Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka Rowohlt Verlag

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Hans Joachim Schädlich ist ein Meister der kurzen Form. Vielfach wendet er sich historischen Themen zu („Sire, ich eile“ – Voltaire bei Friedrich II), fokussiert aber immer einen kleinen Ausschnitt und setzt ihn ins Bild. Im neuen Roman geht es um den jüdischen Maler Felix Nussbaum und seine Gefährtin Felka Platek.

Felix und Felka befinden sich 1933 in Rom. Felix hat ein Aufenthaltsstipendium der Villa Massimo. Zur gleichen Zeit arbeitet auch Arno Breker, der zukünftige Haus- und Hofbildhauer und Architekt Hitlers in einem der Ateliers. Zum Eklat und zur unerwartet frühen Abreise des Malerpaares kommt es, als ein Stipendiat, der sich eindeutig auf seinen Antisemitismus beruft, Felix tätlich angreift. Diese Situation steht symbolhaft gleich zu Beginn und weist auf das was künftig geschieht.

Von da an ist das paar ständig unterwegs. Nach Deutschland zurückzugehen wäre inzwischen zu riskant. So pendeln sie als Emigranten zwischen der italienischen Riviera, der Schweiz, Ostende, wo sie auch James Ensor treffen, und Brüssel, wo sie schließlich eine kleine Wohnung beziehen und 1937 heiraten.

Hier verfolgt der Leser zunächst vor allem den Briefwechsel zwischen Felix Nussbaum und der Familie Klein in den USA, die für Felix Bilder verkauft. Doch die Klientel will nur freundliche heitere Bilder, eine Herausforderung für den Maler, für den die Zeit alles andere als rosig ist. Und so hält sich das Paar zusätzlich mit Porzellanmalerei über Wasser. Die schlechten Vorzeichen häufen sich. Deutschland im Krieg gegen Polen: Felka sorgt sich um die Eltern in Warschau. Deutschland besetzt Belgien. Wohin nun?

„Jetzt sind wir in Bruxelles, wo morgen? Aber das ist ja nicht wichtig, zu neugierig darf man nicht sein. Aber ich glaube, dass wir hierbleiben. Das Wanderns Lust ist ja die des Müllers. Ein Nussbaum hat ruhig auf einem Fleck zu stehen.Hoffentlich trägt sein Baum mal Früchte.“

Eines Tages wird Felix abgeholt und in ein Internierungslager in Südfrankreich gebracht. Erst bei einer Verlegung gelingt Felix und einem Bekannten die Flucht. Sie schlagen sich durch zurück nach Brüssel. Freunde bieten eine winzige Wohnung an, bieten im Verlauf an bei ihnen zu wohnen. Doch sie werden gefunden. Man bringt sie nach Mechelen, von wo aus die Deportationen in den Osten geplant werden. Felix Nussbaum und Felka Platek werden 1944 in Auschwitz ermordet. Belgische Bekannte versteckten Gemälde, die somit erhalten blieben und teilweise heute im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zu sehen sind.

Schädlich gelingt trotz oder vielleicht wegen aller Verknappung ein intensives Porträt der beiden Künstler. Vor allem auch, weil er sich ins Private vorwagt, etwa die Konkurrenz zwischen beiden andeutet und Felkas Probleme mit der Schwiegermutter aufzeigt, der sie nicht genügt, weil sie eine „Ost-Jüdin“ ist.

Der kurze Roman macht neugierig, mehr über die beiden zu erfahren. Dazu bietet sich das Buch „Orgelmann“ von Mark Schaevers an, erschienen bei Galiani, dass ich aufgrund seiner Informations- und Bilderfülle sehr empfehle.

„Felix und Felka“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und mehr über den Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Peter Handke: Die Obstdiebin Suhrkamp Verlag

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“ … noch und noch Erlebnisse, Ereignisse, Entdeckungen, Tag um Tag, wenn nicht stündlich, Augenblick um Augenblick – und eine Stunde danach, einen Augenblick danach, wie nie gewesen? Hauptmerkmal der jetzigen Zeit, der Gegenwart: schwache und immer schwächere Nachwirkungen, und zuletzt: überhaupt keine?“

Bei Handke-Texten habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass es letztendlich Selbstgespräche sind, innere Monologe, die aber aufgeschrieben werden müssen, um wirksam zu sein. Vielleicht sogar zur Selbstvergewisserung. Wenn es so ist, ist es ein großes Glück, sie lesen zu können. Seit sich im Sommer die „Niemandsbucht“ als große Spätentdeckung und Inspiration für mein eigenes Schreiben zeigte, freue ich mich, noch so viel Feines von Handke vor mir zu haben. Viele meinen, Handke würde immer das gleiche Buch schreiben. Dem kann man vielleicht sogar zustimmen – aber das macht gar nichts. Ich kann es vollkommen nachvollziehen, dass man sein Leben lang um eine Frage kreist, auf Antwortsuche geht. Daher auch die vielen Fragesätze, die dann sofort selbst beantwortet werden.

„Von einem dritten Nachbarn kam mir dann zu, der andere habe sich beklagt über mich: er fühle sich belästigt, wenn nicht bedroht von der Stille, die ihm entgegen komme aus meinem Haus und Garten, eine Art Stillebelästigung, Stilletortur.“

Peter Handke hat neben dem Haus in der Niemandsbucht inzwischen wohl auch eines in der Picardie. Sein Erzähler ist in „Die Obstdiebin“ aus der Pariser Vorstadt hinaus in die Picardie unterwegs. Wie immer mit dem Zug. Auch die „Obstdiebin“, eine junge Frau namens Alexia (Handkes ältere Tochter heißt Amina. Ist sie es? Oder eine Mischung aus Leocadie, der jüngeren und der älteren?), die viel auf Reisen ist, scheint ebenfalls diese Richtung eingeschlagen zu haben. Die Obstdiebin geht zu Fuß, lässt sich durch die Natur treiben. Beobachtet und durchblickt und ihre Sinne weiten sich.

„Sie wusste, schon vor dem Aufbruch, es wäre sogar ihre erste wirkliche Reise, von welcher irgendwo geschrieben stand, man erfahre daran,  >>was der eigene Stil sei<<.“

Einmal wohnt sie bei völlig Fremden einer Totenwache bei. Dann wandert Alexia einen Tag lang an der Seite eines unbekannten jungen Mannes. Sie begegnen einer verletzten Katze, einer menschenscheuen Dorflehrerin, die Krimis schreibt, einem alten Mann, der beim Nussknacken, in aller Genauigkeit von der Haselnussernte berichtet, Der Erzähler schenkt ihm über vier Seiten, und weiht uns ein in das Geheimnis der Noissettes.  Schließlich kommen sie am Abend vor dem Gewitter beim Herbergsvater unter. Sie bleiben miteinander bis zum „Akt“, einer göttlichen, keineswegs banalen fleischlichen Vereinigung. (Traum der Obstdiebin?)  Am anderen Morgen ist er verschwunden und wir hören dann den Wirt minutenlang über das Zuknöpfen seines Sonntagshemds lamentieren. Die Obstdiebin jedoch zieht weiter in Richtung des nahe zu findenden Bruders, nicht ohne wie bei ihr üblich, Abschied zu nehmen, in dem sie einige Schritte rückwärts geht. Ein Kampf mit sich selbst folgt und dann die Begegnung mit dem Bruder. In aller Eile kommt der Erzähler dann mit einem Familientreffen, einem Fest, das nicht näher erläutert wird, zum Ende: Beide Elternteile halten eine wirre Rede, die durch Zwischenrufe befeuert wird (Wer ruft?). Seltsam. Ewig seltsam

Der Erzähler scheint unbedingt ein großer Anhänger, ja Verehrer der Obstdiebin zu sein. Eigentlich alles was sie tut, ist gut und geschieht aus ihrer Besonderheit heraus. Keiner kommt an sie heran. So könnte natürlich ein Vater von seiner geliebten Tochter schwärmen. Vielleicht ist es der Erzähler/der Autor ja auch. Sie, die innerlich Zerrissene, die in ihrer Heillosigkeit Hilfe sucht, erhält sie vom Erzähler. Man merkt, wie er sie durch seine Worte beschützen will, Unheil von ihr abwenden will („Schert euch weg aus der Geschichte, Bibelbilder …“).

Es gibt wunderbare Sequenzen, die den Beobachter Handke zeigen:

„Auf der Brüstung der eine dort nachts abgelegte Apfel, mit dem Stengel nach oben, die Stengelmulde gefüllt bis obenhin mit Regenwasser.“ […] „Der Morgenglanz, sonntäglich, auf dem Apfelrund …“

Für solche Wortbilder liebe ich ihn. Als Handke-Treue mag ich das neue Buch. Aber es ist nicht überwältigend. Ich habe Trefflicheres von ihm gelesen …

Wie fast alle Handke-Bücher erschien „Die Obstdiebin“ im Suhrkamp Verlag, der auch eine schöne Sonder-Seite zu Handkes 75. Gebeurtstag gestaltet hat. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gertraud Klemm: Erbsenzählen Literaturverlag Droschl

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Gertraud Klemms neuen Roman habe ich mit Freude erwartet, bin ich doch bereits länger schon Klemm-Fan. Leider ist die Story diesmal nicht so ganz überzeugend, zu beliebig scheint mir diese Beziehungsgeschichte einer 30-Jährigen. Die letzten drei Bücher der Österreicherin habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Ein wenig geht es mir aber hier nun wie bei Doris Knechts neuesten Roman „Alles über Beziehungen“. Knechts vorherige Romane fand ich ebenso toll, nur beim letzten war ich enttäuscht. „Erbsenzählen“ habe ich aber aufgrund von Klemms gewohnt flapsiger, erfindungsreicher Sprache dann doch ganz gern zu Ende gelesen …  („Alles über Beziehungen“ nicht)

Irgendetwas scheint sich da bei beiden Autorinnen totgelaufen zu haben. Die Themen wiederholen sich, wenn auch in kleinen Variationen, aber immer umkreisen sie die üblichen Mann-Frau-Themen, ohne dass eine Weiterentwicklung zu erkennen wäre.

Bei Klemm ist es diesmal die  30-jährige Annika, die mit einem doppelt so alten Mann, Alfred, einem bekannten Radiomoderator mit pubertierendem Sohn, liiert ist. Eine Frau, die ihren Beruf, Physiotherapeutin, hingeschmissen hat, die kellnert, statt das begonnene Kunststudium zu beenden, die sich so scheinbar vor sich hin treiben lässt ohne Klarheit über das, was sie wirklich will, die aber irgendwie auch nichts mit Alfred anfangen kann. Sie schwankt permanent zwischen Freiheitswunsch und Verbindlickeit: “ Diese wunderbare Freiheit, die immer Hand in Hand daherkommt mit ihrer anhänglichen Schwester, der Einsamkeit.“
Die Eltern messen sie an den Geschwistern, wo sie nicht besonders gut abschneidet.

„Nur über die mittlere Tochter werden sie seufzen, die mittlere Tochter verweigert die biografischen Sollbruchstellen, die berufliche Klimax, sie will partout nicht zusammengefaltet werden zu einer handlichen Biederkeit.“

Sie leidet unter den Erwartungen anderer. Ihre Befindlichkeiten werden mitunter so dargelegt, dass ich mich mehrmals im Verlaufe der Geschichte fragen musste, warum diese Frau überhaupt mit Alfred zusammen ist. Das tut Annika dann später immerhin auch noch …

Ganz ähnlich liegt hier der Fall wie bei Knecht: Eigentlich tolle Frauen, die sich aber durch ihre Beziehungen auf das Leben einer Frau von berühmtem Regisseur oder Geliebten von erfolgreichem Radiomoderator reduzieren lassen. Dazu kommt noch das übliche „Mann in den „besten“ Jahren mit wesentlich jüngerer Frau“ – Schema. Ist das wirklich immer noch das Thema, dass relevant ist in unserer Zeit?

„Leonie ist sieben und hat schon mehr Allüren als Stofftiere und Barbiepuppen. Aber ich darf nichts sagen, denn ich habe erstens keine Kinder und zweitens sind das keine Allüren, sondern persönlichkeitsbildende Grundbedürfnisse.“

Zugegeben, die Gedanken übers Kinderkriegen und den Umgang mit selbigen mag ich schon, das ist ein Thema, dass Klemm schon immer gut konnte, besonders in ihrer sprachlichen Unverfrorenheit (siehe „Muttergehäuse“). Vielleicht ist und bleibt Klemm auch immer bei diesen Themen und umkreist sie von allen erdenklichen Seiten. Ob mich das dann auf Dauer noch fesselt, wird sich zeigen … „Erbsenzählen“ hat es noch mal geschafft, vor allem weil ja trotz allem ihr trockener Humor begeistert und weil sie eine unglaublich scharfe Beobachterin ist. Weil da solche Sätze stehen wie:

„Wenn man wütend ist, sagt die Vortragende gerade, soll man einen Wutkübel ins Eck stellen und in ihn heineinschreien, denn Gefühle unterdrücken, sagt sie jetzt ganz feierlich, ist vor allem bei Buben ein Thema, und sie wird uns das jetzt mithilfe der Seelensuppe veranschaulichen.“

Gertraud Klemms Roman „Erbsenzählen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr darüber hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Das Debüt 2017 – Bloggerpreis für Literatur

Favorit von Anfang an und mit fünf Punkten meine Gewinnerin ist Juliana Kálnay mit „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“:

Der 1988 geborenen Juliana Kálnay ist ein außergewöhnlicher Debüt-Roman gelungen. Selten genug ist es, dass eine Debütantin sich sogleich den dritten Platz auf der SWR-Bestenliste sichert. Kálnay widerlegt mit ihrem Band die zuletzt immer deutlicher gewordenen Stimmen, dass aus den „Kreativen Schreibschulen“ Leipzig und Hildesheim, ewig die gleiche Fliessbandliteratur kommt. Mich freut das ungemein und ich bin sicher, dass es auch mit Kálnays literarischen Vorbildern zusammenhängt, die sie im Anhang auch nennt. Da finden sich Georges Perec (Das Leben – eine Gebrauchsanweisung, ein Roman, der auch in einem Mietshaus spielt) und Julio Cortázar (die Erzählung „Das besetzte Haus), beide Meister ihres Faches: Oulipo und magischer Realismus vom Feinsten.

Kálnays kurzer Roman spielt in einem Haus mit der Nummer 29 und erzählt von dessen seltsamen Bewohnern. Die Kapitel werden überschrieben mit den jeweiligen Orten im Haus, an dem sie spielen, wie etwas 3. Etage links oder Treppenhaus, nachts oder hinterm Haus. Zwischen diese Episoden fügt die Autorin Dialoge oder Kapitel mit besonderen Ereignissen im Haus ein. Obgleich die Geschichte im Titel als Chronik bezeichnet wird, berichtet die Erzählerin nicht durchgehend in logischer Reihenfolge von den Geschehnissen. Das und auch die wechselnden Erzählperspektiven könnten den Leser verwirren, wenn nicht schon die Protagonisten selbst es täten. Erst gegen Ende hin lassen sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Sequenzen erkennen.

„An dem Tag, an dem meine Mutter von einem vorbeihuschenden Schatten so erschreckt wurde, dass sie auf der Treppe die Kiste mit dem Geschirr fallen ließ und die bunten Scherben über die Stufen sprangen; an dem Tag, an dem mein Vater, vom selben Schatten überrascht, einen Schrei ausstieß, den man angeblich noch drei Straßen weiter hören konnte, und sie beide in das Haus mit der Nummer 29 zogen, wurde ich geboren. Zumindest erzählten sie das, wenn ich sie fragte.“

Im Haus leben Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare. So wie Lina, deren Mann offiziell verschwunden ist, der sich aber in Wirklichkeit in einen Baum auf ihrem Balkon verwandelt hat, aus dessen Früchten sie Marmelade kocht oder die chronisch Schlaflosen, die in großer Anzahl in einer einzigen Wohnung leben oder Maia, die gerne Löcher gräbt und sich darin versteckt, die allerdings irgendwann ganz verschwunden ist oder der alte Oskar, der in seinem Badezimmer etwas Geheimes versteckt und der deshalb eines Tages von Polizeibeamten abgeführt wird oder Tom, der es sich im Fahrstuhl gemütlich gemacht hat oder die Zwillinge, die man immer nur einzeln antrifft und viele andere mehr. Wie ein echtes Unikum mutet Rita an, die am längsten im Haus lebt und quasi mit ihm verwachsen ist. Rita mit dem Spiegel auf dem Balkon, die strickt und die alles sieht, alles hört, alles weiß, was im Haus geschieht und sich nicht selten einmischt … und das Haus selbst, dass irgendwie lebt, geheimnisvolle Türen verbirgt und immer öfter Stromausfälle produziert …

Leser, die eingängige Geschichten mit eindeutigem Plot lieben, werden sich mit diesem Roman schwer tun. Viele Fragen stellt man sich im Laufe der Lektüre, Fragen die am Ende offen bleiben, Handlungen, die plötzlich abbrechen oder im Sande verlaufen, Sätze, die nicht vollständig ausgeschrieben werden. Es wimmelt nur so von extravagantem, schrägem Personal und seltsamen Begebenheiten. Unter der Rubrik „magischer Realismus“ könnte man diese Geschichte einordnen, wobei es für den Lesegenuss vollkommen egal ist, ob real oder surreal. Was zählt ist, dass Juliana Kálnay ein etwas anderes Debüt geschrieben hat, dass ihr Roman sich konsequent abhebt von vielem, was derzeit auf den Buchmarkt geworfen wird. Kálnays Roman erschien im Wagenbach Verlag.

Klaus Cäsar Zehrer erhält für sein Debüt „Das Genie“ von mir drei Punkte. Er liegt mit seinem vielschichtigen Roman nahe an Kálnay.
Zehrer schreibt handwerklich versiert und spannend, als würde er schon immer schreiben. Sprachexperimente macht er keine; das muss er bei dieser interessanten Story auch nicht. Fast würde ich „Das Genie“ als Pageturner bezeichnen. Was mich permanent zum weiterlesen trieb, war der Wunsch zu erfahren, wie es dem armen Billy, der von seinen Eltern, speziell von seinem mir ausgesprochen unsympathischen Vater Boris, von klein auf auf Genie getrimmt wurde und der außergewöhnlich begabt war, und dem gleichzeitig ohne eigenes Verschulden jegliche Empathie, Körperlichkeit und soziale Kompetenz fehlten, letztlich ergangen ist. Es ist wirklich lohnend zu lesen, wie Sidis versucht seine Einsamkeit zu überwinden und seinen eigenen Weg zum Glück und vor allem zur Freiheit zu finden, unabhängig von Berühmtheit und Besonderheit. Zudem gibt der Roman einen Einblick in die US-amerikanische Geschichte und die starke Entwicklung des Faches Psychologie dieser Zeit. Der Roman ist im Diogenes Verlag erschienen.
Zudem reizt es mich nun den Roman „Das perfekte Leben des William Sidis“ von Morten Brask, der etwas früher als Zehrers Roman erschienen ist, zu lesen, um zu sehen, wie verschiedene Autoren an diese ungewöhnliche wahre Biografie herangehen.

Einen Punkt erreicht Jovana Reisinger mit „Stillhalten“, einem Roman, bei dem ich immer noch nicht entschieden habe, ob ich ihn außergewöhnlich und großartig finde, oder ihn total ablehne. Reisingers provokanter Schreibstil scheint auch so angelegt. Gerade deshalb ist er allerdings auch noch auf Platz 3 gelandet. Es geht um die Befindlichkeit einer Frau, die sich einem althergebrachten Frauenbild unterordnet, sich daran misst, sich damit lächerlich und zugleich todunglücklich macht. Ob sie davon krank wird? Burnout? Depression? Jedenfalls schickt sie der Tod der Mutter in eine hübsch verdrängte Kindheit, die alles andere als gelungen scheint und irgendwann eben massiv hervorbricht. Der Roman spielt in Österreich, wobei mir auffällt, dass sich so einige österreichische Autorinnen in unterschiedlichster Weise dem „Frauenbild“ in der Gesellschaft widmen – die Nachkommen von Jelinek und Streeruwitz? Der Roman ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Die anderen beiden Romane der Shortlist, „Immer ist alles schön“ von Julia Weber (das Beste daran sind für mich die Illustrationen der Autorin am Ende des Buches, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen) und „Oder Florida“ von Christian Bangel sind für mich sogleich herausgerutscht aus der Bewertung, da sie mich auf ganz unterschiedliche, ja fast gegensätzliche Weise, was sich sowohl auf Sprache, als auch auf Inhalt bezieht, so überhaupt nicht erreichten.

Herzlichen Dank dem Debüt-Team und den Verlagen für die Rezensionsexemplare!
Ich bin gespannt, wer diesmal den Preis erhält.

Meine eigentlichen Favoriten-Debüts in 2017 waren zwar auf der Longlist, haben es aber seltsamerweise nicht auf die Shortlist geschafft. Meine Besprechungen dazu:
„Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler
„Liebwies“ von Irene Diwiak
„Wir leben hier seit wir geboren sind“ von Andreas Moster

Martin Thomas Pesl: Das Buch der Tiere Edition Atelier

„100 animalische Streifzüge durch die Weltliteratur“ – das ist der Untertitel dieses kurzweiligen Kanons des Österreichers Martin Thomas Pesl. Er stellt in seinem in der Edition Atelier erschienenen Buch in der Tat eine wundersame Auswahl an Tieren vor, die einem mitunter schon einmal beim Lesen begegnet sind. Seine Tierauswahl wird sehr passend von Kristof Kepler illustriert.

Es tauchen auf:  Klassiker wie Moby Dick, Hoffmanns „Kater Murr“ oder Märchen wie „Kalif Storch“ und „Nils Holgersson“ oder ein Heldenepos, wie das indische Ramayana oder eine Kindergeschichte wie Pu, der Bär und „Pippi Langstrumpf“, auch ein Krimi wie der „Hund von Baskerville“ oder zeitgenössische Romane wie Bogdans „Der Pfau“ oder sogar Nell Zinks „Mauerläufer“. Ach und „Richard Parker“ aus einem meiner älteren Lieblingsbücher: Schiffbruch mit Tiger. Hier bleibt kein Wunsch offen …

Jedem Tier widmet Pesl zwei Seiten: Auf Illustration folgt ein kurzer Textauszug und anschließend eine unterhaltsame Besprechung des jeweiligen Buchs im Hinblick auf die tierische Hauptfigur. Dabei teilt er die Protagonisten in verschiedene Gruppen ein, je nach Zugehörigkeit eines Lebensraums, wie etwa die „Schnurrenden und Fauchenden“ oder die „Summenden, Sirrenden und Zirpenden“. Die Auswahl ist brandneu. Im Anhang wird sogar Mariana Lekys aktueller Okapi-Roman genannt, den ich sehr empfehle, genau wie „Das Pferd“ von Claude Simon, beide erst in diesem Jahr erschienen. Sinnvoll ergänzt wird das Buch durch das Literaturverzeichnis, denn, da bin ich mir sicher: Die ein oder andere tierische Episode wird zum Lesen des jeweiligen Werks animieren.

„Das Buch der Tiere“ erschien im kleinen feinen Verlag Edition Atelier. Von Martin Thomas Pesl gibt es in gleicher Ausstattung bereits „Das Buch der Schurken“ – Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur“.

Auch bei Zeichen & Zeiten gibt es einen Beitrag zum Buch.

Käthe Kollwitz: Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken marixverlag

 

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren. Verschiedene Sonderausstellungen über sie und ihr Werk gab es hier in Berlin zu sehen. Ich war im Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße. Hier sind viele ihrer Werke in sehr schönen Räumen platziert und gehängt.

 

Der marix Verlag hat zudem die Auszüge aus Tagebüchern und Erinnerungen, die der Sohn Hans bereits 1968 herausgegeben hatte, neu aufgelegt. Käthe Kollwitz begann erst im Alter von 41 Jahren Tagebuch zu schreiben, wohl um für sich die Geschehnisse zu sortieren und zu dokumentieren. Zwischen den einzelnen Einträgen gibt es lange Pausen. Hans Kollwitz erklärt mit einleitenden Worten, weshalb er keine chronologische sondern eine thematische Anordnung gewählt hat, was ich persönlich nicht so geschickt finde, weil so wichtige Zusammenhänge auseinander gerissen werden. Die Kapitel gliedern sich beginnend mit dem Thema Kindheit und Jugend in Bereiche wie Ehe, Mitmenschen, Mutterschaft, Über Kunst, Selbstkritisches etc. Zwischen den Kapiteln wurden Bilder von ihren Werken eingefügt, nach dem ersten Kapitel Familienfotos.

Der Leser erfährt über die enge Verbindung zur Schwester Lise, die Liebe zur Mutter, die Unterstützung des Vaters, der sie zur Künstlerin ausbilden lässt, die ersten Erfolge mit der Serie zu den „Webern“,  das Zusammenleben mit Ehemann Karl, der sie an ihrem Künstlerinnensein nicht hindert, den starken Einschnitt durch den Tod des jüngsten Sohnes Peter im Krieg (welcher die Idee eines Mahnmals gegen den Krieg entstehen lässt), die Verehrung Goethes, die Lektüre verschiedener Schriftsteller, die Ernennung zur Professorin in Berlin, die Juryarbeit für Ausstellungen (Kollwitz fand oft die Werke von Frauen nicht genügend, sollte aber generell die Frauen vertreten).

 

Was mir auffällt ist, dass die „private“ Käthe wesentlich liebevoller und wohlwollender wirkt, als die Künstlerin, die oft Härte und Strenge ausstrahlt. Vielleicht musste sie das auch, um sich gegen die überwiegend männliche Künstlerschaft durchzusetzen. Ebenso interessant ist, dass sie oft harsche Urteile über die Jungen, die nächste Künstlergeneration und deren Ideen äußerte.

Auch das Zeitgeschehen kommentierte sie in ihren Tagebüchern:

„Am Sonnabend, 1. Juli 1933
… In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP. Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.
Gleichschaltung.
Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe Mutter mit zwei Kindern. Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.“

Kurze Zeit später ändert sich alles. Käthes Arbeiten werden als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt. Sie darf nicht mehr ausstellen. Im April 1945 stirbt Käthe Kollwitz nahe Dresden, kurz vor der Kapitulation Deutschlands.

Dem Band ist eine Biographische Übersicht angehängt und auch eine Bibliographie. Er erschien im marix Verlag.

24. 12. Literarische Adventtürchen

Letztes Adventtürchen … Leuchtende Fest(lese)tage!

von Marina Büttner(mir) aus dem Manuskript des (visualisierten) Lyrikdebütbands „geheimnisspeicher“ (Arbeitstitel) mit Illustrationen von Marina Büttner(mir), den es (noch) nicht gibt und womöglich nie geben wird, (Gott behüte!) so sich kein Verlag findet. Also, liebe geneigte Verleger, meldet euch gerne!

 

 

23.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leserbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht und auch die Tage werden wieder länger und heller …

DSCN2543aus „Diese unerklärliche Stille“ von Jon Fosse, Verlag Kleinheinrich, 2016

Simon-Pierre Hamelin: 101, rue de Condorcet Clamart Osburg Verlag

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In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wundert sich Peter Handke über Marina Zwetajewas Klagen, es gäbe keinen Wald hier. Mit hier ist die Pariser Vorstadt Clamart gemeint, in der Handke viel später auch einige Zeit gelebt hat. Marina Zwetajewa, die große russische Dichterin verbrachte dort in den 30er Jahren lange Zeit im Exil. Doch angekommen ist sie dort nie. Vermutlich waren die Wälder der russischen Heimat mit denen der französischen Vorstadt nicht vergleichbar.

„Hier bin ich ohne Leser, in Russland ohne Bücher.“

Der 1973 in Paris geborene Simon-Pierre Hamelin wirft einen Blick in Marina Zwetajewas Leben in der winzig kleinen Unterkunft, in der Rue Condorcet, in der es sich kaum leben, geschweige denn schreiben lässt. Nur Notizheft um Notizheft füllt sich tagebuchähnlich mit Sehnsucht. Und mit Sorge um die Familie: um die Kinder Alja und Mur und den Ehemann Sergej Efron.

„Wie kann man auf Ihre großen blauen Notizhefte eifersüchtig sein, auf Ihre stockende Feder, diesen winzigen Tisch, an dem Sie so ganz und gar selbstvergessen sitzen … „

Ein Brief trifft ein mit der Ankündigung des Gerichtsvollziehers. Der siebenjährige Mur muss Kohle vom Nachbarn erbetteln. Der Ehemann Sergej ist immer unterwegs um Arbeit zu finden und die Tochter Alja folgt diesem auf Schritt und tritt. Mur ist eifersüchtig auf Marinas Schreiben, man hänselt ihn in der Schule als „Russkoff“. Efron und Alja sehnen sich hingegen nach Russland, dem neuen Menschen, der Sowjetunion.
Jedes Familienmitglied erhält eine Stimme, gleich ein Kapitel, in diesem schmalen Bändchen. Und zuletzt auch der eingetroffene Gerichtsvollzieher, dessen Besuch dank der Phantasie Efrons und einer Flasche Wodka besser ausgeht, als befürchtet … und für Marinas blaue Notizhefte interessierte er sich sowieso nicht. Doch das weitere Schicksal der Familie steht unter weniger guten Sternen …

„Ich weiß alles, was war, und alles was kommt,
Ich kenne das Geheimnis, taub und stumm,
Das in der stammelnden, dunklen
Sprache der Menschen – Leben heißt.“

Auszug aus dem Gedicht „Die Nächte ohne den Geliebten – und die Nächte“

Simon-Pierre Hamelins knapper, zugleich sehr dichter Roman ist eine Hommage an Marina Zwetajewa. Der Autor lebte in seiner Kindheit an beinah der gleichen Adresse wie die russische Dichterin in der Rue Condorcet 80 Jahre zuvor.
Das Buch erschien im Osburg Verlag. Die Übersetzung stammt von Regina Keil-Sagawe. Das aufschlussreiche Nachwort schrieb Marie-Luise Bott. Eine Leseprobe gibt es hier.

Die bisher unveröffentlichten Notizhefte, zu denen auch die aus Paris gehören, wurden nun auch in einem Buch gesammelt und unter dem Titel „Unsre Zeit ist die Kürze“ vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Eine Besprechung dazu folgt.

Ein sehr ausführlicher Roman über die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter Alja ist „Unser tägliches Leben“ von Riikka Pelo. Meine Besprechung dazu auf fixpoetry.

22.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leserbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht, bis dann bald auch die Tage wieder länger und heller werden …

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aus „Liebwies“ von Irene Diwiak, Deuticke Verlag, 2017

21.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leserbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht, bis dann bald auch die Tage wieder länger und heller werden …

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aus „Als ob sie träumend gingen“ von Anna Baar, Wallstein Verlag, 2017

20.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leserbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht, bis dann bald auch die Tage wieder länger und heller werden …

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aus „Impressum: Langsames Licht“ von Ilma Rakusa, Literaturverlag Droschl, 2016

19.12. Literarische Adventtürchen

Kurze Auszüge aus Büchern, die mir am Herzen liegen – Zeilen, Worte, die vielleicht in ein Leserbewusstsein vordringen – Literatur, die etwas zum Leuchten bringt:
Hier sind meine literarischen Adventtürchen, tägliches Licht, bis dann bald auch die Tage wieder länger und heller werden …

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aus „Nachtlichter von Amy Liptrot“ , btb Verlag, 2017

und wen John Clares Texte interessieren:
„Reise aus Essex“, Matthes & Seitz, 2017

Leo Lania: Land im Zwielicht Mandelbaum Verlag

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Leo Lania, 1896 in der ukrainischen Stadt Charkow geboren, war Journalist und Schriftsteller. In Österreich aufgewachsen, zog er als Freiwilliger in den 1. Weltkrieg, wandte sich danach der Kommunistischen Partei zu. Ab 1921 lebte er in Berlin. Als investigativer Journalist dokumentierte er Begegnungen mit der Nazi-Bewegung. Später engagierte er sich fürs politische Theater. 1933 floh er nach Frankreich, 1940 gelang ihm die Flucht nach den USA.

Der Mandelbaum Verlag mit Sitz in Wien und Berlin hat soeben eine Biografie über Leo Lania von Michael Schwaiger und den 1934 in England erschienenen, 1949 erstmals in Deutschland veröffentlichten Roman „Land im Zwielicht“ aufgelegt, für den Schwaiger auch ein aufschlussreiches Nachwort schrieb.

„Eine grenzenlose Trauer liegt jetzt in ihm. Ein Blick, der aus Jahrtausenden kommt und in Ewigkeiten zielt. So sieht er zu dem Offizier empor, er sieht durch ihn hindurch. Die braune Uniform wird transparent, …“

Anhand von zwei Hauptfiguren, der jüdischen Esther Mendel, die sich aus armen Verhältnissen befreit und zum Medizinstudium und zur Assistenzärztin aufsteigt, und dem jüdischen Anwalt Kurt Rosenberg, der im ersten Weltkrieg Leutnant wurde und Esther in ihrem polnischen Heimatdorf kurz begegnete, zeigt Lania die Entwicklungen Deutschlands vom Kaiserreich über den ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme der Nazis. Die Handlung beginnt 1916 und endet 1933 und verbindet historische Geschehnisse mit einer fiktiven Handlung. Lania hat die Atmosphäre und die Stimmungen der Menschen gut ausgearbeitet. Nur manchmal hängt mir Lanias Frauenbild etwas zu schief: „die kleinen Verkäuferinnen, die doch nicht mitzählten“ oder „Die bekannte Schauspielerin … war sogar gescheit“. Dennoch hat er (immerhin) Esther als willensstarke, unabhängige Frau beschrieben.

Als Kurt und Esther sich später in Berlin wieder begegnen, es sind die wilden 20er Jahre, scheint es, als würden sie zueinander finden, doch Kurt kommt aus „guten“ Verhältnissen, während Esther der Arbeiterbewegung näher steht. Obwohl sie heiraten, ein Kind bekommen, entscheiden sie sich bald, getrennt zu leben. Mit ihrer großen Liebe, dem verheirateten Professor für Anatomie, Dr. Graber, kommt Esther nicht zusammen, da man ihn von der Universität verweist, weil er als Pazifist nichts von der völkischen Soldatenverehrung hält.

„Noch war die Öffentlichkeit nicht abgestumpft gegen den politischen Mord, noch waren die Völkischen eine winzige Minderheit auf der Universität, noch wiegte sich die Linke in der Illusion, daß sie die Macht fest in den Händen hielt und daß es nur darauf ankam, ihre Stimme zu erheben, um die heranmarschierenden Haufen, für immer in die Flucht zu schlagen.“

Lania erzählt, dass aufgrund der Verfassung der Weimarer Republik die Literaten und Künstler endlich freier waren, sich mitzuteilen, sich direkt zu äußern, was auch die Studentenbewegungen nutzten. Interessant auch, die bildhafte Schilderung der Inflation, in der Esthers Vater, ein Schneider, binnen kürzester Zeit von Armut zu Reichtum und wieder zurück pendelt. Der sehr religiöse alte Mendel sieht das als gottgegeben an.

Einige Zeit nach dem Reichstagsbrand begegnen sich Graber und Esther in Berlin kurz wieder. Graber ist aus einem Konzentrationslager geflohen und schafft es nach Paris. Kurz darauf wird Kurt in seiner Villa am Wannsee von SA-Schergen totgeprügelt. Dies ist Auslöser für Esther mit ihrem Sohn und dem Vater ebenfalls Deutschland zu verlassen …

Der Mandelbaum Verlag ist eine feine Entdeckung und das vielseitige Programm mehr als einen Blick wert. „Land im Zwielicht“ ist sehr schön gestaltet mit einer Collage als Coverbild, in Halbleinen gebunden, gedruckt auf feinem Papier und mit Fadenheftung. Mehr über Autor, Buch und Verlag gibt es  hier .