Saphia Azzeddine: Bilqiss Wagenbach Verlag

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Bilqis ist der Name der weisen Königin von Saba, die außer im alten Testament auch im Koran erscheint. Und die junge Frau, die diesen Namen in Saphia Azzeddines neuem Roman trägt, ist eine Königin der Rebellion. Sie hat das Pech, in einem Land geboren zu sein, in dem Frauen so gut wie keine Rechte haben. Und Bilqiss, die Schöne, Stolze begehrt dagegen auf. Im Alltäglichen zeigt sich hier, wie kompliziert das Frauenleben sein kann, wenn jede Tätigkeit, jede Bewegung beobachtet und in Frage gestellt wird im Namen der Religion. Die Religionspolizei kennt keine Gnade, der eigene Ehemann schon gar nicht.

Gleich nach der Niederkunft hätte man schon gewisse Scherereien vorhersagen können, mit denen meine Existenz gespickt sein würde. Mir schallten keine Hurrarufe der im Nebenzimmer ausharrenden Verwandschaft entgegen. Stattdessen hatte mein Vater die Menge mit einem lakonischen „Das ist der Wille Allahs“ weggeschickt und die Feierlichkeiten beendet.“

Bilqiss steht in ihrem kleinen Heimatdorf (in der Türkei?, in Marokko? im Iran? in Afghanistan? etc.) vor Gericht, weil sie eines Morgens statt des betrunkenen Gebetsrufers dessen Aufgabe übernommen hat und auf dem Minarett selbst die Gläubigen zum Gebet rief. Die Gerichtsverhandlung gleicht einer Farce, steht doch von vornherein fest, dass Bilqiss die Höchststrafe erhalten wird – die Steinigung. Doch so schnell ist das Urteil nicht gesprochen, denn Bilqiss kluge und mutige Verteidigung, die sich durchaus auf den Koran bezieht, lässt sämtliche Vorwürfe ins Leere laufen. Das jedoch können die strenggläubigen Ankläger, allesamt Männer, erst recht nicht dulden. Doch zwischen dem Richter und Bilqiss entspinnt sich eine von außen nicht wahrnehmbare geheime Geschichte. Der Richter, von Bilqiss Stolz und Mut vollkommen eingenommen, beginnt sie nachts in ihrer Gefängniszelle zu besuchen und sie zu beschwören sich demütiger zu zeigen. So könne er sie vielleicht noch retten. Doch Bilqiss kann und will nicht anders. Sie hatte das Glück, Bildung zu erfahren und den Koran lesen zu lernen. So kann sie niemals verstehen, weshalb behauptet wird, eine Frau dürfe auf dem Markt kein Gemüse kaufen, dessen Phallusform sie vielleicht verführen könnte, Unsittliches zu tun (Auberginen mussten also vom Händler klein geschnitten werden). Man klagte sie unzähliger Vergehen an, etwa weil sie Musikkassetten und eine Gedichtsammlung besaß und weil man Parfüm, Make-up  und Plüschtiere bei ihr fand.

Auch bis in Bilqiss` kleines Dorf sind die sozialen Medien vorgedrungen und so gibt es bald im Internet Life-Übertragungen der Gerichtsverhandlungen. Eine amerikanische Journalistin wird darauf aufmerksam und reist an, da sie sich eine gute Story verspricht. Als sie schließlich tatsächlich zum Zwecke eines Interviews bis zu Bilqiss ins Gefängnis vordringen kann, erlebt sie jedoch eine große Überraschung. Es scheint, als würden die Rollen vertauscht, die vermeintlich so Starke ist nun plötzlich die Schwächere …

In einem manchmal sarkastischen, bisweilen mutig frechen, dann wieder anmutigem Ton gibt Azzeddine ihrer Hauptfigur eine Stimme. Sie erzählt Bilqiss Geschichte in der Ich-Form, so dass die Leserin selbst in deren Rolle schlüpfen muss und die Anmaßung dieser Männer im Namen der Religion erfährt. Das löst nicht selten Wut aus auf diese unbegreiflichen Zustände.

Ein starkes wichtiges Buch hat Saphia Azzeddine hier geschrieben und mich wundert sehr, dass es offenbar von Kritiker/innen kaum wahrgenommen und nicht besprochen wird. Ich wünsche mir für dieses Buch viele Leser/innen.

Die 1979 geborene Autorin stammt aus Marokko und kam als Kind nach Frankreich. Ihr Roman erschien im Wagenbach Verlag, wie bereits zwei Romane zuvor. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Birgit Leib. Mehr darüber bei Wagenbach.

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9 Gedanken zu “Saphia Azzeddine: Bilqiss Wagenbach Verlag

  1. Ich wusste gar nicht, dass es das Buch auf Deutsch gibt, habs aber schon auf Französisch gesehen, weil ich dachte, dass man dort vielleicht mehr Bücher dieser Art findet. .
    Deine tolle Zusammenfassung macht mich irgendwie traurig. Ich würde gerne einmal etwas Gutes lesen, etwas Schönes, es gibt doch mehr als dieses Leid. Ich würde gerne so ein Buch schreiben, was auch die schönen Seiten zeigt, aber ohne Konflikt gibt es ja kein Buch. Ein Buch lebt vom Konflikt, die Literatur lebt von diesen leider schrecklichen Geschichten. Sie machen mich auch ein bisschen wütend. Wie die Menschen doch anderen Menschen alles Schöne nehmen können und kaputt machen. Basierend auf einer religiösen Legitimation, die nicht einmal eine Grundlage hat.

    Liebe Grüße, Anja

    Gefällt 1 Person

  2. Bilqiss habe ich auch sehr gern gelesen. Bei allen Erschütterungen, die es auslöst, ist es doch auch ein stark machendes Buch. Wer wäre nicht gern so mutig wie Bilqiss. Darüber zu schreiben, fiel mir dennoch schwer. Schön, dass du es gewagt hast!

    Gefällt 3 Personen

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