Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind Rowohlt Verlag

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Die große amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison, immerhin 86 Jahre alt und bereits im Jahr 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich erinnere mich an Romane wie „Menschenkind“, „Blaue Augen“, „Sula“, die ich damals vor Jahrzehnten noch in der Rowohlt-Taschenbuchreihe „Neue Frau“ gelesen habe. Eine Autorin, die sich schon immer stark einsetzte für die Rechte der farbigen Bevölkerung und die der Frauen.

Toni Morrison hat in „Gott, hilf dem Kind“ eine tolle Romanfigur geschaffen. Bride, eine junge Schwarze hat sich aus den denkbar schlechtesten Verhältnissen hochgearbeitet und ist mit Anfang zwanzig bereits Leiterin einer Kosmetikfirma. Sie hat sich ein nicht zu übersehendes Outfit zugelegt. Nur weiße Kleidung, kein Make-up, kein Schmuck. Und das Konzept geht auf. Sie ist erfolgreich, gutaussehend und wird umschwärmt. Endlich ist sie wer. War doch ihre Mutter, die sehr hellhäutig ist wie auch der Vater, entsetzt über dieses tiefdunkle Kind und vollkommen überfordert. Bride erfuhr von ihr erst Wertschätzung, als sie vor Gericht eine wichtige Aussage als Zeugin gegen eine Lehrerin, die wegen Kindesmissbrauch angeklagt war, machte.

„Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an all die Plagegeister meiner Kindheit, und sie bezahlen mich teuer. Und ich muss zugeben, dass es mehr als eine Entschädigung ist, all jene, die mich gequält haben – die echten und die, die ihnen gleich sind – heute vor Neid sabbern zu sehen, wenn sie mir begegnen. Es ist ein Triumph.“

Die Geschichte setzt ein, als Bride gerade von ihrem Freund Booker verlassen wurde und jene Lehrerin aus dem Gefängnis entlassen wird. Bride hat sich in den Kopf gesetzt, sie müsse eine Schuld abtragen und dieser Frau materiell weiterhelfen. Als sie ihr gegenübersteht und sagt, wer sie ist, schlägt die andere sofort zu. Bride kommt ins Krankenhaus. Obwohl sie körperlich schnell wieder gesund wird, scheint sie innerlich angeschlagener als sie zulassen will. Beide Geschehnisse leiten einen Wandel in Brides Leben ein.

Sie merkt plötzlich, wie sich ihr Körper langsam in den eines Kindes zurückverwandelt – ein toller Griff in die Trickkiste des magischen Realismus: Morrison ermahnt hier ihre Protagonistin achtsamer zu werden, mehr nach innen zu schauen, da ihr Leben aus dem Ruder zu laufen scheint. Letztlich beginnt damit ein Prozess, der von der reinen Oberfläche wegführt zu mehr Bewusstsein. Hierin liegt eventuell sogar die Chance zur Heilung der traumatisierten Kinderseele … Dann der Unfall auf dem Weg zu Booker und die Familie, die sie so uneigennützig aufnimmt und pflegt …

Bis hierhin hat mir das Buch extrem gut gefallen. Die Erzählperspektive aller Figuren einzunehmen und aus deren Blickwinkel zu berichten war stimmig. So erfährt der/die Leser/in hier auch einiges aus Bookers Lebensgeschichte, die ebenso viele traumatische Erfahrungen aufweist wie Brides`.

Vorsicht Spoiler:
Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Teil wird mir die Geschichte dann doch etwas zu übertrieben dramatisch und auch noch mit vorhersehbarem Happy End. Bride erfährt Bookers neue Adresse, steigt ins Auto und fährt zu ihm nach Kalifornien. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Bookers Tante, die sofort zur Vertrauten Brides wird, stirbt fast bei einem Feuer, wird aber von beiden gerade noch aus ihrem brennenden Wohnwagen gerettet. Durch die gemeinsame Pflege der Tante nähern sie sich einander wieder an. Plötzlich stirbt die Tante dann doch und beide überlegen, ob sie jetzt wieder richtig zusammenkommen. Und dann ist Bride auch noch schwanger und Booker sagt: „unser“ Kind. Und ihre tolle Stelle als Chefin der Kosmetikfirma ist ihr auch plötzlich ganz egal …

Das ist mir etwas zuviel schnelle Verwandlung von „Schatten“ in „Licht“, von Oberfläche zu Innenschau. Das wirkt auf mich doch sehr wirklichkeitsfern. Was so stark begann überzeugt mich zum Ende hin nicht und klingt an wie im Hollywoodfilm.
Dennoch: Ein wichtiges Buch mit leider nie endenwollender Aktualität und Brisanz ist es jedenfalls, als hätte sich in all den Jahren, die Toni Morrison schon dagegen anschreibt, kaum etwas geändert …

Toni Morrisons Roman erschien bei Rowohlt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Blogbesprechungen gibt es unter anderem bei Sätze & Schätze und  Leckere Kekse.

Karl Ove Knausgård: Kämpfen Luchterhand Verlag

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Nun ist er also da, der sechste und zugleich letzte Band der Romane Karl Ove Knausgårds mit dem Übertitel „Min Kamp“. Knausgård hat das 1200-Seiten-Buch in drei Sequenzen geteilt. Trotzdem wechseln die Zeiten ständig, einmal vor, einmal nach Erscheinen der Bücher, das macht konfus.

Im ersten Teil erzählt er über sein Schreiben dieser Roman-Reihe und über die Kämpfe, die er deshalb bereits vor der Veröffentlichung des ersten Bandes mit einem Teil seiner Herkunftsfamilie in Kauf nehmen musste. Sein Onkel, der Bruder seines Vater beschwert sich zunächst beim Verlag, droht mit dem Gericht, wegen der Offenlegung allerlei Familieninterna und wirft ihm Verlogenheit und Geldgier vor. So müssen Namen im Manuskript geändert werden, Passagen ganz entfernt werden.

Im zweiten Teil berichtet Knausgård über die Zeit, als das Buch dann tatsächlich erscheint, über Interviews, die er voller Angst und Hadern über sich ergehen lässt und über die Zeit zwischen den Büchern, übers Weiter-Schreiben und vor allem auch den Alltag mit Linda und den Kindern. Der Leser erfährt von den Differenzen zwischen den beiden, dem Leben in Malmö und schließlich auf dem Land. In diesem letzten Teil des Buches erfahren wir auch alles über die bipolare Störung von Linda, eine ziemlich erschütternde Sequenz. Knausgårds Buch endet im Jahr 2011, als der vorliegende Band in Norwegen erscheint und gleichzeitig ein Buch von Linda (gerade ist zum ersten Mal ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Willkommen in Amerika“).

In beiden Teilen, die an die Art der ersten fünf Bände anknüpfen, geht es dann auch wieder akribisch genau weiter mit der Beschreibung seines Familienlebens: Hier scheut er sich nicht, das genaue Bedienen einer Kaffeemaschine zu beschreiben oder gar den Gang zu Toilette. Es geht um das alltägliche Familienleben mit Ehefrau Linda und den drei Kindern, Vanja, Heidi und John. Seien es Urlaubsreisen oder Besuch von Freunden oder Interviews mit Journalisten, wir erleben mit. Aber auch die eigene Innenwelt wird wie bisher offen gelegt.

Ein sehr großer Teil dazwischen ist das Kapitel mit dem Titel „Der Name und die Zahl“ Hier schweift Knausgård immer wieder aus dem Jetzt in philosophische Überlegungen ab. Intensiv kommentiert er hier diverse Werke von Schriftstellern wie Joyce, Shakespeare, Kafka, Proust, Homer oder Philosophen wie Hegel, Nietzsche und Heidegger. Ein Gedicht Celans wird über viele Seiten hinweg interpretiert. Auch vor Hitlers „Mein Kampf“ schreckt Knausgård nicht zurück. Die Auseinandersetzung speziell mit Hitlers Werdegang gestaltet sich ausufernd und befremdet. Ich habe viele Seiten überblättert. Es gibt keinen Zusammenhang zum Rest des Buches.
Stellenweise ist das interessant, denn man erhält doch allerhand Informationen über Knausgårds Denkart und philosophische Theorien. Nur erwartet man so etwas nicht in diesem Band und es passt auch nicht wirklich dazu.

Das Neue in Band sechs ist vielleicht, dass fast jede reale Situation mit Nachdenken und Hinterfragen durchbrochen wird. Hier reflektiert der Autor über sein eigenes Sein und den Sinn des Ganzen, über die persönliche Freiheit, über die Ehe mit Linda und thematisiert seine Selbstzweifel. Soviel Reflexion war bisher in keinem Band, offenbar hat Entwicklung stattgefunden. Es ist vielleicht das „reifste“ Buch aus dem Zyklus. Dennoch hätten ein paar Kürzungen nicht geschadet, hätte das Buch auch durchaus nur aus Teil 1 und 2 bestehen können.

Alles in allem: Wer mit Knausgårds „Min Kamp“ beginnen will, sollte wirklich mit „Sterben“ anfangen. „Leben“ und „Träumen“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Wer ihn nicht lesen will, dem sei sein ehemaliger Lehrer Jon Fosse empfohlen, sein Freund Tomas Espedal oder die Gedichte seines Onkels Kjartan Hatløy.

„Kämpfen“ erschien im Luchterhand Verlag in einer Übersetzung von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Eine Leseprobe gibt es hier.

J. J. Voskuil: Und auch Wehmütigkeit – Das Büro 5 Verbrecher Verlag

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„Maarten grinste. „Der Mensch ist doch eigentlich ein Wunderwerk“, sagte er mit verhaltener Genugtuung.“

Es ist soweit! Nicht nur Aufsätze erscheinen von Maarten Koning, sondern endlich endlich auch eine eigene wissenschaftliche Publikation: Ein Buch über die Wände des Bauernhauses!
Ansonsten betreibt Maarten Studien über das Brot: Roggen oder Weizen und wenn ja wo und ab wann … Karten und Kulturgrenzen werden immer weniger wichtig, die Forschung verändert sich. Natürlich bleibt wie üblich wenig Zeit dafür, denn organisatorische und administrative Aufgaben nehmen ihn als Abteilungsleiter weiter stark in Anspruch.

„Ihr aller Misstrauen gegenüber seiner Gerechtigkeit machte ihn zutiefst niedergeschlagen. Sie hatten keinen Grund dafür. Es war so, weil er der Chef war. Obwohl er nicht der Chef sein wollte.“

Im 5. Band, der die Jahre 1979 bis 1982 umfasst, findet sich viel Privatsphäre: (Streit-)Gespräche mit Ehefrau Nicolien, politische Demonstrationen, Besuche bei der dementen Schwiegermutter im Heim, nostalgische Ausflüge nach Den Haag, seiner Heimatstadt, Urlaub in Südfrankreich, Treffen mit Frans. Die Besuche bei Beerta im Heim werden weniger, vermutlich auch, weil Beerta Maarten eines Tages Avancen macht …
Zum ersten Mal in seinem Büroleben bleibt Maarten länger krank zu Hause. Einige Wochen – sogar Arztbesuche stehen an. Was er genau hat, ist nicht klar …

„Der Mann sah ihm mithilfe einer Zange in die Nase und anschließend in seine Luftröhre, wobei Maarten hohe, singende Schreie nachmachen musste, die ihm vorgesungen wurden. Es gab der Beziehung trotz seiner anfänglichen Antipathie etwas Anrührendes.“

Alles in allem ist dieser Band, wie schon der Titel sagt, tatsächlich etwas wehmütig erzählt, zeigt sich doch sehr viel Vergänglichkeit, nicht zuletzt durch das Älterwerden Maartens. Er hat das 50. Lebensjahr überschritten und blickt oft bedauernd zurück. Es scheint ihm, als wäre seine Pensionierung nicht mehr weit, so berühren ihn mögliche drohende Sparmaßnahmen persönlich wenig. Dennoch muss er als Abteilungsleiter und Vertreter in allen möglichen Kommissionen für das Büro und vor allem für seine Abteilung Rede und Antwort stehen. Seine Schlaflosigkeit wird dadurch nicht besser …

„Aber das wäre doch sicher phantastisch, wenn ihr aufgelöst werdet? Darüber musst du doch wohl froh sein?“
„Ja, natürlich wäre ich froh darüber“, er stieg aus dem Bett, „aber ich fühle mich auch verantwortlich.“
„Wenn du vor Freude nicht hättest schlafen können, hätte ich es verstanden!“, sagte sie empört. „Aber ein Forschungsprogramm zu erstellen, weil man aufgelöst wird! Wie kannst du nur?“

In der Tat steht im Raum, dass das A. P. Beerta Institut aufgelöst werden könnte, was innerhalb des Personals immer wieder zu Aufregung führt. Die Stimmung im Büro wird dadurch nicht besser, die Abteilungen und einzelne Personen versuchen sich ins rechte Licht zu rücken, Konkurrenzdenken entsteht. Sogar eigentlich kleine Entscheidungen, ob beispielsweise „fairtrade“-Kaffee, statt des üblichen ausgeschenkt werden sollte, arten in immense Diskussionen aus und zeigen die Nervösität der Büro-Kollegen auf.

Was jedoch gleich bleibt zu meiner großen Freude, sind die die Gesten, die Kleinigkeiten, die Boshaftigkeiten und Liebenswürdigkeiten, wenn z.B. Maarten gemein lacht oder Direktor Balk aus Ungeduld mit dem Fuß wippt, wenn de Vries zum gefühlten 1000. Mal „Danke, Mijnheer“ sagt oder Katje Kater zum letzten Mal „ich meine ja nur“ sagt, wenn Lien scheu eine Frage stellt oder Hans sanft mit dem Kopf wackelt und wenn Maarten seinen Schreibtischstuhl zum xten Mal genau eine Vierteldrehung herumrückt … „und so weiter und so fort“ (O-Ton Katje Kater)

„Die ungewöhnliche Zeit, zu der er hier entlangging, holte ihn aus seiner Geistesabwesenheit und machte ihn aufmerksam. Sie gab ihm das Gefühl, heimlich eine andere Welt betreten zu haben, eine glücklichere Welt, nahe der seinen, von ihr jedoch durch eine unsichtbare Wand getrennt, sodass er bei einem entgegenkommenden Fußgänger unwillkürlich den Kopf abwandte, um bloß so wenig wie möglich aufzufallen.“

Endlich ist nun auch Band 6 erschienen … ich lese ganz langsam, im Bewusstsein, dass es der vorletzte Band ist … Besprechung folgt …

Eine Leseprobe zu diesem Band gibt es hier auf der Seite des Verbrecher Verlags. Übersetzt hat wie immer Gerd Busse.
Meine Besprechungen zu Band 1, Band 2/3 und Band 4 kann man hier nachlesen.

Spreepartie, die 2te: Neue Bücher aus dem Kunstanstifter Verlag, dem Weidle Verlag, der Büchergilde und dem Verlag ebersbach & simon

Die Presse-Agentur Kirchner Kommunikation, die ganz wunderbare kleine Verlage vertritt, lud kürzlich einige Literatur-Blogger ein zur zweiten „Spreepartie“ durch Berlin. Wie bereits im vorigen Jahr war es ein vielfältiges Programm, dass wieder einmal zeigt, auf welche überraschende Entdeckungen man gerade in den kleinen unabhängigen Verlagen treffen kann! Alle vier hier vorgestellten Neuerscheinungen erwarte ich mit Neugier.

Im Kirchner-Büro in Kreuzberg ging es dann auch gleich wieder um ein Buch aus dem fabelhaften Kunstanstifter Verlag. Allein der Titel verspricht schon, was das Buch mit Sicherheit halten wird: „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ ist ein Künstlerbuch, das ein Kuriositätenkabinett aus dem Reich der Tierwelt bietet. Die Tier-Geschichten, basierend auf echten Daten, erzählt uns Lucia Jay von Seldeneck (siehe unten), die Illustrationen trägt Florian Weiß bei. Seine Arbeiten sind auf ganz besondere Weise hergestellt. Er hat eine Punktiermaschine erfunden: Statt jede einzelne Zeichnung mit der Hand zu pixeln, nutzt er den selbstgebastelten Grafittätowierer (siehe unten).

„Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ von Florian Weiß und Lucia Jay von Seldeneck erscheint im September im Kunstanstifter Verlag.

Weiter ging es durch die Stadt in Richtung Mitte. Hier stellte uns das Verlegerpaar Weidle einen Roman aus ihrem kommenden Herbstprogramm vor, der mindestens genauso aufregend klingt. Auch hier scheint sich ein kurioses Personal einzufinden: der Autor aus Georgien, Zurab Karumidze, erzählt uns von Dagny Juel, einer Norwegerin, ehemals Modell von Edvard Munch, die nach Tiflis reist, nur um kurze Zeit später in Georgien ihr Leben zu lassen. Rundherum drapiert der Autor allerhand verstrickte und verrätselte Begebenheiten, deren Höhepunkt in einem mystischen „Fest der Liebe“ gipfelt. Das wunderbare Covermotiv ist eine Zeichnung! der Berliner Künstlerin Levke Leiß.

„Dagny oder Ein Fest der Liebe“ von Zurab Karumidze erscheint im August im Weidle Verlag. Wie immer bei den Weidles wird es ein kleines Buchkunstwerk sein, dass von Friedrich Forssman mitgestaltet wird. Der Autor stellt sein Buch am 17.10. in Berlin in der Buchhandlung ocelot vor.

Im „Ministerium für Illustration“ in der Chausseestraße, einer Galerie, die von Henning Wagenbreth geleitet wird und die allein schon einen Besuch wert ist, wartet schon Rotraut Susanne Berner, die bekannte Illustratorin, um uns die „Tollen Hefte“ aus der Büchergilde vorzustellen. Ihr Mann Armin Abmeier legte den Grundstein für dieses ambitionierte künstlerisch eigene Projekt: Alle Hefte (bisher fast 50) werden im Original-Flachdruck hergestellt, die Illustratoren haben große Freiheit bei der Gestaltung. Die „Tollen Hefte“ sind mittlerweile Sammelobjekt, da sie in einmaliger, limitierter Auflage und 2 x im Jahr erscheinen.

Das nächste Tolle Heft erscheint am 15 September in der edition büchergilde. Es trägt den Titel „Die Hauskatze ist selten eine weiße“ und wurde von Katrin Stangl und 21 Kindern gestaltet.

Vierte und letzte Station war die Buchhandlung und Chocolaterie „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“. Hier stellte uns die Autorin Unda Hörner ihr neues Buch im Verlag ebersbach & simon vor. Es geht um Franz Kafka und es geht vor allem um Felice Bauer, mit der er 2 x verlobt und wieder entlobt war. Unda Hörner hat auf Grundlage der Briefe Kafkas an Felice die Beziehung der beiden recherchiert und dann in einem teils fiktiven Roman erzählt. Ein spannendes Projekt, gibt es doch einen deutlichen Einblick in Kafkas Zerrissenheit zwischen Leben, Lieben und Schreiben …

„Kafka und Felice“ von Unda Hörner erscheint am 21, August im Verlag ebersbach & simon , wo von der Autorin auch schon „Ohne Frauen geht es nicht“ über Tucholskys Lieben verlegt wurde.

Dank an Kirchner Kommunikation und an alle anderen Beteiligten für diesen ergiebigen Tag der literarisch-künstlerischen Fülle!
Weitere Beiträge zur Spreepartie von Zeichen & Zeiten und Klappentexterin.

Orsolya Kalász: Das Eine Brüterich Press

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„Jetzt
schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.“

Die 1964 geborene Orsolya Kalász hat kürzlich den Peter-Huchel-Preis 2017 erhalten. Die ungarisch/deutsche Lyrikerin, die bereits sehr lange in Berlin lebt, hat eine ganz schöne eigene Art zu schreiben, die mich beim Lesen manchmal an die polnische Dichterin Wislawa Szymborska erinnert hat.

Es ist eine direkte Art über Beziehungen und über Liebe zu schreiben, die mich sehr für sie einnimmt, denn Liebesgedichte zu schreiben die nicht dem Klischee anheim fallen ist wohl das Schwierigste überhaupt. Diese Gedichte sind sehr durchdringend mit klarem persönlichen Ausdruck, sehnsuchtsvoll auch, und mit Metaphern, die vollkommen neu sind. Eine Sprache, die mich anspricht, im Wortsinn.

„Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden,
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.“

Außer Beziehungs- und Begegnungsthemen jeglicher Art finden sich vorrangig Gedichte einer Sparte, die mir bisher weder als Gedicht noch sonstwie untergekommen ist: Sie beschäftigt sich mit Heraldik und schreibt also Wappen-Gedichte. Gedichte über Heraldik hört sich erst mal seltsam, gar altmodisch an, doch sind Wappen in Kalász` Gedichten immer Symbole, Bilder und Zeichen einer Zugehörigkeit. So lerne ich beispielsweise die Merlette (aus dem Französischen „Merle“= Amsel) kennen: Eine an Schnabel und Füßen gestutzte Amsel, die oft auf Wappenbildern verwendet wird und die hohen Symbolgehalt hat.

Schau mich an
und sag
du bist mein Wappentier,
mein pferdeköpfiger Greif,
mein Tiger-Biber,
mein Fisch-Huhn,
meine Adler-Ziege.

Am Morgen Meerjungfrau,
Am Mittag Basilisk
Am Abend ein roter Krebs
[…]
Auszug aus „Himmel und Erde“

oder

Und dann wäre da noch die Idee,
dass die Wappenfiguren,
vererbbare Erscheinungen
der Realwelt, in der Heraldik,
beim nächsten Selbstentwurf
von Nutzen sein könnten.
[…]
Auszug aus „Idee“

Das Buch kommt aus dem sehr kleinen Verlag Brüterich Press, hinter dem der Lyriker Ulf Stolterfoht steht. Sein wunderbarer wirklich gelungener Werbeslogan:
Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS
Der Band steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017. Und er ist sehr fein gestaltet und stimmig typographisch inszeniert, durchbrochen von Aufnahmen des Künstlers Frank J. Schäpel, die Röntgenbilder vom menschlichen Schädel zeigen.

Ein interessantes Interview mit Orsolya Kalász gibt es auf fixpoetry.

Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe Matthes & Seitz

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„Mir wurde früh klar, dass meine eindrucksvollsten Erlebnisse dort stattfanden,wo nichts geschah.“

Tomas Espedals neues Buch heißt “ Biografie Tagebuch Briefe“. Es sind Fragmente und Episoden aus seinen Notizbüchern, die in Norwegen schon wesentlich früher erschienen sind. In Deutschland erlangte Espedal mit seinem Buch „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“ im Jahr 2011 zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. „Gehen“ halte ich nach wie vor für sein bestes Buch. Kennt man noch nichts von ihm, sollte man damit beginnen.

„Gehen: seinen Beruf ausüben, indem man ihn nicht ausübt.“

Imgrunde ist es Lyrik: In Tomas Espedals neuem Buch gibt es keine Handlung. Was er erzählt, steht ohnehin meist zwischen den Zeilen. Leser die ihn kennen, werden einiges wiederentdecken, sich erinnern an Sequenzen aus den vorherigen Büchern. Trotzdem bleibt manches rätselhaft, erschließt sich durch mehrfaches Lesen. So scheint er manchmal mit sich selbst zu sprechen. Aus der Ich-Perspektive oder auch mit dem Du, um sich selbst zu ermahnen, zu begreifen, endlich endlich die Welt und sich selbst zu verstehen. Hauptthema ist wie immer das Schreiben.

„Jetzt denke ich schon daran, was ich schreiben werde. Blind gehen mit offenen Augen. Ebenso einfach wie dieser Pfad, ich gehe ihn auf und ab, schreite einen Satz ab oder ein paar Zeilen: Wenn ich mich stören lasse, wenn ich einen Schritt breit  nach rechts oder links abweiche, in die falsche Richtung, zu den Beerensträuchern im unteren Teil des Gartens oder oben zur Straße hin, dann werde ich kein einziges Wort schreiben können.“

Es ist ein wirklich trauriges, sehnsuchtsvolles Buch. Ein Buch in dem philosophiert wird, gedacht wird, wiederholt wird, was immer noch nicht oder vielleicht nie begreiflich wird. Es geht um den Tod zweier wichtiger Menschen: der Frau und der Mutter. Es geht um die zwei Töchter. Es geht um das alte Haus, in dem sie wohnen. Es geht um das Ringen zwischen Alltag und Schreibtätigkeit. Es geht ums erschöpft sein, um den Versuch durch Alkohol alles abzumildern, den Schmerz zu dämpfen, den Kummer zu verdrängen. Und es geht auch um Gewalt: Espedal zeigt die Gewalt auf, die in seinem Leben auch eine Rolle spielte: Die Boxkämpfe mit dem Vater, im Boxclub, die Prügeleien um Mädchen und später die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Beziehungen.

Das rundherum Schöne an diesem Buch ist wie immer Espedals Sprache, die Poesie, die noch im schlimmsten Moment alles durchdringt und einen Rettungsanker sowohl für Leser als auch Schriftsteller bietet. Am feinsten und dichtesten und sinnlichsten liest sich das Kapitel „Tagebücher“.

Ich empfehle auch „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Alle Bücher von Tomas Espedal sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Eine Hörprobe findet sich hier. Die Übersetzung kommt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Eine weitere Besprechung liest man bei Zeichen & Zeiten.

Film-Kunst-Film: Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte DVD Film von Corinna Belz 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Corinna Belz, bekannt durch ihren Film über den Maler Gerhard Richter, hat einen wunderbaren Film über Peter Handke gemacht. Ein Film, der mich sehr für den Schriftsteller einnimmt, ein stiller Film voller Sehnsucht und Passion.

Gedreht wurde vor allem in Peter Handkes Haus nahe Paris, seinem ganz eigen gestalteten Lebensort. Eine kleine Episode auch in dem Landhaus, welches Schauplatz der Verfilmung von Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ war, in dem Sophie Semin, Handkes Frau die weibliche Rolle spielt und er selbst einen sehr kurzen Auftritt als Gärtner hat. Auch diesen Film vom Regisseur Wim Wenders empfehle ich sehr: http://www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de/ (gerade neu als DVD)

Es ist schon spannend zu sehen, welch eine Persönlichkeit aus dem jungen, aufmüpfigen und dennoch scheuen Mann, der auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 zum ersten Mal von sich reden machte oder dem „Verrückten“, der mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Peymann die Theaterbesucher mehr als irritierte, geworden ist.

Die kleinen Dinge sind es, die den Film so besonders machen. Zuzusehen, wie Handke Pilze schneidet und das Geräusch genießt, wie er draußen im Garten all seine Bleistifte spitzt (er schreibt nur mit der Hand), oder wie er auf seinem Nähsessel sitzt und versucht den Faden in das schmale Nadelöhr zu fädeln, um eines seiner Hemden zu besticken ist schon sehr besonders. Handke gibt diesen Dingen seine ganze Aufmerksamkeit, findet die Sinnlichkeit darin. Die gleiche große Aufmerksamkeit, die er auch für die Sprache seiner Geschichten verwendet. Jedes Wort wird gewogen, damit es auch stimmig ist. Handke nennt das Schreiben auch einen Prozeß der Erfindung.

Schön auch zu sehen, wie die Notizbücher entstehen mit Text und paralleler Zeichnung, sie sind selbst schon kleine Kunstwerke. Das „Notizbuch“ aus dem Insel Verlag zeigt Einblicke. Einige Zeichnungen konnte man bereits in „Von der Baumschattenwand nachts“ aus dem Jung & Jung Verlag sehen.

Noch bis Ende Juli kann man Original-Zeichnungen aus Handkes Notizheften in der Galerie Friese in Berlin sehen.

Einen Trailer zum Film gibt es auf der offiziellen Film-Seite.

Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen Aufbau Verlag

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Ein Debütroman aus Kasan in Tatarstan – das klingt schon außergewöhnlich und so führt dieser Roman auch in eine mir vollkommen unbekannte Welt. Gusel Jachina, die auch Germanistik studierte, stellte ihren Debütroman im Literaturforum im Brechthaus vor und erzählte auf Deutsch über die Recherchen und auch über die persönlichen Hintergründe dazu. Es war ein eindrucksvolles Gespräch. Auch Ljudmila Ulitzkaja, die große russische Autorin drückt in ihrem Geleitwort ihr Erstaunen und ihre Freude über dieses Buch aus. Sie sagt es ist ein „Frauenbuch“. Aber sie meint es in Übereinstimmung mit der Autorin: Es ist eine starke Stimme aus weiblicher Feder, ein Blick auf ein starkes, für mich sehr fremdes Frauenleben. Und wie der Titel bereits andeutet: Suleika öffnet nicht nur symbolisch die Augen, Sie beginnt tatsächlich immer mehr zu sehen und wahrzunehmen. Es ist die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau hin zu einer reifen Persönlichkeit.

Gusel Jachinas Roman spielt ab 1929 in der Sowjetunion, genauer in Tatarstan, zunächst in einem kleinen Dorf namens Julbasch in der Nähe der Stadt Kasan. Dort lebt die 30-jährige Suleika mit ihrem Ehemann und der unerbittlichen Schwiegermutter. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte man sie verheiratet. Sie hat bereits vier Töchter geboren, doch jede starb kurz nach der Geburt. Sie führt ein hartes Arbeitsleben, was kein persönliches Glück vorsieht, steht dem wesentlich älteren Mann und dessen fordernder Mutter zu Diensten. Rechte hat sie keine.

„Suleika öffnet die Augen“ ist der passende Titel für diesen Roman, denn es ist eine weibliche Entwicklungsgeschichte. Mag man zunächst annehmen, dieses Schicksal könnte schlimmer nicht sein, kommt es aber doch noch härter. Im Zuge der „Entkulakisierung“, der Bauern mit Eigentum, verliert Matusa, Suleikas Ehemann, Haus und Hof und schließlich sein Leben. Suleika wird nach Sibirien verbannt, zur Mithilfe beim Aufbau einer vorbildlichen Arbeiter-Siedlung, zur Zwangsarbeit. Allein die Reise, (in den Innendeckeln des Buches kann man den Weg anhand einer Karte verfolgen) die Suleika mit anderen Kulaken und Regimefeinden antritt, dauert Monate und kostet viele Menschenleben. Auf dieser Reise bemerkt Suleika, dass sie schwanger ist.

Suleika ist Muslimin, glaubt aber ebenso an die Naturgötter, die in den Wäldern hausen. Die Verbindung zu diesen kommt ihr vermutlich in der neuen „Siedlung“ zu gute. Die kleine Gemeinschaft unter der Führung des Offiziers, der auch Suleikas Mann tötete, überlebt mit Mühe den ersten Winter. Suleikas Sohn wird geboren, mithilfe eines Arztes, der ebenfalls zu der Gruppe der Verbannten gehört. Dieser wird schließlich auch Vertrauter in Suleikas Leben. Es dauert Jahre, bis die Siedlung zum Dorf wird, in dem es sich einigermaßen gut leben lässt. Suleika arbeitet zunächst als Köchin, später entdeckt sie ihr Talent fürs Jagen. Trotz vieler Entbehrungen und harter Arbeit erlebt sie diese Zeit mehr und mehr als bereichernd, vor allem, weil ihr Sohn wächst und gedeiht und eben nicht stirbt, wie die Töchter. Zwischen ihr und  Ignatow, dem Offizier, entsteht eine gewisse Anziehung, die beide zunächst nicht akzeptieren …

 

Jachina hat ein Händchen für die Beschreibung der Charaktere in ihrer ungewöhnlichen Geschichte. Alles wird unter ihrem Blick lebendig, leuchtende, starke Bilder entstehen beim Lesen. Ich staune über die Kraft, die dieser Roman ausstrahlt. Vielleicht wird Gusel Jachina beim Schreiben auch von den Naturgöttern unterstützt …
Ich jedenfalls wünsche ihr mehr und mehr Leserinnen. Es ist ein ganz und gar bewegendes Debüt.

Der Roman „Suleika öffnet die Augen“ erschien im Aufbau Verlag in der auch von der Autorin gelobten Übersetzung von Helmut Ettinger aus dem Russischen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag

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Geahnt habe ich es ja schon, als wir im letzten Sommer im Büro von Kirchner Kommunikation einen kleinen Einblick in Christina Röckls Arbeit bekamen. Und hält man es in der Hand, ist es klar: „Liegender Akt in Blau“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Kunstwerk.

„An René, am 20. Juli 1953

Jeanne kam auf uns zu, in ihrem überwältigenden
Ebenmaß, wir sind immer noch ganz hingerissen. Was
für eine Frau, die die Welt zum Erbeben betört,
was für ein Wohlklang im Gefüge der Dinge.“

… so schreibt der Maler Nicolas de Staël an seinen Freund, den Dichter René Char. Auf einer Italienreise mit Familie und Freunden ist auch Jeanne dabei. Sogleich entsteht eine starke Anziehung zwischen Nicolas und Jeanne.

Nicolas hat sich auf Empfehlung seines Freundes René mit seiner Familie aus Paris in die Sommerfrische eines kleinen Ortes in Südfrankreich zum Malen zurückgezogen. Die ebenfalls verheiratete Jeanne lebt mit ihrer Familie dort. Beide verlieben sich heftig in einander, sie treffen sich heimlich. Nicolas schickt seine Familie nach Paris zurück, die schwangere Françoise und die Kinder, behauptet er müsse arbeiten, dabei allein sein. Nun trifft er sich regelmäßig mit Jeanne. Sie sitzt ihm Modell. Es folgen Bilder: stehender Akt, liegender Akt …

Nicolas ist besessen von ihr. Sie zweifelt, denkt an ihre Familie und rückt von ihm ab. Er kauft ein Haus in ihrer Nähe. Sie treffen sich erneut. Die Freundschaft zu René droht wegen ihr zu zerbrechen. Er malt exzessiv ein Bild nach dem anderen, beginnt mehrere gleichzeitig. Mit seinen Bildern hat er Erfolg, sogar bis in die USA. Aus dem Gedächtnis malt er Jeanne wieder und wieder.

Sie kehrt zurück. Eine wilde körperliche Liaison, eine extreme Leidenschaft. Doch Nicolas will Jeanne gegen ihren Wunsch ganz vereinnahmen, sie soll alleine ihm gehören. Seine Familie, den neu geborenen Sohn, hat de Staël innerlich längst verlassen. Ein hin und her. Ein Gehen, ein bleiben. Ein Drama.

„Das Jahr 1954 geht zu Ende. Edle Einsamkeit.
Schmerzende Einsamkeit.
Der vor ihm ausgebreitete Horizont.
Die Leere.

Verrat des Lichts.“


Nicolas de Staël wurde 1914 in St. Petersburg geboren. Nach der Revolution, als er gerade acht Jahre war starben beide Eltern. Er lebte bei Freunden der Eltern in Brüssel und studierte dort später Malerei. Wie seine Mutter starb auch seine erste Frau an Krebs.
De Staël war zunächst ein Maler des Informel, bevor er abstrakt malte, brach dann allerdings wieder mit diesem Stil und wandte sich der figurativen Malerei zu. Seine vielen Reisen beeinflussten seine Malerei stark. In Kooperation mit dem Dichter René Char, der 1907 in Frankreich geboren wurde, arbeitete er an Illustrationen und Druckgraphik. Aufgrund einer existenziellen Schaffenskrise und schweren Depressionen wählt er 1955 den Freitod.

Dieses Buch ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, auch keine Biographie. Es ist mal ein Gedankenbuch, mal ein Reisetagebuch, mal finden sich Briefe, mal nur skizzierte Bruchstücke, lyrische Verse, erotische Aufzeichnungen. Sprunghaft wird aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählt, oft hochpoetisch. Diese Form gefällt mir sehr gut. Ein wenig kräftezehrend (selbst als Leser) fand ich auf  Dauer das extreme Hin und Her dieser letztlich unglücklichen Liebesgeschichte, wenngleich gerade diese überragend illustriert ist. Für mich lebt die Geschichte vor allem durch die Farben. Die Farben, die sich dem Maler in der sonnen- und lichtdurchfluteten sommerlichen Provence zeigten, und den Farben die Christina Röckl, die Illustratorin des Buches diesen entgegensetzt. Schaut man sich Bilder von de Staël an, spürt man, wie sie in Röckls Arbeit mit eingeflossen sind und doch sind es ganz eigenwillige Neukreationen, die, separat betrachtet, eine ganz eigene Geschichte erzählen. So schafft sie es sogar einen Suizid tief und schön und tröstlich zu gestalten.

„Liegender Akt“ in Blau“ von der 1972 in Frankreich geborenen Nathalie Chaix ist im Kunstanstifter Verlag in feinster Ausstattung erschienen: auf hochwertigem Papier gedruckt, fadengeheftet, mit illustriertem Schutzumschlag, innen und außen. Die Übersetzung stammt von Lydia Dimitrow. Die Illustratorin Christina Röckl recherchierte für das Buch vor Ort in der Provence.
Von ihr gibt es ein weiteres tolles Buch in diesem Verlag: „Und dann platzt der Kopf“, das 2015 den deutschen Jugendliteraturpreis/Sachbuch erhielt. Es hinterfragt nichts geringeres als die menschliche Seele und ist mit faszinierenden Bildern illustriert.

Mehr Informationen über Buch und Verlag findet man hier.
Einen weiteren Beitrag findet man bei Zeichen & Zeiten.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag

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Karine Tuil, 1972 in Paris geboren, Juristin und Schriftstellerin mit tunesischen, jüdischen Wurzeln hat selbst ihre Kindheit in den Banlieus verbracht. „Die Zeit der Ruhelosen“ ist bereits ihr 10. Roman und erzählt von den Klassenunterschieden im heutigen Frankreich. Tuil packt politisch brisante Themen an und weiß stimmig konstruierte Geschichten daraus zu machen, in denen es an Kritik am System nicht mangelt. Ihr 500-Seiten-Roman ist in keiner Sekunde langweilig – selten nehme ich das Wort Pageturner in den Mund, doch hier passt es. Der Roman besticht mit seinem komplexen spannenden Inhalt.

Es gibt vier Hauptfiguren, um die sich die ganze Geschichte dreht. Da ist zunächst Romain Roller, ein französischer Soldat, der aus Afghanistan zurückkommt und stark traumatisiert nicht mehr in seine frühere Rolle mit Frau und Kind zurückfindet. Er hat eine spontane Affäre mit Marion Decker, einer Journalistin, die die zurückgekehrten Soldaten interviewt. Was einmalig sein sollte, wird zur Obsession, obgleich beide verheiratet sind. Marion ist mit dem deutlich älteren stinkreichen Geschäftsmann und Tausendsassa François Vely verheiratet. Und dann gibt es noch Osman Diboula, der auf eine steile politische Karriere aus ist, obwohl oder gerade weil er aus der in den Banlieus lebenden Unterschicht kommt und ein Schwarzer ist. Aus dieser Zeit kennt er auch Romain, den er als Sozialhelfer betreute. Als er gerade die Hand nach der Macht ausstreckt,  wird er durch eine unbedachte Bemerkung wieder von der Karriereleiter gestoßen. Seine Beziehung mit der ebenfalls politisch engagierten Sonia droht in die Brüche zu gehen. Doch er ist zäh und ein Skandal um Vely, lässt ihn unerwartet wieder Aufwind bekommen und höher steigen als zuvor.

„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. Man verriet, man verletzte. Man tötete, auch das. Unser Leben gegen euren Tod“

Vely hingegen ist tief gefallen, ihm wird Rassismus vorgeworfen, nachdem er für ein Interview für ein Foto-Magazin auf einem Thron, einem Kunstobjekt, abgelichtet wurde, der eine nackte schwarze Frau zeigt. Doch nicht genug, entdeckt man plötzlich, dass er jüdische Wurzeln hat (der Name Vely war früher Levy) und er wird nun von Antisemiten angefeindet.
Romain und Marion können weder mit- noch ohne einander und so lässt sich Romain als Söldner für eine Sicherheitsfirma im Irak anwerben.

Zum Showdown kommt es, als Diboula, inzwischen Minister für Außenhandel, eine Reise zu einer Handelsmesse in den Irak organisieren soll. Er lädt Vely ein, der seine Geschäfte in den nahen Osten ausdehnen will, da ein Partner in den USA aufgrund des Skandals aus einer geplanten Fusion aussteigt. Kurz entschlossen kommt Marion mit auf diese Reise. Es kommt wie es kommen muss, alle vier treffen in diesem gefährlichen Land aufeinander …

Karine Tuil kennt sich bestens aus in der politischen Landschaft Frankreichs. Sie legt Finger in die Wunden, sie legt bloß, was zu gerne von Politikern unter den Tisch gekehrt wird. Sie zeigt, wie sich die Oberschicht verhält, wie wenig Chancen den einfachen Leuten bleiben. Sie ist sich des Abgrunds bewusst, der zwischen Arm und Reich immer größer wird. Sie schildert die Machtverhältnisse. So stark unterscheidet sich Frankreich da von Deutschland wohl nicht …

Ich wünsche diesem Buch ganz viele aufmerksame, engagierte Leser*innen.

„Die Zeit der Ruhelosen“ erschien im Ullstein Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf dem Blog reingelesen

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag

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Wie lange ist es her, dass ich etwas von Claude Simon, dem großen französischen Schriftsteller las … „Die Trambahn“ und „Jardin des Plants“ stehen hier im Regal. Und nun kommt aus dem Berenberg Verlag ein schmaler Band mit einer Erzählung, die in aller Kürze, auf gerade mal 47 Seiten, die wesentlichen Dinge ins Licht rückt. Sie erschien erstmals 1958 in Fortsetzungen in der französischen Zeitschrift „Les Lettres Nouvelles“. etwas davon floß später auch in den Roman „Die Straße in Flandern“ ein.

„Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen. Man konnte überhaupt nichts sehen (außer manchmal – aber nicht sehen, nur undeutlich wahrnehmen; und nicht einmal wahrnehmen: ahnen – die Kruppe des Pferdes vor sich): nur das monotone, endlose und mannigfache Getrappel, das mannigfache Hämmern der Hunderte von Hufen auf dem Asphalt der Landstraße.“

So beginnt Simon seine Geschichte: Mit Pferdegetrappel. Beinahe zwei Seiten lang, beinahe ist es schon rhythmische Lyrik. Allein wie es Simon gelingt die Geräusche von Pferdehufen zu beschreiben, ist mehr als man von manchem zeitgenössischem Autor erwarten kann. Hier agiert ein Sprachkünstler. Seine Zeilen beschwören sogleich Bilder herauf:
Ich sitze auf einem Pferd, reite durch die Nacht, es regnet, es schüttet, ich bin unendlich müde. Um mich wach zu halten, versuche ich ein Gespräch mit meinem Mitstreiter auf dem Pferd links von mir zu beginnen. Wir versuchen uns mit Scherzen aufzumuntern, makabre, wenig tiefsinnige Scherze, Galgenhumor. Als sich das Geräusch der trottenden Pferde verändert, lausche ich. Wir kommen in ein Dorf, wir machen Rast für den Rest der Nacht.

Eines der Pferde ist krank, es ist klar, dass es nicht mehr lange zu leben hat. Auch der Kamerad des Erzählers, Maurice, der Jude ist, was kaum einer weiß, ist krank. Doch er wird durchhalten, soviel ist sicher. Das Pferd nicht. Anhand des Pferdes schafft es Claude Simon diesen unsäglichen sinnlosen Krieg darzustellen. Alle sind ihn müde, und doch sind alle zum Kämpfen, vielleicht zum Sterben verurteilt. Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg irgendwo in Frankreich in den Bergen, vielleicht in den Ardennen. Gekämpft wird gegen die Deutschen.

“ … ein Kavallerist in der Nacht, ein Soldat, das heißt nichts, überhaupt nichts, weniger als nichts in dieser feuchten nächtlichen Unermesslichkeit, in der wir im selben Augenblick und fast überall in Europa zu Tausenden, oder vielmehr Zehntausenden, Hunderttausenden, Millionen nichts waren, nicht mehr zählten als Sandkörner oder allenfalls Schachfiguren, …“

Claude Simon selbst war dabei, er war ab August 1939 als Kavallerist eingezogen worden, geriet in Gefangenschaft, aus der er jedoch fliehen konnte. Er wagte es erst Jahre später vom Erlebten zu erzählen. Er klagt an, nicht direkt, aber in seinen Texten entstehen Bilder, er verwendet starke Metaphern. Vielleicht reinigte er sich durch das Schreiben, und das macht er in gekonnter Weise, sprachlich brillant, geschickt konstruiert. Erstaunlich wie viel in einer solch kurzen Geschichte steckt …

1985 erhielt der 1913 in Madagaskar geborene Claude Simon den Literaturnobelpreis. „Das Pferd“ erschien wie immer in schöner Ausstattung in Halbleinen, fadengeheftet, im Berenberg Verlag. Übersetzt wurde es von Eva Moldenhauer. Ein sehr ausführliches Nachwort von Mireille Calle-Gruber, das viele (für mein Empfinden etwas zu langwierige) literaturwissenschaftliche Deutungen beinhaltet, schließt sich an. Mehr über Buch und Verlag hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten.

Lawrence Osborne: Denen man vergibt Wagenbach Verlag

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Beim Lesen der kurzen Inhaltsangabe des Verlages, kamen mir gleich zwei Geschichten in den Sinn, in denen die Handlung ganz ähnlich klingt: „Denen man vergibt“ könnte eine Mischung sein aus Jonas Lüschers großartiger Novelle „Frühling der Barbaren“ und Ayelet Gundar-Goshens starkem Roman „Löwen wecken“. Beide gefielen mir sehr – warum also nicht Osbornes Roman lesen? … dachte ich …

Eigentlich ging es auch ganz gut los. Als dann im 3. Kapitel die erste irgendwie holprige misslungene Metapher auftauchte, las ich noch darüber hinweg.

„Die breiten Fenster blickten mit soldatischer Strenge über das Tal.“

Doch es ging weiter:

„Plötzlich traten Dally Tränen in die großen braunen Augen, und ein Flunsch ruinierte seine Prächtigkeit.“

oder

„Die große Holzplatte der Tür begann zu schwitzen.“

oder

„Es war entwaffnend von Richard und Dally, dass in allen Räumen Toilettenartikel von Fortnum & Mason bereitstanden.“

oder hier: Es geht um eine Libelle!

„über die schwarze Wasseroberfläche tanzten, wobei ihre Flügel verzweifelt und lasterhaft anmutende Geräusche erzeugten, die ihr gefielen.“

Ich gebe zu, nach einer Weile habe ich schon auf die nächste Passage dieser Art gewartet. Nie habe ich so viele Sätze in einem Buch angestrichen, allerdings nicht etwa weil sie mir gefielen, sondern weil sie sprachlich so schrecklich sind. Zwischendurch habe ich mich natürlich wieder auf die Story konzentriert, die ja wirklich ganz gut gedacht und konstruiert ist, zumindest für Leser*innen, die sie nicht mit beiden oben genannten vergleichen (die ich mehr als empfehlen kann)  und denen vor allem die Handlung eines Romans wichtig ist. Osbornes Versuch der Ausschmückung dieser Handlung mit Landschaftsbeschreibungen und Dialogen ist leider gescheitert. Das Buch hat schon eine gewisse Spannung und obwohl ich es zwischendurch immer wieder langatmig fand, habe ich es aus Neugier auf den Schluss doch zu Ende gelesen. Der Schluss ist immerhin erstaunlich gut gelungen …

Der Inhalt ganz kurz:
Ein englisches Paar ist auf dem Weg zu einer Party der Reichen und Schönen mitten in die Wüste Marokkos. Ein reiches schwules Paar hat geladen: es soll eine spektakuläre Event-Party á la Gatsby werden. Über ein ganzes Wochenende lang darf sich die High Society in ihrem noblen, mit allem Komfort ausgestatteten Luxus-Domizil mit Alkohol, Drogen etc.pp. vergnügen. Rundherum herrscht bittere Armut, einzig die einheimischen Hausangestellten der Hausbesitzer Dally und Richard haben hier ein Auskommen. Das englische Paar Jo und David streiten sich während der Autofahrt, David hat zu viel getrunken, sie verfahren sich. Es kommt wie es kommen muss: Es passiert ein Unfall. David überfährt einen marokkanischen Straßenverkäufer …

Wie Osborne die zwischenmenschlichen und inneren Konflikte der Protagonisten schildert ist überwiegend gut gemacht. Er thematisiert auch sehr anschaulich den riesigen Abgrund zwischen beiden Welten – arm und reich. Das halte ich ihm gerne zugute. Schöner wäre es ohne die immer wieder auftauchenden unbeholfenen vor Adjektiven strotzenden Sätze gewesen:

„Er ließ sich von der Droge nur auf das Tempo herunterfahren, mit dem Sirup von einem Löffel tropft.“

oder (Ich kann gar nicht mehr aufhören zu zitieren … )

„Auch seine mineralgrünen Augen waren weit geöffnet und lachten so geräuschvoll, wie sein Mund geräuschlos lachte.“

und ich glaube, das ist der Höhepunkt:

„und er hatte das Gefühl, dass sich sein eines Auge lockerte wie eine alte Glühbirne.“

und das ist wirklich mehr als platt und peinlich: die Sexszene im Verlauf ist so kitschig, als wäre sie einem Nackenbeißer –  so nennen wir Buchhändler Liebesschmonzetten  – entnommen:

„Männer nutzten wirklich jede Gelegenheit. Und wenn sie es nicht täten, würde nie etwas passieren. Der sexuelle Planet würde sich nicht drehen. Natürlich wurde sie schwach.
[…]
„Während er schlief, strich sie mit den Händen über das Laken, auf dem kleine Spermapfützen trockneten.“

Möglich ist es natürlich, dass die Übersetzung aus dem Englischen nicht gelungen ist. Wirklich vorstellen kann ich mir das allerdings nicht. Ich glaube die Sprache in diesem Buch ist wirklich schlecht. Gespannt bin ich nun, was die Koryphäen aus dem Literarischen Quartett dazu zu sagen haben. Gerne höre ich auch eure Meinung zum Buch und/oder zu den zitierten Stellen, liebe Blogleser*innen. Vielleicht bin ich ja zu streng. Allerdings: In solch einem Fall kann ich nicht anders.

Larence Osborne, Jahrgang 1958, ist Reiseschriftsteller und hat bereits einige Romane veröffentlicht. Dies ist der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde, und zwar von Reiner Pfleiderer. Mehr über Buch und Autor auf der Seite des Wagenbach Verlags.
Eine sehr begeisterte Besprechung gibt es bei Die Buchbloggerin.

Ismail Kadare: Die Dämmerung der Steppengötter S. Fischer Verlag

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Endlich endlich Ismail Kadare entdeckt!
„Die Dämmerung der Steppengötter“ ist ein Roman, der mich vollkommen überzeugt hat. Von Anfang an Staunen, wie dieser albanische Schriftsteller schreiben kann: Die herrliche Sprache, metaphernreich, doch immer überraschend, wunderbar durchdacht und konzipiert, ein dicker roter Faden bis zum Ende und ein starkes Thema, was gerade wieder zufällig zu meiner andauernden Ost-Lese-Phase passt. Extra langsam habe ich gelesen, genossen, und am Schluss so eingenommen weggelegt, dass ich dachte: wie soll ich jetzt einen neuen Roman anfangen? (Dass der nächste zum großen Glück ein ebensolches Wunderwerk sein wird, konnte ich da noch nicht wissen.)

Ismail Kadare war bereits mit Anfang 20 in seinem Land als Lyriker bekannt. Um sich weiter zu schulen durfte er in Moskau am berühmten Gorki-Institut Literatur studieren. So geriet er in die größte Autorenschmiede des gesamten Ostblocks. Die Zeit seines Aufenthalts dort ist auch Inhalt dieses Romans.

Kadare beginnt seinen Roman mit einem Sommeraufenthalt in einem sozialistischen Urlaubsheim für Schriftsteller an der Ostsee. Dort begegnet er einem faszinierenden Mädchen, das seiner Moskauer Freundin Lida ähnelt. Ihr erzählt er eines nachts bei einem Spaziergang die albanische Legende von „Konstantin und Doruntina“, die sich schließlich als roter Faden durch die gesamte Handlung des Buches zieht. Darin geht es schlussendlich um die Worttreue der Albaner, die „Besa“, die selbst über den Tod hinaus niemals gebrochen wird.

Zurück zum Studium in Moskau, in einer Zeit nach Stalin, die unter Chruschtschow auch „Tauwetterperiode“ genannt wird, geht es ums Schreiben aber nicht zuletzt auch um Politik und um die Liebe. Unser Held vergrault aus ihm selbst nicht bekannten Gründen seine Geliebte Lida, ja verkuppelt sie sogar noch mit einem Schriftstellerkollegen vom Literaturinstitut.

„Ich denke, es wäre an der Zeit spezielle Untersuchungen über die Verwendung der Zeit in den literarischen Werken der Genossen aus der Tundra anzustellen. Da gäbe es noch Raum für echte Neuerungen, obwohl ich auch die Gefahr sehe, in Modernismus abzugleiten wie dieser Franzose Proust, der die Zeit zu einem dicken Knäuel zusammengewickelt hat.“

Zur gleichen Zeit erhält Boris Pasternak den Literaturnobelpreis. Doch in Moskau freut sich keiner darüber: Pasternaks großer Roman „Doktor Schiwago“ wird sogar verurteilt aufgrund fehlender Linientreue. Eine geraume Zeit hört man in sämtlichen Medien nur, wie Pasternak niedergemacht wird, es werden Briefe aus den abgelegensten Teilen der großen UDSSR veröffentlicht und verlesen – alle wenden sich gegen ihn. Man will ihn damit zwingen, den Preis abzulehnen, man will ihn fertig machen.

„Seit vierundzwanzig Stunden wurde in der gesamten UDSSR ein Feldzug gegen Boris Pasternak geführt. Das Radio (von morgens sieben bis um Mitternacht), das Fernsehen, sämtliche Zeitungen und Zeitschriften, die Kinderpresse eingeschlossen, verspritzten Gift gegen den abtrünnigen Schriftsteller. Wie immer bei solchen Anlässen wurden die Schimpfkanonaden der sowjetischen Literaten mit empörten Meinungsäußerungen der Arbeiter und Kolchosbauern flankiert.“

Kurz darauf, als ein bekannter Maler, aus Indien zurückgekehrt, an der dort eingefangenen Krankheit Pocken stirbt, hängen in der ganzen Stadt Plakate mit dem dringenden Aufruf sich impfen zu lassen. Alle Studenten dürfen zudem keine Kontakte, vor allem keine Frauenkontakte mehr zu Moskauern haben. Quarantäne wird sonst in Aussicht gestellt – eine schöne Metapher für die sich abschottende kränkelnde Sowjetunion.

So sind oft die freundschaftlichen Kontakte der Sowjetrepublik sehr wechselhaft und abhängig von bestimmten Zwischenfällen und vom Personal der „Oberen“, was sich dann sogleich unter den Studenten des Instituts niederschlägt. So erfährt etwa unser albanischer Schriftsteller erst von Kollegen aus anderen Ländern, dass sich das Verhältnis zwischen seinem kleinen Land und der großen UDSSR verschlechtert hat. In Albanien verehrt man weiterhin Stalin und dessen einzig wahren Kommunismus. Für unseren Protagonisten alias Kadare bedeutet das, dass er nur mehr kurze Zeit in Moskau bleiben kann. Und da er Lida, der verlorenen Geliebten, versprochen hatte niemals einfach so zu verschwinden – albanisches Ehrenwort – trifft er sie doch noch ein letztes Mal … und tut dann doch genau das.

Kadares Sprache ist gekonnt, sie pendelt zwischen großer Ernsthaftigkeit und feinster Ironie und erfreut mit vielfältigem Metaphernreichtum. Selten habe ich solch einen klug durchdachten, gut konstruierten Roman gelesen. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman des 1936 in Albanien geborenen Ismail Kadare erschien im S. Fischer Verlag. Er entstand bereits in den Jahren 1962 – 1976 und wurde nur auszugsweise in seinem Heimatland abgedruckt. Die Übersetzung stammt von Joachim Röhm. Eine Leseprobe gibt es hier

——> Und so stimme ich, oh Wunder, einmal Maxim Biller zu:
»Ismael Kadare ist einer der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts. […] Mich hat das Buch unendlich glücklich gemacht. «
Maxim Biller, ZDF/Das Literarische Quartett, 14.10.2016

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass Wallstein Verlag

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Wer die österreichische Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973) noch nicht kennt, was ein großes Versäumnis ist, hat jetzt die Möglichkeit mit einem neuen über 600 Seiten zählenden Band zu beginnen. Der Wallstein Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, das von Klaus Ammann und Doris Moser zusammengestellte Gesamtwerk der großen Lyrikerin aus dem Lavanttal nach und nach zu verlegen.
Nun sind es die Gedichte aus dem Nachlass, die teilweise aus dem unveröffentlichten ersten Lyrikband „Die Nacht an den Tag“ stammen, die meinem Empfinden nach sehr christlich religiös wirken. Der andere Teil kommt aus privaten Sammlungen – Lavant schickte oft ihren Freunden Gedichte, ohne eine Kopie zu behalten – und aufgefundenem Material, welches im Robert Musil-Institut in Klagenfurt aufbewahrt ist. So führte Lavant zum Beispiel auch mit ihrem Arzt einen Briefwechsel, der Gedichte von ihr enthält.

„An gottverlassenen Regentagen
kannst du – wenn du ganz einsam bist –
und vom Scheitel bis zu den Zehennägeln
keine einzige furchtsame Stelle mehr hast
sehen oder auch riechen
wie die Erde aus sich kommt.“

Ein weiterer umfangreicher Teil, wie ich finde der interessanteste, stammt aus der Sammlung der Briefe an Werner Berg. Denn hier sind wunderschöne Liebesgedichte enthalten. Christine Lavant verband mit Berg, der einen Hof betrieb, aber auch Maler war, eine lange Liebe. Beide lernten sich auf einer Literaturveranstaltung kennen und ihre Beziehung ging weit über einen künstlerischen Austausch hinaus. Doch zusammen kamen sie nicht, beide waren verheiratet.

„Du ergriffst mein Herz schon als ich dich ansah am Abend
dort unter den Vielen wo keiner sein Herz sonst bereit hielt
und wo man das Kleingeld der Freundlichkeit richtig verteilte
in Augen und Hände.

oder

„Vielleicht lebst eben du in einem deiner
erlösten Bilder, wo der Stein noch Brot ist
und weißt nicht mehr was alles mir noch not ist
und willst im Grunde nur noch irgendeiner
einmal Entflohener meines Herzens sein?“

All diese bisher unveröffentlichten Gedichte künden bereits von der Vielfalt, in der sich Lavant mit ihrer Dichtung bewegte: Naturverbundenheit, Spiritualität, Religiösität – sie beschäftigte sich auch mit dem Buddhismus – und unglaubliche Offenheit. Sie zeugen vor allem von den großen Zusammenhängen, die Lavant immer im Kleinen fand.

„Morgen wird die ertrunkene Hälfte der Welt
nur ein verschilfter Froschtümpel sein
vor dem die Sonne ihr Haar nicht schüttelt
und von den Schultern der Bäume herab
wird das Mondhuhn zu anderer Tränke fliegen.
Warum erzähl ich dies alles dem Tau?
Der hat das Ertrunkene nie gekannt
der ist ja heut erst herabgefallen
auf die zitternde Kümmelstaude.“

Christine Lavants Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte““ und den kurzen Roman „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ habe ich bereits ausführlich besprochen. Die gesamte Werkausgabe erscheint im Wallstein Verlag. Der vorliegende Band ist wieder mit einem ausführlichen Nachwort versehen und steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017.