Ismail Kadare: Die Verbannte S. Fischer Verlag

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Vor einigen Wochen erst habe ich Ismail Kadare entdeckt, habe „Die Dämmerung der Steppengötter“ gelesen und war begeistert. Das drückte ich auch in meiner Besprechung hier auf dem Blog aus. Ich wollte unbedingt mehr lesen und freute mich auf das neue Buch von ihm und habe mich sofort hineingestürzt. Doch leider leider überzeugt mich „Die Verbannte“ nicht ganz. Vielleicht habe ich die Messlatte zu hoch gehängt. Viel weniger sprachliche Highlights konnte ich finden und die Geschichte wirkt auf mich verwirrend und streckenweise umständlich, mitunter unzugänglich.

Zum Inhalt:
Albanien, Tirana, Anfang der 80er Jahre: Der berühmte Theaterregisseur Rudian Stefa wird zu einem Termin ins Parteikomitee bestellt. Auf dem Weg dorthin überlegt er ängstlich, weshalb. Liegt es an Einwänden gegen sein neues Theaterstück oder an seiner Affäre mit Migena, einer jungen Frau? Als es heißt, dass bei einer Verbannten, die Suizid beging, ein von ihm signiertes Buch gefunden wurde, erinnert er sich: Bei einer Signierstunde hatte er einer Leserin auf deren Wunsch hin eine besondere Widmung ins Buch geschrieben. Er kenne diese Frau nicht, erklärt er der Behörde und ist damit erst mal aus dem Schneider. In seinem Inneren arbeitet es allerdings weiter. Zwischen rätselhaften Träumen, Schreibblockade, eigenartigen Selbstgesprächen und abstrusen Phantasien, kann er sich nur durch ausreichende Valiumeinnahmen beruhigen.

„Rudian Stefa, der die Neigung hatte, alltägliche Ereignisse in höhere Sphären zu verlegen, stellte sich vor, wie die Nachricht auf dem Olymp diskutiert wurde.“

Als Migena sich ihm gegenüber dann im Verlauf ausgesprochen seltsam verhält, kommt sehr langsam eine wilde Story ans Tageslicht: Migena hatte ihrer Freundin (der Verbannten) das Buch stellvertretend signieren lassen, da diese beinahe obsessiv vom Dramatiker schwärmte, aber nie die Chance hatte eine Vorstellung in Tirana zu sehen. Die Geschichte, die sie ihm auftischt, wirkt wirr und eher unglaubwürdig. Nur sehr langsam und nicht in aller Gänze (zumindest in meinem Fall), kommt man als Leser*in dem Geheimnis der beiden Frauen auf die Spur.

Kadare macht hier jede Menge Anspielungen auf die antike Mythologie, spielt mit dem Orpheus-Motiv. Womöglich ist das als Umschreibung, als große Metapher auf die tatsächliche Geschichte anzusehen?

Was mir störend auffällt, ist das Frauenbild, das Kadares Hauptfigur hat. Liebe? Sehnsucht? Die drückt sich im Fall von Rudian Stefa sehr seltsam bis gar nicht aus. Da ist so viel männliche Eitelkeit. Da werden Frauen schon etwas zu oft, auf reine Körperlichkeit reduziert. Was er hier Liebe nennt, würde ich allenfalls als sexuelle Anziehung betrachten. Ich kann nicht anders, als das Alter des Autors mit einzubeziehen, Kadare wurde 1936 geboren, somit vertritt er die Vorstellung  einer ganz anderen Generation. Insofern möchte ich Nachsicht walten lassen und werde zum Abgleich als nächstes einen seiner älteren Romane lesen.

„Die Verbannte“ erschien im S. Fischer Verlag, wie alle Bücher Kadares. Übersetzt wurde es von Joachim Röhm, der auch einen Nachtrag verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier

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Irene Diwiak: Liebwies Deuticke Verlag

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„Später würde die Geschichte anders erzählt werden.
[ … ]
Es ist aber nun mal die seltsame Eigenschaft der Zeit, Geschehenes in schwammige Erinnerung und schließlich in Lügen zu verwandeln.“

Mit diesen Sätzen beginnt und endet 334 Seiten später der Debütroman der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak. Ein wenig erinnert das an „Es war einmal … “ und in der Tat hat die Geschichte etwas märchenhaftes. Es ist jedenfalls ein zauberhaftes Buch!
Gut, dass Klaus Kastberger sein Wohlwollen für diesen Roman auf Twitter kund tat, sonst hätte ich ihn womöglich übersehen. Die Leseprobe hat mich dann vollends überzeugt, dass ich diesen Roman lesen will. Er hat eine Atmosphäre wie aus einer fernen Zeit, ein wenig wie aus der Welt gefallen. Dabei spielt er in Österreich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also nach der k und k – Zeit und bereits hineinschlitternd in den Nationalsozialismus. Der genaue Schauplatz wird nicht genannt.

Schon der Titel hat Potenzial (ganz abgesehen vom zauberhaften Coverbild). Liebwies ist gleichzeitig ein schwer zugängliches Dorf im Gebirge, in dem die Geschichte beginnt und Liebwies wird der Nachname einer berühmten Opernsängerin, die eigentlich gar nicht gut singen kann. Liebwies erzählt von den Eitelkeiten und Eigenheiten der Menschen, von Leidenschaften und Lieblosigkeiten, von Schwächen und vor allem von Zufällen und wie daraus sich oft die skurrilsten Möglichkeiten eröffnen oder aber Träume zerfallen. Wie im Märchen gibt es gute Menschen und es gibt Bösewichte. Leider endet es nicht so wie im Märchen …

Wir treffen auf die Hauptfiguren Gisela, später Liebwies genannt und Ida Gussendorf, geborene Padinsky, um die sich sämtliche Geschehnisse drehen und die durch zusätzlich eingeführte sehr gelungene Charaktere ergänzt und durch die Handlung getragen werden – Diwiak hat ein Händchen für ihre Figuren.
Karoline, eine Bauerntochter in Liebwies wird eines Tages vom neuen Dorflehrer als Gesangstalent entdeckt. Da der Herr aus der Stadt, der sie fördern soll, aber die Schönheit seiner verstorbenen Frau in Gisela, ihrer wenig begabten Schwester entdeckt, wird die falsche in die Gesangsschule geschickt.

„Sie war ganz offensichtlich sehr stolz auf ihre Leistung. Sie strahlte über das ganze Gesicht, was sie noch hübscher, aber zu keiner besseren Sängerin machte.“

Nur aufgrund der wunderbar komponierten Oper „Die Gräfin der Stille“, in der sie nur ein Lied zu singen hat, wird sie berühmt. Dass auch hier wieder eine Verwechslung vorliegt, ein echter Betrug, ist ebenso tragisch. Ida, die mit dem wesentlich älteren Dichter und Möchtegernkomponisten Gussendorf verheiratet wurde, ist in Wirklichkeit diejenige die die Kompositionen geschrieben hat. Ihr eitler Ehemann gibt sie als die eigenen aus.

„Nun, da er selber schwanger war, und zwar mit einer Oper, hatte er keinen Bedarf mehr an Idas Körper. Er lebte in seiner Welt der Melodien, der mythischen Sagen und der wechselhaften Liebesgeschichten. Dabei vergaß er aber noch etwas. Er vergaß die Oper zu schreiben.“

Auch Ida verfällt der Schönheit Giselas, doch die egoistische Gisela ist auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihre Berühmtheit bedacht und wendet sich einem vielversprechenden Arzt zu. Dass sich Jahre später die Rollen, gerade auch in Sachen Schönheit, vertauschen, kann Gisela nicht ertragen. Sie sinnt auf Rache …

„Im besten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das viele Menschen begeistert. Im schlimmsten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das nur meine Mama interessiert.“

So sagt Irene Diwiak in einem Interview. Ich wünsche mir und ihr, dass recht viele Leser in den Genuss dieses Buches kommen. Mit „Liebwies“ ist der Autorin nämlich ein ganz und gar überzeugendes, unterhaltsames und auch sprachlich geglücktes Romandebüt gelungen. Mit sehr viel Humor und in charmant österreichischem Stil hat die Autorin eine so unwahrscheinliche wie geschickt entwickelte Geschichte erzählt, die zu lesen ein große Freude ist. Alles ist von vorn bis hinten stimmig. Diwiak beherrscht ihr Handwerk. Ein Leuchten!
Überhaupt scheint mir dieses Jahr ein Jahr der überraschend schönen Debüts zu sein.

„Liebwies“ von Irene Diwiak erschien im Deuticke Verlag. Eine Leseprobe und mehr über Buch und Autorin gibt es hier .

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

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Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.

Theresia Enzensberger: Blaupause Hanser Verlag

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Das Foto auf dem Cover von „Blaupause“ mag ich. Es ist womöglich von einem Schüler in einem der Kurse von László Moholy-Nagy enstanden, der am Bauhaus Dessau lehrte. Es ist ein Originalfoto aus dem Bauhausarchiv von 1926 von einem unbekannten Fotografen und es ist nachkoloriert. Es ist eine schöne Eröffnung zum Debütroman der 1986 geborenen Theresia Enzensberger (ja, die Tochter von Hans Magnus).  „Blaupause“ spielt in den Jahren 1921 – 1926 teils in Weimar, teils in Dessau.

Es geht um die junge Luise Schilling, die es geschafft hat, ihren Vater zu überreden, am Bauhaus in Weimar Architektur studieren zu dürfen. Sie kommt aus Berlin aus einer wohlhabenden Familie und doch ist das illustre Studentenleben in Weimar aufregender als das beaufsichtigte Leben in Berlin. Zunächst gerät Luise in die „Fänge“ der dort angesagten Gruppe von Naturmystikern um Johannes Itten, Professor am Bauhaus und Guru der dortigen Mazdaznan-Bewegung, die mich leicht an die Anthroposophen erinnerte. Das liegt vor allem daran, dass sie sich in den hübschen, aber unsteten Jakob aus diesem seltsamen Freundeskreis verliebt hat. Nach einer Weile findet sie allerdings heraus, dass weder Jakob noch diese Bewegung, das passende für sie sind und sie stürzt sich vermehrt in die Arbeit.

Ihr Vater beordert sie allerdings kurzerhand nach Berlin zurück, wo er sie in eine Hauswirtschaftsschule steckt, um ihr die Bauhaus-Flausen auszutreiben und um einen geeigneten Ehemann zu finden.

Nach dem Tod des Vaters kehrt sie kurzerhand wieder ans Bauhaus zurück, allerdings nach Dessau, wo der verehrte Walter Gropius unterrichtet. Dort verdient sie ihr Geld zunächst mit Kellnern, von zuhause erhält sie keine Unterstützung mehr. Und sie findet neue Freunde, einen zuverlässigeren Geliebten, eine alte Freundin aus Weimarer Tagen und einen Platz in der Bau-Klasse. Den verhassten Webstuhl lässt sie links liegen und arbeitet leidenschaftlich an neuen und innovativen Plänen für eine Wohnsiedlung in Berlin.

Doch auch hier läuft es nicht so wie erhofft. Dass ihr am Ende sowohl der Geliebte als auch der Professor den Boden unter den Füßen wegziehen, lässt sie straucheln, aber auch eine ganz neue Richtung einschlagen, auch geografisch, wie man am Ende des Buches aus dem „Nachlass Luise Schillings“ erfährt …
Mehr wird nicht erzählt, man lese selbst.

Theresia Enzensbergers Debüt lebt von seiner Geschichte, von den Schauplätzen, vom Interesse an der Kunst, von den damals neuen kreativen Ideen, vom Aufbruch und auch von mutigen Frauen, die sich trotz aller Vorbehalte in ein von Männern dominiertem Studium einbringen wollen. Nur am Rande streift Enzensberger das politische Geschehen in Deutschland, vor allem anhand des Kommilitonen Friedrich, der sich in Berlin als Kommunist aktiv gegen den wachsenden Faschismus stellt.

Enzensbergers Buch punktet nicht mit seiner Sprache, keine Figur kommt mir wirklich nah. Es ist leicht geschrieben, leicht herunter gelesen, eine schöne unterhaltsame Geschichte. Für mich ist es aber kein Buch über die „emanzipierte Frau“ und auch kein Buch über Politik, wie man in verschiedenen Rezensionen lesen kann, dafür geht es zu wenig tief auf diese Themen ein. Vielleicht ist das generell ein Problem des Buches, dass die Autorin vieles anschneidet, aber zu schnell weiterspringt. Gerade in den zweiten Teil, der in Dessau spielt packt sie zuviel hinein.

Ich bin gespannt wie es mit der Schriftstellerin Theresia Enzensberger weitergeht nach diesem Debüt. „Blaupause“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind Rowohlt Verlag

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Die große amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison, immerhin 86 Jahre alt und bereits im Jahr 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat wieder einen neuen Roman geschrieben. Ich erinnere mich an Romane wie „Menschenkind“, „Blaue Augen“, „Sula“, die ich damals vor Jahrzehnten noch in der Rowohlt-Taschenbuchreihe „Neue Frau“ gelesen habe. Eine Autorin, die sich schon immer stark einsetzte für die Rechte der farbigen Bevölkerung und die der Frauen.

Toni Morrison hat in „Gott, hilf dem Kind“ eine tolle Romanfigur geschaffen. Bride, eine junge Schwarze hat sich aus den denkbar schlechtesten Verhältnissen hochgearbeitet und ist mit Anfang zwanzig bereits Leiterin einer Kosmetikfirma. Sie hat sich ein nicht zu übersehendes Outfit zugelegt. Nur weiße Kleidung, kein Make-up, kein Schmuck. Und das Konzept geht auf. Sie ist erfolgreich, gutaussehend und wird umschwärmt. Endlich ist sie wer. War doch ihre Mutter, die sehr hellhäutig ist wie auch der Vater, entsetzt über dieses tiefdunkle Kind und vollkommen überfordert. Bride erfuhr von ihr erst Wertschätzung, als sie vor Gericht eine wichtige Aussage als Zeugin gegen eine Lehrerin, die wegen Kindesmissbrauch angeklagt war, machte.

„Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an all die Plagegeister meiner Kindheit, und sie bezahlen mich teuer. Und ich muss zugeben, dass es mehr als eine Entschädigung ist, all jene, die mich gequält haben – die echten und die, die ihnen gleich sind – heute vor Neid sabbern zu sehen, wenn sie mir begegnen. Es ist ein Triumph.“

Die Geschichte setzt ein, als Bride gerade von ihrem Freund Booker verlassen wurde und jene Lehrerin aus dem Gefängnis entlassen wird. Bride hat sich in den Kopf gesetzt, sie müsse eine Schuld abtragen und dieser Frau materiell weiterhelfen. Als sie ihr gegenübersteht und sagt, wer sie ist, schlägt die andere sofort zu. Bride kommt ins Krankenhaus. Obwohl sie körperlich schnell wieder gesund wird, scheint sie innerlich angeschlagener als sie zulassen will. Beide Geschehnisse leiten einen Wandel in Brides Leben ein.

Sie merkt plötzlich, wie sich ihr Körper langsam in den eines Kindes zurückverwandelt – ein toller Griff in die Trickkiste des magischen Realismus: Morrison ermahnt hier ihre Protagonistin achtsamer zu werden, mehr nach innen zu schauen, da ihr Leben aus dem Ruder zu laufen scheint. Letztlich beginnt damit ein Prozess, der von der reinen Oberfläche wegführt zu mehr Bewusstsein. Hierin liegt eventuell sogar die Chance zur Heilung der traumatisierten Kinderseele … Dann der Unfall auf dem Weg zu Booker und die Familie, die sie so uneigennützig aufnimmt und pflegt …

Bis hierhin hat mir das Buch extrem gut gefallen. Die Erzählperspektive aller Figuren einzunehmen und aus deren Blickwinkel zu berichten war stimmig. So erfährt der/die Leser/in hier auch einiges aus Bookers Lebensgeschichte, die ebenso viele traumatische Erfahrungen aufweist wie Brides`.

Vorsicht Spoiler:
Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Teil wird mir die Geschichte dann doch etwas zu übertrieben dramatisch und auch noch mit vorhersehbarem Happy End. Bride erfährt Bookers neue Adresse, steigt ins Auto und fährt zu ihm nach Kalifornien. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Bookers Tante, die sofort zur Vertrauten Brides wird, stirbt fast bei einem Feuer, wird aber von beiden gerade noch aus ihrem brennenden Wohnwagen gerettet. Durch die gemeinsame Pflege der Tante nähern sie sich einander wieder an. Plötzlich stirbt die Tante dann doch und beide überlegen, ob sie jetzt wieder richtig zusammenkommen. Und dann ist Bride auch noch schwanger und Booker sagt: „unser“ Kind. Und ihre tolle Stelle als Chefin der Kosmetikfirma ist ihr auch plötzlich ganz egal …

Das ist mir etwas zuviel schnelle Verwandlung von „Schatten“ in „Licht“, von Oberfläche zu Innenschau. Das wirkt auf mich doch sehr wirklichkeitsfern. Was so stark begann überzeugt mich zum Ende hin nicht und klingt an wie im Hollywoodfilm.
Dennoch: Ein wichtiges Buch mit leider nie endenwollender Aktualität und Brisanz ist es jedenfalls, als hätte sich in all den Jahren, die Toni Morrison schon dagegen anschreibt, kaum etwas geändert …

Toni Morrisons Roman erschien bei Rowohlt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Blogbesprechungen gibt es unter anderem bei Sätze & Schätze und  Leckere Kekse.

Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen Aufbau Verlag

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Ein Debütroman aus Kasan in Tatarstan – das klingt schon außergewöhnlich und so führt dieser Roman auch in eine mir vollkommen unbekannte Welt. Gusel Jachina, die auch Germanistik studierte, stellte ihren Debütroman im Literaturforum im Brechthaus vor und erzählte auf Deutsch über die Recherchen und auch über die persönlichen Hintergründe dazu. Es war ein eindrucksvolles Gespräch. Auch Ljudmila Ulitzkaja, die große russische Autorin drückt in ihrem Geleitwort ihr Erstaunen und ihre Freude über dieses Buch aus. Sie sagt es ist ein „Frauenbuch“. Aber sie meint es in Übereinstimmung mit der Autorin: Es ist eine starke Stimme aus weiblicher Feder, ein Blick auf ein starkes, für mich sehr fremdes Frauenleben. Und wie der Titel bereits andeutet: Suleika öffnet nicht nur symbolisch die Augen, Sie beginnt tatsächlich immer mehr zu sehen und wahrzunehmen. Es ist die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau hin zu einer reifen Persönlichkeit.

Gusel Jachinas Roman spielt ab 1929 in der Sowjetunion, genauer in Tatarstan, zunächst in einem kleinen Dorf namens Julbasch in der Nähe der Stadt Kasan. Dort lebt die 30-jährige Suleika mit ihrem Ehemann und der unerbittlichen Schwiegermutter. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte man sie verheiratet. Sie hat bereits vier Töchter geboren, doch jede starb kurz nach der Geburt. Sie führt ein hartes Arbeitsleben, was kein persönliches Glück vorsieht, steht dem wesentlich älteren Mann und dessen fordernder Mutter zu Diensten. Rechte hat sie keine.

„Suleika öffnet die Augen“ ist der passende Titel für diesen Roman, denn es ist eine weibliche Entwicklungsgeschichte. Mag man zunächst annehmen, dieses Schicksal könnte schlimmer nicht sein, kommt es aber doch noch härter. Im Zuge der „Entkulakisierung“, der Bauern mit Eigentum, verliert Matusa, Suleikas Ehemann, Haus und Hof und schließlich sein Leben. Suleika wird nach Sibirien verbannt, zur Mithilfe beim Aufbau einer vorbildlichen Arbeiter-Siedlung, zur Zwangsarbeit. Allein die Reise, (in den Innendeckeln des Buches kann man den Weg anhand einer Karte verfolgen) die Suleika mit anderen Kulaken und Regimefeinden antritt, dauert Monate und kostet viele Menschenleben. Auf dieser Reise bemerkt Suleika, dass sie schwanger ist.

Suleika ist Muslimin, glaubt aber ebenso an die Naturgötter, die in den Wäldern hausen. Die Verbindung zu diesen kommt ihr vermutlich in der neuen „Siedlung“ zu gute. Die kleine Gemeinschaft unter der Führung des Offiziers, der auch Suleikas Mann tötete, überlebt mit Mühe den ersten Winter. Suleikas Sohn wird geboren, mithilfe eines Arztes, der ebenfalls zu der Gruppe der Verbannten gehört. Dieser wird schließlich auch Vertrauter in Suleikas Leben. Es dauert Jahre, bis die Siedlung zum Dorf wird, in dem es sich einigermaßen gut leben lässt. Suleika arbeitet zunächst als Köchin, später entdeckt sie ihr Talent fürs Jagen. Trotz vieler Entbehrungen und harter Arbeit erlebt sie diese Zeit mehr und mehr als bereichernd, vor allem, weil ihr Sohn wächst und gedeiht und eben nicht stirbt, wie die Töchter. Zwischen ihr und  Ignatow, dem Offizier, entsteht eine gewisse Anziehung, die beide zunächst nicht akzeptieren …

 

Jachina hat ein Händchen für die Beschreibung der Charaktere in ihrer ungewöhnlichen Geschichte. Alles wird unter ihrem Blick lebendig, leuchtende, starke Bilder entstehen beim Lesen. Ich staune über die Kraft, die dieser Roman ausstrahlt. Vielleicht wird Gusel Jachina beim Schreiben auch von den Naturgöttern unterstützt …
Ich jedenfalls wünsche ihr mehr und mehr Leserinnen. Es ist ein ganz und gar bewegendes Debüt.

Der Roman „Suleika öffnet die Augen“ erschien im Aufbau Verlag in der auch von der Autorin gelobten Übersetzung von Helmut Ettinger aus dem Russischen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.

Rachel Cusk: Transit Suhrkamp Verlag

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Sie tut es wieder! Nicht ganz so extrem wie in „Outline“ ( Besprechung siehe hier), aber es ist immer noch so, dass der Leser Rachel Cusks auch im zweiten Band der Trilogie die weibliche Hauptfigur vor allem über deren Gespräche mit anderen Menschen kennenlernt. Die anderen erzählen. Unsere Protagonistin schweigt, beobachtet, hört zu und stellt ab und an kluge Fragen.

„… genauso wenig könne man beim Sprechen zuhören. Beim Zuhören, sagte ich, habe ich mehr dazugelernt, als ich jemals für möglich gehalten hätte.“

Das ist und bleibt spannend, findet man sich doch in manchen Figuren selbst beim Reden oder Tun ertappt. Es ist eine ungewöhnliche aber vielleicht die treffendste Art, sich ein Bild zu machen von einem Unbekannten. Gegen Ende hin wird sie etwas gesprächiger – das fällt auf. Aus dem ersten Roman weiß der Leser, dass die Heldin eine Frau um die 40-50 Jahre alt ist (ihr Name ist Faye – er wird auf Seite 192 einmal genannt), gerade geschieden, mit zwei Söhnen und dass sie als Autorin arbeitet. In „Transit“ nun, zieht sie in eine etwas heruntergekommene Wohnung in einem guten Viertel in London, mit ziemlich unsympathischen Nachbarn …

„Ich hätte, sagte ich, ganz vergessen wie befreiend anonym das Leben in der Großstadt sei. Hier müsse niemand sich erklären: die Stadt sei eine leichtverständliche Benutzeroberfläche, eine Art selbsterklärendes Lexikon menschlichen Verhaltens, das es allen erlaubte, effektiv und gewissermaßen in Kürzeln zu kommunizieren.“

Sei es im Gespräch mit einem Handwerker oder beim Besuch beim Friseur, bei einem Literaturfestival, in einem Gespräch mit einem jungen schwulen Mann auf der Sinnsuche, mit einer Freundin oder bei befreundeten Familien – immer gerät der Leser tiefer hinein, als beim Lesen üblich. Das Herausfinden geschieht abrupt, das Kapitel ist zu Ende und ein neues mit neu auszulotendem Terrain beginnt. Dass sich in den vielen Gesprächen immer wieder das Thema Veränderung/Wandlung zeigt, ist nicht verwunderlich, denn die Hauptfigur scheint diese anzuziehen. Womöglich fungiert sie selbst als Spiegel ihrer Gesprächspartner. Sie scheint in der Tat jemand zu sein, der sich alle offenbaren und anvertrauen. Gleichzeitig erscheint sie mitunter wie eine Forschende, eine die Interviews führt, bei Ungereimtheiten nachhakt und für ihre Romane recherchiert, ohne das die Gesprächspartner etwas davon ahnen. So entsteht vielleicht sogar eine Symbiose. So präsent das Thema auch ist, meistens entsteht, oft in Schlüsselszenen, dadurch etwas ganz neues – von Transformation ist oft die Rede. Etwas was die Autorin Rachel Cusk als Suche, als Wunsch durch sich selbst mit in die Geschichten bringt. Zugleich sind es Geschichten in Geschichten in Geschichten, die etwas matrjoschkahaftes an sich haben.

So erzählt die Studentin Jane, die sich Rat bei unserer Protagonistin sucht, sie habe eine Idee für einen Roman und in diesem Roman wiederum finden sich weitere Geschichten, Geschichten, die sich mit dem eigenen Leben der Studentin vermischen. So erzählt der albanische Bauarbeiter Tony, der gerade ihre neu bezogene Wohnung renovieren soll von seiner Tochter, einer fünfjährigen, die bereits besser Englisch spreche als die Engländer selbst, jedoch könne seine Frau kein Englisch …

„Dann könnten, sagte ich, seine Frau und seine Tochter im Grunde nicht kommunizieren? Tony nickte langsam, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Im Grunde“, sagte er.“

Jedes Kapitel, jede Begegnung endet überraschend – jedes Kapitel eine sehr kurze Novelle. Rachel Cusk schreibt Geschichten für Menschen, die bereit sind sich mit der Lektüre des Buches zu bewegen – Transit, der Titel sagt es ziemlich treffend. Es ist eines dieser Bücher, die sich nicht näher beschreiben lassen, schon gar nicht anhand eines ereignisreichen Inhalts, es ist eines, bei denen man selbst jenen Zauber hervorholen muss, den gute Bücher ausmachen. Ich mag es sehr!

„Transit“ von Rachel Cusk erschien im Suhrkamp Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Eva Bonné. Es ist der zweite Teil (nach „Outline“ siehe oben) einer Trilogie „einer weiblichen Odyssee“, wie es im Klappentext heißt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich, auch wenn es nur eine Kleinigkeit sein mag, den haptischen Einband dieses Buches: Den Titel ziert ein mit Abklebeband geformtes Haus, das sich ertasten lässt, als könne man das Klebeband einfach vom Papier abziehen.
Eine weitere Besprechung findet sich auf letteratura.