterfragt (siehe unten: ein typischer Bart-Asjes-Satz).

„Wenn du dann nur weißt, dass ich entschieden dagegen bin, sagte Bart.“

Die Eine tut sich schwer, weil sie die Arbeit nicht interessiert, die Andere will endlich forschen und nicht nur archivieren und dokumentieren. Und die, die am besten und eifrigsten ist, verlässt das Institut.
Zwei neue Mitarbeiter werden dafür eingestellt, Gerd Wiggelaar und Lien Kiepe, die Voskuil wieder mit einmaligen Charakterzügen ausstattet: Während Lien leicht rot wird, biegt sich Gerd vor Lachen:

„Gerd schüttelte sich vor Lachen. Lien lachte verlegen, als schäme sie sich für diesen kleinen Scherz.“

Eine eigene Zeitschrift, das „Bulletin“ wird gegründet, da man sich unversöhnlich mit den Redakteuren von „Ons Tijdschrift“ überworfen hat. Maarten hält immer wieder Teamsitzungen ab, um möglichst allen seiner Untergebenen ein Mitspracherecht einzuräumen und als Bart, oft der einzige Quertreiber, für längere Zeit aus Krankheitsgründen ausfällt, klappt es auch mit den Abstimmungen.
Maarten fährt zum Kongress für den europäischen Atlas der Volkskultur, der diesmal in Nordirland stattfindet und trifft auf alte Bekannte.

Auch Maartens Frau Nicolien, deren Muttter wegen zunehmender Demenz ins Pflegeheim muss,  wird immer unzufriedener, denn Maarten arbeitet fortan viel zu viel, auch zu Hause, auch abends und am Wochenende. Er übernimmt immer mehr Vorsitze, leitet Ausschüsse und wird zum Vertreter von Direktor Balk. Nicolien kann es nicht nachvollziehen, warum Maarten nicht einfach Aufgaben ablehnt. Sie ist strikt dagegen, dass Maarten „Karriere“ macht:

„Aber nicht so“, sagte sie weinend. „Denn damals gab es Beerta noch. Und jetzt bist du ein hohes Tier geworden.“

Es sterben beide Katzen, Jonas zuerst, später auch Marietje. Es kommen drei neue. Die Tierliebe der Konings kennt keine Grenzen, doch Vegetarier werden sie nicht. Nachdem nun trotz langer Verweigerung doch ein Fernsehgerät angeschafft wurde, bleiben sie jedenfalls Radfahrer, bleibt immer noch der Hass auf Autos/Autofahrer: „lauter tote Tiere am Straßenrand“.

Maarten besucht Direktor Beerta regelmäßig im Pflegeheim. Mittlerweile kann er nach seinem Schlaganfall wieder etwas sprechen, sogar mit einer Hand tippen, aber so wie zuvor wird es nie mehr. Immerhin willigt er ein, dass das Institut rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag seinen Namen tragen wird.

Maarten leidet weiterhin unter seinen Migräneattacken und an Schlaflosigkeit. Und in steter Regelmäßigkeit an der Sinnlosigkeit des Daseins.

„Als er zur Seite blickte, himmelwärts, und hoch hinter dem Turm der Westerkerk vor dem blassen Dunkel des Himmels große, flauschige, schwarze Wolken bewegungslos über dem Tosen und den Lichtern der Stadt hängen sah, stiegen ihm unvermittelt Tränen der Sehnsucht in die Augen, ohne dass er hätte sagen können, wonach er sich sehnte.“

Als glühende „Büro“-Enthusiastin muss ich nun warten auf Band 6, der im Mai erst in der deutschen Übersetzung, wie immer von Gerd Busse, herauskommt.
Band 4 aus J. J. Voskuils „Büro“-Zyklus erschien, wie alle anderen, im Verbrecher Verlag.
Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine ausführliche Dokumentation mit Interview findet man hier.
Band 1 und Band 2/3 habe ich bereits hier besprochen. Die Besprechung von Band 5 folgt in Kürze.

Chinabox – Neue Lyrik aus der Volksrepublik Verlagshaus Berlin

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Hinter dem Titel Chinabox verbirgt sich eine umfangreiche Anthologie mit chinesischen Gedichten. Es sind Werke von 12 zeitgenössischen Autor_innen, mutige, frische Stimmen, meist abseits der langen Tradition asiatischer Dichtkunst. Die Lyrikerin und Sinologin Lea Schneider, mit einigen der Autor_innen bekannt, stellt uns eine vielfältige Auswahl vor, die fein und stimmig von Yimeng Wu illustriert wurde.

Wie man es vom Verlagshaus Berlin kennt, ist der Band, der in der Edition Polyphon zweisprachig erschien, ein kleines Buch-Kunstwerk. Jedem Autor ist ein Kapitel gewidmet, welches mit einer Grafik und Biografischem eingeleitet wird. Es folgen jeweils mehrere Gedichte. Dreht man das Buch um, und beginnt zu blättern findet man den gesamten Inhalt in chinesischer Sprache. Die beiden Buchteile werden wiederum getrennt durch zwei Tuschearbeiten von Yimeng Wu, einer chinesisch-deutschen Künstlerin und Designerin.

Lea Schneider stellt an den Anfang eine kleine hilfreiche „Gebrauchsanweisung“, die
Aufschluss über die Herangehensweise des Entstehens dieses Buches gibt, sowie am Ende ein Kapitel mit Anmerkungen zum Verständnis spezieller chinesischer Begriffe und Wendungen.

„Als Auswahlkritierien haben mir zwei Faktoren gedient: Einerseits wollte ich Autor_innen vorstellen, die bisher nicht oder kaum ins Deutsche übersetzt worden sind. Zweitens habe ich mich bemüht, Autor_innen auszuwählen, die repräsentativ für je eine Richtung in der chinesischen Gegenwartslyrik stehen können.“

Wie schwierig die Übersetzungsarbeiten waren, weil die chinesische Zeichensprache ganz anders funktioniert als die deutsche und Lyrik ohnehin nicht leicht übersetzbar ist, schilderte Lea Schneider bereits vor einiger Zeit im Verlagshaus, wo sie einigen Literaturbloggern ihr anspruchsvolles Projekt vorstellte. (Siehe auch Spreepartie). Mit Schneider zusammen übersetzten diesen Band Peiyao Chang, Daniel Bayerstorfer, Marc Hermann und Rupprecht Mayer.

Kennzeichnend für die zeitgenössische chinesische Dichtung scheint die Abgrenzung zu alten, vielleicht überholten Traditionen und das Aufflammen der eigenen Stimme, die jedoch, gerade wenn sie kritisch ist, einen Weg finden muss, die politische Zensur zu unterlaufen. Die Autor_innen dieses Bandes spannen einen weiten Bogen – vom Literaturkritiker bis zur Wanderarbeiterin, von experimenteller Lyrik über klassische Formen bis zum prosaähnlichen Fließtext. Es ist ein weites Feld, das es hier zu entdecken gibt … einem fremden Land durch dessen Lyrik zu begegnen, ist in der Tat eine schöne Idee.

Mein Lieblingsgedicht kommt von der 1972 geborenen Lyrikerin und Journalistin Lü Yue. Es heißt: „schlaf kann man nicht erben“. Es scheint mir ein guter Stellvertreter für das Lebensgefühl und die Befindlichkeit heutiger Generationen. Und so sehr unterscheidet es sich dann letztendlich nicht von dem unseren …

unsere eltern
schlafen ganz fest
kaum haben sie „ja“
oder „nein“ gesagt
geht das schnarchen los

unsere generation
findet kaum noch schlaf
selbst in frühlingsnächten
wälzen wir uns hin und her
fragen uns, gegenseitig und selbst
was richtig ist
ob wir das auch gemacht haben
wenn wir die augen schließen und leise sind
ist das auch nur ein trick
um möglichst schnell an die antwort zu kommen

auf der anderen seite der holztür
fangen unsere kinder
gar nicht erst zu schlafen an
ab und zu
packt sie ein lachanfall

„Chinabox“ erschien im Verlagshaus Berlin. Weitere Infos darüber hier.