Johanna Holmström: Die Frauen von Själö Ullstein Verlag

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Als die Autorin Johanna Holmström, die einer schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, 2015 in einem Archiv auf Patientenakten einer Heilanstalt auf der winzigen finnischen Schäreninsel Själö stieß, fing sie an weiter zu recherchieren. Entstanden ist ein aufschlußreicher Roman über die Zustände in einer Nervenheilanstalt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf Själö wurden sogenannte geisteskranke Frauen weggesperrt, wobei die meisten von ihnen niemals mehr die Insel verließen. Von Heilen konnte keine Rede sein. In ihrem Vorwort weist die Autorin auf eine der zahllosen schrecklichen „Heilmethoden“ damals hin.

Holmström schildert den Aufenthalt zweier Frauen in der Anstalt auf Själö und verbindet beide mit der Pflegerin Sigrid, die ihr ganzes Arbeitsleben auf Själö verbringt. Da ist zunächst Kristina. Sie kommt im Jahr 1899 auf die Insel, weil sie ihre beiden kleinen Kinder ertränkt hat. Der Pfarrer schützt sie vor dem Gefängnis und fortan lebt sie auf Själö als Geisteskranke. Nach und nach erzählt uns die Autorin dann die Hintergründe, die zur Ermordung der beiden Kinder führten. Kristina wurde mit 16 vergewaltigt, bekam eine Tochter und galt fortan als leichtes Mädchen. Als sie mit 24 Einari kennenlernt, fühlt sie zum ersten Mal Liebe. Die beiden lösen sich von ihren wohlhabenden Elternhäusern und leben arm und unverheiratet zusammen. Ein Sohn wird geboren. Doch als ihr Mann sich entschließt fortan zur See zu fahren, um schnell Geld zu verdienen für ein besseres Leben, bleibt Kristina eine Ausgestoßene. Ihr wächst die Arbeit und die Betreuung der Kinder über den Kopf. Völlig erschöpft, wünscht sie sich nur noch Ruhe. In diesem Zustand lässt sie die schlafenden Kinder aus dem fahrenden Boot ins Wasser gleiten. Auf Själö lebt sie sich nach einer Weile ein und darf sogar extern den Haushalt des neuen Pfarrers übernehmen. Als dessen Ehefrau mit Kindern im gleichen Alter ihrer verstorbenen Kinder auf die Insel und ins Pfarrhaus einzieht, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Als die 16-jährige Elli 1934 auf die Insel kommt, lebt Kristina wieder und immer noch dort. Elli ist von zuhause heimlich mit ihrem Liebhaber getürmt. Als die Polizei sie verfolgt, da sie angeblich Raubüberfälle verübt hatten, gelingt es Maurice zu fliehen. Elli wird jedoch gefasst, kommt zunächst ins Gefängnis, wegen ihres auffälligen Verhaltens und wegen der Intervention der Eltern dann aber auf die Insel. Dass Elli zuhause von der kühlen Mutter vernachlässigt und vom Vater kaum wahrgenommen wurde und sie als Teenager in eine tiefe Depression glitt, die mit einem Selbstmordversuch einherging, erfahren wir zwischendurch in Rückblicken.

„Sie hatte schon vor ein paar Jahren angefangen, sich im Herbst zu grämen, weil er leise und schläfrig das Licht hinter sich herschleifte und mitnahm und es immer schwerer wurde, die Dunkelheit zu ertragen.“

In den 30/40er Jahren ist außerdem sogar in Finnland eine bestimmte „Rassentheorie“ angekommen. Elli wird als Gemischtrassige ostbaltischen Typs eingestuft. Auch hier wird, was mir nicht klar war, die Sterilisation bei Frauen, die nicht der rein-schwedischen Rasse entsprachen (und dann noch als geisteskrank galten), angewandt.

Holmström wirft einen genauen Blick auf die Frauen, über die sie schreibt. Und sie hat große Empathie für sie. Es gelingt ihr sehr spannend und stimmig Kristinas Geschichte zu erzählen, während sich Ellis Geschichte schon sehr in die Länge zieht. Sigrid, die Pflegerin, bleibt, obgleich sie am Ende noch ein kürzeres eigenes Kapitel erhält, für mich eher wenig greifbar. Vielleicht wäre die Beschränkung auf eine Frauenfigur oder eine dichtere Struktur hier sinnvoller gewesen.

Auch sprachlich scheint mir der erste Teil weit besser gelungen. Teils poetische Sequenzen wechseln sich hier mit realistischen, traurig-trüben Beschreibungen des Anstalt-Alltags ab. Dennoch gibt das Buch einen guten Einblick in die Zeit als die Psychiatrie noch Irrenhaus genannt wurde und die meisten Patientinnen aus heutiger Sicht, wohl eher dort erst „irre“ wurden. Hier zeigt sich auch wieder die Aburteilung der Frau als hysterisches Wesen durch einen männlichen Arzt.

„“Mit der weiblichen Natur verhält es sich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.“

„Die Frauen von Själö“ erschien im Ullstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe außerdem drei weitere sehr empfehlenswerte Romane, die sich mit dem Thema befassen, auf dem Blog besprochen:
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Amalie Skram: Professor Hieronimus
Nelly Bly: 10 Tage im Irrenhaus

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Siri Hustvedt: Damals Rowohlt Verlag

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„Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt? Sagen Sie mir, warum ich Sie als Reisegefährtin brauche, als meine jeweils liebe und launische Andere, meine Partnerin für die Dauer dieses Buchs? Wie kommt es, dass ich Ihren Schritt neben mir fühle, während ich schreibe?“

Siri Hustvedts neuer Roman beginnt schon auf den ersten Seiten zu leuchten. Ihr Thema ist nach vielen Essays und dem Roman „Der Sommer ohne Männer“ Biografisches. Die Autorin gleitet zurück in die Zeit, in der sie als junge Frau ihre erste eigene winzige Wohnung in New York bezog. Aus Tagebucheinträgen der 21-jährigen, einem ersten Romanmanuskript und aus der Perspektive der 61-jährigen, setzt sich ihr Buch zusammen. Zeit scheint dabei nicht wichtig. Das Damals mit dem Heute momentweise zu verschmelzen. Sich Erinnerungen auszusetzen, einzelne Stücke zu einem plausiblen Ganzen zusammen zu setzen.

„In der Erinnerung“, sagte sie, „gibt es kein wirkliches Voraus oder Hinterher, nicht wahr? Die Erinnerung wallt im Jetzt auf, in der vertikalen Zeit. Und erinnerte Zeit ist, wie Sie wissen, mit Imagination durchsetzt. Wer bin ich eigentlich?“

S.H., genannt Minnesota, hat sich nach dem Schulabschluss ein Jahr Frist gesetzt, um einen Roman zu schreiben, bevor sie ihr Studium antritt. Ziel ist die Stadt New York. In einer heruntergekommenen Wohnung liest sie, schreibt und lauscht der seltsamen Nachbarin Lucy, die abends und nachts eine Suada von Tönen und imaginären Gesprächen los lässt. S. H. lernt ihre beste Freundin Whitney kennen und sie ziehen durchs Viertel. Intellektuelle Parties und alternative Lesungen werden besucht. Liebesaffären ausgelebt. Anhand eines wiederentdeckten Tagebuchs rekonstruiert die heutige Siri Hustvedt ihr damaliges Leben. Zwischendurch lesen wir Abschnitte aus dem Romanmanuskript, dass eine Detektivgeschichte werden soll. Erlebnisse aus dem Alltag fließen hinein.

Die Erinnerung an den Vater, der Arzt war, den sie manchmal als Kind begleiten durfte zu seinen Hausbesuchen. Der, als sie stolz ihre Anatomiekenntnisse vorführte, nur meinte, sie würde bestimmt eine gute Krankenschwester – „Ich werde mich weit über dich hinauslesen, Vater.“ Die Entscheidung über den Vater hinauszuwachsen. Zu lesen und nochmal zu lesen, um zu wissen. Und dann im Jetzt, die Telefonate der heutigen Siri mit der alten Mutter, die immer mehr vergisst, wiederholt nach ihrem Schreiben fragt, vielleicht stolz auf die Tochter ist.

Das Erinnern und Reflektieren der Fünferbande, des damaligen engen Freundeskreises von S.H. Wie sich alle eine eigene Geschichte zu S.H.`s sonderbarer Nachbarin Lucy zusammenspinnen. Die Entdeckung der DADA-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, Freundin von Marcel Duchamp, dessen berühmt gewordenes Werk „Fountain“ eigentlich ihre Idee war, die mit der Schriftstellerin Djuna Barnes befreundet war.

Sie beschreibt außerdem genau das, was in einem Essay in Rebecca Solnits Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ dargestellt wird. Ganz klar. Männer überall tun das immer und immer wieder und auch die junge Siri hat damit zu kämpfen. Einmal erfährt sie Gewalt und entgeht dabei nur knapp einer Vergewaltigung, weil die Nachbarin mit ihren Freundinnen zur Stelle ist. Die Siri aus dem Jetzt hinterfragt diese Szene und hadert noch immer mit sich selbst, zu „brav“ gewesen zu sein.

Von Lucy erfährt S. H. dann auch deren traurige Familiengeschichte. Bei einer Dinnerparty, zu dem S.H. von Lucys esoterisch spirituellen Freundinnen eingeladen ist, geschieht schließlich so etwas wie eine, man könnte sagen „Initiation“. Der zunächst kluge, sympathische Philosophieprofessor, entpuppt sich als seine Ehefrau unterdrückender und überheblicher, Frauen die Welt erklärender Macho. Wie Hustvedt die Geschehnisse dieses Dinners schildert, diese Verwandlung, diese Erkenntnis, auch im inneren S. H.`s, deren Widerstand endlich auflebt und als hoch intelligente Suada zu Tage treten darf,  ist grandios. Das ist Erzählkunst par Excellence!

„Aber ich zitierte Wittgenstein, dem ich mich so viele Stunden gewidmet hatte, und um Sarahs Mann, den ich, wie ich merkte, angefangen hatte zu hassen, noch weiter zu verletzen, zitierte ich hochtrabend auf Deutsch …“

Dass S. H. schließlich offenbart wird, sie sei in einen Hexenzirkel geraten – „Wir sind entschieden gegen alle patriachalen Religionen. (…) Wir sind gegen den Hass des Patriarchats auf den Körper und die Sinnlichkeit, die Natur und die Frauen. Wir glauben an die alte Ökologie, an Harmonie und Heilen.“  – beschäftigt diese noch lange. Und wer weiß, vielleicht hat dieses Erlebnis die Frau und Autorin Siri Hustvedt ja doch auch geprägt in ihrer feministischen Entwicklung?

„Wenden Sie sich nicht von Ihren Gaben ab. Entschuldigen Sie sich nicht dafür. Fürchten Sie auch nicht Ihre Wut. Die kann nützlich sein. Und merken Sie sich: Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen. Ich weiß das. Die Welt wird sie strafen, aber Sie müssen daran festhalten.“

Später trägt S.H. immer ein Springmesser bei sich, dass ihr eine Freundin nach dem Angriff zur Selbstverteidigung schenkte. Sie nennt es liebevoll „Baroness“. Und mit der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven schließt sich der Kreis: Frauen im Schatten der Männer … so gern ich Paul Austers Bücher lese, Siri Hustvedt sollte nie im Schatten ihres Ehemanns stehen. Ihr Werk ist klug und reif und zeugt von unglaublicher sprachlicher und erzählerischer Stärke! Ein strahlendes Leuchten!

„Damals“ erschien im Rowohlt Verlag. Die Übersetzung kommt von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Es gibt zudem einige karikaturhafte Illustrationen von der Autorin selbst. Ebenso empfehlenswert: die gleichzeitig erschienenen Essays zum Thema Kunst, Geschlecht und Geist unter dem Titel: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Und natürlich, wer ihn noch nicht kennt, der 2003 erschienene bekannteste Roman „Was ich liebte“, den ich noch aus Buchhändlerzeiten im Regel stehen habe.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar von „Damals“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

Tereza Semotamová: Im Schrank Voland & Quist

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen, doch nachdenklichen Debütroman. Eine Besprechung zu „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ gab es bereits hier.

Einen sehr eigensinnigen Roman hat die 1983 geborene Tschechin Tereza Semotamová geschrieben. Man darf annehmen, was auch dem Gespräch im Literaturhaus zu entnehmen war, dass es sich teilweise um eine autobiografische Geschichte handelt. Ob die Autorin nun tatsächlich, wie ihre Protagonistin einige Zeit in einem Schrank lebte, sei dahin gestellt.

„Ich freue mich schon auf den Abend. Endlich allein. Nicht allein bei jemandem, nicht allein unter fremden Distanzierten, die sich die Nächsten nennen, sondern einfach allein, auf meiner eigenen Parzelle: In meinem Schrank.“

Es geht um eine verlorene Generation, wie sie ähnlich auch schon die Österreicherin Friederike Gösweiner in ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“ beschrieb. Eine Generation junger Leute, die, alle vielversprechend, meist studiert, gebildet, dann doch im Nirgendwo landen. Sei es, weil eine Beziehung nicht hält, sei es weil sich kein passender Job findet. Dann ist improvisieren angesagt, um nicht zu verzweifeln. Das tut unsere Heldin in diesem Roman auf sehr ungewöhnliche Weise. Aus einer nicht mehr funktionierenden Beziehung ist sie aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt, ohne Wohnung, ohne Job. Immerhin gibt es noch einige Freunde, die Familie, die sie jedoch auf Dauer nicht aushält. Und so zieht sie in einen ausgemusterten Kleiderschrank, der in einem Hinterhof steht.

Ziellos sich treiben lassend lebt die Heldin vor sich hin. Sie zählt: wieder ein Tag geschafft. Ab und zu ein Besuch bei der Familie, ein Ausflug mit der Freundin oder dem Nachbarn, Toilette und Katzenwäsche im Laden des Vietnamesen, der sie inzwischen kennt. Schwermut bei Galgenhumor. Ziellose Melancholie.

„Jede Existenz wird ohne Grund geboren, überlebt aus Schwäche und stirbt an Begegnungen, ach herrje. Ich werde hier ganz unruhig, als würde mir meine Obdachlosigkeit hier noch fünftausendmal stärker bewusst.“

In den Sequenzen zwischen den Schrankzeiten gleitet die Erinnerung der jungen Frau durcheinander gewirbelt in die Vergangenheit. Manchmal muss man rätseln, in welcher Zeit man sich gerade befindet, Anhaltspunkte suchen. Beziehung, Elternhaus, Freunde, Job. Wohnort. Der Mann, von dem sie sich getrennt hat, erkrankt, stirbt. In der Wohnung brennt es. Die Bildhauerin kann nicht mehr bildhauern. Krise. Und der Sinn?

Sprachlich ist der Roman recht ausgefeilt. Die Autorin lässt Zitate aus der tschechischen Literatur, Film und Märchen mit einfließen, das erfährt man aus dem Glossar im Anhang. Der Roman ist witzig, scharfsinnig mit genauem Blick fürs Alltägliche und Allzumenschliche. Die Innenwahrnehmung und Reflektion der Heldin ist der Hauptaspekt des Buches, die Außenwelt dringt in Form von Nachrichten, Zeitungsmeldungen und Gesprächen zeitkritisch hinterfragend mit ein.

Der Roman „Im Schrank“ erschien im Voland & Quist Verlag. Martina Lisa hat ihn übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude Hoffmann & Campe Verlag

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen, deren Werke unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Gerechtigkeit und Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen Debütroman. Meine Besprechung zu „Im Schrank“ folgt.

Radka Denemarkovás Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ ist der zweite, der auf Deutsch erschien, sie ist in Tschechien eine der bekanntesten zeitgenössischen Autorinnen. Es ist ein aufwühlendes Buch im positiven Sinn, was natürlich auch ungewöhnlich und bemerkenswert heißt. Was mir gleich zu Anfang auffiel, ist der sehr eigene Stil. Nichts ist hier konkret, als würde über der ganzen Geschichte ein Schleier liegen. Verrätselt, sprachlich gewandt und von Andeutungen geprägt erzählt die Autorin hier eine Geschichte über Gewalt an Frauen. Es geht um Vergewaltigungen, das erfährt man gleich im Prolog: Ein Szenario, das auf eine Massenvergewaltigung in Indien hinausläuft. Es ist ein Lesen zwischen den Zeilen. Die Tat selbst wird nicht geschildert. Ebenso wie die weiteren Taten, die sich durch das ganze Buch ziehen.

„Die Schwalben fliegen und zwitschern. Sie erzählen sich Witze über Männer und Frauen. Sex ist Freude. Die Witze wiederholen sich über die Jahrhunderte, die Schwalben sammeln Beiträge für die Geschichte der Freude. Dabei sind sie auf ein Schlachtfeld gestoßen, das keine Friedenszeiten kennt. Ein stilles Abkommen, ein Gebiet, das nicht frei ist und es nie sein wird, das von jedermann erobert werden darf, wo bis heute alles erlaubt ist.“

Drei ältere Frauen, Erika, Diana und Birgit, die man immer wieder auch als Schwalben durch die Geschichte flattern sieht, wie der Roman überhaupt von der Mystik und der Biologie der Vogelwelt durchdrungen ist, versuchen Gerechtigkeit herzustellen, notfalls durch drastische Maßnahmen, dabei sind sie radikale Feministinnen einer Generation, die Vorreiter war. Ihr Kampf beginnt bereits nach dem zweiten Weltkrieg. Birgit setzt sich dafür ein, dass Vergewaltigungen zu Kriegsverbrechen erklärt werden, was nicht gelingt.

„Sie spricht nicht aus, woran sie denkt, wie verbissen eine Schwalbe namens Ingrid nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dafür kämpfte, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen ersten Grades anerkannt werde, und wie heftig sie dafür ausgelacht wurde.“

Sie versuchen von Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch betroffenen Frauen und Mädchen zu helfen, sie zu unterstützen und zu schützen, zu verteidigen, selten erfolgreich, wenngleich sie aufgrund der andauernden Masse der Verbrechen, niemals ein Ende finden werden. Wie nebenbei erzählt Denemarková ungeschönt von der gesellschaftlichen Stellung der Frau, in der sich noch immer keine Gleichberechtigung findet. Auch Ingrids und Birgits Lebensgeschichte wird nach und nach aufgedröselt. Einer genauen Chronologie folgt sie dabei nicht.

„Birgit spricht nie über weibliche Körper oder über Vergewaltigung. Vor allem mit Frauenzeitschriften nicht. Die sind die ergebensten Diener der Sklavenhalter und besonders geschickt darin, ihre Opfer zu erniedrigen.“

Der Roman beginnt mit einem Selbstmord in Prag. Ein angesehener, wohlhabender älterer Mann hat sich aufgehängt. Der von der trauernden Witwe betörte „Ermittler“ glaubt an Mord. Vor allem deshalb, weil er dann noch oft ins Haus der Witwe kommen kann. Tatsächlich finden sich im Lebenslauf des Toten Hinweise auf Gewalt gegen Frauen und Zeichen, dass es sich möglicherweise doch nicht um Selbstmord handelte. Die Spuren führen zu einer gewissen Birgit Stadtherrová und zu einer Diana Adler.

„Der Ermittler bittet einen Kollegen, Dozentin Stadtherrová zu verhören. Er habe panische Angst vor alten, hysterischen Intellektuellen. Greise, intellektuelle Frauen fürchte er am allermeisten. Ein Treffen mit Frau Stadtherrová käme ihm wie reiner Masochismus vor. pssst.“

Als der namenlose Ermittler das Haus einer Filmfirma, die offensichtlich der Stadtherrová oder der Adler gehört, durchsucht, stößt er auf ein riesiges Archiv. Was er zunächst nicht erkennt: Es ist eine Sammlung von Gewaltverbrechen an Frauen, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Drei Frauen haben sich der Rache verschrieben. Nach und nach erfährt die Leserin, wie ein Rädchen ins andere greift, wie durchdacht und kunstvoll verwoben das System der „Schwalben“ ist …

Denemarková ist eine Meisterin der Verschlüsselung bei gleichzeitiger Direktheit. Ihre Figuren zeichnet sie ausgefeilt und einprägsam. Im Gespräch im Literaturhaus erklärte die Autorin, dass sie beim Schreiben ihren Ermittler schließlich besonders ins Herz geschlossen hatte. Auch inhaltlich reicht ihr Roman weit über das hinaus, was zur Zeit so als feministische Literatur gehandelt wird. Denemarková ist eine echte Kämpferin mit Worten. Sie gebraucht Metaphern, die ganz ungewöhnlich und sprachlich wunderbar ausgefeilt sind. Es ist eine ganz eigene Handschrift zu erlesen, die ich für mehr als geglückt halte. Ein Wunder, das jemand in der Beliebigkeit der heutigen Sprachlandschaften in einem Roman sich so auszudrücken vermag. Das kenne ich sonst eher aus der Lyrik. Ein Hoch auch auf die Übersetzerin Eva Profousová, deren Übersetzung sicher zum Gelingen beigetragen hat. Ich wünsche dieser Autorin viel mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Leserinnen. Ein kraftvolles Leuchten!

Radka Denemarkovás Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Margarete Stokowski: Untenrum frei Rowohlt Verlag / Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären btb

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„Frauen unterschätzen sich und werden unterschätzt, immer noch. Sogar Stürme mit Frauennamen werden unterschätzt. Hurrikane mit Frauennamen töten mehr Menschen als solche mit Männernamen, weil Leute sich vor ihnen seltener in Sicherheit bringen.“

Zwei Sachbücher, die ich lange schon lesen wollte und es nun endlich, trotz der vielen noch zu lesenden Romane, getan habe. Es schien die passende Zeit. Dennoch haben beide mich nicht überzeugt und ich wende mich in Zukunft lieber wieder Romanen mit diesen Themen zu, die in meinen Augen, oft tiefer wirken.

Margarete Stokowski ist derzeit eine stete Stimme. Sie hat soeben ihr zweites Buch zum Thema Feminismus veröffentlicht und schreibt für diverse Zeitungen. Stokowski lebt in Berlin und ist Jahrgang 1986.
Die Autorin versucht aufzudröseln, was alles schief läuft, was alles von Anfang an anders laufen könnte. Das schafft sie, wie ich meine, ganz gut. „Untenrum frei“ scheint mir allerdings für eine andere Generation als meine geschrieben zu sein. Ich bin nicht mit sozialen Medien aufgewachsen und darüber wirklich froh. Zwar habe ich allerhand wiedererkannt und doch ist es mir oft fremd, was Stokowski schreibt. Tatsächlich wundert es mich, dass es immer noch Jugendzeitschriften wie „Bravo“ und „Mädchen“ gibt, die ich, zugegeben, als Teenager schon zu meiner Zeit las. Erschütternd finde ich, was diverse „Frauenzeitschriften“ (die ich seit 100 Jahren nicht mehr lese), für ein Frauenbild aufzeigen, als sind Frauen erst dann Frauen, wenn sie deren Mode-, Kosmetik-, Sex- und Beziehungstipps berücksichtigen. Stokowski führt einige Beispiele an, bei denen mir schlecht wird.

„Hätte es wirklich eine sexuelle Revolution gegeben, dann wäre die Palette breiter und das Bild der sexuell attraktiven Frau wäre nicht auf eine reine, junge, glatte und „unverbrauchte“ Version beschränkt.“

Dass Stokowski anhand ihrer eigenen Erlebnissse in Kindheit, Jugend, usw. spiegelt, was alles schief läuft, ist verständlich. Sicher braucht es etwas, auf das man sich beziehen kann. Dennoch wird mir manches zu persönlich. Andererseits finde ich ihren Stil passend für unsere Zeit. Sie sagt nie, so muss es sein, gibt aber Anregungen, wie es sein könnte, stellt Fragen. Was mich verwundert, ist die teils derbe Sprache. Und auch wenn sie von sich erzählt, sie habe „früher haufenweise sexistische Witze und Sprüche gemacht, weil es ankam“, dann ist das für mich unverständlich und wenig achtsam und mindert für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit der Autorin (die z.B. ein Kapitel „Die Poesie des Fuck you“ nennt).

Das Buch ist flugs gelesen und stellenweise auch recht unterhaltsam, mitunter nachdenklich stimmend. Nachhaltig wirkt es allerdings bei mir nicht. In vielem teile ich nicht ihre Meinung. Ein autobiografisches Buch, das ich kürzlich las, wirkte da viel tiefer und zeigte ganz ähnliche Themen in jedoch anderer Art und Weise auf: „Die Jahre“ von Annie Ernaux habe ich auch bereits hier auf dem Blog besprochen.

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Rebecca Solnit ist US-Amerikanerin und Jahrgang 1961. Ihr Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“, obgleich es schon typisch amerikanisch geprägt ist, zeigt auf ein Thema, was wirklich extrem auffällig ist und tief verankert in westlichen Kulturen. Leider behandelt nur einer der Essays, aus denen das Buch zusammengesetzt ist, genau diese Situation.

„Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls.
Jede Frau weiß, wovon ich spreche.“

In weiteren Kapiteln schreibt Solnit über das Thema Vergewaltigung und berichtet vor allem über die Massenvergewaltigungen in Indien. Zum Thema Vergewaltigung las ich kürzlich Bettina Wilperts Roman „Nichts, was uns passiert“, welches ich sehr viel dichter und interessanter fand. Die Besprechung gibt es hier.

Weitere Kapitel handeln von dem in den USA in die Schlagzeilen geratenen Strauss-Kahn. Nach und nach kommt hier die ganze Dimension seiner sexuellen Übergriffe an die Öffentlichkeit. Alles deutet schon in Richtung #metoo-Debatte. Wenn die Autorin sich allerdings mit Susan Sonntag trifft, um über Virginia Woolfs Thema der „Dunkelheit“ in ihrem Werk spricht, ist mir das zu theoretisch und nicht nah genug an der heutigen Wirklichkeit. 

Genauer betrachtet hat mir auch dieses Sachbuch nicht wirklich relevante Neuigkeiten überbracht. Mein Ausflug in die Welt der Sachliteratur zum Thema Feminismus ist damit wohl erst mal beendet.

Ulrike Draesner: Eine Frau wird älter Penguin Verlag

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Ungeduldig wartete ich auf das Erscheinen dieses Buches von Ulrike Draesner, hatte ich doch ihre Hörbucherzählung „Happy Aging“, die vor zwei Jahren erschien, als sehr wohltuend und geistreich empfunden. Als ich zu lesen begann, merkte ich, dass mir das so einiges bekannt vorkam. Und tatsächlich, man kann es auf der hinteren Umschlagklappe lesen, sind die Essays aus den erzählten Texten jenes Hörbuchs entstanden. Das Hörbuch bei supposé, bereits hier auf dem Blog vorgestellt, hat offenbar wenige Frauen erreicht, so dass man sich entschied, die Texte noch einmal schriftlich zu veröffentlichen. Es schadet nichts, sie noch einmal zu lesen, dachte ich zunächst.

Draesner holt in ihren kurzen Essays weit aus. Es geht weit zurück und tief nach innen. Sie erzählt von ihrer Kindheit an, erzählt sehr persönlich aus ihren Kindheitserfahrungen und der Sichtweise des Mädchens auf die Eltern, Schwester und Großeltern und ganz allgemein über das Heranwachsen, den Zeit, bis hin selbst als Mutter zu agieren. Dabei fließen sowohl zeitspezifische Erziehungweisen und gesellschaftliche Gepflogenheiten mit ein (Draesner ist Jahrgang 1962).

„Ich erlebe es als ein Privileg, diesen Weg gehen zu dürfen. Er ist, wie bereits flüchtige Blicke in die Menschheitsgeschichte belegen, alles andere als selbstverständlich. Wer altern darf, kann sich in einem anhaltenden Prozess bis zu seinem Ende hin verändern. Er ist herausgefordert, sich zu diesen Veränderungen zu verhalten.“

Doch mit Weisheit im Altern ist es nicht getan, Draesner kommt auch auf die spezielle Rolle des weiblichen Körpers, wobei sie zwar die Unterschiede zwischen dem, was sich Männer leisten dürfen und dem was Frauen nicht zu gestanden wird moniert, um dann selbst auf unschöne(!) wabbelige Oberarme bei Frauen hinzuweisen. Oder sie unterstellt einer Frau ohne Mann/ohne Kinder, „ein vorsichtiges Leben“. Ich bin damit unzufrieden.

Das wohl beste und für mich stimmigste Kapitel ist das mit „Astrid Lindgren klettert auf einen Baum“ übertitelte, in welchem Draesner auf Literatur starker zeitgenössischer älterer Autoreninnen eingeht. (zu finden auf Draesners Website, auf der einzelne Kapitel nachzulesen sind).

Ich bin nicht sicher, wie ich das Buch finden soll. Ich erinnere mich, die CD damals als bereichernd empfunden zu haben. Nun kommt mir beim Lesen doch vieles banal vor. Zu persönlich? Zu oberflächlich? Brillante Gedanken oder Denkanstöße finde ich wenige. Schade. Womöglich weil ich mich in diesen zwei Jahren selbst ganz anders weiter entwickelt habe? Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mit dem nächsten Roman der Autorin sicher wieder zufriedener sein werde. Denn in Prosa und Lyrik spricht mich Draesner mehr an. Und dann gibt es ja auch noch Silvia Bovenschens Buch übers „Älter werden“. Oder Iris Radischs Buch „Die letzten Dinge“. Gibt es noch weitere kluge Bücher von Autorinnen zum Thema? Über Tipps freue ich mich.

„Eine Frau wird älter“ erschien im Penguin Verlag. Eine Leseprobe findet man hier.  Eine weitere Rezension, die meiner Meinung ziemlich nahe kommt, findet sich auf fixpoetry.  Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Kerstin Herbert vom Blog Frauenleserin stellt Fragen – Hier meine Antworten

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Eine schöne Idee hatte Kerstin Herbert. Sie rief den Blog „Frauenleserin“ ins Leben. Wie wenig Raum Frauen in allen Bereichen des Literaturbetriebs immer noch gewährt wird, ist gerade im vergangenen Jahr oft auf Blogs, in Zeitungen und in Magazinen thematisiert worden. Kerstins Aufruf gilt nun den Buchbloggerinnen und fragt nach Lesegewohnheiten. Hier sind meine Antworten auf ihre Fragen:

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?                     Wenn ich richtig gezählt habe, sind es insgesamt 83 gelesene Bücher. Davon sind 37 von Frauen geschrieben, 42 von Männern (der Rest sind Anthologien). Es gibt also einen Männerüberhang. Wenn man aber meine 12 Favoriten ansieht, hier auf dem Blog nachzulesen, sieht das Verhältnis deutlich besser aus. Es sind 8 Frauen und 4 Männer.
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  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)
    Es ist auch nicht nur eines (siehe Blog Meine liebsten …). Dennoch nenne ich hier jetzt einfach Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff. Denn hier verbindet sich meine Leidenschaft für schöne Sprache mit dem Inhalt, denn es geht um eine Lyrikerin, die sich als schreibende Frau behaupten muss, und oft erfolglos dafür kämpft, als Lyrikerin ernst genommen zu werden. Zudem präsentiert Duve hier eine gutes Stück Zeitgeschichte.
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  • Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?                                                                                                                            Esther Kinsky. Ich habe den Roman „Hain“ gelesen, mit dem sie auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 gewann. und war beeindruckt. An Esther Kinskys Büchern mag ich vor allem die Sprache. Da wird jegliche Handlung nebensächlich. Man merkt deutlich, dass Kinsky auch Lyrik schreibt. Außerdem ist sie eine bemerkenswerte Übersetzerin. Ich habe mir nach der Lektüre gleich einen ganzen Stapel ihrer Werke zugelegt.
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  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)
    Es ist ein Roman und auch nicht komplett autobiographisch, aber eine große Wiederentdeckung, die nah an Mela Hartwigs Leben dran ist. Hartwig schreibt in ihrem Roman „Inferno“ in sehr starken Stimmungsbildern über eine Kunststudentin im Wien der 30er Jahre, die erleben muss, wie ihre Stadt von den Nationalsozialisten übernommen wird. Erst nach einem Schlüsselerlebnis erkennt sie die Ausmaße und beginnt für den Widerstand zu arbeiten.
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  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?
    Da gibt es nicht nur eine. Ich freue mich sehr darauf, dass endlich wieder ein Roman der Japanerin Hiromi Kawakami auf Deutsch erscheint. Ich habe bisher alle Bücher von ihr mit Begeisterung gelesen. Außerdem gibt es neue Romane von Siri Hustvedt, Marlene Streeruwitz, Doris Knecht und Angela Krauß.
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  • Ich füge noch eine Frage hinzu, die mir besonders wichtig ist, denn auf meinem Blog spielt Lyrik eine große Rolle.
  • Welcher Lyrikband einer Autorin hat Dich in diesem Jahr über die Maßen begeistert?
    Grace Paleys wunderbarer, auch für Wenig- bis Nichtlyrikleser_innen geeigneter Band „Manchmal kommen und manchmal gehen“. Eine Perle, da sie eine Sprache spricht, die jeder versteht. Sie schrieb auch viele Erzählungen, die ich mir ebenfalls noch vornehmen möchte.
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  • Nun bin ich gespannt, wie ihr diese Fragen beantwortet. Bis 12.1.19 kann frau noch mitmachen. Beitrags-Link einfach schicken an: http://www.kerstin-herbert.de/?p=8088

Mela Hartwig: Inferno Literaturverlag Droschl

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Bereits in ihrem einleitenden Kapitel „Straßen“ zeigt sich Mela Hartwigs genauer Blick, ihr Scharfsinn für komplexe Zusammenhänge, ihr Erkennen, was hinter der Fassade ist. Die 1893 in Wien geborene, 1967 im Exil gestorbene Autorin, Schauspielerin und Malerin hat ein Buch geschrieben über die Menschen im Nationalsozialismus des Jahres 1938 bis zum Kriegsende. Es ist ein wichtiges Zeitdokument, das auch sprachlich bemerkenswert ist. Verfasst wurde der Roman zwischen 1946 und 1948 im Londoner Exil. Der Grazer Droschl Verlag bringt nun nach 70 Jahren diesen Text zur Veröffentlichung.

Das, was Mela Hartwig da direkt nach Kriegsende an Gedanken zum Nationalsozialismus als Massenphänomen ausbreitet ist bewundernswert. Vielleicht ist es der Blick der künftigen Malerin, der tiefer tauchen lässt, der weiter vordringt in das Gesehene. Ihre bemerkenswerte Wahrnehmung, ihr wache Reflektiertheit macht ihren Text so stark. Nur ganz selten wirkt er etwas pathetisch, was vielleicht aber auch der Mission ihrer Heldin geschuldet ist oder deren Schuldbewusstsein. Sie schildert den Gewissenskonflikt, die innere Zerrissenheit der 18-jährigen Kunststudentin so überdeutlich, so dramatisch, dass sie den Leser*innen sehr nah kommt. Die Autorin weiß so meisterhaft die inneren Vorgänge zu schildern, dass sie manchmal vergisst, das Außen bildhafter aufzuzeigen.

Wien, 1938: Ursula will Kunst studieren. Von einem der Professoren hat sie bereits so gut wie eine Zusage. Doch wird dieser vom Institut verwiesen wegen seiner „entarteten“ Kunst. Ursula erhält den Studienplatz dennoch, weil sie sich zunächst von der Gesinnung des neuen Professors anstecken lässt. Bald merkt sie, wie jeder jeden im Institut bespitzelt. Nur einem Mitstudenten schenkt sie Vertrauen und beide werden ein Liebespaar. Dass ihr Geliebter als Gegner des Systems im Untergrund arbeitet, merkt sie erst spät. Zunächst will sie nichts davon wahrhaben, bis sie selbst die Schändung einer Synagoge erlebt, in der Nazischergen eine Schwangere in die Flammen werfen.

„Erst in diesem Augenblick hielt sie Gericht über sich selbst. und die Unselige, die sich noch Tage zuvor zu den kreuzweise verschränkten Haken bekannt hatte, stand als Angeklagte vor der Unseligen, der die Gräuel, die sich am vergangenen Abend vor dem brennenden Tempel abgespielt hatten, die Augen geöffnet hatten, die sie erbarmungslos und verzweifelt zugleich auf jene andere heftete, von der sie sich losgesagt hatte und die ihr doch anhing, wie ihr Schatten ihr anhing und sich nicht abschütteln ließ.“

Dies ist die Wende in Ursulas Denken und Leben, denn nun beginnt sie selbst gegen die Nazis zu arbeiten. Die Gefahr, in der das Paar stetig schwebt, macht ihre Liebe letztlich nur noch stärker. Dass sie sich nur im Geheimen treffen können, belastet Ursula sehr. Zuhause hat sie es schwer, da ihr Bruder fanatischer Nazi ist. Als klar wird, dass Krieg kommt, meldet sich dieser sofort begeistert freiwillig. Kurz nach Kriegsbeginn kommt schon die Meldung seines Todes. Ursulas Geliebter hingegen verstümmelt sich selbst, um einer Einberufung zu entgehen. Als Arbeiter in einer Munitionsfabrik löst er als Sabotageakt eine Explosion aus, wird jedoch von den Nazis gefasst und verschwindet. Ursula verkraftet dieses Verschwinden nicht, bricht zusammen. Ein Jahr lang braucht sie, um wieder zu Kräften zu kommen, schwierig bei Kälte und Hunger der Kriegsjahre. Dann arbeitet sie weiter, tagsüber zur Tarnung in einem Büro, nachts im Untergrund, wie es sich der Geliebte im letzten Brief gewünscht hat. Die ungemalten Bilder all der erlebten Schrecknisse in ihrem Kopf bringen schließlich gegen Kriegsende, nachdem sie jahrelang keinen Pinsel mehr in der Hand hatte, ein Gemälde mit großer Ausdruckskraft zum Vorschein: Inferno nennt sie es.

„Denn der Künstler war Einzelgänger, davon war sie überzeugt, und er hatte nicht nur das Recht, schien ihr, er hatte die Pflicht es zu sein, weil es ihm auferlegt war, ein Vorläufer zu sein, ein Herold des Kommenden, der die Fahne der Wandlung entrollt und vorauseilt in noch unerschlossene Bezirke des Herzens und der Gedanken, ein Einsamer, der allein als Erster irgend eine Welt von Morgen betritt.“

Ein Leuchten!

„Inferno“ erschien im Literaturverlag Droschl, in dem auch glücklicherweise weitere Bücher der interessanten Autorin wieder aufgelegt wurden. Ein Nachwort von Vojin Saša Vukadinovic bietet Aufschlussreiches zu Hintergründen zum Werk und dessen Entstehen –
„Der Roman seziert den kollektiven Rausch, der die planmäßige Vernichtungspolitik getragen hatte; die einträchtige Erregung, die den reibungslosen Ablauf des Massenmordes noch befeuerte.“
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und weist außerdem auf die vielen vergessenen Autorinnen dieser Zeit hin. Ich wünsche dieser Autorin viele Leser*innen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen Wunderhorn Verlag

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Der Wunderhorn Verlag hat eine eigene Reihe für zeitgenössische Literatur aus Afrika, herausgegeben von Indra Wussow. Nach „Ma“ von Aya Cissoko ist dies nun der zweite Roman, den ich lese. Und ich finde diese Reihe wirklich besonders gut ausgewählt. Sie gibt hierzulande noch weniger bekannten Stimmen einen Raum.

„Der Legende nach kommen Geisterkinder, die es leid sind, rastlos zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hin- und herzuschweben, über Udala-Bäumen zur Ruhe. Dankbar, endlich irgendwo anzukommen, verhelfen sie jeder Frau, die sich, und sei es auch noch so kurz, unter einem Udala-Baum niederlässt, zu Fruchtbarkeit.“

Nigeria in den 70er Jahren. Es herrscht Bürgerkrieg. Unter den Udala Bäumen spielt eine Schlüsselszene des Romans von Chinelo Okparanta. Hier begegnet die Heldin ihrer zukünftigen Freundin Amina zum ersten Mal. Aus der Freundschaft der beiden jungen Mädchen entsteht eine körperliche Anziehungskraft, entsteht eine zarte erste Liebe. Was für die beiden 12-Jährigen selbstverständlich ist, treibt die Pflegefamilie zu strengen Maßnahmen, denn in der Region in Nigeria mit seinem strengen Katholizismus, ist das, was die beiden tun verboten, ja eine Todsünde, die man nur durch strenges Bibelstudium wieder wettmachen kann. Zudem sind beide auch noch aus unterschiedlichen, verfeindeten Ethnien, die eine Hausa, die andere Igbo. Man trennt die beiden Mädchen. Die Muslimin Amina bleibt bei der Familie, Ijeoma wird zurück zur Mutter geschickt, die sie während des Bürgerkriegs in eine sicherere Region gebracht hatte, nachdem bei einem Bombenangriff 1968 der Vater getötet und das Haus zerstört wurde.

„Ich hatte nicht die Geistesgegenwart zu lügen. Ich sah Mama in die Augen und nickte. „Ja, ich denke immer noch an sie“, sagte ich. Und „Ja, ich denke immer noch auf diese Weise an sie.“ Mama sprang auf, warf die Hände in die Luft und brüllte irgendwas von Gebeten und Vergebung. Sie zog mich am Kragen meines Kleides auf die Füße.“

Ijeoma beugt sich zunächst der strengen Mutter, die das was die beiden Mädchen taten, als ein „Gräuel“ bezeichnet, die laut Altem Testament von Gott nicht geduldet wird. Doch später im Internat kommen die beiden wieder zueinander, können sich aber nur heimlich begegnen. Bis Amina aus Angst vor Strafe beginnt sich Jungen zuzuwenden und schließlich nach Abschluss der Schule heiratet und aus Ijeomas Blickfeld verschwindet. Diese kehrt zur Mutter zurück und arbeitet in ihrem kleinen Gemischtwarenladen mit. Dort lernt sie die Lehrerin Ndidi kennen. Die beiden werden ein heimliches Paar. Alles geht hier nur heimlich. Wer als gleichgeschlechtlich Liebender erkannt wird, muss den Tod fürchten. Selbst vor Steinigung schrecken die gläubigen Katholiken nicht zurück. Ein als Kirche getarnter Treffpunkt für lesbische Frauen, wird enttarnt und viele Frauen fallen der willkürlichen Gewalt der „Sittenwächter“ zum Opfer.

„Orangeblaue Flammen. Sie stiegen von einem Haufen aus brennendem Holz auf. Ndidi begann zu weinen. Wir alle weinten jetzt, weil wir das Gesicht erkannt hatten oder vielleicht mehr das, was davon übrig war. Adanna lag mitten in dem Feuer und brannte.“

Eines Tages taucht im Laden der Jugendfreund von Ijeoma auf und umgarnt sie. Er ist auf der Suche nach einer Ehefrau und Ijeomas Mutter ist begeistert, ihre Tochter endlich unter die Haube zu bringen. So ganz verstehe ich als Leserin nicht, warum Ijeoma schließlich in die Ehe einwilligt, obwohl sie nicht ihn, sondern weiterhin Ndidi liebt. Vielleicht ist es auch nicht nachvollziehbar aus heutiger Zeit und europäischer Sichtweise, wie schwer es war diese Heimlichkeit und das Gefühl einer Schuld zu ertragen.

Es kommt, wie es kommen muss. Ijeoma fühlt sich in ihrer Ehe gefangen, wird depressiv, hat schreckliche Angst von Gott bestraft zu werden, wenn sie keine gute Ehefrau und Mutter ist, ihrem Mann nicht zu Diensten ist. Okparanta beschreibt dieses Dilemma, so im religiösen Glauben verhaftet zu sein mehr als eindringlich. Als Leserin spürt man den seelischen Schmerz und die Angst der Hauptfigur einschneidend und deutlich. Es braucht Zeit, sich davon zu lösen und das Wagnis der Trennung einzugehen …

Die 1981 geborene Nigerianerin Chinelo Okparanta, die seit ihrem 10. Lebensjahr in den USA lebt, hat einen, sprachlich wie inhaltlich, für mich sehr bereichernden Roman geschrieben. Solche Bücher öffnen den Zugang zu anderen Ländern, geben Einblicke in andere Lebenswelten und machen neugierig.

Der Roman wurde aus dem nigerianischen Englisch übersetzt von Sonja Finck und Maria Hummitzsch. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.