Inès Bayard: Scham Zsolnay Verlag

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Inès Bayard hat mit ihrem Debütroman einiges gewagt. Sie hat über eine Vergewaltigung und deren Folgen geschrieben und zwar in so direkter schonungsloser Weise, dass es manchmal schwer war weiterzulesen. Ihre Hauptperson macht eine furchtbare Erfahrung, die in ihrem bisher so sicheren und behüteten Leben, alles, aber auch alles verändert und zerstört. So geht es auch weniger um die Tat, als um das Danach, die inneren Vorgänge, das Wie weiter?. Dieser Roman ist kein `schönes´ Buch. Es ist ein belastendes Leseerlebnis in drastischer Sprache und doch kann ich mich als Leserin mit der Autorin und ihrer Protagonistin solidarisieren. Ich kann ihre Tat, mit der der Roman wie ein Paukenschlag beginnt, nicht einmal wirklich verurteilen.

Marie ist Anfang 30, lebt in Paris, hat einen guten Job in einer Bank und ist glücklich verheiratet mit Laurent, einem aufstrebenden Rechtsanwalt. Beide wünschen sich ein Kind. Doch eines abends wird sie von ihrem obersten Vorgesetzten brutal vergewaltigt. Er droht ihr, ihrer beider Karriere zu beenden, falls sie darüber spricht. Damit beginnt Maries Martyrium, denn sie erzählt ihrem Mann nichts, geht nicht zur Polizei, verbirgt alles vor Freunden und der Familie, geht wieder zur Arbeit. Nach außen hin versucht sie alles zu tun, um sich nichts anmerken zu lassen. Doch wir Leserinnen erfahren, wie es in ihr drin aussieht, wie der geschundene Körper und die verletzte Seele Maries Leben vollkommen verdüstern.

„So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann“. Dieser Satz der Autorin Elfriede Jelinek fällt ihr plötzlich wieder ein. Jahre vor ihrer Vergewaltigung hatte ihr jemand den Roman „Lust“ geliehen. Sie erinnert sich, dass sie ihn nicht zu Ende gelesen hat. Sie fand ihn schockierend, ungerecht, ekelhaft, diesen Satz ganz besonders. Eine blöde Feministin. Heute sieht sie das anders.“

Als sie schwanger wird, ist sie sich sicher, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger ist. Sofort beginnt sie dieses in ihr entstehende Leben zu hassen und zu bekämpfen. Mehrfach versucht sie das Kind vor und nach der Geburt zu töten, doch es gelingt nicht. Lieben kann sie es nicht, sie vernachlässigt es. Am Größten aber ist ihr Selbsthass. Ihre Psyche erkrankt, manchmal weiß man als Leser*in nicht mehr ob es noch wahr oder schon Wahn ist, was Marie erlebt. Dass weder ihrem Mann, noch der nahe stehenden Familie die Veränderung von Maries Wesen auffällt, finde ich jedoch nicht ganz glaubwürdig, denn es würde von wenig Sensibilität und Aufmerksamkeit zeugen. Dass keiner den bald auch körperlichen Verfall, die tiefe Depression wahrnimmt, wäre dann ein bitteres Zeugnis dafür, wie wenig oft nah zusammen lebende Menschen einander wirklich sehen. Andererseits gibt es womöglich solche Familien, die nicht sehen wollen, die ihre heile Welt aufrecht erhalten wollen, um jeden Preis.

Doch langsam bricht sich die Wahrheit ihre Bahn, endlich!, denke ich als Leserin. Maries Schwester liest zufällig eine ihrer Mails und erfährt von der Vergewaltigung und den inneren Kämpfen Maries. Doch statt sie zu verstehen und ihr zu helfen, wendet sie sich ab. Und auch Laurent fällt aus allen Wolken, als er Teile eines Telefonats Maries mit ihrer Schwester mitbekommt, jedoch dann ganz falsche Schlüsse daraus zieht …
Ein enormes Debüt, ein wichtiges Buch!

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag und wurde von Theresa Benkert übersetzt. Ein aufschlussreiches Interview mit der 1992 geborenen Französin, die zur Zeit in Berlin lebt gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Aris Fioretos: Nelly B.s Herz Hanser Verlag

Der 1960 im schwedischen Göteborg geborene Autor Aris Fioretos hat einen sprachlich meisterhaft gelungenen Roman geschrieben. Lange schon wollte ich einmal etwas von ihm lesen und habe mit „Nelly B.s Herz“ gleich einen Glücksgriff getan. Fioretos erzählt von Nelly Becker, die 1911 als erste Frau in Deutschland ihre Flugzeugführerlizenz erwarb. Er lehnt sich dabei an die reale Biografie der Amelie – Melli – Beese (1886 – 1925) an und ergänzt fiktiv die Zeit nach ihrer Fliegerlaufbahn in Johannisthal bei Berlin und vor ihrem Suizid 1925, über die man fast nichts weiß. Die Biografie Beeses selbst ist schon höchst interessant. Fioretos erzählt sie kurz als Anmerkung am Schluss des Buches.

„Der erste Pilot der Geschichte soll mit Schwingen aus Wachs zur Sonne aufgestiegen sein. Er ließ ein Labyrinth hinter sich, strebte nach offenen Himmeln. In dieser Sehnsucht nach Ungebundenheit erkenne ich mich selbst wieder. Als Mädchen habe ich niemandem erlaubt, mir zu helfen.“

Dem Autor ist es hervorragend gelungen, seine Hauptfigur im Kontext ihrer Zeit aufleben zu lassen. Er gibt ihr sehr viel Tiefe, Melancholie, aber auch eine kraftvolle Lebensfreude. Nelly wird in der Nähe von Dresden geboren, studiert Bildhauerei in Stockholm, bevor sie fasziniert von der Fliegerei mit dem Franzosen Paul Boutard im Fliegerhorst Johannisthal eine Flugschule gründet. Sie fliegt nicht nur, sondern kennt sich auch im technischen Bereich der Mechanik und Konstruktion bestens aus. Als selbständige Frau wird sie jedoch von den männlichen Kollegen oft schräg angesehen, sogar sabotiert. Nach dem 1. Weltkrieg, in dem Paul interniert wird und an Tuberkulose erkrankt, gelingt es ihnen nicht, die Schule erfolgreich weiterzuführen. Gleichzeitig bekommt Nelly die Diagnose einer Herzkrankheit. Sie darf nicht mehr fliegen.

Hier setzt nun die Haupthandlung ein. Nelly, die mittlerweile mit Paul verheiratet ist, trennt sich von ihm, nimmt eine Arbeit bei BMW Berlin an und verkauft Motorräder. Hier lernt sie Irma kennen. Sie verliebt sich in die wesentlich jüngere Frau und erlebt trotz des Flugverbots eine Zeit des Aufwinds, ein Gefühl der Verbundenheit, ja der Verschmelzung, dass sie bisher eigentlich nur oben am Himmel im Cockpit eines Flugzeugs fand. Nellys Herz soll genesen durch Ruhe und Medikamente und beginnt nun durch Irmas Anwesenheit weit zu werden. Im Erinnern an die Beziehungen zu zwei Freundinnen wird Nelly nun auch klar, dass sie bereits als junges Mädchen wusste, dass sie eine „Veilchenfrau“ ist. In der Erzählung der Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen zeigt sich auch die Sprachkunst und Sensibilität des Autors. Er verwendet im ganzen Text Wörter und Metaphern, die mitunter altmodisch anmuten, die aber perfekt zur Zeit und zu den beiden Frauen passen. Dabei spielt er mit Zahlen- oder Buchstabensymbolen, die Nellys komplexes Denken durchziehen.

„Ich muss an das Emblem der Flugschule denken. Sie und ich, einander zugewandt wie zwei Bs. Die Form eines perfekten Stundenglases.“

So musste ich das Wort „inklinieren“ suchen, was Fioretos mehrfach verwendet. Duden sagt dazu: „neigen; eine Disposition/eine Neigung haben, einen Hang/eine Tendenz haben, hinneigen, tendieren“. Das lässt sich nun natürlich hier auch für die Fliegersprache verwenden, nicht nur für die Zuneigung der beiden Frauen oder für die generelle Hinneigung von Frauen zu Frauen. Schnell bemerkt man, dass bei Fioretos Schreiben nichts dem Zufall überlassen wird. Die Geschichte lebt von gelungener Konstruktion, die aber niemals konstruiert wirkt, sondern vollkommen stimmig und leicht, was natürlich auch der großen Sprachsicherheit des Autors zu verdanken ist.

„Ob eine Frau sich nicht wie ein Mann verhalten könne, fragt Irma.
„Aber warum deshalb ein Mann sein wie ein Mann?“

Doch die Beziehung gestaltet sich nicht so einfach. Irma ist ein Kind ihrer Zeit, hat einen anspruchsvollen Job in einer Werbeagentur, will sich nicht festlegen, hat noch jemand anderen. Nelly erkennt das nur langsam und erkennt gleichzeitig was sie selbst will. Eine gemeinsame Flugreise, die sie eigentlich näher zusammen bringen sollte, stellt den Anfang vom Ende dar. Für Nellys Gesundheit zudem ein Desaster. Sie kann nicht mehr arbeiten, versinkt mehr und mehr in einer Welt von mal düsteren, mal klaren Wachträumen, hervorgerufen durch den Missbrauch drogenartig wirkender Medikamente. So wie die echte Fliegerin Mellie Beese, setzt sie ihrem Leben am 22.12.1925 ein Ende.

„Manchmal glaube ich, das ist der Sinn in allem: Als Mensch soll man sich mit seinem ganzen Sein nach außen und vorwärts strecken. Begrenzungen überwinden, dem Punkt entgegenstreben, an dem man endet – und sich danach an ihm vorbeibewegen.“

Aris Fioretos` komplexer Roman, der noch viel weiter reicht, als ich hier erzählen kann, ist für mich ein glückliches bleibendes Leseerlebnis gewesen. Aviatisches Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag und wurde von Paul Berf aus dem Schwedischen übersetzt. Eine Leseprobe und ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es hier. Der Roman steht außerdem vollkommen zurecht auf der Februar-Bestenliste des SWR.

Gertraud Klemm: Hippocampus Kremayr & Scheriau Verlag

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Wirklich schön aufgemacht ist dieses Buch aus dem österreichischen Verlag Kremayr & Scheriau. Auf dem Umschlagcover  des neuen Romans von Gertraud Klemm leuchtet einem Gelb auf Meerblau ein Seepferdchen entgegen. Das Seepferdchen, griechisch Hippocampus, spielt auch in der Geschichte, die im gewohnten Klemm`schen Ton erzählt wird, eine nicht unwichtige Rolle. Der Buchschnitt ist desweiteren mit gelben Wellen bedruckt, der tatsächliche Bucheinband ist ebenfalls mit Seepferdchen verziert. Alles sehr kunstvoll aufeinander abgestimmt.

Es geht im Buch um Bücher, Kritiker und den Literaturbetrieb. Und um Feminismus. Genaugenommen um ein Buch, dass für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Genaugenommen um eine Autorin, die zu wenig Aufmerksamkeit für ihr Werk bekommen hat, eine die noch recht jung einen feministischen Bestsellerroman schrieb. Es geht um eine um die 60-jährige Frau, die Freundin dieser Autorin, die sich nach dem plötzlichen Tod, der etwa gleichaltrigen um deren Nachlass kümmern soll. Elvira jedoch tut sich damit schwer. Sie erinnert sich an die Jahre in der gemeinsamen Frauen-WG, an die wilden feministischen Aktionen, die es damals noch gab. Helene, die Autorin mit Buchpreisnominierung, versank nach dem ersten Erfolg in Vergessenheit. Sie heiratete, bekam Kinder und begann erst nach der Scheidung wieder mit dem Schreiben. Nun scheint endlich der Erfolg greifbar. Doch dann stirbt Helene allein in ihrem Haus auf dem Land. Für die Nominierung zum Buchpreis scheint das sogar ein Glücksfall: Gut fürs Marketing, makaber, aber es ist so.

„Mit „Rauhreif“ kam der große Erfolg nämlich zu früh. Helenes Erfolg war außerdem zu groß für eine dreiundzwanzigjährige Frau. Vor allem 1977. Heute ist das etwas anderes. Heute ist der Literaturbetrieb ein Kindergarten für Schwererziehbare: Jeder darf alles.“

Elvira, eine unabhängige eigensinnige Frau, ehemals 68erin, will das so nicht hinnehmen. Sie beschließt, mit diversen hanebüchenen Kunstaktionen im öffentlichen Raum Gerechtigkeit für Helene einzufordern und setzt dabei gezielt den Focus auf die Benachteiligung von Frauen in der Literatur. Sie will abrechnen mit Kulturausschüssen, Literaturkritikern und Liebhabern, die Helene das Leben schwer machten. Sie engagiert einen jungen Mann als Assistenten und reist mit ihm im alten VW-Bus durch Österreich. An bestimmten Schauplätzen aus Helenes Leben inszeniert sie ihre Kunstaktion (die sie immer mit dem Seepferdchen kennzeichnet) mithilfe von Adrian, der auch alles dokumentiert und hinterher recherchiert, wie die Aktion öffentlich wahrgenommen wurde. So zieht sie ihre feministische Aktionsspur quer durch Österreich und hält sich dabei nicht immer an die Gesetze. Dass Adrian es mit ihr nur wegen der Bezahlung aushält, scheint klar …

„Seine Mutter mal ausgenommen, sind alte Frauen eine Art Hintergrundgeräusch.“

Teils amüsant zu lesen, wenn Klemm mit ihrer typischen scharfsinnigen, spitzzüngigen Sprache brilliert, gerade auch, wenn sie den heutigen Zeitgeist unter die Lupe nimmt,

„… so ist das neoliberale Zeitalter. Wer kein Streber ist, fliegt gleich ganz raus. Es gibt keine Ränder mehr, an denen es sich ein wenig verweilen lässt, es gibt nur mehr gleich den Abgrund.“

teils aber auch ein wenig zu gewollt, vor allem am Schluss, wo meiner Meinung nach die Handlung irgendwie unglaubwürdig aus dem Ruder läuft.

Besonders nett auch von Gertraud Klemm, dass sie beim Erzählen über Literaturkritik auch einen Absatz über Literatur- und Buchblogger parat hält (siehe Textauszug Foto oben).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere Besprechungen hier auf dem Blog zu Büchern von Gertraud Klemm:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/04/23/gertraud-klemm-muttergehaeuse-kremayr-scheriau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/01/09/gertraud-klemm-erbsenzaehlen-literaturverlag-droschl/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

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Der wunderbaren Autorin Judith Kuckart wünsche ich mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher. Ich lese ihre Romane schon lange und bin jedesmal angenehm überrascht über die Vielfalt, die sie in aller Ruhe in ihren Geschichten ausbreitet. Das Unspektakuläre liegt ihr, denn sie schafft es durch ihre fantasiereiche Sprache etwas ganz Besonderes daraus zu machen.

„Ob das neue teure Stadthaus, einen Steinwurf von meinem alten Hinterhaus entfernt, das so prunkvoll Licht und Luft verdrängt, sich daran erinnert, dass es mal eine Lücke war?“

Schwierig zu erläutern, um was es in diesem Roman geht. Oberflächlich gesehen, geht es um eine 54jährige Frau, die über die vergangenen Partnerschaften und daraus resultierend übers Älterwerden in ihrem Leben nachdenkt. Zu recht ein wenig melancholisch, aber extrem reflektiert sieht das dann aus, wenn Judith Kuckart eine solche Geschichte erzählt.

Der Überbau der Geschichte: Eine Frau sitzt als recht spezielle Freizeitbeschäftigung an Wochenenden am Flughafen Tegel Berlin, trinkt, und beobachtet die Menschen rundherum. Fliegen wird sie nicht, darum geht es nicht. Eines Sonntags kommt sie mit einem Mann ins Gespräch. Sie erfährt, dass er 36 ist, beruflich nach Sibirien fliegt und am nächsten Samstag zurückkehrt. Sie findet ihn sympathisch.

Die 36 scheint eine magische Zahl im Leben unserer Heldin Konstanze zu sein und so gerät sie ob dieser Begegnung in einen Erinnerungsstrom. Sie begibt sich rückblickend auf ihre Verflossenen auf eine Reise in die Vergangenheit. Als Studentin mit 18 lernt sie den politisch engagierten, unruhigen Viktor kennen, der damals 36 Jahre alt war. Doppelt so alt wie sie. Gleich zu Beginn entdeckt sie Dinge an Viktor, die sie eigentlich eher abschrecken, sich auf ihn einzulassen. So ist diese Beziehung immer eine Gratwanderung.  Dennoch verbringt sie viele viele Jahre mit ihm.

„Wie war er an dem Abend eigentlich an den raschen Urteilen ihres Verstands vorbeigekommen? Hatte er das richtige Passwort … ?“

Als sie selbst dann 36 ist, lernt sie ihren zukünftigen Partner Johan kennen, der ebenfalls 36 ist und erlebt eine lange, zunächst sehr ausgeglichene Beziehung, welche allerdings mehr und mehr von beider beruflich prekären Situation geprägt wird.

„In seinem [Zimmer] baute er sich einen riesigen neuen Schreibtisch mit zwei Telefonanschlüssen, Scanner und großem Computerbildschirm, auf dem er seine Ratlosigkeit verwaltete.“

Das Ende der Beziehungen kommt dann jeweils wenig überraschend. Hier zitiert Kuckart das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner, welches ich hier mit einbinde, weil es so stimmig zum Roman und so schön ist:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Bei Lyrikline liest Kästner es vor.

Und nun der 18 Jahre jüngere, also wieder 36-jährige Robert Sturm am Flughafen. Noch während des Gesprächs, malt sie sich aus, wie dieser Sturm lebt, ob sie sich wiedersehen und gerät in den Bann des jüngeren Manns. Sturm fliegt davon und sie bewegt sich in Gedanken immer ihren Fantasien über ein Wiedersehen folgend, durch ihren Alltag, ihre Arbeitswoche in einem wissenschaftlichen Versuchslabor. Sie hat ihm eine Visitenkarte entwendet und sucht sein Wohnhaus, ruft seine Telefonnummer an, obwohl sie weiß, dass er nicht da ist. Was wie Stalking klingt, wenn ich es hier so hinschreibe, ist etwas ganz anderes. Ich bin mir sicher, dass es eine unbenennbare Sehnsucht ist, die die Heldin vorantreibt, vielleicht die Sehnsucht nach tiefer Liebe, nach dem großen Sinn. Vielleicht vom Alleinleben, vom Älterwerden geprägt, äußert sich dieser Wunsch in einer schrulligen, skurrilen Art und Weise. Kuckarts Hauptfigur ist mir sehr sympathisch.

Sie hinterfragt, wie die Beziehungen zu Ende gehen konnten, ob sie es nicht lang zuvor schon waren und nur noch in der Gewohnheit gelebt wurden. Was war gut, was war schlecht? Wie hätte es besser gemacht werden können? Sie erinnert sich an ihr Studienfach Neurobiologie und an das Schreiben ihrer Doktorarbeit unter dem Titel „Emotionale Ansteckung“, die im Grunde vielleicht Antworten auf die Fragen hätte geben können. Denn oft hatte sie sich angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Partner.

Kuckart teilt ihren Roman in 7 Kapitel ein, die jeweils einem der Wochentage entsprechen, bis Sturm von seiner Reise zurückkehrt. Zwischen den Kapiteln fügt sich eine Art Traumtagebuch ein, falls ich das richtig definiere, welches einmal mehr Auskunft gibt über den Gemütszustand der Heldin. Es sind solche Sätze, solche Passagen, die das Lesen zur Freude machen:

„Sie hatte dem zukünftigen Vermieter nicht widersprechen wollen. Er war ein munterer Rheinländer, den die Welt erst etwas anging, wenn sie lustig zusammengefasst als Karnevalsumzug direkt durch die Straße kam.“

Wer so virtuos und mutig und auch witzig mit Sprache umgeht, hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis sollte dieses Jahr eigentlich mal drin sein …

„Kein Sturm, nur Wetter“ erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Einen weiteren Roman von Judith Kuckart mit dem wunderbaren Titel „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ habe ich hier auf dem Blog besprochen. Und kann ihn ebenso wie alle zuvor erschienenen sehr empfehlen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johanna Holmström: Die Frauen von Själö Ullstein Verlag

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Als die Autorin Johanna Holmström, die einer schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, 2015 in einem Archiv auf Patientenakten einer Heilanstalt auf der winzigen finnischen Schäreninsel Själö stieß, fing sie an weiter zu recherchieren. Entstanden ist ein aufschlußreicher Roman über die Zustände in einer Nervenheilanstalt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf Själö wurden sogenannte geisteskranke Frauen weggesperrt, wobei die meisten von ihnen niemals mehr die Insel verließen. Von Heilen konnte keine Rede sein. In ihrem Vorwort weist die Autorin auf eine der zahllosen schrecklichen „Heilmethoden“ damals hin.

Holmström schildert den Aufenthalt zweier Frauen in der Anstalt auf Själö und verbindet beide mit der Pflegerin Sigrid, die ihr ganzes Arbeitsleben auf Själö verbringt. Da ist zunächst Kristina. Sie kommt im Jahr 1899 auf die Insel, weil sie ihre beiden kleinen Kinder ertränkt hat. Der Pfarrer schützt sie vor dem Gefängnis und fortan lebt sie auf Själö als Geisteskranke. Nach und nach erzählt uns die Autorin dann die Hintergründe, die zur Ermordung der beiden Kinder führten. Kristina wurde mit 16 vergewaltigt, bekam eine Tochter und galt fortan als leichtes Mädchen. Als sie mit 24 Einari kennenlernt, fühlt sie zum ersten Mal Liebe. Die beiden lösen sich von ihren wohlhabenden Elternhäusern und leben arm und unverheiratet zusammen. Ein Sohn wird geboren. Doch als ihr Mann sich entschließt fortan zur See zu fahren, um schnell Geld zu verdienen für ein besseres Leben, bleibt Kristina eine Ausgestoßene. Ihr wächst die Arbeit und die Betreuung der Kinder über den Kopf. Völlig erschöpft, wünscht sie sich nur noch Ruhe. In diesem Zustand lässt sie die schlafenden Kinder aus dem fahrenden Boot ins Wasser gleiten. Auf Själö lebt sie sich nach einer Weile ein und darf sogar extern den Haushalt des neuen Pfarrers übernehmen. Als dessen Ehefrau mit Kindern im gleichen Alter ihrer verstorbenen Kinder auf die Insel und ins Pfarrhaus einzieht, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Als die 16-jährige Elli 1934 auf die Insel kommt, lebt Kristina wieder und immer noch dort. Elli ist von zuhause heimlich mit ihrem Liebhaber getürmt. Als die Polizei sie verfolgt, da sie angeblich Raubüberfälle verübt hatten, gelingt es Maurice zu fliehen. Elli wird jedoch gefasst, kommt zunächst ins Gefängnis, wegen ihres auffälligen Verhaltens und wegen der Intervention der Eltern dann aber auf die Insel. Dass Elli zuhause von der kühlen Mutter vernachlässigt und vom Vater kaum wahrgenommen wurde und sie als Teenager in eine tiefe Depression glitt, die mit einem Selbstmordversuch einherging, erfahren wir zwischendurch in Rückblicken.

„Sie hatte schon vor ein paar Jahren angefangen, sich im Herbst zu grämen, weil er leise und schläfrig das Licht hinter sich herschleifte und mitnahm und es immer schwerer wurde, die Dunkelheit zu ertragen.“

In den 30/40er Jahren ist außerdem sogar in Finnland eine bestimmte „Rassentheorie“ angekommen. Elli wird als Gemischtrassige ostbaltischen Typs eingestuft. Auch hier wird, was mir nicht klar war, die Sterilisation bei Frauen, die nicht der rein-schwedischen Rasse entsprachen (und dann noch als geisteskrank galten), angewandt.

Holmström wirft einen genauen Blick auf die Frauen, über die sie schreibt. Und sie hat große Empathie für sie. Es gelingt ihr sehr spannend und stimmig Kristinas Geschichte zu erzählen, während sich Ellis Geschichte schon sehr in die Länge zieht. Sigrid, die Pflegerin, bleibt, obgleich sie am Ende noch ein kürzeres eigenes Kapitel erhält, für mich eher wenig greifbar. Vielleicht wäre die Beschränkung auf eine Frauenfigur oder eine dichtere Struktur hier sinnvoller gewesen.

Auch sprachlich scheint mir der erste Teil weit besser gelungen. Teils poetische Sequenzen wechseln sich hier mit realistischen, traurig-trüben Beschreibungen des Anstalt-Alltags ab. Dennoch gibt das Buch einen guten Einblick in die Zeit als die Psychiatrie noch Irrenhaus genannt wurde und die meisten Patientinnen aus heutiger Sicht, wohl eher dort erst „irre“ wurden. Hier zeigt sich auch wieder die Aburteilung der Frau als hysterisches Wesen durch einen männlichen Arzt.

„“Mit der weiblichen Natur verhält es sich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.“

„Die Frauen von Själö“ erschien im Ullstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe außerdem drei weitere sehr empfehlenswerte Romane, die sich mit dem Thema befassen, auf dem Blog besprochen:
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Amalie Skram: Professor Hieronimus
Nelly Bly: 10 Tage im Irrenhaus

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

Tereza Semotamová: Im Schrank Voland & Quist

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen, doch nachdenklichen Debütroman. Eine Besprechung zu „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ gab es bereits hier.

Einen sehr eigensinnigen Roman hat die 1983 geborene Tschechin Tereza Semotamová geschrieben. Man darf annehmen, was auch dem Gespräch im Literaturhaus zu entnehmen war, dass es sich teilweise um eine autobiografische Geschichte handelt. Ob die Autorin nun tatsächlich, wie ihre Protagonistin einige Zeit in einem Schrank lebte, sei dahin gestellt.

„Ich freue mich schon auf den Abend. Endlich allein. Nicht allein bei jemandem, nicht allein unter fremden Distanzierten, die sich die Nächsten nennen, sondern einfach allein, auf meiner eigenen Parzelle: In meinem Schrank.“

Es geht um eine verlorene Generation, wie sie ähnlich auch schon die Österreicherin Friederike Gösweiner in ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“ beschrieb. Eine Generation junger Leute, die, alle vielversprechend, meist studiert, gebildet, dann doch im Nirgendwo landen. Sei es, weil eine Beziehung nicht hält, sei es weil sich kein passender Job findet. Dann ist improvisieren angesagt, um nicht zu verzweifeln. Das tut unsere Heldin in diesem Roman auf sehr ungewöhnliche Weise. Aus einer nicht mehr funktionierenden Beziehung ist sie aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt, ohne Wohnung, ohne Job. Immerhin gibt es noch einige Freunde, die Familie, die sie jedoch auf Dauer nicht aushält. Und so zieht sie in einen ausgemusterten Kleiderschrank, der in einem Hinterhof steht.

Ziellos sich treiben lassend lebt die Heldin vor sich hin. Sie zählt: wieder ein Tag geschafft. Ab und zu ein Besuch bei der Familie, ein Ausflug mit der Freundin oder dem Nachbarn, Toilette und Katzenwäsche im Laden des Vietnamesen, der sie inzwischen kennt. Schwermut bei Galgenhumor. Ziellose Melancholie.

„Jede Existenz wird ohne Grund geboren, überlebt aus Schwäche und stirbt an Begegnungen, ach herrje. Ich werde hier ganz unruhig, als würde mir meine Obdachlosigkeit hier noch fünftausendmal stärker bewusst.“

In den Sequenzen zwischen den Schrankzeiten gleitet die Erinnerung der jungen Frau durcheinander gewirbelt in die Vergangenheit. Manchmal muss man rätseln, in welcher Zeit man sich gerade befindet, Anhaltspunkte suchen. Beziehung, Elternhaus, Freunde, Job. Wohnort. Der Mann, von dem sie sich getrennt hat, erkrankt, stirbt. In der Wohnung brennt es. Die Bildhauerin kann nicht mehr bildhauern. Krise. Und der Sinn?

Sprachlich ist der Roman recht ausgefeilt. Die Autorin lässt Zitate aus der tschechischen Literatur, Film und Märchen mit einfließen, das erfährt man aus dem Glossar im Anhang. Der Roman ist witzig, scharfsinnig mit genauem Blick fürs Alltägliche und Allzumenschliche. Die Innenwahrnehmung und Reflektion der Heldin ist der Hauptaspekt des Buches, die Außenwelt dringt in Form von Nachrichten, Zeitungsmeldungen und Gesprächen zeitkritisch hinterfragend mit ein.

Der Roman „Im Schrank“ erschien im Voland & Quist Verlag. Martina Lisa hat ihn übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude Hoffmann & Campe Verlag

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen, deren Werke unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Gerechtigkeit und Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen Debütroman. Meine Besprechung zu „Im Schrank“ folgt.

Radka Denemarkovás Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ ist der zweite, der auf Deutsch erschien, sie ist in Tschechien eine der bekanntesten zeitgenössischen Autorinnen. Es ist ein aufwühlendes Buch im positiven Sinn, was natürlich auch ungewöhnlich und bemerkenswert heißt. Was mir gleich zu Anfang auffiel, ist der sehr eigene Stil. Nichts ist hier konkret, als würde über der ganzen Geschichte ein Schleier liegen. Verrätselt, sprachlich gewandt und von Andeutungen geprägt erzählt die Autorin hier eine Geschichte über Gewalt an Frauen. Es geht um Vergewaltigungen, das erfährt man gleich im Prolog: Ein Szenario, das auf eine Massenvergewaltigung in Indien hinausläuft. Es ist ein Lesen zwischen den Zeilen. Die Tat selbst wird nicht geschildert. Ebenso wie die weiteren Taten, die sich durch das ganze Buch ziehen.

„Die Schwalben fliegen und zwitschern. Sie erzählen sich Witze über Männer und Frauen. Sex ist Freude. Die Witze wiederholen sich über die Jahrhunderte, die Schwalben sammeln Beiträge für die Geschichte der Freude. Dabei sind sie auf ein Schlachtfeld gestoßen, das keine Friedenszeiten kennt. Ein stilles Abkommen, ein Gebiet, das nicht frei ist und es nie sein wird, das von jedermann erobert werden darf, wo bis heute alles erlaubt ist.“

Drei ältere Frauen, Erika, Diana und Birgit, die man immer wieder auch als Schwalben durch die Geschichte flattern sieht, wie der Roman überhaupt von der Mystik und der Biologie der Vogelwelt durchdrungen ist, versuchen Gerechtigkeit herzustellen, notfalls durch drastische Maßnahmen, dabei sind sie radikale Feministinnen einer Generation, die Vorreiter war. Ihr Kampf beginnt bereits nach dem zweiten Weltkrieg. Birgit setzt sich dafür ein, dass Vergewaltigungen zu Kriegsverbrechen erklärt werden, was nicht gelingt.

„Sie spricht nicht aus, woran sie denkt, wie verbissen eine Schwalbe namens Ingrid nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dafür kämpfte, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen ersten Grades anerkannt werde, und wie heftig sie dafür ausgelacht wurde.“

Sie versuchen von Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch betroffenen Frauen und Mädchen zu helfen, sie zu unterstützen und zu schützen, zu verteidigen, selten erfolgreich, wenngleich sie aufgrund der andauernden Masse der Verbrechen, niemals ein Ende finden werden. Wie nebenbei erzählt Denemarková ungeschönt von der gesellschaftlichen Stellung der Frau, in der sich noch immer keine Gleichberechtigung findet. Auch Ingrids und Birgits Lebensgeschichte wird nach und nach aufgedröselt. Einer genauen Chronologie folgt sie dabei nicht.

„Birgit spricht nie über weibliche Körper oder über Vergewaltigung. Vor allem mit Frauenzeitschriften nicht. Die sind die ergebensten Diener der Sklavenhalter und besonders geschickt darin, ihre Opfer zu erniedrigen.“

Der Roman beginnt mit einem Selbstmord in Prag. Ein angesehener, wohlhabender älterer Mann hat sich aufgehängt. Der von der trauernden Witwe betörte „Ermittler“ glaubt an Mord. Vor allem deshalb, weil er dann noch oft ins Haus der Witwe kommen kann. Tatsächlich finden sich im Lebenslauf des Toten Hinweise auf Gewalt gegen Frauen und Zeichen, dass es sich möglicherweise doch nicht um Selbstmord handelte. Die Spuren führen zu einer gewissen Birgit Stadtherrová und zu einer Diana Adler.

„Der Ermittler bittet einen Kollegen, Dozentin Stadtherrová zu verhören. Er habe panische Angst vor alten, hysterischen Intellektuellen. Greise, intellektuelle Frauen fürchte er am allermeisten. Ein Treffen mit Frau Stadtherrová käme ihm wie reiner Masochismus vor. pssst.“

Als der namenlose Ermittler das Haus einer Filmfirma, die offensichtlich der Stadtherrová oder der Adler gehört, durchsucht, stößt er auf ein riesiges Archiv. Was er zunächst nicht erkennt: Es ist eine Sammlung von Gewaltverbrechen an Frauen, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Drei Frauen haben sich der Rache verschrieben. Nach und nach erfährt die Leserin, wie ein Rädchen ins andere greift, wie durchdacht und kunstvoll verwoben das System der „Schwalben“ ist …

Denemarková ist eine Meisterin der Verschlüsselung bei gleichzeitiger Direktheit. Ihre Figuren zeichnet sie ausgefeilt und einprägsam. Im Gespräch im Literaturhaus erklärte die Autorin, dass sie beim Schreiben ihren Ermittler schließlich besonders ins Herz geschlossen hatte. Auch inhaltlich reicht ihr Roman weit über das hinaus, was zur Zeit so als feministische Literatur gehandelt wird. Denemarková ist eine echte Kämpferin mit Worten. Sie gebraucht Metaphern, die ganz ungewöhnlich und sprachlich wunderbar ausgefeilt sind. Es ist eine ganz eigene Handschrift zu erlesen, die ich für mehr als geglückt halte. Ein Wunder, das jemand in der Beliebigkeit der heutigen Sprachlandschaften in einem Roman sich so auszudrücken vermag. Das kenne ich sonst eher aus der Lyrik. Ein Hoch auch auf die Übersetzerin Eva Profousová, deren Übersetzung sicher zum Gelingen beigetragen hat. Ich wünsche dieser Autorin viel mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Leserinnen. Ein kraftvolles Leuchten!

Radka Denemarkovás Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

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„Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt. Hurrikane mit Frauennamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“

Zwei Sachbücher, die ich lange schon lesen wollte und es nun endlich, trotz der vielen noch zu lesenden Romane, getan habe. Es schien die passende Zeit. Dennoch haben beide mich nicht überzeugt und ich wende mich in Zukunft lieber wieder Romanen mit diesen Themen zu, die in meinen Augen, oft tiefer wirken.

Margarete Stokowski ist derzeit eine stete Stimme. Sie hat soeben ihr zweites Buch zum Thema Feminismus veröffentlicht und schreibt für diverse Zeitungen. Stokowski lebt in Berlin und ist Jahrgang 1986.
Die Autorin versucht aufzudröseln, was alles schief läuft, was alles von Anfang an anders laufen könnte. Das schafft sie, wie ich meine, ganz gut. „Untenrum frei“ scheint mir allerdings für eine andere Generation als meine geschrieben zu sein. Ich bin nicht mit sozialen Medien aufgewachsen und darüber wirklich froh. Zwar habe ich allerhand wiedererkannt und doch ist es mir oft fremd, was Stokowski schreibt. Tatsächlich wundert es mich, dass es immer noch Jugendzeitschriften wie „Bravo“ und „Mädchen“ gibt, die ich, zugegeben, als Teenager schon zu meiner Zeit las. Erschütternd finde ich, was diverse „Frauenzeitschriften“ (die ich seit 100 Jahren nicht mehr lese), für ein Frauenbild aufzeigen, als sind Frauen erst dann Frauen, wenn sie deren Mode-, Kosmetik-, Sex- und Beziehungstipps berücksichtigen. Stokowski führt einige Beispiele an, bei denen mir schlecht wird.

„Hätte es wirklich eine sexuelle Revolution gegeben, dann wäre die Palette breiter und das Bild der sexuell attraktiven Frau wäre nicht auf eine reine, junge, glatte und „unverbrauchte“ Version beschränkt.“

Dass Stokowski anhand ihrer eigenen Erlebnissse in Kindheit, Jugend, usw. spiegelt, was alles schief läuft, ist verständlich. Sicher braucht es etwas, auf das man sich beziehen kann. Dennoch wird mir manches zu persönlich. Andererseits finde ich ihren Stil passend für unsere Zeit. Sie sagt nie, so muss es sein, gibt aber Anregungen, wie es sein könnte, stellt Fragen. Was mich verwundert, ist die teils derbe Sprache. Und auch wenn sie von sich erzählt, sie habe „früher haufenweise sexistische Witze und Sprüche gemacht, weil es ankam“, dann ist das für mich unverständlich und wenig achtsam und mindert für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Autorin (die z.B. ein Kapitel „Die Poesie des Fuck you“ nennt).

Das Buch ist flugs gelesen und stellenweise auch recht unterhaltsam, mitunter nachdenklich stimmend. Nachhaltig wirkt es allerdings bei mir nicht. In vielem teile ich nicht ihre Meinung. Ein autobiografisches Buch, das ich kürzlich las, wirkte da viel tiefer und zeigte ganz ähnliche Themen in jedoch anderer Art und Weise auf: „Die Jahre“ von Annie Ernaux habe ich auch bereits hier auf dem Blog besprochen.

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Rebecca Solnit ist US-Amerikanerin und Jahrgang 1961. Ihr Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“, obgleich es schon typisch amerikanisch geprägt ist, zeigt auf ein Thema, was wirklich extrem auffällig ist und tief verankert in westlichen Kulturen. Leider behandelt nur einer der Essays, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, genau diese Situation.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.
Jede Frau weiß, wovon ich spreche.“

In weiteren Kapiteln schreibt Solnit über das Thema Vergewaltigung und berichtet vor allem über die Massenvergewaltigungen in Indien. Zum Thema Vergewaltigung las ich kürzlich Bettina Wilperts Roman „Nichts, was uns passiert“, welches ich sehr viel dichter und interessanter fand. Die Besprechung gibt es hier.

Weitere Kapitel handeln von dem in den USA in die Schlagzeilen geratenen Strauss-Kahn. Nach und nach kommt hier die ganze Dimension seiner sexuellen Übergriffe an die Öffentlichkeit. Alles deutet schon in Richtung #metoo-Debatte. Wenn die Autorin sich allerdings mit Susan Sonntag trifft, um über Virginia Woolfs Thema der „Dunkelheit“ in ihrem Werk spricht, ist mir das zu theoretisch und nicht nah genug an der heutigen Wirklichkeit. 

Genauer betrachtet hat mir auch dieses Sachbuch nicht wirklich relevante Neuigkeiten überbracht. Mein Ausflug in die Welt der Sachliteratur zum Thema Feminismus ist damit wohl erst mal beendet.