Tove Ditlevsen: Gesichter Aufbau Verlag

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„Sie hatten recht. Ich heiße Lise Mundus. Und morgen werde ich nach Hause zurückkehren und anfangen, ein neues Buch zu schreiben.“

Mit diesem Satz, der ziemlich am Ende des schmalen Romans „Gesichter“ von Tove Ditlevsen steht, kehrt die Kinderbuchautorin Lise der Psychiatrischen Klinik den Rücken und damit auch ins Leben zurück. Für mich ist dieser Roman, der 1968 erschien, also nach „Kindheit“ und „Jugend“, aber vor „Abhängigkeit“ ein wesentlich reiferes und dichteres Buch als die berühmten Vorgänger. Da es zu großen Teilen in der Psychiatrie und im Wahn und den Halluzinationen der Hauptperson spielt, ist es sicher nicht jedermanns Sache oder wirkt für manchen vielleicht erschreckend. Mich hat es hingegen sehr bereichert und ich halte es für das beste ihrer Bücher. Denn im wahnhaften Zustand der Heldin sind durchaus die Motive erkennbar, die zu diesem geführt haben könnten. Zudem schafft Ditlevsen gerade innerhalb dieser Thematik leichterhand eine poetische, hoch aufgeladene Sprache, die nie künstlich, aber fein und kunstvoll wirkt.

„Wenn sie ihre Figuren erst einmal erschaffen hatte, verselbstständigten sie sich. Das Schreiben war immer wie ein Spiel für Lise gewesen, eine beglückende Beschäftigung, die es ihr ermöglichte, alles andere auf der Welt zu vergessen. Sie dachte: Wenn ich wieder mit dem Schreiben anfange, wird dieser Alptraum vorbei sein.“

Lise lebt mit ihren drei Kindern, Mogens, Hanne und Søren, ihrem Ehemann Gert und der Haushaltshilfe Gitte in einer Wohnung in Kopenhagen. Lise hat mit ihren Kinderbüchern viel Erfolg und bereits einen angesehenen Preis erhalten. Gert arbeitet in einem Ministerium. Doch Lise hat lange nichts mehr geschrieben, sie zweifelt an sich und ihrem Können als Schriftstellerin. Sie glaubt, nicht gut genug oder zu alt zu sein für ihren Mann und die Kinder. Gert indessen geht munter fremd, sogar Gitte lässt er nicht aus. Die junge Frau hat zuvor in einer freizügigen 68er-Kommune gelebt und dort auch mit Drogen wie LSD experimentiert. Immer mehr entfernt sich Lise von der Familienwelt, glaubt alle hätten sich gegen sie verschworen und als ihr Mann ihr eines Abends vom Suizid seiner Geliebten erzählt, bricht etwas. Kurz darauf nimmt Lise eine Überdosis Schlaftabletten, ruft aber vorher noch den Arzt Dr. Jørgensen an, der ihr zuvor schon bei psychischen Problemen geholfen hatte.

„Die Wirklichkeit“, sagte er, „existiert nur in ihrem Gehirn. Wenn sie das verstehen würden, ginge es ihnen besser. Sie existiert objektiv betrachtet gar nicht.“
„Wo existiere ich denn dann?“ fragte sie.
„Im Bewusstsein der anderen“, erklärte er geduldig.“

So finden wir Lise zunächst in der toxikologischen Abteilung, dann in der offenen Psychiatrie wieder. Doch hier entwickeln sich ihre Halluzinationen rasend schnell weiter. Sie malt sich das Ausmaß der Verschwörung zuhause aus: Gitte und Gert wollten sie loswerden. Sie glaubt, man will sie vergiften, und sie hört Stimmen. Bald wird sie in die geschlossene Abteilung verlegt, wo sie glaubt, Gitte wäre eine der Krankenschwestern. Nun hört sie Stimmen aus den Lüftungsschächten und aus den Wasserrohren oder gar aus einem Mikrophon im Kopfkissen. Sie hält einen Pfleger für Gert und nur bei einer Mitpatientin, die sie regelmäßig besucht, später bei einer Pflegehelferin, wird sie ruhiger. Im Wahn spiegelt sich weiter die Sorge, nicht gut, nicht schön genug zu sein; alle Stimmen hacken auf sie ein – sie solle dies und jenes tun – Schlaf findet sie kaum, denn bei geschlossenen Lidern tauchen weitere Schreckensbilder auf. Dabei spielt auch der Titel des Buches eine Rolle: Gesichter verschieben sich zu Masken oder Larven, gar zu Tiergesichtern, manche Menschen scheinen doppelgesichtig oder mehrere Gesichter zugleich zu haben.

„Von einer unbestimmten Unruhe ergriffen, trat sie in den erinnerungslosen Raum, in dem die Patientinnen ihren Besuchern mit konturlosen Vergangenheitsgesichtern gegenübersaßen, die sie aus dem Schrank gezogen hatten, wo sie auf Bügeln zwischen den Kleidern hingen, die nie passten.“

Erst als Dr. Jørgensen Lise Stift und Papier bringen lässt und sie auffordert alles aufzuschreiben, Stimmen und Gesichter und alles, was sie sonst bewegt, beginnt ein heilsamer Prozess.

Als sie nach drei Wochen – als Leserin glaubte ich es wären Monate vergangen – wieder aus der Psychiatrie entlassen wird, holt ihr Mann sie ab und verspricht ihr einen Neuanfang, Gitte habe er rausgeschmissen. Lise lässt sich darauf ein. Im tiefsten inneren weiß sie aber, dass es nur darum geht, endlich wieder in Ruhe und mit Energie ein Buch schreiben zu können. 

Im Grunde könnte man Lises Tabletteneinnahme auch als Versuch des Selbstschutzes deuten. Auch im Nachwort der Übersetzerin stehen dazu Hinweise. Der Versuch, sich aus der Schreibblockade und der anstrengenden Familienkonstellation zu befreien, um wieder Kräfte zu sammeln fürs Schreiben. Die Hölle, durch die sie dabei geht, wäre dann der Raum, alle schädlichen Einflüsse aufzuarbeiten und sich aus dieser Situation heraus zu stabilisieren, eine Art Katharsis zu durchleben. Ich empfinde das durchaus als plausibel. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Es wurde von Ursel Allenstein wunderbar übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Kopenhagen-Trilogie habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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