Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen Matthes & Seitz Verlag

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Da gibt es Karl. Karl ist pensionierter Lehrer, Karl hat Zeit und macht sich so seine Gedanken. Also unternimmt er eine Reise. Er fährt an einen Ort, den er per Zufallsprinzip gewählt hat und mietet sich ein im Hotel Post. Die Wirtin lebt dort mit einer dicken Hündin namens Annemarie, die ein Gast einmal zurückgelassen hat. Beide sind Karl wohlgesonnen. Zuhause hat Karl eine Frau, Margit. Mit Margit telefoniert Karl um sein Tagwerk zu besprechen. Sie kennt Karl beinahe besser, als er sich selbst. Margit hat immer die besten Ratschläge. Denn Karl will nicht etwa Urlaub machen, nein, er hat eine heikle Aufgabe vor sich: Er will sich als Forscher betätigen. „Ich erhebe, wie es um unsere Gesellschaft steht“. Karl startet eine Umfrage zum Thema Glück, angeregt durch Fragebögen aus dem Bhutan, die das „Bruttonationalglück“ feststellen sollen.
Was er dabei erlebt, was alles anders kommt als geplant und wie es dann mit Karl weitergeht, erzählt uns Anna Weidenholzer in ihrer sehr eigenen Art und Weise. Mit Hin- und Herblenden, Gedankensprüngen, abgebrochenen Sätzen, Zeit- und Ortsverschiebungen, abgedrehten Dialogen schafft sie es für völlige Unklarheit zu sorgen. So wirr und skurril wie Karl ist, schreibt auch seine Schöpferin.

„Während Karl die letzten Butterreste auf das dritte Brot streicht, wartet er darauf, dass Margits Theorie der unerträglichen Stille greift. Gibt jemand zu wenig Auskunft, kann es hilfreich sein, in Stille abzuwarten, dass das Gegenüber in einen Redeschwall gerät. Aber die Wirtin schweigt.“

Erzählt wird die Geschichte indem sich Karl auf seiner Rückfahrt zu Margit in den Jupiterweg 7 seiner Erlebnisse erinnert. Weit über die geplante Zeit von zwei Wochen hinaus, hielt er sich in diesem schneefreien Wintersportort im Gebirge auf. Weit kam er nicht mit seinen Befragungen, skeptisch waren vor allem die Frauen. Viel hat er über die Menschen und sich selbst an jenem Ort dennoch erfahren, sei es am Grillhähnchenstand von M4 (Klassifizierung der Befragten, der Professionalität halber lieber keine Namen) oder beim Baumfällen mit M1, seinem Holzfreund oder am Frühstückstisch von der Wirtin.F1, manchmal mehr als im lieb war.

„Also sagt M5: Kommst du zur Welt, hast du zwei Möglichkeiten: hier oder anderswo. Anderswo wäre gut für dich, kommst du hier zu Welt hast du zwei Möglichkeiten: reiche Eltern oder nicht. Reiche Eltern wären gut für dich, bei armen Eltern hast du zwei Möglichkeiten. Du kommst zu einer Volksschullehrerin, die dich trotzdem fördert, oder nicht. Fördern wäre gut für dich, ist es nicht so, hast du zwei Möglichkeiten …“

Und so ganz nebenbei erfährt man dann auch, schon fast am Schluss, den ein oder anderen Grund warum die Herren in solch gebirgiger Gegend, weitab vom Meer Seesterne tragen.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich fürchte, ich habe den tieferen Sinn dieses Buches, falls es ihn denn gibt, nicht ganz verstanden. Das macht aber nichts, ich habe mich trotzdem wohlgefühlt mit Karl und Annemarie.
Man kann natürlich viel deuten. Es gibt gesellschaftskritische Anspielungen zu Themen wie Klimawandel, zur Schnelllebigkeit, zur Umweltproblematik und zu Ängsten und Einsamkeit. Die Frage „Wie sollen wir leben?“ steht im Raum. Doch das Buch unter diesem Aspekt zu lesen wäre nicht ratsam. Es ist vielleicht eher eine Lektüre für solche, die selbst verwirrt sind, etwas verloren in der Welt stehen, und vor allem für Leser die schräge Geschichten mit sonderbaren Gestalten zum Weiterspinnen mögen. Zu letzteren zähle ich mich auch …

Der Roman der Österreicherin Anna Weidenholzer erschien soeben im Matthes & Seitz Verlag mit schön gestaltetem Cover und Fadenheftung. Er wurde für die Longlist zum deutschen Buchpreis 2016 nominiert. Eine Leseprobe gibt es hier

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7 Gedanken zu “Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen Matthes & Seitz Verlag

  1. Einen tieferen Sinn gibt es wahrscheinlich nicht, aber Anna Weidenholzer versteht vermutlich, die Kunst, die Banalitäten des Alltags in eine Skurrilität zu verpacken, sie erzählt rückwärts, springt hin und her und erzählt dabei, was mir sehr gefällt von den kleinen Leuten, den arbeitslosen, den Grillhendlverkäufern, den persionierten Lehrern, etwas das in der experimentellen Gegenwartsliteratur ja nicht sehr oft vorkommt und womit sie wahrscheinlich auch sehr einzigartig ist, liebe Grüße aus Wien, haben Sie die beiden anderen Bücher, den „Platz des Hundes“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/01/04/der-platz-des-hundes/ und die „Fische“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/10/13/der-winter-tut-den-fischen-gut/gelesen?

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