Inès Bayard: Scham Zsolnay Verlag

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Inès Bayard hat mit ihrem Debütroman einiges gewagt. Sie hat über eine Vergewaltigung und deren Folgen geschrieben und zwar in so direkter schonungsloser Weise, dass es manchmal schwer war weiterzulesen. Ihre Hauptperson macht eine furchtbare Erfahrung, die in ihrem bisher so sicheren und behüteten Leben, alles, aber auch alles verändert und zerstört. So geht es auch weniger um die Tat, als um das Danach, die inneren Vorgänge, das Wie weiter?. Dieser Roman ist kein `schönes´ Buch. Es ist ein belastendes Leseerlebnis in drastischer Sprache und doch kann ich mich als Leserin mit der Autorin und ihrer Protagonistin solidarisieren. Ich kann ihre Tat, mit der der Roman wie ein Paukenschlag beginnt, nicht einmal wirklich verurteilen.

Marie ist Anfang 30, lebt in Paris, hat einen guten Job in einer Bank und ist glücklich verheiratet mit Laurent, einem aufstrebenden Rechtsanwalt. Beide wünschen sich ein Kind. Doch eines abends wird sie von ihrem obersten Vorgesetzten brutal vergewaltigt. Er droht ihr, ihrer beider Karriere zu beenden, falls sie darüber spricht. Damit beginnt Maries Martyrium, denn sie erzählt ihrem Mann nichts, geht nicht zur Polizei, verbirgt alles vor Freunden und der Familie, geht wieder zur Arbeit. Nach außen hin versucht sie alles zu tun, um sich nichts anmerken zu lassen. Doch wir Leserinnen erfahren, wie es in ihr drin aussieht, wie der geschundene Körper und die verletzte Seele Maries Leben vollkommen verdüstern.

„So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann“. Dieser Satz der Autorin Elfriede Jelinek fällt ihr plötzlich wieder ein. Jahre vor ihrer Vergewaltigung hatte ihr jemand den Roman „Lust“ geliehen. Sie erinnert sich, dass sie ihn nicht zu Ende gelesen hat. Sie fand ihn schockierend, ungerecht, ekelhaft, diesen Satz ganz besonders. Eine blöde Feministin. Heute sieht sie das anders.“

Als sie schwanger wird, ist sie sich sicher, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger ist. Sofort beginnt sie dieses in ihr entstehende Leben zu hassen und zu bekämpfen. Mehrfach versucht sie das Kind vor und nach der Geburt zu töten, doch es gelingt nicht. Lieben kann sie es nicht, sie vernachlässigt es. Am Größten aber ist ihr Selbsthass. Ihre Psyche erkrankt, manchmal weiß man als Leser*in nicht mehr ob es noch wahr oder schon Wahn ist, was Marie erlebt. Dass weder ihrem Mann, noch der nahe stehenden Familie die Veränderung von Maries Wesen auffällt, finde ich jedoch nicht ganz glaubwürdig, denn es würde von wenig Sensibilität und Aufmerksamkeit zeugen. Dass keiner den bald auch körperlichen Verfall, die tiefe Depression wahrnimmt, wäre dann ein bitteres Zeugnis dafür, wie wenig oft nah zusammen lebende Menschen einander wirklich sehen. Andererseits gibt es womöglich solche Familien, die nicht sehen wollen, die ihre heile Welt aufrecht erhalten wollen, um jeden Preis.

Doch langsam bricht sich die Wahrheit ihre Bahn, endlich!, denke ich als Leserin. Maries Schwester liest zufällig eine ihrer Mails und erfährt von der Vergewaltigung und den inneren Kämpfen Maries. Doch statt sie zu verstehen und ihr zu helfen, wendet sie sich ab. Und auch Laurent fällt aus allen Wolken, als er Teile eines Telefonats Maries mit ihrer Schwester mitbekommt, jedoch dann ganz falsche Schlüsse daraus zieht …
Ein enormes Debüt, ein wichtiges Buch!

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag und wurde von Theresa Benkert übersetzt. Ein aufschlussreiches Interview mit der 1992 geborenen Französin, die zur Zeit in Berlin lebt gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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