Poesie als Sprache der Freiheit – Lyrik aus Litauen

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„Von Vater und Mutter wurde ich 1936 zum Leben angeworben.
Jene Beziehung habe ich seitdem nicht unterbrochen,
besonders die geheime, welche zuweilen die Poesie preisgibt.“

aus dem Gedicht „Antwort auf einen Loyalitäts-Fragebogen“ von Marcelijus Martinaitis aus der Anthologie „Vierzehn litauische Autoren“

Litauen ist dieses Jahr das Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse. Ich las soeben das Buch „Das weisse Leintuch“ von Antanas Škėma aus dem wunderbaren kleinen Guggolz Verlag, eine Wiederentdeckung aus dem Jahr 1958. Sofort war ich fasziniert. Ein großartiger Roman! Die Hauptperson des Romans ist selbst Dichter und schöpft aus einem reichen Vorrat an Liederschatz und Sagen, Märchen- und Mythenwelt aus der mehr als wechselhaften Geschichte Litauens. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es auf fixpoetry.

Und so machte ich mich auf die Suche nach Litauens Lyrikern:

Alles begann wohl mit Kristijonas Donelaitis (1714-1780), einem Pfarrer, der mit seinem Hauptwerk „Metai – Jahreszeiten“ den Grundstein zur weltlichen litauischen Dichtung und Schriftsprache legte.

Johannes Bobrowski (1917 – 1965) sei gleich eingangs erwähnt. Er ist relativ bekannt und hat, in Tilsit geboren und später in Ostberlin lebend, sowohl in Ost und West veröffentlicht. In seinen Gedichten nimmt er immer wieder Bezug auf seine Heimat. Bekannt wurde er mit seinem ersten Band „Sarmatische Zeit“(siehe Gedicht unten) aus dem Jahr 1961. Gerade ist eine Gesamtausgabe mit über 700 Seiten neu erschienen: „Gesammelte Gedichte“ DVA.

Litauische Lieder 

Nachts, tieräugig, ein Strauch
bin ich, ein Baum am Tag,
ein Wasser im Mittagsschatten,
unter der Sonne das Gras.

Oder um den Abend
eine Kirche am Berg, wo der Liebste
aus und ein geht, ein weißer
Priester, und Lieder singt.

Durch die Welt
lieb ich ihn, der Mondstrahl
muß ich sein um die Tür,
um das Haus im Fichtendunkel.

Einst flieg ich auf
mit der Laubvögel Sprüche im späten
Jahr, wenn ihr Herz,
ein Hagelkorn, weiß ist.

(aus Sarmatische Zeit)

Eine schöne Entdeckung ist die zweisprachige Anthologie „Vierzehn litauische Poeten“ aus dem Athena Verlag, 2002 bereits erschienen, die es leider nur noch antiquarisch gibt. Sehr schade, dass der Verlag keine Neuauflage anbietet, gerade jetzt zum Buchmessethema Litauen wäre das sinnvoll gewesen. Die Anthologie bietet einen schönen kleinen Überblick über die Lyrik Litauens, die stark im Land verwurzelt ist. In Zeiten unter der Sowjetmacht, war Lyrik oft in der Tat eine Sprache der Freiheit, barg sie doch einige Möglichkeiten der Verschlüsselung unter der Verwendung von allerlei Metaphern. Vom 1917 geborenen bis zum 1966 geborenen Dichter spannt sich der lyrische Reigen.

Aufgefallen sind mir dabei vor allem zwei Dichter:

Da ist der Schriftsteller Tomas Venclova. Sein Lyrikband „Gespräch im Winter“ ist bei Suhrkamp verlegt und lieferbar. Er wurde übersetzt von Claudia Sinnig und Durs Grünbein. Ganz neu gibt es von ihm ein Buch mit (biografischen) Gesprächen mit der Dichterin Ellen Hinsey „Der magnetische Norden – Erinnerungen“ ebenfalls bei Suhrkamp erschienen. Venclova wurde 1937 in Memel, heute Klaipėda, geboren, erlebte die Besatzung durch die Sowjets und durch die Nazis. Er studierte in der Sowjetunion. In Moskau hatte er gar sein Erweckungserlebnis als Dichter:
“ Und fast genau dort erlebte ich, wie eine Verszeile strahlt/ Und um Mitternacht Bäume und Schnee erhellt.“ 
Venclova war mit  Brodsky und Milosz befreundet, kannte Szymborska, Achmatowa, Pasternak. Später als unbequemer Schriftsteller erkannte man ihm während einer Reise nach Amerika die Staatsbürgerschaft ab und er blieb im Exil in den USA und lehrte dort als Professor Russische Literatur. Er schreibt in russischer und litauischer Sprache vorrangig Lyrik und Essays. Seine Lyrik ist eher klassisch streng, formal und besteht oft aus vielen Versen bei großer Themenvielfalt. Sie orientieren sich häufig am großen Vorbild: Ossip Mandelstam.
Ich war kürzlich im Literaturhaus bei der Buchvorstellung von „Das weisse Leintuch“ und konnte miterleben wie Venclova einen Auszug daraus in Litauisch las: Eine klangvolle Sprache, die mich an eine Mischung aus Russisch und Finnisch erinnert.

Doppelte Belichtung 

Reuig der Schneesturm, lang war das Meer nicht in seiner Gewalt,
Der gestrige Nordwind hat sich verausgabt beim Brausen,
Unterm Eis blinken Fische, unsichtbar; schneller als der Schall
Breitet die Stille sich in Schneewehen aus.
Die Zeit, vom Gedächtnis nicht aufzuhalten, zerrinnt
Durch die Nadeln der Bäume. So verliert der gesprungene
Tonkrug das Wasser, so wird das Blau am Himmel verdünnt,
[…]

Die zweite Entdeckung ist der 1960 in Sibirien geborene Dichter Eugenius Ališanka. 1961 durfte seine Familie wieder aus dem Exil zurück, seitdem lebt er wieder in Litauen. Von ihm gibt es zwei Einzelbände in deutscher Übersetzung, einer bei Dumont (leider nur noch antiquarisch: „aus ungeschriebenen geschichten“) und der andere im Suhrkamp Verlag, ebenfalls von Claudia Sinnig übersetzt und lieferbar, „exemplum“. Gerade erschienen sind auch Essays von ihm im Klak-Verlag. Seine Gedichte sind modern, halten sich nicht lang mit Reimen auf, sind selten formal, sind schneller eingängig. Anfangs eher metaphysisch, sind sie heute klarer und direkter. Wie ich im Nachwort von „exemplum“ lese, werden Ališankas Gedichte in Litauen eher kritisch beäugt, heben sie sich doch aufgrund leichterer Verständlichkeit zu sehr von klassischer Poesie ab.

die haltbarkeit eines gedichtes

die haltbarkeitsfrist läuft ab
es eignet sich nicht mehr für den export
beim versand
weichen die überreifen metaphern auf
macht sich fäulnis breit
zum halben preis angeboten
am markttag
sieh da eine studentin interessiert sich
für die reifen früchte der arbeit

Gespannt bin ich außerdem auf dieses Buch:
In der Reihe „VERSschmuggel“ gibt es derzeit ein Projekt mit jüngeren litauischen und deutschen Dichtern und Übersetzern. Das Programm wird bei „Leipzig liest“ und im „Haus der Poesie“ in Berlin vorgestellt. Als Buch soll es, wie alle Bände aus dieser Reihe, im Wunderhorn Verlag erscheinen.

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7 Gedanken zu “Poesie als Sprache der Freiheit – Lyrik aus Litauen

  1. Vielen Dank für diesen kleinen Einblick in litauische Dichtung, mit der ich mich gar nicht auskenne. Ališankas Gedicht, das Du zitierst, gefällt mir sehr; ich werde ihn mir mal näher anschauen. Auch finde ich interessant, dass Du sagst, der Klang der litauischen Sprache erinnere Dich an eine Mischung aus Russisch und Finnisch, weil es doch mit Finnisch, trotz geografischer Nähe, gar nicht verwandt ist. Ich bin jetzt ganz neugierig und werde gleich mal versuchen, ob ich irgendwo in den Weiten des Internets Litauisch hören kann.
    Beste Grüße
    Eva

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    • Liebe Eva,

      ich bin jetzt durch die Lektüre und die Recherchen dazu drauf und dran nach Litauen zu reisen. Mich zieht das Land mit dieser wechselvollen Geschichte total an.
      Es sind zur Zeit mehrere Radio-Beiträge unterwegs, wo man auch litauisch hört. Bei rbb kultur auf jeden Fall. Kannst du sicher ergoogeln.
      Viele Grüße
      Marina

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