Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde dtv Verlag

Ein ausführlicher Beitrag in der ZEIT Anfang des Jahres machte mich neugierig auf dieses Buch. Die Amerikanerin Julia Phillips hat mit ihrem Debütroman, an dem sie zehn Jahre lang arbeitete, wirklich ein für mich besonderes Buch geschrieben. Es ließ mich eintauchen in eine vollkommen fremdartige Welt, der Halbinsel Kamtschatka, die früher zur Sowjetunion gehörte, obwohl die Hauptstadt Moskau sehr weit weg liegt.

Der Roman spielt allerdings nach der politischen Wende und zeigt auf, wie groß die Entfernung in den Rest der Welt auch heute noch ist. Das liegt vor allem auch an der geographischen Lage. Die Hauptstadt ist nur mit dem Flugzeug erreichbar. Straßen gibt es wenige, vor allem im Norden. Ein Großteil der Insel besteht aus einem Naturpark. Dass es auch hier in dieser abgeschiedenen Gegend um Ausgrenzung gehen kann, war mir nicht bewusst. Aber in Kamtschatka leben viele Menschen, die von Ihren Rentierherden leben, nomadische Indigene. Die „Weißen“ leben überwiegend in der Stadt. Von den Bewohnern wird die Halbinsel in Nord und Süd, in Stadt und Land eingeteilt. Es gibt Tanz- und Kulturfeste, organisiert von Indigenen, um die Kultur zu bewahren.

Ihre Großeltern waren stolz darauf gewesen, dass man die Ureinwohner der Halbinsel vereinigt hatte, sowjetisiert, indem man ihre Ländereien verstaatlicht, die Erwachsenen in Arbeitskollektive gesteckt und den Kindern in staatlichen Internaten die marxistisch-leninistische Ideologie eingetrichtert hatte.“

In der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski verschwinden zwei russische Mädchen, neun- und elfjährig. Das erste Kapitel erzählt davon. In den weiteren Kapiteln, die ab dem Monat des Verschwindens ein Jahr umspannen, erzählt die Autorin zunächst scheinbar zusammenhanglos von einzelnen Menschen die in der Stadt oder im nördlich gelegenen Ort Esso leben. Später finden sich einzelne Fäden zu einem roten Faden zusammen.

Die einzelnen Personen sind letztlich alle Hauptfiguren, was ich sehr gelungen finde. Phillips schildert sie sehr anschaulich und genau. Gerne würde ich mehr über jede einzelne erfahren, doch im nächsten Kapitel tauchen neue Personen auf. Großes Ziel für die meisten Protagonisten scheint es, zu studieren und die Halbinsel zu verlassen, nach St. Petersburg oder Moskau oder gar nach Europa zu gehen. Doch die meisten schaffen es nicht, heiraten, gründen Familien, studieren vielleicht, aber bleiben doch in einem der wenigen möglichen Jobs in der Gegend hängen. Auffallend ist es, wie wenig emanzipiert die Frauen in diesem Teil der Welt wirken. Die Männer haben das sagen, verhalten sich teils sexistisch und fühlen sich wohl in ihrem Machogehabe. Trotzdem finden sich zwischendrin immer wieder Frauenfiguren, die aus der Rolle ausbrechen.

„In Sankt Petersburg sahen die Männer vielleicht anders aus. Künstlerischer. Doch einsame Typen aus dem Norden wie Jegor, der viel zu schnell trank, der Mädchen einen Gefallen tat und sich acht Stunden ins Auto setzte, um auf eine Party zu gehen, fand man nur hier auf Kamtschatka.“

Auch in Esso wurde ein Mädchen vermisst, eine Indigene. Die Polizei scheint mehr Zeit und Energie in die Suche nach den beiden weißen Mädchen zu investieren. Lilja, die vermisste aus Esso wird als leichtfertiges Mädchen dargestellt, die eben vielleicht nur abgehauen ist. Doch obwohl das unbemerkte Verlassen der Insel wohl nicht so einfach ist, werden alle drei Mädchen nicht gefunden, nicht tot, nicht lebend.

Erst im vorletzten Kapitel kommt die Mutter der zwei Mädchen zu Wort. Sie leidet nach fast einem Jahr Trauer und immer neuer Hoffnung an Angstattacken mit Atemnot. Ihre Arbeit als Journalistin behält sie bei. Als sie über ein Kulturfest der Indigenen im Norden berichten soll, erfährt sie auch von der verschwundenen Lilja und sie erhält von unerwarteter Seite Hilfe, die womöglich zu einem Täter und einer Aufklärung führen könnte …

Phillips ist ein sehr gut konstruierter Roman gelungen, der mich neugierig auf diese Gegend mit ihren Vulkanen, heißen Quellen, Bären und Lachsen mit einer atemberaubenden Natur gemacht hat. Wobei manche Metaphern für mich sprachlich nicht gelungen wirkten, was vielleicht aber auch an der Übersetzung liegen könnte. Dennoch bleibt: Ein Leuchten!

Julia Phillips hat ihren Roman mit einer Personenliste und mit einer Karte von Kamtschatka ausgestattet, was sehr hilfreich für mich war. Der Roman erschien im dtv Verlag. Die Übersetzer sind Pociao und Roberto de Hollanda. Eine Leseprobe gibt es hier.

Fotos: pixabay/wikimedia commons

5 Gedanken zu “Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde dtv Verlag

  1. Hier scheiden sich ja echt die Geister… Für mich hat der Zusammenhang des Kriminalfalls mit den einzelnen Kapiteln, die so weit weg führten von der Ausgangssituation, nicht wirklich funktioniert. Aber ich weiß, dass viele das anders sehen. Viele Grüße!

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      • Als Krimi habe ich es auch nicht gelesen, ich glaube auch nicht, dass das die Intention der Autorin war. Aber das Verschwinden der Mädchen am Anfang hatte so wenig mit dem Rest der Geschichte zu tun, dass es für mich eigentlich gar nicht hätte sein müssen. Ich fand auch, dass die einzelnen Kapitel irgendwann nichts Neues mehr brachten. Klingt aber jetzt auch negativer, als ich es empfunden habe. Und wenn es Dir gefallen hat, umso besser, keine vergeudete Lesezeit und so 🙂

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      • Doch das Verschwinden der Mädchen zeigt doch auf, wie wenig die Polizei bei Liljas Verschwinden agiert, weil sie eine Indigene ist. Auch der Schluß wäre ja sonst nicht zustande gekommen.
        Aber jeder liest ja anders ..
        Viele Grüße!

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