Juan Gómez Bárcena: Kanada Secession Verlag

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Es ist ein Roman, zu dem sich kaum Worte finden lassen. Atemlos, gebannt, fast an einem Stück habe ich ihn gelesen. Und jetzt Sprachlosigkeit infolge des Raums und der Sprachlandschaft dieses Romans, der Fülle und zugleich der Leere …

Juan Gómez Bárcena war eine Empfehlung Alexander Weidels vom Secession Verlag für Literatur. Ohne ihn hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Im Wust der Bücherfluten wäre er untergegangen. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist. Mir wäre etwas entgangen, was für mich unvergleichlich gute Literatur ausmacht. Trotzdem oder gerade deshalb fällt es mir schwer über den Roman zu schreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht zu fassen kriege, was er transportiert in all seiner Bildhaftigkeit und was vermutlich bei jedem/jeder Leser/in ganz anders ankommt. Und ich weiß, dass es anderen bei der Lektüre ähnlich ging.

Gleich vorweg: Stefan vom Blog Poesierausch hat eine Rezension über „Kanada“ geschrieben, die kaum etwas über den Inhalt verrät. Möglicherweise ist die Lesart, ohne etwas vorab zu wissen eine ganz gute Herangehensweise. Wer also nicht gespoilert werden will, der lese auf Poesierausch. Ansonsten ist hier meine Besprechung:

„Kanada ist eine Empfindung, ein Schütteln, ein Schlag, den man nicht verstehen kann und der aus diesem Grund niemals verschwindet, während dein Leben vor dem Krieg nur ein Konzept ist, eine Idee, die sich auflöst, sobald man sie erklärt.“

Zunächst klingt der Titel ganz harmlos. Kanada. Doch dann spielt der Roman in Ungarn. Und erst auf Seite 124, zumindest ich wusste es vorher nicht, erfahre ich von den Erlebnissen des Protagonisten in „Kanada“. Gemeint ist nicht das Land in Übersee. Furchtbare traumatisierende Erfahrungen macht dieser Mann und kann nicht wieder in sein Leben zurück, weil er eigentlich nicht mehr lebensfähig ist. Was er durchgemacht hat, versteht niemand. Auch nicht der „nette“ Nachbar, der sich in der Zeit seiner Abwesenheit um das Haus gekümmert hat. Trotzdem wurde es geplündert. Dem/r Lesenden wird klar, warum. Die Stadt ist von den Bomben des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Der Mann verkriecht sich im Haus. Anfangs glaubt der Nachbar, der ihm regelmäßig Essen bringt, dass er bald wieder anfangen wird zu arbeiten. Versucht zu vermitteln. Doch nach dem Krieg haben die Kommunisten das Land übernommen. Mit einer Arbeit wird es nichts. Der Mann zieht sich in sein ehemaliges Büro im Haus zurück und verlässt es nicht mehr, zieht sich immer mehr in sich zurück. Man erfährt, dass er ein Zahlengenie ist, dass er einmal Dozent war, ein versierter Astrophysiker. Dass er das Lager nur überlebt hat, weil er diese Begabung hat. Doch auch jetzt in der Freiheit kann er nur weiter dahinvegetieren, mehr Tier als Mensch. Der Nachbar quartiert im restlichen Haus Mieter ein und verdient Geld damit. Jahre vergehen. Das Kind der Nachbarin wird vom Säugling zum Schukind. Wie viele Jahre wirklich vergehen, erfährt man erst, als es plötzlich Straßenkämpfe gibt, sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Es ist also der Ungarnaufstand 1956, als sich das Land gegen die Besatzungsmacht, die Sowjetunion auflehnt.

„Der Schuld lässt sich auf die ein oder andere Weise trotzen. Unschuldig zu sein, ist dagegen ein Gewicht, das dich zerquetscht. Unschuld stellt die ganze Welt bloß. Wenn es möglich ist, die härtesten Strafen grundlos zu erleiden, dann wird die  Wirklichkeit schuldig und verliert ihren Sinn –“

Der gebrochene Mann – nur ein einziges Mal erfährt man seinen Namen, János Kövári – nimmt kaum noch etwas außerhalb war, er fantasiert in Wahnvorstellungen, absurden Träumen oder sind es Retraumatisierungen? Erst am Schluss, als alles rückwärts läuft, scheint vollkommene Klarheit in den Mann zurückzukehren. Es ist wie ein Abspann. Er sieht sich und seine Familie unversehrt aus dem Zug aussteigen und ins Haus zurückkehren mit allen Koffern und sieht aus dem Fenster, wie der Nachbar den Schergen den Weg zu seinem Haus weist …

Die Entpersonalisierung oder Abspaltung wirkt besonders stark durch die Erzählform aus der Du-Perspektive. Und auch deshalb kommt mir die Geschichte besonders nah. Und tut weh. „Kanada“ ist ein Roman, der schmerzt, schmerzen muss, weil Literatur mitunter so sein muss. Große Literatur ist für mich keine, die unterhaltsam ist, sondern eine, die mich auch an meine Grenzen bringen darf. Das tut Bárcena mit diesem unfassbaren Buch. Und gerade deshalb leuchtet dieser Roman in all seinen Schrecken und seiner Düsternis.

Der Roman des 1984 in Spanien geborenen Juan Gómez Bárcena erschien im Secession Verlag für Literatur. Genial übersetzt wurde es von Steven Uhly. Er ist wie immer fein ausgestattet und fadengeheftet. Papiersorte und Schriftart kann man im Impressum nachlesen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Hagar Peeters: Malva Wallstein Verlag

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Ein schwarzer Schutzumschlag mit einer rosafarbenen Blume, einer Malve. Ich erkenne sie, weil ich sie selbst in meiner Sommerblumensammlung aussähe. Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans wurde nach dieser zarten Blume benannt. Doch darunter, und das wird mir später erst klar, kann man ein weißes großes Semikolon erkennen. Nicht von ungefähr, denn Malva Marina Trinidad del Carmen Reyes, die unbeachtete, verlassene Tochter des großen Dichters Pablo Neruda sieht sich selbst als solch ein Satzzeichen.

„… wie mein Vater behauptete, das Semikolon charakteristisch ist für die Gestalt, die ich auf Erden war, mit meinem kleinen Körper, wie ein Komma, ein krummer Strich, ein gewundener Wurm, und mit meinem immer mehr anschwellenden Schädel, wie ein grotesker Punkt, der sich selbst entstieg und dem Himmel entgegenwuchs; jenem einen großen, mich nun doch beherbergenden Jenseitshimmel.“

Malva wird nur 8 Jahre alt. Sie stirbt an Gehirnwassersucht, auch kurz Wasserkopf genannt. Am Anfang des Romans beobachtet sie von ganz weit oben die riesige Beerdigung ihres berühmten Vaters, der sie und ihre Mutter verlassen hat und sich lieber als Kommunist um die Gerechtigkeit in der Welt gekümmert hat, statt ihr ein Vater zu sein.

„So ein Detail, sagte ich, darum geht es und nicht um die perfekten Proportionen oder den Goldenen Schnitt oder die große Geste oder die rassereine Vollkommenheit oder die ewige Wahrheit oder den Nobelpreis für Literatur. Aber wer bin ich, um das zu sagen? Ich bin schließlich schon längst tot.“

Malva „lebt“ nun im Himmel. Sie hat sich gute Gesellschaft gesucht: Da ist Oskar Matzerath, genau, der aus der Blechtrommel, da gibt es den Sohn Arthur Millers, die Tocher von James Joyce. Malva verehrt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska (hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn Szymborska starb erst im Jahr 2012, aber vielleicht wird das im Jenseits nicht so genau genommen) der sie oft Fragen stellt und kann den Geschichten Roald Dahls einiges abgewinnen. Selbst Sokrates wird in Gespräche verwickelt.

Von dieser hohen Warte aus berichtet sie von Szenen im Leben ihres Vaters, der sich diversen Geliebten zuwandte und sich immer mehr in die Politik und den kommunistischen Klassenkampf stürzte. Zwischen Bewunderung und Hass schwankt Malva, was ihren Vater betrifft. Die Mutter liebt sie, obgleich auch sie sie verließ und in eine holländische Pflegefamilie gab, um Geld zu verdienen, da vom Vater nichts zu erwarten war. Selbst als die Mutter nach Malvas Tod, ihren Exmann bittet sie aufgrund des Krieges und der Besatzung der Niederlande durch die Nazis zurück nach Chile zu holen, verweigert er dies und sie wird kurz vor Kriegsende noch für einige Wochen ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert.
Zeitweise wendet die Hauptfigur Malva sich in persönlicher Rede direkt an die Autorin, deren Familiengeschichte gewisse Schnittmengen mit der Malvas Familie aufweist.

Was für eine irre Idee der Autorin! Die toten, ehemals verlassenen Kinder berühmter Eltern suchen sich auf der Erde ihre Biographen aus und flüstern ihnen die Sätze ihres Lebens ein. In Hagar Peeters hat Malva die ideale Biographin gefunden, denn die Autorin beherrscht die Sprache, biegt sie, verziert sie, lässt sie tanzen und tosen. Und lässt Pablo Neruda beinahe blass aussehen. Hier ist deutlich zu spüren, dass Peeters eine preisgekrönte Lyrikerin ist. Auch die Übersetzerin hat hier einiges geleistet.

Die im Leben ausgeschlossenen Kinder bilden im Jenseits eine eingeschworene Gemeinschaft, Arthur Millers von ihm verschwiegener Sohn Daniel mit Down-Syndrom, Lucia, die verrückte Tochter James Joyce, der nicht wachsende Blechtrommler Oscar und Malva mit dem Wasserkopf. Viele weitere Kinder wollen aufgenommen werden, etwa Rousseaus Kinder, die er alle ins Kinderheim steckte, während er seelenruhig ein Buch über Erziehung schrieb. Und Albert Einsteins, als schizophren diagnostizierter Sohn Eduard, dessen Vater ebenfalls die Frau wechselte und nichts hinterließ.

„Ach Hagar, das waren einfach nur ein paar bekannte Fälle, aber die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos. Aus Anlass des Falles von Paul Gauguin, der seine Familie verließ, um auf Tahiti edle wilde Frauen zu malen, hat der Philosoph Bernard Williams sogar einen Terminus dafür geprägt: moral luck. Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen. Sie kommen damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken.“

Hagar Peeters Roman ist in vielen Aspekten bezwingend. Scharfsinnig klagt sie Ausgrenzung an und findet eine Stimme für Frauen und Mütter und für „behinderte“ Kinder. Wie sie in ihrem Roman eine Lösung für deren Leid im Jenseits findet, gefällt mir außerordentlich gut und lässt mich getröstet und versöhnlich zurück. Ein Leuchten!

Der Roman „Malva“ der 1972 geborenen Niederländerin Hagar Peeters erschien im Wallstein Verlag. Übersetzt hat es Arne Braun. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Simon-Pierre Hamelin: 101, rue de Condorcet Clamart Osburg Verlag

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In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wundert sich Peter Handke über Marina Zwetajewas Klagen, es gäbe keinen Wald hier. Mit hier ist die Pariser Vorstadt Clamart gemeint, in der Handke viel später auch einige Zeit gelebt hat. Marina Zwetajewa, die große russische Dichterin verbrachte dort in den 30er Jahren lange Zeit im Exil. Doch angekommen ist sie dort nie. Vermutlich waren die Wälder der russischen Heimat mit denen der französischen Vorstadt nicht vergleichbar.

„Hier bin ich ohne Leser, in Russland ohne Bücher.“

Der 1973 in Paris geborene Simon-Pierre Hamelin wirft einen Blick in Marina Zwetajewas Leben in der winzig kleinen Unterkunft, in der Rue Condorcet, in der es sich kaum leben, geschweige denn schreiben lässt. Nur Notizheft um Notizheft füllt sich tagebuchähnlich mit Sehnsucht. Und mit Sorge um die Familie: um die Kinder Alja und Mur und den Ehemann Sergej Efron.

„Wie kann man auf Ihre großen blauen Notizhefte eifersüchtig sein, auf Ihre stockende Feder, diesen winzigen Tisch, an dem Sie so ganz und gar selbstvergessen sitzen … „

Ein Brief trifft ein mit der Ankündigung des Gerichtsvollziehers. Der siebenjährige Mur muss Kohle vom Nachbarn erbetteln. Der Ehemann Sergej ist immer unterwegs um Arbeit zu finden und die Tochter Alja folgt diesem auf Schritt und tritt. Mur ist eifersüchtig auf Marinas Schreiben, man hänselt ihn in der Schule als „Russkoff“. Efron und Alja sehnen sich hingegen nach Russland, dem neuen Menschen, der Sowjetunion.
Jedes Familienmitglied erhält eine Stimme, gleich ein Kapitel, in diesem schmalen Bändchen. Und zuletzt auch der eingetroffene Gerichtsvollzieher, dessen Besuch dank der Phantasie Efrons und einer Flasche Wodka besser ausgeht, als befürchtet … und für Marinas blaue Notizhefte interessierte er sich sowieso nicht. Doch das weitere Schicksal der Familie steht unter weniger guten Sternen …

„Ich weiß alles, was war, und alles was kommt,
Ich kenne das Geheimnis, taub und stumm,
Das in der stammelnden, dunklen
Sprache der Menschen – Leben heißt.“

Auszug aus dem Gedicht „Die Nächte ohne den Geliebten – und die Nächte“

Simon-Pierre Hamelins knapper, zugleich sehr dichter Roman ist eine Hommage an Marina Zwetajewa. Der Autor lebte in seiner Kindheit an beinah der gleichen Adresse wie die russische Dichterin in der Rue Condorcet 80 Jahre zuvor.
Das Buch erschien im Osburg Verlag. Die Übersetzung stammt von Regina Keil-Sagawe. Das aufschlussreiche Nachwort schrieb Marie-Luise Bott. Eine Leseprobe gibt es hier.

Die bisher unveröffentlichten Notizhefte, zu denen auch die aus Paris gehören, wurden nun auch in einem Buch gesammelt und unter dem Titel „Unsre Zeit ist die Kürze“ vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Eine Besprechung dazu folgt.

Ein sehr ausführlicher Roman über die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter Alja ist „Unser tägliches Leben“ von Riikka Pelo. Meine Besprechung dazu auf fixpoetry.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter Hanser Verlag

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In ihrem neuen Roman blickt die große russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Hauptperson darin ist Nora, eine unkonventionelle Frau, die als Bühnenbildnerin arbeitet, einen Sohn alleine aufzieht und mit einem verheirateten Regisseur liiert ist. In Kapiteln die von der Heute-Zeit bis weit in die Vergangenheit zurückreichen erzählt sie aus wechselnder Perspektive, beginnend mit dem Tod der Großmutter Maria und dem Auffinden alter Briefe.

„Das war wohl das Schicksal seiner Familie, seines Volkes – in einer großen Grube in Kiew, in Babi Jar lagen sein jüngster Bruder, vier Cousinen, insgesamt neunundzwanzig Blutsverwandte – ermordet. Und über ganz Europa verstreut noch viele Millionen Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Der Teufel trug nur verschiedene Schnauzbärte.“

Einer der Stränge besteht aus Auszügen eines Tagebuchs und Briefen, die die Autorin tatsächlich im Nachlass ihrer Familie fand. Die verschiedenen Briefwechsel gestalten sich nach meinem Empfinden zeitweise ein wenig langatmig, lesen sich weniger flüssig als die durcherzählte Geschichte. Das mag daran liegen, dass bei den Briefen viele offene Fragen bleiben, aber auch an Jakows und Marias langen, sich ständig wiederholenden Liebesschwüren. Der Briefwechsel war einzig möglicher Kontakt über lange Phasen dieser Beziehung, weil das Paar immer wieder getrennt wurde: Zuerst war Jakow beim Militär, dann im Krieg und schließlich mehrmals in der Verbannung, ohne Schuld, was bei ihm immerhin kein Straflager bedeutete. Er konnte recht frei einer vorgegebenen Arbeit nachgehen, nur eben an anderen Orten. Letztlich zerbrach die Ehe daran. Dieser Strang zieht sich über einen Zeitraum von 1905 bis 1955 und wird wechselweise zu Noras Geschichte – 1974 bis 2011 – erzählt.

Die Hauptgeschichte ist spannender, sie reicht von Russland bis in die USA. Nora ist Bühnenbildnerin und arbeitet oft mit Tengis, einem georgischen Regisseur zusammen. Obgleich die beiden sehr lange getrennte Zeiten verbringen, bleiben sie stets ein Liebespaar. Ihre Arbeit speist sich auch aus den Eigenheiten der beiden und ihrem starken Freiheitsdenken. So sind ihre Stücke durchaus manchmal unbequem und werden mitunter abgesetzt. Nora ist die Enkelin der beiden briefeschreibenden Liebenden und hat einen Sohn, Jurik, der als junger Mann zu seinem in die USA ausgewanderten Vater zieht. Vitja ist ein Mathematikgenie und hat seinem Sohn einiges davon vererbt. Jurik allerdings zieht es eher zur Musik, wobei er scheinbar seinem Urgroßvater Jakow nachkommt. Während Vitja sich jedoch erfolgreich integriert, wird Sohn Jurik drogenabhängig. Doch Nora holt ihren Sohn zurück nach Russland …

„Sie, Nora, schwamm in einem Fluss, und hinter ihr schwammen fächerartig drei Generationen von Menschen, die auf den Fotografien festgehalten waren und deren Namen sie kannte. Dahinter in der Ferne eine endlose Reihe namenloser Vorfahren, Männer und Frauen, die einander aus Liebe, aus Leidenschaft, aus Berechnung, auf elterliches Geheiß gewählt, Nachkommen gezeugt und aufgezogen hatten.“

Ich mag Ulitzkajas Art zu schreiben sehr. Die Geschichte ihrer Familie ist überaus interessant, scheint es doch sehr ungewöhnliche und vielseitige Persönlichkeiten zu geben. Künstlerisch begabte, wie Maria, die sich als junge Frau erfolgreich dem Ausdruckstanz zuwendet und auf der Bühne steht, Jakow, der die Musik liebt, sie aber für ein Studium der Wirtschaft aufgibt und wissenschaftlich Begabte, wie Vitja, der Mathematiker und Jurik, bei dem sich die Musik mit der Wissenschaft verbindet. Oft frage ich mich, was davon Fiktion ist …

„Jakobsleiter“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung aus dem Russischen kommt von Ganna-Maria Braungardt. Auf dem Vorsatz- und Nachsatzblatt findet sich der Stammbaum der Familie. Das ist hilfreich zum Nachvollziehen der verwandtschaftlichen Verbindungen. Außerdem finden sich am Schluß Anmerkungen der Übersetzerin. Eine Leseprobe und ein Interview gibt es hier.

Anna Kim: Die große Heimkehr Suhrkamp Verlag

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„Die große Heimkehr“ leistet als Roman beinahe so viel wie ein Geschichtsbuch, das zudem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation zur Wissensauffrischung durchaus geeignet ist. Anna Kim erzählt anhand dreier Hauptfiguren umfangreich und detailliert über die Geschichte und Entwicklung des Landes Korea und die Teilung. Tatsächlich dehnt sie den eigentlichen Zeitraum 1959/60, also zwei Jahre, aus und berichtet auch von den Hintergründen und Voraussetzungen dieser unruhigen Zeit. Hat man das Buch gelesen, begreift man erst, dass dieses Land niemals zur Ruhe kam. Weder im kommunistischen Norden noch im versteckt (militär-)diktatorischen Süden, der in Wirklichkeit keine Demokratie war, konnte man gut und sicher leben. Mich hat das Buch ziemlich erschüttert: Überall Gewalt, Folter, Verrat – wie wenig eigentlich im Namen des Volkes geschieht und wie viel aus Machtgier der Oberen. Und nicht zuletzt, weil sich auch hier wieder die Einflussnahme der Großmacht USA nicht unbedingt von ihrer besten Seite zeigt.

Gut, dass man sich an der im Jahr 1959 in Seoul einsetzenden Geschichte um Johnny und Yunho, die seit ihrer Kindheit befreundet sind und die später eine Art Dreiecksbeziehung mit der älteren Eve führen, entlang hangeln kann und dieser staatlichen Willkür nicht fortwährend ausgeliefert ist. Kim schildert vielleicht manchmal etwas zu ausführlich die politischen Ereignisse, doch letztlich sind sie auch notwendig für das Durchdringen der Romanhandlung. Kurz bevor ich versucht war zu überblättern, fand ich mich wieder in der eigentlichen Geschichte vor. Die drei Helden müssen während der Unruhen aus Südkorea nach Japan ins Exil fliehen, wo sie jedoch ein kaum besseres Schicksal erwartet und wo sich das Misstrauen gegeneinander verstärkt. Viele der Geflohenen werden bald angeworben ins kommunistische Nordkorea zurückzukehren: Die Große Heimkehr.

„Heimat: was für eine heikle, furchtbare und furchterregende Religion 
In Korea steht Kohyang für das Land der Ahnen und für Herkunft, zugleich enthält der Begriff eine emotionale, eine überwirkliche Komponente, nämlich die des Blutes, der individuellen und kollektiven Wurzeln. Heimat ist somit Vergangenheit, aber auch, und das ist die Crux, Zukunft; Schicksal.

Der Handlungsstrang wird in Rückblenden aus der Sicht des 78-jährigen Yunho Kang erzählt, unterlegt mit Sequenzen über die geschichtlichen Ereignisse. Yunho, der wieder in Korea lebt, erhält einen Brief mit der Mitteilung von Eves Tod in den USA. Eine junge Frau, die eigentlich auf der Suche nach ihren Wurzeln in Korea ist, übersetzt ihm den Brief und nach und nach erzählt ihr Yunho seine Erinnerungen.

Anna Kims Roman ist ein großes Epos über die Suche nach Zugehörigkeit, nach Heimat, nach Liebe und Freundschaft im Exil und in den Wirren des Weltgeschehens. Anna Kim wurde 1977 in Südkorea geboren und kam mit ihrer Familie 1979 zunächst nach Deutschland dann nach Österreich. Im Einband des bei Suhrkamp erschienenen Buches ist ergänzend eine Karte von Korea und Japan abgedruckt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine sehr ausführliche und detailreiche Besprechung gibt es auf dem Blog ausgelesen. weitere bei  Zeichen & Zeiten und Literaturreich.

PS: Interessant als begleitende Lektüre ist „Denunziation“, ein Band mit Erzählungen aus dem Piper Verlag, der über die Zustände in Nordkorea viel aussagt. Der Autorenname „Bandi“ ist ein Pseudonym für den wirklichen Autor, der angeblich noch in Nordkorea lebt und bei Aufdeckung wohl nicht mehr seines Lebens sicher wäre. Sprachlich hat mich der Band nicht überzeugt, aber um Einblick in persönliche Schicksale zu erhalten, ist er gut geeignet.

Ismail Kadare: Die Dämmerung der Steppengötter S. Fischer Verlag

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Endlich endlich Ismail Kadare entdeckt!
„Die Dämmerung der Steppengötter“ ist ein Roman, der mich vollkommen überzeugt hat. Von Anfang an Staunen, wie dieser albanische Schriftsteller schreiben kann: Die herrliche Sprache, metaphernreich, doch immer überraschend, wunderbar durchdacht und konzipiert, ein dicker roter Faden bis zum Ende und ein starkes Thema, was gerade wieder zufällig zu meiner andauernden Ost-Lese-Phase passt. Extra langsam habe ich gelesen, genossen, und am Schluss so eingenommen weggelegt, dass ich dachte: wie soll ich jetzt einen neuen Roman anfangen? (Dass der nächste zum großen Glück ein ebensolches Wunderwerk sein wird, konnte ich da noch nicht wissen.)

Ismail Kadare war bereits mit Anfang 20 in seinem Land als Lyriker bekannt. Um sich weiter zu schulen durfte er in Moskau am berühmten Gorki-Institut Literatur studieren. So geriet er in die größte Autorenschmiede des gesamten Ostblocks. Die Zeit seines Aufenthalts dort ist auch Inhalt dieses Romans.

Kadare beginnt seinen Roman mit einem Sommeraufenthalt in einem sozialistischen Urlaubsheim für Schriftsteller an der Ostsee. Dort begegnet er einem faszinierenden Mädchen, das seiner Moskauer Freundin Lida ähnelt. Ihr erzählt er eines nachts bei einem Spaziergang die albanische Legende von „Konstantin und Doruntina“, die sich schließlich als roter Faden durch die gesamte Handlung des Buches zieht. Darin geht es schlussendlich um die Worttreue der Albaner, die „Besa“, die selbst über den Tod hinaus niemals gebrochen wird.

Zurück zum Studium in Moskau, in einer Zeit nach Stalin, die unter Chruschtschow auch „Tauwetterperiode“ genannt wird, geht es ums Schreiben aber nicht zuletzt auch um Politik und um die Liebe. Unser Held vergrault aus ihm selbst nicht bekannten Gründen seine Geliebte Lida, ja verkuppelt sie sogar noch mit einem Schriftstellerkollegen vom Literaturinstitut.

„Ich denke, es wäre an der Zeit spezielle Untersuchungen über die Verwendung der Zeit in den literarischen Werken der Genossen aus der Tundra anzustellen. Da gäbe es noch Raum für echte Neuerungen, obwohl ich auch die Gefahr sehe, in Modernismus abzugleiten wie dieser Franzose Proust, der die Zeit zu einem dicken Knäuel zusammengewickelt hat.“

Zur gleichen Zeit erhält Boris Pasternak den Literaturnobelpreis. Doch in Moskau freut sich keiner darüber: Pasternaks großer Roman „Doktor Schiwago“ wird sogar verurteilt aufgrund fehlender Linientreue. Eine geraume Zeit hört man in sämtlichen Medien nur, wie Pasternak niedergemacht wird, es werden Briefe aus den abgelegensten Teilen der großen UDSSR veröffentlicht und verlesen – alle wenden sich gegen ihn. Man will ihn damit zwingen, den Preis abzulehnen, man will ihn fertig machen.

„Seit vierundzwanzig Stunden wurde in der gesamten UDSSR ein Feldzug gegen Boris Pasternak geführt. Das Radio (von morgens sieben bis um Mitternacht), das Fernsehen, sämtliche Zeitungen und Zeitschriften, die Kinderpresse eingeschlossen, verspritzten Gift gegen den abtrünnigen Schriftsteller. Wie immer bei solchen Anlässen wurden die Schimpfkanonaden der sowjetischen Literaten mit empörten Meinungsäußerungen der Arbeiter und Kolchosbauern flankiert.“

Kurz darauf, als ein bekannter Maler, aus Indien zurückgekehrt, an der dort eingefangenen Krankheit Pocken stirbt, hängen in der ganzen Stadt Plakate mit dem dringenden Aufruf sich impfen zu lassen. Alle Studenten dürfen zudem keine Kontakte, vor allem keine Frauenkontakte mehr zu Moskauern haben. Quarantäne wird sonst in Aussicht gestellt – eine schöne Metapher für die sich abschottende kränkelnde Sowjetunion.

So sind oft die freundschaftlichen Kontakte der Sowjetrepublik sehr wechselhaft und abhängig von bestimmten Zwischenfällen und vom Personal der „Oberen“, was sich dann sogleich unter den Studenten des Instituts niederschlägt. So erfährt etwa unser albanischer Schriftsteller erst von Kollegen aus anderen Ländern, dass sich das Verhältnis zwischen seinem kleinen Land und der großen UDSSR verschlechtert hat. In Albanien verehrt man weiterhin Stalin und dessen einzig wahren Kommunismus. Für unseren Protagonisten alias Kadare bedeutet das, dass er nur mehr kurze Zeit in Moskau bleiben kann. Und da er Lida, der verlorenen Geliebten, versprochen hatte niemals einfach so zu verschwinden – albanisches Ehrenwort – trifft er sie doch noch ein letztes Mal … und tut dann doch genau das.

Kadares Sprache ist gekonnt, sie pendelt zwischen großer Ernsthaftigkeit und feinster Ironie und erfreut mit vielfältigem Metaphernreichtum. Selten habe ich solch einen klug durchdachten, gut konstruierten Roman gelesen. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman des 1936 in Albanien geborenen Ismail Kadare erschien im S. Fischer Verlag. Er entstand bereits in den Jahren 1962 – 1976 und wurde nur auszugsweise in seinem Heimatland abgedruckt. Die Übersetzung stammt von Joachim Röhm. Eine Leseprobe gibt es hier

——> Und so stimme ich, oh Wunder, einmal Maxim Biller zu:
»Ismael Kadare ist einer der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts. […] Mich hat das Buch unendlich glücklich gemacht. «
Maxim Biller, ZDF/Das Literarische Quartett, 14.10.2016

Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.