Aus dem Archiv: Nancy Hünger: Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett Edition Azur

Nancy Hünger: Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett

Schöne tiefe Abgründe liegen zwischen den Zeilen von Nancy Hüngers neuem Lyrikband. In acht unterschiedlichsten Kapiteln schickt sie ihre Leser*innen beispielsweise durch „Liederliche Lieben“, lässt sie „Rupfen in fremden Gärten“ und erzählt „Aus der Werkstatt betretenen Schweigens“. Wie im Titel schon angedeutet, dreht sich in der Tat in diesem Buch vieles um Musik, Rhythmus  und Klang. Musikalität scheint in Hüngers Schreiben notwendig, auch in den Kapiteln, die nicht ausschließlich diesem Thema gewidmet sind. Der Rhythmus der Sprache sucht sich seinen Weg zwischen Worten, Zeilen, Versen. So entsteht eine Verbindung, ja, eine Verschmelzung, ein Gesang.

„ …Wir hören mit den Lakenohren, leicht

verklebt, die Häuser rufen, Welpen schreien mit Kinder-
stimmen oder welpenhafte Kinder, die aus Fenstern trieften,
Welpen warfen, zu den kreischenden Hornissen ….“

Aber auch der zweite Teil aus der Titelzeile ist gewichtig und legt sich fast durchgängig auf jedes Kapitel: der Abschied, die Einsamkeit. Überhaupt scheint mir Unberührbarkeit ein Merkmal von Hüngers Spracharbeit: Was eben noch auf der Zunge zergeht, ist im nächsten Moment schon wieder gefroren. Ein ständiges oft unruhiges Hin und Her zwischen Zweisamkeit und dem Erlebnis Einsamkeit zeigt sich und macht sich breit. Ein Kampf tobt zwischen diesen Aggregatzuständen – welcher ist leichter aushaltbar?

„ … üb dich mein Bürschlein im GEH ODER BLEIB
aber üb dich am Alphabet sind manche schon verzweifelt
zwei Finger kurz vor knapp daneben wie auch immer …“

Nancy Hünger macht es ihren Leser*innen nicht immer leicht. Mit einmal lesen ist es nicht getan. Auch mit zweimal nicht. Ihre Lyrik beansprucht äußerste Konzentration und starke Zuwendung. Das Schöne: Je öfter man liest, desto mehr lassen sich die Gedichte durchdringen, sie öffnen sich. Hünger spielt ihr lyrisches Ich und oft das lyrische Wir gegen alles aus. Ich und Wir treten niemals zurück in den Versen, sie sind in großer Dichte präsent, stehen im Vordergrund: das Orchester stimmt sich ein. Dahinter die Bühne der Worte, die Schauspieler: bis sie ihren Platz einnehmen, passend ankommen im Kopf der Leser*innen, darf Zeit vergehen.

„ … ich erkenne niemanden
wieder die Gesichter drehen zum Mond

und Sicheln fahren darüber. Die Zeit
weiß nicht weiter, geht unter in uns
drehen die Gestirne. Ist jeder allein.“

Durch das ganze Buch zieht sich stetig der Strom der Zeilensprünge, fast jede Zeile, kaum ein Vers ohne Bruch. Das bremst immer wieder den Lesefluss, zwingt langsamer zu werden. Es ergeben sich immer wieder neue Lesarten.

„… wer weiß schon wie es sich ausnimmt
in meinem Zimmer werden die Bücher verpackt
ist was du hattest gar nicht mehr so viel was du brauchtest
waren zwei drei kleine Gedichte und ein wenig Musik …“

Was ebenfalls auffällt sind Hüngers besonders schöne Versenden, immer hat sie den Dreh genau heraus, wie sie ihr Gedicht beenden will. Hier setzt sie starke Akzente. Zufall scheint es dabei nicht zu geben, alles entspricht der beabsichtigten Komposition. Manchmal entsteht dadurch aber auch eine seltsame Abstraktheit mit wenig Raum für Emotionen. Einige Gedichte stehen mir sehr verkopft gegenüber, was besonders bei den erotischen und Liebesgedichten im Kapitel „volvere“ verwundert. Die Überschrift dieses Kapitels zeigt sich jedoch stimmig, wenn man nachliest, wie viele Bedeutungen dieses Wort hat.

„Dieses Gefühl klang nirgendwie irgendwie profan nach
Gefühl war uns wenig durchtrieben wir also Wörter
und hießen es Schnee sagten ICH SCHNEIE DICH
aus meinen Wimpernkränzen umschnei ich dich …“

In diesem, aber auch in einigen anderen Kapiteln benutzt Hünger eine immense Vielfalt kreativer Worterfindungen: So geht es durchs „Knickicht“und zwei „jochandeln einander“. Dergleichen eingeflochtene Neuworte regen die Phantasie an. Stellenweise wird es auch fast zu viel, wenn Hünger den Bogen überspannt. Dann wieder folgen solch außergewöhnlich schöne Sequenzen wie hier:

„… nur lass mir die kleinen Partien kann ich nicht hergeben den
Mund verwahre ich für die Männer die ich wollte habe ich
WUND UND WUNDER geküsst die Männer die ich wollte
sind alle zwischen meinen Lippen gefährlich schön erstickt.“

Hier, wie im Kapitel „Ach diese herrlichen Schwendtage, diese“ stehen die Gedichte alle im Blocksatz, wirken vom Satzbild her unzugänglich, verschlossen. Andere Kapitel enthalten luftigere Formen. So ist das Kapitel „Leb wohl, gute Reise“ in Dreizeilern angelegt. Diese Form erinnert an eine volkstümliche italienische Liedform (Stornello). Passend dazu befindet sich Hünger hier auf den Spuren Goethes in Italien. Dieses Kapitel scheint mir eines der stärksten des Bandes zu sein. Eine Reise nach Sizilien wird hier zum verdichteten Thema.

„ … Wir wechselten vier Löhne gegen Land und
eine Sprache aus den Fernwehkatalogen
schnitten wir den Süden Goethes aus …“

Doch was aus diesen Versen herauszulesen ist, lässt sich schwerlich mit Goethes Italien vergleichen. Die Zeit hat Wunden geschlagen, viel mehr der Mensch. Hünger findet hier einen besonderen Rhythmus, einen eigenen Klang, alles fließt. Ihre Gedichte durchleuchten die vermeintliche Idylle, werden zu Klagen, zu Anklagen, zu kritischen Fragen.

„ … und lasen aus den Stichwortkatalogen:
Europa, Menschheit, Wiege, Strandverbot,
das schöne schöne Abendland war abgebrannt

und glühte rauch- und rußgeschwärzt auf den Wangen
der Atom-U-Boote, Schauerbojen, die im Stahlbad
schweigsam Kriegsschlaf hielten …“

oder

„ … Unsre Füße
stießen immerzu ans Meer und selbst die Sterne

waren schmutzig in jenen Nächten, als sich die Stadt
an Straßen strangulierte. Wir hörten Achsen brechen
und dieses leise Stöhnen. Die Palazzi röchelten. …“

Im Kapitel „Familiarium“ findet sich ein sehr starkes längeres Gedicht namens „Meine fünf ungeborenen Töchter“ – ein wirklicher Höhepunkt. Es ist das vielschichtigste, bemerkenswerteste, bedeutungsvollste, selbstkritischste Gedicht dieses Bandes, bestehend aus acht Sechszeilern. Es ist eine Klageschrift, eine Mahnung, ein Aufruf an das Selbst und an die Welt. Gleichzeitig enthält es die ewige Frage: Kann Lyrik im großen Weltgeschehen überhaupt etwas ausrichten, gar verändern?

„… meine fünf ungeborenen Töchter rufen mich zweimal
die Woche über Satellit fragen sie nach der Lage
und der prozentualen Niederschlagsdichte meiner Tränen
sie fragen nach den Adressen von Diktatoren
dem Generalschlüssel für Gefängnisse und den neuesten
statistischen Erhebungen zur menschlichen Dummheit …“

Das letzte Gedicht im Band namens „Angesichts der entfesselten Publikationsverhältnisse“ ist wieder außergewöhnlich, auch in der Form, und bildet einen treffenden Abschluss. Es ist ein fortlaufender Fließtext, der jedoch durch Querstriche fortwährend unterbrochen wird und so die Zeilenumbrüche andeutet. Auf zweieinhalb Seiten wird hier stakkatohaft aus einem Dichterleben erzählt: die Themen der zeitgenössischen Dichtung werden aufgezählt, die prekäre Situation angesichts des Standes der Lyrik im Literaturbetrieb wird angedeutet, alles nur rein hypothetisch. Das Gedicht endet so:

„… was wäre / wenn wir alle nur noch so täten / als ob
/ dann müssten wir / rein theoretisch / versteht sich / unsere
Preisgelder / ehrlicherweis / rückerstatten / stell dir das /  rein
hypothetisch / versteht sich / mal vor“

Ich empfehle Nancy Hüngers Lyrikband nachdrücklich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.

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Kirstin Breitenfellner: Maria malt Picus Verlag


„Jede Zeichnung ist ein Triumph über die Unruhe der Welt.“

Die Autorin Kirstin Breitenfellner hat der wunderbaren österreichischen Künstlerin Maria Lassnig einen Roman gewidmet. Gleich mit dem Cover taucht die Leserin ein in Lassnigs Malerei: „Selbstporträt als Tier“, 1963 entstanden. Ich hatte das Glück, dass es gerade hier in Berlin eine kleine Ausstellung von Maria Lassnig gab, was die Lektüre bestens ergänzt hat und meinen Eindruck der Besonderheit dieser Künstlerin bestätigt hat.

So erlebt Maria gleich als Kind, dass zwischen weiblich und männlich ein großer Unterschied besteht. Und sie wird es noch lange spüren, denn auch die Kunstwelt, in die sie sich mutig hinein begibt, bevorzugt männliche Künstler.

„Wenn man einen Sohn bekommt, dann trinkt man Wein, und wenn man ein Mädel bekommt, Wasser, sagt die Mutter. Und dann rennt man noch mehr davon, als wenn man einen Buben bekommt, sagt die Mutter, sie hat es schon so oft gesagt, aber jedes Mal, wenn sie es sagt, wird es noch wahrer.“

Nach einem kurzen Kapitel über Maria Lassnigs Kindheit, sie wird 1919 als uneheliches Kind in Kappel, Österreich, geboren und lebt lange bei der Großmutter, bis die Mutter sie nach Klagenfurt holt, finden wir Maria in Wien wieder, wo sie Kunst studiert. Der Künstler Arnulf Rainer ist ihr Freund. Sie fahren zusammen nach Paris, wo sie auf der Suche nach dem eigenen Stil Paul Celan, Jean Paul Sartre und André Breton kennenlernen. Doch eine Art Initiation erfährt Maria erst in einer kleinen Galerie, wo sie die Art Gemälde findet, die sie auch malen will. Sie will nach innen gehen.

Im Anschluss geht es in vielen Zeitsprüngen durch Maria Lassnigs Leben. Nicht trocken sachlich, sondern sprachlich sehr fein ausgearbeitet. Der kurze Satz „Maria malt“ kommt wie ein Mantra immer wieder daher und zeigt so auch die Wichtigkeit dieser Tätigkeit. Wenn sonnst alles im Argen liegt oder menschliches Chaos herrscht, wird gemalt. Jede Liebesbeziehung wird auserzählt und damit auch die besonderen Schwierigkeiten, die Maria mit den Männern hat. Bindungs- und Freiheitswunsch lassen sich oft schwer unter einen Hut bringen. Meist sind die Männer jünger. Auch im Älterwerden bleiben die Liebhaber immer jünger. Doch eine ernsthafte Beziehung geht Maria später nicht mehr ein.

„Wenn ein Mann heiratet, dann um seine Kunst zu finanzieren. Wenn eine Frau heiratet, dann um ihre Kunst aufzugeben.“

Da ist Arnulf Rainer, der eigentlich als ihr Schüler auftaucht, sich aber sehr gut vermarkten kann, was Maria nicht kann und auch nicht will. Sie bleibt ihrem Weg treu. Die Trennung folgt. Ähnliches passiert mit dem Lebenskünstler Buddy, später dem noch jüngeren Ossi. Viele der Männer sind von Kriegserlebnissen traumatisiert. Noch mit 35 Jahren wird sie von der Mutter mit Lebensmitteln und Geld versorgt, obwohl sie zwar Ausstellungen hat, aber doch die wenigsten etwas von ihr kaufen wollen. Das kleine Atelier in Wien muss ja bezahlt werden.

„Maria lernt etwas: Es ist nicht notwendig, seine eigene Kunst zu erklären, denn es will sowieso niemand wissen, worauf sie hinauswill. Was in ihr drinnen ist und aus ihr herauswill. Hauptsache, Maria weiß es selbst, in ihrem Herzen.“

Erst im Alter von 40 Jahren hat Maria Lassnig ihre erste Einzelausstellung. Beteiligungen gab es zwar schon lange, doch Maria bekommt immer wieder zu spüren, dass sie es als Frau eben schwerer hat. Das kann Maria kaum ertragen. Die Kritiken, die auf die Ausstellung folgen scheinen zwar gut, doch Maria spürt, dass sie es in Wien nicht wirklich schaffen kann. Zumindest nicht so, wie sie ihre Kunst erarbeitet und versteht. Sie geht nach Paris für einige Jahre, dann für sehr lange nach New York.

„Wenn Marias Kunst „durchaus maskulin“ anmutet, heißt das natürlich, dass sie nie an das Lob, das für Männer bereitgehalten wird, herankommen wird. Dazu braucht es keine prophetischen Gaben. Die Volkszeitung schlägt in dieselbe Kerbe und meint, dass bei Maria eine „für eine Frau auffällige Beteiligung des Intellekts“ zu erkennen sei.“

Mitten im Roman kommt unerwartet, aber sehr aufschlussreich, noch ein längeres Kapitel über Marias Kindheit. Als sie noch Riedi genannt wurde und die Mutter sie mit nach Klagenfurt zum „neuen“ Vater nimmt. Was Riedi zu erdulden hat mit einer derart kalten Mutter (von der Maria auch später kaum los kommt, eine Art Hassliebe?), lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Aus dem Text heraus lese ich, dass Maria als Kind schon hochsensibel war und es damit ohnehin schwer hatte. Eine gesunde sichere Bindung durfte sie wohl nie erleben und das setzt sich oft in ihren späteren Beziehungen fort. Zudem steht für Maria immer die Kunst im Vordergrund.

„Was Maria nicht versteht: Wie man zugleich ein guter Künstler sein kann, also schwer, und guter Gesellschaftsmensch, also leicht.“

Paris scheint nicht der richtige Ort zu sein um weiterzukommen. New York ist es. Hier kann sie weiter an ihren unzähligen Trauerbildern malen, nachdem die Mutter starb („Maria weint mit dem Pinsel.“). Hier findet sie auch den Zusammenhalt von Frauen, den sie bisher in Europa vermisst hat. Maria Lassnig wird bekannter, hat Ausstellungen, malt Bilder. Hier erkundet sie auch andere Techniken, wie das Zeichnen und bearbeiten von Trickfilmen. Doch das Malen bleibt immer die Herzenskunst. Ein Jahr verbringt sie in Berlin mit einem Stipendium. Im Jahr 1980 kommt die Berufung als Professorin an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Maria kehrt nach Österreich zurück.

In der Hochschule kommt es auch zu Auseinandersetzungen mit den jüngeren Schülerinnen und auch die Konkurrenz zu Arnulf Rainer lebt wieder auf, da er an der Akademie der Künste ausgerechnet Malerei lehrt. Er, der vor allem „übermalt“. Letztlich erkennt Maria als sie längst in Pension ist und in ihrem mitten in der Natur gelegenen Ruhesitz in Kärnten, dass die Schüler ihr doch auch am Herzen lagen. Im letzten Kapitel, das in der Ich-Form geschrieben ist, durchlebt Maria eine Art Rückschau und obwohl sie mit 80 alt ist, fühlt sie es nicht so. Sie will immer weiter malen.

Kirstin Breitenfellner hat sicher viel recherchiert und sich eingefühlt. Ihr Blick liegt immer wieder auf der besonderen Sensibilität der Künstlerin. Die Betonung, aus einer erspürten Körperlichkeit heraus, aus dem innen heraus zu malen, die Bilder in Ruhe aufsteigen zu lassen und nicht nach der Mode zu malen, nicht für alles Geld der Welt. Die Betonung, dass es Frauen sehr viel schwerer im Kunstbetrieb haben, die auch Maria immer wieder einholt, ist auch heute/jetzt noch genauso stimmig. Mal klebt sich Maria einen Bart an, mal will sie keine Künstlerin sein, sondern Künstler. Sie verabscheut diese Festlegung auf „Frauenmalerei“, die natürlich immer von Männern kommt. Die Autorin hat zudem eine ganz wunderbare Sprache gefunden, die diesen Roman für mich zusätzlich zum Inhalt sofort leuchten lässt. Große Empfehlung für Kunstfreund/innen!

Der Roman erschien im Picus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Neujahrs-Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.
Frohes Neues Jahr!

Mariette Navarro: Über die See Kunstmann Verlag


Diesen kurzen Roman muss ich unbedingt noch nachreichen. Er sollte bei den liebsten Romanen 2022 dabei sein. Ich habe ihn spontan gekauft und an einem Nachmittag beglückt ganz durchgelesen. Es sind nur etwa 150 Seiten und ich habe sehr langsam gelesen, um die Sprache einwirken zu lassen. Es ist eine ganz besondere, oszillierend leuchtende Geschichte. Ich habe folgendes beim lesen dazu notiert:

… das Gefühl bei den allerersten Zeilen eines Buches, zu wissen, dass es das richtige ist. Wenn die Sprache sofort leuchtet und ganz tief und zugleich weitend im Körper zu spüren ist und in Verbindung mit der eigenen tritt. Ein Ankommen, das Gefühl einer großen Freude, dass es so etwas gibt. Etwas, dass ich nicht (mehr?) in menschlichen Begegnungen finde. Aber in der geschriebenen Sprache anderer Menschen bisweilen schon.“

Vom Inhalt des Textes möchte ich nur wenig erzählen, denn es wäre schade zu viel zu verraten und es würde den Lesegenuss mindern. Nur soviel: Es geht um eine Kapitänin eines Frachtschiffes, die eine zwanzigköpfige ausschließlich männliche Crew zu führen hat und sich den Respekt hart erarbeitet hat. Als Tochter eines Kapitäns war es für sie nie eine Frage, dem Vater im Beruf nachzufolgen. Auf einer Überfahrt von Europa in die Karibik öffnet sich die Kapitänin dem außergewöhnlichen Wunsch der Mannschaft, einmal im Ozean schwimmen zu dürfen. Sie sagt: „Einverstanden“. Und dieses Einverstanden kommt ihr plötzlich selbst seltsam vor, durchbricht es doch schließlich die strengen Hierarchien, die für die Führung eines Schiffes notwendig sind. Auch weiterhin passiert Unerwartetes auf dieser Reise …

„In die vertraute Geste, die Geste der Arbeit, die Tag für Tag wiederholte Geste hat sich eine Verzögerung eingeschlichen. Eine winzige Verzögerung, die es vorher nicht gab, eine Sekunde in der Schwebe. Und in dieser schwebenden, dieser verschwommenen Sekunde hat sich sofort das restliche Leben ausgebreitet, hat es sich bequem gemacht und seine Folgen nach sich gezogen.“

Der wunderbare Anfang des Romans, S.7

Die Französin Mariette Navarro hat eine Sprache, die mich sofort trifft. Ich lese den ersten Absatz und jubiliere innerlich. Das kommt so selten vor. Bei Gedichten kenne ich das auch. Ich weiß dann sofort, dieses Buch ist für mich geschrieben. Kennt Ihr das? Es ist das Schönste, was mir als Leserin passieren kann. Ich fühle mich be-seelt. Die Autorin kann Geschehnisse und Dinge um-schreiben und ausschmücken oder reduzieren auf die Essenz. Sie schickt mir Metaphern und Wortgefüge, ich die ich mir sofort zu eigen machen möchte. Es ist eine sinnliche, bildhafte Sprache, die sowohl innermenschliche Befindlichkeiten, als auch Außenwelten unglaublich treffend einfängt.

„Es gibt Seefahrer, von denen manche nie das Meer gesehen haben und die sich selbst nie so nennen würden., weil sie diese Bezeichnung nicht kennen. Sie haben etwas von Vermissten an sich, während man mit ihnen spricht, während man sie ins Leben drängt, um die Angst zu bannen, sie berührt und ihnen Versprechen abringt.“

S. 35

Hinzu kommt der Schauplatz, der durchweg auf dem Wasser, dem Ozean spielt. Auf einem Schiff „Über die See„. Tagelang nur umgeben von Meer, kein festes Land unter den Füßen. Das Schiff wird zur Insel. Für Wassermenschen, wie ich einer bin, ist dieses Buch ein Geschenk. Es ist außerdem eine Vater-Tochter-Geschichte, aber nur wenn man es als solche lesen will. Ich will. Mir hat es gerade in diesem Kontext viel gegeben. Und es hat für mich auch eine spirituelle Dimension, ein Geheimnis, wie etwa gute Gedichte es haben. Es spricht auch von Begebenheiten, die sich dem allzu strengen Verstand entziehen, aber nur, wenn man es so lesen will. Ich will. Meeresleuchten am letzten Tag des Jahres!

Die Übersetzung kommt von Sophie Beese. Eine Leseprobe gibt es hier: https://www.book2look.com/vBook.aspx?id=978-3-95614-510-0

Leïla Slimani: Schaut, wie wir tanzen Luchterhand Verlag


Nun ist er da, der zweite Band der biographischen Romantrilogie von Leïla Slimani. Hier erzählt sie die Geschichte ihrer Familie, die im ersten Teil „Das Land der Anderen“ in Frankreich begann, als ihre Großeltern sich nach Ende des zweiten Weltkriegs in Straßburg begegneten, heirateten und in die Heimat des Großvaters Amine, nach Marokko zogen.

Zu Beginn wird Aischa Belhaj von ihren Eltern nach Marokko zurückgerufen. Sie ist zum Medizin-Studium in Straßburg, im Elsass, der Heimat ihrer Mutter Mathilde. Doch es ist Sommer 1968 und die Studentenunruhen in Frankreich machen der Familie Angst. Sie wollen ihre Tochter in Sicherheit wissen. Für Aischa ändert sich dadurch vieles. Sie trifft ihre alten Freundinnen wieder. Besonders mit Monette versteht sie sich wunderbar. Bei ihr und ihrem Freund verbringt sie dann auch den Sommer. Sie haben ein kleines Haus am Meer. Hier lernt sie Mehdi kennen, den man Karl Marx nennt. Er studiert Ökonomie und ist sofort von Aischa gebannt. Bevor die beiden sich wirklich näher kommen können, rufen die Eltern wieder um Hilfe. Diesmal ist es der Bruder Selim, der verschwunden scheint. Mehdi fährt sie mit seinem Auto zur Farm, doch dann begeht er eine Dummheit, die die beiden wieder voneinander trennt.

Aischas Bruder Selim spielt in diesem Band auch eine Rolle. Zunächst geht er eine Liebesbeziehung mit seiner verheirateten Tante Selma ein, später verlässt er die Familie und gerät in Essaouira in eine Kommune, die aus europäischen Hippies besteht und beginnt Drogen zu konsumieren. Hier hält man ihn aufgrund seiner blonden Haare ebenso für einen Europäer. Wie sich später zeigt, schreibt er Selmas Tochter Sabah regelmäßig Briefe. Während man versucht mehr zahlungskräftige Touristen ins Land zu locken, sind Hippies nicht mehr gern gesehen. Selims Schicksal bleibt lange Zeit ungewiss, bis es aus unerwarteter Richtung ein Lebenszeichen gibt.

Mehdi wird nach dem Studium ein höherer Beamte im Steuerministerium, er schreibt nicht mehr und kehrt sich ab von marxistischen Lehren, wird sogar aufgrund seiner Position und seinen Kontakten zur Geburtstagsfeier des Königs eingeladen. Wie es das Schicksal will, begegnet er an genau diesem Tag Aischa wieder, die für den Sommer aus Frankreich zurückkehrt. Und bleibt dadurch am Leben, da er nicht in den Putsch gerät, den die Militärs genau an diesem Tag anzetteln. Auch einen zweiten Anschlag überlebt der König später.

Nach ihrer erneuten Begegnung und Versöhnung feiern Mehdi und Aischa ihre Hochzeit auf dem Hof ihrer Eltern. Mathilde plant die Hochzeit akribisch und es wird exklusiv und teuer. Die beiden ziehen in ein Haus in der Hauptstadt. Aischa spezialisiert sich als Ärztin auf Gynäkologie, Mehdi entpuppt sich als wenig emanzipierter Ehemann.

„Und was Aischa ihm erzählte, wenn sie aus dem Krankenhaus kam, erschien ihm nicht nur uninteressant, sondern sogar unappetitlich. Sein Leben lang hatte er gehört, was Mädchen zu tun oder zu lassen hatten, worin tugendhaftes Benehmen bestand, und er fühlte sich berechtigt, über jene die Nase zu rümpfen, die zu laut redeten oder sich aufreizend benahmen. Und alles, was die Geheimnisse des weiblichen Körpers betraf, fand er zutiefst abstoßend.“

Doch beide sind von ihrer Tätigkeit erfüllt und gehen in ihrer Arbeit auf. Bei Aischa zeigt sich manchmal das Balancieren zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen – durch das Studium ist sie eben auch von Frankreich geprägt. Die Geschichte endet 1972 mit der Geburt einer Tochter …

Dieser zweite Band bleibt, wie ich finde, etwas hinter dem ersten zurück. Ein Grund ist für mich, dass zu viel von männlichen Figuren die Rede ist und Aischa, die ich als Hauptfigur sehe, zu sehr im Hintergrund steht. Mitunter ist mir auch der Ton, wie manchmal im ersten Band etwas zu pathetisch, bei Liebesszenen blumig bis kitschig. Mal sehen, wie es im dritten Teil weitergeht und ob sich dann ein gutes Ganzes daraus formt.

Schaut, wie wir tanzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt aus dem Französischen hat es Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Den ersten Teil habe ich bereits hier besprochen:

Friederike Haerter: Im Zugwind flüchtender Tage Aphaia Verlag

Friederike Haerters Debüt-Gedichtband spricht mich bereits äußerlich sehr an. Ein wunderschönes Cover und im Umschlag ein Stilleben mit Feigen. Von Pamina Adele, steht im Impressum, stammen die Illustrationen, die mit den Gedichten harmonieren.

Mit Friederike Haerters Gedichten begebe ich mich auf eine Reise durch die Zeit, und durch verschiedene Länder, sie erzählen Geschichten. Sie folgen einer Chronologie, die sich am Lebenszyklus orientiert. Dass sie teils autobiografisch sind, schreibt die Dichterin auch in ihrem Nachwort.

„nur Kastanien sind krank
geschrieben löchrig braune
Hände kritzeln in den Wind

der Himmel bedeckt sich mit
all den verworfenen Skizzen“

Eingangs betreten wir eine Landschaft, die von einem jungen lyrischen Ich besiedelt ist. Es dürfte sich um die Heimat-Landschaft der Dichterin handeln: es ist die Uckermark nahe der Oder, aber auch bereits nahe der Ostsee. Eine Kindheit in dieser Gegend war prägend, ein Leben auf dem Land zumal bei einer Geburt im Jahr 1989, als alles sich veränderte, politisch wie privat, vieles sich öffnete, manches sich schloss. So streifen wir mit der Protagonistin als Kind durch die Natur, erleben deren wilde Nähe und dann wieder die Suche nach Zugehörigkeit bei den Menschen. Es gibt ein „Wir“, es sind offenbar Geschwister oder Freundinnen, die gemeinsam mit der Fantasie spielen, Drachen steigen lassen, eigene Abenteuer kreieren, ganz unbekümmert. Besonders hier erinnern mich die Gedichte an Kerstin Beckers Lyrik im Gedichtband „Biestmilch“.

„wir hatten Land
hinter Kanten aus Gras
Im Nirgend wo Grenzen verliefen
war Land aus dem Wind
die Drachen stiegen
bunte Kreuze hochgeworfen in die Luft
an einem Faden der so tief
in unsre Kinderhände schnitt“

Die Texte lassen mich auch einen Werdegang erkennen. Ein flügge Werden, ein weg von zu Hause, sogar weit weg. Die eigene Wohnung in Paris (?) folgt, das sich fremd fühlen, die Einsamkeit, aber auch die neuen Chancen. Es folgen Reisen durch andere Länder, noch weiter weg. Und immer wieder die Rückkehr. Die Heimkehr, wenn auch nur kurz. Sehr sinnlich sind die Gedichte, besonders dann, als eine neues Fühlen hinzukommt: das Körpergefühl einer Schwangerschaft, die Inbesitznahme des Körpers durch ein lebendiges wachsendes Wesen.

„und ich stelle mir vor
ein Kind
das sinkt in Richtung Welt
die Schnur die es an mich bindet
meinen Leib
ein Heißluftballon
der sich mit Atem füllt und steigt“

Und auch dann führt der Weg weiter. Neue Orte, neue Landschaften, innere wie äußere. Veränderungen, die auch das eigene Schreiben der Hauptfigur immer wieder in Frage stellen. Doch der Drang des zu Papier bringen Wollens, ja Müssens, der Wortwuchs, lässt sich nicht aufhalten. Und endet, vorerst, im Erscheinen dieses Debütbands, der eine große Sprachbegabtheit zeigt.

„draußen läuft ein Tag
blau an, in die engen Schläfen
presst er sich das
ganze Leuchten
licht belaubter Seelen
eine Linde stillt die Luft“

Viele viele spannende Zeilensprünge gibt es, mehrmals neu lesbar, variantenreich. Was mich vor allem fasziniert, ist die Art, wie Friederike Haerter ihre Gedichte zu Ende bringt. Sie überrascht mich da immer wieder. Die Verse enthalten einen Rhythmus, der mich durch die Zeilen treibt und jeder Reim passt. Und dann immer wieder der starke Schluss. Kein Paukenschlag, aber ein Zimbelklang. Ich, die ich selbst immer mit dem Schluss eines Gedichtes zu kämpfen habe, bin davon begeistert. Die Gedichte sind oft gar nicht lang und enthalten doch alles was nötig ist, um deutlich Bilder aufsteigen zu lassen. Ein stimmungsvolles Debüt! Lesenswert auch, was die Lyrikerin über ihr Schreiben im Nachwort erzählt. Ich habe oft gedanklich zugestimmt.

Im Zugwind flüchtender Tage“ erschien im Aphaia Verlag. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Gøhril Gabrielsen: Zwischen Nord und Nacht Insel Verlag

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Tod, deine Umarmung ist nicht kalt
die Erde zu Asche verwandelt
ich bin selber das Feuer.

Edith Södergran, Gedichtauszug aus dem Band „Feindliche Sterne“

Die norwegische Autorin Gøhril Gabrielsen erzählt die Geschichte einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung und verknüpft sie mit der Geschichte der finnlandschwedischen Lyrikerin Edith Södergran und deren Mutter. Obiges Zitat findet sich auch im Titel eines Hörbuchs mit Gedichten und Briefen Södergrans. Ich habe mir die CD, die im Kleinheinrich Verlag erschien (leider ist sie vergriffen) parallel zur Buchlektüre angehört. Die Lyrikerin starb jung, mit nur 30 Jahren an Tuberkulose, wie zuvor schon der Vater. Ihre Gedichte finden leider viel zu wenig Beachtung.

„… denn aus den Worten „der Mond erzählt mir in silbernen Runen / vom Land, das nicht ist“ begriff ich plötzlich, dass der Boden, auf dem ich saß, und das Zimmer, das mich umgab, eine unsichtbare und ganz andere Wirklichkeit verbargen, einen Ort, an dem die Vernunft nicht gilt und an dem sie all demjenigen, was unaufhörlich im Werden begriffen ist, nachgibt. Eine Welt, in der sich die Seele manifestiert und Gedichte entstehen können.“

Gabrielsen beginnt die Geschichte mit der Geburt der Tochter der Hauptfigur, die auch Erzählerin ist. Gleich Eingangs berichtet sie, dass ihr an der Lektüre der Gedichte Södergrans sehr viel gelegen ist. So wird parallel zu den eigenen Erfahrungen der Mutterschaft, die von Helene Södergran erzählt. Immer wieder fließen hier auch Gedichtauzüge Edith Södergrans in den Roman mit ein.


Ich freue mich sehr über diese Lektüre, denn wie hier über Mutterschaft erzählt wird, empfinde ich als stimmig. Hier wird nichts beschönigt, hier steigt man gleich ein in die Schwierigkeiten. Hier erzählt eine Mutter, die sich ihrer selbst nicht sicher ist und daher besonders viel Wert auf Erziehung und die Beziehung zu ihrer Tochter legt. Eine Mutter, die schwankt zwischen Überbehütung und Vernachlässigung. Es geht um unsichere Bindung in der Kindheit, es geht um Traumata.

„Das altbekannte Gefühl der Unzulänglichkeit kehrte mit Macht zurück. Es flammte auf wie eine akute Entzündung, wieder hatte es mich erwischt, diesmal aber schwerer als jemals zuvor. […] Es war ein heftiges und dunkles Gefühl, von einer dünnen, dünnen Kruste bedeckt, einem Firnis so zart, dass der kleinste Fehltritt meinen Fehler noch deutlicher hervortreten lassen würde und alles Schlimme noch schlimmer machte.“

Norwegen, Gegenwart: Wir folgen der Gedankenflut der Erzählerin, die zurückblickt und überlegt, wo sie etwas falsch gemacht haben könnte. Denn es hat sich Schlimmes ereignet, die Tochter betreffend. Immerfort geht es um Schuld, um die Frage der Verantwortung. Es geht um das richtige Maß an Freiheit und das richtige Maß an Strenge. Es geht um Liebe, die freiwillig ist und nicht abhängig von dem, wie sich das eigene Kind verhält. Es geht um das Fingerspitzengefühl an zu viel und zu wenig Unterstützung. Als Leserin spüre ich immer wieder, wie sich hier Übergriffigkeit zeigt, wie hier Grenzen überschritten werden. Ein Spagat zwischen Festhalten und Loslassen.

„Ich frage mich, ob mein Leben wie all die Kreuzungen, die ich passiere, auch andere Richtungen hätte einschlagen können. Ob es Anlagen zu unterschiedlichen Versionen meiner selbst gegeben hat, oder ob ich von Beginn an als Einbahnstraße zu betrachten bin, also keine Wahl habe und von Anfang bis Ende nur dieser einen Strecke folgen kann.“

St. Peterburg/ Raivola, Anfang des 20. Jahrhunderts: Ganz ähnliches erlebt Helena, Edith Södergrans Mutter, die sich um die Pubertierende sorgt, weil sie einmal vorlaut ist und eigen und dann wieder zurückgezogen und einsam erscheint. Aus diesem Grund holt Helena eine Pflegetochter ins Haus, ein Mädchen vom Land, das seine Eltern verloren hat. Sie hofft darauf, damit Edith eine gleichaltrige Freundin zu schenken. Doch die beiden verstehen sich nicht. Was sicher auch mit daran liegt, dass Helena Singa eher wie ein Hausmädchen behandelt und nicht wie eine gleichwertige Tochter. Eines Tages nach unschönen Vorfällen verschwindet Singa und wird kurz darauf tot aufgefunden. War es Suizid oder ein Unfall? Helena fragt nach der Schuld, versucht sich davon frei zu machen, verfällt jedoch einer Schwere, die sich auch auf Edith ausweitet.

Bei der Erzählerin ist die Tochter bereits aus dem Haus, ist in die Großstadt gezogen und hat ein Studium begonnen. Sie beginnt eine Beziehung, stellt der Mutter ihren Freund Tor vor, den diese nett findet, aber auch ein wenig seltsam. Auch hier geht es wieder darum: Inwiefern darf ich mich einmischen? Kann ich kritische Fragen stellen oder wirkt das, als würde ich der Tochter das Glück nicht gönnen? Die Erzählerin entscheidet sich dafür, sich zurückzuhalten, der erwachsenen Tochter zu vertrauen. Bis ihr eines Tages seltsame Geschichten über die Beziehung der beiden erzählt werden. Und bis die Tochter eines Abends vollkommen aufgelöst vor der Haustür ihrer Mutter steht …

Ich mag die Art, wie Gøhril Gabrielsen ihre Geschichte erzählt. Ich mag ihre feine, genaue Sprache, die ich oft sehr poetisch finde und die immer auch zum Inhalt passt. Auch die Form gelingt ihr: sie erzählt abwechselnd aus der Gegenwart und der Vergangenheit, abwechselnd von beiden Müttern. Dabei schiebt sie mitunter Ideen ein, was die beiden jeweils hätten sagen oder denken können, was sie in dieser oder jener Konstellation getan hätten. So fühle ich mich stark mit einbezogen und überlege mit. So werde ich auch auf mich selbst zurück geworfen, was Mutter-Tochter-Beziehungen angeht. Und sie hinterfragt klug den Wunsch als Mutter perfekt sein zu wollen und geht dabei in die Tiefe. Für mein Empfinden ist dieses Buch rundum gelungen. Dazu gehört natürlich die wunderbare Übersetzung aus dem Norwegischen von Hanna Granz. Und ich möchte dem Roman sogar ein zum Schauplatz passendes Aurora-Borealis-Leuchten mitgeben.

Zwischen Nord und Nacht“ erschien im Insel Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Simone Scharbert: Rosa in Grau Edition Azur


Simone Scharbert kenne ich als Lyrikerin. Nun ist bereits ihr zweiter Prosaband erschienen. Rosa in Grau interessierte mich vor allem wegen der Thematik: eine Frau in der Psychiatrie, Schreiben und Malen in der Psychiatrie, die sogenannte Art Brut. Die Autorin orientiert sich an wahren Schicksalen. Sie hat viel recherchiert über die Zustände in deutschen „Nervenheilanstalten“, wie sie in der Nachkriegszeit und weit in die 70er Jahre hinein herrschten. Im Nachwort kann man mehr darüber erfahren. Wunderbar stimmig finde ich auch den Untertitel „Eine Heimsuchung“, denn der trifft ja gleich mehrdeutig zu. Eine Heimsuchung die psychische Krankheit – eine Heimsuchung: auf der Suche nach einem Zuhause, einem Ankommen. Einem So-Sein-Dürfen. Vielleicht ein Daheim finden im Aufbrechen der unausgelebten Kreativität.

„Manchmal sehe ich Worte. Egal ob ich will oder nicht. Sie sind einfach da, farbig. Manchmal steht Rosa daneben, wenn das passiert. Sie schüttelt dann den Kopf und lacht. Sie mag, wenn ich Worte sehe, wenn ich sie male oder schüttle, etwas Neues draus mache oder sie einfach vergesse, so wie ich mich manchmal vergesse.“

1. Kapitel: zu Hause, 1951. Wir sehen eine Frau mit zwei Kindern, einem Mann. Eine Frau, die ihre Kinder mit Hingabe liebt. Besonders Rosa, das Mädchen, bei dem man manchmal gar nicht weiß, ob die Tochter gemeint ist oder ob es sich um ein inneres Kind oder ein zweites Ich handelt. Sie fühlt sich überfordert, überschwemmt von einem Zuviel. Scharbert inszeniert alles nur schemenhaft und fragmentarisch. Nichts ist klar. Es gibt keine chronologische Abfolge, es geschieht vermeintlich wenig. Zumindest äußerlich. Im Innenleben der Hauptfigur passiert jedoch viel. Gedanken über Gedanken, ein Gedankenrauschen. Ein großes Fühlen.

2. Kapitel: Heil- und Pflegeanstalt Haar, 1953. Hauptschauplatz ist nun die psychiatrische Anstalt. Wie sie hier hin gelangt, erfahren wir nicht. Hier lernt die Heldin Eugen kennen, der sehr lange schon hier lebt und zum Maler geworden ist. Bei ihm fühlt sie sich wohl, mit ihm teilt sie die inneren Farben, die Worte. Zu ihm fasst sie Vertrauen. Es gibt Phasen, in denen sie aggressiv ist und in eine Isolationszelle kommt, es gibt Phasen der Klarheit und der Sehnsucht nach einem Ort außerhalb der Anstalt, nach den Kindern. Nach einem gelingenden Dasein.

Bereits in ihren Gedichten glänzt Simone Scharbert mit einer feinen Sprache, mit Wortspielereien und kunstvoller Poesie. Hier stellt sie die Zartheit ihres poetischen Ausdrucks dem oft harten Inhalt gegenüber. So zeigt sich auch, dass nicht alles pathologisch ist, was auf den ersten Blick so wirkt. Viele der Patientinnen wurden einfach ihrem Schicksal überlassen. Ein riesiger Schlafsaal, in der Nacht voller Patientinnen und tagsüber keinen Raum für sich, das ist das, was die Protagonistin am schwersten aushält. Wir erleben den stumpfen Alltag der Patientinnen, in dem jede Unregelmäßigkeit erfrischend, aber ebenso sehr erschreckend sein kann.

„Es ist ein hemmungsloses Weinen. Es ist ein Weinen gegen alles. Ich verstehe es sofort. Dagegen kann man nichts tun, darf man nichts tun. Eine Wasserflut, eine eigene Sprache. Vom Verlust der Dinge, der Menschen, die uns wichtig sind, wichtig waren. Dagegen ist kein Ankommen. Es ist eine Sprache, die nur hier verstanden wird, wir sprechen sie alle.“

Wir erfahren auch aus der Erzählung einer Pflegerin, Käthe, die die Heldin gern hat, wie es war zur Zeit des Nationalsozialismus, wie schnell hier „unwertes“ Leben einfach ausgelöscht wurde und wie zäh, träge und langsam sich die Behandlungen, die Zustände ändern. Käthe erzählt von Tausenden, die hier angeblich in Heilpflege waren, in Wirklichkeit aber dem Tode geweiht waren. Über die Euthanasie der Klinik Eglfing-Haar findet man mithilfe der Suchmaschine verschiedene Beiträge und persönliche Tatsachenberichte.

3. Kapitel: zu Hause, 1954. Plötzlich heißt es: Sie darf nach Hause. Eine kleine Wohnung wartet. Sie ist nun eine „Geschiedene“, wird schräg angeschaut. Sie sehnt sich nach Rosa, die immer seltener an ihrer Seite ist. Sie versucht sie zu finden, doch scheint diese sie vergessen zu haben. Vielleicht findet die Suche aber auch nur in ihrem Kopf, in ihrer Vorstellung statt.

„Das es zwei Kinder seien. Zwei. Dass ich sie nicht sehen dürfe. Trotz meiner Entlassung. Man wisse ja nicht. Dass jemand anderes für sie sorge. Dass das so besser sei. Ich nicht mehr in der Lage dazu gewesen, einfach weg gewesen sei. Die armen Kinder.“

4. Kapitel: Nervenkrankenhaus Haar, 1956. Wieder ist sie da. Warum sie es nicht geschafft hat „draußen“, erfahren wir nicht. Sie ist wieder bei den Frauen, manche bekannt, manch neues Gesicht. Ganz junge Frauen sind dabei. Eine stickt aus den eigenen ausgefallenen Haaren das Antlitz eines Mannes in ein Stück Stoff, eine andere zerreißt die Laken in kleine Streifen und bildet daraus am Boden ihres Zimmers einen Sternenhimmel nach. Welch eine Tragik. Wie es wohl gewesen wäre, wenn diese Frauen ihre Kreativität hätten ausleben dürfen? In Freiheit? Und der große unerklärliche Zorn einer Frau, die sich aufgrund dessen der Elektrokrampftherapie aussetzen lassen muss, so dass sie hinterher nur ein Grau in Grau sieht. Die Frauen, die eingeteilt werden in die Kategorien: die Ruhigen, die Unruhigen und die Unsicheren. Die Frauen, die bei klarem Verstand sind, und dennoch bleiben (müssen). Und auch sie muss sich schließlich dieser Behandlung unterziehen. Ausgerechnet die vertraute Pflegerin Käthe muss sie darin betreuen.

“ … vor der Anwendung noch schnell Erinnerungen in die Innenseiten ihrer Schürzen, Kleidertaschen einnähen, Bilder, einzelne Worte, Relikte eines anderen Lebens, das hier an der Pforte abgegeben wird und von dem mit jedem Heilkrampf ein weiteres Stück verschwindet, in einem selbst oder dem, was davon übrig ist.“

Wie Menschen entmenschlicht werden, aus dem Leben, aus der Zeit fallen, in ein nur-noch-körperlich-Anwesendsein. Wieviel fehlt. Wieviel Zeit verstreicht. Wieviel verlorenen geht. Die Hauptfigur wird lange bleiben. 1979 heißt es am Ende.

„Was die Zeit auch sieht: Wie alles wieder zusammenbricht. Wie die Wörter verschwinden. Und immer weniger zum Malen bleibt. Wie Käthe an mir vorbeigeht. Ohne mich anzusehen. Immer öfter. Irgendwann stehen bleibt. Sagt, dass sie bald gehen, die Anstalt verlassen müsse.“

Dieses Buch hat mir beigestanden in den letzten Wochen. Ich habe es über einen langen Zeitraum hinweg gelesen. Es hat dadurch für mich eine besondere Qualität. Ich habe Bilder empfangen und in den Seiten Wege gefunden. Formal ist es wie ein Gedankenstrom, mitunter fragmentarisch. Die Poesie in der eigentlich dunklen traurigen Geschichte hellte mich auf und ließ mich nicht allein im Hier stehen. Eine Zartheit nahm ich war. Eine Verlorenheit, die ich kenne. Und unter all dem ein Leuchten! Danke, Simone, dafür!

Und dieser Text steht auch für all die Frauen, die man oft in die Psychiatrie schickte, weil sie dem jeweiligen Rollenbild ihrer Zeit nicht entsprachen. Zum Thema passt da auch sehr gut Amalie Skrams „Professor Hieronimus“ oder auch Johanna Holmströms „Die Frauen von Själö“:

Etel Adnan: Die Stille verschieben Edition Nautilus

„Aber alles dauert nur eine Weile, wahrscheinlich selbst die Ewigkeit.“

Erst im letzten Jahr entdeckte ich die vielseitige und besondere Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan. Kurz darauf starb sie im Alter von 96 Jahren. Sie hatte ein reiches Leben, welches auch durch ihre vielen Schriften, Texte und Bilder dokumentiert ist. Erst kürzlich sah ich einige Bilder von ihr in einer Berliner Ausstellung (siehe oben). Nun ist ihr letztes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. „Die Stille verschieben“ ist ein wirklich passender Titel, denn es ist im Bewusstsein der Möglichkeit des nahenden Todes geschrieben.

„In jedem Ende liegt eine Einsamkeit, aber wir haben uns schon einsamer gefühlt. Wir sind auf Gipfel gestiegen, um seltsamen Bauchschmerzen zu entkommen, aber wir stießen auf andere Schmerzen. Das Licht schwindet wie damals, als wir von der Schule heimkamen, oh die Verzweiflung, die Kinder kennen und sich nicht anmerken lassen! Ich hatte Angst vor dem Ende des Tages, jetzt fürchte ich den Tag selbst. Dazwischen liegen Jahre, aber die, die ich war, ist seither verschwunden.“

Es sind mehrzeilige kurze Texte, die aus Gedanken entstanden und sich teilweise aufeinander beziehen. Sie unterstehen keiner chronologischen Reihenfolge. Es könnten auch Tagebuchauszüge sein. Jedenfalls ist es zunächst leicht, sich auf sie einzulassen. Man springt gerne mit den Denkansätzen hin und her. Wir bewegen uns gedanklich zu den verschiedenen Orten, die große Bedeutung in Adnans Leben hatten. Der Geburtsort Beirut, Paris, die Bretagne, Kalifornien. Aber auch die mythischen Landschaften der Antike fehlen auf kaum einer Seite. Immer wieder taucht Delphi auf mit seinem Orakel, Prometheus, Ikarus und auch Schriftsteller wie Tolstoi und Dostojewski.

„Besser zugeben, dass wir im Lauf der Zeit immer weniger von allem wissen. Lassen wir die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen., wann immer sie einen haben.“

Doch auch die aktuellen Themen wie Flüge in den Weltraum, die KI, die künstliche Intelligenz (die Gedichte schreiben kann), die Kriege, die Politik, das Zeitgeschehen finden Eingang in dieses Buch. Oft wird dabei auf die Ewigkeit angespielt, die Größe des Universums, die Un-Endlichkeit. Die Stille wirkt manchmal beängstigend auf die Autorin, manchmal wird sie zur großen Beruhigung. Ebenso wie der Sternenhimmel, die Natur, die Gezeiten – alles ganz unabhängig vom Menschen funktionstüchtig.

„Was kann man gegen melancholische Stimmungen tun? Ich mache mir Gedanken. Ich weiß es nicht. Sie haben mir so lange Gesellschaft geleistet, sie sind sogar mit mir gealtert. Sie brachten mich zu Flughäfen und Bahnhöfen. Ich hätte sie vermisst, wenn sie verschwunden wären, ja, wirklich; unsere Freunde sind nicht notwendigerweise menschlich. (Zu menschlich?)“

Etel Adnan kann, wie ich finde, wunderschön in Worte fassen, was eigentlich unsagbar ist. Vielleicht sogar unvorstellbar, wenn man nicht direkt der eigenen Vergänglichkeit gegenübersteht. Sie scheint durchlässig und akzeptierend noch im Wissen, dass das Dasein nur ein Lidschlag ist, gegenüber der Weltzeit. Dieses Buch ist somit, salopp ausgedrückt, ein Ratgeber im Angesicht der Sterblichkeit und gleichzeitig ein Hoch auf die Schönheit und die Reife des Alters. Und vor allem ist es ein Gedankenbuch einer klugen, ich möchte sogar sagen, weisen Frau, die es versteht, mit feinster Sprache, mit Wort und Bild zu gestalten. Ein Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Nautilus. Die Übersetzerin Klaudia Ruschkowski, die Etel Adnan gut kannte, hat ein aufschlussreiches Vorwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bereits hier auf dem Blog besprochen:

Literaturnobelpreis 2022 für Annie Ernaux!


Diese Entscheidung freut mich sehr! Herzlichen Glückwunsch, Annie Ernaux!
In solch kurzen Formen so ausdrucksstark über französische Gesellschaftsgeschichte und die eigene Biographie zu schreiben, die auch sprachlich überzeugen, das muss man Ernaux erst mal nachmachen. Ich kenne nicht alle Bücher von ihr, eines habe ich gelesen, eines als Hörspiel gehört und eines in einer sehr gut umgesetzten Kinofassung gesehen. Große Empfehlung für alle!

Zu meinen Besprechungen:

http://www.dasereignis-derfilm.de/

Auf der Seite des Suhrkamp Verlag, der die deutschen Bücher, übersetzt aus dem Französischen von Sonja Finck, verlegt, findet man alles zu Annie Ernaux:

https://www.suhrkamp.de/person/annie-ernaux-p-14816