Tove Ditlevsen: Kindheit/Jugend/Abhängigkeit Aufbau Verlag

Alle sind begeistert von Tove Ditlevsens (1917 – 1976) autobiographischer Roman-Trilogie. Ich hatte mich sehr aufs Lesen gefreut, denn eine Gedichte schreibende Frau aus der Arbeiterklasse klang hochinteressant. Doch ich kann in den Begeisterungssturm gar nicht so sehr mit einstimmen. Der dritte Band gefiel mir letztlich am Besten, schien mir am Ausdruckvollsten. Inhaltlich ist die Geschichte durchaus interessant, als Zeitdokument eines Frauenlebens dieser Jahre und Einblick in die Reifung ins Schriftstellerinnendasein. Sprachlich haben mich die Bände aber ein wenig enttäuscht. In den abgedruckten Gedichtstellen sehe ich auch nicht die große Begabung, die Ditlevsen damals in Kopenhagen bescheinigt wurde.

Schon als Kind fühlt sich Tove anders als die anderen Kinder in der Siedlung, in der die Ärmeren Kopenhagens leben. Der Vater meist arbeitslos, aber lesend und gewerkschaftlich organisiert und politisch interessiert, die unzufriedene Mutter zuhause, die sie schlägt. Schon mit fünf lernt sie von sich aus Lesen und Schreiben. In der Schule ist sie sehr gut, aufs Gymnasium darf sie dennoch nicht. Sie tritt mit 14 also ihre erste Arbeitsstelle an. Und sie schreibt. Was mit einem Poesiealbum beginnt, mit dem Tagebuch weitergeht und schließlich zu Gedichten und längeren Texten führt. Immer wieder wird klar, wie wenig gebildet sie ist und wie sehr (und meist richtig) ihre Intuition sie leitet und antreibt. Mit 18 zieht sie aus – ein eigenes Zimmer, endlich. Oft sind es glückliche Umstände, Zufälle, Begegnungen mit passenden Menschen, aber auch der stete Drang schreiben zu wollen, die sie auf ihrem Weg voran bringen. Ein Schlüsselsatz ist für mich etwa dieser:

„Ich denke, dass Piet Hein nicht weiß, was es bedeutet, arm zu sein und fast seine ganze Zeit verkaufen zu müssen, nur um ein Auskommen zu haben. Ich hege viel mehr Sympathie für Halfdan Rasmussen, der klein, dünn und schlecht gekleidet ist und von Sozialhilfe lebt. Wir entstammen dem selben Milieu und sprechen dieselbe Sprache.“

Klingt die Erzählstimme im ersten Band sehr kindlich, im zweiten Band sicherer, scheint sie mir im dritten Band, der auch im Original später (1967/1971) als die beiden ersten erschien, gereift. Nach ersten Erfahrungen mit Männern und durch das durch eigene Arbeit relativ selbständige Leben, folgen nun in Band 3 Abhängigkeiten in der Ehe. Vier mal hat Ditlevsen geheiratet. In ihrer dritten Ehe (1945) mit einem Medizinstudent wird sie durch ein Medikament nach einem Schwangerschaftsabbruch abhängig. Obwohl dieser Mann ihr gar nichts bedeutet, ist sie abhängig von ihm, weil er die Drogen beschafft und ihr verabreicht. Anfänglich schreibt sie unter Drogeneinfluss wie im Rausch. Doch ihre Gesundheit verschlechtert sich in dieser Zeit enorm. Wie sie diese destruktive Zeit schildert, auch wie ihr Mann Carl zur gleichen Zeit eine Psychose bekommt, ist sehr stark erzählt. Hier zeigt sich auch am deutlichsten der Wunsch einerseits nach Unabhängigkeit, vor allem für ihr Schreiben und andererseits nach Sicherheit und Familie. Mit ihrer Sucht wird sie ihr Leben lang zu kämpfen haben, doch scheint ihr die letzte Ehe mit Victor und ihre Kinder einigen Halt gegeben zu haben. 1976 stirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten.

Die drei Bände erschienen im Aufbau Verlag. Übersetzt hat sie Ursel Allenstein.

I LOVE WOMEN IN ART Hrsg. Janine Mackenrodt/Bianca Kennedy

Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen an den Kunstakademien studieren – das war der Anlass für die beiden Künstlerinnen Janine Mackenrodt und Bianca Kennedy ein Buchprojekt zu starten, was ich mehr als hervorragend finde. Damit wollen die beiden auf die immer noch andauernde Unterpräsentation von Künstlerinnen im Kunstbetrieb aufmerksam machen. Das unterstütze ich gern und stelle das Buch heute zum Frauentag vor.

„Über 100 Kulturschaffende aus allen Bundesländern stellen in dieser Publikation je ein Kunstwerk ihrer ausgewählten Künstlerin vor. Wir hatten um Anekdoten, Erinnerungen an den ersten Kontakt mit dem Werk und persönliche Geschichten für ein Buch gebeten. das wir gerne selbst in unserem Buchregal sehen möchten“.

So schreiben die beiden Künstlerinnen in ihrem Vorwort. Und es ist wirklich gelungen. Großformatig auf bestem Papier gedruckt, lese ich von Künstlerinnen, die ich noch nicht kannte, entdecke Neues, was mich selbst für meine Kunst inspiriert oder begegne Kunstfrauen, deren Werk ich bereits kenne und liebe.

Es finden sich also sowohl Käthe Kollwitz, als auch Hannah Höch und Renée Sintenis, Lotte Laserstein und Jeanne Mammen. Maria Sibylla Merian, Meret Oppenheim, Gabriele Münter, Paula Modersohn-Becker, Unica Zürn und Anita Rée und die wunderbare Charlotte Salomon u.v.m.
(Bücher über Käthe Kollwitz, Anita Rée und Charlotte Salomon habe ich bereits hier auf dem Blog vorgestellt: einfach Namen anklicken)

Von den zeitgenössischen Künstlerinnen finde ich mir bekannte wie Rosemarie Trockel, Rebecca Horn, Mary Bauermeister, die großartige Miriam Cahn, Maria Eichhorn, die dieses Jahr in Venedig den deutschen Pavillon gestaltet, Katharina Grosse, von der es gerade eine große Ausstellung im Hamburger Bahnhof gab und die Fotographin Barbara Klemm.

 

Wunderbare Neuentdeckungen sind für mich etwa: Anni Albers mit ihrem 1936 entstandenen gewebten Bild „Ancient Writing“, Isa Dahl, deren Malerei „sonst“ von 2016 von Raum und Tiefe erzählt, Angela Glajcar mit ihrem 2017 entstandenen erstaunlichen Papierwerk „Terforation“, Judith Hopf, deren Arbeit „Erschöpfte Vase“ entstand, nachdem sie so etwas Altmodisches wie einen Töpferkurs besuchte, die 1929 in Gotha geborene Winifred Zielonka, die als Anthroposophin und Malerin in der DDR lebend, einen schweren Stand hatte. Und die Malerin Charlotte Berend-Corinth, die von einem so typischen Frauenleben an der Seite eines berühmten Künstlers zeugt, nie aber ihr eigenes künstlerisches Potenzial ausschöpfen konnte oder gar so erfolgreich wie ihr Ehemann Lovis werden konnte.

Jede Künstlerin wird mit einem ausgewählten Kunstwerk vorgestellt von einer Frau aus dem Kunstbetrieb, wie Kuratorinnen, Kunstkritikerinnen, Professorinnen, Direktorinnen und Galeristinnen. Die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte des Bildes oder die persönliche Entdeckungsgeschichte zu erfahren ist hochinteressant und weckt die Lust auf mehr. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung, einen zweiten Band?

Mehr über das Buch unter http://www.100womenartists.com.

 

Regina Dürig: Federn lassen Literaturverlag Droschl

Vielleicht passt es ja zur Zeit, dass ich mir gerade offenbar vor allem sehr dunkle Lektüre aussuche. Jedenfalls reiht sich „Federn lassen“ von Regina Dürig in diese Abfolge ein. Schon in der Vorschau wirkte es auffällig aufgrund seines besonderen Formats und auch wegen des kräftigen Schwarz/Weiß Coverbilds. Auch das Genre, dass als Novelle bezeichnet wird, gibt es ja nicht so häufig. Ich war gespannt.

Regina Dürig beschreibt eine weibliche Kindheit, Jugend, ein Erwachsenwerden und schließlich sein, in einzelnen Kapiteln, die immer einem Alter zugeordnet sind. Beginnend mit der Vierjährigen, endend im Alter von 38.

„Du bist vier
und spielst am liebsten

mit dir alleine
das beunruhigt deine Eltern
weil Kinder
doch so gerne
mit anderen Kindern
spielen
sagen sie“

Tatsächlich ist der Text in Versform gedruckt und da passt das Format ja gut. Aber ein Gedichtzyklus, wie ich erst vermutete ist es dann doch nicht. Dazu fehlt mir etwas. Doch eine Novelle ist es auch nicht wirklich, oder etwa doch?

  • Das zentrale Element ist immer eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe, 1827). Ins Neudeutsche lässt sich diese Begebenheit ganz gut mit „Skandal“ oder einem „außergewöhnlichen Ereignis“ übersetzen. Eine normale Alltagssituation ist folglich nie Inhalt einer Novelle. (Quelle: wortwuchs.net)

Was im Text geschieht, sind „unerhörte Begebenheiten“ und zwar im Wortsinn. Skandale sind es leider nicht. Und leider sind es vermutlich viel zu sehr Alltagssituationen, als es wünschenswert wäre.

  • Die erzählte Begebenheit ist unerhört, neuartig, außergewöhnlich oder auch in der Geschichte ungewöhnlich, aber eben berichtenswert und in der Erfahrungswelt des Lesers „neu“. Diese Begebenheiten widersprechen dem für wahrscheinlich gehaltenen Gang der Dinge und erscheinen folglich als ungeheuerlich. (Quelle: wortwuchs.net)

Das Buch hat bei mir sofort funktioniert. Wenn man es als Frau liest, springen einem in den einzelnen Kapiteln, jede Menge Szenen entgegen, die man im Leben selbst schon höchst unangenehm erlebt hat. Ist man dazu noch als Kind ein stilleres, in sich gekehrtes, womöglich hochsensibles Mädchen gewesen, kann man sich beinahe vollständig mit dem Inhalt identifizieren. So ist also für mich, der Inhalt nicht neu, allerdings auf jeden Fall berichtenswert und eigentlich ungeheuerlich. Denn passieren sollten diese Dinge in unserer heutigen reflektierten, emanzipierten Gesellschaft nicht mehr.

„Du bist fünf
und wirst

in die Pantomimegruppe
geschickt damit du
endlich mal aus dir
rauskommst
was wäre für den Fall
dass du in dir drinbleiben
willst dazu sagt
niemand was“

Dürig zeigt die Übergriffe – psychische und physische, sexuelle und emotionale – genau, sei es in der Kindheit, in der der „Teller leer gegessen werden muss“ oder Ablehnung herrscht, weil der neugeborene Bruder so viel „richtiger“ ist und später sich so viel mehr erlauben kann als das Mädchen. Die Anlehnung an die Gedichtform, die plötzlichen Zeilensprünge, die Zeit zum Durchatmen lassen, passen hier durchaus gut.

„Während
dein Bruder größer
und wacher wird und
lacht siehst du in den
Augen deiner Eltern wie
ein Kind sein sollte
ungestüm unerschrocken
nicht angefüllt mit
Fragen bis obenhin
ob es allen besser
ginge ohne dich
zum Beispiel“

Sei es als Teenager, Heranwachsende. Sei es das Mobbing in der Schule, das Nichtgewähltwerden beim Schulsport, der Arzt, der die Schmerzen als Verweichlichung verharmlost und belächelt.

„er rät dann
an deine Mutter gewandt
dass sie dich anmelden
sollte zu einem Mannschaftssport
mit rauem Körperkontakt
damit du lernst ein bisschen
Schmerz auszuhalten und
deine Wahrnehmung sich abhärten
kann am Wesen der Welt“

Seien es die Übergriffe der Jungs nach der Party, die Eifersucht und Beschuldigung der besten Freundin. Und schließlich als Frau, die immer wieder sexuellen Angriffen verschiedenster Art ausgesetzt ist, mit Chefs die im Konkurrenzwettbewerb immer die Arbeit von Männern vorziehen und das direkt so herablassend mitteilen, mit Männern „die ihr die Welt erklären“ oder wenn sie bei bestimmten hastigen Bewegungen die Hände schützend vors Gesicht hält, weil da eben oft genug schon Schläge kamen.

„ein Ratschlag von ihm
an dich als Mensch
weichliches Wesen das
die Natur als zu
umwerben vorgesehen hat
und das evolutionär nicht
fähig ist sich zu behaupten
in diesem Kreislauf aus Wettbewerb“

Das, was zwischen den Zeilen steht, das ist die Angst, die Scham, die Überforderung, die empfundene Wehrlosigkeit, aber später auch die Empörung und die Wut. Dabei ist es weder Klage noch Anklage, eher eine sehr nüchterne Betrachtung und gerade deshalb sehr wirksam. Regina Dürig ist Jahrgang 1982, also wesentlich jünger als ich, und ich hatte eigentlich gehofft, dass sich in diesen vielen Jahren wesentlich mehr beim Thema Gleichberechtigung getan hat. Dieses Buch ist schon aus diesem Grund wichtig, aber auch weil die Form, innere und äußere, tatsächlich dem ganzen eine größere Gewichtigkeit gibt und die gewählte Sprache das ganze trägt. Ein Leuchten!

„Federn lassen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben Kein & Aber Verlag

Die Redakteurin und Herausgeberin Ilka Piepgras versammelt in einem Band 23 Stimmen von Schriftstellerinnen, die über ihre Arbeit, ihr Schreiben erzählen. Es sind höchst unterschiedliche Beiträge, die die ganze Vielfalt der Literatur abbilden. Gleich eingangs kommt sie auf einen Essay der Autorin Anne Tyler zu sprechen, in dem diese gefragt wird, ob sie denn nun eine Arbeitsstelle gefunden habe oder immer noch nur schreibe. Da ich selbst schreibe, kenne ich solche Situationen nur allzu gut. Meiner Ansicht nach ist es typisch und gleichzeitig eben erschreckend, dass die Tätigkeit nicht nur von Autorinnen sondern auch von Künstlerinnen im Allgemeinen so in Frage gestellt und als Arbeit nicht anerkannt wird. Umso besser, dass es dieses Buch gibt, das aufzeigt, wieviel Arbeit das Schreiben ist.

Anne Tyler kenne ich noch aus meiner Zeit in der Buchhandelsausbildung. Inzwischen ist sie hierzulande auch sehr bekannt geworden mit ihren Familienromanen. Auch an Eva Menasses Debütroman „Vienna“ erinnere ich mich noch besonders gut. Sie erzählt hier von ihrer genauen Vorgehensweise beim Schreiben. Elif Shafak ist mir als in London lebende türkische Autorin, die sich auch hier mit ihrem Beitrag sehr für ein „Weltbürgertum“ und für Vielfalt statt Dualismus einsetzt, sehr sympathisch. Durch ihren Roman „Der Geruch des Paradieses“ lernte ich ihr Schreiben kennen. Ihre Reden, Essays und Bücher haben immer auch ein politisch/gesellschaftskritisches Ansinnen:

„Als Schriftsteller sind wir von Wörtern fasziniert, aber vielleicht noch mehr von den Stellen dazwischen. Von der Stille. Wir interessieren uns für die Dinge, über die wir in einer bestimmten Zeit nicht offen reden können. Geheimnisse, Tabus – gesellschaftliche, kulturelle, sexuelle Tabus. Ich habe immer das Bedürfnis, nach diesen Leerstellen zu fragen, neue Diskussionen zu eröffnen, den Rand ins Zentrum zu rücken; dem Sprachlosen eine Stimme zu geben, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“

Joan Didion wollte ich schon länger lesen. Ihr Text über ihre sehr intuitive bildhafte Herangehensweise ans Schreiben hat mich nun überzeugt, dass ihre Lektüre nun nicht mehr aufschiebbar ist. Siri Hustvedt geht es beim Schreiben immer auch um das spezifisch weibliche Schreiben. Auch ihre Essays beziehen sich oft auf die Sichtbarkeit und unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen. Ihr letzter Roman „Damals“ bezieht das Thema ebenfalls mit ein.

Mariana Lekys Bücher kannte ich schon bevor sie ihren Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ schrieb. In ihrem Beitrag erzählt sie humorvoll von ihren Schreibschulenerfahrungen in Hildesheim.

Nicole Krauss Schreiben wird viel von äußeren Begebenheiten beeinflusst und verwandelt. Interessant und literarisch gelungen sind die Ausführungen Kathryn Chetkovichs (Partnerin von Jonathan Franzen) über den Neid, wenn beide Partner schreiben. Und ganz großartig Zadie Smith über das Schreiben in der Ich-Form und über das Verwandeln von autobiographischem Schreiben in Literatur:

„Diese Art Literatur habe ich immer am Liebsten geschrieben und gelesen: eine, die sich in viele verschiedene Körper, viele verschiedene Leben einschleicht. Literatur, die nach außen blickt, hin zu den anderen.“

Die Herausgeberin hat wirklich eine schöne Vielfalt bei ihrer Auswahl geschaffen. Was ich allerdings sehr schade finde, ist, dass keine einzige Lyrikerin dabei ist. Seltsam, dass dieses Genre so selten mit einbezogen wird, dabei wäre die Herangehensweise an das Schreiben von Gedichten gerade hochinteressant.

Ich schließe mit einem Zitat, dass aus einem schriftlichen Interview von Sheila Heti mit Elena Ferrante (die ich in ihren Antworten wesentlich stärker finde als Sheila Heti in ihren Fragen) stammt:

„Gute Bücher sind überwältigende Bündel von Lebensenergie. Sie brauchen keine Väter, Mütter, Paten und Patinnen. Sie sind ein glückliches Ereignis innerhalb der Tradition und Gemeinschaft, die sie hütet. Sie haben eine Kraft, die in der Lage ist, sich ganz unabhängig in Raum und Zeit auszudehnen.“

Schreibtisch mit Aussicht erschien im Kein & Aber Verlag. Im Anhang finden sich Kurzbiographien zu allen Autorinnen. Die Übersetzerinnen werden im Anschluss an jeden Text genannt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Romane der Autorinnen im Buch, die ich bereits besprochen habe:

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/21/elif-shafak-der-geruch-des-paradieses-kein-aber-verlag/

Siri Hustvedt: Damals
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/

Terezia Mora: Die Liebe unter Aliens
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/11/terezia-mora-die-liebe-unter-aliens-luchterhand-verlag/

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/24/mariana-leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-dumont-verlag/

Leila Slimani: Dann schlaf auch du
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/09/08/leila-slimani-dann-schlaf-auch-du-luchterhand-verlag/

Meg Wollitzer: Das weibliche Prinzip
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/30/meg-wollitzer-das-weibliche-prinzip-dumont-verlag/

 

Sofia Yablonska: Der Charme von Marokko Kupido Verlag

„Die Macht der Eindrücke, Reize und Entdeckungen, diese Fülle und Kraft der Farben und Formen, viel lieber würde ich, statt Wort für Wort zu Papier zu bringen, alles fotografieren und Ihnen die Aufnahmen schicken.“

Die Ukrainerin Sofia Yablonska (1907-1971) war zunächst keine literarische Schriftstellerin. Sie war Fotografin und Dokumentarin. Dieses Buch hätte es womöglich gar nicht gegeben, wenn Yablonska damals schon die Möglichkeiten des WorldWideWeb gehabt hätte. Sie hätte einfach ihre Aufnahmen auf Instagram geteilt. Sofia Yablonska wurde aber 1907 geboren und ihr Buch über ihre Marokkoreise von 1929 erschien 1932. Es ist eine Art Reisetagebuch, dem man die große Begeisterung der Autorin anmerkt. Sehr subjektiv sind die Eindrücke und oft gerade deshalb auch berührend. In dieser Zeit als Frau alleine auf Reisen zu sein, war durchaus ungewöhnlich und das merkte Yablonska auch immer wieder in ihren Begegnungen. Mit großer Offenheit und Neugier lässt sie sich auf mitunter abenteuerliche Aktionen ein und erzählt lebhaft davon.

Die Reise beginnt mit dem ersten Ziel Marseille und von dort aus geht es mit dem Schiff nach Marokko. Von der Überfahrt erzählt sie uns nichts. Doch wie Yablonska selbst, werden wir Leser in die Flut der ersten Eindrücke von Marrakesch geschickt. Offenbar hat sie ein Zimmer gemietet und sich zur Erholung auf dem Dach des Hauses im Schatten eines Strohdachs einen Liegeplatz gebaut. Von dort aus wird sie die Blicke schweifen lassen und ihre Erlebnisse notieren.

So erfahren wir von den Farben, den Gerüchen, Geräuschen und dem besonderen Licht. Yablonska schwärmt von den Menschen auf den Märkten, den Feuerschluckern, den Märchenerzählern, den Heilern, den Schlangenbändigern und den Tänzern.

In einem sehr ausführlichen Kapitel berichtet sie von ihrer Begegnung mit einem reichen einheimischen Mann, dem Kaid. Er will nicht glauben, dass sie eine Frau ist, weil sie im Kaffeehaus mit einem französischen Bekannten Schach spielt. Für ihn ist so etwas für Frauen undenkbar. Als sie ihn dann beim Schach sogar besiegt, erhalten die beiden eine Einladung in den Palast. In der Figur des Bekannten Manrier zeigen sich stark die Ressentiments der Kolonialherren gegenüber den Einheimischen. Doch der Kaid wird zum Bewunderer Yablonkas, spricht perfekt Französisch und zeigt ihr sogar seinen Harem, zu dem normalerweise nie jemand Zutritt erhält. Und er diskutiert mit ihr sogar über Politik und über beider Heimatländer.

Ein weiteres spannendes Kapitel führt Yablonska durch die Wüste über Taroudant bis ans Meer nach Agadir und in die unbesetzten Gebiete der Berber in der Wüste. Ein bekannter Chauffeur nimmt sie im Auto mit, zusammen mit einem Araber und seinen zwei Frauen. Yablonska ist hier ihre Abenteuerlust stark anzumerken.

„War das womöglich mein letzter Tag in Freiheit? In Gegenden, in denen die Franzosen ihre Trikolore noch nicht gehisst haben, in die sie mit ihren Truppen noch nicht einmarschiert sind, verüben die freien Araber Racheakte an glücklosen Abenteurern, die ihnen, getrieben von Neugier oder Leichtsinn, in die Hände fallen.“

Und tatsächlich gibt es dann auch brenzlige Situationen, da beide die Hitze und Sonne stark unterschätzen. Es drohen Wassermangel und Hitzschlag, doch Yablonska übernimmt das Steuer selbst und schafft es aus der Wüste in die rettende Oase. Später erfahren beide, wieder erholt, die legendäre Gastfreundschaft der Bevölkerung und gewinnen Freunde.

Ein besonderer Blick liegt auch immer auf den Frauen. Die Reisende erzählt begeistert von der Schönheit der Frauen, die jedoch zumeist verschleiert sind. Sie bemerkt jedoch auch, welches Schicksal die Frauen überwiegend tragen, wenn sie etwa wie eine „Frau“ des Kaid bereits mit 12 Jahren verheiratet werden und fortan dem Mann dienen müssen. Einzig die Berberfrauen erkennt sie als stolzer und freier.

In ihrem Nachwort erfahren wir von Olena Haleta mehr über Sofia Yablonska und ihr Leben. Sie wurde 1907 in der Nähe von Lwiw geboren. Die Familie wurde mehrmals vertrieben und Sofia entging diesem Schicksal später, in dem sie von selbst mal hier mal dorthin reiste. Sie war in einer galizischen Frauenbewegung engagiert und veröffentlichte Reisereportagen in Frauenzeitschriften. Um Geld für ihre Reisen zu verdienen, leitete sie zwei Kinos, betrieb später eine Pension. Sie lebte und studierte einige Zeit in Paris. Ihre Reisen führten sie auch überwiegend in französischsprachige Räume. Ihre Unabhängigkeit ist stellvertretend für ein neues Frauenbild. Auch die Liebe und die Zweierbeziehung stellte sie dafür zunächst zurück. Später lebte sie mit ihrer Familie in Frankreich. Sie starb 1971 bei einem Autounfall.

Auf ihren Reisen blieb sie nie oberflächliche Touristin, sondern wollte tatsächlich den Menschen und ihrer Lebensweise begegnen und die Eigenheiten des Landes kennenlernen. Als Hilfe dient ihr dazu auch ihre Kamera und ihr echtes tiefes Interesse. Yablonska reist später noch viel im asiatischen Raum, in China verbringt sie gar 15 Jahre. Hier entstehen zwei Reisetagebücher, veröffentlicht 1936 und 1939, die im Anschluss an dieses Buch zur Veröffentlichung in deutscher Sprache im neuen Kupido Verlag in Vorbereitung sind.

Die Übersetzerin Claudia Dathe übertrug das Buch aus dem Ukrainischen. Herausgegeben hat es Roksolana Sviato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ava Farmehri: Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen Edition Nautilus

Bereits der Buchtitel weißt auf die Geschehnisse in diesem Roman hin. Er ist einer Zeile aus Dante Alighieris Inferno nachempfunden. Und tatsächlich geht es hinein in die Düsternis, ins Gefängnis und ins Gefangensein in einer unfreundlichen Welt. Ava Farmehri (der Name ist ein Pseudonym) stammt aus dem Nahen Osten und lebt in Kanada. So spielt die Geschichte des Buches auch im Iran.

„Sie werden mich töten.
Mein Prozess hat drei Wochen gedauert. Und ich habe noch Glück, manch unglückliche Seele wartet jahrelang, nur um am Ende dieselbe Nachricht zu erhalten. […] und so kam die zügige Entscheidung nicht überraschend. Jedenfalls nicht für mich. Schließlich ist das hier Iran.“

Mit diesen Zeilen beginnt der Roman und die, die man töten, die man hängen wird, ist die zwanzigjährige Sheyda. Im Gefängnis wird sie mit Gewalt vor allem gegen Frauen konfrontiert. Und sie reflektiert ihre Geschichte. So erfahren wir Leserinnen, wie es zu dem Mord an ihrer Mutter, den sie ohne zu Zögern gestand, kam. Das ist hochspannend und in einer Sprache geschrieben, die melodiös und poetisch ist und in einer Schönheit, die sehr im Kontrast zum Inhalt steht.

Am ersten Tag der Islamischen Republik 1979 wird auch Sheyda geboren. Die Eltern, noch vom Schah beeinflusst, müssen sich plötzlich von ihrem freien Leben verabschieden und sich einer religiösen Regierung unterordnen. Sheyda, deren Eltern heirateten, weil die Mutter mit ihr schwanger war, spürt von Anfang an, dass ihr Leben nicht stimmig ist. Als Kind tanzt sie den Erwachsenen auf dem Kopf herum, lügt und bleibt ungezähmt, allerdings auch immer Außenseiterin im Gleichaltrigenkreis. Bereits als junges Mädchen verliebt sie sich unsterblich in den wesentlich älteren Sohn der Nachbarin. Als dieser Selbstmord begeht, will sich auch Sheyda das Leben nehmen, wird jedoch gerettet. Etwas ist fortan zerbrochen und unheilbar. Lange Zeit bleibt sie Bettnässerin. Die Eltern schleppen die Tochter zum Psychiater. Dort wird sie lange bleiben, jedoch nur selten die Wahrheit erzählen. Als der Vater bei einem Unfall stirbt, erfahren Mutter und Tochter, dass dieser ein Doppelleben mit einer anderen Frau führte und ihnen außer dem Wohnhaus nichts hinterlassen hat. Sheydas Verhältnis zur Mutter wird dadurch nicht besser. Die Mutter zerbricht fast vollkommen daran. Beginnt sich zu vernachlässigen und das Haus nicht mehr zu verlassen. Die Tochter ist bald auf sich allein gestellt.

„Die Stille war das wahre Grauen, die größte Gefahr für meine Psyche. Die Stille zwingt dich, den Blick von der Welt abzuwenden und ihn nach innen zu richten auf deine zerstörte, verrottete Seele, auf das Wrack, zu dem dich das Leben gemacht hat.“

Als älterer Teenager hat Sheyda eine Affäre mit dem verheirateten Lehrer. Später beginnt sie ein Studium, arbeitet nebenher in einer Buchhandlung, versucht sich freizuschwimmen, sich durch Lesen und Bildung aus ihrer Rolle zu befreien. Sie hat immer wieder Beziehungen, die meist nicht lange andauern, denn für Sheyda ist es schwer, einem Menschen tatsächlich zu vertrauen, dabei ist sie auf der Suche nach Nähe und Liebe.

„Bewacht wurden wir von Frauen. Jungen, hässlichen, erbarmungslosen Frauen. Ich hatte vorher nicht gewusst, zu welcher Grausamkeit Frauen fähig waren, vor allem gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen. […] Es fühlte sich wie Verrat an. […] Warum zerfleischen wir uns gegenseitig? Wir sind doch alle Opfer dieses Landes, dieser Welt. Alle Frauen innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern, wir alle sind Opfer der Männer und ihrer männlichen Götter!“

Farmehri lässt ihre im Gefängnis sitzende Heldin immer wieder zwischen Mut und Verzweiflung schwanken, immer wieder zwischen Haftalltag und Erinnerungen hin und her pendeln. Ein Besuch zweier Verwandter kurz vor dem Hinrichtungstermin wirft plötzlich eine neue Perspektive auf die Schuld der jungen Frau. Wie war das wirklich mit dem Tod der Mutter?

Es ist ein Roman mit dunkler Atmosphäre, der in seiner bildhaften Sprache gerade das Bittere der Geschichte zeigt. Die tragische Heldin ist, so wie viele Frauen im Iran, auch außerhalb des Gefängnisses kaum frei. Sie muss sich traditionellen Rollen, die von der Religionspolizei streng überwacht werden unterwerfen. Sie ist nicht immer sympathisch, doch kommt sie einem sehr nah, so dass man auch mit dem Schluss des Romans hadert. Und doch muss es so enden – „Die Freiheit“ – so die letzten Worte.

Das Buch erschien in der Edition Nautilus. Es steht auf dem 1. Platz der Litprom-Bestenliste Weltempfänger Winter 2020. Aus dem Englischen von Sonja Finck. Eine Leseprobe gibt es hier. Dunkles Leuchten!

Deniz Ohde: Streulicht Suhrkamp Verlag

„Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Diese Zeilen aus Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ zeigen auf, wie und wo die Hauptfigur mit den zwei Vornamen aufgewachsen ist. Es ist ein Stadtteil von Frankfurt am Main, direkt neben den großen Chemiefabriken der Firma Höchst gelegen. Der Vater arbeitet dort im Schichtsystem, die Mutter geht putzen. Es ist ein Arbeiterhaushalt, in dem es nicht selbstverständlich ist, dass die Tochter aufs Gymnasium geht, später studiert. Im Gegenteil, sie wird immer wieder auf ihren Platz verwiesen, vom eigenen Vater, aber auch von Lehrern, gar Freunden. Dass sie mit so wenig Unterstützung als schüchterne, immer stiller werdende Person zum Scheitern verurteilt ist, glaubt sie meist selbst.

„Du tauchst immer so aus dem Nichts auf“, hat Sophia oft zu mir gesagt, und ich habe gelächelt, als wäre mein Lautlosigkeit eine charmante Eigenschaft und nicht Ausdruck einer erlernten Überlebensstrategie.“

Irgendwie gelingt es dann auf Umwegen aber doch. Das Abitur, das Studium. Und das Irgendwie hat mit doppelter Anstrengung zu tun, weil allzu viele Vorurteile den Weg verzögern. Fortan heißt es, immer erklären zu müssen, warum es diese „Brüche“ gab. Dass die Hauptfigur sogar von Freunden wenig Unterstützung bekam und auch so gut wie alle Lehrer die stillen Hilferufe nicht sahen, dass es auch ein Hindernis war, einen nicht geläufigen Vornamen zu haben, der sicher von der türkischstämmigen Mutter herrührte, all das lässt das Mädchen nicht ohne Verwundungen zurück.

Wie sich gegen etwas wehren, wenn man nie vorgelebt bekommt, wie sich wehren, für sich einstehen geht? Wenn der Vater sich so in sein Schicksal fügt, keine andere Lebensweise kennt, als die, die noch von der Zeit herrührt, als „wir zweimal ausgebombt wurden“.  Ein Vater, der keinen Besuch zulässt, weil die Familie etwas geschlossenes ist. Ein Vater, der trinkt, im Chaos versinkt, weil er hortet, nichts wegwerfen kann. Die Mutter, die auszuhalten versucht und sagt „du hast Glück, immerhin schlägt er nicht.

Die Geschichte ist überwiegend chronologisch mit einigen Abweichungen und Unklarheiten von der Kindheit bis zum Studium erzählt. Es ist meist eine sehr geradlinige Sprache, mitunter von bildhaften Szenen durchzogen, vor allem dann, wenn es um Reflexion oder die Erinnerung geht. Der Roman beginnt mit der Ankunft im Heimatort, ein Besuch aufgrund der Hochzeit der Jugendfreunde und hier finden sich gleich diese Sätze, die so beispielhaft sind:

„Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht.“

Deniz Ohde hat einen für alle wichtigen Roman geschrieben, der mich an meine Grenzen brachte, weil mir die Geschichte sehr nah kam, weil mir vieles darin bekannt vorkam. Deshalb ist die Besprechung diesmal auch etwas kürzer als gewohnt; es finden sich nicht mehr Worte. Was nicht heißt, dass dieses Buch nicht gelungen wäre, ganz im Gegenteil. Für manche Leser wird es inhaltliches Neuland sein; gerade jenen lege ich diese so direkt und tief erzählte Geschichte sehr ans Herz.

Sie erhielt für diesen Roman den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020. Ich freue mich, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Streulicht erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karine Tuil: Menschliche Dinge Claassen Verlag

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Auch in ihrem neuen, wieder sehr gelungenen Roman (mit einem ziemlich schönen Cover) beschäftigt sich die Französin Karine Tuil, wie schon im vorigen „Die Zeit der Ruhelosen“, wieder mit der Klassen-Gesellschaft, mit der immer größer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen privilegiert und prekär. Wenn man nur noch von Erfolg und Macht getrieben wird, wenn man Aufstieg und Konkurrenzkampf der Menschlichkeit vorzieht, wenn man nur noch mithilfe von Aufputschmitteln die Arbeitswelt überstehen kann, wenn Eltern wegen ihrer Karriere oder der eigenen Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen, dann läuft grundlegend etwas falsch.

Anhand einer Pariser Familie aus gehobenem Milieu zeigt Tuil auf, wie es gehen kann, wenn man seinen Aufstieg in die  bessere Gesellschaft um jeden Preis erhalten will, wenn man nicht mehr von der Macht seiner Position lassen kann. Das Ehepaar Claire und Jean und ihr Sohn Alexandre werden in den ersten Kapiteln vorgestellt. Claire, über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ist als feministische Journalistin erfolgreich tätig. Jean hat sich aus dem Präkariat hochgearbeitet, ist als Fernseh-Moderator trotz seines Alters immer noch angesagt, neuerdings mit dem Ehrenorden vom Präsident ausgezeichnet, obwohl die jüngeren, innovativen bereits um seinen Posten Schlange stehen. Der 21-jährige Sohn Alexandre geht auf ein Elite-College in den USA. Dass dieses Familiengebilde brüchig ist, merkt man schnell.

Claire verlässt ihren Mann, weil sie sich in einen so ganz anderen Mann verliebt. Jean lebt ohnehin mit einer anderen Frau ein Doppelleben. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Weil seine ältere Geliebte ihm den Laufpass gab, treibt er sich bei einem Aufenthalt in Paris aus Frust auf einer Party seiner früheren Freunde herum und konsumiert Alkohol und Drogen. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung.

Karine Tuil schaut ganz genau hin. Es gelingt ihr ihre Figuren zu demaskieren und einen Blick hinter die Fassaden zu werfen. Sie greift in ihrem Roman aktuelle Themen auf wie die Me Too-Bewegung, den Weinstein-Prozess und die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Sie schildert die einzelnen Schritte des Prozesses gegen den der Vergewaltigung angeklagten Alexandre vor dem Schwurgericht sehr genau.

„Nach vier, fünf Prozesstagen gelangte sie zu der Überzeugung, dass man den Zustand einer Gesellschaft an deren Tribunalen und den dort verhandelten Fällen ablesen konnte. Das Rechtswesen offenbarte den schicksalhaften Verlauf von Biografien, die sozialen Bruchstellen, das Scheitern der Politik – all das, was der Staat im Namen der nationalen Einheit gern unter den Tisch kehrte, …“

Sie erzählt davon, wie lange sich so ein Verfahren hinzieht, wie schwer es ist für die junge Frau, die aus einer sehr religiösen jüdischen Familie kommt, noch nach Jahren die Tat in der Öffentlichkeit wieder ausführlichst schildern zu müssen. Dabei blendet sie das Dilemma der Eltern, vor allem das von Claire nicht aus. Wie verhalte ich mich als Elternteil? Wie verhalte ich mich, wenn es um das eigene Kind geht? Wie verhalte ich mich im Zwiespalt als emanzipierte Frau und Mutter? Jean hingegen versucht im Prozess die mutmaßliche Tat seines Sohnes als ein Kavaliersdelikt zu beschönigen. So zeigt Tuil auf, wie sehr Unterschiede in der Lebensform auch die Sichtweise auf eine sexuelle Gewalttat beeinflussen. In einem ganz anderen Umfeld und in einem anderen Stil hat dies bereits auch Bettina Wilpert in ihrem empfehlenswerten Roman „Nichts, was uns geschieht“ getan.

Zugegeben, das Ende gefällt mir nicht. Ich finde es tatsächlich enttäuschend, dass die Klägerin die einzige ist, bei der die Autorin keinen kurzen Blick in die Zukunft wirft. Andererseits ist sie auch keine der Hauptfiguren und wurde auch nie ausführlich in den Roman eingeführt. Aber vermutlich ist sie es, die am schwersten weiterleben wird. Auch Claire hat Probleme mit dem Leben nach dem Prozeß. Die, die recht schnell wieder vorne mit schwimmen, sind die beiden Männer, Sohn und Vater.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „letteratura“ und „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Anna Burns: Milchmann Tropen Verlag

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Anna Burns Roman „Milchmann“, für den sie 2018 den Man Booker Prize erhielt, hat mich in meine eigene Kindheit in den 70er Jahren versetzt. Nicht nur wegen dieses überwachten und traditionsbehafteten Aufwachsens, sondern auch weil ich mich selbst an Nachrichten erinnere, in denen der bürgerkriegsartige Nordirlandkonflikt (1969 – 1998) ständig präsent war. Ich wunderte mich dann immer, wie es sein kann, dass man die „falsche“ Religion (katholisch vs. protestantisch) haben kann, wenn man doch an denselben Gott glaubt. Und vor allem, wie man sich in seinem Namen gegenseitig bekriegen kann. Leider ist es ja bis heute so, zwar nicht mehr in Nordirland, aber anderswo. Und oft geht es um weit mehr als die Religionszugehörigkeit.

Anna Burns hat einen historischen politischen Roman geschrieben und einen, in dem irgendwie auch eine Emanzipationsgeschichte mitklingt. Sie zeigt, dass es eigentlich immer die Frauen sind, die „die Welt retten“ oder sie zumindest am Laufen halten. Die Frauen, die es hier in dieser Geschichte gegen jedes Macho-Gehabe schaffen, Familien mit vielen Kindern zu versorgen und zu ernähren, oft ohne einen Mann, da er entweder im Gefängnis sitzt oder gar bereits aus politischen Gründen ermordet wurde oder als verschollen gilt. Die meisten sind alles andere als emanzipiert und in ihrer Geschlechterrolle gefangen, aber es gab eben doch immer wieder einzelne, die es geschafft haben, das Bewusstsein der anderen zu wecken und aus dem jahrzehntelangen Albtraum der kriegerischen Auseinandersetzungen und den damit verbundenen vorgegebenen Einschränkungen auszubrechen und es schrittweise anders zu machen als üblich.

„Mit achtzehn wusste ich noch nicht, was unerwünschte Annäherung war. Ich hatte ein Gefühl, eine Intuition, eine unwillkürliche Abneigung gegen manche Situationen und Menschen, aber mir war nicht klar, […] dass es mein gutes Recht war, nicht jeden Dahergelaufenen zu mögen, dass es mein gutes Recht war, nicht auf ihn einzugehen, wenn er sich mir näherte.“

Die Autorin hat eine stimmige, mitunter durchaus komische Art gefunden, diese Geschichte zu erzählen. Alle Protagonisten sind namenlos, auch die 18-jährige Heldin, aus deren Sicht berichtet wird. So gibt es dann eben den „Milchmann“, „Vielleicht-Freund“, „Schwager Drei“, „Tablettenmädchen“ und „Irgendwer McIrgendwas“.  Sie lebt mit Mutter und drei kleineren Geschwistern „Kleine Schwestern“ zusammen. Die älteren Geschwister sind aus- oder weggezogen, der Vater tot. Gleich am Anfang lernen wir eine Macke der Heldin kennen, die sie schließlich auch auf die Liste der auffälligen Personen in ihrem Wohnbezirk gebracht hat: Sie liest im Gehen dicke Bücher, zumeist Klassiker des 19. Jahrhunderts. Sie geht gerne zu Fuß und sie joggt gerne und das weiß auch der „Milchmann„, der ihr immer wieder auflauert. Das schlimme daran ist für die Heldin seine subtile Manipulation, dass er scheinbar zunächst nichts wirklich von ihr will, sie kaum ansieht, auch nicht berührt, aber alles über sie weiß und unterschwellig Bedrohung und Tücke ausstrahlt. Und: diese Begegnungen schüren die Gerüchteküche. Etwas was zu dieser Zeit in diesem Umfeld die Wahrnehmung einer Person bestimmt.

„Die skandalöse Milchmannaffäre hatte sich explosionsartig verbreitet, sie grassierte wie wild, war der absolute Renner, und deswegen, wegen der Häufung der Grenzüberschreitungen, fühlte ich mich mehr und mehr in Inkohärenz und Ohnmacht gedrängt.“

Burns erzählt so, wie man eine Geschichte vielleicht mündlich erzählen würde. Sie schweift ab, kommt vom Hundersten ins Tausendste und findet irgendwann viele Seiten später wieder den roten Faden. Das fordert von Lesern höchste Aufmerksamkeit. Und auch die sehr fremd anmutenden Hierarchien dieser Lebensgemeinschaften aufgeteilt in Bezirke, Niemandsland (die Zehnminutengegend)

„Sie sagte, sie sei in „einer Viertelstunde und zehn Minuten“ da, was fünfundzwanzig Minuten bedeutete, was verständlich war, denn die Zehnminutengegend war so trostlos und unheimlich, dass niemand sie in seine normalen Berechnungen einbeziehen wollte.“

oder gefährlichen Zonen, die Zugehörigkeit zu Paramilitärs, Sympathisanten oder Regierungstreuen, das komplette Ausgrenzen von „denen auf der anderen Seite der Grenze“ oder gar „der See“ und das furchtbare Misstrauen jedes Einzelnen gegen den Anderen, macht dieses Buch zu einem höchst komplexen Unterfangen. Was meiner Meinung nach absolut gelungen ist. Mich hat das Buch nicht losgelassen, obwohl augenscheinlich nichts Spektakuläres passiert.

Erst gegen Schluss scheint sich etwas neu zu sortieren und vor allem in der Familie der Heldin in Gang zu kommen. Vergangene Ereignisse gelangen ans Licht und lösen lange währende Ungereimtheiten auf. Männerrollen dürfen sich verändern. Frauen wachsen an schwierigen Ereignissen und Kinder tanzen auf der Straße. Und manches bleibt auch gleich, hat sich bewährt und vielleicht bis heute nicht verändert … wenig hört man heutzutage noch von Nordirland. Mir hat dieser Roman in all seiner Eigenart und Fülle sehr gefallen. Ein Leuchten!

Der Roman der 1962 in Belfast geborenen Autorin erschien im Tropen Verlag. Übersetzt hat es Anna-Nina Kroll. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.