Cynthia Häfliger: Fremde Blicke Graphic Novel Kunstanstifter Verlag

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Aus dem Kunstanstifter Verlag habe ich schon so einige schöne Bücher gelesen und bewundert. „Fremde Blicke“ von der 1994 geborenen Schweizerin Cynthia Häfliger führt uns in die Welt einer psychischen Erkrankung. Die Autorin und Illustratorin zeichnet beeindruckend und stimmig eine Welt, die von Realitätsverlust geprägt ist. Ich finde es gut und wichtig, dass sich die Literatur und die Kunst, auch gerade in dieser Form, mit Erkrankungen wie in diesem Fall einer Psychose beschäftigt. Das Thema Psychische Krankheit wird noch viel zu oft unterdrückt und die Betroffenen stigmatisiert. Da der Text sehr knapp gehalten ist, muss man genau schauen und lesen, um die Geschichte verfolgen zu können. Für Menschen, die sich mit der Thematik bereits befasst haben, ist es leichter. Für andere dennoch ein guter Einstieg.

In dieser Graphic Novel gibt es wenig Text, dafür umso tiefer wirkende Bilder. Sie sind immer dann besonders stark, wenn die Not der Hauptfigur am größten ist. Zuerst fällt mir auf, dass nirgends schwarz oder grau verwendet wird, wie es beispielsweise bei Illustrationen von Depressionen oft benutzt wird. Obwohl auch hier dunkle Phasen herrschen, werden sie sehr eigen und sehr stimmig interpretiert.  Sobald es im Verlauf der Geschichte schwieriger wird, werden auch die Farben „härter“, die Stiftspuren deutlich sichtbar. Vorherrschend sind die Farben Blau, Grün, Rot, Gelb in ihren Nuancen, durch Verwässerung oft farblich abgeschwächt bzw. verfeinert. Aus rein persönlichem Künstlerinteresse hätte mich noch interessiert, mit welchem Material die Bilder gemacht wurden, habe aber keine Angaben dazu gefunden. Ich vermute das vor allem Buntstift, Aquarell- und/oder Ölkreide verwendet wurde.

Die Geschichte wird, denke ich, aus Sicht der Schwester des Protagonisten Lars erzählt. Es beginnt mit einer ganz normalen Familie, Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Die Kinder sind altersmäßig nicht so weit entfernt und verstehen sich gut. Lars ist wenig auffällig, bis er zum Studium von zuhause aus- und in eine andere Stadt zieht. Beim ersten Besuch zuhause, fällt den Eltern auf, dass Lars sich seltsam verhält und er sich beobachtet oder verfolgt fühlt. Nach kurzer Zeit zieht er deshalb auch wieder zu Hause ein. Doch auch hier geht es weiter, Lars will die Kaffeebohnen nicht für seinen Kaffee, sie könnten vergiftet sein, der Nachbar, der gegenüber Rasen mäht ist plötzlich böse. Wenn die Eltern versuchen zu verstehen und zu intervenieren, rastet Lars immer öfter aus. Die Schwester recherchiert die Symptome und zusammen mit den Eltern wird klar, dass Lars besser zum Arzt gehen müsste, um die Situation zu klären und um professionelle Hilfe zu bekommen. Als Lars das mitbekommt, verschwindet er.

Hier wird auch gut aufgezeigt, was das ganze mit der Familie macht. Alle sind unsicher, besorgt, können sich schlecht auf den Alltag konzentrieren, die Mutter sucht die Schuld bei sich. Lars taucht nach Tagen wieder auf, sieht aber für sich keinen Handlungsbedarf, da für ihn alles Realität ist, was er in seiner Psychose erlebt. Diese Diagnose erhält er schließlich in der Klinik, in die die Eltern ihn notgedrungen bringen. Über den Klinikaufenthalt und die Behandlung erfährt man nichts. Hier stehen auch wieder die Angehörigen im Fokus. Es braucht Wochen, bis Lars wieder den Kontakt nach draußen sucht und zuhause anruft. Beim ersten Besuch versucht er den Eltern und der Schwester zu vermitteln, was in ihm vorging. Doch das bleibt schwierig. Denn das ganze Ausmaß ist vermutlich nur zu verstehen, wenn man selbst in der Situation ist. Dennoch kommt die Familie wieder in einen stabileren Rhythmus, als Lars Wochen später nach Hause entlassen wird. Es bleibt schwierig, aber nicht unmöglich, dieses neue Zusammenleben …

Cynthia Häfliger ergänzt ihr Buch am Ende mit Adressen, bei denen man Hilfe holen kann, wenn man selbst oder als Angehöriger von dieser Krankheit betroffen ist. Das finde ich eine richtig gute Idee. 

Das Buch erschien gerade im Kunstanstifter Verlag. Mehr darüber hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Weitere Bücher aus dem tollen Verlag, die ich hier bereits besprochen habe:

Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag

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