Geboren in der DDR: 4 Autorinnen der Gegenwart mit ihren aktuellen Romanen: Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Antje Ravic-Strubel, Judith Zander

Alle vier wurden in der DDR geboren: Jenny Erpenbeck 1967, Julia Franck 1970, Antje Ravic Strubel 1974 und Judith Zander 1980. Ihr Schreiben ist davon geprägt und wird auch in ihren Romanen immer wieder thematisiert. Ich halte alle vier für großartige Erzählerinnen und ich erinnere noch einmal an ihre neuesten Romane, denn sonst werden sie viel zu schnell vergessen. Mit Klick aufs Coverbild kommt man zur ausführlichen Besprechung,


Jenny Erpenbeck hat für „Kairos“ gerade den Uwe-Johnson-Preis 2022 erhalten. Vollkommen zurecht, wie ich finde. Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, begegnet eines Tages Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis.

Julia Francks Romane „Die Mittagsfrau“ und „Rücken an Rücken“ mochte ich sehr. In ihrem neuen Roman „Welten auseinander“ schreibt sie nun offen autobiographisch. Es ist eine Geschichte, die in Ostberlin mit einer Flucht nach Westen beginnt und auch wieder in Berlin endet. Die Liebesgeschichte von Julia und Stephan umklammert den Roman mit seinen Rückblenden und Erinnerungen und schimmert immer wieder funkelnd durch die Dunkelheiten der Familiengeschichte Julias. Sprachlich ist die Geschichte durch mitunter kurze Sätze, die Gedankenfetzen ähneln, geprägt. Sie folgt auch keiner Chronologie. Eher folgt sie einem Bewusstseinsstrom, was ich für autobiographisches Schreiben und speziell in diesem Fall sehr stimmig finde.


Antje Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Sie schafft es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe.

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin (siehe voriger Blogbeitrag) und es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. „Johnny Ohneland“ ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern.

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