Kai Weyand: Applaus für Bronikowski Wallstein Verlag

2015-08-19 18.04.00

Kai Weyands Roman ist auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2015 vertreten. Ein Glück für mich, denn sonst hätte ich ihn vielleicht gar nicht entdeckt!
So habe ich ihn mir blitzschnell aus der Bibliothek geholt, mich auf meinen Lieblingsfriedhof (passend zum Inhalt) zurückgezogen und auf der Bank unter der alten Eiche begonnen zu lesen …

„Nach der Arbeit ging NC spazieren. Er lief zum Friedhof, um sich dort auf eine Bank zu setzen und für eine Weile die Augen zu schließen. Der Friedhof war ein Ort, der ihn ruhig werden ließ, egal wie aufgeregt er war. NC glaubte schon, dass das mit den vielen Toten zusammenhing, die unter der Erde lagen. Wenn tausende Seelen Ruhe signalisieren, kann ein einzelnes Herz nicht dagegenhalten, ganz gleich, wie schnell es schlug.“

Zugegeben: Die Story könnte starker Tobak sein, wäre da nicht die liebenswerte frech-frische Erzählweise Weyands.
Nies oder NC, wie er sich auch nennt, wird mit 13 in der Obhut seines 18-jährigen Bruders zurückgelassen, weil die Eltern sich ihren Traum vom freien Leben in Kanada verwirklichen wollen. Die Brüder verstehen sich überhaupt nicht und NC (No Canadian!) entwickelt sich zum Aussenseiter, zum Sonderling. Er findet sich im Leben nicht so richtig zurecht, jobbt mal hier, mal da, macht sich viele Gedanken über den Sinn von Worten, Lebensträumen oder wie ein Hund mit nur drei Beinen pinkelt ohne umzufallen, kann aber auch ganz schön aggressiv werden. Dann wirft er schon mal mit Eiern auf Häuserfassaden …
Nun hat er keinen Job mehr, keine Freundin und so zieht er an seinem Geburtstag alleine ziellos durch die Stadt und lässt sich von einer sympathischen Bäckereifach(!)verkäuferin ein Gebäckteilchen und weil es ihm gerade einfällt, eine Straße empfehlen. 
Diese Straße, die Holpenstraße, führt ihn schließlich zu einem Bestattungsinstitut, wo er einen Job findet. Er arbeitet sich erstaunlich schnell ein und kommt gut mit den manchmal unappetitlichen Arbeiten und den skurrilen Kollegen zurecht.

„Wenn du hier arbeitest, sagte Manfred, arbeitest du als Anwalt der Toten. Du wirst ihnen zu ihrem Recht verhelfen, bis sie unter der Erde sind. NC nickte. Es war das erste Mal, dass jemand Wert darauf legte, etwas zu pflegen, was unnütz war, was zu Staub zerfiel. Das war ja vollkommener ökonomischer Unsinn, dachte NC.  Es war das Beste, was er seit langem gehört hatte.“

Doch bereitet er seinem Chef schließlich durch seine ungewöhnlichen Einfälle (z. B. eine sehr eigenartige Seebestattung!), die immer öfter unbeabsichtigt in Affronts gegen die Hinterbliebenen ausarten, Kopfzerbrechen. Als er einem verstorbenen Schauspieler, dem alten Bronikowski, in Anwesenheit der Angehörigen auf denkwürdige Weise seinen letzten Auftritt verschafft, scheint das Maß voll.

Und so finden sich am Schluss Nies und der dreibeinige Hund zusammen, um herauszufinden, was nun weiter mit diesem Leben anzufangen sei …

Ein ziemlich schräger Roman mit tiefschwarzem Humor, der mir, auch aufgrund seines Sprachstils, wirklich außerordentlich gefallen hat!!!

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2 Gedanken zu “Kai Weyand: Applaus für Bronikowski Wallstein Verlag

  1. Ein spannendes vielleicht ein bißchen zu sehr auf die Komik gedrilltes Buch, so hätte ich den Treppensturz am Ende nicht gebraucht, ein Anruf beim Chef, das er beim Transportieren hilft, hätte der Würde mehr entsprochen, aber dann hätten wir keinen Titel und keine Erhöhung. Ich beschäftige mich ja schon sehr lange mit dem Tod und dem Sterben, dieses gefürchtete Thema, so hat mir das aus dem Arbeitsalltag eines Bestattungshelfers, was wahrscheinlich zumindest teilweise recherchiert und realistisch ist, sehr gut gefallen, auch die Traumatisierung dieses sogenannten Loosers, ein tolles Buch, wenn nur nicht, die ach so gewollte Komik wäre, aber mit der habe ich ohnehin öfter meine Probleme

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke für deine Sichtweise! Ja…die Treppenabfahrt war schon überzogen. Aber dennoch, ist es eines der guten skurrilen Bücher. Die Komik wirkt mir auch wirklich erst am Schluss etwas gewollt.
    Ich beschäftige mich auch länger schon mit dem Thema Tod und Sterben und seinen Facetten. Da gibt es ja auch das Frohmann-ebook-Projekt „1000 Tode schreiben“, was ich sehr spannend finde…

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