Irene Diwiak: Liebwies Deuticke Verlag

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„Später würde die Geschichte anders erzählt werden.
[ … ]
Es ist aber nun mal die seltsame Eigenschaft der Zeit, Geschehenes in schwammige Erinnerung und schließlich in Lügen zu verwandeln.“

Mit diesen Sätzen beginnt und endet 334 Seiten später der Debütroman der 1991 in Graz geborenen Irene Diwiak. Ein wenig erinnert das an „Es war einmal … “ und in der Tat hat die Geschichte etwas märchenhaftes. Es ist jedenfalls ein zauberhaftes Buch!
Gut, dass Klaus Kastberger sein Wohlwollen für diesen Roman auf Twitter kund tat, sonst hätte ich ihn womöglich übersehen. Die Leseprobe hat mich dann vollends überzeugt, dass ich diesen Roman lesen will. Er hat eine Atmosphäre wie aus einer fernen Zeit, ein wenig wie aus der Welt gefallen. Dabei spielt er in Österreich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also nach der k und k – Zeit und bereits hineinschlitternd in den Nationalsozialismus. Der genaue Schauplatz wird nicht genannt.

Schon der Titel hat Potenzial (ganz abgesehen vom zauberhaften Coverbild). Liebwies ist gleichzeitig ein schwer zugängliches Dorf im Gebirge, in dem die Geschichte beginnt und Liebwies wird der Nachname einer berühmten Opernsängerin, die eigentlich gar nicht gut singen kann. Liebwies erzählt von den Eitelkeiten und Eigenheiten der Menschen, von Leidenschaften und Lieblosigkeiten, von Schwächen und vor allem von Zufällen und wie daraus sich oft die skurrilsten Möglichkeiten eröffnen oder aber Träume zerfallen. Wie im Märchen gibt es gute Menschen und es gibt Bösewichte. Leider endet es nicht so wie im Märchen …

Wir treffen auf die Hauptfiguren Gisela, später Liebwies genannt und Ida Gussendorf, geborene Padinsky, um die sich sämtliche Geschehnisse drehen und die durch zusätzlich eingeführte sehr gelungene Charaktere ergänzt und durch die Handlung getragen werden – Diwiak hat ein Händchen für ihre Figuren.
Karoline, eine Bauerntochter in Liebwies wird eines Tages vom neuen Dorflehrer als Gesangstalent entdeckt. Da der Herr aus der Stadt, der sie fördern soll, aber die Schönheit seiner verstorbenen Frau in Gisela, ihrer wenig begabten Schwester entdeckt, wird die falsche in die Gesangsschule geschickt.

„Sie war ganz offensichtlich sehr stolz auf ihre Leistung. Sie strahlte über das ganze Gesicht, was sie noch hübscher, aber zu keiner besseren Sängerin machte.“

Nur aufgrund der wunderbar komponierten Oper „Die Gräfin der Stille“, in der sie nur ein Lied zu singen hat, wird sie berühmt. Dass auch hier wieder eine Verwechslung vorliegt, ein echter Betrug, ist ebenso tragisch. Ida, die mit dem wesentlich älteren Dichter und Möchtegernkomponisten Gussendorf verheiratet wurde, ist in Wirklichkeit diejenige die die Kompositionen geschrieben hat. Ihr eitler Ehemann gibt sie als die eigenen aus.

„Nun, da er selber schwanger war, und zwar mit einer Oper, hatte er keinen Bedarf mehr an Idas Körper. Er lebte in seiner Welt der Melodien, der mythischen Sagen und der wechselhaften Liebesgeschichten. Dabei vergaß er aber noch etwas. Er vergaß die Oper zu schreiben.“

Auch Ida verfällt der Schönheit Giselas, doch die egoistische Gisela ist auf ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihre Berühmtheit bedacht und wendet sich einem vielversprechenden Arzt zu. Dass sich Jahre später die Rollen, gerade auch in Sachen Schönheit, vertauschen, kann Gisela nicht ertragen. Sie sinnt auf Rache …

„Im besten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das viele Menschen begeistert. Im schlimmsten Fall habe ich ein Buch geschrieben, das nur meine Mama interessiert.“

So sagt Irene Diwiak in einem Interview. Ich wünsche mir und ihr, dass recht viele Leser in den Genuss dieses Buches kommen. Mit „Liebwies“ ist der Autorin nämlich ein ganz und gar überzeugendes, unterhaltsames und auch sprachlich geglücktes Romandebüt gelungen. Mit sehr viel Humor und in charmant österreichischem Stil hat die Autorin eine so unwahrscheinliche wie geschickt entwickelte Geschichte erzählt, die zu lesen ein große Freude ist. Alles ist von vorn bis hinten stimmig. Diwiak beherrscht ihr Handwerk. Ein Leuchten!
Überhaupt scheint mir dieses Jahr ein Jahr der überraschend schönen Debüts zu sein.

„Liebwies“ von Irene Diwiak erschien im Deuticke Verlag. Eine Leseprobe und mehr über Buch und Autorin gibt es hier .

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