Sabine Scholl: Die im Schatten, die im Licht Weissbooks

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Es ist der erste Roman, den ich von Sabine Scholl lese. Und er hat mich gefesselt und ich bewundere, wie gekonnt die Autorin ihre weiblichen Hauptfiguren lebendig macht und wie intensiv ich sie dadurch erleben darf. Sabine Scholl hat neun Frauen gewählt, die sie von kurz vor bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg begleitet. Sie lehnt ihre Heldinnen an wahre Biographien an und gibt ihnen durch ihre literarische Ausarbeitung eine Stimme. Dabei gliedert sie in drei Teile chronologisch von 1938/39 über 1944 bis 1946. Eingangs finden wir eine Liste der Protagonist*innen, die im Buch in Erscheinung treten zusammen mit einer Ortsangabe, an der sich die jeweiligen Personen überwiegend aufhalten. Es sind Orte in Österreich. Linz spielt eine tragende Rolle, auch wegen der Nähe zum Konzentrationslager Mauthausen. Ausgangspunkt der Geschichten ist unter anderem Grieskirchen, der Geburtsort der Autorin in Oberösterreich. Zu dieser Namensliste musste ich auch immer wieder zurückblättern, um die Person wieder einzuordnen, denn es sind viele Namen.

Die Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Jede bekommt abwechselnd in eigenen Kapiteln ihre Stimme und das kann Erzähltext sein, Tagebucheinträge und auch das Notat einer Tonbandaufnahme eines Interviews. Die Frauen kommen aus unterschiedlichen Kreisen, leben teilweise in der Nähe und sind einander doch größtenteils unbekannt: Rosi, Zugehfrau, Traudi, ledige Mutter und Dienstmädchen, Lotte, Tochter wohlhabender jüdischer Eltern mit Bekleidungsgeschäft, Elsa, jüdische Ehefrau eines Pastors, Vera, Gräfin auf einem Schloss, Huberta, Prinzessin und Lebefrau, Gretel, Schneiderin, Francine, Schauspielerin. Auf manchen liegt der Fokus mehr, alle Schicksale sind hoch interessant. Durch den Wechsel der Perspektiven entsteht zudem Spannung.

Einige Geschichten haben mich besonders berührt. Manche Frauen sind sympathisch und manche weniger. Doch jede geht ihren Weg. Manche sind Täterinnen, manche im Widerstand und manche machen einfach mit im Nationalsozialismus.

Elsa zum Beispiel, Jüdin und Ehefrau eines Pastors inszeniert ihren eigenen Selbstmord und flieht, um ihre Kinder nicht weiter den Anfeindungen der Dorfbewohner auszusetzen, die voll hinter dem System stehen. Die Kinder wurden drangsaliert und durften als Halbjuden keiner Gruppe beitreten, keinen Musikunterricht mehr nehmen etc.

„Mit einem Mal zeigen die Plakate im Dorf das Hakenkreuz über dem Dachstein aufgehen wie eine Sonne. Dieses hässliche, grauenvolle, spinnenartige Ding überzieht Papier, Fenster, Landschaft und Gehirne. Viele Leute glauben daran wie an einen Gott, einen Erlöser gar.“

Rosi, ihre Freundin wurde nicht eingeweiht und hält sie für tot. Sie betreut die Sommerhäuser der reichen Nazis und beherbergt zeitweise Flüchtlinge und arbeitet im Widerstand, in dem sie die Partisanen in den Bergen mit Nahrung und Informationen versorgt.
Vera ist Adelige und bewohnt das familieneigene Schloss und Anwesen. Weil ihr Mann immer wieder verhaftet wird, (weil er im Widerstand tätig ist) kümmert sie sich als Frau um die gesamten Geschäfte und schafft es immer wieder ihren Mann zeitweise aus der Haft zu holen. Von Haft zu Haft geht es ihm schlechter.
Da ist Gretel, die Schneiderin, die ab Kriegsbeginn fast keine Arbeit mehr hat, aber ihre alte Mutter versorgt. Als sie eine Stellenanzeige liest, in der Aufseherinnen für Lager gesucht werden, bewirbt sie sich. Hier beschreibt Scholl sehr eindringlich, wie sich Gretel von einer normalen jungen Frau zu einer grausamen Wärterin im KZ entwickelt. Weil sie ehrgeizig ist, schüttelt sie die anfänglich starken Skrupel ab, und steigt in der Hierarchie sehr schnell auf.

„Auch im Schneiderinnenberuf gab es Reste und Ränder, die dem Anspruch nicht genügten, Teil eines größeren Vorhabens zu sein. Das heute angelieferte Material ist in miserablem Zustand. Die Körper ausgemergelt und geschwächt, in Fetzen gehüllt. Manche tragen nicht einmal Schuhe. Das geht so nicht.“

Und da ist auch Kitty, Jüdin, auf der Flucht mit zwei Kindern, die sie versucht bei Verwandten in Sicherheit zu bringen, die selbst aber ins Lager gebracht wird. Ihre Schilderungen, der Zustände als Gefangene, erfahren wir aus einem Interview, das nach Kriegsende mit ihr, der Überlebenden, geführt wird. Der Interviewer fragt oft nach, da er das schreckliche Leiden kaum nachvollziehen kann.
Lotte, Jüdin aus Linz, (Kitty ist ihre Tante), das junge Mädchen, das eigentlich Tänzerin und Schauspielerin werden will, flieht mit den Eltern gerade noch rechtzeitig auf ein Schiff nach Shanghai. Doch auch dort wird die Familie zunächst in einem (Aufnahme-)Lager leben. Das Klima und die Zustände in der Enge des Lagers macht vor allem dem Vater zu schaffen, der erkrankt und bald stirbt. Lotte verdient zunächst Geld, in dem sie in einem Varieté als Sängerin auftritt. Bald findet sie und auch ihre Mutter Arbeit im Krankenhaus. Doch als Japan in den Krieg eintritt, wird es schwierig, werden sie plötzlich auch hier zum Feind, weil sie „Deutsche“ sind.
Francine lebt in Paris als Varietékünstlerin, wird aber bald auch als Schauspielerin gebucht. In Babelsberg zum Beispiel. Sie orientiert sich an Rollen, wie sie Marlene Dietrich spielte. Sie wird bekannt, ja berühmt. Sie verkehrt in Künstlerkreisen unter anderem mit Cocteau und Celine. Und sie liebt einen Offizier aus Deutschland, der in Paris als Besatzer stationiert ist. Durch ihn fehlt es ihr auch im Krieg an nichts. Scholl orientiert sich bei der Figur der Francine an der tatsächlichen Geschichte der Schauspielerin „Arletty“, wie ich aus dem Quellenverzeichnis erfahre.

„Francine weiß, dass sie sich hüten werden, ihr den Kopf zu scheren. Die berühmte dunkle Aufsteckfrisur zerstören. Diese Strafe blüht nur einfachen Frauen. Nicht der bestbezahlten Filmschauspielerin Frankreichs. Die Frauen müssen büßen für das, was die Franzosen während des Kriegs erlitten. Scheren sie ihnen die Köpfe, wachsen den Männern anscheinend die Eier nach, die sie verloren haben als Besiegte.“

Ich empfehle dieses Buch sehr. Es bildet ab, was Frauen schaffen, aber auch was sie erdulden müssen in Ausnahmesituationen, im Krieg – im Guten wie im Bösen. Im Anhang finden sich die Quellen, die aufschlussreich zeigen, welche wahren Personen hinter den Romanfiguren stehen. Ich wünsche Sabine Scholl viel mehr Leser für diesen so starken und gekonnt konstruierten Roman, der meiner Ansicht nach viel zu wenig präsent ist in den Kritiken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien bei weissbooks. Eine Leseprobe gibt es hier: https://weissbooks.com/

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht Frankfurter Verlagsanstalt

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Nach dem wunderbaren Leseerlebnis mit Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ über eine Schokoladenfabrikdynastie in Georgien war ich sehr gespannt auf den neuen Roman. Fast ebenso dick, über 800 Seiten, die mir bei „Das achte Leben“ fast zu kurz vorkamen, bin ich diesmal etwas verhaltener. Das liegt sicher vor allem am Inhalt. Ich konnte diese Geschichte nicht als eine große Geschichte der Freundschaft lesen, sondern las vor allem über Gewalt. Ob das nur mir so ging?

Der Roman schildert das Leben und Erleben von vier Freundinnen, seit Beginn ihrer Freundschaft zu Schulzeiten in den 80er Jahren: Dina, Nene, Ira und Keto. Aus dem Blickwinkel von Keto wird auch der ganze Roman erzählt. Wir erfahren gleich zu Anfang, dass eine der Freundinnen nicht mehr lebt. Die anderen treffen sich nach über 20 Jahren, es ist inzwischen 2019, zum ersten Mal wieder, anlässlich einer großen Foto-Ausstellung, die nach dem Tod Dinas, der Fotografin, in Brüssel stattfindet. Anhand der Fotos, die Keto der Reihe nach in der Galerie betrachtet und sich erinnert, hören wir von den jeweiligen Situationen im Leben der Freundinnen. Unterbrochen vom aktuellen Geschehen in der Galerie, tauchen wir immer wieder in die Geschichte der Mädchen, die alle in Tiflis lebten ab, aber eben auch in die Geschichte Georgiens mit ihren Wandlungen während der Zeit von Gorbatschows Perestroika unter der Sowjetunion über die folgenden oft blutigen Kämpfe mit teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen bis zur Unabhängigkeit.

Gleichzeitig erleben die Mädchen, deren Zusammenhalt trotz ihres unterschiedlichen Charakters, zunächst sehr stark ist, ihren Schulabschluss, ihre erste Liebe, ihre ersten Studien- und Berufserfahrungen. Ira beginnt ein Jurastudium, Keto studiert Restaurierung, Nene heiratet, aber nicht den, den sie liebt, Dina fotografiert und arbeitet bei einer Zeitung. Die jungen männlichen Protagonisten hingegen, Ketos Bruder, der mit Dina zusammen ist, Lewan, den Keto sehr mag, Nenes ungewollter Ehemann etc. sind alle mehr oder minder in der Unterwelt tätig, wo Bandenkriege herrschen, wo es um selbstgefällige Männlichkeit geht, um Schutzgelderpressung, wo Ehre und Ehrenmorde wichtig sind, wo es um Äußerlichkeiten und Reichtum mit entsprechenden Symbolen geht. Und mit alledem geht ein krudes Frauenbild einher: die Herabsetzung der Frau (vor allem, wenn sie eine eigene Meinung hat) himmelweit von Gleichberechtigung entfernt.

„In unserer Stadt waren die Mädchen pudrig und hauchzart, sie waren dafür gemacht, an der Ehre der Männer zu weben und ihnen warmes Brot zu backen. […] In unserer Stadt waren die Mädchen Goldfische, denen die Jungen Aquarien zu bauen hatten, um ihre liebsten Fische darin schwimmen zu lassen. In unserer Stadt waren die Mädchen flügellose Engel an dünnen Fäden, festgehalten von Müttern, Tanten, Großmüttern, die einst auch nicht hatten davonfliegen dürfen.“

Und genau das macht es mir schwer, den Roman zu lesen: Ketos Bruder, der Nene beschuldigt am Tod ihres Liebhabers Saba Schuld zu sein, weil sie nicht ihrem rohen, ungeliebten Ehemann treu ist, den sie nie wollte. Dabei ist natürlich ihr Ehemann Schuld, der seine „Ehre“ mit einem Mord verteidigen „muss“. Lewan, der dann eben jenen Liebhaber, seinen Bruder Saba, unbedingt rächen muss, der „Familienehre“ wegen, und der seinen Frust und seine unausgesprochenen Gefühle abreagiert, indem er Keto beinahe vergewaltigt. usw. usw.

Will ich das weiterlesen, denke ich nach etwa 400 Seiten? Bereits im Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ der Georgierin Tamar Tandaschwili las ich von solcher Misogynie, die offenbar bis in die Heutezeit reichen. Aber eben auf 180 Seiten, nicht auf 800. Scheinbar hat sich in Georgien nicht viel verändert, was Frauenrechte/sicherheit angeht? Womöglich hat sich überall nichts Wesentliches geändert? Ich denke an die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Ich denke an die Mädchen in Indien, die einer Massenvergewaltigung zum Opfer fallen oder einem Säureanschlag oder gleich schon als Fötus wegen ihres Geschlechts abgetrieben werden. Ich denke an die Nachrichtensprecherinnen in Afghanistan, die auf Anordnung der Religionspolizei nun ihr Gesicht wieder verhüllen müssen. Wo bleiben die Frauenrechte? Mein Leseerlebnis dieses Romans lief immer wieder in genau diese Richtung, obwohl es sicher nicht der Ganzheit des Romans gerecht wird. Und so las ich dennoch weiter …

In nächsten größeren Abschnitt geht es gleich weiter mit mafiösen Strukturen (Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, rohe Gewalt, Korruption, Drogenhandel) und frauenfeindlichem Verhalten. Die vier Freundinnen sind wirklich nicht zu beneiden in dem, was sie in solchen gesellschaftlichen Strukturen in dieser Zeit durchleben. Und es geht immer weiter mit Krieg und Gewalt, im Kleinen wie im Großen.

„- Er wird für alles Büßen. Das kannst du ihm ausrichten. Und wenn ich mitbekommen sollte, dass du dich weiterhin mit ihm triffst, dann werde ich dich umbringen. Dina, hörst du? Ich lasse nicht zu, dass du meinen Namen mit Dreck besudelst. –
Er hielt ihr die Messerspitze an die Kehle.“

Dina flieht vor einer zerbrochenen Liebe als Kriegsfotografin nach Abchasien. Ira geht mit Stipendium in die USA. Nene bekommt ein Kind. Keto fühlt sich für alle verantwortlich und vergisst dabei oft, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern. Sie lässt sich auch wieder auf diesen Lewan ein, bis alles wieder eskaliert. Ich bin beim Lesen mittlerweile wirklich richtig wütend. Niemals würde ich in solch einem Land leben wollen. Und ich wünsche mir sehr, dass die Freundinnen endlich diesen Kreislauf durchbrechen, endlich ausbrechen aus diesem von Männern bestimmten und beaufsichtigtem Leben. Doch durch all die Geschehnisse leidet auch die Freundschaft. Und durch Ira, inzwischen Anwältin, die für Nene, mehr als Freundschaft empfindet, die diese aber nicht erwidert, werden die Risse zwischen den Frauen immer größer. Und sie tun sich erneut auf, als sich die drei bei der Ausstellung nach so langer Zeit wieder in die Augen sehen …

Was als Schmöker erfreulich begann, wurde beim Lesen für mich zeitweise zu einer Tortur (siehe oben). Haratischwili kann Geschichten erzählen. Absolut! Doch für mich bleibt dieser Roman hinter „Für Brilka“ zurück. Mitunter war mir der Ton sehr pathetisch, auch die Liebesszenarien empfand ich als eher kitschig. Aber ich habe es zu Ende gelesen und war dann wieder etwas versöhnt, wie auch die Protagonistinnen. Fazit: Für Fans sicher ein Muß, für „Anfänger“ empfehle ich eher „Das achte Leben“. Was mich allerdings brennend interessieren würde, sind die Theaterstücke, die Haratischwili aus den Romanen gemacht hat. So weit ich weiß stehen sie aber nur in Hamburg auf dem Spielplan.

Der Roman erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura: https://letteraturablog.wordpress.com/2022/05/20/nino-haratischwili-das-mangelnde-licht/

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute in etwas anderer Form:

aus „Thebanischer Tod von Amanda Cross. (Anm.: Im Zitat geht es um den Vietnam-Krieg)

Normalerweise lese ich keine Krimis mehr, aber als der Dörlemann Verlag begann die Krimis von Amanda Cross, die ich vor langer Zeit sehr liebte, neu aufzulegen, war ich gleich dabei. Glücklicherweise ist diese Lesephase so lange her, dass ich mich nur noch vage an die einzelnen Fälle erinnere. Und so war auch die erneute Lektüre ein spannendes Lesevergnügen. Amanda Cross, alias Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey, USA, lebte in New York, wo ihre Kriminalromane auch spielen. Cross war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin.
Im Thebanischer Tod (erschien 1971 in den USA) will die frisch verheiratete Literaturprofessorin Kate Fansler eigentlich eine Auszeit nehmen, wird aber von ihrem ehemaligen College Theban gebeten, Vorlesungen zu übernehmen. Prompt passiert ein Mord. Wie immer finden sich viele Zugänge zum Fall über die Literatur, in diesem speziellen Fall über die Antike, Stichwort Antigone. Mithilfe ihres Ehemanns, dem Staatsanwalt Reed lässt sich der Fall letztendlich aufklären, wobei es vorher noch spannende Einblicke in eine Art psychotherapeutische Encountergruppe gibt, die die Studentinnen zwar begeistert besuchen, die aber mitunter für ein eher konservatives Mädchen-College (für damalige Verhältnisse) sehr unkonventionelle Wege geht. Hoch interessant auch: Feminismus im Vergleich zu heute.

Eine weitere Besprechung zu zwei Amanda Cross-Krimis:

Kristine Bilkau: Nebenan Luchterhand Verlag / Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige Dumont Verlag

Heute ganz kurz ein Blick in zwei Romane, die mich neugierig gemacht hatten, die mich aber nicht in Gänze erreicht haben. Das hat sicher weniger mit der Qualität, eher mit der jeweiligen Thematik zu tun, die mich zeitweise sehr genervt hat und die sich an einigen Punkten auch überschneidet.

„Die Glücklichen“ und „Eine Liebe in Gedanken“ von Kristine Bilkau gefielen mir sehr. So war ich gespannt auf den neuen Roman „Nebenan“. Leider hat es nicht ganz geklappt mit uns beiden.

Es geht um ein Paar, Julia und Chris, um die vierzig, dass von Hamburg aufs Land gezogen ist, er ist Biologe und setzt sich für den Umweltschutz ein und sie ist Keramikerin, hat im kleinen Ort auch einen Laden eröffnet, verkauft aber das meiste über ihre Website. Als eines Tages die Nachbarn verschwunden sind, macht sich die Hauptprotagonistin Julia Gedanken. Auch die zweite Hauptfigur, Astrid, etwa 60-jährig, hat mit Widrigkeiten zu tun. Sie ist Ärztin und lebt mit ihrem Mann, der bereits in Rente ist ebenfalls im Ort. Das Bindeglied dazu ist Elsa, 80-jährig. Sie ist die Nachbarin schräg gegenüber von Julia und Tante von Astrid. Die Autorin erzählt wechselweise aus der Perspektive der zwei Frauen. Die eine bekommt seltsame Drohbriefe und sorgt sich um Elsa; die andere hadert mit dem unerfüllten Kinderwunsch, fragt sich gleichzeitig, ob man in diese Welt eigentlich noch Kinder setzen darf und sorgt sich um das verlassene Nachbarshaus.

Es passieren seltsame Dinge, die in keinem rechten Zusammenhang stehen und für mich scheint der Roman zu sehr aus einem Konglomerat möglichst vieler zeitgeistiger Themen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung durch Mikroplastik, Mutterschaft, Social Media zu basieren. Die Geschichte selbst geht unter oder aber ich finde sie nicht. Aber vielleicht passt der Roman auch einfach nicht zu meinen derzeitigen Leseinteressen.

Social Media und Kinder ist auch das Thema, dass beide Romane verbindet. Julia in „Nebenan“ schaut sich Videos von glücklichen Müttern, Kindern und Familien an, während die Hauptfigur Mélanie in „Die Kinder sind Könige“ diese Videos mit ihren kleinen Kindern dreht (Stichwort Unboxing) und damit Millionen Klicks erreicht und unglaublich viel damit verdient. In beiden Büchern gibt es zwei sehr unterschiedliche Frauen als Hauptfiguren.

Delphine de Vigans Romane mag ich ebenso. Hier besprochen habe ich bereits „Nach einer wahren Geschichte“. „Die Kinder sind Könige“ hat mich gerade auch wegen der Thematik interessiert. Denn man könnte auch meinen, und auch das wird im Roman thematisiert, dass diese Mütter ihre Kinder ausbeuten und ihnen die Kindheit stehlen. Denn tatsächlich sind Mélanies Kinder zunehmend weniger glücklich darüber, ständig vor die Kamera gezerrt zu werden. Mir sträubten sich die Haare, als ich las, was die 6-jährige Kimmy und der 8-jährige Sammy alles über sich ergehen lassen müssen. Privatsphäre gibt es kaum mehr, alles wird vermarktet. Die Werbung, die dabei für alle möglichen Marken gemacht wird, bringt gutes Geld. Und Mélanie, die mit dem Filmen begann, weil sie die anderen Filmenden mit ihren glücklichen Familien so toll fand, die aber mittlerweile ihre große Konkurrenten sind, meint, ihre Kinder damit ja finanziell unabhängig zu machen. Mélanie überwacht streng die Anzahl ihrer Follower. Sie will die Bekannteste sein. Sie scheint die Probleme nicht zu sehen, die Tochter, die sich immer mehr sträubt, nicht ernst zu nehmen. Da wurde ein eigenes Filmstudio in einer gekauften Nachbarwohnung eingerichtet, Mélanies Mann gab seine Arbeit auf, sein Verdienst wurde nicht mehr benötigt. Die Wohnung quillt über von Waren, die alle längst nicht mehr brauchen.

Als die kleine Tochter auf dem Grundstück der abgeschlossenen teuren Wohnanlage verschwindet, kommt die Polizistin Clara, die zweite Hauptfigur ins Spiel, die im starken Gegensatz zu Mélanie steht. Vigan schildert im letzten Kapitel auch die langfristigen Folgen, die die „Königskinder“ treffen …

Mich hat es wirklich entsetzt, was Social Media aus Menschen machen kann. Nicht dass mir das nicht klar war, wie dieses schnelllebige Medium die Welt verändert. Ich bin ja mit meinem Blog und meinen Kanälen mittendrin. Und doch kenne ich Grenzen. Ich finde es einfach schlimm, dass Kinder von ihren Eltern, die das aufgrund von Ruhm und Geld tun, so ausgenutzt werden. Liebe ist das nicht. Das ist Egoismus.
Ich gebe zu, meine Besprechung ist diesmal besonders subjektiv, aber manchmal ist das eben so.

Nebenan“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. „Die Kinder sind Könige“ erschien im Dumont Verlag in der Übersetzung von Doris Heinemann.

Stewart O`Nan: Ocean State Rowohlt Verlag

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Stewart O`Nans neuer Roman Ocean State fügt sich nahtlos in die Reihe seiner vorigen Romane ein. Er ist einer der großen US-amerikanischen Erzähler. Immer lesenwert, dabei unspektakulär, wechselnde Themen, fein konstruiert und kurzweilig erzählt. Ich habe in den letzten Jahren einige seiner Romane gelesen, zwei auch bereits auf dem Blog besprochen. Siehe unten.

Wir befinden uns in der Stadt Westerly, Rhode Island, USA. Die Geschichte dreht sich um einen Mord, der von einer 18jährigen Highschool-Schülerin begangen wird. O`Nan beginnt mit dem Treffen des jungen Liebespaares Birdy und Myles, die eigentlich beide mit einem anderen Partner zusammen sind. Was für Myles wohl nur ein Abenteuer ist, fühlt sich für Birdy wie die große Liebe an. Birdy, eigentlich Beatrix lebt bescheiden mit ihrer alleinerziehenden Mutter, von Myles erfährt man nur, dass er aus einem reicheren Elternhaus kommt. Seine Freundin Angel lebt mit ihrer Mutter Carol und ihrer 13jährigen Schwester Marie, aus deren Perspektive auch die meiste Zeit erzählt wird in einer schlechten Wohngegend. Der eintönige Alltag besteht aus Schule, Arbeit, fernsehen, durchbrochen von wenigen feierlichen Anlässen wie Halloween oder Weihnachten. Die Mutter, die regelmäßig trinkt, bringt immer wieder neue Männer mit, auch Angel ist viel unterwegs. Marie fühlt sich alleingelassen und nicht gesehen. Immer wieder wird sie zur Großmutter abgeschoben. Denn sie ist in der Familie die brave Tochter. Im Gegensatz zu Angel, die wohl öfter über die Stränge schlägt. Aus Frust isst sie zu viel, fühlt sich dabei minderwertig gegenüber ihrer hübschen Schwester Angel.

„Wir fürchteten Dramen, waren aber auch süchtig danach. Weil wir jung waren, hielten wir uns für stark. Wir dachten, wir wären abgehärtet. Wir wollten, dass das Schlimme schnell passierte, damit die schmerzlichen Augenblicke vorüber waren und wir unser normales, langweiliges Leben fortsetzen konnten.“

Der Autor schafft es über mehr als die Hälfte des Buches die Spannung zu steigern, bevor die Tat wirklich begangen wird. Geschickt geht er dabei vor und schildert gekonnt die einzelnen Charaktere, die Abhängigkeiten und die Unsicherheiten der Paare im Collegealter, aber auch die deren Eltern. Man erinnert sich dabei selbst an die eigene Zeit der ersten bedeutungsvollen Liebe und des furchtbaren Liebeskummers. Beim Lesen dachte ich dann oft, wie abgeklärt man die Geschichte jetzt im fortgeschrittenen Alter liest und sich wundert, wie ernst und tragisch das alles damals war, als die Gefühle Achterbahn fuhren.

O`Nan lässt uns Leser nicht erfahren, was und wie genau der Totschlag passiert, erzählt auch wenig über die Phase der Inhaftierung, außer, dass die Tat im Strandhaus von Myles Eltern geschah, welches auch der Treffpunkt der beiden Liebenden war. Die Täterin scheint nach Außen hin kühlen Kopf zu bewahren, so als wäre sie vollkommen unbeteiligt.

„Egal, ob es ein Unfall war oder nicht, sie weiß, dass sie Reue empfinden sollte, doch wenn sie ehrlich ist, muss sie zugeben, dass sie irgendwie wollte, dass das kleine Miststück tot ist. Irgendwas stimmt nicht mit ihr. In ihren schwächsten Momenten schließt sie ihre Tür ab, kniet sich wie ein Kind vors Bett und erfleht die Barmherzigkeit Gottes.“

Tatsächlich blieb mir aus meiner Sicht unerklärlich, wie man eine solche Tat, die in diesem Fall ja im Ansatz geplant war und dann aus dem Ruder lief, begehen kann. Aus beleidigtem Stolz? Aus Nervenkitzel? Was muss passieren, damit man soweit geht? Es erschließt sich mir nicht. Und das sagt auch Marie, die im abschließenden Kapitel rückblickend von den weiteren Geschehnissen und der Zukunft der Protagonisten erzählt. Sie ist die einzige, die weiter im Ort lebt, und als Lehrerin noch lange mit der Geschichte von Außen konfrontiert wird.  Einen Krimi sollte man nicht erwarten, aber eine spannend beleuchtete Milieustudie.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat wie immer Thomas Gunkel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Letteratura. Ein schönes Interview mit dem Autor gibt es hier.

Zwei weitere Romane des Autors habe ich hier besprochen. Auch „Die Chance“ empfehle ich sehr.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

Kerstin Becker: Das gesamte hungrige Dunkel ringsum Edition Azur

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„wir sind am Anfang durchlässig
und weich und lernen fortan
zu verhärten“

Der neue Lyrikband von Kerstin Becker strahlt ins Dunkel hinein, um auf den Titel des Buches zuzugreifen. Das Dunkel wird hier kompromisslos ausgeleuchtet, wie mit einer Taschenlampe punktgenau getroffen. Das Dunkel, das wir alle kennen, aber manche eben wesentlich mehr. Es beginnt mit der Zeugung, weiter mit der Geburt, wo die Dunkelheit verlassen werden muss und der Start ins Leben grell beleuchtet ist. Es beginnt mit dem Babyflaum und was am Ende bleibt, ist die kratzige Kunstwolle, die nach dem Tod aufgedröselt und wieder verwendet wird. Kerstin Beckers Gedichte spannen einen Bogen vom Anfang zum Ende eines Menschenlebens, eine Lebenszeit. Wie unterschiedlich diese verlaufen kann erfahren wir auch. Wir hören viel mehr vom Dunkel, das immer da zu sein scheint ganz in der Nähe, lauernd. Die Helligkeit nimmt ein viel geringes Maß ein. Kommt zu kurz, wie das eben in manchen Menschenleben so ist. Trotz aller Dunkelheit empfinde ich Kerstin Beckers Gedichte nicht bitter oder resignierend, sondern durchaus kraftvoll und weit, die Sprache manchmal rau und dann wieder zart.

Das Aufwachsen, die Kindheit scheinen auf, ein Leben in den Wäldern, den Wiesen, ein ländliches Leben. Immer mit der Natur, erdig, sinnlich, sehr körperlich, auch eklig und dreckig. Wildwuchs, Wachstum. Geräusche, Gerüche. Freundschaft und Blutsschwesterschaft. Hier ist es oft schön hell. Schnell zeigt sich dann aber doch wieder der Unterschied zwischen arm und reich, zwischen weiblich und männlich, zwischen wollen und sollen, zwischen Zwang und Freiwilligkeit. Missbrauch und Gewalt schweben im Raum eines Gedichts, dürfen es auch, dürfen benannt und ausgesprochen werden in diesem Rahmen.

„wir gleichen unseren Puls dem Puls der letzten Wälder an
wie später einmal unsere Mens die Sommersonne
spinnt weiße Waben unter unsre Lider“

Im großen Gegensatz zum Dunklen wird immer wieder die Natur besucht. In den Wald und über die Felder. Durchatmen, Wahrnehmen. Die Bäume, die Wiesen – sie sind Heil- und Ruhemittel. Da ist die Verbindung ganz stark, da wächst nach, was verloren war. Das ist der Raum, den es dem sterilen, künstlichen Klinik- und Pflegebereich entgegen zu setzen gilt. Denn das Dunkle ist auch die schwere Erkrankung, die zieht und zerrt und hilflos und ohnmächtig macht und nicht weichen will.

„wir hätten oft schon tot sein können Wald
wie geht es dir
in dir geh ich am Faden aus Instinkt und ahne Ahnen
und glaub fast an der Menschenhirne Amen“

Kerstin Becker zeigt in einigen Gedichten die prekäre Arbeitssituation auf, in der manche Menschen stecken: es geht um die Dienstleister. Menschen, die saubermachen, Essen ausliefern, an Kassen sitzen und dennoch finanziell kaum über die Runden kommen, und die, die mit ihrem „Bescheid“ mit großer Scham zur Tafel gehen müssen, um zu überleben.

„siehst du den Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an“

Die Lyrikerin schickt das Lyrische Ich zu Besuch zur Schwester, die zuhause schwer alleine zurecht kommt, die aber auch nicht in die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gehen kann, weil sie geschlossen wurde. Auch ein Familienausflug wird ganz stark verdichtet: ein Besuch des Flughafens, die ungestillte Sehnsucht auf der Zuschauerterasse, weil es für eine Ferienreise im Flieger eben nicht reicht (welches ich allzu gut kenne) oder es gar nicht möglich war, überall hinzufliegen in der DDR.

Am Schluss schließt sich der Kreis. Nach Zeugung, Geburt, Lebenszeit folgt das Sterben, der Tod. Das Stirb und Werde, das niemals aufhört, für jeden Einzelnen allerdings immer das Schönste und das Schlimmste bedeutet.

„muss ich denn Abschied nehmen Welt von deinen süßen
salzgen Wassern grünen Hügelketten
ich habe dich von oben wie ein
Raumfahrer gesehen
du bist so zart und voller Grab“

In den Gedichten gibt es keine Interpunktion, was aber nicht stört, denn die Verse gliedern sich durch ihren Rhythmus. Wie im vorigen Band Biestmilch sind die meisten in der Wir-Form geschrieben. Etwas, was mir besonders auffällt, weil es, wie ich finde in aktuellen Gedichten selten zu finden ist. Dabei hat diese Form den Vorteil, dass man sich mit der Dichterin verbunden fühlt und näher dran ist am Erleben. Und tatsächlich erinnern mich manche Gedichte in Ton und Wortwahl an die Gedichte von Christine Lavant. Und, liebe Kerstin, über das wunderbare kaum mehr gehörte Wort „lavede“ freue ich mich besonders. Ein Leuchten!

Schwarz/Weiß-Fotos ergänzen die Gedichte, grenzen die einzelnen Kapitel voneinander ab. Auch äußerlich ist der Gedichtband schön gestaltet. Er erschien im Verlag Edition Azur bei Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Eine der Lyrikempfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2022“

Yara Nakahanda Monteiro: Schwerkraft der Tränen Haymon Verlag

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„… hier bin ich Weiß, dort bin ich Schwarz, der zweitschlimmste Ort ist dazwischen …“

Eigentlich hätte dieses Buch mehr Sichtbarkeit bekommen, wäre nicht in diesem Jahr zum dritten Mal die Leipziger Buchmesse in ihrer traditionellen Form ausgefallen. Tara Nakahanda Monteiros Roman „Schwerkraft der Tränen“ ist im Original auf portugiesisch geschrieben, Portugal wäre/war Schwerpunkt der Buchmesse. Monteiros Roman ist aber gleichzeitig kein typisch portugiesisches Buch, sondern eins, dass uns nach Angola führt, in die Hauptstadt Luanda des portugiesischsprachigen Landes im südwestlichen Afrika. Die Autorin lebt im Alentejo/Portugal, ihre Wurzeln aber liegen in Huambo in Angola. Dort wurde sie 1979 geboren. Gleich stellt sich mir die Frage nach autobiographischem Schreiben, wird aber bald unwichtig aufgrund der Schönheit der Sprache und des spannenden Inhalts.

Vitória verlässt Portugal Hals über Kopf und verpasst damit absichtlich ihre geplante Hochzeit mit Dinis, der schwul und der Bruder ihrer Geliebten Catarina ist. Sie lässt alles, was ihr wichtig ist zurück, weil es etwas noch Wichtigeres, Dringenderes gibt: die Suche nach ihrer Mutter, die sie als kleines Kind bei den Großeltern zurückließ, um als rebellische und kämpferische junge Frau in den Krieg für die Unabhängigkeit ihres Landes zu ziehen. Die Familie verlässt Angola und Vitória wächst in Portugal auf, erhält in einem Internat ihre Schulbildung, lebt dann in Lissabon.

„Ich fühle mich hilflos, Luanda ist anders als Lissabon und mit dem Idyll in Malveira sowieso nicht zu vergleichen. Kurz überlege ich, ob ich meinen Entschluss bereue.“

Nach der Ankunft fühlt sich alles fremd an. Sie kommt bei einer Bekannten ihrer Tante unter und gliedert sich langsam ins Familienleben dort ein. Romena besitzt Bäckereien und gehört somit zur Mittelschicht, es gibt Dienstpersonal und den Töchtern fehlt es an nichts. Ganz anders sieht es in anderen Vierteln aus. Armut, bettelnde Kinder, aber eben auch Reichtum, der gerne gezeigt wird. Vitória wird zu Hochzeiten mitgenommen, aber auch zu Totenfeiern. Es wird aufgetischt, es gibt traditionelle Rituale, von denen auch die gebildeten, reichen Familien nicht abweichen. Kontakte werden geknüpft, Beziehungen genutzt. So gelangt Vitória auch an den General, der ihr bei der Suche nach der Mutter helfen soll. Die Tante hatte ihr den Namen aufgeschrieben. Alle Hoffnung ruht auf dem Einfluss seines Namens.

Erste Hinweise kommen dann aber aus anderer Richtung: Vitória fliegt nach Huambo und begegnet Juliana, einer Freundin ihrer Mutter, die an ihrer Seite kämpfte. Sie bewirtschaftet eine Art Frauenhaus. Vitória lebt sich ein, es dauert lange, bis Juliana zu erzählen beginnt und ihr einen Schritt weiter hilft. Bei einer Hilfsorganisation hinterlegt sie Foto und einen Brief an die Mutter. Dann vergehen viele Monate. Die Heldin findet sich in diesen neuen Strukturen zurecht, arbeitet mit und fragt sich, ob es je wieder ein zurück nach Portugal geben wird. Und wartet. Und merkt, wieviel mehr Geduld sie in diesem Land braucht. Auch ihre innere Not und die großen Hoffnungen spiegeln sich im Text.

„Denn Familiengeschichte gehört nicht allein denen, die sie erlebt haben. Die Nachgeborenen tragen die Biografie derer in sich, die vor ihnen da waren. Auch ich bin schon Teil dieser Vergangenheit, also gehört mir auch die Erinnerung.“

Als schließlich eines Tages ein Brief der Mutter kommt, das Zeichen, dass die Mutter noch lebt, beinhaltet er so gar nicht das, was sich Vitória gewünscht und erhofft hat. Doch sie erfährt viel über das Schicksal der Mutter, die letztendlich ein Opfer des Krieges wurde. Und was Krieg mit den Menschen macht. Wie sie verraten wurde. Und welche Rolle der General dabei spielte …

„Sie erzählt, als die Kämpfe losgingen, habe man sich die Gewalt des Krieges nicht vorstellen können. Man lebte für eine Utopie, einen Traum. Das geht so lang, bis man töten muss, um nicht selber getötet zu werden. Beim Töten bleibt es im Krieg auch nicht. Es wird massakriert, gefoltert, verstümmelt und vergewaltigt.“

Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt. Es ist eine dieser Geschichten, in denen ich in ein mir fernes fremdes Land eintauche, es ein wenig kennenlernen darf, ohne zu verreisen. Mir kommt es nahe, durch die Persönlichkeiten, denen ich begegne, die mich teilhaben lassen an ihrem Alltag und an den Festen. Und ich werde neugierig und gebe das Land ein in die Suchmaschine, sehe auf der Karte, wo es liegt, wie groß es ist, lese über die Geschichte, die im Fall von Angola eine sehr kriegerische ist. Unabhängigkeitskriege, um sich von der Kolonialmacht Portugals zu lösen, Bürgerkriege zwischen verschiedenen Freiheitsbewegungen und immer wieder Staatspräsidenten, die korrupt in die eigene Tasche arbeiten.

Mir hat die bildreiche, lebendige und sinnliche Sprache sehr gefallen und die Art der Erzählung, die Einblicke – manchmal schiebt die Autorin Sequenzen mit Selbstgesprächen ein: von einer Hausangestellten, von einem alten Fischer – bietet in die Lebenswelt der Bewohner, aber eben auch in die spezifische Natur und die Traditionen. Wer per Roman auf Reisen gehen möchte, weit weg, dem sei dieses Buch empfohlen.

Der Roman erschien im Haymon Verlag. Übersetzt aus dem Portugiesischen hat es Michael Kegler. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar!

Olga Lawrentjewa: Surwilo Graphic Novel Avant Verlag

Eine ganz ausdrucksstarke Graphic Novel ist „Surwilo“ von der 1986 geborenen Olga Lawrentjewa. Der Untertitel weist auf den Inhalt hin: Eine russische Familiengeschichte. Der Handlungsort ist überwiegend Leningrad. Die Geschichte erzählt die Großmutter ihren Enkelkindern, die sie gerne auf dem Land besuchen. Sie beginnt dabei mit ihrer Mutter, die 1914 Wikenti Kasimirowitsch Surwila heiratet. Wikenti kommt aus dem Dorf Surwily, das in Polen liegt. Sie leben in Leningrad mit den beiden Töchtern Ljalja und Walja in einer großen Wohnung. Als Wikenti im Jahr 1937 verhaftet wird, angeblich weil er mit anderen polnischstämmigen Kollegen Spionage und Sabotage plante, schreibt seine Frau Briefe an die höchsten Behörden, um herauszufinden, wo er sich befindet und weshalb er unschuldig verhaftet wurde. Antworten kommen keine. Auch in den folgenden Jahren nicht. Für die Familie wird dieser Vorfall zum Verhängnis: Sie werden weit weg aufs Land verbannt. Die Töchter werden in der Schule gemobbt, aufgrund des Makel im Lebenslauf. Der Vater ein Volksfeind! Eine nach der anderen gehen beide nach der Schule zurück nach Leningrad, um ein Studium zu beginnen. Walja erhält ein Stipendium, doch reicht das Geld kaum, sie leidet Hunger. Sie besucht Bekannte, die noch im alten Haus wohnen und trifft dort auch oft Petka, mit dem sie sich gut versteht.


1941 verlässt Walja das Technikum und sucht Arbeit. Doch aufgrund des Fragebogens bei der Bewerbung, in dem die Daten der Eltern abgefragt werden, findet sie keine Stelle. Erst in einem Krankenhaus nimmt man sie. Im September beginnt die Blockade. Gleichzeitig fallen die Bomben. Walja hat im Krankenhaus schwerste Arbeit zu verrichten, doch die Lebensmittel werden knapp. Immer mehr Menschen sterben, entweder durch die Bombenangriffe oder sie verhungern. Einmal noch sieht sie die Schwester, dann kommt die Nachricht ihres Todes. Wenige Frauen bleiben im Krankenhaus, in dem Ausnahmebetrieb herrscht. Kein Strom mehr, keine Lebensmittel. Dennoch werden die Aufgaben von der Armee strengstens überwacht. Eine verschwundene Lebensmittelkarte kann den Tod zur Folge haben. Walja ist geschwächt und ständig kurz vor dem Zusammenbruch. Die Blockade dauert über 2 Jahre. Im Januar 1944 ist sie zu Ende. (Wikipedia schreibt zur Blockade Leningrads: „Verluste: 16.470 Zivilisten durch Bombenangriffe und ca. 1.000.000 Zivilisten durch Unterernährung“)

Das Leben geht weiter. Walja macht einen Buchhaltungskurs, findet endlich eine Arbeitsstelle. Das Leben wird besser. Petja, der als Soldat im Krieg ist, schreibt Walja. Es beginnt ein Briefwechsel. Er kommt 1945 mit Ehrungen und Orden zurück und macht Walja einen Heiratsantrag. Bald bekommen sie eine Tochter. Beide arbeiten. Doch Walja wird von Angstzuständen und Panikattacken heimgesucht, ist schwer traumatisiert. Oft liegt sie nächtelang wach. Die schrecklichen Erfahrungen der Belagerung, die vielen Sterbenden, die vielen lebendigen Toten wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. Und doch bietet das Leben mit Petja und der Tochter auch viele frohe Zeiten.


Als sie 1958 einen Brief erhält, in dem man ihren Vater rückwirkend rehabilitiert, ist es wie ein Traum für sie. Manche Hindernisse sind damit aus dem Weg geräumt und sie erhält rückwirkend ihre Medaille für die Verteidigung Leningrads. Dass der Vater bereits 11 Tage nach der Festnahme hingerichtet wurde erfährt sie erst nach der Perestroika, nach 1989 aus seiner Akte.

Olga Lawrentjewa hat diese Geschichte illustriert und auch erzählt. In kurzen Episoden als Rahmenhandlung sind die Enkel immer wieder mit der Großmutter unterwegs, während diese erzählt. Hier wird auch der Grundstein gelegt, dass die Geschichte aufgeschrieben wird. Lawrentjewa hat mit dieser Graphic Novel noch viel mehr getan als eine biographische Geschichte zu erzählen. Sie hat sie illustriert und damit interpretiert. Und ihre Bilder sind durchgängig schwarz/weiß, wobei das Schwarze fast immer überwiegt und wie Kohle und/oder Tusche anmutet. Der allermeiste Text wird dabei in Sprechblasen erzählt, mitunter gibt es kurze erklärende Zeilen. Es gibt zwischendurch immer wieder ganzseitige Bilder. Nie wird es allzu kleinteilig. Dabei hat sie einen höchst expressiven Stil, der einen sofort vereinnahmt. Mitunter gibt es eruptive Szenerien, dann wieder eher verwaschene, nebelhafte. Die Gesichter, die Figuren sind genau und ausdrucksvoll. Was besonders in den Szenen, die im Krankenhaus spielen teils sehr grausam, aber ehrlich sich zeigt: Körper, wie Gerippe, Gesichter wie Totenköpfe. Die Illustratorin erschafft eine Welt, die die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges aufzeigt, aber auch über unschuldige Opfer des Stalinistischen Regimes Zeugnis ablegt. Das tut sie in einer Form, die meisterhaft ist, gerade weil sie so persönlich und direkt ist.

Wir wissen längst, wie schwer auch Kriegskinder und Kriegsenkel noch zu tragen haben, wie schwer und wie lange Körper und Seele noch beeinträchtigt sein können. Ich denke, Olga Lawrentjewa hat mit ihrem eindrucksvollen Buch einen Teil dazu beigetragen (und sei er auch noch so klein), diese enormen Belastungen zu verarbeiten. Bald werden nur noch Texte und Bücher, vielleicht Bilder, über diese Zeiten berichten, wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Und dabei sind Erinnerungen und Lebensberichte so wichtige Warnungen und Mahnungen. Wie wichtig, sehen wir aktuell.

Die Graphic Novel erschien im Avant Verlag. Aus dem Russischen übersetzt wurde sie von Ruth Altenhofer. Surwilo ist einer der wenigen Comics, die überhaupt ins Deutsche übertragen wurden. Eine Leseprobe gibt es hier. Auf der Verlagswebsite gibt es auch Infos zur Autorin, die ich im Buch vermisste. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Julia May Jonas: Vladimir Hörbuch Random House Audio

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9 Stunden, 8 Minuten, 8 CDs. Ungekürzte Lesung. Wenn ich mich schwer aufs Lesen konzentrieren kann, klappt meistens das Hörbuchhören. Dabei ziehe ich Lesungen Hörspielen vor. Ausschlaggebend mich auf dieses Hörbuch einzulassen war tatsächlich, dass dieser Roman von der grandiosen Schauspielerin Martina Gedeck interpretiert wird. Von der Autorin Julia May Jonas hatte ich noch nie gehört. Die US-amerikanische Autorin, die Dramatikerin ist und in New York lebt, schrieb mit „Vladimir“ ihren ersten Roman.

Es geht um eine namenlose Literaturprofessorin Ende 50, deren Ehemann John, ebenfalls Professor, an seiner Universität in Verruf gerät bezüglich seiner sexuellen Beziehungen mit seinen Studentinnen. Er wird während der Untersuchung der Geschehnisse von der Uni suspendiert. Sie selbst versucht sich zu verorten, sie weiß nicht genau, wie sie sich dazu verhalten soll. Da die beiden schon immer eine offene Beziehung führten, will sie John nicht verurteilen. Denn auch sie hatte mehrere Affären im Laufe ihrer Beziehung. Gleichzeitig kommen von außen Stimmen, die ihr raten, sich zu trennen, die ihr passives Verhalten dazu nicht akzeptieren wollen, wie etwa einige ihrer Studentinnen und auch ihre Tochter. Gerade hier und immer wieder geht es um das Thema Älter werden und darum, dass traurigerweise ältere Frauen oft gar nicht mehr gesehen werden und häufig von der gesellschaftlichen Bühne verschwinden.

Im Fokus steht zeitweise auch die Tochter des Paars, Sidney. Sie ist Anwältin und ihre Freundin hat sich gerade von ihr getrennt hat. Sidney wohnt eine Zeit lang wieder zu Hause, meidet aber ihren Vater und wundert sich ihrer Mutter gegenüber, dass sie sich nicht von John trennen will. Auch am Campus spitzt sich die Lage einige Wochen vor der gerichtlichen Anhörung Johns zu. Kollegen führen ein Gespräch mit der Protagonistin, in dem sie ihr nahelegen, sie möge ihre Tätigkeit niederlegen. Sie sprechen für Studentinnen, die sich durch sie getriggert fühlen.

„Mit Trumps Präsidentschaft war die Illusion einer Welt, die man ihnen vom Fahrersitz des Mini-Vans aus gepredigt hatte, die Illusion alles würde sich stetig verbessern, und der lange Bogen der Geschichte sich in Richtung Gerechtigkeit krümmen auf den Kopf gestellt oder so ähnlich. Ich schüttelte meine hochtrabenden Gedanken ab, ich verstand die jungen Leute nicht und hatte keine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit. Dass ich sie mochte, rechnete ich mir selbst hoch an. Auf Dinnerpartys verteidigte ich sie: „Die Kids sind in Ordnung“. Ich mochte ihren Aktionismus, ihre strenge Moral, ihr Gebrüll.“

Außerdem geht es um die Begegnung mit Vladimir, dem attraktiven 40jährigen Junior-Professor ihres Fachbereichs. Beide haben Romane geschrieben und über diese Gemeinsamkeit kommen sie sich näher. Während die Heldin durch die kurzen Begegnungen, durch sein Buch und nicht zuletzt durch ihre Fantasien und Tagträume angeregt wird, endlich wieder zu schreiben, hat Vladimir mit seiner Arbeit, mit seiner labilen Frau und der kleinen Tochter zu tun. Nach langer Zeit findet sich ein Termin für ein längeres Gespräch – die Heldin hat mehr im Sinn – ausgerechnet genau an dem Tag, an dem auch die Anhörung zu den Vorwürfen gegen John stattfindet. Ab hier läuft manches aus dem Ruder und wirkt geradezu grotesk. Im Ferienhaus, in das sie Vlad einlädt, entwickeln sich die Geschehnisse nämlich ganz anders als geplant und führen zu einem Ende, dass dann doch etwas unglaubwürdig, zumindest aber übertrieben anmutet.

Mir war die Sprache des Romans zeitweise zu pathetisch, manchmal bis ans Kitschige grenzend, gerade auch, wenn es um Sex geht. Hier passt die Freizügigkeit der Erzählweise nicht immer stimmig zum sprachlichen Gerüst. Glücklicherweise konnte Martina Gedeck das Manko durch ihre Stimme und glaubwürdige Interpretation dann wieder ausgleichen, zumal es auch um eine Frau ihres Alters geht, was sie womöglich auch bewegt hat, dem Roman ihre Stimme zu verleihen.

Außerdem kommen mir dann manche Aussagen, wie die folgenden, schon merkwürdig vor, wenn sich das Buch um Feminismus und Gleichberechtigung dreht. Es geht sehr viel um Äußerlichkeiten: wie man als Frau auf einen Mann wirkt, was man alles tun muss, um einem Mann zu gefallen, wie man einen Mann anhimmelt. Das hört sich für mich, gerade wenn es ins Klischeehafte rutscht, schon eher wenig nach weiblichem Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit an …

„Ich schenkte Vladimir doppelt so viel (Wein) ein wie mir, was er, weil er ein Mann war nicht bemerkte.“

oder

„Der Kellner trat an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Dessertwünschen. Vlad wollte einen Cappuccino. Aber auf die Gefahr hin zu dominant zu erscheinen bestellte ich die Rechnung.“

Gut gefallen hat mir der Bezug zur und die Gespräche über Literatur, im Text teilweise mit konkreten Autoren und Buchtiteln verknüpft und die Handlung, die auch die Verhältnisse und Gepflogenheiten an einer modernen amerikanischen Universität spiegeln, der Campus als Schauplatz. Und die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre etablieren. Wir erleben, wie die frühere Feministinnen-Generation der 60/70er Jahre der neuen jungen, vollkommen anders denkenden gegenübersteht. In diesem Zusammenhang denkt die Heldin auch über die Kunst, den Kunstbegriff nach:

„Die Wahrheit lag außerhalb der moralischen Grenzen. Die Kunst wollte zu ihren eigenen Bedingungen angenommen oder abgelehnt werden. Die Kunst war nicht der Künstler. Waren das einfach nur Plattitüden, die ich unhinterfragt übernommen hatte? In letzter Zeit beschlichen mich immer öfter Zweifel. Sollten wir nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? Sollten wir gewissen Geschichten den Stempel „schädlich“ aufdrücken und das Publikum vor ihnen schützen? Trauten wir den Lesern nicht mehr zu, eine Geschichte zu lesen, ohne ihre Botschaft zu verinnerlichen?

Dass ich über 9 Stunden am Ball blieb bei diesem Hörbuch, spricht für seine Qualität.
Das Hörbuch erschien bei Random House Audio, das Buch beim Blessing Verlag. Übersetzt wurde der Roman von Eva Bonné. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier die Autorin in einer kurzen Buchvorstellung:

Zum Weltfrauentag: Monika Vasik: Knochenblüten Elif Verlag / 100 Autorinnen in Porträts Piper Verlag

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Zum Weltfrauentag – wir hier in Berlin haben sogar heute Feiertag – möchte ich zwei Bücher von Frauen über Frauen vorstellen:

Die Wienerin Monika Vasik hat einen Lyrikband mit dem ungewöhnlichen Titel Knochenblüten geschrieben, in dem Frauen die Hauptrolle spielen. In ihrem Buch stellt sie auf jeweils einer Seite in gedichteten Porträts Frauen vor: Frauenrechtlerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen, Vorreiterinnen, meist ihrer Zeit voraus. Ich finde, das ist eine wunderschöne Idee, den Frauen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Texte selbst sind natürlich Kunstwerke, die sich, wie ich finde, auch an der Sprache der jeweiligen Frau anlehnen und sie setzen jeder ein besonderes Denkmal. Eine eigentlich ideale Form der Annäherung an die Biographien der Frauen. Im Band sind die Gedichte chronologisch nach der Lebenszeit der Frauen sortiert, beginnend mit Christine de Pizan, 1364-1430, (die auch in 100 Autorinnen dabei ist, ebenso wie Maya Angelou), und endend mit Silvia Bovenschen, 1946-2017. Ich kannte nicht alle, habe mich aber sofort daran gemacht, mehr über das jeweilige Tun und Schaffen herauszufinden.

„Dies Wirbeln dies Bewusstseinsrumoren
innerer Monologe im Kopf alles schreit
schrie ungeordnet wie es drängte sich stülpte
im Jetzt schädelte gegen Wand um Wand
sie spitzte die Feder stach tief sprengte Wörter
it`s writing that gives me my proportion

aus „Schwermütige Partituren“   ~ Virginia Woolf

Wie lange muss Monika Vasik sich mit den Frauen beschäftigt haben, um solch intensive Gedichte zu schreiben? Die Gedichte wecken die Neugier. Dabei sind: die Malerin Artemisia Gentileschi, die Barockdichterin Sybilla Schwarz, die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die Mathematikerin Ada Lovelace, die Politikerin Clara Zetkin, die Pazifistin Anita Augspurg, die Sozialpädagogin Alice Salomon, die Schriftstellerin Alfonsina Storni (siehe Foto unten), die Flugpionierin Amelia Earhart, die Malerin Lotte Laserstein (siehe Foto unten), die Künstlerin Louise Bourgeois, die Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die Filmemacherin Agnès Varda, die Juristin Ruth Bader Ginsburg und viele andere. Große Empfehlung!

Die Herausgeberinnen Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler (1944-2021), Ursula März und Elke Schmitter, alle selbst als Autorinnen/Publizistinnen bekannt, stellen in ihrem Buch 100 Autorinnen in mehrseitigen Porträts vor. Ich habe festgestellt, dass ich den Vorgänger dieses Buches bereits im Regal stehen habe. Damals waren es 99 Autorinnen und Julia Encke war noch nicht Mitherausgeberin. Dennoch hat sich einiges verändert, es wurden mehr aktuelle Autorinnen dazu genommen, während andere wegfallen mussten. Schwer ist solch eine Wahl immer. Doch die Erweiterung in die aktuelle, zeitgenössische oder neu entdeckte, teils feministische Literatur ist gelungen und von großem Mehrwert. So kommen zum Beispiel zu Klassikerinnen wie Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Silvia Plath, Claire Lispector, A. L. Kennedy, Toni Morrison, Arundhati Roy, Ludmila Ulitzkaja, Marina Zwetajewa, neue Namen, unter anderem: Leila Slimani, Juli Zeh, Han Kang, Rachel Cusk, Olga Tukarczuk, Siri Hustvedt, Annie Ernaux (siehe Foto unten), Maya Angelou. Die Texte der Herausgeberinnen sind kurze Essays, die biographischen Einblick bieten, über das Werk und die Arbeit am Text erzählen, Texte reflektieren und sie mitunter in einen aktuellen Kontext stellen. Ich finde in der neuen Ausgabe so einige Autorinnen, die mir selbst ans Herz gewachsen sind. Ich habe die entsprechenden Namen mit den bereits hier besprochenen Büchern direkt verlinkt. Welch eine Fülle!

Und nun viel Freude mit „Frauen schreiben“/“Frauen lesen“.

Monika Vasiks Lyrikband „Knochenblüten“ erschien im Elif Verlag. „100 Autorinnen im Porträt“ wurde im Piper Verlag herausgegeben. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.