Aus dem Archiv: Riikka Pelo: Unser tägliches Leben C. H. Beck Verlag

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Abbild der Dichterin als Mutter

Marina Zwetajewa und ihre Tochter Ariadna – eine komplexe Beziehung

Über „Unser tägliches Leben“ soll sie schreiben, die kleine Ariadna, das elfjährige Mädchen, das eigentlich nur ein ganz normales Kind sein möchte. So verlangt es ihre Mutter. Und ihre Mutter ist niemand geringeres als die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Die behandelt die kleine Tochter wie eine Erwachsene und verlangt oft mehr, als sie selbst geben kann. Das gemeinsame geschriebene Werk soll als großes Prosawerk erscheinen und von ihrem Leben zeugen.

Der Roman der Finnin Riikka Pelo, für den sie den renommierten Finlandia-Preis erhielt, beschreibt Auszüge aus dem Leben der russischen Dichterin Marina Zwetajewas. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Beziehung der Dichterin zu ihrer Tochter Ariadna. Leserinnen und Leser, die keinerlei Vorkenntnisse über die Zwetajewa haben, wird die Lektüre schwerer fallen. Pelos Roman setzt biografische Kenntnisse voraus oder fordert zumindest eine nähere Beschäftigung mit der Biografie der Dichterin. Pelo skizziert die Zwetajewa als eine zerrissene, schwierige Frau, die einem nicht wirklich sympathisch ist.

Marina Iwanowna Zwetajewa, geboren 1892 in Moskau, hatte eine unruhige Kindheit: die Familie lebte ständig an anderen Orten. In Paris studierte sie Literatur und entdeckte für sich die Poesie. Sehr jung heiratete sie Serjoscha Efron, doch auch nach der Heirat ging das unstete Leben ohne Sesshaftigkeit weiter. Ariadna ist die zweite Tochter; die erste, Irina, starb in einem Kinderheim. Viel später folgt der Sohn Georgi, genannt „Mur“. Marina schwankte zwischen dem Wunsch unabhängig zu sein und endlich in Ruhe an ihrer Dichtung arbeiten zu können und an der Verpflichtung, ihre Kinder zu versorgen. Die Eltern hatten beide außereheliche Affären. Marina zog daraus oft ihre Inspiration. Wichtige Rollen spielten dabei Boris Pasternak, Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa und Rainer Maria Rilke. Im kommunistischen Stalin-Regime geächtet, gänzlich verzweifelt und ohne Mittel nahm sie sich im Jahr 1941 das Leben.

Zwei Stränge ziehen sich wechselweise durch den Roman. Einer spielt im Jahr 1923 in Vsenory nahe Prags und der andere 1939 in Moskau und Bolschewo jeweils im Monat August. Die Kapitel des Jahres 1923 werden aus der Sicht Marinas erzählt, die aus dem Jahr 1939 von Ariadna und zwar aus der Ich-Perspektive. Der Roman endet mit kurzen Sequenzen aus dem Jahr 1941 aus Jelabuga und Workuta. Unterbrochen werden die Kapitel von losen Gedanken oder Erinnerungen aus dem Bewusstseinsstrom der Tochter Ariadna. Vielleicht sind es Träume, vielleicht sind es sogar Auszüge aus den gemeinsam geschriebenen Heften.

Die Kapitel des Jahres 1923 erzählen von der gemeinsamen Zeit Marinas und Ariadnas in einem Dorf nahe Prags. Serjoscha Efron, Marinas Ehemann, befindet sich in einer Heilklinik aufgrund seiner schwachen Gesundheit und die Tochter Ariadna soll auf Wunsch des Vaters in eine Art Internat geschickt werden. Die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter ist eine zwischen Symbiose, Hingabe und Egozentrik pendelnde; das Kind aufgeweckt und klug, aber eben auch noch Kind. Doch nichts ist spielerisch: Marina meint es ernst. Die Tochter soll ihr folgen …

„Es gibt Geschichten und es gibt Gedichte.
Ich habe den Unterschied gelernt. Geschichten kommen aus der Welt, die alle
haben, aber Gedichte kommen aus dem Herzen, darum sind sie wichtiger. Jeder hat seine
eigenen Gedichtwörter, man muss sie nur finden. Man muss sie hören.“

Im Kapitel des Jahres 1939 steht Ariadna, die inzwischen 27jährige Tochter im Mittelpunkt. Die Geschichte setzt ein mit dem Zeitpunkt, an dem Ariadna vom Arzt erfährt, dass sie schwanger ist. Den Vater des Kindes, Mulja, liebt sie innig, das Kind wird sie zusammenschweißen, dessen ist sie sich sicher. Sie hat, zurückgekehrt aus Paris, in Moskau endlich eine Stelle bei einer Zeitung bekommen. Die Kunstakademie, an der sie Malerei studieren wollte, hat sie aufgrund ihres Lebenslaufs nicht aufgenommen. Jeder, der aus dem Ausland zurückkehrt, wird verdächtigt, ein Spion zu sein. Doch sie glüht ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter für den Kommunismus, für den „neuen“ Menschen, für Stalins Regime.

„Ich hatte gesagt, Sie müssen, Marina, einmal Vater Sonne von Angesicht zu Angesicht sehen, dann verstehen Sie all das, alles. Sie haben dich tatsächlich in ihren Fängen, sagte sie damals, nicht verurteilend wie sonst, sondern traurig, und ich wusste, dass es sinnlos war, den Versuch zu machen, sie in diesen Dingen aufzuklären.“

Mulja jedoch hat bereits Frau und Kind und erfüllt nur einen Auftrag von höherer Stelle. Dass der Mann, den sie so sehr liebt, ihre eigene Familie bespitzelt, erkennt sie nicht. In diesem Kapitel finden sich seitenweise schwärmerische Liebesbekundungen Ariadnas für ihren Geliebten, die man durchaus hätte kürzer halten können. Diese Liebesgeschichte durchdringt dann auch den kompletten zweiten Strang im Jahr 1939, in der Marina deutlich mehr im Hintergrund steht.

In den letzten Kapiteln aus dem Jahr 1941 ändert sich zunächst der Ton, es erfolgt eine Zäsur: Ariadna wird bei einer Familienfeier „abgeholt“. Man wirft ihr Landesverrat vor. Die Szenen, die im Gefängnis und unter der Folter spielen und die schließlich zu einem (falschen) Geständnis Ariadnas führen, werden dem Leser von der Autorin stakkatohaft in kurzen einzelnen Sätzen hingeworfen. Kaum lesbar sind diese grausigen Szenen, in deren Folge Ariadna schließlich auch ihr ungeborenes Kind verliert. Von all dem weiß Marina nichts, auch nicht über ihren Mann, der kurz nach Ariadna verhaftet wurde. Sie versucht dem Sohn Mur eine gute Zukunft zu bieten, doch die Armut scheint aussichtslos und schließlich fasst sie den tödlichen Entschluss.

Sinnvoll wären für das Buch ein Verzeichnis der Protagonisten – die russischen Doppel- und Kosenamen sind nicht immer leicht auseinanderzuhalten – und eine Rubrik mit Anmerkungen zum Verständnis der geschichtlichen und privaten Zusammenhänge gewesen. So muss der Leser sich vieles zusammensammeln, wenn er wirklich tief in die Geschichte eintauchen will. Pelos Roman ist nicht per se ein politischer Roman, blendet aber die politischen Geschehnisse, wie etwa die Folgen der russischen Revolution, den zweiten Weltkrieg und die Stalin-Zeit, nicht aus, sondern verankert ihre Protagonisten, insbesondere Ariadna darin und hält sich an die Fakten.

Die Geschichte der Beziehung Marina Zwetajewas zu ihrer Tochter Ariadna ist in der Tat eine spannende aufgrund ihrer so gegensätzlichen Weltanschauung. Die Autorin verliert sich allerdings leider manchmal in allzu ausschweifenden Beschreibungen. So auch in jenen Zwischenkapiteln, die manchmal wie lyrische Prosa erscheinen, manchmal wie ein verwirrender Bewusstseinsstrom ohne Zusammenhänge, so dass sie den Lesefluss der eigentlichen Geschichte unterbrechen und verlangsamen. Einige Kürzungen hätten dem Roman sicher gut getan. Dennoch kann ich ihn empfehlen: Er ist einer der Interessantesten und Bemerkenswertesten unter so vielen, die es über Schriftsteller oder Dichter zu lesen gibt. Er macht Lust, sich (einmal wieder, einmal mehr) mit dem Werk der Marina Zwetajewa und deren Lebensgeschichte näher zu befassen: Einer Frau, die intensiv lebte, die ohne ihre Dichtung nicht sein konnte, letztlich aber doch zwischen politischem Standpunkt, Familienfürsorge, Überlebenskampf und dem Anspruch an ihr Dasein als Künstlerin aufgerieben wurde und daran zerbrach.

Die Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.

Hamburg

Olga Lawrentjewa: Surwilo Graphic Novel Avant Verlag

Eine ganz ausdrucksstarke Graphic Novel ist „Surwilo“ von der 1986 geborenen Olga Lawrentjewa. Der Untertitel weist auf den Inhalt hin: Eine russische Familiengeschichte. Der Handlungsort ist überwiegend Leningrad. Die Geschichte erzählt die Großmutter ihren Enkelkindern, die sie gerne auf dem Land besuchen. Sie beginnt dabei mit ihrer Mutter, die 1914 Wikenti Kasimirowitsch Surwila heiratet. Wikenti kommt aus dem Dorf Surwily, das in Polen liegt. Sie leben in Leningrad mit den beiden Töchtern Ljalja und Walja in einer großen Wohnung. Als Wikenti im Jahr 1937 verhaftet wird, angeblich weil er mit anderen polnischstämmigen Kollegen Spionage und Sabotage plante, schreibt seine Frau Briefe an die höchsten Behörden, um herauszufinden, wo er sich befindet und weshalb er unschuldig verhaftet wurde. Antworten kommen keine. Auch in den folgenden Jahren nicht. Für die Familie wird dieser Vorfall zum Verhängnis: Sie werden weit weg aufs Land verbannt. Die Töchter werden in der Schule gemobbt, aufgrund des Makel im Lebenslauf. Der Vater ein Volksfeind! Eine nach der anderen gehen beide nach der Schule zurück nach Leningrad, um ein Studium zu beginnen. Walja erhält ein Stipendium, doch reicht das Geld kaum, sie leidet Hunger. Sie besucht Bekannte, die noch im alten Haus wohnen und trifft dort auch oft Petka, mit dem sie sich gut versteht.


1941 verlässt Walja das Technikum und sucht Arbeit. Doch aufgrund des Fragebogens bei der Bewerbung, in dem die Daten der Eltern abgefragt werden, findet sie keine Stelle. Erst in einem Krankenhaus nimmt man sie. Im September beginnt die Blockade. Gleichzeitig fallen die Bomben. Walja hat im Krankenhaus schwerste Arbeit zu verrichten, doch die Lebensmittel werden knapp. Immer mehr Menschen sterben, entweder durch die Bombenangriffe oder sie verhungern. Einmal noch sieht sie die Schwester, dann kommt die Nachricht ihres Todes. Wenige Frauen bleiben im Krankenhaus, in dem Ausnahmebetrieb herrscht. Kein Strom mehr, keine Lebensmittel. Dennoch werden die Aufgaben von der Armee strengstens überwacht. Eine verschwundene Lebensmittelkarte kann den Tod zur Folge haben. Walja ist geschwächt und ständig kurz vor dem Zusammenbruch. Die Blockade dauert über 2 Jahre. Im Januar 1944 ist sie zu Ende. (Wikipedia schreibt zur Blockade Leningrads: „Verluste: 16.470 Zivilisten durch Bombenangriffe und ca. 1.000.000 Zivilisten durch Unterernährung“)

Das Leben geht weiter. Walja macht einen Buchhaltungskurs, findet endlich eine Arbeitsstelle. Das Leben wird besser. Petja, der als Soldat im Krieg ist, schreibt Walja. Es beginnt ein Briefwechsel. Er kommt 1945 mit Ehrungen und Orden zurück und macht Walja einen Heiratsantrag. Bald bekommen sie eine Tochter. Beide arbeiten. Doch Walja wird von Angstzuständen und Panikattacken heimgesucht, ist schwer traumatisiert. Oft liegt sie nächtelang wach. Die schrecklichen Erfahrungen der Belagerung, die vielen Sterbenden, die vielen lebendigen Toten wird sie ihr Leben lang nicht vergessen. Und doch bietet das Leben mit Petja und der Tochter auch viele frohe Zeiten.


Als sie 1958 einen Brief erhält, in dem man ihren Vater rückwirkend rehabilitiert, ist es wie ein Traum für sie. Manche Hindernisse sind damit aus dem Weg geräumt und sie erhält rückwirkend ihre Medaille für die Verteidigung Leningrads. Dass der Vater bereits 11 Tage nach der Festnahme hingerichtet wurde erfährt sie erst nach der Perestroika, nach 1989 aus seiner Akte.

Olga Lawrentjewa hat diese Geschichte illustriert und auch erzählt. In kurzen Episoden als Rahmenhandlung sind die Enkel immer wieder mit der Großmutter unterwegs, während diese erzählt. Hier wird auch der Grundstein gelegt, dass die Geschichte aufgeschrieben wird. Lawrentjewa hat mit dieser Graphic Novel noch viel mehr getan als eine biographische Geschichte zu erzählen. Sie hat sie illustriert und damit interpretiert. Und ihre Bilder sind durchgängig schwarz/weiß, wobei das Schwarze fast immer überwiegt und wie Kohle und/oder Tusche anmutet. Der allermeiste Text wird dabei in Sprechblasen erzählt, mitunter gibt es kurze erklärende Zeilen. Es gibt zwischendurch immer wieder ganzseitige Bilder. Nie wird es allzu kleinteilig. Dabei hat sie einen höchst expressiven Stil, der einen sofort vereinnahmt. Mitunter gibt es eruptive Szenerien, dann wieder eher verwaschene, nebelhafte. Die Gesichter, die Figuren sind genau und ausdrucksvoll. Was besonders in den Szenen, die im Krankenhaus spielen teils sehr grausam, aber ehrlich sich zeigt: Körper, wie Gerippe, Gesichter wie Totenköpfe. Die Illustratorin erschafft eine Welt, die die Schrecken und Grausamkeiten des Krieges aufzeigt, aber auch über unschuldige Opfer des Stalinistischen Regimes Zeugnis ablegt. Das tut sie in einer Form, die meisterhaft ist, gerade weil sie so persönlich und direkt ist.

Wir wissen längst, wie schwer auch Kriegskinder und Kriegsenkel noch zu tragen haben, wie schwer und wie lange Körper und Seele noch beeinträchtigt sein können. Ich denke, Olga Lawrentjewa hat mit ihrem eindrucksvollen Buch einen Teil dazu beigetragen (und sei er auch noch so klein), diese enormen Belastungen zu verarbeiten. Bald werden nur noch Texte und Bücher, vielleicht Bilder, über diese Zeiten berichten, wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Und dabei sind Erinnerungen und Lebensberichte so wichtige Warnungen und Mahnungen. Wie wichtig, sehen wir aktuell.

Die Graphic Novel erschien im Avant Verlag. Aus dem Russischen übersetzt wurde sie von Ruth Altenhofer. Surwilo ist einer der wenigen Comics, die überhaupt ins Deutsche übertragen wurden. Eine Leseprobe gibt es hier. Auf der Verlagswebsite gibt es auch Infos zur Autorin, die ich im Buch vermisste. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Juan Gómez Bárcena: Kanada Secession Verlag

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Gerade hat der Secession Verlag den großen Berliner Verlagspreis 2021 gewonnen, deshalb möchte ich noch einmal auf eines der grandiosen Bücher dieses wunderbaren Verlags besonders hinweisen. Es erschien bereits 2018, ist aber zeitlos:

Es ist ein Roman, zu dem sich kaum Worte finden lassen. Atemlos, gebannt, fast an einem Stück habe ich ihn gelesen. Und jetzt Sprachlosigkeit infolge des Raums und der Sprachlandschaft dieses Romans, der Fülle und zugleich der Leere …

Juan Gómez Bárcena war eine Empfehlung (damals von Alexander Weidel) vom Secession Verlag für Literatur. Ohne ihn hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Im Wust der Bücherfluten wäre er untergegangen. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist. Mir wäre etwas entgangen, was für mich unvergleichlich gute Literatur ausmacht. Trotzdem oder gerade deshalb fällt es mir schwer über den Roman zu schreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht zu fassen kriege, was er transportiert in all seiner Bildhaftigkeit und was vermutlich bei jedem/jeder Leser/in ganz anders ankommt. Und ich weiß, dass es anderen bei der Lektüre ähnlich ging.

„Kanada ist eine Empfindung, ein Schütteln, ein Schlag, den man nicht verstehen kann und der aus diesem Grund niemals verschwindet, während dein Leben vor dem Krieg nur ein Konzept ist, eine Idee, die sich auflöst, sobald man sie erklärt.“

Zunächst klingt der Titel ganz harmlos. Kanada. Doch dann spielt der Roman in Ungarn. Und erst auf Seite 124, zumindest ich wusste es vorher nicht, erfahre ich von den Erlebnissen des Protagonisten in „Kanada“. Gemeint ist nicht das Land in Übersee. Furchtbare traumatisierende Erfahrungen macht dieser Mann und kann nicht wieder in sein Leben zurück, weil er eigentlich nicht mehr lebensfähig ist. Was er durchgemacht hat, versteht niemand. Auch nicht der „nette“ Nachbar, der sich in der Zeit seiner Abwesenheit um das Haus gekümmert hat. Trotzdem wurde es geplündert. Dem/r Lesenden wird klar, warum. Die Stadt ist von den Bomben des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Der Mann verkriecht sich im Haus. Anfangs glaubt der Nachbar, der ihm regelmäßig Essen bringt, dass er bald wieder anfangen wird zu arbeiten. Versucht zu vermitteln. Doch nach dem Krieg haben die Kommunisten das Land übernommen. Mit einer Arbeit wird es nichts. Der Mann zieht sich in sein ehemaliges Büro im Haus zurück und verlässt es nicht mehr, zieht sich immer mehr in sich zurück. Man erfährt, dass er ein Zahlengenie ist, dass er einmal Dozent war, ein versierter Astrophysiker. Dass er das Lager nur überlebt hat, weil er diese Begabung hat. Doch auch jetzt in der Freiheit kann er nur weiter dahinvegetieren, mehr Tier als Mensch. Der Nachbar quartiert im restlichen Haus Mieter ein und verdient Geld damit. Jahre vergehen. Das Kind der Nachbarin wird vom Säugling zum Schulkind. Wie viele Jahre wirklich vergehen, erfährt man erst, als es plötzlich Straßenkämpfe gibt, sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Es ist also der Ungarnaufstand 1956, als sich das Land gegen die Besatzungsmacht, die Sowjetunion auflehnt.

„Der Schuld lässt sich auf die ein oder andere Weise trotzen. Unschuldig zu sein, ist dagegen ein Gewicht, das dich zerquetscht. Unschuld stellt die ganze Welt bloß. Wenn es möglich ist, die härtesten Strafen grundlos zu erleiden, dann wird die  Wirklichkeit schuldig und verliert ihren Sinn –“

Der gebrochene Mann – nur ein einziges Mal erfährt man seinen Namen, János Kövári – nimmt kaum noch etwas außerhalb war, er fantasiert in Wahnvorstellungen, absurden Träumen oder sind es Retraumatisierungen? Erst am Schluss, als alles rückwärts läuft, scheint vollkommene Klarheit in den Mann zurückzukehren. Es ist wie ein Abspann. Er sieht sich und seine Familie unversehrt aus dem Zug aussteigen und ins Haus zurückkehren mit allen Koffern und sieht aus dem Fenster, wie der Nachbar den Schergen den Weg zu seinem Haus weist …

Die Entpersonalisierung oder Abspaltung wirkt besonders stark durch die Erzählform aus der Du-Perspektive. Und auch deshalb kommt mir die Geschichte besonders nah. Und tut weh. „Kanada“ ist ein Roman, der schmerzt, schmerzen muss, weil Literatur mitunter so sein muss. Große Literatur ist für mich keine, die unterhaltsam ist, sondern eine, die mich auch an meine Grenzen bringen darf. Das tut Bárcena mit diesem unfassbaren Buch. Und gerade deshalb leuchtet dieser Roman in all seinen Schrecken und seiner Düsternis.

Der Roman des 1984 in Spanien geborenen Juan Gómez Bárcena erschien im Secession Verlag für Literatur. Genial übersetzt wurde es von Steven Uhly. Er ist wie immer fein ausgestattet und fadengeheftet. Papiersorte und Schriftart kann man im Impressum nachlesen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Bücher vom Secession Verlag auf meinem Blog:https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/10/21/steven-uhly-den-blinden-goettern-secession-verlag/

Stephen Uhly: Finsternis Secession Verlag

Shumona Sinha: Das russische Testament Edition Nautilus

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Ich bin Fan von Shumona Sinhas Romanen. Einmal habe ich sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin bei einer Buchvorstellung erlebt und finde sie und ihr Schreiben sehr authentisch. Nun ist der neue Roman „Das russische Testament“ erschienen und auch hier bleibt die in Paris lebende, französische, indisch-stämmige Autorin ihren Themen treu. Sie teilt ihren Roman in zwei Stränge, zum einen geht es um Tania aus Indien und zum anderen um Adel, die Tochter eines unkonventionellen russischen Verlegers in Leningrad/St. Petersburg, deren Wege sich schließlich kreuzen.

Tania (den russischen Namen hat ihr der Vater gegeben), die in Kalkutta aufwächst und schon früh viel Zeit bei ihrem Vater, einem Buchantiquar, am Verkaufsstand verbringt, hat auch ein Talent fürs Geschichtenerzählen, wie sich im Schulunterricht zeigt. Der Vater verkauft unter anderem kommunistische Literatur und Tania verliebt sich erst in die russischen Kinderbücher, dann in die Klassiker, liest Tschechow, wie Anne Frank. Ihre Mutter hingegen ist enttäuscht von der Tochter und hegt fortwährend Hass gegen sie, wird dabei auch gewalttätig. Für Tania ist es immer eine Flucht aus dem Elternhaus, wenn sie in Bücher eintaucht oder ins Schreiben. Als ihr Tagebuch von den Eltern vernichtet wird, beginnt sie Briefe an eine ältere, bewunderte Freundin zu scheiben. Sie bewegt sich bereits als Teenager in Richtung der kommunistischen Bewegung, die in Bengalen in dieser Zeit viel Zulauf erhält. Als sie jedoch einem Verehrer gegenüber nicht zurückhaltend genug agiert, so wie es die Gesellschaft verlangt, und einer Freundin angeblich zu nahe kommt, fällt sie unter den kommunistischen Kommilitonen in Ungnade. Man schließt sie aus.

„Sie wusste nicht, in welche geheime Hautfalte ihres Körpers der Zauberspruch tätowiert war, der diese Mädchen so schön, so lebenskräftig machte, während sie selbst leicht wie Blütenstaub blieb und über die Tage wirbelte, ohne Spuren zu hinterlassen. Ihr Körper war unbedeutend, ihre Bewegungen ungeschickt und in ihrem Kopf war sie schon anderswo …“

Tania jedoch hat ein Ziel. Sie lernt länger schon Russisch und möchte dem Verleger ihres Lieblingsverlags Raduga schreiben. Raduga verlegte unter anderem Schriftsteller wie Majakowski, wurde aber immer mehr der Zensur unter Stalin ausgesetzt, wegen der angeblich nicht konformen Literatur. Um einen Kontakt zu knüpfen recherchiert sie unnachgiebig und entdeckt schließlich, dass die Tochter Lew Kljatschkos noch lebt.  Doch das Schreiben erweist sich als schwierig und das Absenden des Briefs wird verschoben. Währenddessen lernt sie einen russischen Diplomaten kennen, mit dem sie eine Art Beziehung/Affäre hat, für ihn ist sie allerdings nicht die einzige. Und als die Eltern es herausfinden – sie wohnt noch zu Hause – wird sie bestraft: verprügelt und in ihr Zimmer eingesperrt. Für Tania ist nun klar, sie muss einen Plan entwickeln, das Elternhaus, ja womöglich das Land zu verlassen; sie muss unabhängig werden. Als gebildete unabhängige Frau hat sie anderswo bessere Möglichkeiten.

Adel, die Tochter Kljatschkos lebt als betagte Frau in einem Seniorenheim in St. Petersburg. Als sie eines Tages Tanias Brief erhält, ist sie erstaunt über das Interesse der jungen Frau aus Indien, da es den Verlag ihres Vater ja längst nicht mehr gibt. Der Brief regt sie aber auch an, nachzudenken über ihr Leben und so erfahren wir Leser, was Tania erst einmal nicht erfahren wird, denn ihr Brief wird nicht sofort, vielleicht nie beantwortet … Adel erzählt von ihrer Zeit mit dem Verlegervater, ihren Ehen, von der Flucht und der Zeit in Sibirien, weil die Deutschen Leningrad angriffen, von ihren zwei Kindern, die in den USA leben, wohin sie auch selbst bald umsiedeln wird. Das Tagebuch ihres Mannes bewahrt sie in einem alten Koffer auf. Ob Tania, die daran brennend interessiert ist, vielleicht darüber schreiben will, es jemals sehen wird, lässt der Roman offen. 

„Nichts passierte aus Zufall. Die Menschheit war aus Sternenstaub gemacht, beim Tod eines Mannes in Russland hatten sich seine Elementarteilchen verstreut, waren vom Raum aufgenommen worden und durch den Filter der Zeit gewandert, um sich neu zusammenzusetzen und bei ihr eine winzige Spur dieses Vorhabens zu hinterlassen.“

Sinha schreibt erneut sehr poetisch über durchaus relevante zeitgeschichtliche Themen. Ihr gelingt jedes Mal diese besondere Verbindung. Noch mehr erfahre ich über die kommunistischen Bewegungen in Westbengalen. Immer wieder bin ich schockiert, wie wenig Mädchen und Frauen in Indien wert sind, wie stark man sie beherrschen will und über sie bestimmt, wie wenig sicher sie in der eigenen Familie sind. Anhand der Heldin Tania zeigt die Autorin, wie eine Befreiung aus diesem Korsett aussehen könnte. Gerade deshalb sind Sinhas Romane auch so wichtig und aktuell. Und obwohl ich diesen Roman von der Geschichte her nicht ganz so stringent wie die bisherigen fand, bleibt er eine empfehlenswerte Lektüre.

Der Roman erschien im Verlag Edition Nautilus. Aus dem Französischen übersetzt hat es wie immer Lena Müller. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Weitere Besprechungen von Romanen der Autorin hier auf dem Blog:

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa Suhrkamp Verlag

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Was für eine Sprache! Welch ein eigensinniger Stil!
Bereits „Die Baugrube“ hat mich von der ersten Seite an begeistert und nun ist es mit dem Roman „Die glückliche Moskwa“ ebenso. Platonow hat eine faszinierende Art vermeintlich schlicht und dennoch anspruchsvoll zu schreiben. Der vorliegende Roman zählt nur 140 Seiten. Es ist der letzte Roman Platonows. Im Anhang kann man einiges über die Entstehung erfahren und sogar vier verschiedene Anfänge lesen, die aufgrund der Notizbücher des Autors von 1932 bis 1936 überliefert sind. Herausgeberin der Moskauer Ausgabe Natalja Kornienko schreibt dazu:

„Die vorliegende Ausgabe wurde auf Grundlage des Manuskripts erstellt, das sich in Platonows persönlichem Archiv befand. Der Text wurde mit Bleistift auf graues Papier geschrieben – teils auf beidseitig beschriebene Blätter, die aus Schulheften und Kontobüchern herausgerissen waren, teils auf die Rückseite von Manuskripten seiner frühen Gedichte.“

Einprägsame Figuren wandeln durch die Geschichte, die in Moskau Mitte der 30er Jahre spielt. Allen voran die stolze Moskwa Tschestnova, die freiheitsliebende junge Frau, die sich nicht binden will, die an den „neuen Menschen“ und an die Kraft des Kommunismus glaubt. Sie wächst als Heimkind auf und trifft später auf Boshko, einen Geometer und Stadtplaner, der sie schließlich in der Schule der Luftfahrt zur Ausbildung unterbringt.

„Was lieben Sie denn am meisten?“, fragte er.
„Ich liebe den Wind in der Luft und noch so dies und das“, sagte die erschöpfte Moskwa.
„Also die Schule für Luftfahrt, etwas anderes kommt für Sie nicht in Frage“, stellte Moskwas Begleiter fest. „Ich werde mich bemühen.“

Doch da fliegt sie, nachdem sie als Fallschirmspringerin zu leichtsinnig unterwegs war, raus. Sie wird danach Angestellte in einer Behörde, arbeitet später auf der riesigen Baustelle der neuen Metro in Moskau. Da ist der Ingenieur Sartorius, der sich unsterblich in Moskwa verliebt und als die Liebe nicht auf Dauer erwidert wird, sich wieder an die Arbeit der Konstruktion neuer Waagen und der Entdeckung der menschlichen Seele macht. Da ist der Arzt und Pathologe Sambikin, der die Seele des Menschen beim Sezieren Verstorbener sucht und dabei glaubt, ein Fluidum der Lebenskraft entdeckt zu haben. Da gibt es den „Außermilitärischen“ Komjagin, der in „oblomow`scher“ Weise lebt und für den Sozialismus nicht tauglich ist. Alle, alle sind sie von Moskwa betört.

„Lange Stunden ging und fuhr sie durch die Stadt, niemand berührte sie, niemand fragte sie etwas. Das allgemeine Leben raste als derart kleinlicher Müll an Moskwa vorbei, das sie den Eindruck hatte, die Menschen seien durch nichts vereint, und Befremden stehe zwischen ihnen im Raum.“

Als Moskwa bei einem Unfall auf der Baustelle ihr rechtes Bein verletzt, landet sie durch Zufall auf dem Operationstisch von Sambikin, der ihr das Bein amputieren muss. Erneut entflammt er in Liebe und fährt mit ihr zur Genesungskur. Doch auch diesmal reicht es nicht. Moskwa verlässt ihn und heiratet ausgerechnet den kränkelnden Komjagin. Ihre Beweggründe erfährt man nicht. Es liegt eine gewisse Beliebigkeit in ihren Entscheidungen.

Der Rest des Romans erzählt von Sartorius, der aus Gram seine Identität vom studierten Ingenieur zum einfachen Arbeiter mit neuem Namen wechselt und dann eine lieblose Ehe mit starrer Routine eingeht. Eindeutig zeigt sich hier die Unfertigkeit der Geschichte und auch die Brüche zwischen den drei einzelnen Teilen. Lag am Anfang der Schwerpunkt auf der Lichtgestalt Moskwa, nach der Hauptstadt Moskau benannt, entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zu den liebes- und lebensleidenden Männern hin, was mich etwas enttäuscht hat. Alle Männerfiguren sind im Vergleich zur Heldin eher schwach und melancholisch bis weinerlich dargestellt. Dennoch spannend zu sehen, auch anhand der beigegebenen Entstehungsgeschichte, welche inhaltliche Entwicklung der 1899 in Woronesh geborene Schriftsteller Platonow in seinem Schreiben machte. Sprachlich ohne Abstriche empfehlenswert!

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Das Cover ist, wie schon bei „Die Baugrube“ schön gestaltet mit einem stofflichen Einband und haptischer Titelprägung unter Verwendung des Gemäldes „Die Bauarbeiter“ von Alexandr Alexandrovich Dejneka. Die Übersetzung liegt der ersten deutschen Übersetzung von Renate Landa und Lola Debüser zugrunde, wurde aber überarbeitet von Jekatharina Lebedewa. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Hagar Peeters: Malva Wallstein Verlag

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Ein schwarzer Schutzumschlag mit einer rosafarbenen Blume, einer Malve. Ich erkenne sie, weil ich sie selbst in meiner Sommerblumensammlung aussähe. Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans wurde nach dieser zarten Blume benannt. Doch darunter, und das wird mir später erst klar, kann man ein weißes großes Semikolon erkennen. Nicht von ungefähr, denn Malva Marina Trinidad del Carmen Reyes, die unbeachtete, verlassene Tochter des großen Dichters Pablo Neruda sieht sich selbst als solch ein Satzzeichen.

„… wie mein Vater behauptete, das Semikolon charakteristisch ist für die Gestalt, die ich auf Erden war, mit meinem kleinen Körper, wie ein Komma, ein krummer Strich, ein gewundener Wurm, und mit meinem immer mehr anschwellenden Schädel, wie ein grotesker Punkt, der sich selbst entstieg und dem Himmel entgegenwuchs; jenem einen großen, mich nun doch beherbergenden Jenseitshimmel.“

Malva wird nur 8 Jahre alt. Sie stirbt an Gehirnwassersucht, auch kurz Wasserkopf genannt. Am Anfang des Romans beobachtet sie von ganz weit oben die riesige Beerdigung ihres berühmten Vaters, der sie und ihre Mutter verlassen hat und sich lieber als Kommunist um die Gerechtigkeit in der Welt gekümmert hat, statt ihr ein Vater zu sein.

„So ein Detail, sagte ich, darum geht es und nicht um die perfekten Proportionen oder den Goldenen Schnitt oder die große Geste oder die rassereine Vollkommenheit oder die ewige Wahrheit oder den Nobelpreis für Literatur. Aber wer bin ich, um das zu sagen? Ich bin schließlich schon längst tot.“

Malva „lebt“ nun im Himmel. Sie hat sich gute Gesellschaft gesucht: Da ist Oskar Matzerath, genau, der aus der Blechtrommel, da gibt es den Sohn Arthur Millers, die Tocher von James Joyce. Malva verehrt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska (hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn Szymborska starb erst im Jahr 2012, aber vielleicht wird das im Jenseits nicht so genau genommen) der sie oft Fragen stellt und kann den Geschichten Roald Dahls einiges abgewinnen. Selbst Sokrates wird in Gespräche verwickelt.

Von dieser hohen Warte aus berichtet sie von Szenen im Leben ihres Vaters, der sich diversen Geliebten zuwandte und sich immer mehr in die Politik und den kommunistischen Klassenkampf stürzte. Zwischen Bewunderung und Hass schwankt Malva, was ihren Vater betrifft. Die Mutter liebt sie, obgleich auch sie sie verließ und in eine holländische Pflegefamilie gab, um Geld zu verdienen, da vom Vater nichts zu erwarten war. Selbst als die Mutter nach Malvas Tod, ihren Exmann bittet sie aufgrund des Krieges und der Besatzung der Niederlande durch die Nazis zurück nach Chile zu holen, verweigert er dies und sie wird kurz vor Kriegsende noch für einige Wochen ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert.
Zeitweise wendet die Hauptfigur Malva sich in persönlicher Rede direkt an die Autorin, deren Familiengeschichte gewisse Schnittmengen mit der Malvas Familie aufweist.

Was für eine irre Idee der Autorin! Die toten, ehemals verlassenen Kinder berühmter Eltern suchen sich auf der Erde ihre Biographen aus und flüstern ihnen die Sätze ihres Lebens ein. In Hagar Peeters hat Malva die ideale Biographin gefunden, denn die Autorin beherrscht die Sprache, biegt sie, verziert sie, lässt sie tanzen und tosen. Und lässt Pablo Neruda beinahe blass aussehen. Hier ist deutlich zu spüren, dass Peeters eine preisgekrönte Lyrikerin ist. Auch die Übersetzerin hat hier einiges geleistet.

Die im Leben ausgeschlossenen Kinder bilden im Jenseits eine eingeschworene Gemeinschaft, Arthur Millers von ihm verschwiegener Sohn Daniel mit Down-Syndrom, Lucia, die verrückte Tochter James Joyce, der nicht wachsende Blechtrommler Oscar und Malva mit dem Wasserkopf. Viele weitere Kinder wollen aufgenommen werden, etwa Rousseaus Kinder, die er alle ins Kinderheim steckte, während er seelenruhig ein Buch über Erziehung schrieb. Und Albert Einsteins, als schizophren diagnostizierter Sohn Eduard, dessen Vater ebenfalls die Frau wechselte und nichts hinterließ.

„Ach Hagar, das waren einfach nur ein paar bekannte Fälle, aber die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos. Aus Anlass des Falles von Paul Gauguin, der seine Familie verließ, um auf Tahiti edle wilde Frauen zu malen, hat der Philosoph Bernard Williams sogar einen Terminus dafür geprägt: moral luck. Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen. Sie kommen damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken.“

Hagar Peeters Roman ist in vielen Aspekten bezwingend. Scharfsinnig klagt sie Ausgrenzung an und findet eine Stimme für Frauen und Mütter und für „behinderte“ Kinder. Wie sie in ihrem Roman eine Lösung für deren Leid im Jenseits findet, gefällt mir außerordentlich gut und lässt mich getröstet und versöhnlich zurück. Ein Leuchten!

Der Roman „Malva“ der 1972 geborenen Niederländerin Hagar Peeters erschien im Wallstein Verlag. Übersetzt hat es Arne Braun. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Simon-Pierre Hamelin: 101, rue de Condorcet Clamart Osburg Verlag

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In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wundert sich Peter Handke über Marina Zwetajewas Klagen, es gäbe keinen Wald hier. Mit hier ist die Pariser Vorstadt Clamart gemeint, in der Handke viel später auch einige Zeit gelebt hat. Marina Zwetajewa, die große russische Dichterin verbrachte dort in den 30er Jahren lange Zeit im Exil. Doch angekommen ist sie dort nie. Vermutlich waren die Wälder der russischen Heimat mit denen der französischen Vorstadt nicht vergleichbar.

„Hier bin ich ohne Leser, in Russland ohne Bücher.“

Der 1973 in Paris geborene Simon-Pierre Hamelin wirft einen Blick in Marina Zwetajewas Leben in der winzig kleinen Unterkunft, in der Rue Condorcet, in der es sich kaum leben, geschweige denn schreiben lässt. Nur Notizheft um Notizheft füllt sich tagebuchähnlich mit Sehnsucht. Und mit Sorge um die Familie: um die Kinder Alja und Mur und den Ehemann Sergej Efron.

„Wie kann man auf Ihre großen blauen Notizhefte eifersüchtig sein, auf Ihre stockende Feder, diesen winzigen Tisch, an dem Sie so ganz und gar selbstvergessen sitzen … „

Ein Brief trifft ein mit der Ankündigung des Gerichtsvollziehers. Der siebenjährige Mur muss Kohle vom Nachbarn erbetteln. Der Ehemann Sergej ist immer unterwegs um Arbeit zu finden und die Tochter Alja folgt diesem auf Schritt und tritt. Mur ist eifersüchtig auf Marinas Schreiben, man hänselt ihn in der Schule als „Russkoff“. Efron und Alja sehnen sich hingegen nach Russland, dem neuen Menschen, der Sowjetunion.
Jedes Familienmitglied erhält eine Stimme, gleich ein Kapitel, in diesem schmalen Bändchen. Und zuletzt auch der eingetroffene Gerichtsvollzieher, dessen Besuch dank der Phantasie Efrons und einer Flasche Wodka besser ausgeht, als befürchtet … und für Marinas blaue Notizhefte interessierte er sich sowieso nicht. Doch das weitere Schicksal der Familie steht unter weniger guten Sternen …

„Ich weiß alles, was war, und alles was kommt,
Ich kenne das Geheimnis, taub und stumm,
Das in der stammelnden, dunklen
Sprache der Menschen – Leben heißt.“

Auszug aus dem Gedicht „Die Nächte ohne den Geliebten – und die Nächte“

Simon-Pierre Hamelins knapper, zugleich sehr dichter Roman ist eine Hommage an Marina Zwetajewa. Der Autor lebte in seiner Kindheit an beinah der gleichen Adresse wie die russische Dichterin in der Rue Condorcet 80 Jahre zuvor.
Das Buch erschien im Osburg Verlag. Die Übersetzung stammt von Regina Keil-Sagawe. Das aufschlussreiche Nachwort schrieb Marie-Luise Bott. Eine Leseprobe gibt es hier.

Die bisher unveröffentlichten Notizhefte, zu denen auch die aus Paris gehören, wurden nun auch in einem Buch gesammelt und unter dem Titel „Unsre Zeit ist die Kürze“ vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Eine Besprechung dazu folgt.

Ein sehr ausführlicher Roman über die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter Alja ist „Unser tägliches Leben“ von Riikka Pelo. Meine Besprechung dazu auf fixpoetry.