Nataliya Deleva: Übersehen eta Verlag

20181005_122723 (646x800)

Wer kennt das nicht? Man sitzt im Cafe, richtet sich ein, zieht das Buch aus der Tasche und wartet. Einen Kaffee will man trinken. Endlich … Doch es kommt niemand, der die Bestellung aufnimmt. Die Kellner wuseln durch den Raum, doch man wird übersehen.      „Übersehen“ heißt auch der Roman der Bulgarin Nataliya Deleva. Doch hier bedeutet Übersehen werden etwas Anderes, etwas Größeres, Überlebenswichtiges. Gerade erschienen ist dieser Debütroman, der mich mit seinen ersten Sätzen sofort ergriff:

„Unsichtbare Menschen sind überall um uns herum. In der Bahn, auf der Straße, im Wohnblock, im Laden, in der Schule, auf der Arbeit, seltener in Nachtclubs, aber auch dort tauchen sie ab und zu auf. Sie gehen in der Menge auf und beobachten die Leute ringsumher mit ihren traurigen, unsichtbaren Augen. Doch weil sie unsichtbar sind, bemerkt sie niemand.“

Deleva porträtiert Menschen, die wir überall finden könnten, wären sie nicht  in unseren Augen unsichtbar. Es geht um Außenseiter, um Zurückgelassene, um Einsamkeit und Sehnsucht. Ihre Geschichte beginnt sie mit einem fiktiven Dialog zwischen Mutter und kleiner Tochter. Ein Dialog, den eine Tochter sich ausdachte, weil sie wünschte, es hätte ihn gegeben. Doch die Mutter war nicht da. Es gab nur das Heim, die anderen Kinder und die Betreuerinnen. Auch wenn an Besuchstagen Paare kamen, die sich ein Kind aussuchen wollten, sich ein Adoptivkind wünschten, fiel deren Blick nie auf die verlassene Tochter. So entstand das Gefühl, des Übersehenwerdens, so wurde das kleine Mädchen unsichtbar.

„Ich frage mich, ob die Mütter ins Heim kommen, um einen von uns zu retten, oder weil sie Rettung für sich selbst suchen.“

Geschickt schildert die Autorin auf Nebenwegen, was Unsichtbarkeit bedeutet. In Zwischenkapiteln tauchen aus den unterschiedlichsten Gründen Übersehene auf. Nicht von ungefähr sind es oft Mädchen oder Frauen. Wie der Begriff der Unsichtbarkeit auf künstlerische Art bereits in Galerien Einzug fand, beschreibt Deleva. Leere Leinwände, ungefilmte Filme, ungespielte Musik. Alles als Anregung, die Leerräume mit dem Eigenen, mit Phantasie auszufüllen. Oder das Experiment: Was passiert, wenn sich zwei Menschen vier Minuten lang nur in die Augen schauen (man denke an Marina Abramovic). Oder, haarsträubend, die App, mit der man Eltern und Bekannten vorspielen kann, man hätte eine/n feste/n Partner/in.

Diese Phantasie, vielmehr dieses Improvisationsvermögen der Übersehenen erfährt eine kuriose Steigerung, wenn sich beispielsweise ein Straßenjunge auf die Suche nach einer neuen Niere für die im Krankenhaus liegende Mutter macht und in einer Fleischerei landet. Wenn eine Frau an Elektroschocktherapie denkt, um ihre Traumata vergessen zu machen. Wenn eine Mutter in ihrem zweitgeborenen Sohn die zuvor bei einem Verkehrsunfall getötete Tochter reinkarniert glaubt und der Sohn leidet. Wenn zwei Frauen ihre gleichgeschlechtliche Liebe lieber im Geheimen leben, weil sie sonst angepöbelt werden. Und wenn eine dieser Frauen ein Mädchen aus dem Heim, das sie lieb gewinnt, nicht adoptieren darf, weil das Gesetz so etwas nicht vorsieht.

Die Heldin des Buches, und so nenne ich sie hier bei dieser Lektüre besonders gerne, schafft es ihre eigenen Traumata zu heilen oder zumindest zu lindern, indem sie sich um Kinder kümmert, denen es ähnlich erging wie ihr selbst und ihnen so gut es geht beisteht und ihnen Freude bereitet. So gibt es zwischen den oft sehr traurigen Kapiteln doch auch Momente des Trostes. In diesem Buch geht es um Nähe, um das Bedürfnis nach Nähe und den Verlust von Nähe im Übersehenwerden. Es ist ein Plädoyer für die Abschaffung der Unsichtbarkeit durch Fürsorge, Mitgefühl und Menschlichkeit.
Ein unübersehbares Leuchten für dieses intensive Buch!

Die Übersetzerin aus dem Bulgarischen ist Elvira Bormann-Nassonowa. Der eta Verlag ist ein kleiner unabhängiger Verlag mit Sitz in Berlin, der südosteuropäische, vorwiegend bulgarische Literatur verlegt. Es gibt viel zu entdecken. Unter anderem einen Gedichtband von Georgi Gospodinov, der durch einen Roman und Erzählungen im deutschsprachigen Raum bereits etwas bekannter ist.

Advertisements

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip Dumont Verlag

DSCN2993

Angelockt von Titel und kurzer Inhaltsangabe in der Vorschau war ich gespannt auf diesen Roman. Von der amerikanischen Autorin habe ich bisher nichts gelesen. Um den Feminismus im 21. Jahrhundert geht es in Wolitzers Roman, so war es angekündigt. Um die stille, etwas schüchterne College-Absolventin Greer geht es, die gleich zu Anfang des ersten Semesters von einem Kommilitonen sexuell bedrängt und tätlich belästigt wird und dadurch sensibilisiert wird. So lernt sie nach einem Vortrag die Feminismus-Ikone Faith Frank kurz persönlich kennen. Deren Ausstrahlung beeinflusst sie so stark, dass sie versucht ihrem Leben eine neue Richtung, ein Ziel zu geben.

Da Greer die beeindruckende Faith vergöttert, ist sie erfreut, als sie nach ihrem College-Abschluß von ihr zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Offenbar erinnert sich Faith Frank noch an ihr College-Gespräch. Weil Greers fester Freund Cory für seinen ersten Job nach dem Abschluß nach Manila versetzt wird, entfernen die beiden sich mehr und mehr. Da sie sich seit ihrer Jugend kennen, planten sie in New York eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Nun lebt Greer allein und steckt bis über den Kopf in Arbeit, die ihr allerdings aufgrund der Nähe zur verehrten Faith, leicht von der Hand geht. Greer geht in ihrer, ja, man kann es fast Hörigkeit nennen, sogar soweit, ihre College-Freundin Zee zu verraten oder als überzeugte Vegetarierin ein blutiges Steak zu essen. Als Corys kleiner Bruder bei einem Unfall zu Tode kommt, den die eigene Mutter mitverschuldete, opfert Cory Karriere und schließlich auch die Beziehung zu Greer. Und Greer selbst wird mit der Arbeit für Faith immer unzufriedener …

Wolitzer hat ihr Buch in Kapitel unterteilt, in denen nach und nach Greer, Cory, Zee und Faith als Hauptperson fungieren. Hier erfährt man mehr über Familiengeschichte und Hintergrund der jeweiligen Person.

Gleich zu Anfang stelle ich fest, dass ich mich schwer tue mit der amerikanischen Art zu schreiben. Wolitzers Stil liest sich nach Creative-Writing-Seminar, nach Handwerk und Technik, aber nicht nach Sprachgefühl, nach Eintauchen in die Sprache. Das merke ich immer wieder, vor allem, wenn sie übertriebene oder künstlich wirkende Metaphern verwendet (dass es an der Übersetzung liegt, kann ich mir nicht vorstellen, aber wer weiss …), was sie oft tut, von den Sexszenen ganz zu schweigen, siehe unten:

„Niemand wusste, wie es kam, dass man diesen konzentrierten Ehrgeiz in sich trug. Er glich einer Fliege, die heimlich ins Haus eindrang, und da war sie dann: deine Stubenfliege.“

oder

„Herzlichen Glückwunsch, Franny, sagte Linda an dem Tag, und wie ein Sofapolster beim Daraufsetzen Luft entlässt, entließ sie durch den Druck der Umarmung ein sehr weibliches Parfüm.“

oder

„Sie dachte an die Gesichter aller Menschen, die sie kannte, zitternd in der Gelatine ihrer Gegenwärtigkeit.“

Ich las den Roman nur zu Ende, weil ich die Story hören wollte, wissen wollte, wie es mit Greer und dem Feminismus weiterging. „Das weibliche Prinzip“ ist, nicht wie erwartet, ein explizit auf Feminismus und Emanzipation ausgerichteter Roman, sondern ein leicher Unterhaltungsroman. Die Autorin überzeugt mich auch inhaltlich nicht, bedient sie doch in ihrer Sprache selbst (unbewusst?) so manch verkrustetes Frauenbild, dabei spielt der Roman überwiegend in der Jetzt-Zeit, mit kurzen Rückblenden in die 70er.

Schlussendlich haben mir die letzten Kapitel noch am besten Gefallen (obwohl es eine Art Happy End gibt). Und da fand ich dann auch endlich ein paar schöne Zeilen:

„Vielleicht bestand das wahre Geheimnis des Todes darin, dass er einen Menschen aus dem Leben riss und zwang, an einem fernen Ort zu leben – ein ähnlicher Vorgang wie die Reinkarnation, nur dass es sofort geschah, nicht in der Zukunft. Eine Art Zeugenschutzprogramm auf Grundlage des Todes.“

Das Buch erschien im Dumont Verlag. Übersetzt hat es Henning Ahrens. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens Reprodukt

Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens Reprodukt

Wo beginnen? Wo in dieser Bilderfülle einen Anfang machen? Wie die Essenz dieser Geschichte, die so stark von ihren Bildern und den kleinen Akzenten darin lebt, wörtlich hinterfragen?

Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Mit ihrer Geschichte „Irmina“ hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker (Die Verteidigung des Paradieses etc.) zusammen. Die gemalte Story, die nun als Buch im Format einer Graphic Novel vorliegt, war geplant als Fortsetzungs-Bildergeschichte zunächst für eine Zeitung, wurde dann aber auf der Seite Einhundertvierzehn des S. Fischer Verlags veröffentlicht. Dort kann man auch Ergänzungen der Autoren zur Entstehungsgeschichte lesen.

Die beiden Autoren haben die Geschichte für das Format Buch überarbeitet und erweitert. Es geht um die essentiellen großen Fragen: Wie bewege ich mich in der Welt? Was ist Lebensglück? Was Liebesglück? Wie wirke ich als Frau? Wie wichtig ist Beruf als Berufung? Was bedeutet das alles? Was ist der Sinn? In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?

„Oft denke ich, ich bin bereits tot. Und das hier ist die Ewigkeit.“

Sie tut das, um das Leben noch zu spüren. Denn das Tageseinerlei im Heim, scheint kein Leben mehr zu sein. Vielleicht aber ein Wandelgang des Erinnerns.

„Früher … raste die Zeit. Erinnere ich mich daran … sticht es.“

Das Damals ist also das, was noch zu spüren ist. Das Damals wird zum Lebenshelfer. Und dieses Stechen spürt auch der Betrachter.

Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein. Der Leser ist hier nicht nur Leser, sondern auch Betrachter, Aufarbeiter und Interpret. Ohne Gefühle wird es dabei nicht gehen. Ohne eigene Erinnerungen. Diese Geschichte erreicht den Leser wahrhaft persönlich.

Auf der allerersten Seite, die man leicht überblättern könnte, singt eine einzelne Amsel. Solch kleine beinahe unscheinbare Details baut Yelin ein, die jedoch immer auch eine weiterführende Rolle spielen. Dann kommt die erste Begegnung mit Gerda, die mit ihrem Rollator ihr Zimmer sucht. Sie irrt durch die Gänge und Stockwerke des Heims und überlegt: Flur Zwei? Flur Eins? Und schon kommt ein Switch in die Schulzeit von Gerda: Sie hat eine Eins in Mathematik, nicht zum ersten Mal und das als Mädchen! Yelin schafft innerhalb der Bilder einen direkten Übergang vom Jetzt ins Damals, von Alt nach Jung. Das ist ein starkes Mittel zur Verdeutlichung der inneren Erlebnisse Gerdas. Es geht weiter mit dem Vater, der Gerda für die Note Eins lobt: „Willst wohl Einstein heiraten?“ Doch Gerda hält Einstein natürlich für viel zu alt. Und schon sind wir, im gleichen Bild, wieder im Altenheim und der Blick fällt auf die betagte Gerda. So geht es weiter mit Gerdas über den Rollator gebeugten Körper – Switch: Gerda durch den schweren Schulranzen gebeugt gehend auf dem Weg zur Schule: Gerda ist als Schülerin durch ihre Begabung eine Außenseiterin. Sie lebt in der Welt der Bücher und der Wissenschaften. Sie möchte dazu gehören, doch sie bleibt unsichtbar. Etwas, was im Alter wiederkehrt.

Der Vater hat in der Tochter das Interesse am Sternenhimmel geweckt. Doch Gerda möchte nicht nur schauen, sondern auch wissen und verstehen. Sie wählt den Weg der Wissenschaftlerin. Sie wird Astrophysikerin und geht komplett auf in ihren Studien und Forschungen. Dieser Weg ist steinig, nicht weil Gerda nicht brillant wäre, sondern weil Gerda eine Frau ist. Der Text Thomas von Steinaeckers weiß das deutlich zu machen. Auch Yelin zeigt es im ganzseitigen Bild der verzweigten Treppenaufgänge von M.C. Escher`schem Format, durch die sie ihr Chef führt, der ihr Potenzial erkennt, ihr Wissen aber für sich auszunutzen gedenkt, vom Verdienst ganz zu schweigen. Und Gerda arbeitet hart, sie bleibt Einzelgängerin, bis sie eines Tages einem Mann begegnet und echte Zuneigung erfährt – die Liebe: eine andere, neue Welt. Yelin verdeutlicht diese Schwerelosigkeit gekonnt mit lichten Wasser-Farben. Und von Steinaecker findet die Worte:

„Im Sommer des Jahres 1973 … waren alle Gesetze außer Kraft gesetzt. Und ich verstand, dass sich unter Umständen … sogar auf der Erde die Anziehungskraft … in Schwerelosigkeit verwandeln kann.“

Für ihr berufliches Weiterkommen wäre es förderlich als Wissenschaftlerin nach England zu gehen, doch es kommt, was kommen muss: Gerda entscheidet sich gegen die Karriere für die Liebe, für eine Familie. Doch die Ehe scheitert. Gerda beginnt wieder zu lernen, kann wieder in ihren Beruf zurückkehren: „Ich fühlte mich so glücklich, wie schon lange nicht mehr.“

Yelin gelingen stimmige Skizzen, passende Farbtöne. Mit Gouache und Tusche arbeitet sie von Preussischblau bis Türkis für die melancholische Grundstimmung der gesamten Geschichte und dazwischen von Apricot bis Ocker, oft durchmischt mit weißen Lichtstreifen. Ganzseitige Bilder wechseln mit den typischen Comic-Kästchen ab und verstärken die Erzählwirkung. Thomas von Steinaecker füllt die Sprechblasen mit den aktuellen Dialogen und überschreibt die Kästchen mit Gerdas Gedanken.

„Von den etwa hundertzwölf Milliarden menschlichen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Planeten … seit Anbeginn der Zeit … werde ich …eine … gewesen … sein.“

Dazwischen, immer am Anfang eines Kapitels finden sich wiederholt Bilder, die die Routine im Heim aufzeigen und den Alterungsprozess Gerdas verdeutlichen: Die alltägliche Waschung durch die Pflegerin wird immer schwieriger, durch die zunehmend weniger bewegliche Gerda, die sich schließlich nur noch im Rollstuhl sitzend fortbewegen kann. Doch immer gibt es auch Lichtblicke, wie die Begegnung mit dem dementen alten Mann, die in eine beiderseitige Zuneigung mündet. Wie in einer Wiederholung – damals Vater und Gerda – stehen nun die beiden betagten Schlaflosen nachts am Fenster des Heimzimmers und vertiefen sich in Betrachtungen des nächtlichen Sternenhimmels. Und diesmal erklärt Gerda.

Es ist keine leidvolle Geschichte, sondern eine versöhnliche, die auch darauf hinweisen könnte, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, dass die Seele womöglich unsterblich ist. Im Abspann am Ende des Buches wird sich Gerda als kleines Mädchen von der Familie verabschieden und ihren eigenen Weg Richtung Berufung gehen.
Und der einzelne rufende Vogel schließt sich am Schluss einem Schwarm an.

„Der Sommer ihres Lebens“ erschien im Reprodukt Verlag.
Die Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com.

 

Ursula Krechel: Stark und leise btb Verlag

DSCN2003

Ursula Krechel ist Lyrikerin und Romanautorin. Sie schreibt Gedichte, die ich sehr mag. Und sie schrieb den Roman „Landgericht“, der 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Ihr neuestes Buch ist nun ein Sachbuch und ist es auch wieder nicht. Denn es sind literarische, sprachlich sehr schön gearbeitete Essays.

Krechel wählte Frauen, Künstlerinnen, über die es einiges zu sagen gibt und erzählt eindringlich Biografisches. In den Lebensbeschreibungen finden sich für mich ganz neue Anknüpfungspunkte. Dabei sind Frauen, die ich bisher nicht kannte oder aber Details über von mir geschätzte Künstlerinnen, die mich überraschten.

Die einzelnen Kapitel sind chronologisch geordnet, stellen die Protagonistinnen jeweils auch in den zeitlichen Zusammenhang und enthalten am Schluss Hinweise auf Werke und weiterführende Lektüre. Mit dabei sind unter anderem:

Caroline von Günderode, der Christa Wolf mit ihrer fiktiven Biografie „Kein Ort. Nirgends.“ ein starkes Denkmal gesetzt hat und die Ihrer Zeit weit voraus war.

Annette von Droste-Hülshoff, die einem mitunter durch Schullektüre (Die Judenbuche) verleidet wird, obgleich sie eine großartige Lyrikerin war:

“ Wär´ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der himmel mir raten;
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,“

Ein etwas ausführlicheres Kapitel widmet sie den Frauen der zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin und erläutert Zusammenhänge.
Da darf Vicky Baum (Menschen im Hotel) nicht fehlen und Ruth Landshoff-Yorck,

„im rücken bleicht mir das verlassene land
und blauer kummer trägt sich nicht so leicht
wie leichtes blau des himmels den ich ließ“

Irmgard Keun mit ihren wunderbaren Romanen wie etwa „Das kunstseidene Mädchen.
Hannah Höch, die mit ihren Collagen im DADA-Land mitmischte, Emmy Ball-Hennings, ebenfalls dem DADAismus verschrieben.

Dann Ingeborg Bachmann, die Dichterin, die die Gruppe 47 durchwirbelte und ewig zerrissen ihre wunderschönen Gedichte und kraftvollen Romane (Malina) schrieb.

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Was mich besonders freut:  die beiden zeitgenössischen Lyrikerinnen Friederike Mayröcker

„trinken
das Wehen der Luft/ noch/ sich sagen ich lebe noch
und jetzt und hier aber endlich
oder durch die blendende Bläue segelt die endliche
Schwalbe“

und Elke Erb.

„Das Aus hat (wie
der Laut sagt)
keinen Garten.“

Aber auch unbekanntere Namen wie: Elisabeth Langgässer, Irene Brin, Christa Reinig.

Pionierinnen heißt der Untertitel des Buches. Und mir scheint, das trifft es irgendwie sehr genau.

„Stark und leise“ von Ursula Krechel erschien im Hardcover beim Jung und Jung Verlag. Nun ist es auch als btb Taschenbuch erhältlich. Eine Leseprobe gibt es hier.

Gertraud Klemm: Erbsenzählen Literaturverlag Droschl

DSCN2434

Gertraud Klemms neuen Roman habe ich mit Freude erwartet, bin ich doch bereits länger schon Klemm-Fan. Leider ist die Story diesmal nicht so ganz überzeugend, zu beliebig scheint mir diese Beziehungsgeschichte einer 30-Jährigen. Die letzten drei Bücher der Österreicherin habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Ein wenig geht es mir aber hier nun wie bei Doris Knechts neuesten Roman „Alles über Beziehungen“. Knechts vorherige Romane fand ich ebenso toll, nur beim letzten war ich enttäuscht. „Erbsenzählen“ habe ich aber aufgrund von Klemms gewohnt flapsiger, erfindungsreicher Sprache dann doch ganz gern zu Ende gelesen …  („Alles über Beziehungen“ nicht)

Irgendetwas scheint sich da bei beiden Autorinnen totgelaufen zu haben. Die Themen wiederholen sich, wenn auch in kleinen Variationen, aber immer umkreisen sie die üblichen Mann-Frau-Themen, ohne dass eine Weiterentwicklung zu erkennen wäre.

Bei Klemm ist es diesmal die  30-jährige Annika, die mit einem doppelt so alten Mann, Alfred, einem bekannten Radiomoderator mit pubertierendem Sohn, liiert ist. Eine Frau, die ihren Beruf, Physiotherapeutin, hingeschmissen hat, die kellnert, statt das begonnene Kunststudium zu beenden, die sich so scheinbar vor sich hin treiben lässt ohne Klarheit über das, was sie wirklich will, die aber irgendwie auch nichts mit Alfred anfangen kann. Sie schwankt permanent zwischen Freiheitswunsch und Verbindlickeit: “ Diese wunderbare Freiheit, die immer Hand in Hand daherkommt mit ihrer anhänglichen Schwester, der Einsamkeit.“
Die Eltern messen sie an den Geschwistern, wo sie nicht besonders gut abschneidet.

„Nur über die mittlere Tochter werden sie seufzen, die mittlere Tochter verweigert die biografischen Sollbruchstellen, die berufliche Klimax, sie will partout nicht zusammengefaltet werden zu einer handlichen Biederkeit.“

Sie leidet unter den Erwartungen anderer. Ihre Befindlichkeiten werden mitunter so dargelegt, dass ich mich mehrmals im Verlaufe der Geschichte fragen musste, warum diese Frau überhaupt mit Alfred zusammen ist. Das tut Annika dann später immerhin auch noch …

Ganz ähnlich liegt hier der Fall wie bei Knecht: Eigentlich tolle Frauen, die sich aber durch ihre Beziehungen auf das Leben einer Frau von berühmtem Regisseur oder Geliebten von erfolgreichem Radiomoderator reduzieren lassen. Dazu kommt noch das übliche „Mann in den „besten“ Jahren mit wesentlich jüngerer Frau“ – Schema. Ist das wirklich immer noch das Thema, dass relevant ist in unserer Zeit?

„Leonie ist sieben und hat schon mehr Allüren als Stofftiere und Barbiepuppen. Aber ich darf nichts sagen, denn ich habe erstens keine Kinder und zweitens sind das keine Allüren, sondern persönlichkeitsbildende Grundbedürfnisse.“

Zugegeben, die Gedanken übers Kinderkriegen und den Umgang mit selbigen mag ich schon, das ist ein Thema, dass Klemm schon immer gut konnte, besonders in ihrer sprachlichen Unverfrorenheit (siehe „Muttergehäuse“). Vielleicht ist und bleibt Klemm auch immer bei diesen Themen und umkreist sie von allen erdenklichen Seiten. Ob mich das dann auf Dauer noch fesselt, wird sich zeigen … „Erbsenzählen“ hat es noch mal geschafft, vor allem weil ja trotz allem ihr trockener Humor begeistert und weil sie eine unglaublich scharfe Beobachterin ist. Weil da solche Sätze stehen wie:

„Wenn man wütend ist, sagt die Vortragende gerade, soll man einen Wutkübel ins Eck stellen und in ihn heineinschreien, denn Gefühle unterdrücken, sagt sie jetzt ganz feierlich, ist vor allem bei Buben ein Thema, und sie wird uns das jetzt mithilfe der Seelensuppe veranschaulichen.“

Gertraud Klemms Roman „Erbsenzählen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr darüber hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Käthe Kollwitz: Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken marixverlag

 

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren. Verschiedene Sonderausstellungen über sie und ihr Werk gab es hier in Berlin zu sehen. Ich war im Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße. Hier sind viele ihrer Werke in sehr schönen Räumen platziert und gehängt.

 

Der marix Verlag hat zudem die Auszüge aus Tagebüchern und Erinnerungen, die der Sohn Hans bereits 1968 herausgegeben hatte, neu aufgelegt. Käthe Kollwitz begann erst im Alter von 41 Jahren Tagebuch zu schreiben, wohl um für sich die Geschehnisse zu sortieren und zu dokumentieren. Zwischen den einzelnen Einträgen gibt es lange Pausen. Hans Kollwitz erklärt mit einleitenden Worten, weshalb er keine chronologische sondern eine thematische Anordnung gewählt hat, was ich persönlich nicht so geschickt finde, weil so wichtige Zusammenhänge auseinander gerissen werden. Die Kapitel gliedern sich beginnend mit dem Thema Kindheit und Jugend in Bereiche wie Ehe, Mitmenschen, Mutterschaft, Über Kunst, Selbstkritisches etc. Zwischen den Kapiteln wurden Bilder von ihren Werken eingefügt, nach dem ersten Kapitel Familienfotos.

Der Leser erfährt über die enge Verbindung zur Schwester Lise, die Liebe zur Mutter, die Unterstützung des Vaters, der sie zur Künstlerin ausbilden lässt, die ersten Erfolge mit der Serie zu den „Webern“,  das Zusammenleben mit Ehemann Karl, der sie an ihrem Künstlerinnensein nicht hindert, den starken Einschnitt durch den Tod des jüngsten Sohnes Peter im Krieg (welcher die Idee eines Mahnmals gegen den Krieg entstehen lässt), die Verehrung Goethes, die Lektüre verschiedener Schriftsteller, die Ernennung zur Professorin in Berlin, die Juryarbeit für Ausstellungen (Kollwitz fand oft die Werke von Frauen nicht genügend, sollte aber generell die Frauen vertreten).

 

Was mir auffällt ist, dass die „private“ Käthe wesentlich liebevoller und wohlwollender wirkt, als die Künstlerin, die oft Härte und Strenge ausstrahlt. Vielleicht musste sie das auch, um sich gegen die überwiegend männliche Künstlerschaft durchzusetzen. Ebenso interessant ist, dass sie oft harsche Urteile über die Jungen, die nächste Künstlergeneration und deren Ideen äußerte.

Auch das Zeitgeschehen kommentierte sie in ihren Tagebüchern:

„Am Sonnabend, 1. Juli 1933
… In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP. Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.
Gleichschaltung.
Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe Mutter mit zwei Kindern. Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.“

Kurze Zeit später ändert sich alles. Käthes Arbeiten werden als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt. Sie darf nicht mehr ausstellen. Im April 1945 stirbt Käthe Kollwitz nahe Dresden, kurz vor der Kapitulation Deutschlands.

Dem Band ist eine Biographische Übersicht angehängt und auch eine Bibliographie. Er erschien im marix Verlag.

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

DSCN2197

Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit  „Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman Kalkutta kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden …
Weiterlesen auf fixpoetry

Ismail Kadare: Die Verbannte S. Fischer Verlag

DSCN2066

Vor einigen Wochen erst habe ich Ismail Kadare entdeckt, habe „Die Dämmerung der Steppengötter“ gelesen und war begeistert. Das drückte ich auch in meiner Besprechung hier auf dem Blog aus. Ich wollte unbedingt mehr lesen und freute mich auf das neue Buch von ihm und habe mich sofort hineingestürzt. Doch leider leider überzeugt mich „Die Verbannte“ nicht ganz. Vielleicht habe ich die Messlatte zu hoch gehängt. Viel weniger sprachliche Highlights konnte ich finden und die Geschichte wirkt auf mich verwirrend und streckenweise umständlich, mitunter unzugänglich.

Zum Inhalt:
Albanien, Tirana, Anfang der 80er Jahre: Der berühmte Theaterregisseur Rudian Stefa wird zu einem Termin ins Parteikomitee bestellt. Auf dem Weg dorthin überlegt er ängstlich, weshalb. Liegt es an Einwänden gegen sein neues Theaterstück oder an seiner Affäre mit Migena, einer jungen Frau? Als es heißt, dass bei einer Verbannten, die Suizid beging, ein von ihm signiertes Buch gefunden wurde, erinnert er sich: Bei einer Signierstunde hatte er einer Leserin auf deren Wunsch hin eine besondere Widmung ins Buch geschrieben. Er kenne diese Frau nicht, erklärt er der Behörde und ist damit erst mal aus dem Schneider. In seinem Inneren arbeitet es allerdings weiter. Zwischen rätselhaften Träumen, Schreibblockade, eigenartigen Selbstgesprächen und abstrusen Phantasien, kann er sich nur durch ausreichende Valiumeinnahmen beruhigen.

„Rudian Stefa, der die Neigung hatte, alltägliche Ereignisse in höhere Sphären zu verlegen, stellte sich vor, wie die Nachricht auf dem Olymp diskutiert wurde.“

Als Migena sich ihm gegenüber dann im Verlauf ausgesprochen seltsam verhält, kommt sehr langsam eine wilde Story ans Tageslicht: Migena hatte ihrer Freundin (der Verbannten) das Buch stellvertretend signieren lassen, da diese beinahe obsessiv vom Dramatiker schwärmte, aber nie die Chance hatte eine Vorstellung in Tirana zu sehen. Die Geschichte, die sie ihm auftischt, wirkt wirr und eher unglaubwürdig. Nur sehr langsam und nicht in aller Gänze (zumindest in meinem Fall), kommt man als Leser*in dem Geheimnis der beiden Frauen auf die Spur.

Kadare macht hier jede Menge Anspielungen auf die antike Mythologie, spielt mit dem Orpheus-Motiv. Womöglich ist das als Umschreibung, als große Metapher auf die tatsächliche Geschichte anzusehen?

Was mir störend auffällt, ist das Frauenbild, das Kadares Hauptfigur hat. Liebe? Sehnsucht? Die drückt sich im Fall von Rudian Stefa sehr seltsam bis gar nicht aus. Da ist so viel männliche Eitelkeit. Da werden Frauen schon etwas zu oft, auf reine Körperlichkeit reduziert. Was er hier Liebe nennt, würde ich allenfalls als sexuelle Anziehung betrachten. Ich kann nicht anders, als das Alter des Autors mit einzubeziehen, Kadare wurde 1936 geboren, somit vertritt er die Vorstellung  einer ganz anderen Generation. Insofern möchte ich Nachsicht walten lassen und werde zum Abgleich als nächstes einen seiner älteren Romane lesen.

„Die Verbannte“ erschien im S. Fischer Verlag, wie alle Bücher Kadares. Übersetzt wurde es von Joachim Röhm, der auch einen Nachtrag verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier

Irene Diwiak: Liebwies Deuticke Verlag

DSCN2133

„Später würde die Geschichte anders erzählt werden.
[ … ]
Es ist aber nun mal die seltsame Eigenschaft der Zeit, Geschehenes in schwammige Erinnerung und schließlich in Lügen zu verwandeln.“

Mit diesen Sätzen beginnt und endet 334 Seiten später der Debütroman der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak. Ein wenig erinnert das an „Es war einmal … “ und in der Tat hat die Geschichte etwas märchenhaftes. Es ist jedenfalls ein zauberhaftes Buch!
Gut, dass Klaus Kastberger sein Wohlwollen für diesen Roman auf Twitter kund tat, sonst hätte ich ihn womöglich übersehen. Die Leseprobe hat mich dann vollends überzeugt, dass ich diesen Roman lesen will. Er hat eine Atmosphäre wie aus einer fernen Zeit, ein wenig wie aus der Welt gefallen. Dabei spielt er in Österreich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also nach der k und k – Zeit und bereits hineinschlitternd in den Nationalsozialismus. Der genaue Schauplatz wird nicht genannt.

Schon der Titel hat Potenzial (ganz abgesehen vom zauberhaften Coverbild). Liebwies ist gleichzeitig ein schwer zugängliches Dorf im Gebirge, in dem die Geschichte beginnt und Liebwies wird der Nachname einer berühmten Opernsängerin, die eigentlich gar nicht gut singen kann. Liebwies erzählt von den Eitelkeiten und Eigenheiten der Menschen, von Leidenschaften und Lieblosigkeiten, von Schwächen und vor allem von Zufällen und wie daraus sich oft die skurrilsten Möglichkeiten eröffnen oder aber Träume zerfallen. Wie im Märchen gibt es gute Menschen und es gibt Bösewichte. Leider endet es nicht so wie im Märchen …

Wir treffen auf die Hauptfiguren Gisela, später Liebwies genannt und Ida Gussendorf, geborene Padinsky, um die sich sämtliche Geschehnisse drehen und die durch zusätzlich eingeführte sehr gelungene Charaktere ergänzt und durch die Handlung getragen werden – Diwiak hat ein Händchen für ihre Figuren.
Karoline, eine Bauerntochter in Liebwies wird eines Tages vom neuen Dorflehrer als Gesangstalent entdeckt. Da der Herr aus der Stadt, der sie fördern soll, aber die Schönheit seiner verstorbenen Frau in Gisela, ihrer wenig begabten Schwester entdeckt, wird die falsche in die Gesangsschule geschickt.

„Sie war ganz offensichtlich sehr stolz auf ihre Leistung. Sie strahlte über das ganze Gesicht, was sie noch hübscher, aber zu keiner besseren Sängerin machte.“

Nur aufgrund der wunderbar komponierten Oper „Die Gräfin der Stille“, in der sie nur ein Lied zu singen hat, wird sie berühmt. Dass auch hier wieder eine Verwechslung vorliegt, ein echter Betrug, ist ebenso tragisch. Ida, die mit dem wesentlich älteren Dichter und Möchtegernkomponisten Gussendorf verheiratet wurde, ist in Wirklichkeit diejenige die die Kompositionen geschrieben hat. Ihr eitler Ehemann gibt sie als die eigenen aus.

„Nun, da er selber schwanger war, und zwar mit einer Oper, hatte er keinen Bedarf mehr an Idas Körper. Er lebte in seiner Welt der Melodien, der mythischen Sagen und der wechselhaften Liebesgeschichten. Dabei vergaß er aber noch etwas. Er vergaß die Oper zu schreiben.“

Auch Ida verfällt der Schönheit Giselas, doch die egoistische Gisela ist auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihre Berühmtheit bedacht und wendet sich einem vielversprechenden Arzt zu. Dass sich Jahre später die Rollen, gerade auch in Sachen Schönheit, vertauschen, kann Gisela nicht ertragen. Sie sinnt auf Rache …

„Im besten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das viele Menschen begeistert. Im schlimmsten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das nur meine Mama interessiert.“

So sagt Irene Diwiak in einem Interview. Ich wünsche mir und ihr, dass recht viele Leser in den Genuss dieses Buches kommen. Mit „Liebwies“ ist der Autorin nämlich ein ganz und gar überzeugendes, unterhaltsames und auch sprachlich geglücktes Romandebüt gelungen. Mit sehr viel Humor und in charmant österreichischem Stil hat die Autorin eine so unwahrscheinliche wie geschickt entwickelte Geschichte erzählt, die zu lesen ein große Freude ist. Alles ist von vorn bis hinten stimmig. Diwiak beherrscht ihr Handwerk. Ein Leuchten!
Überhaupt scheint mir dieses Jahr ein Jahr der überraschend schönen Debüts zu sein.

„Liebwies“ von Irene Diwiak erschien im Deuticke Verlag. Eine Leseprobe und mehr über Buch und Autorin gibt es hier .

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

Freudenthaler-Die Koenigin-schweigt

Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.