Stadt Land Buch 2018 Literatur aus den nordischen Ländern

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Vom 11.11. bis 16.11.18 sind die Nordischen Länder zu Gast bei StadtLandBuch in Berlin und Brandenburg. Hier gehts zum Programm: http://www.stadtlandbuch.de

Und hier einige meiner nordischen Favoriten:

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Lars Saabye Christensen: Magnet btb Verlag

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„Was wäre, wenn man eine umgedrehte Erinnerung hätte und sich an das erinnern könnte, was noch geschehen sollte?“

Lars Saabye Christensens neuer Roman hat 950 Seiten. Keine davon ist verzichtbar. Ihn zu lesen bedeutet Eintauchen, die Zeit vergessen, obgleich der norwegische Autor vor allem über die Zeit schreibt. Anhand des Hauptprotagonisten, der Fotograf ist, lässt sich das besonders gut aufzeigen. Fotografieren ist Zeit stoppen, festhalten, der Moment der Vergangenheit, der hernach beim Betrachten in der Gegenwart geschieht, die Erinnerung daran, die womöglich ganz anders war. Überhaupt erfahre ich hier viel über Fotografie, eine Faszination, die auch den gesamten Roman mit trägt.

Jokum Jokumsen, 22 Jahre alt und Student der Literaturwissenschaft, misst über 2 Meter. Dass er mit dieser Größe geschlagen ist, macht ihm immer wieder zu schaffen. Erst als seine Zimmernachbarin im Studentenwohnheim, Synne, zwei Jahre älter, Kunstgeschichte studierend, ihm erzählt, dass er Giacomettis „Der Schreitende“ ähnelt, den sie sehr mag, ist er eine Weile damit versöhnt. Denn er ist verliebt in Synne.

Das ist der Anfang. Wir sind im Oslo der 70er Jahre. Christensen weiß diese Zeit atmosphärisch dicht darzustellen: Jokum, der sich mit Kafkas „Prozeß“ herumschlägt, Jazz statt Rock mag und unter seiner Größe leidet, auch körperlich, die Proportionen stimmen nicht. Nebenan die schöne Synne, die heimlich im Wohnheim den Hamster Hubert hält. Tatsächlich kommen die beiden im ersten Teil des Buches zusammen. Was mich wirklich irritiert, ist, dass dieses Paar imgrunde überhaupt nicht zueinander passt und trotzdem lange miteinander lebt. Jokum ist der Träumer, der Kreative, der begabte Fotograf, der Synne abgöttisch liebt, ja, der sich von ihr bevormunden lässt, bis mir als Leserin, die Wut hochsteigt auf diese Frau. Ist es womöglich wirklich so, dass einer in einer Beziehung immer mehr liebt? Von Synne gibt es jedenfalls kaum Zeichen der Liebe, eher starke Launenhaftigkeit gepaart mit Sarkasmus. Sympathisch ist sie mir als Leserin nicht. Blickt man auf ihr chaotisches Elternhaus zurück, kommt vielleicht etwas Verständnis auf. Jokum hingegen kommt aus einem intakten Elternhaus. Sein Vater kommt ursprünglich aus Dänemark und schwärmt für den Karikaturisten Storm P., der im Roman immer wieder auftauchen wird, ebenso wie der Magnet, der auch vom Vater kommt.

Zeitsprung/Ortswechsel: Nach einem kurzen Zwischenspiel in Dänemark, leben die beiden nun in San Francisco, sind verheiratet. Synne schreibt ihre Doktorarbeit, Jokum fotografiert Dinge. Synne hat ein ganz anders Tempo als Jokum. Sie treibt ihn an, verhilft ihm zur ersten Ausstellung und sagt ihm, was zu tun ist, legt ihm die Worte für Interviews vor und er macht alles mit. Sie ist letztlich eher seine Managerin als seine Frau und führt ihn zum Erfolg. Doch ist das noch er selbst?

Er hatte Dinge verschoben. Er hatte sie zurechtgelegt. Das Foto vom Zimmer des Matrosen war nicht echt. Das machte Jokum zu dem Künstler, der er nicht sein wollte. Er wollte nur einer sein, der zufällig an einem Punkt vorbeikam, wo etwas ist. Und aus dem, was ist, sollten die Bilder entstehen und durch sie bestehen.“

Die Jahre vergehen. Jokum wird berühmt, gibt Interviews, sogar für das heimische norwegische Fernsehen. Das MOMA kauft Fotos an und man lädt ihn ein zur Biennale in Venedig. Doch Jokum wird das alles mehr und mehr zuviel. Er hört auf mit dem Fotografieren. Nachdem ein Fotozyklus über Synnes Schwangerschaft ausgestellt wird, sie das Kind aber verlieren, entsteht eine immer tiefere Kluft zwischen beiden, es kommt zur Trennung. Einmal noch sehen sie sich, als Synne sehr krank wird …

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

In den letzten Kapiteln geht es etwas verwirrend zu und doch durchdringt man letztlich die feinen Gewebe der verschlungenen Lebenswege des Paares. Und immer bleibt alles in Bewegung, wenn man es nicht fotografisch festhält. Denn Erinnerungen trügen und jeder hat seine eigenen…

„Ließ das Alter womöglich alles zur Komödie werden? Sollte das, was in der Jugend als Tragödie dastand, mit den Jahren einer Farce ähneln?“

Zwischendurch gibt es Kapitel, die aus gänzlich anderer Perspektive berichten, und zwar zunächst aus einem Heim? einer Anstalt? einer Klinik?, genau weiß man es noch nicht. Dort erzählt einer, der Jokum und Synne aus Studentenzeiten in Oslo kannte, und der offenbar dem Schreiben vollkommen verfallen ist. (Es ist gleichzeitig die Erzählerstimme). Er arbeitete endlose Jahre an seinem ersten Roman und ausgerechnet am Erstverkaufstag mit geplanter Release-Lesung bohren sich zwei Flugzeuge in New York in die Twin-Towers …

Christensen hat auch mit Magnet ein wunderbares Stück Literatur erschaffen, mit viel Witz und philosophischer Tiefe. So, wie ich es bereits vom lange zuvor erschienenen Roman „Der Halbbruder“ kenne. Der Autor ist ein König der Metaphern und ein Künstler der Konstruktion: Sprache und Inhalt als gelungene Komposition. Die Figuren sind lebendig beschrieben und besitzen alle eine gewisse Skurrilität. Man merkt an der Sprache auch, dass Christensen Lyriker ist. Warum der Roman Magnet heißt? Das ist Jokums Geheimnis … Magnetisches Leuchten!

Der Roman erschien im btb Verlag. Übersetzt hat ihn Christel Hildebrandt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Kjartan Hatløy: Der weiße Weg Edition Rugerup

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Bereits als ich zum ersten Mal Kjartan Hatløys Gedichte las, wusste ich, das ist komplex und gleichzeitig in seiner Einfachheit tief berührend, das ist Lyrik, wie sie mir wichtig ist. Der 1954 geborene Dichter lebt in Norwegen, abseits der Städte an einem Fjord und hat alles in der Umgebung was er für seine Texte braucht: Natur, Tiere, Stille, Bücher und eine klare Quelle als Meditationsort.

„Freue mich über mein Weniges von der reichlichen Zeit der Sonne. Wärmt mich. Dass sie die Möglichkeit bekam, zu werden, wie herrlich ist das! Und sonst: Meinen Kiesweg entlang tanzen viele Einsamkeiten willig mit.“

Der Filmemacher Frank Wierke hat einen Film über den Dichter gedreht, der all dies mit einbezieht. Bei einem ersten Kennenlernen verstanden sich beide gut und es entstand ein schriftlicher Austausch in deutscher Sprache, aus dem dann die Idee des Films entstand. Hatløy schickte kleine „Stimmungen aus Salbu“, so auch der Untertitel des Buches und Wierke machte bei seinen Besuchen die Bilder zu den Stimmungen. In etwa einem Jahr entstand so ein außergewöhnlicher Film, der sehr nah geht. Er heißt Solreven – Sonnenfuchs. Einen Ausschnitt findet man hier.

Die Temperatur in den Handmuscheln meiner Kinderzeit nutze ich nun als freundliche Kraft, die ich überall nah bei mir habe.“

Inzwischen wurden die „Stimmungen“ in Norwegen mit großem Erfolg verlegt, wie alle seine bisherigen Bände, beim bekannten Oktober Verlag (lange vor den Büchern Knausgårds (Kjartan ist ein Onkel von Karl Ove)).

Kürzlich gab es die Deutschlandpremiere des Films zusammen mit einer Lesung aus dem neuen Lyrikband, initiiert vom Haus für Poesie im Kino Central. Kjartan Hatløy las auf Norwegisch und Übersetzer und Lyriker Klaus Anders die deutsche Variante.

„Das Geräusch des Flusses ist ein anderes Blut, hier bei dem großen Stein mittendrin, wo der einzelne Tag klingt wie eine indische Trommel. Das Geräusch ist so achtsam, dass ich es, ein einziges Mal, meine Hand küssen ließ.“

Die Gedichte zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur und vom Einverstandensein mit allem Leben. Sie beziehen sich auf den riesigen Kosmos und dann wieder auf die Winzigkeit eines Erlenblatts. „Meine Gedichte entstehen hauptsächlich aus dem Denken“. Der Autor hat Philosophie studiert, hat Deutsch gelernt, damit er die deutschsprachigen Philosophen im Original lesen kann. Er weiß aber auch um die harte körperliche Arbeit als Werftarbeiter. Genügsam und allein lebt er in dem Haus am Fjord. Sein Zuhause ist der gesamte Kosmos. Er ist der Wissenschaft ebenso wie dem Unerklärlichen, dem Spirituellen zugewandt.

„Einige gelbe Äpfel kullern von der braunen Tischplatte und reisen zu Boden. Meine liebe Erde reist schneller. Sie pflügt die Farbe Schwarz und sät uns aus, uns Menschen. Sie stürmt weiter, nicht einsam, und in der hohen Geschwindigkeit, die im Verborgenen gründet.“

In diesem Band sind es Prosagedichte, kurze und längere Miniaturen. Kein Reim, keine Versform. Manchmal sind es kleine Geschichten. Sie lassen die Sprache in Alltagsmomenten verharren oder sich fortbewegen. Sie zeugen von der Verbundenheit aller Dinge. Hier zeigt sich die klare Beobachtungsgabe des Dichters, die Art der Wahrnehmung, die für einen Dichter so wichtig ist.

Der Band „Der weiße Weg“ erschien in der Edition Rugerup, ein Verlag der vor allem Lyrik und gerne auch aus dem Norden verlegt. Verlegerin Margitt Lehbert erhielt dieses Jahr den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung. Übersetzt aus dem Norwegischen hat Klaus Anders. Von Frank Wierke kommt das Nachwort, dass aufschlussreich über die Entstehung des Buches berichtet. Er hat in der Reihe „Dichter im Porträt“ verschiedene Lyriker filmisch kurz porträtiert, unter anderen auch Elke Erb. Von Kjartan Hatløy gibt es in deutscher Sprache bereits den Lyrikband „Die Lippen verlangen nach Ocker“ in der Edition offenes feld.

Ich danke dem Verlag/dem Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Lyrik-Empfehlungen aus Luxemburg, Türkei, Norwegen und Dänemark

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auf licht gehen

auf licht gehen im auge
die gespiegelte welt
den herzwinkel auskleiden
mit randlosen blicken“

Ulrike Bail: Die Empfindlichkeit der LibelleUlrike Bail lebt in Luxemburg. Dort in der Editions Phi ist ihr Gedichtband „Die Empfindlichkeit der Libelle“ erschienen. So zart und filigran wirken Bails lyrische Gebilde, vielleicht weil sie so kurz sind. Und doch sind sie bei genauerem Betrachten pure Energie. Diese enorme Aussagekraft entsteht aus der Verdichtung: Kein überflüssiges Wort, kein Vers zu viel.  Ähnlich habe ich es bereits bei ihrem Lyrikband „sterbezettel“ erlebt.In diesem Bändchen steckt thematische Vielfalt, die sich meist um die Natur, die Tier- und Pflanzenwelt, dreht, aus der so viel Licht gezogen werden kann. Die Natur bewegt mit ihrer Einfachheit das Geschick des Menschen. Das komplexe Wesen Mensch im Spiegel der Natur. 

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„Steinige Gegend

Es war etwas früher,
Kühle gab ich der steinigen Gegend.

Ich kam bis an das Innere des Hauses,
an einem Tisch wurde ich zu Staub.

Aus unerfindlichen Gründen
kam ich gut auf diese Welt.

Es war Herbst,
ich war Wasser ohne Schatten.

Hättet ihr bei geöffnetem Fenster gefroren?
Wenn ich die Worte einen Spalt weiter aufmachte?“

 

Eine weitere Lyrikperle aus dem Elif Verlag ist der Band der türkischen Dichterin Gonca Özmen. Ihre Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Der Band ist zweisprachig und wurde von Monika Carbe aus dem Türkischen übertragen. Özmen schafft kühne Verskonstruktionen, immer in freier Form, die sich oft mit der Sprache selbst auseinandersetzen. Oft sind es Rufe nach dem Geliebten, oft entstehen vor dem Auge archaische Bilder oder aus dem Inneren hervor geholte Traumbilder, in denen große Sehnsucht steckt. Selten habe ich so nachdrückliche Verse, so kraftvolle Weiblichkeit, so starkes Verbundensein im Gedicht gelesen.

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Die Alten

Die Alten, die wieder sie selbst werden, langsam,
und sich auflösen, langsam,
wie ein Rauch, unmerklich gehen sie über
in Schlaf
und Licht.“

Rolf Jacobsen: Nachtoffen
Der Norweger Rolf Jacobsen (1907-1994) ist einer der wichtigsten Dichter seines Landes. Seine Texte spiegeln die Natur, die Abfolge der Jahreszeiten und doch auch die Zivilisation, das Leben in der Stadt und auf dem Land. Er erkannte die Armut und schrieb darüber. Für mich hat seine Lyrik auch mystische und spirituelle Anklänge, wie ich sie oft bei den nordischen Dichtern finde. Jacobsen hat einen tiefergehenden Blick für die Dinge, auch für die inneren. Vieles erschließt sich beim Eintauchen, beim Versinken in die Verse. Übersetzt hat Klaus Anders, der selbst Lyriker ist und unter anderem auch Kjartan Hatløy und Olaf H. Hauge übersetzte. Der schöne Band kommt aus der Edition Rugerup.

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Winterwarten
Für mich
trägt der Spätwinterbaum
noch immer sein Eiskleid,
sein Brautkleid, sein
Trauerkleid weiß“

 

Ebenfalls aus dem Meer schöpft Annegret Friedrichsen ihre Worte. Die 1961 in Schleswig-Holstein geborene Lyrikerin wuchs zweisprachig auf und lebt heute in Dänemark und schrieb ihre Gedichte in deutsch. Der Titel ihres Gedichtbands „Meer im Ohr“, erschienen im elbaol Verlag, sagt bereits viel über ihre Lyrik aus. Ihre Gedichte sind kleine Welten im Großen. Sie verbindet den Alltag mit den kleinen Wundern, die man nur sieht, wenn man aufmerksam ist. In ihren Versen bezieht sich oft ein Ich auf ein Du, sehnsuchtsvoll. Fast jedes Gedicht kann man als Liebesgedicht lesen, auch an die Sprache. Der Lyrikband ist wundervoll illustriert von der dänischen Künstlerin Toril Bækmark.

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Hanne Ørstavik: Liebe Karl Rauch Verlag

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Das ist eine wirklich schöne Entdeckung! Dank der NZZ, die oft außergewöhnliche Bücher vorstellt, wie eben auch in diesem Fall, ist es mir überhaupt in die Hände gelangt. Denn den Karl Rauch Verlag kannte ich bisher nur als Verleger von St. Exuperys „Der Kleine Prinz“. Nun bringt der Verlag eine kleine Reihe wunderschön ausgestatteter Büchlein heraus, unter anderem (wie etwa A. L. Kennedy) eben auch diese Geschichte der norwegischen Autorin Hanne Ørstavik mit dem schlichten zugleich schwer wiegenden Titel „Liebe“. Im Original erschien es bereits 1997, doch ist es ganz zeitlos.

Auch ihre Art zu schreiben kommt einem anfangs schlicht vor, einfache Sätze, die in ihrer Kargheit klare Bilder erzeugen. Doch das macht gerade den Reiz aus, passt zur erzählten Geschichte, die so harmlos beginnt …

Wir befinden uns in Norwegen, vermutlich in einer kleinen Stadt, vermutlich eher im nördlichen Teil des Landes. Vibeke lebt mit ihrem 8-jährigen Sohn Jon als alleinerziehende berufstätige Mutter. Sie sind erst neu in der Stadt, fassen erst Fuß. Gleich zu Anfang wird deutlich, dass die beiden kaum miteinander reden, nebeneinander her, statt miteinander leben.

„Sie schafft drei Bücher die Woche, oft vier, fünf. Am liebsten würde sie nur noch lesen, unter der Bettdecke sitzen, mit Kaffee, einem großen Vorrat an Zigaretten und einem warmen Nachthemd.“

Dennoch gibt es eine gewisse stille Zuneigung. Die Geschichte spielt am Vorabend des Geburtstags von Jon und wir erleben, wie Jon seine Umwelt erlebt. Er hat eine nette Eigenart, er versucht nicht zu zwinkern, was natürlich nicht gelingt, jedem Gegenüber aber sofort auffällt (und die Leserin gleich an die eigenen Kindheitsspleens erinnert). Vibeke kommt von der Arbeit nach Hause, die beiden begrüßen sich nicht, essen immerhin zusammen. Als Vibeke noch einmal losgeht, um sich in der öffentlichen Bibliothek Bücher auszuleihen, zieht auch Jon noch einmal los in Richtung des Jahrmarkts hin und in Vorfreude auf seinen anstehenden Geburtstag.

Tatsächlich ist es Vibeke, die auf dem Jahrmarkt landet und dort mit einem der Schausteller, der am nächsten Tag weiterreist, nach dessen Feierabend loszieht. Jon hingegen lernt auf seinem Streifzug ein Mädchen kennen, dass ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Die Eltern freuen sich und Jon fühlt sich wohl, erlebt zum ersten Mal so etwas wie ein Familienleben. Als er allerdings nach Hause kommt und merkt dass er keinen Schlüssel hat, die Mutter aber nicht öffnet, fantasiert er sich zusammen, sie sei bestimmt noch einkaufen, weil ihr Zutaten für den Geburtstagskuchen fehlten, den sie ihm backen wolle. Im weltfremden Fantasieren ist auch Vibeke gut, die sich den Schausteller Tom schönredet, ja sogleich als potenziellen Partner durchleuchtet, schon ein Zusammenleben herbeidenkt.

„Ich überlasse ihn ein wenig sich selbst, denkt sie, zeige ihm damit, dass auch dafür Platz ist. In unserem Beisammensein gibt es genug Raum dafür, dass er neben mir auch Beziehungen zu anderen Menschen pflegen kann. Ich kann schließlich nicht alle seine Bedürfnisse erfüllen.“

Dass aus beider Hoffnungen schließlich Enttäuschungen werden, ahnt der Leser sehr schnell …

Auf etwas über 120 Seiten wird hier ein ganzes Familienpanorama aufgeblättert, wird hier die Einsamkeit im Zwischenmenschlichen dargestellt und von der Sehnsucht nach Liebe erzählt. Die Kälte des norwegischen Winters dringt hier durch die Zeilen und unterkühlt auch die beschriebenen Beziehungen. Eine bemerkenswerte Geschichte!

„Liebe“ von Hanne Ørstavik, die in Norwegen eine recht bekannte Schriftstellerin ist, erschien im Karl Rauch Verlag. Übersetzt wurde es von Irina Hron. Es ist in besonders schöner Art ausgestattet und auffällig in Rot fadengeheftet. Eine Leseprobe gibt es hier

Die Autorin stellt ihr Buch am 7.11. um 2o Uhr im Berliner Literaturhaus vor.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Zeichen & Zeiten .

Jan Kjærstad: Das Norman-Areal Septime Verlag

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„Ich hatte von Schreibblockaden gehört, aber noch nie von einer Leseblockade. Es war schon fast lustig. Ich, John Richard Norman, bekannt als einer der besten Verlagslektoren Norwegens, hing jedesmal über der Kloschüssel, wenn ich in einem Manuskript blätterte, übermannt von dem Zwang mich zu übergeben.“

Jan Kjærstad ist einer der bekanntesten Autoren Norwegens. Aufgrund eines Hinweises meiner Bloggerkollegin (Danke, Constanze!) von Zeichen & Zeiten bin ich glücklicherweise auf diesen Roman aufmerksam geworden: Es gehe um Bücher und ums Lesen, meinte sie. Was gibt es Schöneres? Bereits die Leseprobe zeigte die Ausdruckskraft des Autors.

Um zu gesunden, sprich von seiner merkwürdigen Übelkeit beim Lesen von Manuskripten befreit zu werden, fährt die Hauptfigur Norman, 50, ein bekannter Lektor in einem großen Osloer Verlagshaus, auf eine einsame Schäreninsel im Norden Norwegens und bezieht dort ein Haus am Wasser. Wie der Autor hier gleich zu Beginn die Natur beschreibt und das achtsame Leben, dass Norman hier führt, weckt Sehnsucht. Nichts muss getan werden, es ist ein Sich-treiben-lassen, ein Durchatmen. Hier weiß Kjærstad klare Bilder zu erzeugen.

Als jedoch eine geheimnisvolle Frau auftaucht, die „Fotografin mit den schwarzen Haaren“, ist es um seine Ruhe geschehen. Zwischen ihm und Ingrid beginnt eine intensive Liebesgeschichte, wie sie beide scheinbar noch nicht erlebt haben. Der Autor erzählt über die entstehende Liebe, aber gleichzeitig auch in Rückblenden aus Normans Vergangenheit: wie er zum Lesen kam, seiner großen Passion, wie er zu Geld kam, zu dem Job im Verlag und zu seiner Ex-Ehefrau. In einem dritten Erzählstrang wird in kurzen Einschüben von einem Neurowissenschaftler erzählt, der Norman nach einem Unfall betreute und bei ihm nach vielen Untersuchungen auf sehr spezielle Gehirnstrukturen stieß: Das sogenannte Norman-Areal.

„Von außen betrachtet, mit den Augen einer anderen Person, führte ich womöglich ein monotones Leben. Doch solange ich ein Buch öffnen konnte, würde ich mich nie langweilen.“

Irgendwann lässt die Anziehungskraft zu Ingrid nach und die liegen gelassenen Manuskripte locken Norman erneut. Sie sind so gut, dass keinerlei Übelkeit ihn am Lesen hindert, im Gegenteil, sind sie fesselnder denn je. Dass Bücher für Ingrid Konkurrenten werden, kommt bei ihr nicht gut an und verändert die Stimmung zwischen beiden gänzlich. Liebe oder Literatur? Das ist hier die Frage.

„Was ich damit sagen wollte, war, dass Literatur das Wichtigste im Leben ist. Weil sie eine Grenzzone aufdeckt, uns für etwas Unbekanntes öffnet, in dem wir uns weiterbewegen können.“

Kjærstad verunsichert den Leser mitunter, indem er sich auf unterschiedlichsten Ebenen bewegt und doppelte Böden einzieht. Das ist meisterhaft gemacht, perfekt konstruiert. Dieser Roman ist eine einzige Hommage ans Lesen und an große Literatur, die mehr ist als bloße Geschichten, Bücher die bis ins Herz strahlen und den Blick auf die Welt verändern, ja gar eigene Parallelwelten erschließen. Es ist ein sehr besonderes Buch, das die Heilkraft von Literatur aufzeigt, ein sprachlich feines, psychologisch spannendes, mitunter spirituelles, geheimnisvolles Buch, das zudem noch mit erlesenen Literaturhinweisen gespickt ist. Möge er viele Leser finden. Mögen viele ihr eigenes Norman-Areal entwickeln (ich bin ziemlich sicher, dass ich es schon habe) … Ein doppeltes Leuchten!

Dass Jan Kjærstads Romane wieder in Deutsch erscheinen, darf man dem kleinen aber feinen österreichischen Septime Verlag zuschreiben. Auf der Verlagsseite gibt es mehr über den Autor und eine Leseprobe. Übersetzer ist hier Bernhard Strobel.

Karl Ove Knausgård: Kämpfen Luchterhand Verlag

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Nun ist er also da, der sechste und zugleich letzte Band der Romane Karl Ove Knausgårds mit dem Übertitel „Min Kamp“. Knausgård hat das 1200-Seiten-Buch in drei Sequenzen geteilt. Trotzdem wechseln die Zeiten ständig, einmal vor, einmal nach Erscheinen der Bücher, das macht konfus.

Im ersten Teil erzählt er über sein Schreiben dieser Roman-Reihe und über die Kämpfe, die er deshalb bereits vor der Veröffentlichung des ersten Bandes mit einem Teil seiner Herkunftsfamilie in Kauf nehmen musste. Sein Onkel, der Bruder seines Vater beschwert sich zunächst beim Verlag, droht mit dem Gericht, wegen der Offenlegung allerlei Familieninterna und wirft ihm Verlogenheit und Geldgier vor. So müssen Namen im Manuskript geändert werden, Passagen ganz entfernt werden.

Im zweiten Teil berichtet Knausgård über die Zeit, als das Buch dann tatsächlich erscheint, über Interviews, die er voller Angst und Hadern über sich ergehen lässt und über die Zeit zwischen den Büchern, übers Weiter-Schreiben und vor allem auch den Alltag mit Linda und den Kindern. Der Leser erfährt von den Differenzen zwischen den beiden, dem Leben in Malmö und schließlich auf dem Land. In diesem letzten Teil des Buches erfahren wir auch alles über die bipolare Störung von Linda, eine ziemlich erschütternde Sequenz. Knausgårds Buch endet im Jahr 2011, als der vorliegende Band in Norwegen erscheint und gleichzeitig ein Buch von Linda (gerade ist zum ersten Mal ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Willkommen in Amerika“).

In beiden Teilen, die an die Art der ersten fünf Bände anknüpfen, geht es dann auch wieder akribisch genau weiter mit der Beschreibung seines Familienlebens: Hier scheut er sich nicht, das genaue Bedienen einer Kaffeemaschine zu beschreiben oder gar den Gang zu Toilette. Es geht um das alltägliche Familienleben mit Ehefrau Linda und den drei Kindern, Vanja, Heidi und John. Seien es Urlaubsreisen oder Besuch von Freunden oder Interviews mit Journalisten, wir erleben mit. Aber auch die eigene Innenwelt wird wie bisher offen gelegt.

Ein sehr großer Teil dazwischen ist das Kapitel mit dem Titel „Der Name und die Zahl“ Hier schweift Knausgård immer wieder aus dem Jetzt in philosophische Überlegungen ab. Intensiv kommentiert er hier diverse Werke von Schriftstellern wie Joyce, Shakespeare, Kafka, Proust, Homer oder Philosophen wie Hegel, Nietzsche und Heidegger. Ein Gedicht Celans wird über viele Seiten hinweg interpretiert. Auch vor Hitlers „Mein Kampf“ schreckt Knausgård nicht zurück. Die Auseinandersetzung speziell mit Hitlers Werdegang gestaltet sich ausufernd und befremdet. Ich habe viele Seiten überblättert. Es gibt keinen Zusammenhang zum Rest des Buches.
Stellenweise ist das interessant, denn man erhält doch allerhand Informationen über Knausgårds Denkart und philosophische Theorien. Nur erwartet man so etwas nicht in diesem Band und es passt auch nicht wirklich dazu.

Das Neue in Band sechs ist vielleicht, dass fast jede reale Situation mit Nachdenken und Hinterfragen durchbrochen wird. Hier reflektiert der Autor über sein eigenes Sein und den Sinn des Ganzen, über die persönliche Freiheit, über die Ehe mit Linda und thematisiert seine Selbstzweifel. Soviel Reflexion war bisher in keinem Band, offenbar hat Entwicklung stattgefunden. Es ist vielleicht das „reifste“ Buch aus dem Zyklus. Dennoch hätten ein paar Kürzungen nicht geschadet, hätte das Buch auch durchaus nur aus Teil 1 und 2 bestehen können.

Alles in allem: Wer mit Knausgårds „Min Kamp“ beginnen will, sollte wirklich mit „Sterben“ anfangen. „Leben“ und „Träumen“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Wer ihn nicht lesen will, dem sei sein ehemaliger Lehrer Jon Fosse empfohlen, sein Freund Tomas Espedal oder die Gedichte seines Onkels Kjartan Hatløy.

„Kämpfen“ erschien im Luchterhand Verlag in einer Übersetzung von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Eine Leseprobe gibt es hier.

Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe Matthes & Seitz

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„Mir wurde früh klar, dass meine eindrucksvollsten Erlebnisse dort stattfanden,wo nichts geschah.“

Tomas Espedals neues Buch heißt “ Biografie Tagebuch Briefe“. Es sind Fragmente und Episoden aus seinen Notizbüchern, die in Norwegen schon wesentlich früher erschienen sind. In Deutschland erlangte Espedal mit seinem Buch „Gehen oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“ im Jahr 2011 zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit. „Gehen“ halte ich nach wie vor für sein bestes Buch. Kennt man noch nichts von ihm, sollte man damit beginnen.

„Gehen: seinen Beruf ausüben, indem man ihn nicht ausübt.“

Imgrunde ist es Lyrik: In Tomas Espedals neuem Buch gibt es keine Handlung. Was er erzählt, steht ohnehin meist zwischen den Zeilen. Leser die ihn kennen, werden einiges wiederentdecken, sich erinnern an Sequenzen aus den vorherigen Büchern. Trotzdem bleibt manches rätselhaft, erschließt sich durch mehrfaches Lesen. So scheint er manchmal mit sich selbst zu sprechen. Aus der Ich-Perspektive oder auch mit dem Du, um sich selbst zu ermahnen, zu begreifen, endlich endlich die Welt und sich selbst zu verstehen. Hauptthema ist wie immer das Schreiben.

„Jetzt denke ich schon daran, was ich schreiben werde. Blind gehen mit offenen Augen. Ebenso einfach wie dieser Pfad, ich gehe ihn auf und ab, schreite einen Satz ab oder ein paar Zeilen: Wenn ich mich stören lasse, wenn ich einen Schritt breit  nach rechts oder links abweiche, in die falsche Richtung, zu den Beerensträuchern im unteren Teil des Gartens oder oben zur Straße hin, dann werde ich kein einziges Wort schreiben können.“

Es ist ein wirklich trauriges, sehnsuchtsvolles Buch. Ein Buch in dem philosophiert wird, gedacht wird, wiederholt wird, was immer noch nicht oder vielleicht nie begreiflich wird. Es geht um den Tod zweier wichtiger Menschen: der Frau und der Mutter. Es geht um die zwei Töchter. Es geht um das alte Haus, in dem sie wohnen. Es geht um das Ringen zwischen Alltag und Schreibtätigkeit. Es geht ums erschöpft sein, um den Versuch durch Alkohol alles abzumildern, den Schmerz zu dämpfen, den Kummer zu verdrängen. Und es geht auch um Gewalt: Espedal zeigt die Gewalt auf, die in seinem Leben auch eine Rolle spielte: Die Boxkämpfe mit dem Vater, im Boxclub, die Prügeleien um Mädchen und später die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Beziehungen.

Das rundherum Schöne an diesem Buch ist wie immer Espedals Sprache, die Poesie, die noch im schlimmsten Moment alles durchdringt und einen Rettungsanker sowohl für Leser als auch Schriftsteller bietet. Am feinsten und dichtesten und sinnlichsten liest sich das Kapitel „Tagebücher“.

Ich empfehle auch „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Alle Bücher von Tomas Espedal sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. Eine Hörprobe findet sich hier. Die Übersetzung kommt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Eine weitere Besprechung liest man bei Zeichen & Zeiten.