Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis Frankfurter Verlagsanstalt

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Eine Novelle nennt Kirchhoff sein neues Buch mit dem wunderbaren Titel „Widerfahrnis“.
Es ist schon erstaunlich, was der Sprachzauberer Kirchhoff hier mit einer Geschichte macht, die auch ziemlich banal und kitschig erzählt werden könnte. Der Stoff allein würde nicht reichen: Sicher, eine überraschende Begegnung, ein verrücktes Vorhaben und eine beginnende, sich entwickelnde Liebesgeschichte, die auch noch durchs malerische Italien führt, hat von sich aus etwas. Aber wie Kirchhoff hier auch noch mit einer zweiten Ebene hantiert und seinen Protagonisten selbst diese Liebesentwicklung kommentieren lässt und auch noch Vergleiche zieht zu der Entwicklung einer Romanhandlung ist schon hochkarätig.

„Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen? Vielleicht mit den Schritten vor seiner Tür und den Zweifeln, ob das überhaupt Schritte waren oder nur wieder etwas aus einer Unruhe in ihm, seit er nicht mehr das Chaos von anderen verbesserte, bis daraus ein Buch wurde.“

Der passionierter Verleger Reither hat seinen kleinen anspruchsvollen Verlag verkauft und will sich in einem kleinen Ort in den Bergen zur Ruhe setzen. Eines späten Abends erhält er in der exklusiven Wohnanlage Besuch von einer Frau, die einen Literaturkreis leitet und ihn, den bekannten Buchmenschen dafür gewinnen will. Im geblümten Sommerkleid, obwohl es noch Winter ist, steht sie vor seiner Tür und kurz darauf trinken sie zusammen Wein und rauchen. Wie sich herausstellt ist sie, Leonie Palm, die Autorin des Buches ohne Titel, welches er Tags zuvor in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Ein Roman, den er wohl nie verlegt hätte. Eine autobiografische Geschichte, wie sich bald zeigt. Beide erlauben sich eine kleine Verrücktheit und entschließen sich zum Sonnenaufgang mit ihrem Auto an einen nahe gelegenen See zu fahren. Viel zu früh sind sie dort, noch ist es dunkel, und so geht es einfach weiter gen Süden, sie beschließen in den Sonnenaufgang hinein zu fahren. Und plötzlich sind sie schon auf dem Weg nach Italien, es geht über den Brenner und als die Sonne aufgeht, frühstücken Sie, bereits im Veneto. Sie fahren immer weiter ins Blaue, sind sich darüber einig, reden, erzählen sich aus ihrem Leben, von ihren Beziehungen, schweigen, rauchen, essen, teilen sich mit. Zwei Menschen, die im Gespräch und im Fluss des Reisens auch ihr bisheriges Dasein reflektieren.

„Erinnerungen sollten wie Abschnitte in einem Handbuch sein, nur dazu dienen, in bestimmten Situationen die richtigen Worte in richtiger Reihenfolge zu sagen, aber es sind Einflüsterungen, die einen betören oder mit Schmerz erfüllen oder beides.“

Es ist ein Vergnügen, die beiden als Leser zu begleiten. Es entwickelt sich ganz vorsichtig eine Liebesgeschichte, doch wie Leonie Palm bereits eingangs sagte, dass „das Menschliche mit der Zeit kaum einfacher wird“, bleibt auch eine gewisse Distanz.
Eine Nacht verbringen sie im Auto, dann fahren sie durch bis nach Sizilien. Dort wollen sie übernachten, nicht im Auto diesmal, sondern bequemer und Reither hofft auf eine romantische Liebesnacht und noch viel mehr. Doch alles kommt anders. Verblüffend anders, vor allem auch für den Leser. Und so wird aus dem Roman in der Tat eine Novelle…

Das Einzige, was mich an Kirchhoffs Geschichte anfangs ein klein wenig störte, was mir aber derzeit bei vielen anderen Romanen ebenso auffällt, ist das oft etwas künstliche und gewollte Bemühen das aktuelle Thema Flüchtlingskrise unbedingt irgendwie mit in die Geschichte einzubauen. Glücklicherweise ist es bei Kirchhoff letztlich doch noch stimmig und wichtig für den Fortlauf der Geschichte.

Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff erschien soeben in der Frankfurter Verlagsanstalt und wurde nominiert für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016. Eine Leseprobe gibt es hier

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16 Gedanken zu “Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis Frankfurter Verlagsanstalt

    • Steht in meiner Rezension irgendwo, dass Kirchhoff lange Sätze in dieser Novelle verwendet?
      Ich erinnere mich, dass das in der Rezension bei „buchrevier“ stand.
      Ich kann keinerlei überlange Sätze finden. Kein einziger, der den Lesefluß hemmen würde.
      Vielleicht einfach mal die Leseprobe ausprobieren?!
      Ganz abgesehen davon, finde ich lange Sätze wunderbar, sie fordern (mich) heraus …
      Thomas Bernhard kann das z.B. sehr gut und stimmig.

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      • Bisher habe ich außer Kirchhoff nur den Kaiser-Mühlecker gelesen, der mir sehr gefallen hat, die Besprechung folgt in ein paar Tagen. Aber ich kann die Jury nur sehr schlecht einschätzen. Ich würde es beiden wünschen. Als nächstes lese ich „Die Witwen“ von der Longlist. Wie ist da Dein Eindruck?

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      • Kaiser-Mühlecker mochte ich sehr. Meine Besprechung kommt auch bald. Ich kannte ihn vor der Nominierung schon und habe mich gefreut, dass er auf der Liste ist.
        „Die Witwen“ habe ich begonnen. Ich habe sie allerdings nur als pdf auf dem PC und deshalb komme ich nicht so richtig voran, weil ich lieber ein Buch in der Hand habe. Aber ich mag den Stil von Leupold. vielleicht lese ich heute mal weiter. Stadlers Rauschzeit liegt noch hier, aber das scheint mit etwas anstrengender zu werden … mal sehen.
        Ich habe überlegt, ob überhaupt schon mal ein Schweizer oder Österreicher den Buchpreis gewonnen hat … Und ich fürchte, das Pfingstwunder kommt auf die Shortlist. Lewitscharoff ist zwar eine ziemlich gute Schriftstellerin, aber ich mag ihre seltsamen Meinungen und Äußerungen nicht…

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  1. Stadler werde ich auch zumindest anlesen und den Händler. Von Lewitscharoff habe ich noch nie etwas gelesen und ich mich auch nicht wirklich mit ihr beschäftigt. Natürlich habe ich von ihren Äußerungen gehört, aber ich habe das nicht intensiv verfolgt. Auf jeden Fall bin ich gespannt, wer weiterkommt, am Ende ist es dann ja doch oft ganz anders als vorher spekuliert wurde. 🙂

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  2. Das mit den überlangen Sätzen ist sehr spannend, beim Lesen wären, die mir nämlich gar nicht aufgefallen und ich habe mir gedacht, was hat der Nazemi?
    Dann habe ich aber zu zitieren versucht, um den etwas künstlichen Sprachstil, da schreibt einer über sein Leben, wie wenn er ein Buch, einen Roman oder eine Novelle erzählt und ich habe gesehen, sie sind tatsächlich sehr lang.
    Und eigentlich ist es ja eine sehr sehr verrückte Geschichte, die da erzählt wird, mit mehreren überraschenden Perspektivenwechseln, so daß ich am Schluß nicht mehr sicher war, ist das jetzt kitschig oder nicht, aber ich kann gut den grinsenden Autor vor mir sehen, der das alles gekonnt abspulte und jetzt den Lesenden, die sich damit abmühen, über die Schulter sieht.
    Bin auch gespannt, ob es auf die Shortlist kommt, liebe Grüße aus Wien!

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