Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte Wallstein Verlag

Solange ich schreibe bin ich glücklich, wenn es auch oft mit solchen Schwierigkeiten verbunden ist, von denen sich Wenige eine Vorstellung machen können (…) Aber das Schreiben ist halt das Einzige, was ich habe. Es ist meine schmerzhafte Stelle und zugleich die heilende Salbe.“    

So Christine Lavants Worte 1946 in einem Brief.
Sie wurde 1915 im Kärtner Lavanttal in ärmlichen Verhältnissen geboren und begann schon als Mädchen zu schreiben. Obwohl sie durch Krankheit kaum die Schule besuchen konnte, war sie enorm belesen. Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik wollte sie das Schreiben aufgeben. Nach 10-jähriger Pause begann sie wieder.

Erlaube mir traurig zu sein
unter deinen Augen, den Sternen.
Vielleicht sehen sie nicht, daß ich traurig bin,
denn die Muschel des Mondes ist abgewandt
und hört nicht auf meine Gespräche.
Bei Tag denkt sicher die Sonnenstirne
niemals über mich Dämmernde nach –
erlaube mir, gänzlich verloren zu gehen
in den Büschen der Schwermut.

Sie galt als Außenseiterin und hat sich ihr Leben lang gespalten gefühlt. Auf der einen Seite zart und empfindsam, auf der anderen mit einer starken Stimme und Willenskraft versehen. So war sie hin und her gerissen zwischen dem Wunsch ihre Gedichte zu veröffentlichen und der Angst, damit zuviel von sich preis zu geben. Ihre mystisch – spirituellen Gedichte sprechen oft von ihrer Zerrissenheit. Lavants Gedichte sind aber mehr als das, es sind ganz eigene poetische Sprachgestalten mit enormer Kraft und langem Nachklang …

Während ich, Betrübte, schreibe,
funkelt in der Vollmondscheibe
jenes Wort, das ich betrachte
seit die Taube mich verlachte,
weil ich aus dem Wasserspiegel
ohne Namen, ohne Siegel
in die Einsicht trat.
Wäre nicht die Saat
der Betrachtung groß geworden,
müßt ich Mond und Taube morden,
die mich ständig überlisten
und in meinem Schlafbaum nisten,
der davon verdorrt.
Oft brennt sich ein Wort
ganz von selbst in seine Rinde
und dann schicke ich solch blinde
Botschaft, die sich dreht,
nutzlos deinem Schlaf zu Leibe,
während in der Mondesscheibe
heil die Antwort steht.

Mit Strickarbeiten verdiente sie sich lang ihren Lebensunterhalt. Lavant lebte mit ihrem Mann, einem Maler, meist am Existenzminimum, ihr gesundheitlicher Zustand war zeitlebens nicht der Beste. Langsam wurde sie durch Veröffentlichungen bekannter, blieb aber, außer kurzen Reisen zu Literaturtreffen, immer zurück gezogen in ihrer Heimat. Spät, als sie bereits mit dem Schreiben aufgehört hatte, wurde sie mit Literaturpreisen bedacht und erhielt eine Künstlerpension. Sie starb im Alter von 58 Jahren.

Hat der Mond heut ein müdes Gefälle,
vielleicht wird sein Flußbett zu flach?
Ich zähle schon wieder die Bälle
der heurigen Sternäpfel nach
und, wie immer, fehlt noch der meine.
Das ist, weil ich innen nicht scheine,
seit die Herdglut mir ausging im Sonnengeflecht
und mein Hirn sich verdingt hat als Fuhrmann und Knecht,
der das Erdreich zur Mondmühle schmuggelt.
Viel trägt das nicht ein, aller Lohn ist ein Traum,
darin darf ich schütteln den Sternapfelbaum,
bis ein Stein in die Herzmulde kugelt.

Der Band ist im Wallstein Verlag erschienen und beinhaltet im Anschluss an den Gedichtteil, der in mehrere Kapitel gefasst ist, jeweils benannt nach den einzelnen Gedichtbänden, auch Biografisches über Lavant und Einblicke in das Entstehen der Texte. Ein großer Schatz, den es zu entdecken lohnt!

Im Wallstein Verlag erschienen dieses Frühjahr auch die autobiografische Erzählung „Das Kind“, der Band „Drehe die Herzspindel weiter für mich“ zum diesjährigen 100. Geburtstag und nun bald auch Lavants Erzählungen in einer Gesamtausgabe.

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2 Gedanken zu “Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte Wallstein Verlag

  1. Christine Lavant: ein Beweis, dass Dichtung notwendig ist (und nicht Zerstreuung in ruhigeren Stunden), ein Beweis, dass Dichtung gerade auf kargem Boden entsteht (nicht als Ersatz ist für ein „wahres Leben im falschen“). Danke für die schöne Rezension!

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