Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

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„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

Heidi Sævareid: Am Ende der Polarnacht Insel Verlag

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Während viele sich auf den Frühling freuen, habe ich mich auf eine Lesereise nach Norden in die Kälte begeben. Die Norwegerin Heidi Sævareid hat einen richtig schönen Roman über eine aufgrund der äußeren Umstände schwierigen Beziehung veröffentlicht. Wir reisen nach Spitzbergen, wie die Autorin und erleben „Das Ende der Polarnacht„. Spitzbergen, Svalbard genannt, das zu Norwegen gehört, spielt letztlich die Hauptrolle im Roman. Denn auf Spitzbergen zu leben ist eine riesige Herausforderung, für Menschen aus dem „Süden“. Im Winter (von Oktober bis Februar) werden die Tage kaum hell, während es im Sommer auch nachts nicht dunkel wird. Sævareid schildert das in eindrücklicher Weise.

1957: Wir begegnen Eivor und Finn, einem jungen Ehepaar mit zwei kleinen Töchtern, Unni und Lisbeth. Finn ist Arzt, Chirurg und bekommt die Chance sich auf Spitzbergen zu qualifizieren. Während Finn sich sehr schnell in Longyearbyen, dem Hauptort der Insel einlebt, wegen seiner Tätigkeit im Krankenhaus schnell Bekanntschaften schließt, im Fußballverein spielt und im Turnverein mitmischt, findet sich Eivor nur schlecht zurecht. Sie kümmert sich vorwiegend um die Kinder und den Haushalt. Eivor ist schnell überfordert mit den sehr lebhaften Kindern. Als sie vom Sysselmann, dem Ortsvorsteher, die Huskyhündin Jossa ausgeliehen bekommt, damit sie auf ihren Skitouren nicht alleine ist, verändert sich ihr Leben. Die beiden haben Respekt voreinander, sind aber bald ein Herz und eine Seele. In kurzen Rückblenden erfährt man, wie es zu der Beziehung zu Finn kam und dass sich Eivor eigentlich ein anderes Leben gewünscht hat.

Am Anfang des Romans erlebt die Familie, wie sich die Zeit hier im Norden nach den Jahreszeiten, den Temperaturen richtet und wie abhängig die Bewohner davon sind. So achtet man im Herbst darauf, wann der Fjord zufriert, weil dann kein Schiff mehr auf die Insel gelangen kann. Das letzte Schiff ist also auch die letzte Möglichkeit Nahrung, Medikamente, ja Weihnachtsgeschenke auf die Insel zu bringen oder eben auch die letzte Möglichkeit die Insel vor dem Frühjahr zu verlassen. Gleichzeitig wird in der kleinen Gemeinschaft jeder Anlass genutzt, kleine oder größere Feste zu feiern um den eintönigen Alltag zu durchbrechen. Für Eivor ist diese Isolation täglich eine neue Herausforderung. Um dem monotonen Einerlei zu entkommen, begibt sie sich auf lange Skitouren mit Jossa, während eine der Krankenschwestern auf die Kinder aufpasst. Das Gewehr hat sie immer dabei, denn auf Spitzbergen sind Eisbären, die durchaus auch einmal in den Ort kommen, eine nicht seltene Gefahr.

„Eivors Ausflüge werden immer kürzer, je enger sich die Tage um sie herum schließen. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird das kleine Fenster mit Dämmerlicht kleiner und kleiner, und ihr Bewegungsradius schnürt sich im Takt enger. Sie traut sich nicht, lange Ausflüge zu machen, nicht einmal mit Jossa, nicht einmal mit Gewehr und Stirnlampe.“

Finn ist mit seinen Patienten ausgelastet, in den Kohlebergwerken kommt es immer wieder zu Unfällen bei den Grubenarbeitern. Er arbeitet zusammen mit dem Assistenzarzt Reidar und dem Zahnarzt … Immer wieder gibt es Überstunden oder lange Schichtdienste. Finn und Eivor entfremden sich zusehends. Von Anfang an bekommen sie auch privat Besuch von Heiberg, der in der Verwaltung des Bergwerks arbeitet. Zunächst scheint sich eine Männerfreundschaft zu entwickeln, doch bald schon zeigt sich, das Heiberg allerlei Merkwürdigkeiten und Ticks entwickelt. Eivor und die Kinder sind von seinen immer häufiger werdenden Besuchen genervt. Finn sieht sich in der Pflicht, dem Mann zu helfen.

Ganz nebenbei erfährt man auch von politischen Geschehnissen. Denn es herrscht der Kalte Krieg, es wird aufgerüstet mit Atombomben und man befürchtet, dass auch auf Svalbard ein Militärstützpunkt errichtet werden könnten, was Russland, das auf Svalbard auch Kohle fördert, nicht gefallen würde. Gleichzeitig ist man den Russen freundschaftlich verbunden, so dass man sich mit russischen Turnvereinen zu Wettkämpfen trifft.

Im Sommer verbringt die Familie mehrere Wochen in Norwegens Süden und in Oslo bei Eltern und Freunden. Für Eivor ist es eine vollkommen unbeschwerte Zeit und das Paar nähert sich wieder an.
Als sie wieder zurück sind, verrutscht das Gleichgewicht erneut. Eivor schafft es zwar die Kinder zu versorgen, doch Finn bekommen sie immer weniger zu sehen. Inzwischen ist Jossa vollständig in der Wohnung eingezogen und wichtigster Bezugspunkt für Eivor. Finn bemerkt, dass Heiberg immer mehr psychische Auffälligkeiten zeigt. Auf psychiatrische Erkrankungen ist das Krankenhaus nicht eingestellt, das letzte Schiff ist vor Wochen abgefahren. Und Heiberg verletzt sich selbst und gefährdet bald andere. Für Finn ist das eine große Herausforderung, er fühlt sich dem Beruf verpflichtet, der sich nun aber schwer mit der Familie vereinbaren lässt.

Die Autorin hat eine große Gabe, an Stellen wo es wichtig ist, genau hinzusehen. Sie zeichnet ihre Figuren bildhaft, besonders Eivor. Eivor in ihrer inneren Not und in ihrem Ringen zwischen Selbstbestimmung und Selbstaufgabe. Auch die Unterschiedlichkeit der Charaktere, die großen Unterscheide zwischen Finn und seiner Frau arbeitet sie deutlich heraus. Finn ist sehr gesellig, Eivor eher verschlossen. Eivor möchte gerne Zeit alleine mit ihrem Mann verbringen, Finn bringt oft unangekündigt Gäste mit. So spitzt sich die Lage immer mehr zu. Reden können die beiden kaum miteinander, obwohl sie es immer wieder versuchen. Als Leserin warte ich förmlich darauf, dass die Situation eskaliert. Gegen Ende des Romans, wir begleiten die Familie über ein ganzes Jahr, löst sich zumindest einer der Knoten auf. Doch die schwierige Grundsituation bleibt.

„Das Licht muss im Laufe der letzten Tage zurückgekehrt sein, sie erinnert sich nur an die Dunkelheit, bevor sie krank geworden ist. Es muss auf einmal ganz schnell gegangen sein. Das passiert Anfang Februar, das weiß sie noch vom letzten Jahr. Alles andere steht still. Das Einzige, was sich ändert, ist das Licht.“

Mich hat der Roman gefesselt, auch sprachlich, denn die Autorin erzählt leichthin und dennoch tief, atmosphärisch dicht. Die Kälte der Polarnacht, die den Menschen auf Dauer so zusetzt, war direkt spürbar.

Der Roman erschien im Insel Verlag. Karoline Hippe hat ihn aus dem Norwegischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Ein weiteres empfehlenswertes Buch über Spitzbergens Polarnacht, ist der inzwischen schon Klassiker gewordene Roman „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ von Christiane Ritter, bereits 1934 geschrieben.

Hanne Ørstavik: ti amo Karl Rauch Verlag

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Die Norwegerin Hanne Ørstavik hat einen kurzen Roman herausgegeben, der sehr traurig ist. Ich bin großer Fan ihres Schreibens. Es sind immer Themen, die anspruchsvoll und oft melancholisch sind. Tiefe und Sehnsucht strahlen durch ihre Bücher. Doch diesmal ist es noch etwas anders. Das Buch ist autobiographisch und erzählt von der Krebsdiagnose ihres Ehemanns und der letzten schweren Zeit vor dem Tod. Sie zititert anfangs auch immer wieder Birgitta Trotzig, eine schwedische Schriftstellerin, die im Schreiben offenbar auch ihre Möglichkeit der Verarbeitung von schweren (Krankheits?-)Situationen fand. Im Buch schreibt sie selbst, dass sie in der Zeit der Krankheit und der Pflege ihres Mannes nicht in der Lage war einen neuen Roman zu beginnen. Erst sollte dieses Thema seinen Weg finden. Dann könnte womöglich Neues beginnen. Das Buch ist auch ein Blick in das reiche Innenleben dieser wunderbaren Autorin.

„Und ich habe vierzehn Romane geschrieben, und wenn es etwas gibt, worum es mir beim Schreiben gegangen ist, dann darum, dass es wahrhaftig sein soll. Das, was ich schreibe, soll wahr sein. Dasselbe gilt auch für mein Leben, im Verhältnis zu anderen Menschen, im Verhältnis zu mir selbst.“

Die Autorin begegnet ihrem zukünftigen Mann in Italien bei einer Buchmesse. Er ist ihr italienischer Verleger. Die beiden lernen sich kennen und lieben und sie zieht zu ihm nach Mailand. Es ist beider große Liebe. Doch es bleibt eine sehr kurze unbeschwerte Zeit. Bald zeigt sich, dass ihr Mann an Krebs erkrankt ist und auch nach einer Operation und zahlreichen Chemotherapien ist keine Heilung in Sicht. Hanne, die vom Arzt erfährt, dass er höchstens noch ein Jahr zu leben hat, würde gerne mit ihm über den Tod reden, doch ihr Mann lehnt das ab. Er sperrt sich regelrecht dagegen, selbst als es nicht mehr zu verheimlichen ist. Er plant Parties, obwohl ihr gar nicht danach ist und geht immer wieder auch zur Arbeit in den Verlag. Doch es scheint eher ein Aufabstandhalten, ein Nichtwahrhabenwollen, eine Art Flucht  zu sein, was ihn antreibt. Immer wieder kommen dann die großen Schmerzen, die selbst mit großen Mengen an Morphium oft nicht aufzuhalten sind. Ein schonungsloses Bild, dessen, was Krebskrankheit bedeuten kann.

Ørstavik schildert auch ihre eigene Gefühlslage und wie sie auch versucht, sich abzugrenzen, ihre eigenen Kräfte zu bewahren, um nicht selbst, an den Rand der Verzweiflung zu kommen. Es gelingt nicht immer stark zu sein. Viele Erinnerungen tauchen auf, wie sie sich kennenlernten, zusammenfanden, welche Reisen sie gemeinsam machten und noch planten, wie groß diese Liebe war. Immer wieder versichern sie sich dieser und sagen es: „ICH LIEBE DICH. Wir sagen es die ganze Zeit. Wir sagen es, statt etwas anderes zu sagen.“ Und immer wieder spricht sie im Text ihren Mann direkt als ein Du an. Wir Leser*innen nehmen auch dadurch sehr nah am Geschehen teil. Das ist manchmal nicht leicht (besonders wenn sich noch persönliche Verbindungen dazu finden). 

Über den Tod ihres Mannes und die Zeit danach erfahren wir nichts, obwohl ich gerne mehr zu Abschied und Trauer gelesen hätte, aber vielleicht war es Hanne Ørstavik einfach nicht möglich darüber zu schreiben. Es ist ohnehin außergewöhnlich, ein so persönliches, schmerzlich offenes Buch zu schreiben und zu ver-öffentlichen. Danke, Hanne Ørstavik!

Und danke Andreas Donat, für die sensible Übersetzung. Das Buch erschien im Karl Rauch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Und ein kurzes Video der Autorin zu ihrem Buch hier:

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Rezensionen auf meinem Blog, alle Romane der Autorin sehr empfehlenswert:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Draesner: Schwitters Penguin Verlag

Die 1962 geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner ist sehr vielseitig in ihrem Tun. Sie schreibt Romane und Lyrik und sie übersetzt. Zuletzt waren ihre Übersetzungen der beiden Lyrikbände „Wilde Iris“ und „Averno“ der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück aus dem Englischen im Gespräch. Mit ihrem neuesten Roman „Schwitters“ über das Leben, des vor allem für sein Gedicht „Anna Blume“(siehe unten) bekannten Merz-Künstlers (1887 – 1948) bringt sie das Thema Sprache und das Schreiben in einer fremden Sprache auf den Tisch. Die Idee zum Roman kam auf sie zu, als sie 2015 als „poet in residence“ in Oxford lebte und plante, einen Roman in englischer Sprache zu schreiben.

Den Roman darf man sich nicht als Künstlerbiographie vorstellen. Es geht eher um den Mensch Kurt, seine Beziehungen und um die Flucht vor den Nazis ins Exil. In Hannover konnte er nicht bleiben. Seine Kunst wurde in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ gezeigt. Außerdem litt er an epileptischen Anfällen. So blieb Ehefrau Helma mit den beiden Müttern in der heimischen Villa zurück. Zunächst ging er 1940 nach Norwegen, wo bereits Sohn Erich lebte, der eine Norwegerin geheiratet hatte. Seinen Merzbau zurückzulassen war für ihn das schwerste und so begann er im Exil immer wieder mit kleineren Varianten davon.

Deutschland gewann Schlacht um Schlacht. Land. See. Luft. Militärisch fuhr das Deutsche Reich durch die Welt, als wäre die Welt ein Butterkuchen. Aufschneiden, mit deutschem Quark bestreichen, braune Rosinen drüberstreuen.“

Draesner schildert in drei Teilen (Das deutsche Leben, Das englische Leben, Das Nachleben) zunächst das recht bequeme Leben ohne Geldmangel in der geerbten Villa in Hannover. Dann lebt Kurt bei Sohn und Schwiegertochter in Lysaker, Norwegen, wo die Schwitters auch zuvor schon viele Sommer verbrachten. Doch bald schon sind sie auch dort durch den Einmarsch der Deutschen nicht mehr sicher. Die beschwerliche Reise nach England beginnt, auf der sie nach und nach fast alles an Besitz zurücklassen müssen. In England wird er zunächst als feindlicher Ausländer auf der Isle of Man inhaftiert. Doch sogar da ist er künstlerisch tätig.

Schwitters muss im Exil seine Sprache wechseln. Erst Norwegen, dann England. Da er im Exil nicht in Deutsch schreiben will, beschränkt er seine Kunst auf Collagen, Skulpturen und nach Kriegsende wegen Geldmangel auch auf Porträtmalerei. In England erfährt er, dass die heimische Villa zerbombt wurde, später, dass Helma gestorben ist. Zu dieser Zeit lebt er allerdings schon längst mit einer anderen (wesentlich jüngeren) Frau zusammen und hat kaum noch Kontakt in die Heimat. Edith, genannt Wantee, trifft er in London, beide ziehen zusammen nach dem Krieg aufs Land im Lake Distrikt. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, wieviel Rückenstärkung Schwitters von der jeweils aktuellen Frau erhält (was ja bei vielen großen Künstlern der Fall war), um weiter seiner Kunst nachgehen zu können.

„“Please, help yourself, on all accounts.“ Das fühlte sich besser an als auf Deutsch: Er half sich auf allen Konten, schüttete Hilfe in sich hinein, Zucker, my Dear, Milchtee, knackte den vierten Ingwerkeks aus der Küche von Mrs. Pierce, wobei er Mr. Pierce kontenhaft (sozusagen für alle Fälle) anlächelte. Die englische Sprache kroch ihm in den Kopf und half ihm auf die Sprünge.“

Wantee und Kurt leben in Amberside in ziemlich prekären Verhältnissen. Kurt entscheidet sich dennoch in England zu bleiben. Den Kontakt nach Hannover stellt er fast komplett ein und als der Sohn ihn nach Norwegen einlädt, wo er nun wieder lebt, lehnt Kurt ab. Trotz des Geldmangels und der immer mehr schwindenden Gesundheit hat er eine Art neues Zuhause gefunden. Die raue Natur inspiriert ihn und Wantee steht in allem hinter ihm. Endlich entsteht auch in einer angemieteten Scheune ein neuer Merzbau. Beenden kann er ihn leider nicht mehr. Schon im Jahr 1948 stirbt Schwitters, kurz nachdem er die englische Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Im letzten Kapitel „Das Nachleben“ schildert Draesner noch den erbitterten lange währenden Streit zwischen Edith und Ernst um Kurts Testament und das Erbe. Und erzählt vom Transport der letzten Merzbau-Wand in ein englisches Museum.

Draesners Art zu schreiben ist in diesem Roman sehr experimentell (siehe Auszug Foto oben). Oft legt sie Schwitters Sprachspielereien in den Mund, die auf Dauer das Lesen sehr stockend machen. Das mag sicher zu DADA-Schwitters passen, für mein Gefühl ist es manchmal etwas zu übertrieben. So verlieren sich auch oft Zusammenhänge. Im England-Teil spielt sie auch viel mit der englischen Sprache. Etwas, was sie auch in den eigenen Gedichten oft macht. Besonders gefallen mir die Textstellen, in denen Kurt durch die englische Landschaft streift und Ideen für seine Kunst schöpft. Hier gelingt es Draesner die Stimmung und Atmosphäre großartig einzufangen und zu vermitteln.

Der Schutzumschlag birgt eine Besonderheit. Nach dem Aufklappen findet sich eine große Übersichtskarte über die biographischen Daten Schwitters. Das Buch erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. (Fotos: wikimedia commons)

Weitere Rezensionen gibt es z. B. auf den Blogs „Zeichen & Zeiten“ und „Aufklappen“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tarjei Vesaas: Die Vögel Guggolz Verlag

Nach „Das Eis-Schloß“ folgt nun in neuer Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkels „Die Vögel“ des norwegischen Autors Tarjei Vesaas. Vesaas (1897-1970) ist einer der bekanntesten norwegischen Schriftsteller. An Vesaas orientierten sich etwa auch Jon Fosse und Tomas Espedal. „Das Eis-Schloß“ war ein solch zartes poetisches Buch, dass ich mich sehr auf den neuen Band freute. Ebenso wie das Eis-Schloß ist er auch äußerlich eine Schönheit.

Die Geschichte hat eine Stimmung, die schwer (in Worte) zu fassen ist. Genau genommen habe ich sie eher gefühlt, als mit dem Verstand erfasst. Sie ist wie aus der Welt und wie aus der Zeit gefallen. Sehr wohltuend dieses Buch gerade jetzt zu lesen, einzutauchen in diesen Kosmos, der einem als Großstadtbewohner so fremd geworden ist und doch Sehnsuchtsort ist. Die Natur spielt eine tragende Rolle. Der eigentliche Held Mattis eine tragische. Der Roman verzaubert trotz oder gerade wegen seiner Schlichtheit, die oft märchenhaft anmutet. Er erzeugt deutliche Bilder und Szenarien, durch die man nah an seinen Figuren ist. Eine große Traurigkeit durchzieht den gesamten Text, spürt man doch selbst die Einsamkeit des Helden.

„Da hatte er wieder so ein Wort angebracht, das leuchtend und verlockend vor ihm stand. Irgendwo warteten noch mehr so schafkantige Wörter. Die waren nicht für ihn, aber manchmal benutzte er sie heimlich doch, sie fühlten sich gut an auf der Zunge und kribbelten im Kopf. Ein bisschen gefährlich waren sie alle.“

Mattis lebt mit seiner Schwester Hege, beide sind um die vierzig, in einem kleinen Haus am See irgendwo in Norwegen. Hege sorgt durch Stricken für beider Lebensunterhalt. Mattis hat nie gearbeitet, weil er nicht der Hellste ist, weil ihn seine Gedanken, die eben langsamer sind als bei den anderen, überfordern und er selbst für grobe Arbeit nicht geeignet ist. Im Dorf nennen alle ihn den „Dussel“. Mir ist aus meiner Kindheit noch das Wort Dorftrottel im Kopf. Seit dem Tod der Eltern sorgt Hege für beide. Doch glücklich ist sie mit diesem Leben nicht. Immer wieder schickt sie Mattis los, um Arbeit zu finden, doch Mattis, der Träumer, wird meist wieder weggeschickt.

„Drei große Veränderungen. Heute früh waren sie wieder weg, etwas anderes brauchte er sich gar nicht erst einzubilden – ihm blieb nichts als die Erinnerung daran, sie erklang unter ihm, während er ging. Irgendwie, als ob er unabsichtlich auf einen Ton treten würde, in der Wiese, und dann stieg der Ton auf, zauberte und war wirklich und wahr.“

Eines Abends entdeckt er, dass der Balzflug einer Schnepfe, direkt übers Haus führt. Mattis ist zutiefst berührt von dieser Schönheit, ja es erscheint ihm wie eine Art spirituelles Erlebnis. Das er jedoch nicht mit Hege teilen kann, den Hege mit ihrer rationellen Art, versteht ihn nicht. Mattis findet im Wald Spuren der Schnepfe in einer Erdkuhle, die er als Sprache deutet, die nur er lesen kann und beginnt ein „Zwiegespräch“. Als die Schnepfe eines Tages von einem Jäger getötet wird, ist Mattis zutiefst erschüttert.

„Mattis verstummte, getroffen, konnte nicht so rasch alles von einer anderen Seite sehen. Jørgen hatte wahrscheinlich recht, obwohl. Er flatterte innerlich hilflos, wie er da stockstill saß. Die Welt war voller Übermacht, die plötzlich hereinbrach und einen wehrlos machte.“

Für ihn, den Sensiblen und Empfindsamen wird zum großen Erlebnis oder zur außerordentlichen Erschütterung, was für uns vielleicht nur ein alltägliches Geschehen ist. So empfindet er Stolz und Freude über zwei junge Mädchen, die am See Urlaub machen, ohne Vorurteile mit ihm plaudern und sich von ihm zum Steg rudern lassen. Alle sollen das sehen, dass er, der „Dussel“ in Begleitung von zwei hübschen Mädchen ist.

Als rudernder Fährmann will er dann in Zukunft auch arbeiten. Hege ist froh, dass er eine Aufgabe gefunden hat. Doch niemand will über den See. Bis auf den Holzfäller Jørgen, der dann auch im Haus von Hege und Mattis Unterkunft findet. Für Mattis wird diese Fahrt, die ihn zunächst in seinem Tun bestätigt schließlich schicksalsentscheidend, denn Jørgen und Hege verlieben sich und da ist Mattis plötzlich nicht mehr das wichtigste in Heges Leben, nun ist er das dritte Rad am Wagen …

Dass die Geschichte tragisch enden wird, ahnt man schon am Anfang. Während des Lesen jedoch komme ich dem Helden sehr nah und kann, ja, sogar das, mich in ihn einfühlen. Seine Gedankenwelt, oft kindlich und überwältigend, ist womöglich eine weitaus größere, als die der vermeintlich „Normalen“. Die vielfältigen Schichten und Dimensionen dieses Romans entfalten sich teils erst nach der Lektüre; das wird mir beim Schreiben darüber sehr bewusst. Langsames Leuchten!

Die Geschichte hat Vesaas in der Schriftsprache Nynorsk verfasst und sie wurde sehr sicher und treffend von Hinrich Schmidt-Henkels übersetzt. Interessant ist auch das Nachwort von Judith Hermann. Der Roman erschien im Guggolz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

 

 

 

Dag Solstad: [ 16.7.41 ] Dörlemann Verlag

Das neu übersetzte Buch von Dag Solstad trägt als Titel das Geburtsdatum des großen norwegischen Schriftstellers. Bereits dies weist darauf hin, dass es diesmal um den Autor selbst geht, dass er diesmal viel über sich selbst schreibt. Ich bin seit meinem Solstad-Leseprojekt großer Fan des Norwegers und tauchte gleich mit dem ersten Kapitel in den typischen Solstad-Space ein, Fußnoten inbegriffen.

Solstad erzählt von einem Flug nach Frankfurt am Main zu einer Veranstaltung der Buchmesse im Jahr 1990. Er fliegt dabei mit Zwischenstop Kopenhagen, da es keine Direktverbindung von Oslo gibt. Vor der Ankunft fliegt der Pilot ewig, wie es scheint, in Kreisen in der Warteschlange, um die Landegenehmigung zu erhalten. Hier beginnt Solstad sich in die Wolkendecke, über der der Flieger schwebt, zu versenken. Die Gedanken reichen so weit, dass er beginnt sich Engel und andere Himmelsgestalten auf den Wolken vorzustellen. Er driftet in ein vollkommen von der Erde losgelöstes Universum einer beinah religiösen Fantasie. Als er aus dieser endlich wieder auftaucht, weil die Maschine den Landeanflug begonnen hat, merkt er, dass er über Berlin fliegt und in Tegel landet. Die Durchsagen, dass die Maschine nicht in Frankfurt landen kann, hatte er aufgrund seiner Träumereien überhört. Es ist Solstads erste Begegnung mit Berlin.

„Fußnote 1
„Wie immer bin ich derjenige, der das hier schreibt. Doch wer ist derjenige, der sich in der internationalen Abflughalle des Flughafens Fornebu befindet, um mit einem SAS-Flug nach Frankfurt am Main zu reisen? Ich bin derjenige, der schreibt. Ich, der das hier schreibt, sage, der Mann am Flughafen ist derjenige, der schreibt. Also ich. Mein >nacktes< Ich. Ich denke zurück an mich in Fornebu an einem Oktobertag 1990 und schreibe diesen Text. Das liegt jetzt mehr als zehn Jahre zurück.“

In Berlin geht es dann auch im folgenden Kapitel weiter, allerdings 10 Jahre später. Solstad lebte mehrere Jahre in Berlin Kreuzberg am Maybachufer. Warum, weiß der Autor selbst nicht genau. Es folgen Beschreibungen der Stadt und der Spaziergänge, auf die uns der Autor mitnimmt. Da ich selbst hier wohne, ist mir vieles bekannt. Ich selbst kam 2004 nach Berlin, so kenne ich auch das Berlin dieser Zeit noch. Leider schlägt der Autor hier einen Erzählton an, der sich anhört, als würde mir ein allwissender Reiseführer Teile Berlins zeigen und den geschichtlichen Hintergrund dazu erzählen. Ich vermisse hier ganz klar die besonderen Eigenheiten in der Art der vorherigen Romane, die ich extrem gut finde. Mir sind diese Beschreibungen zu wenig aussagekräftig.

Dann wechselt der Schauplatz. Solstad schreibt über einen Vortrag, den er in Lillehammer hält. Dieser Vortrag über das Romaneschreiben und wie Solstad, der beinahe 60-jährige, sich das gegen Ende seiner aktiven Zeit als Schriftsteller vorstellt, findet sich dann auch komplett im Buch. Von Lillehammer reist der Autor in seinen Heimatort Sandefjord. Auch dort begleiten wir in wieder auf seinen Wegen. Er ist zu einem Klassentreffen eingeladen, findet aber die Lokalität nicht, in der die Festgesellschaft stattfinden soll. Die Suche gestaltet sich skurril, auch in Anbetracht des zunehmenden Alkoholpegels des Helden. Erst ganz spät am Abend, es ist beinahe Nacht, bemerkt er beim Spazieren durch die Stadt in seinem ehemaligen Elternhaus durchs Fenster seine Klassenkameraden feiern und tanzen. Trotzdem gelingt es ihm nicht, Zugang zu finden …

Hier ändert sich wieder der Tonus von Solstads Schreiben und das Blatt wendet sich zurück in die Vergangenheit. Ab hier bin ich wieder ganz dabei. Solstad erzählt anhand eines Kindheitserlebnisses von seinem Vater. Und das ist zutiefst berührend. Womöglich ist das das Neue, was in diesem Roman passiert: das erste(?) Mal schreibt Solstad über seine Herkunft, über seine Familie. Das gelingt im perfekt. Der Vater wird zum Zauberer für den kleinen Jungen, ja, zum Erfinder, dem es letztlich doch nicht gelingt das Perpetuum Mobile zu konstruieren und der sich dafür hoch verschuldet hatte. Der Vater, der Fragen immer ehrlich zu beantworten wusste, der einzig den Sohn in sein Vorhaben einweihte. Ein chronisch Kranker, der leider zu früh starb. Und so schließt sich auch der Kreis, der eingangs mit dem Kreisen des Flugzeugs begann und der Vorstellung des Vaters auf einer Wolke im Himmel.

„Eigentlich bin ich schon zu weit gegangen. Ich habe eine Lücke in meinem Bewusstsein gefunden und sie genutzt oder ausgenutzt, um mir Zugang zur Ewigkeit zu verschaffen, für einen kurzen Augenblick, weil ich meinen Vater auf diese Weise wiedersehen wollte.“

Und so bin ich wieder versöhnt am Ende des Buches, dass für mich auch ohne das Berliner Kapitel gut, wenn nicht sogar besser, funktioniert hätte. Nach den Phasen, in denen Solstad politische Literatur schrieb, dann teils skurrile Romane, kommt womöglich jetzt eine Phase der persönlichen Innenschau. Um Solstads Literatur kennen zu lernen empfehle ich dennoch mit anderen Titeln von ihm zu beginnen. Siehe mein zweiteiliges Solstad-Leseprojekt.

Der Roman „16.7.41“ erschien, wie alle anderen auch, im Dörlemann Verlag. Übersetzt hat es wie immer Ina Kronenberger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Hanne Ørstavik: Roman. Milano Karl Rauch Verlag

Foto von pixabay gemeinfrei

„Es ist so, als lebten wir ein Leben, von dem wir nichts wissen, denkt Val.“

Es ist das vierte Buch der Norwegerin Hanne Ørstavik, das ich lese und ich kann von ihrer Sprache nicht genug bekommen. Andreas Donat hat „Roman. Milano“ wie schon zuvor Die Zeit, die es dauert hervorragend übersetzt. Wenn ich auf Seite 9 bereits die ersten Zeilen anstreiche, dann weiß ich, ich bin im richtigen Buch. Wenn Ørstaviks Romane bisher schon allerfeinste Seelen- und Sozialstudien des Menschlichen waren, so geht die Autorin in diesem Buch noch weiter. Ihre Heldin Val zeigt sie bis in die Tiefen ihres Seins und geht mit großem Feingefühl und ebensolchem Sprachgefühl vor.

Die Norwegerin Val, 27, zieht zu ihrem italienischen Freund Paolo nach Mailand. Er ist wesentlich älter und arbeitet für einen großen Galeriekonzern, sie ist Zeichnerin. Beide haben sich auf ihrer Ausstellung in Oslo kennengelernt. Paolo hat sie umworben, sie sind zusammen verreist, haben sich Kunst angesehen und dann hat hat sich Val entschieden den großen Schritt zu machen. Für sie ist es schwer in einer Beziehung mit jemandem so eng zusammenzuleben, für Paolo leicht. Paolo ist noch verheiratet, obwohl seine Frau und er sich vor über 10 Jahren trennten. Val behagt das nicht. Sie versteht es nicht, doch Paolo erklärt ihr, dass es nur materielle Hintergründe hat und dass er nur sie liebe.

Val beginnt Mailand zu erkunden, von der Erdgeschoßwohnung mit den vergitterten Fenstern aus, die Blick auf eine kleine Piazza mit einer kleinen Kirche hat. Ihr Blick ist aufmerksam und genau. Sie blättert Fotobände über die Geschichte der Stadt durch, begegnet dem Faschismus unter Mussolini und entdeckt zwischen den geschichtlichen Texten auch Bilder eines Kinderheims, die sie sehr berühren. Waisenkinder sind es, Mädchen, Stelline genannt. Val versteht sie gut, denn ihre Eltern haben sie als Kleinkind an die Tante abgegeben, bei der sie dann im Reihenhaus wohnte. Die Eltern gingen nach Kalifornien, um Karriere zu machen und vergaßen sie. Erst als sie 12 Jahre alt war, gab es ein Treffen, dann noch einen Mittelmeerurlaub und dann gab es nichts mehr. Danach geben die Eltern der Teenagertochter sogar schriftlich zu verstehen, dass sie sie nicht wollen, dass sie für ein Kind eben nicht geeignet sind.

Als Leserin kann ich direkt nachvollziehen, was Val geprägt hat. Eine andauernde Vorstellung vom „nicht gewollt sein“, vom Ausgegrenztsein. Sie wünscht sich dazu zu gehören, hat aber Bindung als Kind nie erfahren, als es wichtig gewesen wäre. Und deshalb bleibt sie auch bei Paolo. Er will sie. Er liebt sie. Nur verstehen kann er sie vermutlich nicht. Er sieht nicht alles von ihr. Nicht die Dunkelheit, die Verlorenheit, das beinahe Verschwinden.

Val begibt sich mithilfe ihrer Zeichnungen, die sie ganz intuitiv entstehen lässt, immer wieder tief in ihr Innerstes. Sie überlässt sich ganz ihren Eingebungen, ihrer Fantasie und ihren Träumen. So kann sie dem Leben besser entgegentreten. Sie erfindet Figuren, die sie real flüchtig gesehen hat und in ihren Zeichnungen und Notizen ausschmückt und ihnen Leben und Vergangenheit einhaucht. Dass diese Geschichten und Bilder immer mit ihrer eigenen Person zu tun haben, dessen ist sie sich bewusst.

„Dieses Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt.
Jene, da draußen, von der die Fotografen erzählen. Und dann gibt es die, die sie selbst in sich trägt, in ihrem Innersten. Die, mit der sie durch die Welt geht. Die für Val die stärkste ist. Als ginge sie durch die Welt, in ihrem eigenen Inneren. Kommen die beiden überhaupt in Berührung?“

Die Autorin lässt Figuren und Formen verschmelzen. Sie lässt die Stadt in den Augen Vals aufscheinen, die Architektur studiert hat, weil sie dann einen Beruf hatte, in dem sie zeichnen konnte. Gearbeitet hat sie nie als Architektin, aber sie geht mit diesem Blick durch die Stadt. Auch der menschliche Körper ist für sie in eine Form gepresst, durch die Muskeln gehalten. Oft hat sie das Gefühl, ihren Körper nicht in seiner Form halten zu können, zu zerfließen, sich aufzulösen. Dann will sie ihren Körper durch übertriebene Sportlichkeit formen. Auch der Blick Paolos auf sie ist ihr wichtig. Gleichzeitig erkennt sie auf den Festen und Ausstellungseröffnungen, die sie mit ihm besucht, wie wichtig Äußerlichkeiten in dessen Leben zu sein scheinen, wieviel Oberflächlichkeit in seinen Kreisen herrscht, wie verlogen die Kunstszene ist. Immer hinterfragt sie, was darunter liegt. Unter den Masken der Menschen und unter der neuen Architektur der Stadt. Für sie die Hochsensible, die Melancholische, geht alles ins Existenzielle. Sie gerät immer neu an ihre Grenzen.

„Ja, vielleicht kann das Zeichnen, kann die Kunst ein Freund sein, denkt Val. Vielleicht kann die Kunst die andere in mir sein. Das Fremde in mir, zu dem ich sonst keinen Zugang habe. Schattenräume in mir, versteckte. Die ich brauche, um zu wachsen. Durch deren Berührung ich mich verändern und wirklich werden kann?

In kurzen Kapiteln folgen wir Val durch ihr reales Leben in Mailand mit Paolo, durch ihre Vergangenheit in Norwegen und durch ihre Träume und die erzeichneten und erfundenen Geschichten über Jason, Vivian und die Waisenmädchen. Man fühlt, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie ein Leben innen und außen so unterschiedlich gelebt werden kann. Dank Ørstaviks Sprache und Einfühlungsvermögen ist es ein intensives Leseerlebnis, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Und ein tiefer Einblick in die Welt einer authentischen Künstlerin, für die ihr Tun heilsame Kräfte entwickelt. Einziges Manko, und dass sicher auch nur für mich: ein Happyend.

Geschickt und stimmig, wie Ørstavik Szenen aus Filmen von Michelangelo Antonioni mit einfügt. Froh bin ich auch über den Hinweis zur Künstlerin Marlene Dumas, deren Bilder im Roman mehrmals erwähnt werden und die mich sofort ansprechen. Große Lust, Mailand zu erkunden, habe ich bekommen. Danke auch dafür, Hanne Ørstavik! Strahlendes Leuchten!

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag. Er ist wieder wunderbar haptisch gestaltet mit feinem Papier, farbiger Fadenheftung und passendem Lesebändchen. Dank an Übersetzer Andreas Donat für das Rezensionsexemplar!

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Leseprojekt Dag Solstad II: Elfter Roman, achtzehntes Buch / Scham und Würde Dörlemann Verlag

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Bevor er sich in schriftstellerisch andere Bahnen bewegte, war der 1941 im norwegischen Sandefjord geborene Dag Solstad ein politischer Autor, dem Kommunismus zugetan. Als äußerst Linker versuchte er engagiert den Kapitalismus zu bekämpfen, was allerdings wenig am Boom desselben änderte. Solstad ist in Norwegen einer der bekanntesten Autoren und hat viele Preise erhalten. Möge er hierzulande auch gelesen werden. Seine Texte begeistern mich alle. Sie leuchten!
Nach „T. Singer“ und „Professor Andersens Nacht“ stelle ich nun noch diese beiden älteren Romane vor:

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Mit „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ steht nun der Einzelne, nicht mehr die Gesellschaft im Vordergrund von Solstads Schreibens. Das Buch erschien in Norwegen bereits 1992. Es ist eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte.

Wir begegnen Björn Hansen, wie er am Bahnhof steht und auf seinen 20-jährigen Sohn wartet, der während seines Studiums in Kongsberg bei ihm wohnen will. Hansen hat den Sohn nicht mehr gesehen, seit dieser als 14-jähriger die Ferien bei ihm verbrachte. Von der Mutter Peters hatte er sich getrennt, als dieser gerade zwei Jahre alt war, weil er sich in eine andere Frau verliebte, zu der er Hals-über-Kopf von Oslo nach Kongsberg zog. Doch irgendwann war es auch hier aus mit der Liebe, obwohl beide die Leidenschaft zum Laientheaterspiel verbindet. Durch Turid lernt er auch den Arzt Dr. Schioch kennen (der später noch eine wichtige Rolle spielt), denn sie lädt gerne ihre Theatergruppe in ihre Villa ein. Als Stadtkämmerer hat Björn Hansen, nun alleine lebend ein gutes Einkommen. Sein soziales Leben beschränkt sich fast vollkommen auf ein befreundetes Ehepaar. Vom Zusammenleben mit dem erwachsenen Sohn erhofft sich Hansen Abwechslung und neue Energie in seinem Leben. Doch der Sohn hat seine eigenen Vorstellungen und bleibt unnahbar. Die beiden reden meist aneinander vorbei. Er erlebt, dass dieser bei Studienkollegen ein Außenseiter bleibt und merkt, dass er seinen Sohn eigentlich auch nicht wirklich gut leiden kann.

„Er redete ununterbrochen. Mit der immergleichen eintönigen, viel zu lauten Stimme. Über die Augen des Vaters hinweg, aber direkt in sein Ohr. Der Sohn nahm seine Ohren unter Beschuß. Das Ganze hatte sich völlig anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte.“

Scheinbar aus einer Laune heraus, die in bitterem Ernst endet, spinnt Hansen einen spektakulären Plan, wie er sich aus dem Leben fast ganz zurückziehen kann. Dr. Schioch spielt dabei eine tragende Rolle und ein weiterer Arzt in Litauen, wohin Hansen zu einer Dienstreise aufbricht und als ein vollkommen Anderer zurückkehrt …

Auch hier spielt die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten wieder eine große Rolle. Ein Großteil des Romans spielt sich im Kopf von Hansen ab. Denn auch Hansen ist ein Grübler, ein Zweifler und ein seltsamer Zeitgenosse, über den man sich am Ende nur wundern kann. Wunderbar drückt Solstad hier die Distanz aus, die zwischen dem Vater und dem Sohn entsteht, nicht nur aus dem Persönlichen heraus, sondern auch durch den Generationenunterschied, der immer schnelleren Veränderungen unterworfen ist.

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„Scham und Würde“ erschien 1994 in Norwegen. Hier geht es um Elias Rukla, Lehrer um die fünfzig, der plötzlich im Pausenhof seines Gymnasiums ausrastet. Kurz davor hat er im Unterricht ein Ibsen-Drama behandelt und urplötzlich eine vollkommen neue Erkenntnis über das Stück erhalten. Und das nach 25 Jahren des Studiums und des Lesens dieses Stückes im Unterricht. Doch damit einher geht auch die Erkenntnis, dass seine Schüler so gar kein Interesse mehr am norwegischen Kulturgut haben, was er ihnen mühevoll zu vermitteln versucht. Draußen im Schulhof will er seinen Regenschirm aufspannen, da es regnet, doch es klappt nicht. Da brennt eine Sicherung bei ihm durch. Mit dem Schirm prügelt er wie besessen auf einen Brunnen ein und beschimpft gaffende Schüler. Danach verlässt er die Schule und beginnt ziellos durch die Straßen zu laufen. Nur weg. Dahin zurück kann er nicht mehr, denkt er. Und was wird dann aus ihm? aus seiner Frau?

Und dann beginnt langsam aber immer tiefer ein Zurückdenken. Ein Erinnerungsstrom daran, wie es überhaupt dazu kam, dass er seine Frau Eva traf und wie turbulent anfangs seine Studienzeit verlief: Dass der geniale, begabte Philosophiestudent, Luftikus und bald bester Freund Johan Corneliussen daran großen Anteil hatte und dass er mit ihm durch dick und dünn ging, bis dieser für alle vollkommen überraschend nach Abschluß seines Langzeitstudiums alle Brücken in Norwegen abbrach, die Philosophie aufgab und nach USA auswanderte …

„Man muss Studienrat Rukla einen zufriedenen Mann nennen, der leichten Fußes in dünnen Schuhen zu seinen täglichen Pflichten am Fagerborg Gymnasium aufbrach, die Jacob Aalls Gate hinaufging, im milden Monat März zur Zeit der Schneeschmelze an den Schlammlachen vorbei, etwa um das Jahr 1978 herum, und auch später noch, obwohl Eva Linde mit keinem Wort je gesagt hatte, sie würde ihn lieben.“

Auch hier wieder die Innenschau, die Reflektion. Doch spielt hier auch einmal eine Frau eine wichtige Rolle, eine Partnerschaft, die unter unguten Vorzeichen begann, die zwar hält, aber wenig trägt, aus Gründen, die dem Protagonisten wenig durchschaubar erscheinen. So wie seine Frau, einst eine Schönheit, die sich im Verlauf der Geschichte vom Schicksal der „schönen Frau“ emanzipiert und ihr aufgegebenes Studium wieder aufnimmt, ihn ebenso wenig in die Karten blicken lässt.

Beide Romane erschienen im Dörlemann Verlag in einer broschierten Ausgabe.  Übersetzt wurden beide von Ina Kronenberger. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite.

Leseprojekt Dag Solstad I: T. Singer / Professor Andersens Nacht Dörlemann Verlag

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„Vom Storytelling halte er gar nichts. Seine Bücher sollen nach Literatur riechen, nicht nach gelebtem Leben.“ sagt der 1941 geborene Norweger Dag Solstad in einem Interview  mit Iris Radisch in der ZEIT. Das ist mir so sympathisch und ich wundere mich, dass die Bücher dieses großen Erzählers hierzulande so wenig bekannt sind (im Gegensatz zu Knausgard oder Espedal). Er hat schon einen eigensinnigen Stil. Aber gerade damit erreicht er wahre literarische und erzählerische Tiefe.

Denn wir müssen zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung rätselhaft anmuten kann, dass Singer in irgendeinem Roman eine Hauptfigur sein könnte, unabhängig vom Niveau, wir können aber darüber informieren, dass eben dieses Rätselhafte das Thema des zu realisierenden Romans ist.“

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Im Roman „T: Singer“, der bereits 1999 in Norwegen erschien, lässt er einen absoluten Außenseiter, immer wieder kommentiert vom allwissenden Erzähler (siehe Zitat oben) durch sein grüblerisches, gewollt gleichförmiges Leben gehen. Eigentlich möchte er unsichtbar bleiben und nichts als ein gewöhnliches Leben führen. Einmal, als Kind, hat ihn ein Ereignis so geprägt, dass er noch im späteren Leben immer wieder davon beeinträchtigt wird. Es ist so unspektakulär und dennoch entspringt dem ein großes Schamgefühl. Durch Tagträume und Philosophieren gelangt er durch die Tage und wird unversehens zum Langzeitstudent. Anfangs manifestiert sich der Wunsch Schriftsteller zu werden, doch er denkt so lange über den ersten Satz nach, dass er darüber nicht hinaus findet.

„Singer liegt auf der Couch seiner Bruchbude im Stadtteil Homansbyen, […] während er hier, bald dreißig Jahre seinem seligen Tagtraum nachhängt. Das hier ist Singer, absorbiert von seiner heimlichen Bestimmung, die in erster Linie ein Tagtraum ist.“

Schließlich wird er Bibliothekar, nimmt mit Mitte 30 eine Stelle in der Provinz an und zieht weg aus Oslo. In Notodden in der Telemark läuft anfangs alles nach Plan. Er geht in der Masse unter. Seine recht gleichförmige Arbeit bei meist gleichem Tagesablauf ist genau das, was er will. Bestimmte Rituale ergänzen den Tag.

Als er sich in eine Frau verliebt, bei ihr einzieht und heiratet, läuft auch das alles vollkommen unspektakulär für ihn ab. Die Anfangszeit ist geprägt von frischem Wind, von Ablenkungen und neuen Ritualen, wird für ihn aber schnell wieder zur Routine und Singer wird wieder introvertiert wie zuvor. Bald wird klar, dass es zu einer Trennung kommen muss. Doch durch einen Verkehrsunfall kommt seine Frau Merete zu Tode. Dass Singer sich um ihre Tochter kümmert, die aus einer vorigen Beziehung stammt, ist für ihn gleich klar. Und obwohl er weiß, dass ihm nicht wirklich an ihr liegt, besteht er den Großeltern gegenüber darauf, immer in der Angst, alle könnten ahnen, dass Merete und er sich eigentlich scheiden lassen wollten. Von seinem eigentlichen Entschluß, aus diesem Leben auszubrechen, als 40-jähriger anderenorts neu zu beginnen, bleibt nur der Umzug nach Oslo mit einer neuen Bibliothekarsstelle. Und so lebt er schließlich mit einer ihm fremden Tochter ein ihm eigentlich fremdes Leben …

T. Singer ist wie viele der männlichen Protagonisten bei Solstad einer, der sich schicksalhaft treiben lässt, selten eigene Entscheidungen trifft, und wenn doch, dann sogar oft gegen das eigene intuitive Bauchgefühl. So als müsste er nach einer höheren Instanz, einer bestimmten Norm oder Moral handeln, die über sein Tun zu entscheiden hat. Das macht einem die Figuren mitunter fremd aber eben auch extrem faszinierend. Allesamt sinnt sie Zweifler und Eigenbrötler. Solstad beherrscht die Sprache perfekt und bereichert sie mit philosophischen und moralischen Fragestellungen.

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„Professor Andersens Nacht“
mutet zunächst wie ein Kriminalroman an. Er erschien bereits 1996 in Norwegen und die Handlung beginnt am Heiligabend mit einem typisch norwegischen Weihnachtsessen.

Der Literaturprofessor Pål Andersen, alleinlebend, verbringt den Weihnachtsabend zu Hause und sinniert über Sinn und Unsinn dieses Festes. Zu vorgerückter Stunde steht er am Fenster und beobachtet die Menschen in den hell erleuchteten Fenstern im Haus gegenüber. Alles scheint friedlich, bis Andersen Unglaubliches sieht. In einer Wohnung wird eine junge Frau von einem Mann erdrosselt. Andersen ist schockiert, greift zum Telefonhörer, um die Polizei zu benachrichtigen. Doch dann legt er wieder auf. Warum er das tut, weiß er selbst nicht. Es scheint wie ein Zwang. Doch Ruhe findet er nach dieser Entscheidung nicht mehr. Wir kennen das alle: man schiebt eine wichtige Sache auf und irgendwann, je länger man wartet, wird es schier unmöglich, es noch zu tun.

„Dann lief er durch seine Wohnung, […] bis zum hell erleuchteten Arbeitszimmer, wo er sich einige Zeit hinsetzte und zu lesen vorgab, bevor er aufstand, und wieder durch die Zimmer der Wohnung ging, grübelnd, über sich selbst nachdenkend, im völligen Bewusstsein über das, was er da trieb, aber mindestens ebenso ergriffen von dem Unverständlichen daran.“

Was nun in Professor Andersen vorgeht ist spannendstes Kopfkino und psychologische Studie zugleich. Andersen schläft schlecht, geht spazieren und vor allem steht er den Rest des Weihnachtsfests am Fenster und lauert, was gegenüber weiter passiert. Bei einer Einladung zu einem Freund versucht er sich mitzuteilen, endlich über das Vorgefallene sprechen zu können, würde ihn beruhigen, denkt er. Doch er schafft es nicht. Nach schlafloser Nacht, bricht er spontan auf nach Trondheim, um dort Silvester zu verbringen. Nur weg, denkt er. Dort trifft er sich mit einem Kollegen und die Gespräche, von viel Alkohol durchtränkt, lassen ihn langsam das Gesehene vergessen. Über existenzielle Themen und über ihren Beruf und inwiefern die Literatur heutzutage überhaupt noch tragbar ist, wird diskutiert. Sehr spannend ist das alles für die Leser, obgleich man selbst natürlich den Mord nicht aus dem Kopf bekommt, wissen will, wie es weitergeht. Doch auf eine übliche Krimihandlung darf man hier nicht hoffen und das ist gut so.

Andersen erwacht früh am Morgen im Hotel in Trondheim mit panischer Angst, bricht sofort auf und reist nach Hause. In der Wohnung begibt er sich sofort ans Fenster. Infolge sieht Andersen den mutmasslichen Mörder in der Wohnung, die Wohnung verlassen und wieder betreten, kann anhand der Namensschilder an der Haustür seinen Namen ausfindig machen, begegnet ihm sogar auf der Straße. Wochen vergehen. Täglich durchforstet er die Zeitung nach dem Todesfall oder einer Vermisstenanzeige. Doch nichts. In hanebüchenen Selbstgesprächen erläutert er das Für und Wieder nun endlich doch noch zur Polizei zu gehen. Und schließlich sitzt Andersen sogar in einer Sushibar um die Ecke neben ihm, wo er mit ihm ins Gespräch kommt …

Was Dag Solstad als Schriftsteller leistet ist einfach genial. Er schreibt so herrlich unberechenbar, dass seine Geschichten, obwohl scheinbar wenig passiert, spannend und berauschend sind. Das Wenige, was im Außen passiert, steht dem reichen Innenleben seiner Protagonisten entgegen und reicht bis zu philosophisch existenziellen Themen, die uns alle betreffen. Denken und hinterfragen und zweifeln stehen hier im Mittelpunkt. Und eine anspruchsvolle Sprache, die Ina Kronenberger großartig übersetzt hat. DAS ist große Literatur! Hellstes Leuchten!

Lieber Dörlemann Verlag, bitte vervollständigt die Werkausgabe von Dag Solstad! Ich benötige Nachschub!

Teil II meines Leseprojekts „Solstad lesen“ folgt in Kürze. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite. Eine weitere Besprechung zu „T. Singer“ findet sich auf dem Blog „letteratura“.

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte Piper Verlag

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„Im Übrigen stimmt die Wahrheit des Herzens nicht immer mit der Wahrheit der Welt überein. Darum ist das Leben unbegreiflich. Das ist der Schmerz. Das ist die Trauer. Das ist die Kraft, die uns zum Leuchten bringt.“

Es ist der erste Roman, den ich von Jón Kalman Stefánsson lese. Lange schon liebäugelte ich mit dem bekannten isländischen Autor und nun gab es eine Lesung im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin (Foto unten der Autor im Gespräch mit Kristof Magnusson) und das war willkommener Anlass für den Einstieg ins Werk. Gleich vorweg: Jón Kalman Stefánssons Erzähler im Roman „Ástas Geschichte“ ist höchst unzuverlässig, wenngleich allwissend. Er erzählt und kommentiert und plaudert aus dem Nähkästchen, beobachtet ihn an seinem Schreibtisch, während man neugierig auf den Verlauf von Ástas Geschichte ist.

Das Wort Ást bedeutet im Isländischen Liebe. Und von einer oder gar mehreren Liebesgeschichten handelt auch dieses Buch. Wenngleich es nicht um erfüllte Liebe geht, wie könnte es anders sein. Ob die Mutter Ásta geliebt hat, obwohl sie sie als Kleinkind verließ? Obwohl sie doch ein Kind der Liebe war und nach einer zentralen Figur eines Romans von Halldor Laxness benannt war?

Der eigentliche Inhalt ist schnell erzählt: Das Leben Ástas scheint von Anfang an unter einem eher dunklen Stern zu stehen. Von der Mutter früh verlassen, wächst sie bei einer Ziehmutter auf, wird als Teenager zur Arbeit aufs Land geschickt, weil sie als „schwer erziehbar“ gilt und auch später tanzt sie aus der Reihe. Sie will sich nicht einordnen in die Normalität der Anderen und fällt dadurch oft „unangenehm“ auf. Doch trotz ihres wilden freizügigen Lebens wird sie nicht glücklich, denn die Männer, die sie ob ihrer Schönheit so anhimmeln, sind nie die richtigen. Bis auf einen, den sie verliert.

In Rückblenden aus der Sicht des Vaters (der zudem noch im Sterben liegt), in späten Briefen Ástas an einen verlorenen Geliebten und mit vielen Zeitsprüngen bahne ich mir als Leserin meinen Weg durch Raum und Zeit und decke die verschiedenen Schichten auf, erlese mir meine Sicht auf diese Frau, die „Liebe“ heißt.  Im letzten Drittel jedoch nahm die Neugier auf Ásta ein wenig ab, vielleicht weil, obgleich gut konstruiert, doch manche Kapitel in die Länge gezogen und wirr wirken. Mitunter finde ich die Art und Weise, wie hier von Liebe gesprochen wird, ein wenig zu süßlich, dann wieder arg derb. Vielleicht liegt es an dem, wie ich glaube, deutlich männlichen Blick. Auch sprachlich wurde ich nicht überzeugt, obwohl es einzelne schöne Sätze gibt (siehe Zitat oben). Dennoch kann man sagen, dass Stefánsson eine prägnante eigene Art hat zu schreiben, die man sicher aus vielen Texten heraus erkennen würde.

Schön finde ich, dass ich durch die Lektüre einige interessante, mir bisher unbekannte Dichter kennenlernen konnte, wie etwa den Norweger Sigbjørn Obstfelder (bekannt mit Rilke und Munch), dessen Zeilen aus dem Gedicht „ich sehe“ mir doch sehr aus der Seele sprechen:

Jeg ser, jeg ser …
Jeg erist kommet paa en feil klode!
Da saa underligt …

Ich schaue, ich schaue …,
ich bin auf dem falschen Planeten gelandet!
Es ist so seltsam hier …

Der Roman erschien im Piper Verlag und wurde übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.