Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen Matthes & Seitz Verlag

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So ein starker Buchtitel, dachte ich, als Tomas Espedals „Gehen“ 2011 gerade auf dem deutschen Buchmarkt aufgetaucht war. Als ich es damals dann las, war ich mehr als begeistert. Seitdem bin ich Fan von Espedal und erwarte sehnlichst jedes seiner neuen Bücher. Um die Zeit bis zum nächsten zu überbrücken und weil ich selbst gerade zu Fuß unterwegs war, bot es sich an, die Lektüre noch einmal zu vertiefen und hier darüber zu berichten.

Espedals Text ist autobiografisch. Er erzählt von seinen Wanderungen allein oder mit dem besten Freund und verknüpft die eigenen Gedanken übers Gehen mit Ideen von Berühmtheiten wie beispielsweise Rousseau, Rimbaud, Hölderlin, Kierkegaard, D.H.Lawrence, Giacometti, Satie.

„Ich bin auf dem besten Wege, mich zugrunde zu richten, es ist eine harte und ernste Untergangsarbeit, ich trinke und gehe vor die Hunde, und dann bin ich urplötzlich glücklich. Warum? Weil die Sonnenstrahlen ein Verkehrsschild treffen? Es verschlägt mir den Atem, ich muss stehenbleiben. Mein Körper ist von warmer und jubelnder Klarheit erfüllt. Die Gedanken erwachen und verlieren an Gewicht, es ist eine ganz konkrete Erfahrung, meine Gedanken werden leichter, und ich gehe, nun leichter, weiter Richtung Nygårdshøyden und Innenstadt. Langsam wird mir klar: Du bist glücklich, weil du gehst.“

Eines Tages geht er einfach los. Ohne Ziel. Es ist Zeit etwas zu verändern, sonst geht es mit ihm weiter bergab. Das Gehen soll helfen. Von seinem Wohnort Bergen führt ihn sein Weg über Straßen, durch Gebirge, ans Meer. Während des Gehens kann das Denken frei werden. Man wird auf sich selbst zurück geworfen, man lernt Dinge zu bemerken, die sonst verloren gehen. Der Blick wird geschärft. Espedal wandert exzentrisch in Hemd und Anzug mit Bergstiefeln und Rucksack, im Gepäck stets ausreichend Zigaretten, Bücher und Alkoholisches. Er übernachtet im Freien, in Hütten oder Pensionen. Er trifft auf Bekannte und Unbekannte, doch die meiste Zeit ist er allein. In seinen Notizbüchern hält er fest, was ihm wichtig erscheint.

„Der Traum vom Verschwinden. Vom Fortsein. Eines Tages zur Tür hinaus gehen und nicht wiederkehren.
Der Traum, ein anderer zu werden. Freunde und Familie zu verlassen und sich selbst zu verlassen und ein anderer zu werden; alle Bande abzuschütteln. Heim und Gewohnheiten zurückzulassen, Besitz und Geborgenheit, Zukunftsaussichten und Ambitionen aufzugeben, um ein Fremder zu werden.“

Während des Gehens erinnert er sich an Situationen vorheriger Wanderungen. Etwa in Deutschland mit Freund Narve, um die Hütte von Heidegger zu finden, wo die beiden dann per Zufall dessen Enkel begegnen und ins Gespräch kommen. Oder in Frankreich die Wanderung von der belgischen Grenze nach Paris. Und von dort wiederum geht er dieselbe Strecke aus den Vorstädten ins Zentrum, die Eric Satie damals täglich ging, immerhin 12 km, um zu seinen Stammkneipen zu gelangen. Oder der Weg zu Fuß von Paris zum Haus von Rimbaud, wo „Eine Zeit in der Hölle“ geschrieben wurde.
Weil ein Gedicht von Dylan Thomas auf der Beerdigung seiner Mutter rezitiert wird und ihn stark berührt, macht er sich spontan auf nach England, um dessen Spuren wandernd zu folgen. Schließlich folgt die Reise mit dem Freund nach Griechenland, um zunächst von Delphi zu den Meteora-Klöstern zu gehen, wo er sich mit einem Mönch auf einen (Schatten)boxkampf einlässt. Anschließend geht es in die Türkei mit einem Abstecher nach Istanbul und weiter auf dem „lykischen Weg“. Immer wieder gibt es vielseitige Begegnungen, aber auch überraschende innere Bewegungen und philosophische Gespräche, die Espedal mit dem Leser teilt. Ein Leuchten!

„Dann gibt es nichts Besseres als zu gehen; sich aus eigener Kraft fortzubewegen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und in eine Form des Vergessens hineinzugehen, die zugleich eine gesteigerte Gegenwärtigkeit ist; wir vergessen, dass wir gehen, wir vergessen das eigentliche Gehen und die Anstrengungen der Bewegung, gleichzeitig sehen und hören wir wacher, riechen schärfer, erleben alles intensiver“

Espedal  hat in Norwegen bereits viele Bücher veröffentlicht. In deutscher Übersetzung gibt es außer „Gehen“ bisher nur „Wider die Natur“ und „Wider die Kunst“. Letzteres habe ich bereits hier besprochen. Alle Bände sind im Matthes & Seitz Verlag erschienen. „Gehen“ wurde von Paul Berf übersetzt. Mehr über Espedals Bücher hier:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/gehen.html

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4 Gedanken zu “Tomas Espedal: Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen Matthes & Seitz Verlag

  1. Wow! Das klingt nach einem atemberaubenden Buch! Ich habe es sofort auf meine Liste gesetzt, schon bevor ich deine Rezension beendet hatte. Beim ersten Zitat (fast schon wie du beim Titel) wusste ich: Will ich lesen. Danke dir für’s Teilen!

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