Nellie Bly: 10 Tage im Irrenhaus AvivA Verlag

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Eine schöne Idee: Verlagebesuchen scheint mir in Berlin ganz besonders ergiebig. In diesem Jahr war ich beim AvivA Verlag in Moabit. Die Verlegerin Britta Jürgs hatte ihr Büro in einen gemütlichen Empfangsraum für Gäste verwandelt und erzählte aus der nunmehr fast 20jährigen Verlagsgeschichte. Britta Jürgs hat seitdem nichts von ihrem Elan und ihrer Buchleidenschaft verloren. Mit bewundernswertem Engagement widmet sie sich vorrangig Entdeckungen aus den 20er Jahren, aber nicht nur. Da ist viel Offenheit für Neues. So wird demnächst eine georgische Autorin im Programm dabei sein.

Eines der Highlights aus dem Verlagssortiment scheint mir Nelly Blys Buch „10 Tage im Irrenhaus“ zu sein. Es ist bereits 2011 in deutscher Sprache erschienen und erregte damals nach Ersterscheinung in New York 1887 enormes Aufsehen. Doch auch heute ist diese Geschichte noch spannend, denn leider werden immer noch Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung stigmatisiert und weggesperrt.

Der erste Auftrag bei der New Yorker Zeitung „New York World“ führte die forsche, erst 23-jährige Journalistin Nellie Bly in die psychiatrische Anstalt Blackwell´s Island, damals berühmt und berüchtigt. Sie sollte sich undercover einschleichen und über die misslichen Zustände der Insassen direkt vor Ort recherchieren.

„Ich war von vier Fachärzten für geisteskrank erklärt worden un war nun hinter den unbarmherzigen Stäben und Gittern eines Irrenhauses eingesperrt! Hier gefangen zu sein und Tag und Nacht als Gefährtin von besinnungslosen, plappernden Irren zu verbringen, mit ihnen zu schlafen, mit ihnen zu essen und als eine von ihnen betrachtet zu werden, das war eine unbehagliche Situation.“

Was Nellie Bly dort erlebt, ist unvorstellbar. Nahezu 1600 Frauen lebten in dieser Anstalt unter unsäglichen Bedingungen. Das Essen war nicht Essen zu nennen, die Behandlung nicht menschenwürdig. Nicht die Angestellten erledigten alle Arbeiten, sondern die Patientinnen. Es war keine Heilanstalt sondern eine „Aufbewahrungsanstalt“. Die eigentlich Hilfsbedürftigen erhalten bei Widerworten und Widerstand Schläge, jedoch keinerlei Medikamente. Die Ärzte scheinen sich nicht zu kümmern. Die Frauen werden in dieser Hölle aller Wahrscheinlichkeit nach erst in den Wahnsinn getrieben, zu Verrückten gemacht. Alle Frauen, mit denen Nellie Bly vor Ort sprach, zeigten keinerlei Anzeichen von Wahnsinn …
Obwohl Nellie mit ihrer Aktion erreichen wollte, dass sich die Bedingungen für die Patientinnen verbesserten, ist dies von öffentlicher Hand wohl nur kurzfristig und nicht hinreichend geschehen.


Von Nellie Bly gibt es außerdem ein Buch über ihre Weltreise von 1890, die sie ebenfalls für die Zeitung machte, und zwar schneller als Jules Verne es sich ausdachte, nämlich in 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden und das alleine als Frau. Das Buch ist ebenfalls im AvivA Verlag erschienen. Leseproben beider Bücher hier.
„Zehn Tage im Irrenhaus“ enthält ein informatives Nachwort von Martin Wagner, der auch übersetzt hat.

Es gibt zwei weitere Bücher zu diesem Thema hier auf dem Blog:
Zum einen ist es der Roman „Professor Hieronimus“ von Amalie Skram, der erstmals 1895 erschien und im vergangenen Jahr beim Guggolz Verlag in deutscher Sprache aufgelegt wurde.
Zum zweiten das Buch „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, die im Jahr 1935 einige Monate in der Psychiatrie verbrachte, erschienen im Wallstein Verlag.

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9 Gedanken zu “Nellie Bly: 10 Tage im Irrenhaus AvivA Verlag

  1. Danke mal wieder für diesen interessanten Lesetipp. Angesichts von Geld-, aber auch Platzmangel will ich nicht mehr so viele Bücher kaufen. Aber wie ich gesehen habe, ist dieses Buch in den Berliner Bibliotheken ausleihbar und kommt somit auf meine Unbedingt-Lese-Liste.
    Liebe Grüße

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  2. zu einem sehr ähnlichen Thema hatte ich einen comic, sehr erschütternd – dort ging es um die Zustände zur Zeit des Nationalsozialismus und danach in unterschiedlichen Heimen – das wirklich sehr schockierende war und ist das es nach Kriegsende dort einfach genauso weiterging

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    • Ich habe gerade den Film „Nebel im August“ angesehen. Da geht es auch um das Thema Euthanasie anhand der wahren Geschichte von Ernst Lossa. Er spielt ebenfalls in einer Anstalt 1944 in Deutschland. Da hieß es, das Programm wurde nach der Kapitulation noch 56 Tage weitergeführt. Die späteren Verurteilungen der Verantwortlichen waren äußerst gering. Krankenschwestern haben nach der Haft einfach weiterarbeiten dürfen. Unbegreiflich!

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      • Das finde ich auch mit am schlimmsten, das Sie einfach weitermachen konnten. Im Comic geht es auch um reale Personen, und die Ärzte von dort haben ebenfalls weitergemacht. Generell ist mit aufgefallen in letzter Zeit, über mein Kriegsenkelthema, das unheimlich viele Menschen einfach mal durchgeflutscht sind durch die Entnazifierung. Und ja eben grade in Medizin und Lehre gab es viel zu viele Altnazis, und ich meine, das merken wir noch heute an diesen Systemen und ihrem Menschenbild…leider.
        Im Osten ging es ja auch oft einfach weiter, und das bis zum Mauerfall, auch gab es da jede Menge Erziehungsheime.

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