Lawrence Osborne: Denen man vergibt Wagenbach Verlag

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Beim Lesen der kurzen Inhaltsangabe des Verlages, kamen mir gleich zwei Geschichten in den Sinn, in denen die Handlung ganz ähnlich klingt: „Denen man vergibt“ könnte eine Mischung sein aus Jonas Lüschers großartiger Novelle „Frühling der Barbaren“ und Ayelet Gundar-Goshens starkem Roman „Löwen wecken“. Beide gefielen mir sehr – warum also nicht Osbornes Roman lesen? … dachte ich …

Eigentlich ging es auch ganz gut los. Als dann im 3. Kapitel die erste irgendwie holprige misslungene Metapher auftauchte, las ich noch darüber hinweg.

„Die breiten Fenster blickten mit soldatischer Strenge über das Tal.“

Doch es ging weiter:

„Plötzlich traten Dally Tränen in die großen braunen Augen, und ein Flunsch ruinierte seine Prächtigkeit.“

oder

„Die große Holzplatte der Tür begann zu schwitzen.“

oder

„Es war entwaffnend von Richard und Dally, dass in allen Räumen Toilettenartikel von Fortnum & Mason bereitstanden.“

oder hier: Es geht um eine Libelle!

„über die schwarze Wasseroberfläche tanzten, wobei ihre Flügel verzweifelt und lasterhaft anmutende Geräusche erzeugten, die ihr gefielen.“

Ich gebe zu, nach einer Weile habe ich schon auf die nächste Passage dieser Art gewartet. Nie habe ich so viele Sätze in einem Buch angestrichen, allerdings nicht etwa weil sie mir gefielen, sondern weil sie sprachlich so schrecklich sind. Zwischendurch habe ich mich natürlich wieder auf die Story konzentriert, die ja wirklich ganz gut gedacht und konstruiert ist, zumindest für Leser*innen, die sie nicht mit beiden oben genannten vergleichen (die ich mehr als empfehlen kann)  und denen vor allem die Handlung eines Romans wichtig ist. Osbornes Versuch der Ausschmückung dieser Handlung mit Landschaftsbeschreibungen und Dialogen ist leider gescheitert. Das Buch hat schon eine gewisse Spannung und obwohl ich es zwischendurch immer wieder langatmig fand, habe ich es aus Neugier auf den Schluss doch zu Ende gelesen. Der Schluss ist immerhin erstaunlich gut gelungen …

Der Inhalt ganz kurz:
Ein englisches Paar ist auf dem Weg zu einer Party der Reichen und Schönen mitten in die Wüste Marokkos. Ein reiches schwules Paar hat geladen: es soll eine spektakuläre Event-Party á la Gatsby werden. Über ein ganzes Wochenende lang darf sich die High Society in ihrem noblen, mit allem Komfort ausgestatteten Luxus-Domizil mit Alkohol, Drogen etc.pp. vergnügen. Rundherum herrscht bittere Armut, einzig die einheimischen Hausangestellten der Hausbesitzer Dally und Richard haben hier ein Auskommen. Das englische Paar Jo und David streiten sich während der Autofahrt, David hat zu viel getrunken, sie verfahren sich. Es kommt wie es kommen muss: Es passiert ein Unfall. David überfährt einen marokkanischen Straßenverkäufer …

Wie Osborne die zwischenmenschlichen und inneren Konflikte der Protagonisten schildert ist überwiegend gut gemacht. Er thematisiert auch sehr anschaulich den riesigen Abgrund zwischen beiden Welten – arm und reich. Das halte ich ihm gerne zugute. Schöner wäre es ohne die immer wieder auftauchenden unbeholfenen vor Adjektiven strotzenden Sätze gewesen:

„Er ließ sich von der Droge nur auf das Tempo herunterfahren, mit dem Sirup von einem Löffel tropft.“

oder (Ich kann gar nicht mehr aufhören zu zitieren … )

„Auch seine mineralgrünen Augen waren weit geöffnet und lachten so geräuschvoll, wie sein Mund geräuschlos lachte.“

und ich glaube, das ist der Höhepunkt:

„und er hatte das Gefühl, dass sich sein eines Auge lockerte wie eine alte Glühbirne.“

und das ist wirklich mehr als platt und peinlich: die Sexszene im Verlauf ist so kitschig, als wäre sie einem Nackenbeißer –  so nennen wir Buchhändler Liebesschmonzetten  – entnommen:

„Männer nutzten wirklich jede Gelegenheit. Und wenn sie es nicht täten, würde nie etwas passieren. Der sexuelle Planet würde sich nicht drehen. Natürlich wurde sie schwach.
[…]
„Während er schlief, strich sie mit den Händen über das Laken, auf dem kleine Spermapfützen trockneten.“

Möglich ist es natürlich, dass die Übersetzung aus dem Englischen nicht gelungen ist. Wirklich vorstellen kann ich mir das allerdings nicht. Ich glaube die Sprache in diesem Buch ist wirklich schlecht. Gespannt bin ich nun, was die Koryphäen aus dem Literarischen Quartett dazu zu sagen haben. Gerne höre ich auch eure Meinung zum Buch und/oder zu den zitierten Stellen, liebe Blogleser*innen. Vielleicht bin ich ja zu streng. Allerdings: In solch einem Fall kann ich nicht anders.

Larence Osborne, Jahrgang 1958, ist Reiseschriftsteller und hat bereits einige Romane veröffentlicht. Dies ist der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde, und zwar von Reiner Pfleiderer. Mehr über Buch und Autor auf der Seite des Wagenbach Verlags.
Eine sehr begeisterte Besprechung gibt es bei Die Buchbloggerin.

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12 Gedanken zu “Lawrence Osborne: Denen man vergibt Wagenbach Verlag

  1. Liebe Marina,
    Deine Rezension hat mir Spaß gemacht. Nicht dass ich es gut fände, wenn die Sprache des Autors zu wünschen übrig lässt- aber WIE Du das schilderst und bewertest wäre einen Gastbesuch deinerseits im Litarischen Quartett wert gewesen. Ich bin sehr gespannt auf die Bewertung dort, die ich mir nachher ansehen werde.
    Lieber Gruß von Anja vom Schreibtischle

    Gefällt 1 Person

    • Ach, das freut mich, Anja. Etwas Zuspruch tut gut, denn das Quartett hat über die Sprache kein einziges Wort fallen lassen, obwohl ich das zumindest von Thea Dorn erwartet hätte. Alle vier waren total begeistert 😦
      Viele Grüße!

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  2. .. das ist manchmal sehr eigenartig beim Quartett- mir ging das ähnlich mit Toni Morrisons „Gott, hilf dem Kind“- die vollständige, kritikfreie Begeisterung habe ich da ebenso wenig nicht verstanden. Und gerade bei Sprache sind die vier doch gerne gleich auf 180… Einfach weiter Deinem eigenen Sprachgefühl vertrauen!

    Gefällt 1 Person

  3. […] Erwähnenswert ist die Haltung der Vier zu Lawrence Osbornes „Denen man vergibt“: einhellige Begeisterung über das „souverän erzählte“, „subtil und spannende“, „ gut gebaute“ Buch mit „lässiger und hochsinnlicher Sprache“. Herr Matthes erwähnt einmal kurz die allzu häufige Nutzung von Adjektiven und die Längen, die sich Osborne herausnimmt, sie aber mit „lakonischen Hemingway-Sätzen wieder abfedert“. Weiter werden die „unglaublich guten, witzigen, boshaften Dialoge“ gerühmt und Weidermann resümiert, dass es in dem Buch augenscheinlich um eine umgekehrte Flüchtlingsbewegung geht: die Reichen, die aus ihrer Sattheit fliehen. So muss man vielleicht die Überschwänglichkeit der vier Rezensenten auch verstehen: es ist das Sujet, das hier vor allem fasziniert. Sprachlich kann man hier auch deutlich anderer Meinung sein und dazu verweise ich gerne auf Marina Büttners Rezension. […]

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