Antje Rávik Strubel: Blaue Frau S. Fischer Verlag

Eingangs ein Zitat der Dichterin Inger Christensen. Schön. Und gleich auf den ersten Seiten weiß ich, das ist ein Buch für mich. Ein Roman mit einer Geschichte, die mich schon anfangs sprachlich einfängt und in ihrer Art eigen erscheint. Antja Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Autor*innen wie sie sind imstande für mich echte gute Literatur zu machen. Sie, wie auch Hari Kunzru (dessen neuen Roman ich in Kürze hier auch vorstelle), schaffen es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Solche Bücher liebe ich.

In der Geschichte ist neben der Heldin Adina auch die Blaue Frau unterwegs. Sie ist auch für mich eine besondere Begleiterin, denn sie bleibt rätselhaft. Sie bleibt verschwommen, mitunter widerspenstig, sie spricht in Rätseln, aber voller Poesie und vielleicht gibt es sie ja nur in der Phantasie, vielleicht ist sie ein Wassergeist? Vielleicht ist sie aber auch die Muse der Autorin selbst?

„Die blaue Frau bleibt, bis die Sonne untergegangen ist. Mit der Dämmerung wird es kalt. Das Wasser nimmt die Farbe von Asphalt an. Bevor sie geht, wendet sie sich noch einmal um.

Sie zögert.

Sie hält es für denkbar, dass Menschen ihre Energie manchmal auf etwas Ersehntes hin so ausrichten, dass es in Erscheinung tritt.“

Der Roman beginnt in Finnland. Wir begegnen einer jungen Frau (Adina, Nina, Sala) in einer kleinen Wohnung in einem Plattenbauwohngebiet von Helsinki. Sie scheint verwirrt und angeschlagen, sie versucht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Sie driftet von Vergangenheit zu Gegenwart, versucht ihre Gedanken zu sammeln. Immer wieder schieben sich erlebte Szenen, vergangene Gespräche in den Text. Warum, erfahren wir nach und nach in Rückblenden; zwischen den Kapiteln kommt meist die Blaue Frau zu Wort.

Adina ist im tschechischen Riesengebirge aufgewachsen. Sie ist der einzige Teenager ihres Ortes. So wie der „Letzte Mohikaner“. Und so fühlt sie sich bereits als Mädchen oft verloren. Im Fantasiegebilde „Rio“, wo sie ihre Internet-Chatroom-Freundschaften knüpft, fühlt sie sich aufgehoben. Dort ist es egal, wer sie ist. Durch Arbeit im Skigebiet verdient sie sich das Geld, um nach dem Schulabschluss nach Berlin zu gehen. Sie will dort Deutsch lernen.

2006, Merkel ist gerade Kanzlerin geworden: In Berlin angekommen lebt Adina im Hostel, lebt sparsam und lernt. Als sie Rickie begegnet, ist sie fasziniert von der rebellischen Frau, die sie unbedingt porträtieren will. Adina verbringt viele Stunden in Rickies Fotoatelier, das gleichzeitig ihre Wohnung und Eventroom ist. Rickie scheint auf einem ihrer Porträtfotos auch den „Letzten Mohikaner“ eingefangen zu haben. Das beeindruckt Adina. Von Rickie, die für Adina (aber auch für mich als Leserin) nicht so ganz greifbar ist, weder in ihrem Tun noch ihrem Sein, erhält Adina eine Adresse, wo sie sich Geld fürs geplante Studium verdienen kann und ihr Deutsch weiter praktizieren kann. Es handelt sich um eine Kultureinrichtung im Oderbruch, nahe der polnischen Grenze.

Das Kulturprojekt ist noch im Entstehen; es werden Sponsoren gesucht. Adina wird schnell zur zweiten Hand des Chefs, dem gegenüber ein Luxusresort am See gehört. Er nennt sie Nina, weil für ihn alles im Ostblock offenbar Russland bedeutet. Immer wieder werden Festessen ausgerichtet im neu renovierten Teil des alten Hauses, um wichtige Leute für das Projekt zu gewinnen. Zu den Gelagen werden auch junge Frauen aus Polen angeheuert, damit die Verhandlungen nicht allzu trocken verlaufen, fließt reichlich Alkohol. Adina muss eines Tages dort Schreckliches erleben und flieht zu Fuß mit gepacktem Rucksack. Wohin weiß sie nicht. Sie lässt sich treiben, um zu vergessen.

Über verschiedene Umwege, ziellos, landet sie schließlich mit dem Zug in Helsinki. Sie findet einen Job in einem Hotel an der Bar. Dort lernt sie Leonides kennen, der aus Estland kommt und als Abgeordneter für die EU arbeitet. Die beiden lernen sich näher kennen; sicher spielt auch beider Herkunft aus Osteuropa eine Rolle, dass sie sich irgendwie verbunden fühlen. Schließlich zieht Sala, wie er Adina nennt, zu ihm in den Abgeordnetenbungalow. Hier beginnt Adina, sich wieder wohler und sicherer zu fühlen, obwohl beide sehr vorsichtig in ihrer Beziehung sind. Als Leser erfahren wir hier auch sehr viel über die Arbeit der EU, vor allem was Menschenrechtsverletzungen angeht, vor allem über die noch immer bestehende Kluft zwischen West- und Osteuropa. In diesen Kapiteln, die in Finnland spielen, wirkt der Roman auf mich am Stärksten. Hier zeigt sich die große Verletzbarkeit von Individuen und das, was die große Politik daraus macht.

Als Sala/Adina Leonides eines Abends auf eine Abgeordnetenparty begleitet geschieht etwas, was alle verdrängten traumatischen Ereignisse wieder hervorruft, von denen sie Leonides natürlich nie etwas erzählt hatte. Sie muss von ihm weg. Und so schließt sich der Kreis. Adina landet in der Wohnung im Plattenbau …

„Die Wahrheit einmal auszusprechen ist dabei nicht von Belang. Zwischen ihr und der Welt liegt ein gewaltiger Abstand. Ödes, baumloses Land. Was immer sie sagen wird in einem holzgetäfelten Saal, vor einer Richterin in einer schwarzen Robe; an dieser Ödnis werden ihre Worte nichts ändern.“

Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe. Und der Schluss, der ebenfalls mehr Andeutungen als Klarheit bringt, bietet uns immerhin Möglichkeiten des Fortdenkens der Geschichte an, in der Hoffnung, es möge der Heldin Gerechtigkeit widerfahren.

Antje Rávik Strubels Roman hat mich sehr beeindruckt. Die brillante Sprache in dieser Geschichte, die sich so vielschichtig zeigt ist ein absoluter Genuss, das Thema ein gesellschaftlich relevantes. Und absichtlich habe ich versucht in diesem Beitrag nicht so viel zu verraten, denn man sollte die Geheimnisse des Buches selbst entdecken. Unbedingte Leseempfehlung! Helles Leuchten!

„Blaue Frau“ steht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis, was mich riesig freut. Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere begeisterte Stimme gibt es auf dem Blog Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Etel Adnan: Zeit Edition Nautilus

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Ihr Name ist mir zwar schon begegnet, aber niemals hätte ich ihr Werk entdeckt, hätte sie nicht kürzlich den Hamburger Lichtwark-Preis 2021 (den ich auch nicht kannte) erhalten. Auf der Preis-Website steht über Etel Adnan:

„Der Lichtwark-Preis 2021 wird der aus dem Libanon stammenden und in Paris lebenden Künstlerin Etel Adnan (*1925) für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre politisch aufgeladenen literarischen Werke beschreiben die weltlichen Zustände und ihre Zusammenhänge und sind eine starke Stimme des Feminismus und der Friedensbewegung. Ihre Malerei vermittelt ungefiltert die Freude der Künstlerin am Leben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird alle vier Jahre von Senat und Bürgerschaft an Künstlerinnen und Künstler verliehen, deren Werke der bildenden Kunst sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Namensgeber des Preises ist der Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.“

Ich habe mich nun mit dem neuesten hierzulande erschienenen Band „Zeit“ beschäftigt und war von ihrer Sprache sogleich begeistert. Schon forschte ich nach ihrer Malerei und war auch davon sofort eingenommen. Als eine die selbst schreibt und malt, bin ich immer an Doppeltalenten interessiert. Aber Etel Adnan würde ich fast als Multitalent bezeichnen. Denn es stimmt, ihre Texte sind oft politisch, dabei aber gleichzeitig so hochpoetisch und reif und für mich auch spirituell. Aus ihnen strahlt eine Art Weltgewandtheit, eine sprachliche Fülle und Weisheit und gleichzeitig eine Frische und Aktualität, die ihresgleichen sucht.

„im Herbst gibt es eine Zeit, zu der die
Bäume ihre Natur ändern und
jenseits von Materie
erwachen; dann sieht man sie zu ihrem gewohnten
Selbst zurückkehren“

Von Alter und von Vergänglichkeit ist oft die Rede. Von der Natur des Menschen, von der Sterblichkeit, von der Unausweichlichkeit des Todes. Aber ebenso von den Freuden, vom Glück.

„Wir werden nicht wissen, ob das Leben umkehrbar ist,
doch eingeschrieben in den Schmerz
eine Freude, die sogar noch
mehr schmerzt,
wie der Fingerabdruck der Erinnerung
in der Verlassenheit des Herzens.“

Etel Adnan überschreibt mit Poesie all die Dinge und Geschehnisse, von denen man kaum erzählen mag. Dabei vergisst sie die Liebe nicht und die prägenden Begegnungen. Sie vertraut auf die Sprache und findet die treffendsten Worte. Viele der Gedichte scheinen sich zu erheben aus der Schwere der Erde und werden weit getragen vom Aufwind der Zeit.

„Sterne verlöschen
alle paar Sekunden; die Zeit,
die Information braucht, um
Welten zu durchqueren“

Aus dem Nachwort der Übersetzerin Klaudia Ruschkowski erfährt man, das „Zeit“ eine Sammlung aus Gedichten ist, die im poetischen Austausch mit dem Dichter Khaled Najar, dem sie 1976 kurz in Tunis begegnete. Der Band besteht aus 6 Kapiteln, die teils nach Ortsnamen, Tag oder Uhrzeit benannt sind – wir befinden uns mal in Paris, mal in London, mal in Kalifornien, mal in Greichenland – und dem letzten längsten Kapitel „Baalbek“, einem mythischen Ort im Libanon. Ruschkowski schreibt:

„Indem Etel Adnan sich in die unaufhörliche Bewegung des Stroms einschreibt, setzt sie nicht nur die Vorstellung von Grenzen außer Kraft, sondern auch die von einem Ende. Wo Zeit nicht linear ist, gibt es kein Ende. Aufgelöste Zeit ist Ewigkeit.“

Adnans Gedichte bestehen aus lyrischem Licht, in das mit jeder Zeile schon die Dunkelheit von Unmenschlichem, von Angst, Krieg, Tod und Leiden eindringen kann. Und gerade dieses Wechselspiel empfinde ich als große Kunst. Dieses „sowohl als auch“, dieses „dennoch“ und dieses absolute „Ja“, das sich aus den Zeilen herauslöst, bewundere ich.

„ich wäre gern ins Eckcafé gegangen,
um zu sehen, wie die Kälte vorbeidefiliert, während ich
im Warmen bin, oder auch, um jemanden zu lieben …
aber Bomben regnen auf Bagdad herab“

In Etel Adnans Gedichten dürfen die gegenwärtigen Menschen, die verlorenen Geliebten gleichwertig mit den Göttern und mit vergangenen Dichtern wie Omar Khayyam und lebenden wie Talal Haydar Hand in Hand gehen. Zeit existiert dann nicht mehr. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ineinander auf.

„Das Beste an der Vergangenheit ist / dass sie vorüber ist /
wenn du stirbst, / du erwachst / aus dem Traum / der dein Leben ist …“

Die große Offenheit, Weltgewandtheit und Weisheit der derzeit in Paris lebenden Dichterin, die auch eine Reisende, womöglich eine moderne Nomadin ist, zeigt sich in diesem Gedichtband in jedem Vers. Für mich ist sie die wertvollste Entdeckung bisher in diesem Jahr. Ich lege dieses Buch und auch die vielen anderen allen sehr ans Herz. Nicht nur Lyrikfreunden, Adnan schrieb auch Essays, kurze philosophische Texte und Romane. „Zeit“ erschien, wie die meisten Bücher in der Edition Nautilus. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von ihrer Malerei (siehe auch Buchcover oben) gewinnt man auf Artnet einen Eindruck:
http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/etel-adnan/?type=gem%C3%A4lde

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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„Vom Fremdsein. Vom Leben im Zwischenraum“

Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman  „Kalkutta“ kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden.

„Das erste Gebiet einer Frau ist ihr Körper. Wird dieser fremdbestimmt, vereinnahmt, belagert, dann ist sie staatenlos.“

Sinha verwebt hier geschickt die Geschichten dreier Frauen, die die jeweilige Herkunft zunächst gleichstellt – alle drei Frauen wurden in Indien geboren – , die jedoch aufgrund ihrer Lebensweisen, durch Zufall oder bewusst gewählt, mit ganz verschiedenen Voraussetzungen ihr Leben angehen: Mina, eine Bengalin, die sich in ihrem Heimatdorf politisch engagiert, was für eine einfache Frau, die kaum Lesen und Schreiben kann, ungewöhnlich ist. Esha, die in Kalkutta geboren wurde und als junge Frau zum Studium nach Frankreich ging und blieb und Marie, die als Kind einer Inderin von einem Paar aus Frankreich adoptiert wurde und dort, also mit westlicher Kultur, aufwuchs.

Gleich am Anfang dieser komplexen Geschichte wird den Leser*innen einiges zugemutet. Und es wird auch im Verlauf weiterhin zu erschreckenden Momenten kommen, in denen ich mich, gerade als Frau frage, ob es wirklich so ist, ob wirklich so die Gleichstellung von Mann und Frau, die soziale Gerechtigkeit, die Chancengleichheit auf Grundlage der Menschenrechte aussieht.

Shumona Sinha sprach bei der Buchvorstellung beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über die Entstehung des Romans: Die Figur Minas formte sich aus einer wahren Begebenheit, die geschah, als die Autorin, sich in Indien aufhielt. Sie war Auslöser, das Buch zu schreiben. Zurück in Paris passierte der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ und daraufhin ging es Sinha nicht mehr nur allein um Mina, denn die Gewalt war damit auch in Europa angekommen. So entwickelten sich dann die anderen beiden Figuren, Esha und Marie.

„Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Europa, in diesem Land, wo die Armee, die Polizei, die Geheimdienste zusammen die Schlagkraft eines der fünf mächtigsten Länder der Erde sicherten, schien es ihr, als sei sie den unterirdischen Schichten der Gewalt nicht entkommen, als könne nun überall auf der Welt der Boden aufreißen und einstürzen.“

 

Die Anfangsszene schildert Sinha wie eine Traumsequenz. Eine Frau spricht aus ihrem Grab heraus und versucht sich aus dem Lehm, mit dem man sie zugescharrt hat, zu befreien. Doch ihr fehlen Füße, Beine, der ganze Unterkörper, das neue Leben, dass sie in sich trug. Ein starkes Bild, dass sich langsam erklärt, sobald Sinha, Mina erzählen lässt. Mina wächst als Landarbeitertochter auf mit ihrem Cousin Sam, beide engagieren sich später politisch, sie verlieben sich und Mina wird schwanger, ohne jede Hoffnung, dass Sam sie jemals heiraten wird. Das heißt Ausschluss aus der Familie, es heißt, der Willkür der Männer ausgeliefert zu sein.

Marie bleibt als Figur im Roman etwas farblos. Sie scheint eher als Bindeglied zwischen Mina und Esha zu fungieren. Sie, die Adoptivtochter eines französischen Paars, reist nach Indien auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern und engagiert sich nebenbei politisch und sozial, etwa im Krankenhaus Mutter Teresas in Kalkutta. Doch scheint sie nicht zu finden, was sie sucht. Sie scheint eher zu schwanken zwischen den Kulturen, zwischen Ost und West, als jeweilige Lebensform.

Esha arbeitet als Lehrerin in Paris. Sie ist auch der stärkste Charakter in Sinhas Geschichte mit autobiografischen Anklängen. Esha wartet auf ihre Einbürgerung. Sie hat studiert, ist gebildet, will als Frau selbstbestimmt und frei leben, sie will sich nicht festlegen müssen. Sie lebt wechselnde Beziehungen zu Männern. Doch überall begegnet ihr Feindseligkeit. Aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres exotischen Aussehens, kommt es, und sei es „nur“ verbal, zu sexistischen Angriffen. Man reduziert sie auf Äußerlichkeiten.

„Esha verstand, dass sie sich selbst nicht entkommen würde, ihrem Bild, ihrem Schatten. Sie würde der Gefahrenzone nie entkommen, weil sie sie in sich trug, auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht, über ihren ganzen Körper verteilt, wie die vergilbte Karte eines fernen Landes. Sie selbst war die Zone.“

Als Lehrerin versucht sich Esha durch die Unterrichtsstunden zu kämpfen, sich Respekt zu verschaffen. Doch selbst hier scheitert sie, obgleich die meisten Schüler*innen ebenfalls einen Migrations-Hintergrund haben. Will sie die Teenager-Mädchen mit einer Stunde über die feministische Autorin Simone de Beauvoir auf ihre Seite ziehen, schreien die „das ist haram, die ist abartig, etc.“, weil die Beauvoir Männer und Frauen liebte. Als Esha eines Tages auf dem Weg zur Metro von jungen Frauen ohne Grund provoziert und angegriffen wird, erst verbal und dann mit brutaler Gewalt, ist sie erschüttert, und fragt sich, ob das nun noch das Land ist, in dem sie unbedingt der Sprache und der Freiheit wegen leben wollte.

Shumona Sinhas Blick ist scharf, ihr Ton mitunter zornig. Sie durchleuchtet klug und kritisch die Situation der Frau, die der Emigranten und die gesellschaftlichen Befindlichkeiten in ihrem Land. In Frankreich ist ihr Roman mancherorts kritisch aufgenommen worden, man warf ihr gar Undankbarkeit dem Land gegenüber vor, welches sie so freundlich aufgenommen habe. So trifft Sinha einmal mehr den Nerv unserer Zeit. „Staatenlos“ ist ein aktuelles, letztlich auch ein politisches Buch: Wenn Sinha von den Reisbauern erzählt, die von den Feldern vertrieben werden ohne Entschädigung, weil Autoindustrie angesiedelt werden soll und wenn die kommunistische Partei alles andere als hinter ihnen steht, dann ist das nur ein Beispiel für all das Unrecht, dass es eben nicht nur in Ländern wie Indien gibt. Es ist ein Beispiel für die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Sinha ist in ihrer Sprache direkter und klarer geworden, obgleich sie noch immer den feinen poetischen Ton beherrscht, der sich immer zum passenden Zeitpunkt in die Geschichte einfügt. So etwa, wenn es um die ermordete Mina geht, die als Geist über allem schwebt, die tote Mina, die von ihrer Schöpferin, der Autorin, wieder zum Leben erweckt wird und die ihr wieder eine Stimme verleiht.

Shumona Sinha ist eine mutige Frau, eine Autorin, die genau beobachtet, die die unangenehmen Dinge sieht und auch benennt und die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihrer unverwechselbaren Sprache, die auch Dank Übersetzerin Lena Müller glänzt, da bin ich mir sicher, einiges bewirken kann.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com  

08.10.2017 Hamburg Von Marina Büttner

Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island Insel Verlag

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Was für ein zauberhafter in vielerlei Hinsicht überraschender Roman!
Auður Ava Ólafsdóttirs „Miss Island“ fiel mir im Verlagsprogramm auf, da ich ja Island-Literatur-Fan bin. Nun habe ich ihn in der Bibliothek erwischt und freue mich über die Entdeckung. Die Autorin ist in Island recht bekannt und wurde vielfach ausgezeichnet.

Es ist ein ganz eigenwilliger Stil, der mich manchmal an Rachel Cusks Romane erinnert hat, obwohl die beiden inhaltlich kaum Ähnlichkeiten haben. Denn die Heldin Hekla, benannt nach einem Vulkan, wird beim Lesen kaum greifbar, gewinnt überwiegend durch die anderen Menschen, die sie umgeben und mit ihr sprechen Kontur. Wir erfahren zwar gleich anfangs, dass sie schreiben will, Schriftstellerin sein will, doch in ihr Inneres dürfen wir kaum einen Blick werfen. Die Geschichte beginnt 1942 mit der Geburt Heklas und mit der Namensgebung. Hekla erhält ihren Namen vom Vater, der sich intensivst für Vulkane interessiert. Die Familie lebt auf einem Schafhof im Westen der Insel, die Mutter stirbt früh. Dann folgen wir Hekla weiter im Jahr 1963, als sie ihr Elternhaus verlässt und mit dem Bus in die Hauptstadt (Ulyssees lesend) Reykjavík fährt, um Schriftstellerin zu werden. Eine Unterkunft findet sie bei ihrem Kindheitsfreund Jón John, der jedoch plant Island Richtung Europa zu verlassen. Hekla findet Platz für ihre Schreibmaschine und findet einen Job als Kellnerin in einem Hotel. Bereits auf der Reise wird sie angesprochen. Weil sie so schön ist lädt man sie ein bei der Miss-Island-Wahl teilzunehmen. Doch Hekla will nur schreiben und Geld sparen, um Jón zu folgen.

Damit hat die Autorin gleich zwei Themen angesprochen, bei denen Island zu dieser Zeit doch noch eher konservativ und wenig offen scheint. Jón fühlt sich als homosexueller Mann sehr diskriminiert und falsch. Er gibt deshalb Hekla als seine Freundin aus. Doch auch Hekla hat Probleme, denn sie lässt sich nicht auf ihre Schönheit reduzieren, sie will als weibliche Autorin anerkannt werden und als eine Frau, die Hosen trägt und nicht ans Heiraten denkt. Beide sind wilde Geister, die in größter Freundschaft und Innigkeit miteinander verbunden sind.

Heklas Freundin Isey spielt ebenfalls eine große Rolle. Sie lebt verheiratet, schwanger mit dem zweiten Kind in einer Kellerwohnung, obwohl auch sie Schreibambitionen hat. Über die Dialoge mit ihr, die sich gerne bei Hekla ausspricht, erfahren wir mehr über diese als von ihr selbst. Einen weiteren Blick auf Hekla erfahren wir durch Starkaður, einem jungen Dichter, der in der Bibliothek arbeitet. Er wird ihr Liebhaber, sie zieht später zu ihm. Durch die Art, wie er mit ihr kommuniziert, erfahren wir wiederum ein Stück mehr über Hekla. Sie verschweigt ihm zunächst, dass sie auch schreibt. Dabei sehnt sie sich in den Kreis der Dichter und Schriftsteller, die im Cafe Mokka verkehrt. Während Starkaður kaum etwas fertig bringt, schreibt Hekla einen Roman und reicht ihn bei einem Verlag ein. Sie wird dafür gelobt, wie ein Mann zu schreiben, doch angenommen wird ihr Roman nicht, weil sie eine Frau ist.

Jón lebt mittlerweile in Dänemark und schreibt ermutigende Briefe. Für Hekla ist es klar, dass sie ihren Dichterfreund, obwohl er sich das wünscht nicht heiraten, sondern verlassen wird. Denn sie will nichts anderes als schreiben, das ist das Wichtigste. Als Jón ihr ein Ticket für die Überfahrt schickt, packt sie Schreibmaschine und Koffer und verlässt die Insel. Geschickt gemacht und sehr symbolträchtig genau in der Zeit als im isländischen Meer ein unterirdischer Vulkan ausbricht und eine neue Insel entsteht: Ausbruch & Aufbruch! Nomen est omen.

Im letzten Kapitel leben Jón und Hekla wieder zusammen in einer Wohnung. Beide arbeiten, Hekla schreibt, schickt Texte ein, etwas wird angenommen und die beiden planen von dem eingenommenen Geld eine Reise in den Süden. Weil es dann leichter wird und für beide Vorteile hat, heiraten die beiden vor ihrem Aufbruch. Wohin genau, erfahren wir nicht. Aber es ist ein Land, wo es heiß ist, wo Pfirsiche und Trauben reifen und wo man im Meer baden kann. Hekla vollendet einen weiteren Roman, der ebenso wenig Aussicht hat veröffentlicht zu werden. Bis sie auf eine besondere Idee kommt …

Dieses Buch ist sprachlich und inhaltlich ganz eigensinnig: zeitweise poetisch, zeitweise pragmatisch und dabei mit feinem Humor und einem Blick für das Wesentliche. Es ist leicht zu lesen und für Bücherfreunde und Lyrikliebhaber dennoch eine echte Fundgrube. Denn Hekla liest nicht nur die heimischen Sagas und Gedichte, sondern auch Joyce, Silvia Plath, Simone de Beauvoir, Inger Christensen, Thomas Manns Zauberberg, die Odyssee und vieles andere mehr. Es findet sich hier auch diese wunderbare Szene aus der Bibliothek in Reykjavík, bei der mir, die ich auch Gedichte schreibe, das Herz aufgeht:

„Wenn die Leute ihre Bücher nicht zurückgeben, sind es meistens Lyrikbände“, merkt er an. „Die sind am beliebtesten. Wir mussten sogar schon welche von säumigen Ausleihern zurückholen.“

Auður Ava Ólafsdóttir hat mit „Miss Island“ natürlich auch ein Problem sehr deutlich aufgezeigt, welches selbst heute immer noch Thema ist. Wann werden schreibende Frauen endlich die gleiche Wertschätzung erhalten wie Autoren?

Der Roman erschien im Insel Verlag und wurde übersetzt von Tina Flecken. Eine weitere Besprechung findet sich auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Doris Knecht: Die Nachricht Hanser Berlin Verlag

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Die Österreicherin Doris Knecht hat mich vor einigen Jahren mit ihrem Roman „Wald“ sehr begeistert. Auch „Besser“ gefiel mir. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie mich nicht so sehr überzeugt. Aber nun mit „Die Nachricht“ bin ich wieder dabei. Dieser Roman beleuchtet ein Thema, mit dem man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte, aber jede, die sich in Soziale Netzwerke begibt, könnte jederzeit ähnliches erleben. Cyber Mobbing sagt man wohl dazu, Stalking im Netz. So gut wie Vernetzungen hier funktionieren, können sie aber auch Menschen auf den Plan rufen, die nichts Gutes wollen, die anderen das Leben zur Hölle machen. Mit „Die Nachricht“ hat Doris Knecht ein brisantes Thema aufgegriffen und höchst spannend im Roman in Szene gesetzt.

Es geht um Ruth, deren Mann vor einigen Jahren gestorben ist, und die sich inzwischen mit ihrem Alleinleben ausgesöhnt hat, es sogar genießt. Es gibt im Haushalt noch den 15-jährigen Benni, Sohn Manuel ist bereits aus dem Haus. Doch auch ihre Stieftochter Sophie mit der neugeborenen Molly ist oft im Haus am Fluß im Grünen. Ruth kann überwiegend zuhause arbeiten, ihr Job ist Schreiben, Drehbücher und anderes. Um Freundinnen zu treffen fährt sie dann ab und an auch ins unweit gelegene Wien. Eines Tages erhält sie eine Email, in der unschöne Dinge über sie und ihren Mann stehen, dass er eine Affäre hatte z. B., was Ruth allerdings schon wusste. Sie vertraut sich Freundinnen an, vor allem Johanna, die sie schon ewig kennt, denn es bleibt nicht bei der einen Nachricht. Und die Nachrichten werden auch an Verwandte, ja an einen ihrer Arbeitgeber verschickt. Die meisten sagen dennoch, sie solle das einfach löschen und nicht weiter drüber nachdenken, irgendwelche Trolle eben. Das gelingt Ruth aber nicht so gut.

„Es fordert Leute heraus, wenn sie deine Stärke spüren und deine Unabhängigkeit, und manche von ihnen wollen dir das dann wegnehmen. Sie wollen dir zeigen, dass du gar nicht so stark bist und so unabhängig, wie du glaubst. Und sie beginnen ein Kräftemessen, ihre Kraft gegen deine, ohne dass du es merkst, und dann merkst du es.“

Glücklicherweise lernt sie in dieser Zeit einen Mann kennen, Simon, den ehemaligen Therapeuten ihres Sohnes Ben (Ben musste den tödlichen Skiunfall des Vaters quasi mit ansehen und benötigte Hilfe zum Verarbeiten). Die beiden treffen sich mehrmals und Ruth beginnt an eine neue Beziehung zu denken. Auch ihm erzählt sie von den immer ekliger werdenden Nachrichten. Doch Simon zieht sich oft zurück, findet Ausreden. Es kommt zu einer seltsamen On/Off-Beziehung. Allmählich merkt Ruth, dass ihr das nicht guttut und sie konzentriert sich wieder mehr auf ihre Familie und die Freunde. Wolf, ein guter Freund hat Krebs und sie beginnt sich um ihn zu kümmern. Und auch um Sophie und das Baby sorgt sie sich mit Hingabe. Als ihr die Idee kommt, dass die Freundin ihres Mannes die Nachrichten schreiben könnte, scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Viel später erst und mit Johannas Hilfe ergeben sich noch andere Verknüpfungen …

Doris Knecht schreibt fesselnd und entwirft ein Szenario, welches man wirklich nicht selbst erleben möchte. Dass Freundinnen, von denen Ruth glaubte, dass sie immer zu ihr stehen, plötzlich die Schuld bei ihr selbst suchen oder die Nachrichten klein reden wollen, dass man ihr rät, mal ein wenig zu entspannen oder eben wirklich etwas dagegen zu tun (Anzeige etc.), wenn die Nachrichten sie so sehr stören, ist für sie ein Schock. Wem kann sie eigentlich noch trauen? Auf wen ist Verlass?

„Was ich spürte: dass ich nicht nur allein war, ich war auf mich gestellt. Die Liste der Leute, auf die ich zählen konnte, war plötzlich viel kürzer geworden, sehr kurz. Ich musste es ab hier allein schaffen.“

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Granaz Moussavi: Gesänge einer verbotenen Frau Leipziger Literaturverlag

„Ein Strick um die Kehle scheidet Wüste von Gesang“

Lyrik einer verbotenen Dichterin

Auf dem Cover das Bild einer Frau, die langen blauschwarzen Haare frei fliegend im Wind, doch ein Gesicht ohne Augen, ohne Nase, der Mund eine Sicherheitsnadel, geöffnet, eine Wunde, heraus fließen blutrote Buchstaben … Doch die, die hier schreibt hat Augen, sieht deutlich, alle Sinne aktiviert, und spricht.

Das Bild von Kamran Faridi ist eine passende Wahl für diesen Lyrikband. Es weist bereits außen darauf hin, was im Inneren zu finden sein wird. Und so ist es auch in den Gedichten Moussavis: ein Außen, ein Innen, Stimmen von Außen, Stimmen aus dem Innen – nichts schwieriger als sie zusammen zu führen. Und doch, so scheint es mir beim Lesen, gelingt es Moussavi in ihren Gedichten. Es sind Sprachbilder einer Frau, die eigentlich keine Stimme hat in ihrem Land, allein weil sie eine Frau ist.

„– ich habe zu lange ausgehalten, so dass mich jetzt nichts mehr hält
In diesem Land
                      ist kein Platz für mich“

Granaz Moussavi ist Iranerin, hat bereits vier Gedichtbände herausgegeben, ihr letzter Band „Rotes Gedächtnis“ durfte im Iran nicht veröffentlicht werden und kursiert nur unter der Hand: Gedichte einer verbotenen Autorin. Gedichte einer Frau. Gedichte, die der Zensur zum Opfer fallen.

„Vom Gate zum Galgen
Von einem Koffer bis zum nächsten Take-Off
Von Schafott zu Schafott“

Eine Auswahl aus Moussavis verschiedenen Lyrikbänden hat nun Isabel Stümpel zusammengestellt und ins Deutsche übertragen. Die Gedichte sind sowohl in Deutsch als auch in Farsi abgedruckt und in chronologischer Abfolge. Dadurch lässt sich signifikant die Entwicklung der Dichterin nachvollziehen. Themen und Ausdruck verändern sich maßgeblich.

Moussavi ist bekannt geworden auch als Filmemacherin. Sie pendelte zwischen Iran und Australien, wohin ihre Familie aufgrund der Zustände im eigenen Land, auswanderte. Wegen ihres Films „My Tehran for sale“ aus dem Jahr 2011, der das Lebensgefühl junger iranischer Künstler aufzeigt, jedoch abgesetzt wurde, lebt sie derzeit nur in Australien.

„Eine Frau, die Schlagstöcke filmt
                                                und verbotene Themen
fiel unter Fußtritten vor ihrer Zeit“

Im Iran kann sie nicht leben, weil ihre Kunst der Zensur unterliegt, im Exil sehnt sie sich nach ihrem Land und nach der Inspiration, die es trotz allem bietet. Geprägt wurden ihre Gedichte von verschiedenen großen persischen Stimmen: von der Dichterin Forugh Farrochzād und den beiden Dichtern Sohrab Sepehri und Ahmad Shamlu.

Viele der Gedichte sind im Exil entstanden, stehen aber immer unter dem Einfluss des Heimatlands.

Es sind Sehnsuchtsgedichte, Liebesgedichte und immer mehr politische Gedichte. Gerade in den letzten Gedichten in diesem Band wird die gesellschaftskritische, politische Stimme immer deutlicher und lauter. Dennoch vermag man als Leser nicht alles zu entschlüsseln, fehlt doch oft das Hintergrundwissen, der Einblick in ein unbekanntes Land. Ein wenig leichter macht es das am Ende angehängte Glossar, was verschiedene in den Gedichten verwendete iranspezifische Begriffe und Redewendungen erklärt. So erklären sich Anspielungen etwa auf Koransuren, Legenden oder persische Dichtung. Abseits dieses speziellen Verstehens wirken Moussavis Gedichte aber auch auf einer anderen tieferen Ebene. Sie sprechen direkt alle Sinne an.

 „ Weißt du es schon?
   Die Fische sind davongezogen ohne Reisepass, zurück blieb nur
                                                                               das salzige Meer
   Und der Himmel reicht nicht für all die Einsamkeit „

Das salzige Meer: die vergossenen Tränen? Moussavis Verse sind in ihrer Symbolhaftigkeit nicht immer so leicht zu durchdringen wie in diesen Zeilen.

„Denke ich an den Himmel
wird, was ich auch schreibe, nass … „

Im Gedicht „Nachtlied“ werden Haare unsichtbar gemacht, so wie es für eine Frau draußen verlangt wird:

„Vielleicht kämme ich mich nicht einmal
flechte nur Zöpfe und
durchkämme die nachtblauen Tage
                                           die grauen
                                                        die schwarzen
                                                          Ah …

Ich muss es aufsetzen
den Knoten schlingen“

Im letzten Drittel des Gedichtbandes werden unter dem Namen „Rotes Gedächtnis“ Gedichte versammelt, die 2001 – 2011 erschienen sind. Der Zyklus „Gedächtnis des ausgestorbenen Schreis“ ist meines Erachtens der stärkste Teil dieser Sammlung und so mutig und direkt, dass es nicht wundert, dass er im Iran offiziell nicht gedruckt werden darf. Es wird deutlich sichtbar, wie Moussavis Lyrik mit der vergehenden Zeit immer kraftvoller, widerständiger und kritischer wird.

„Drehte sich doch die Uhr ins Altertum zurück
Dass aus den Zeigern eine Generation ausgestorbener grüner
                                                                                    Tiger spränge“

Hier wird auch immer wieder auf die gescheiterte grüne Revolution angespielt. Manchmal stürzt sich Moussavi regelrecht in die Worte hinein, verbindet sie im Klang – laut gelesen klingen sie wie ein Stakkato, ja mitunter fast wie ein Rap  – auch hier ein Aufschrei des „Dagegen“.

„Meine Knochen sind zerfallen
Im Hallen der Maschinengewehrsalven
Und nein … nein, diese Legenden sind wahrlich kein
                                                                          Wiegenlied“

Es herrscht ein aufrührerischer, manchmal trotzig klingender Ton, der zwischendurch unterspült wird von einer feinen Zartheit. 

„ …zwischen dem Geschrei jenseits der Scheiben
und den stillgelegten Träumen
Mein Weinen verstört
über dem zerstörten Körper einer Frau, die nicht mehr ist …“

Ein Gedicht des letzten Zyklus heißt „Steinigung“ und erinnert daran, dass es diese grausame Todesstrafe auch in heutiger Zeit mancherorts noch gibt:

„Wurf um Wurf zerrann die Frau
An ihren Schläfen Granatäpfel-Platzen.“

oder

„Mann für Mann
Stein für Stein
                        säen Klatschmohn auf der Schläfe!“

Bestimmte Worte tauchen in Moussavis Gedichten stets wieder auf: Klatschmohn, Granatapfel, Stoppschilder, Fische, der grüne Tiger, die „Feen“ – durch die Wiederholung verdichtet sich die ohnehin schon deutliche Symbolwirkung, atmosphärisch starke Bilder entstehen. Durch Einrückungen und Zeilensprünge unterbricht die Dichterin die fortlaufenden Verse, zeigt ihre Unruhe. Reime finden sich selten, und wenn, dann sehr gezielt gesetzt. 

Granaz Moussavis Gedichte sind (an)klagende, hinterfragende, aber auch zornige, mutige Texte, die den `verbotenen` Frauen im Iran eine Stimme verleihen, die durch die Übertragung von Isabel Stümpel nun auch in unserer Sprache hörbar wird. Ich freue mich über diese Stimme sehr, ich empfehle diese Dichtung wärmstens.

Meine Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.com
07.12.2016 Hamburg
Von Marina Büttner



Leïla Slimani: Das Land der anderen Luchterhand Verlag

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Das Land der Anderen“ habe ich mit Gewinn gelesen. Nachdem ich kürzlich „Der Charme von Marokko“ von Sophia Yablonska las, war Leïla Slimanis neuer Roman eine gute Ergänzung und Erweiterung für meine bislang dürftigen Kenntnisse, was die Kolonialzeit Frankreichs in Nordafrika angeht. Slimani erzählt bilderreich aus ihrer Familiengeschichte, es sollen noch zwei weitere Bände folgen.

Mathilde, eine junge Elsässerin begegnet am Ende des zweiten Weltkriegs dem Marokkaner Amine und beide verlieben sich. Amine hat als Soldat für Frankreich gekämpft. Frisch verheiratet entscheiden sie sich 1947 nach Marokko zu ziehen, wo Amine in der Nähe der Stadt Meknès unweit des Atlasgebirges Land von seinem Vater geerbt hat. Doch das Land ist schwierig zu bearbeiten, das Haus zunächst eher eine Hütte. Viel Arbeit steht an. Mathilde, die neugierig auf ihr neues Leben war, ist ernüchtert. Es dauert nicht lange und sie bekommt ihr erstes Kind, die Tochter Aïscha. Zum Glück gibt es eine Haushaltshilfe und Feldarbeiter. So lernt Mathilde auch Arabisch und leider auch, dass in Marokko Frauen ans Haus gebunden sind und einen ganz anderen Stellenwert als in Europa haben. Eine Mischehe ist zudem nicht gern gesehen. Einheimische und Franzosen leben in strikt getrennten Vierteln. Wenn beide im Auto durch die Stadt fahren, wird Amine nicht selten für Mathildes Chauffeur gehalten, was diesen natürlich demütigt.

Mathilde kämpft sich durch. Im Sommer ist es brennend heiß, im Winter eiskalt. Als Aïscha in die Schule kommt, die von Nonnen geleitet wird, muss Mathilde sie jeden Tag nach Meknès fahren. Doch die Tochter ist gut in der Schule, wenngleich sie aufgrund ihres Aussehens und ihrer schlichten Kleidung gemieden wird und findet Trost im christlichen Glauben. Der Sohn Selim wird geboren. Und Mathilde beginnt sich mit Heilmethoden zu beschäftigen, denn der Arzt ist teuer und fern. So erwirbt sie sich einen Ruf und es kommen viele Nachbarn zu ihr, die Rat suchen. Währenddessen arbeitet Amine wie besessen, um neue Olivensorten zu züchten und Südfrüchte nach Osteuropa zu liefern.

Als Mathildes Vater stirbt, reist sie zur Schwester ins Elsaß. Den Verwandten verschweigt sie allerdings wie schwierig ihr Leben ist. Sie spürt die Leichtigkeit ihrer Jugendzeit wieder und ist sogar versucht, nicht mehr nach Marokko zurückzukehren.  Dennoch reist sie nach vier Wochen wieder ab.

Im Land spitzt sich die Situation zu. Die Marokkaner wollen sich nicht mehr mit der Herrschaft Frankreichs zufrieden geben. Es kommt immer häufiger zu Aufständen, an denen auch Amines Bruder Omar maßgeblich beteiligt ist. Währenddessen versucht Amines Schwester Selma auszubrechen aus dem strengen Korsett, dem muslimische Frauen unterworfen sind. Sie verliebt sich in einen französischen Offizier. Doch als Amine das herausbekommt, wütet er und schlägt zum ersten Mal seine Frau, die davon wusste. Er besteht darauf, dass Selma seinen ehemaligen Mitsoldaten Mourad heiratet, den er auf seinem Hof als Vorarbeiter angestellt hat. Was er nicht weiß, ist, dass Mourad homosexuell ist. Der Roman endet 1955 als es zu schwersten Ausschreitungen zwischen Marokkanern und Franzosen kommt. Der Hof von Mathilde und Amine bleibt verschont …

Leïla Slimani hat einen spannenden und informativen Roman geschrieben, der zwar sprachlich keine Finessen bietet (es gibt einige kitschnahe Sequenzen, vor allem, wenn es um Liebe und Sex geht), aber Geschichte, auch persönliche, sehr gut aufarbeitet. Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt hat ihn Amelie Thoma. Ebenfalls gelesen und bereits hier besprochen habe ich Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“, der sich ganz anders zeigt.

Amanda Cross: Die letzte Analyse / Der James Joyce-Mord Dörlemann Verlag

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Als ich im Winter das Frühjahrsprogramm des Dörlemann Verlags durchsah, war ich freudig überrascht. Der Verlag hatte seinen ersten Krimi im Programm. Normalerweise lese ich keine Krimis mehr, aber hier kamen dann die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich viele Krimireihen las, immer auf den neuen Band wartend. Dabei waren auch die Krimis von Amanda Cross, die ich sehr liebte, die damals bei dtv erschienen. Glücklicherweise ist diese Lesephase so lange her, dass ich mich nur noch vage an die einzelnen Fälle erinnere. Und so war auch die erneute Lektüre ein spannendes Lesevergnügen.

Amanda Cross, alias Carolyn Gold Heilbrun, geboren 1926 in New Jersey, USA, lebte in New York, wo ihre Kriminalromane auch spielen. Cross war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und ihre Heldin Kate Fansler ist Literaturprofessorin, die zufällig in Morde verwickelt wird und sich dann an deren Aufklärung beteiligt. Dabei nutzt sie häufig ihren gesunden Menschenverstand und ihre Literaturkenntnisse. Die Protagonistin ist emanzipiert, lebt allein, hat lose Liebesbeziehungen und sich vollkommen ihrem Beruf verschrieben. Unter dem Titel „Gefährliche Praxis“ erschien der erste Roman bereits 1964, der zweite dann 1967. Insgesamt sind es 12 Romane, die in deutscher Sprache erschienen. Schön, dass sie nun wieder entdeckt werden können. Man darf hier aber keine groben, blutigen Psychothriller erwarten, sondern kluge Detektivgeschichten, die mit witzigen Dialogen gespickt sind. Zudem spiegeln sie den Charakter der Zeit, in der sie geschrieben wurden. Dazu zählen auch Ermittlungen, die noch ohne Mobiltelefone, GPS, moderne Spurensicherung gemacht werden mussten. Das macht sie in meinen Augen gerade sehr charmant und lesenswert. 

„Am Montagmorgen um zehn Uhr hielt Kate eine Vorlesung über Middlemarch. Hatte überhaupt etwas eine Bedeutung neben der Tatsache, dass die Fantasie Welten wie Middlemarch erschaffen konnte, diese Welten zu verstehen und die Strukturen, auf die sie sich stützten?“

In „Die letzte Analyse“ empfiehlt Kate Fansler einer ihrer Studentinnen auf Nachfrage einen Psychoanalytiker. Emanuel Bauer kennt Kate sehr gut, denn sie hatten einmal eine Liebesbeziehung. Kurze Zeit später wird die Studentin Janet Harrison auf Emanuels Coach erdolcht aufgefunden. Sofort gilt Emanuel als Hauptverdächtiger, was für Kate natürlich undenkbar ist. Die Indizien sprechen für sich. Emanuel hat kein belegbares Alibi und die Tatwaffe war aus seiner Küche. Mithilfe eines befreundeten Staatsanwalt beginnt sie in dem Mordfall zu recherchieren und mitunter mit unkonventionellen Methoden, die Staatsanwalt Reed so gar nicht gefallen. Obgleich es zunächst aussichtslos aussieht und Kate selbst sogar auch verdächtigt wird, findet Kate, teils mithilfe der Literatur, dann doch Beweise, die auf den Mörder hinweisen …

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„Wie es jetzt ist, können wir zusammen sein, wenn wir Lust dazu haben, und so bist du mir lieber, nicht angebunden und sorgenvoll. Einfach nur Reed; nicht mein Mann, mein Haus, meine Vorhänge – lieber zwei Kreise, wie Rilke sagt, die einander berühren“

In „Der James Joyce-Mord“ verbringt die Literaturprofessorin Kate Fansler einige Zeit auf dem Land in den Berkshires Mountains in Massachusetts. Sie soll dort mit einem ihrer Doktoranden den Nachlass eines mit James Joyce befreundeten Verlegers sichten. Begleitet wird sie von ihrem Neffen und dessen Betreuer. Dazu gesellen sich noch zwei weitere Literaturprofessorinnen und natürlich kommt auch Staatsanwalt Reed zu Besuch. Das Leben auf dem Land birgt für die Städter besondere Herausforderungen wie etwa Kuhfladen und neugierige Dorfbewohner. Als jedoch eine unbeliebte Nachbarin mit einem Gewehr, dass eigentlich nicht geladen sein sollte, versehentlich erschossen wird, finden sich Kate und Reed erneut inmitten von Mordermittlungen. Nach und nach erfahren wir, was die Tat mit den James Joyce-Briefen zu tun hat und wer der Mörder war …

Hochinteressant sind diese Krimis auch in heutiger Zeit. Im ersten Band etwa zeigt sich, dass in den 70er Jahren die klassische Psychoanalyse nach Freud in den USA der absolute Renner war. Im zweiten Band geht es häufig in Gesprächen um den Stellenwert von Sex, innerhalb und außerhalb von festen Partnerschaften. Hier zeigt sich dann auch, wie viel sich in Sachen Emanzipation der Frau bis heute getan hat. Damals war es noch die Ausnahme, dass Frauen alleine und selbstbestimmt lebten und Kate Fansler ist ein perfektes Beispiel dafür, obgleich auch sie noch in Mustern denkt, über die wir heute mit dem Kopf schütteln können, zum Glück! 

Ich empfehle die Kate Fansler-Krimis sehr, gerade auch unter dem Aspekt „Frauen lesen“. Zudem sind die Cover auch schön passend gestaltet. Die Übersetzung ist noch die der alten Ausgaben (sehr oldschool) von Monika Blaich und Klaus Kamberger.  Auf der Verlagsseite des Dörlemann Verlag gibt es Leseproben. 

Aus dem Archiv: Katja Lange-Müller: Drehtür Kiepenheuer & Witsch Verlag

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In Astas Kopf

Katja Lange-Müller stellt ihrem neuem Roman ein Zitat von Nietzsche voran, das das Anliegen des Buches ziemlich genau auf den Punkt bringt:

Es scheint mir, dass ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist

Asta, Mitte sechzig, ist soeben am Münchener Flughafen gelandet. Von weit her kommt sie. Als Krankenschwester war sie über zwanzig Jahre im Ausland tätig. Sie hat keine Euros, aber eine Stange Zigaretten aus dem Dutyfree-Shop in der Tasche. Aus Rauchlust und weil ihr Gepäck noch fehlt, steht sie nun vor der Drehtür, die Zigarette in der Hand neben dem Ascher und denkt nach. Und beobachtet. Astas Kollegen im Krankenhaus in Managua hatten ihr den Flug geschenkt. Ein Abschiedsgeschenk, denn eigentlich wollten sie die Kollegin loswerden, in Rente schicken. So einige Fehler waren ihr zuletzt unterlaufen: Es war nicht mehr zu verantworten. Vielleicht ist es ein Burnout, oder sind es gar erste Anzeichen einer Demenz? Eine Auszeit zumindest sollte es sein, ein Aus-Flug, wie die Kollegen ironisch meinten – nach München, wo sie doch in Berlin gelebt hatte – und ohne Rückflug.

Sollte ich mich jetzt tatsächlich mit Dingen beschäftigen, die ich früher nicht interessant genug fand, nur weil ich plötzlich Zeit habe? Wie viel Zeit bleibt mir überhaupt noch?

Asta, die Krankenschwester, die als Not-Helferin für internationale Hilfsorganisationen in verschiedensten Ländern der Erde ihren Dienst tat, zuletzt in Nicaragua, scheint ausgebrannt. Sie könnte froh sein, ihren Beruf endlich an den Nagel zu hängen, in den Ruhestand zu gehen, vielleicht im heimischen Berlin. Doch sie fühlt sich nirgends mehr zu Hause.

Katja Lange-Müller schickt den Leser in Astas Kopf und geleitet ihn durch ihre Gedankengänge. Das ist faszinierend und fühlt sich an wie im Kino zu sitzen: Lauter Shortcuts – ein Blitzgewitter – das Wort, das Asta auch gleich im ersten Satz des Buches denkt und zerlegt und deutet. Asta seziert die Worte, die ihr gerade durch den Kopf gehen, sie hinterfragt den Sinn der ursprünglichen Bedeutung, bemerkt plötzlich alle Zweideutigkeiten. So denkt sie sich durch Begriffe wie etwa „Gesundheitswesen“, „Notwendigkeit“ oder „aufhören“, was auch „aufhorchen“ bedeuten könnte. Unterdessen hört sie ihre innere Stimme zu sich sprechen. Sie selbst hat seit der Landung nichts mehr laut gesagt. Die äußere Stimme hat sich nach innen gestülpt und führt nun ein Eigenleben.

Und weiter hält Asta ihre Lider geschlossen und rollt ihre Augäpfel bis zur Schmerzgrenze in ihren Schädel hinein und sieht, wie auf einer Kinoleinwand, schneeähnlich, kristalline Buchstaben umherwirbeln und einander anziehen und sich verfestigen zu unterschiedlich langen und lesbaren Ketten, die dann beinahe gleichzeitig niederrieseln auf ihre heiße trockenen Zunge und sich dort auflösen.

Die eigentliche Handlung des Romans, vom Umfang her nur ein paar Stunden, findet allein in Astas Kopf statt. In verschiedenen Episoden erinnert sie sich an Begebenheiten und Menschen aus ihrem Leben, und nur so erfährt der Leser etwas über sie. Die Erinnerungen werden immer von etwas im Außen angestoßen und wieder freigesetzt. Lange Zurückliegendes, bereits scheinbar Vergessenes bricht wieder aus dem Gedächtnis hervor.

So sieht sie von ihrem Platz an der Drehtür den Angestellten eines Asia-Imbiss und erinnert sich an den Koch mit Zahnschmerzen aus der nordkoreanischen Botschaft, den sie vor langer Zeit als junge Krankenschwester mit Tabletten und Schnaps zur Schmerzlinderung versorgte. Dann bemerkt sie einen Mann, der einem ehemaligen Liebhaber ähnelt, und schon denkt sie zurück an jenen missglückten Urlaub, der zur abrupten Trennung führte. Oder sie beobachtet eine junge Frau mit bunt gefärbtem Haar und erinnert sich an die Kollegin, die einen Roman schrieb und erzählte, wie es dazu kam, dass es nur bei dem einen blieb und wie sie dann ungeplant zur „Helferin“ wurde: Eingeladen zu einer Lesung nach Indien, wird sie dort von einer resoluten Schriftstellerkollegin genötigt, für Frauen aus den Slums Nähmaschinen zu organisieren. Diese Episode, die teilweise in Kalkuttas Armenvierteln unter schwer misshandelten Frauen spielt, ist ein ganz eigener kleiner Kosmos innerhalb des Romans und erzeugt die allerstärksten Bilder.

In allen Episoden findet sich das Thema „Helfen“: Die Frage, wie zweischneidig sich Hilfe auswirken kann, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Lange-Müller beleuchtet die Arbeit der Helfer, hinterfragt ihre Tätigkeiten und Motive aufs Genaueste. Sie nimmt das sogenannte Helfersyndrom unter die Lupe, zeigt die Abhängigkeiten, die (Un-) Eigennützigkeiten beider Seiten und erschafft damit den Raum für eigene Überlegungen.

Doch riskant, erregend riskant, ist die Helferei trotzdem. Du stehst mit einem Bein im Misserfolg, denn oftmals sind deine Bemühungen am Ende vergebens, was dir aber nicht immer vergeben wird, nicht einmal von dir selbst.

Auch mit den Identitäten scheint Katja Lange-Müller im Verlauf ihrer Geschichte zu spielen. Zum Ende des Romans verwischen Astas Gedächtnisspuren, so dass nicht mehr klar ist, ob die jeweils erinnerten Personen das alles erlebt haben oder ob es doch Asta selbst war, ob alles nur angelesen und von irgendwo zugetragen ist. Astas Verwirrtheit, auch Verlorenheit an diesem trostlosen Transitort, in diesem Vaterland mit der Muttersprache, die ihr so zusehends wenig geläufig ist, spitzt sich schließlich zu. Aus der immer zur Verfügung stehenden Helferin wird eine Hilfsbedürftige, die zuletzt ganz alleine bleibt …

Katja Lange-Müllers Roman besteht aus erinnerten Sequenzen ihrer Heldin Asta. Die scheinbar so lose Aneinanderreihung ist in Wirklichkeit eine gut konstruierte Reihenfolge mit aufeinander aufbauenden Episoden, die ihren Höhepunkt stimmig am Schluss finden. Der Titel des Romans ist ein Beispiel dieser Symbolhaftigkeit: Die Drehtür, die sozusagen von einem ‚Land‘ ins andere führen kann, oder aber immer nur im Kreis, in der man aber mitunter auch stecken bleibt. Lange-Müllers Sprache ist wie immer gekonnt, von trockenem Humor durchzogen, manchmal schnoddrig, sehr direkt, mit leisen Zwischentönen. Sie trägt damit sehr passend zur Stimmigkeit dieses Romans bei: Inhalt, Konzept, Sprache und sogar der Titel sind hier mächtig im Einklang – ein überzeugend guter Roman!

Die Rezension erschien zuerst auf fixpoetry.com.
Fixpoetry hat den Betrieb aus Gründen mangelnder Finanzierung leider eingestellt.

Longlist Deutscher Buchpreis 2016
18.09.2016
Hamburg
Von
Marina Büttner

Elisa Macellari: Kusama Graphic Novel Laurence King Verlag

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Einen Tag nach der Eröffnung, musste die Ausstellung von Yayoi Kusama im Gropius Bau Berlin aufgrund der Corona-Massnahmen schon wieder schließen. Sobald es wieder möglich war, mehr als einen Monat später, buchte ich mir sofort ein Ticket und die Ausstellung übertraf deutlich meine Erwartungen. Denn es ist eben nicht dasselbe eine Ausstellung online zu sehen oder den realen Kunstwerken gegenüberzustehen, mit denen man gerade in dieser Ausstellung direkt in Kontakt treten kann.  Die Ausstellung läuft noch bis zum 15.8.

Als ich bei Fräulein Julias Kulturjournal sah, dass es eine Graphic Novel über Kusama gibt, war ich erfreut. Wie meine Blogleser*innen ja wissen, bespreche ich hier auch immer wieder Graphic Novels, auch aus persönlichem Interesse als selbst Malende (so entstand gleich nach dem Besuch der Ausstellung auch unten stehendes Bild mit Tusche und Aquarellkreide). Außerdem gibt es ein 1000-Teile-Puzzle, welches ich bisher noch nicht in Angriff genommen habe.

Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. Es beginnt 1939 in Matsumoto, Japan, wo Kusama mit den Eltern lebt. In der Natur hat sie bereits als Kind Erlebnisse, die auf besondere Bewusstseinszustände hinweisen: Pflanzen und Tiere sprechen mit ihr. Ihre Verarbeitung des Erlebten ist das Malen.

1958 lebt Kusama in New York. Sie arbeitet dort als Künstlerin. In Kyoto hatte sie Kunst studiert. Als sie einen Kunstband von Georgie O`Keeffe entdeckte, empfand sie eine tiefe Verbindung. Sie schrieb der Künstlerin und diese will ihr in New York helfen.  Es dauerte dann noch lange bis sie ihre Eltern überzeugte, aufbrechen zu dürfen. Dort hat sie immer wieder Halluzinationen, Angstattacken, psychosomatische Körperbeschwerden, erhält schließlich die Diagnose Depersonalisation. Dennoch geht sie mit großer Kraft an ihre Kunstwerke, hat erste Ausstellungen, organisiert Happenings und Performances, hat einige wenige Erfolge in den 60er und 70er Jahren, begegnet Warhol und Dali. Ihre Kunst passt perfekt in diese wilde Zeit, sie erschüttert und rüttelt auf und bricht verkrustete Konventionen auf, bewirkt Veränderungen der Wahrnehmung auf Kunst, gerade auch zum Thema Gleichberechtigung und Sexualität. Umso erstaunlicher, da sie selbst keine Sexualität lebt, (vielleicht deshalb in ihrer Kunst ausdrückt: immer wieder auftretendes Motiv ist der Phallus) und eine platonische Beziehung zu einem viel älteren Mann führt.

1975 ist sie wieder in Japan und in Tokio in psychiatrischer Behandlung. 1977 entschließt sie sich ganz in einer psychiatrischen Klinik zu leben, ist aber auch dort künstlerisch enorm produktiv. Für sie scheint Kunst eine wichtige Ausdrucksform, ja ein Ventil zu sein, sie findet darin Stabilisierung ihrer Seele. Erst 1987 hat sie ihre erste Retrospektive in Japan. 1989 entdeckt man sie in den USA neu und sie stellt 1993 auf der Biennale in Venedig aus. 2017 eröffnete sie ihr eigenes Museum in Tokio. Sie malte bis heute großformatige bunte Bilder, die jedes für sich, ganze Welten darstellen. Selten hat mich in letzter Zeit eine Künstlerin so enorm beeindrucken können. Ein Leuchten für Kunst und Buch!

Die Graphic Novel und das Puzzle erschienen im Laurence King Verlag. Aus dem Englischen übersetzt hat es Juliane Lochner. Die italienische Originalausgabe gestaltete Elisa Macellari ganz wunderbar und vollkommen stimmig zu Kusamas Kunst. Illustrationen und Text überzeugen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.