Leseprojekt Dag Solstad II: Elfter Roman, achtzehntes Buch / Scham und Würde Dörlemann Verlag

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Bevor er sich in schriftstellerisch andere Bahnen bewegte, war der 1941 im norwegischen Sandefjord geborene Dag Solstad ein politischer Autor, dem Kommunismus zugetan. Als äußerst Linker versuchte er engagiert den Kapitalismus zu bekämpfen, was allerdings wenig am Boom desselben änderte. Solstad ist in Norwegen einer der bekanntesten Autoren und hat viele Preise erhalten. Möge er hierzulande auch gelesen werden. Seine Texte begeistern mich alle. Sie leuchten!
Nach „T. Singer“ und „Professor Andersens Nacht“ stelle ich nun noch diese beiden älteren Romane vor:

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Mit „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ steht nun der Einzelne, nicht mehr die Gesellschaft im Vordergrund von Solstads Schreibens. Das Buch erschien in Norwegen bereits 1992. Es ist eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte.

Wir begegnen Björn Hansen, wie er am Bahnhof steht und auf seinen 20-jährigen Sohn wartet, der während seines Studiums in Kongsberg bei ihm wohnen will. Hansen hat den Sohn nicht mehr gesehen, seit dieser als 14-jähriger die Ferien bei ihm verbrachte. Von der Mutter Peters hatte er sich getrennt, als dieser gerade zwei Jahre alt war, weil er sich in eine andere Frau verliebte, zu der er Hals-über-Kopf von Oslo nach Kongsberg zog. Doch irgendwann war es auch hier aus mit der Liebe, obwohl beide die Leidenschaft zum Laientheaterspiel verbindet. Durch Turid lernt er auch den Arzt Dr. Schioch kennen (der später noch eine wichtige Rolle spielt), denn sie lädt gerne ihre Theatergruppe in ihre Villa ein. Als Stadtkämmerer hat Björn Hansen, nun alleine lebend ein gutes Einkommen. Sein soziales Leben beschränkt sich fast vollkommen auf ein befreundetes Ehepaar. Vom Zusammenleben mit dem erwachsenen Sohn erhofft sich Hansen Abwechslung und neue Energie in seinem Leben. Doch der Sohn hat seine eigenen Vorstellungen und bleibt unnahbar. Die beiden reden meist aneinander vorbei. Er erlebt, dass dieser bei Studienkollegen ein Außenseiter bleibt und merkt, dass er seinen Sohn eigentlich auch nicht wirklich gut leiden kann.

„Er redete ununterbrochen. Mit der immergleichen eintönigen, viel zu lauten Stimme. Über die Augen des Vaters hinweg, aber direkt in sein Ohr. Der Sohn nahm seine Ohren unter Beschuß. Das Ganze hatte sich völlig anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte.“

Scheinbar aus einer Laune heraus, die in bitterem Ernst endet, spinnt Hansen einen spektakulären Plan, wie er sich aus dem Leben fast ganz zurückziehen kann. Dr. Schioch spielt dabei eine tragende Rolle und ein weiterer Arzt in Litauen, wohin Hansen zu einer Dienstreise aufbricht und als ein vollkommen Anderer zurückkehrt …

Auch hier spielt die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten wieder eine große Rolle. Ein Großteil des Romans spielt sich im Kopf von Hansen ab. Denn auch Hansen ist ein Grübler, ein Zweifler und ein seltsamer Zeitgenosse, über den man sich am Ende nur wundern kann. Wunderbar drückt Solstad hier die Distanz aus, die zwischen dem Vater und dem Sohn entsteht, nicht nur aus dem Persönlichen heraus, sondern auch durch den Generationenunterschied, der immer schnelleren Veränderungen unterworfen ist.

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„Scham und Würde“ erschien 1994 in Norwegen. Hier geht es um Elias Rukla, Lehrer um die fünfzig, der plötzlich im Pausenhof seines Gymnasiums ausrastet. Kurz davor hat er im Unterricht ein Ibsen-Drama behandelt und urplötzlich eine vollkommen neue Erkenntnis über das Stück erhalten. Und das nach 25 Jahren des Studiums und des Lesens dieses Stückes im Unterricht. Doch damit einher geht auch die Erkenntnis, dass seine Schüler so gar kein Interesse mehr am norwegischen Kulturgut haben, was er ihnen mühevoll zu vermitteln versucht. Draußen im Schulhof will er seinen Regenschirm aufspannen, da es regnet, doch es klappt nicht. Da brennt eine Sicherung bei ihm durch. Mit dem Schirm prügelt er wie besessen auf einen Brunnen ein und beschimpft gaffende Schüler. Danach verlässt er die Schule und beginnt ziellos durch die Straßen zu laufen. Nur weg. Dahin zurück kann er nicht mehr, denkt er. Und was wird dann aus ihm? aus seiner Frau?

Und dann beginnt langsam aber immer tiefer ein Zurückdenken. Ein Erinnerungsstrom daran, wie es überhaupt dazu kam, dass er seine Frau Eva traf und wie turbulent anfangs seine Studienzeit verlief: Dass der geniale, begabte Philosophiestudent, Luftikus und bald bester Freund Johan Corneliussen daran großen Anteil hatte und dass er mit ihm durch dick und dünn ging, bis dieser für alle vollkommen überraschend nach Abschluß seines Langzeitstudiums alle Brücken in Norwegen abbrach, die Philosophie aufgab und nach USA auswanderte …

„Man muss Studienrat Rukla einen zufriedenen Mann nennen, der leichten Fußes in dünnen Schuhen zu seinen täglichen Pflichten am Fagerborg Gymnasium aufbrach, die Jacob Aalls Gate hinaufging, im milden Monat März zur Zeit der Schneeschmelze an den Schlammlachen vorbei, etwa um das Jahr 1978 herum, und auch später noch, obwohl Eva Linde mit keinem Wort je gesagt hatte, sie würde ihn lieben.“

Auch hier wieder die Innenschau, die Reflektion. Doch spielt hier auch einmal eine Frau eine wichtige Rolle, eine Partnerschaft, die unter unguten Vorzeichen begann, die zwar hält, aber wenig trägt, aus Gründen, die dem Protagonisten wenig durchschaubar erscheinen. So wie seine Frau, einst eine Schönheit, die sich im Verlauf der Geschichte vom Schicksal der „schönen Frau“ emanzipiert und ihr aufgegebenes Studium wieder aufnimmt, ihn ebenso wenig in die Karten blicken lässt.

Beide Romane erschienen im Dörlemann Verlag in einer broschierten Ausgabe.  Übersetzt wurden beide von Ina Kronenberger. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite.

Leseprojekt Dag Solstad I: T. Singer / Professor Andersens Nacht Dörlemann Verlag

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„Vom Storytelling halte er gar nichts. Seine Bücher sollen nach Literatur riechen, nicht nach gelebtem Leben.“ sagt der 1941 geborene Norweger Dag Solstad in einem Interview  mit Iris Radisch in der ZEIT. Das ist mir so sympathisch und ich wundere mich, dass die Bücher dieses großen Erzählers hierzulande so wenig bekannt sind (im Gegensatz zu Knausgard oder Espedal). Er hat schon einen eigensinnigen Stil. Aber gerade damit erreicht er wahre literarische und erzählerische Tiefe.

Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist.“

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Im Roman „T: Singer“, der bereits 1999 in Norwegen erschien, lässt er einen absoluten Außenseiter, immer wieder kommentiert vom allwissenden Erzähler (siehe Zitat oben) durch sein grüblerisches, gewollt gleichförmiges Leben gehen. Eigentlich möchte er unsichtbar bleiben und nichts als ein gewöhnliches Leben führen. Einmal, als Kind, hat ihn ein Ereignis so geprägt, dass er noch im späteren Leben immer wieder davon beeinträchtigt wird. Es ist so unspektakulär und dennoch entspringt dem ein großes Schamgefühl. Durch Tagträume und Philosophieren gelangt er durch die Tage und wird unversehens zum Langzeitstudent. Anfangs manifestiert sich der Wunsch Schriftsteller zu werden, doch er denkt so lange über den ersten Satz nach, dass er darüber nicht hinaus findet.

„Singer liegt auf der Couch seiner Bruchbude im Stadtteil Homansbyen, […] während er hier, bald dreißig Jahre seinem seligen Tagtraum nachhängt. Das hier ist Singer, absorbiert von seiner heimlichen Bestimmung, die in erster Linie ein Tagtraum ist.“

Schließlich wird er Bibliothekar, nimmt mit Mitte 30 eine Stelle in der Provinz an und zieht weg aus Oslo. In Notodden in der Telemark läuft anfangs alles nach Plan. Er geht in der Masse unter. Seine recht gleichförmige Arbeit bei meist gleichem Tagesablauf ist genau das, was er will. Bestimmte Rituale ergänzen den Tag.

Als er sich in eine Frau verliebt, bei ihr einzieht und heiratet, läuft auch das alles vollkommen unspektakulär für ihn ab. Die Anfangszeit ist geprägt von frischem Wind, von Ablenkungen und neuen Ritualen, wird für ihn aber schnell wieder zur Routine und Singer wird wieder introvertiert wie zuvor. Bald wird klar, dass es zu einer Trennung kommen muss. Doch durch einen Verkehrsunfall kommt seine Frau Merete zu Tode. Dass Singer sich um ihre Tochter kümmert, die aus einer vorigen Beziehung stammt, ist für ihn gleich klar. Und obwohl er weiß, dass ihm nicht wirklich an ihr liegt, besteht er den Großeltern gegenüber darauf, immer in der Angst, alle könnten ahnen, dass Merete und er sich eigentlich scheiden lassen wollten. Von seinem eigentlichen Entschluß, aus diesem Leben auszubrechen, als 40-jähriger anderenorts neu zu beginnen, bleibt nur der Umzug nach Oslo mit einer neuen Bibliothekarsstelle. Und so lebt er schließlich mit einer ihm fremden Tochter ein ihm eigentlich fremdes Leben …

T. Singer ist wie viele der männlichen Protagonisten bei Solstad einer, der sich schicksalhaft treiben lässt, selten eigene Entscheidungen trifft, und wenn doch, dann sogar oft gegen das eigene intuitive Bauchgefühl. So als müsste er nach einer höheren Instanz, einer bestimmten Norm oder Moral handeln, die über sein Tun zu entscheiden hat. Das macht einem die Figuren mitunter fremd aber eben auch extrem faszinierend. Allesamt sinnt sie Zweifler und Eigenbrötler. Solstad beherrscht die Sprache perfekt und bereichert sie mit philosophischen und moralischen Fragestellungen.

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„Professor Andersens Nacht“
mutet zunächst wie ein Kriminalroman an. Er erschien bereits 1996 in Norwegen und die Handlung beginnt am Heiligabend mit einem typisch norwegischen Weihnachtsessen.

Der Literaturprofessor Pål Andersen, alleinlebend, verbringt den Weihnachtsabend zu Hause und sinniert über Sinn und Unsinn dieses Festes. Zu vorgerückter Stunde steht er am Fenster und beobachtet die Menschen in den hell erleuchteten Fenstern im Haus gegenüber. Alles scheint friedlich, bis Andersen Unglaubliches sieht. In einer Wohnung wird eine junge Frau von einem Mann erdrosselt. Andersen ist schockiert, greift zum Telefonhörer, um die Polizei zu benachrichtigen. Doch dann legt er wieder auf. Warum er das tut, weiß er selbst nicht. Es scheint wie ein Zwang. Doch Ruhe findet er nach dieser Entscheidung nicht mehr. Wir kennen das alle: man schiebt eine wichtige Sache auf und irgendwann, je länger man wartet, wird es schier unmöglich, es noch zu tun.

„Dann lief er durch seine Wohnung, […] bis zum hell erleuchteten Arbeitszimmer, wo er sich einige Zeit hinsetzte und zu lesen vorgab, bevor er aufstand, und wieder durch die Zimmer der Wohnung ging, grübelnd, über sich selbst nachdenkend, im völligen Bewusstsein über das, was er da trieb, aber mindestens ebenso ergriffen von dem Unverständlichen daran.“

Was nun in Professor Andersen vorgeht ist spannendstes Kopfkino und psychologische Studie zugleich. Andersen schläft schlecht, geht spazieren und vor allem steht er den Rest des Weihnachtsfests am Fenster und lauert, was gegenüber weiter passiert. Bei einer Einladung zu einem Freund versucht er sich mitzuteilen, endlich über das Vorgefallene sprechen zu können, würde ihn beruhigen, denkt er. Doch er schafft es nicht. Nach schlafloser Nacht, bricht er spontan auf nach Trondheim, um dort Silvester zu verbringen. Nur weg, denkt er. Dort trifft er sich mit einem Kollegen und die Gespräche, von viel Alkohol durchtränkt, lassen ihn langsam das Gesehene vergessen. Über existenzielle Themen und über ihren Beruf und inwiefern die Literatur heutzutage überhaupt noch tragbar ist, wird diskutiert. Sehr spannend ist das alles für die Leser, obgleich man selbst natürlich den Mord nicht aus dem Kopf bekommt, wissen will, wie es weitergeht. Doch auf eine übliche Krimihandlung darf man hier nicht hoffen und das ist gut so.

Andersen erwacht früh am Morgen im Hotel in Trondheim mit panischer Angst, bricht sofort auf und reist nach Hause. In der Wohnung begibt er sich sofort ans Fenster. Infolge sieht Andersen den mutmasslichen Mörder in der Wohnung, die Wohnung verlassen und wieder betreten, kann anhand der Namensschilder an der Haustür seinen Namen ausfindig machen, begegnet ihm sogar auf der Straße. Wochen vergehen. Täglich durchforstet er die Zeitung nach dem Todesfall oder einer Vermisstenanzeige. Doch nichts. In hanebüchenen Selbstgesprächen erläutert er das Für und Wieder nun endlich doch noch zur Polizei zu gehen. Und schließlich sitzt Andersen sogar in einer Sushibar um die Ecke neben ihm, wo er mit ihm ins Gespräch kommt …

Was Dag Solstad als Schriftsteller leistet ist einfach genial. Er schreibt so herrlich unberechenbar, dass seine Geschichten, obwohl scheinbar wenig passiert, spannend und berauschend sind. Das Wenige, was im Außen passiert, steht dem reichen Innenleben seiner Protagonisten entgegen und reicht bis zu philosophisch existenziellen Themen, die uns alle betreffen. Denken und hinterfragen und zweifeln stehen hier im Mittelpunkt. Und eine anspruchsvolle Sprache, die Ina Kronenberger großartig übersetzt hat. DAS ist große Literatur! Hellstes Leuchten!

Lieber Dörlemann Verlag, bitte vervollständigt die Werkausgabe von Dag Solstad! Ich benötige Nachschub!

Teil II meines Leseprojekts „Solstad lesen“ folgt in Kürze. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite. Eine weitere Besprechung zu „T. Singer“ findet sich auf dem Blog „letteratura“.

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte Piper Verlag

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„Im Übrigen stimmt die Wahrheit des Herzens nicht immer mit der Wahrheit der Welt überein. Darum ist das Leben unbegreiflich. Das ist der Schmerz. Das ist die Trauer. Das ist die Kraft, die uns zum Leuchten bringt.“

Es ist der erste Roman, den ich von Jón Kalman Stefánsson lese. Lange schon liebäugelte ich mit dem bekannten isländischen Autor und nun gab es eine Lesung im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin (Foto unten der Autor im Gespräch mit Kristof Magnusson) und das war willkommener Anlass für den Einstieg ins Werk. Gleich vorweg: Jón Kalman Stefánssons Erzähler im Roman „Ástas Geschichte“ ist höchst unzuverlässig, wenngleich allwissend. Er erzählt und kommentiert und plaudert aus dem Nähkästchen, beobachtet ihn an seinem Schreibtisch, während man neugierig auf den Verlauf von Ástas Geschichte ist.

Das Wort Ást bedeutet im Isländischen Liebe. Und von einer oder gar mehreren Liebesgeschichten handelt auch dieses Buch. Wenngleich es nicht um erfüllte Liebe geht, wie könnte es anders sein. Ob die Mutter Ásta geliebt hat, obwohl sie sie als Kleinkind verließ? Obwohl sie doch ein Kind der Liebe war und nach einer zentralen Figur eines Romans von Halldor Laxness benannt war?

Der eigentliche Inhalt ist schnell erzählt: Das Leben Ástas scheint von Anfang an unter einem eher dunklen Stern zu stehen. Von der Mutter früh verlassen, wächst sie bei einer Ziehmutter auf, wird als Teenager zur Arbeit aufs Land geschickt, weil sie als „schwer erziehbar“ gilt und auch später tanzt sie aus der Reihe. Sie will sich nicht einordnen in die Normalität der Anderen und fällt dadurch oft „unangenehm“ auf. Doch trotz ihres wilden freizügigen Lebens wird sie nicht glücklich, denn die Männer, die sie ob ihrer Schönheit so anhimmeln, sind nie die richtigen. Bis auf einen, den sie verliert.

In Rückblenden aus der Sicht des Vaters (der zudem noch im Sterben liegt), in späten Briefen Ástas an einen verlorenen Geliebten und mit vielen Zeitsprüngen bahne ich mir als Leserin meinen Weg durch Raum und Zeit und decke die verschiedenen Schichten auf, erlese mir meine Sicht auf diese Frau, die „Liebe“ heißt.  Im letzten Drittel jedoch nahm die Neugier auf Ásta ein wenig ab, vielleicht weil, obgleich gut konstruiert, doch manche Kapitel in die Länge gezogen und wirr wirken. Mitunter finde ich die Art und Weise, wie hier von Liebe gesprochen wird, ein wenig zu süßlich, dann wieder arg derb. Vielleicht liegt es an dem, wie ich glaube, deutlich männlichen Blick. Auch sprachlich wurde ich nicht überzeugt, obwohl es einzelne schöne Sätze gibt (siehe Zitat oben). Dennoch kann man sagen, dass Stefánsson eine prägnante eigene Art hat zu schreiben, die man sicher aus vielen Texten heraus erkennen würde.

Schön finde ich, dass ich durch die Lektüre einige interessante, mir bisher unbekannte Dichter kennenlernen konnte, wie etwa den Norweger Sigbjørn Obstfelder (bekannt mit Rilke und Munch), dessen Zeilen aus dem Gedicht „ich sehe“ mir doch sehr aus der Seele sprechen:

Jeg ser, jeg ser …
Jeg erist kommet paa en feil klode!
Da saa underligt …

Ich schaue, ich schaue …,
ich bin auf dem falschen Planeten gelandet!
Es ist so seltsam hier …

Der Roman erschien im Piper Verlag und wurde übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Feinste Buchkunst: Neues und Bewa(e)hrtes aus der Friedenauer Presse

Die feinen, kleinen Buchwunderwerke aus der Friedenauer Presse habe ich schon zu meinen Buchhändlerzeiten geliebt. Der 1963 in Berlin-Friedenau gegründete Verlag wurde von 1973 bis 2017 von Katharina Wagenbach-Wolff geführt. Unter der neuen Regie von Friederike Jacob in den Räumen des Matthes & Seitz Verlags ist er nun wieder höchst präsent und ich bin jedenfalls immer neugierig, was es hier zu entdecken gibt. Meine kleine bunte Auswahl stelle ich hier vor.

„Norwegen ist, wie allgemein bekannt, ein kleiner Staat, der in Europa keine Rolle spielt.“

Ganz neu erschienen, passend zum Buchmesse Gastland, ist der kleine Band „Briefe aus Norwegen“ von Isidora Sekulić. Die 1877 geborene Serbin bereiste im Herbst 1913 Norwegen und schreibt in ihren Briefen über die Natur und die Menschen, über die Begegnungen, ja, über die Seele dieses nordischen Landes. Ihre Reise führte von Oslo über Bergen nach Trondheim, dann ging es weiter mit dem Schiff über die Lofoten in die Finnmark. Solche Reisen als Frau in dieser Zeit sind durchaus bemerkenswert. Sekulić hatte Mathematik und Naturwissenschaften studiert und verfiel vollkommen der norwegischen Landschaft und den Naturschönheiten. Mitunter verknüpft sie dabei ihre Erlebnisse mit der nordischen oder anderen Mythologien und mit der klassischen Literatur. Der Band beinhaltet eine Auswahl von Texten von 1913 bis 1951. Danach folgt ein informatives Nachwort. Übersetzt wurde der Band von Tatjana Petzer. Der wunderbare Farbholzschnitt auf dem Cover und das Porträt der Autorin auf der ersten Seite stammen von Christian Thanhäuser. Es wurde feines Papier verwendet und fadengeheftet, in Broschur und kleinerem Format in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Und wenn man die norwegische Grenze passiert, ist es, also ob man in das Haus eines ernsten, armen, sorgenvoll beschäftigten Menschen tritt, der sich über den Gast wundert und lange nicht glauben kann, dass sich der Gast darüber freut, auf Besuch in Norwegen zu sein.“

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20191118_1354512460586730539398712.jpgEbenfalls neu erschienen sind unter dem Titel „Der Drang nach Haus“ Gedichte aus dem Exil von Marina Zwetajewa. Die Auswahl der Gedichte dieses schönen Bandes stammt von Richard Pietraß, ebenfalls Dichter, der auch übersetzte und ein aufschlussreiches Nachwort verfasste. Die Gedichte wurden weiterhin übersetzt von Waldemar Dege, Elke Erb, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch, Karl Mickel und Ilse Tschörtner. Das zauberhafte Umschlagbild mit der zarten Blüte hat Anni von Bergen gemalt. Im Format ist das Büchlein ungewöhnlich zwischen DIN A5 und DIN A4 und es ist auf feinem Papier gedruckt und fadengeheftet in der Reihe Friedenauer Pressedrucke.

„Der Drang nach Haus! Ein dutzendmal
Absurdgeführtes Narrentreiben!
Mir ist es längstens so egal,
Wo ich vollkommen einsam bleibe,“

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20191118_135109441707848069325688.jpg2012 erschien die kurze Erzählung von J.-K. Huysmans mit dem Titel „Monsieur Bougran in Pension“. Es geht darin um einen Beamten des Justizministeriums, den man vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Als er sich dabei allzu sehr langweilt, richtet er sich zuhause ein, als sei er noch im Büro und bearbeitet Fälle, die er sich selbst ausdenkt …
Höchst amüsant und dennoch recht traurig liest sich die Geschichte, denn auch wenn sie bereits 1888 geschrieben wurde, wirkt sie aktuell wie heute.
Huysmans (selbst Beamter) ist vor allem bekannt durch seinen Roman À rebours/Gegen den Strich, der seinerzeit zum Kultbuch wurde. Gernot Krämer übersetzte, ein Nachwort von Daniel Grojnowski ergänzt den Text.

„Ja, der Gesetzgeber von 1853 hat in dem nachgiebigen Text überall Fußangeln aufgestellt; er hat alles vorhergesehen, folgerte er; den Fall eines Stellenabbaus, eines der gängigsten Mittel, um Leute loszuwerden; man streicht ihre Stelle, richtet sie ein paar Tage später unter anderer Bezeichnung wieder ein, und die Sache ist geritzt.“

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20191120_1651583685824020650448618.jpgWolfgang Hilbig ist einer meiner Herzensautoren. Der 1941 in Meuselwitz/Thüringen geborene Autor war in der DDR einer der bekanntesten „Arbeiterdichter“. Das bedeutet schlichtweg, dass Hilbig lange als Heizer arbeitete und nur nebenher schrieb. Vieles was er schrieb fiel sofort unter die Zensur des Arbeiter- und Bauernstaats. Die Erzählungen in diesem, von Horst Hussel stimmig gestalteten Band aus dem Jahr 1994 sind aus den Jahren 1983 bis 1994 und sind, wie alles von Hilbig sprachliche Meisterwerke. Gleich in der ersten Geschichte, die den Titel des Buches „Die Arbeit an den Öfen“ trägt, zeigt sich die ganze Absurdität des DDR-Sytems … Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren.

„Unliebsames wurde nicht gedruckt, das war eine Tatsache, die der Heizer C., der seine Tage im Kesselhaus für gezählt hielt, erfahren hatte, als er einmal ein paar Blätter verschiedenen Redaktionen in Berlin einschickte. Nur in einem Fall erhielt er sie mit einer Erwiderung zurück: Er unterstelle den Zuständen des Landes eine Realität, so hieß es, die weit überholt sei, was bei ihm bis in den Wortschatz reiche.“

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Zu guter Letzt kommt der nachtblaue Band von 1996, ebenfalls von Horst Hussel gestaltet, „Angst“ von Anton Čechov. Mit russischen Schriftstellern begann es auch, da der Gründer Enkel eines Petersburger Verlegers war. In den Erzählungen geht es weniger um Angst, vielmehr sind es sieben Liebesgeschichten, die jedoch alle nicht unbedingt glücklich enden: Es ist kompliziert. Womöglich sind sie deshalb so schön … Dabei ist auch „Die Dame mit dem Hündchen“, die ja in der Tat ein Klassiker aller Liebesgeschichten ist. Erschienen in der Reihe Wolffs Broschuren, übersetzt von Peter Urban.

 

„Man sagte, auf der Strandpromenade sei ein neues Gesicht aufgetaucht: eine Dame mit einem Hündchen. Dmitrij Dmitrievič Gurov, der in Jalta bereits zwei Wochen verbracht und sich eingewöhnt hatte, interessierte sich ebenfalls schon für neue Gesichter.“

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Einen schönen Überblick über das ausgewählte Sortiment und die feine Buchgestaltung der Friedenauer Presse gibt es auf der Verlags-Website.

Hanne Ørstavik: Die Zeit, die es dauert Karl Rauch Verlag

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Es ist nun das dritte Buch von Hanne Ørstavik nach „Liebe“ und „So wahr, wie ich wirklich bin“, dass ich lese. Jedesmal fängt alles so still und harmlos an und dann fächert die Autorin nach und nach die ganzen dunklen Seiten ihrer Protagonisten und deren Lebenswelt auf. Und aus ist es mit der idyllischen Harmonie. Keiner kann das besser als sie.

Die Norwegerin Hanne Ørstavik, die selbst ganz oben im Norden geboren wurde, in einer Gegend, die nah an Finnland, aber auch an Russland grenzt, in der auch die samische Kultur lebt, weiß, was Dunkelheit ist. In einer Gegend, in der es im Sommer nicht dunkel und im Winter nicht hell wird scheint das Leben generell anders, als wir es hier kennen und bringt womöglich auch diese sehr spezielle Art von Literatur hervor.

Es ist die Vorweihnachtszeit, in der die Geschichte spielt. Die junge Signe ist mit der kleinen Tochter und ihrem Mann aufs Land gezogen. Die Eltern, speziell die Mutter, wünschen sich, dass sie mit der Familie an den Weihnachtstagen zu Besuch kommt, denn Weihnachten ist das extrem aufgeladene Fest der glücklichen Familie. Signe weigert sich. Sie möchte allein mit Mann und Kind sein.

Als mir zum ersten Mal der Gedanke gekommen war, dass es möglich sei, Weihnachten für uns allein zu haben und diese schweren, wunden Tage zu umgehen, Weihnachten auf unsere Weise zu feiern, als mir klar wurde, dass dies tatsächlich möglich war, dass ich eine Wahl hatte, […] dass ich tatsächlich Nein zu etwas sagen konnte, […] hatte ich eine unglaubliche Erleichterung empfunden, ich hatte mich so mächtig gefühlt.“

In vielem fühlt sie sich überfordert in dem alten Haus, in dem noch viel gemacht werden muss. Das liegt jedoch vor allem an ihrem Perfektionismus, an dem „alles muss schön und harmonisch sein“, dass sie von Kindheit an gehört hat. Das jedoch erfahren wir erst im Laufe des Romans und zwar Stück für Stück. Ahnungslos gehen wir in diese Geschichte hinein und werden nach und nach zum Zeugen einer vollkommen zerrütteten Ehe und einer zerrissenen Kindheit.

„Etwas war passiert und sie hatte nicht aufgepasst, sie hatte einfach geschlafen, und da war die Mutter ganz allein gewesen. Signe dachte, dass sie aufmerksamer lauschen musste, um beim nächsten Mal rechtzeitig aufzuwachen.“

In den Rückblenden wird aus der Sicht der 13-jährigen Signe erzählt, der gläubigen, die sich auf Weihnachten freut, gerade erste Liebeserfahrungen macht und die sich nur wünscht, dass die Eltern gut miteinander sind. Doch der gewalttätige Vater, der eine psychiatrische Klinik leitet und die Mutter, eine Sozialarbeiterin, können eigentlich nicht mehr miteinander und schaffen es trotzdem nicht auseinander zugehen. Besonders der Vater hat ein überhöhtes Bild davon, wie eine Familie zu leben hat, wie sie perfekt zu funktionieren hat. Die Mutter wünscht sich weg in den Süden, wo es mehr Licht und mehr Lebendigkeit gibt. Die obligatorischen gemeinsamen Abendessen, die dem Zusammenhalt förderlich sein sollen, werden oft zum Tribunal, der übermächtige Vater als Ankläger der „schuldigen“ Mutter, der seine Frau sogar vor den Kindern schlägt. Signe versucht, immer wieder hoffnungsvoll, zu vermitteln, übernimmt viel zu viel Verantwortung für ihr Alter, sie und der Bruder versuchen auszuhalten, was nicht auszuhalten ist.

„Ihre Stimme war scharf. Signe schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass sie nicht darüber reden durfte. Niemand durfte etwas wissen. Dann wäre alles ruiniert, alles würde zerspringen und auseinanderfallen, die ganze Familie, alles.“

Signe verliert sich oft in Erinnerungen von Sommerferien in der eigenen Hütte in den Bergen, in denen vermeintlich noch alles gut war. Doch auch hier zeigten sich schon die Brüche.

Die Kunst der Autorin liegt darin, uns zunächst ganz im Unklaren zu lassen, worum es genau in ihrem Roman geht. Dann ganz still und leise, zunächst nur in Andeutungen, legt sie eine Spur, um dann nach und nach das ganze Ausmaß aufzuzeigen. Bedeutsames liegt oft zwischen den Zeilen, jenseits der Worte. Am Ende des Buchs, vielleicht sogar erst Minuten später kommt die Erschütterung und weicht so schnell nicht wieder. Es ist schwer zu erklären, wie sie das macht, wie sie immer und immer wieder mit ihren tiefen Geschichten und ihrer dichten Sprache überrascht und ja, mitunter auch schockiert. Nordlichtleuchten!

Der Roman erschien, wie alle von Hanne Ørstavik im Karl Rauch Verlag (ja, genau, der mit dem Kleinen Prinz) in wunderschöner Ausstattung: Haptisch, der blaue Einband, feines Papier und farblich passende Fadenheftung. Übersetzt hat es Andreas Donat. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tomas Espedal: Das Jahr Matthes & Seitz

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„Ich bin gereist um den Canzoniere
hier zu lesen wo die Gesänge an Laura geschrieben wurden
in Avignon und dem Vaucluse-Tal hier in dem Haus den Bergen
und nicht zuletzt an dem Fluss“

Schon seltsam, dass ich das neue Buch von Tomas Espedal als das am wenigsten poetische all seiner Bücher empfinde, obwohl gerade dieses in Form eines Langgedichts geschrieben ist, vermutlich in Anlehnung an Petrarcas Canzones, um die es im Inhalt oft geht. Okay, es ist Enttäuschung auf hohem Niveau, aber es ist nun mal so, dass ich sehr wenig Anstreichungen machte, sehr wenige Sequenzen mich tief berührten(wie sonst immer). Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich es einfallslos finde, dass sich Espedals Buch nun auch um die Jahreszeiten dreht, zumindest in den Kapitelnamen, wo doch Knausgård auch schon einen „Jahreszeitenzyklus“ veröffentlichte. Oder ist es, weil ich das Liebesglück und vor allem aber das ganze Liebesleid schon aus dem Buch „Wider die Natur“ kenne?

Seis drum. Espedal wandelt auf den Spuren des Renaissancedichters Francesco Petrarcas in Südfrankreich umher, besucht dessen Haus in Fontaine-de-Vaucluse und besteigt den Berg Mont St. Ventoux, und zwar auf den Tag genau zur selben Zeit wie dieser, nur Jahrhunderte später. Er hat die Canzonieres gelesen, 366 Gedichte, überwiegend an Laura gerichtet, die unerreichbare Liebe seines Lebens, die er in seiner Dichtung verewigte und Espedal will es ihm gleich tun.

„Ein Leben ohne Bücher ist ein totes Leben
schreibt er
und berichtet in seinen Briefen von der Gartenarbeit
von Wanderungen in den Bergen
von Jagd und Fischen
von den nächtlichen Gängen am Fluss entlang:
Wer ein zu hastiges Leben lebt der lebt nicht
schreibt er“

Sucht die Einsamkeit, beklagt die verlorene Liebe und verbindet diese Reise als Kontrast mit Lesungen in Arles und Montpellier. Am Ende dieser Reise trifft er seinen Vater in Barcelona, mit dem er von dort aus eine Kreuzfahrt antreten wird.

Tatsächlich ist der Teil der Reise mit dem Vater auch der interessanteste. Gerade die Gespräche der beiden über Espedals Mutter, die die einzige Liebe des Vaters blieb und nach deren Tod er kaum mehr Lebensfreude hat. Hier zeigt sich dann unerwartet, dass der Vater während der Reise auflebt und im Gegensatz zum Sohn immer kontaktfreudiger wird. Der Sohn fühlt sich immer kleiner, immer gefangener, zieht sich zurück. Die Schiffsszenen sind für mich die stärksten des Buches, es ist der Teil, der berührt, der Teil, bei dem der schreibende Espedal wieder zu guter Form aufläuft.

„Das Alter ist ein lebender Tod, sagt er.“

Immer ist viel Alkohol im Spiel, auch zuhause wieder, wo der alles überragende Liebeskummer weitergeht. Da wird morgens schon Wein flaschenweise konsumiert, da wird gehadert und innerlich gewütet. Nun ist der neue Geliebte der Ex im Focus, ausgerechnet ein Freund des Protagonisten. Wie der Vater, vielleicht auch wegen ihm, hatte Espedal den Boxsport betrieben. Reichlich kindisch und unreflektiert trinkt er sich Mut an und will dem neuen Liebhaber in Oslo auflauern und ihn verprügeln. Glücklicherweise taucht in dieser Situation Janne auf und der Verlassene kriegt sich dadurch wieder ein. Wahrscheinlich kann man beim Lesen dieser Zeilen merken, wie mich die ewigen Liebesklagen letztlich genervt haben. Zum ersten Mal ein Buch von Espedal ohne Leuchten. Schade!

Fehl am Platz finde ich tatsächlich auch die Gedichtform dieses Textes (und nicht alle Gedichte sind komplett ohne Interpunktion, wie es hier fast durchgängig der Fall ist). Gerade im letzten Teil, wo wirklich nur biographisch erzählt wird und wenig Poesie vorherrscht.

Bleibt zu warten, wie es mit den nächsten Büchern des Autors weitergeht. Definitv empfehle ich aber weiterhin alle vorherigen Bücher, allen voran „Gehen oder die Kunst ein wildes poetisches Leben zu führen“. Zu meinen Besprechungen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/05/12/tomas-espedal-bergeners-matthes-seitz-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/10/tomas-espedal-biografie-tagebuch-briefe-matthes-seitz/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/08/28/tomas-espedal-wider-die-kunst-matthes-seitz-verlag/

Eine weitere Rezension zu „Das Jahr“ gibt es bei Literaturreich.

Wie alle Bücher von Espedal erschien auch „Das Jahr“ im Matthes & Seitz Verlag. Wie bei allen Büchern hat Hinrich Schmidt-Henkel ausgezeichnet übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jon Fosse: Der andere Name Rowohlt Verlag

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Welch kostbare Lektüre! Welch Leuchten!

Von Jon Fosse, dem großen norwegischen Dramatiker, Lyriker und Romanautor, ist der erste Band seines auf 7 Bände angelegten Werks erschienen. Wie immer hat Hinrich Schmidt-Henkel brillant übersetzt, was bei Fosses Sprachduktus sicher alles andere als einfach ist. Andererseits erkennt man Jon Fosses Werk anhand dieser Sprachmelodie zumindest bei seinen Romanen sofort heraus. Ich bin auch gerade wegen dieser reduzierten, meditativen Sprache große Liebhaberin seiner Bücher und Stücke.

Jon Fosses „Ein anderer Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Was einem nicht-Fosse-Kundigen anfangs befremdlich scheint, wird im fortgeschrittenen Lesestadium zu einem einzigen Fluß ohne Halt, zu einer Reise durch Raum und Zeit (Fosses Roman hat keine Kapitel, keinen Punkt, nur Kommas – ein einziger langer Satz! Ich liebe es!). Fosse verhandelt hier die ganz großen Themen wie Liebe und Tod in einer Weise, wie sie nur im Kleinen, in den ganz einfachen Dingen des Lebens zu finden sind.

„ja, seltsam, denn groß ist die Entfernung nicht, der Abstand zwischen den Lebenden und den Toten, obgleich diese Entfernung unüberwindlich wirken mag, ist sie es nicht,“

Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen (Fosse schreibt den alten Stadtnamen Bjorgvin) für ihn verkauft. Beinahe der einzige mit dem er freundschaftlichen Kontakt hat, ist sein Nachbar, ein Fischer und Landmann, der ihm oft mit Arbeiten in Haus und Hof hilft. Ihre Gespräche bestehen fast immer aus den gleichen Themen. Keiner versteht so richtig die Lebensart des anderen und doch verbinden sie diese ritualartigen Treffen auf ganz eigene Weise. Der kleine Hund Brage, der unverhofft in des Malers leben auftaucht, ist mir durch Fosses zarte Beschreibung sofort ans Herz gewachsen.

„ich bin nie besonders gern bei Leuten zu Hause gewesen, dafür war ich immer zu schüchtern, ja mir ist dann, als ob ich etwas tun würde, wozu ich kein Recht habe […] als ob ich ihr Leben stören würde oder jedenfalls selbst gestört würde von ihrem Leben, das sich mir aufdrängt, ja als ob ich vom Leben der anderen ausgefüllt würde,“

Ab und an fährt der Maler nach Bergen und bringt neue Bilder, erledigt Einkäufe oder besucht einen Freund, bei dem es sich womöglich um ein Alter Ego des Malers selbst handelt. So ganz klar wird es nie, denn die Geschichte spielt letztlich auch außerhalb einer sicheren Realität, vielleicht in einem bewusstseinserweiternden Raum oder auf einer (oder mehreren?)Meta-Ebene. Darauf weist einiges hin, denn der Maler versinkt oft in Erinnerungen, die sich recht bildhaft zeigen. Hier verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Personen verwandeln sich oder finden sich gedoppelt.

In den Erinnerungen zeigen sich prägende Kindheitsszenen: Der Maler Asle hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Der gute Bekannte Asle, der den gleichen Namen wie der Maler trägt, hat bereits in seiner Kindheit Tod und Missbrauch erlebt und fühlte sich schuldig, weil er die Verbote der Mutter missachtete.

Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt …

„und manchmal sorgt nur ein einziger Strich dafür, dass das Bild so sprechen kann, und das ist nicht zu begreifen, denke ich, und, denke ich, so ist es auch mit der Dichtung, die ich gern lese, nicht dass es wichtig ist, was über dies oder das gesagt wird, sondern etwas anderes, etwas das stumm in und hinter den Sätzen spricht“

Für mich ist der Roman eine Hommage an die Einfachheit, die Hingabe und ein zutiefst spirituelles, mystisches Buch. Ein Leuchten, ölbildfarbenes Leuchten!

Der Roman „Der andere Name“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich freue mich schon auf den nächsten Band, der hoffentlich bald übersetzt ist. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen auf dem Blog zu Jon Fosses Roman „Trilogie“ und zu dem wunderbaren Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/05/27/jon-fosse-trilogie-rowohlt-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/03/12/jon-fosse-diese-unerklaerliche-stille-verlag-kleinheinrich/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss Guggolz Verlag

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Aus dem kleinen Guggolz Verlag kommen immer außergewöhnliche Entdeckungen in schönster Ausstattung: ein wirklich ästhetisches Cover und Fadenheftung. Diesmal finde ich das Cover besonders interessant, passt es doch vollkommen zu einer meiner Tuschearbeiten aus dem letzten Winter (siehe oben). Herr Guggolz sucht und findet immer wieder überraschende „neue“ Stimmen aus vergangener Zeit, aus oft nord- oder östlichen europäischen Ländern und lässt übersetzen. So wie hier der geniale Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkels ans Werk ging.

Eisig ist es wirklich fast durchgängig in diesem Roman. Dennoch wurde mir warm beim Lesen, weil diese Geschichte wirklich feinsinnig und in sehr poetischer Sprache erzählt wird. Dass Vesaas auch Lyrik schrieb, spürt man. Es ist ein sehr sinnliches, mystisches und symbolkräftiges Buch. Der Autor kommt aus Norwegen, dieses Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, lebte von 1897-1970 im Ländlichen. Er schrieb auf Nynorsk, einer Art westnorwegischem Dialekt. Für diesen Roman erhielt er 1964 den Preis des Nordischen Rats.

„Siss hatte viele Gedanken, wie sie da ging, eingemummt gegen den Frost. Sie wollte zu dem Mädchen Unn, ihr noch halb unbekannt, zum ersten Mal, zu etwas, das sie nicht kannte, darum war es aufregend.“

Es ist die Geschichte von Siss, einem 11-jährigen Mädchen in einer eher abgelegenen Region Norwegens. Die Natur spielt hier eine wichtige Rolle. Manchmal spürt man die Naturgeister durch die Zeilen ziehen, hört Vogelstimmen und das Eis knacken und klirren. Siss ist von einer neuen Mitschülerin, Unn, die Waise ist und bei einer Tante lebt, vollkommen fasziniert und angezogen. Am Tag nachdem sie sie zum ersten Mal bei ihrer Tante besucht hat, verschwindet Unn. Sie erscheint nicht in der Schule und das ganze Dorf begibt sich auf die Suche. Nur die Leserin weiß, was mit ihr passiert ist.

„Die Strömung hat zugenommen, geht stärker durch den Fichtenwald. Die Nadeln strecken ihre Zungen vor und singen ein unbekanntes Nachtlied. Jede Zunge allein ist so klein, dass sie nicht zu hören ist, gemeinsam tönt das Lied so leise und machtvoll, dass es Berge schleifen könnte, wenn es wollte.“

Siss jedoch verkraftet nicht, dass die frisch gewonnene Freundin nach langer Suche als verschollen, ja als tot gilt. Wie zuvor Unn, sondert sie sich in der Schule ab und wird zur Außenseiterin, weil sie glaubt, sich an ein Versprechen Unn gegenüber halten zu müssen. Unn schien mit ihr ein Geheimnis teilen zu wollen. Doch kam es dazu nicht mehr.  Es bedarf eines weiten Wegs, einer permanenten Innenschau und die Mithilfe der Dorf- und Schulgemeinschaft, bis Siss wieder aus ihrem Kokon der Einsamkeit und Schuld heraustritt.

Das Eis-Schloss spielt hier eine wesentliche Rolle. Es ist ein aus einem gefrorenen Wasserfall entstandenes monumentales Bauwerk, hinter dem sich viele Eishöhlen verbergen. Zuvor noch Ausflugsziel verändert sich seine Bedeutung im Laufe der Geschichte: Es wird zuerst zum Grab, dann zum Mahnmal und schließlich kurz bevor es durch das Tauwetter des Frühlings zusammenstürzt auch Ort der Befreiung für Siss.
Ein klirrendes Leuchten!

Der Roman erschien im Guggolz Verlag, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Knut Hamsun / Martin Ernstsen: Hunger Avant Verlag

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Knut Hamsuns „Hunger“ ist ein Klassiker, eines der bekanntesten Romane Norwegens. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat aus dem Roman eine ausdrucksstarke Graphic Novel gemacht, die ich, ebenso wie den Roman selbst, sehr empfehle.

Det var i den Tid, jeg gik omkring og sulted i Kristiania, denne forunderlige By, som ingen forlader, før han har faaet Mærker av den …
(„Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.“)

Quelle: wikipedia

So lautet der Anfang des Romans, den Hamsun 1888 begann, in Erinnerung einer Zeit, in der er selbst in Kristiania (heute Oslo) als junger Schriftsteller an großem Hunger litt. Die Geschichte wurde in Kopenhagen geschrieben und zunächst in Teilen anonym veröffentlicht. Es ist die Geschichte eines Schriftstellers und Journalisten, der in prekären Verhältnissen lebt, oft obdachlos, oft tagelang ohne etwas zu essen. Hamsun schildert die Leidensphasen des jungen Knud Petersen eindrücklich: kurze Hochzeiten, wenn wieder einmal etwas veröffentlicht wurde, wechseln mit langen Phasen des Wahnsinns, der Scham, der Verzweiflung und des Stolz ab.

Als Grundfarbe hat Ernstsen schwarz gewählt, was auch sehr stimmig zum düsteren Inhalt passt. Die Hauptfigur, läuft durch Kristiania. Sein Zimmermiete kann er nicht mehr bezahlen, deshalb meidet er die Hauswirtin und verbringt seine Tag draußen. Sitzt auf Bänken, lässt sich durch die Straßen treiben, über die Plätze, beobachtet die Menschen. Auf der Suche nach einem stillen Ort zum Scheiben landet er oft im Park. Er versetzt das bisschen, was er besitzt, bettelt, trotz großer Scham um etwas zu Essen, oft recht einfallsreich, um seinen wirklichen Zustand zu verbergen. Er hadert mit sich selbst und auch mit Gott, der es nicht gut mit ihm zu meinen scheint.

Die wirkliche Welt, die ihm zunehmend schwieriger wird, versucht er durch sein im Übermaß vorhandenes Talent zum Fantasieren auszugleichen. So zaubert er sich in Gedanken, oder ist es schon ein Hungerdelirium?, eine Wahnvorstellung? ein wundervolles Mädchen als seine Auserwählte herbei. In diesen helleren, fast manischen Hochphasen wechselt die Hauptfigur ihr Aussehen, es kommt helle, leuchtende Farbe ins Spiel. Sehr selten allerdings, die meisten Seiten sind in schwarz/weiß gehalten und sind dennoch oder gerade deshalb enorm aussagekräftig. Die inneren Zustände des getriebenen Protagonisten werden im Bild sehr deutlich und beleben die eigene Phantasie. Auch das, was den Roman ausmacht, was damals 1890 bei Erscheinen neu war, der stete Bewusstseinsfluß, die durchdringende Psychologie, zeigt sich in den Illustrationen durch daumenkinoähnliche Sequenzen. Ich jedenfalls hatte hernach gute Lust, den Roman noch ein weiteres Mal zu lesen.

Die anspruchsvolle graphic novel erschien im Avant Verlag. Der Textteil wurde von Ina Kronenberger aus dem Norwegischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

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Rechtzeitig zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Ehrengast Norwegen erschien im Elif Verlag die erste Übersetzung eines Lyrikbands von Knut Ødegård ins Deutsche. Åse Birkenheier hat dies meisterhaft geschafft. Der Dichter ist in seiner Heimat sehr bekannt und erhielt zahlreiche Preise für sein lyrisches Werk.

Diese Lyrik erzählt. Sie beschäftigt sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart  und einer möglichen Zukunft. Es sind keine verrätselten Gedichte, sondern glasklare in ihrer Direktheit. Eindeutige Aussagen werden von poetischen Zeilen umspült. Das liest sich, als würde man auf einem Boot sitzen, von Wellen bewegt, mal mehr, mal weniger heftig.

Mutter

Ich habe eine Mutter in blauem Mantel.

Sie nimmt meine Hand, ich bin
klein, ich habe Angst, sie
führt mich.

Ihr Mantel ist
mit Sternen übersät.
Der Schnee ist sehr tief
hier, wo wir gehen, auf der nicht geräumten
Milchstraße: Sie
und ich.

Ødegårds Gedicht über Zeit, gleich das erste im Band, welches auch den Titel des Buches vorgibt, ist von unglaublicher Eleganz. Was im nächsten Kapitel folgt, sind eigentlich beinahe Fließtexte, die Geschichten erzählen. Man darf sie dennoch Gedichte nennen, so voller Poesie sind sie. Ødegård hat sich durchweg schwierige Themen auferlegt, die es einem nicht leicht machen. Vielleicht ist aber dies der einzig machbare Weg, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie in eine poetische Form zu bringen, sie sozusagen zu umschließen und in ihrer Brüchigkeit zusammenzuhalten.

Ob der Dichter von der Großtante schreibt, die noch Jahrzehnte nach dem Krieg an einem Schal für den (gefallenen) Sohn strickt,

„Saß da
im Dachgeschoss und schaukelte auf und ab, ab
und auf im schwarzen Schaukelstuhl
mit so langen Kufen, dass die schimmelweißen Locken
in Tantes bakteriengelben Kopf mit roten Geschwüren
manchmal Stern berührten, ferne Spiralgalaxien
im endlosen Raum des Himmels,
und manchmal den gierigen Humusmund der Erde,
der von unten schnappte.“

ob vom Kirchendiener, der sich um die kleinen Ministrantenbuben „kümmert“, oder ob er von dem psychisch kranken Lars erzählt, der mit Elektroschocks und einer Lobotomie „behandelt“ wird, es sind erschütternde Zeugnisse der Vergangenheit.

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Altern. Hier lese ich sehr anmutige, berührende Verse über den uns allen bevorstehenden Alterungsprozess und das Glück, jemanden an der Seite zu wissen.

„Ein wenig schief kehren wir heim
vom Spaziergang an diesem Sonntag, wir beide. Du
und ich. Und langsam
streiche ich dir übers Haar, das
noch vor kurzem durchs Universum
flog: Du, noch vor kurzem ein kleines Mädchen
auf einer Schaukel.“

Ergänzt wird dieser Teil durch weitere, wie ich finde, sehr schwere Gedichte. Den längeren Zyklus „Nieselregen“ am Ende des Bandes kann ich fast nicht ertragen. Er erzählt von einer Apokalypse der Menschheit. Hier werden Menschen wieder zutiefst unmenschlich, werden zu Monstern, hier stürzt die Welt wieder ins Chaos. Nicht umsonst werden hier auch Zeilen aus der „Edda“ zitiert. Und hier trifft es wirklich zu: Die Zeit ist gekommen.

Ødegårds Gedichte sind schonungslos, aber oft klingt für mich etwas Höheres durch die Zeilen. Es ist viel vom Universum die Rede und das ist womöglich im Blick des Dichters (oder der Leserin?) auch ein spiritueller Raum. Vielleicht kommen wir dem alle näher, wenn sich unser Dasein gen Ende neigt, vielleicht werden wir alle uns erst dann des Todes bewusster …

Der Lyrikband des 1945 in Norwegen geborenen, teils in Island lebenden Knut Ødegård erschien im kleinen feinen Elif Verlag , auf dessen Programm es lohnt, einen Blick zu werfen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.