Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

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Kürzlich haben Susanne Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan vom Ukrainischen ins Deutsche den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten. Mich hat das angeregt mich diesem interessanten Autor lesend anzunähern. Der 1974 geborene Zhadan hat bereits einige Romane, auch Lyrikbände geschrieben, die sich immer mit seiner Herkunft, seinem zerrissenen Heimatland auseinander setzen und ist in seiner Heimatstadt recht umtriebig. Sein Band „Warum ich nicht im Netz bin“ bietet lyrische sehr aufrüttelnde Einblicke in eine ganz dunkle Welt des Kriegsgeschehens.

„Sie unterrichten nicht zufällig Geschichte?“ Dabei sieht er Pascha durchdringend an.
„Nein“, antwortet Pascha, „nicht Geschichte“.

Pascha, die Hauptfigur, ist Lehrer. Das ist auch die Auskunft, die er jedem gibt und gleichzeitig die Entschuldigung, dass er sich für nichts, was Politik betrifft, interessiert. Sein Lehrerdasein zusammen mit seiner behinderten Hand haben ihn davor bewahrt, für sein Land kämpfen zu müssen. Dabei weiß eigentlich keiner, wessen Land das eigentlich ist, so oft wechselten die, die etwas zu sagen hatten oder haben wollten. Ein Hin und Her auch der Sprachen – Russisch, Ukrainisch etc. Pascha weiß selbst nicht mehr, was er eigentlich lehren soll. Das große Desinteresse, die Desillusionierung zieht sich durch Paschas bisheriges Leben. Seine Freundin Marina hat ihn bereits deshalb verlassen. Mit seiner Schwester und seinem Vater, mit dem er zusammen wohnt, gibt es oft Streit. Als die Schwester ihn bittet, während seiner Ferien seinen Neffen abzuholen, der in die nächstgrößere Stadt in ein Internat abgeschoben wurde, beginnt für den anfangs noch naiven Pascha die größte Herausforderung und ein ungewollter Leidensweg. Denn rundherum tobt der Krieg, keiner weiß genau wo, warum und wie lang.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen.“

Es ist ein unglaublich düsteres Buch. Keine Szene vergeht, ohne dass es neblig, feucht, kalt und schrecklich ist. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der ein Kriegsszenario so drastisch und dennoch wie beiläufig schildert. Die Geschichte handelt von der Gegenwart eines kriegsgebeutelten Landes, das keine Ruhe findet, dessen Bewohner unablässig mit Gefahr, Unsicherheit und Leiden konfrontiert sind. Zhadan schafft es eine Stimmung einzufangen, wie ich sie nicht kenne und hoffentlich nie erleben werde. Der Autor hat nichts anderes als die Sprache gegen diesen Krieg und er weiß sie einzusetzen. Dem Leser wird nichts erspart. Dabei fliesst gar nicht so viel Blut, werden kaum grausame Szenen geschildert. Es ist allein der Alltag der Menschen, der alle Schrecknisse beinhaltet. Mit wenig bis gar keinen Habseligkeiten, kaum mehr Nahrung, ziehen die Bewohner ziellos von einem Ort zum anderen, nirgends gibt es Sicherheit, kein Heim mehr. Keiner weiß, wie die Frontlinie sich verschiebt, wann die eine Seite wieder die Macht übernimmt, die Flagge austauscht.

Pascha als Sprachlehrer. Zhadan, der seine Protagonisten immer wieder in anderen Dialekten sprechen lässt, je nachdem welche militärische Einheit gerade Oberhand gewinnt.

„Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.“

Generell geht es in diesem Roman viel um Sprache. Sprache als Form der Zugehörigkeit, des Erkennens – Muttersprache. Ukrainisch, das immer wieder verboten war. Aber auch die Sprache, die aufgedrückte, die notgedrungen übernommene aus der Zeit als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Russisch, wohl teilweise auch polnisch. Alles basierend auf einer höchst komplexen und wechselvollen Geschichte dieser Nation (die ich selbst erst recherchieren musste). Bis heute kommt das Land nicht zur Ruhe. Das Buch ist brandaktuell. Es ist schrecklich und hart zu lesen, aber es macht bewusst für das Glück, das wir hier haben, nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen.

Zhadan findet eine starke Metapher für das was Pascha erlebt und die er mehrfach verwendet, als würde einmal nicht reichen für dieses Gefühl. Seine innere Anspannung, die Angst, die Nerven bis zum Zerreißen gedehnt, als wäre es eine (Sprung-)Feder in seinem Herzen. Pascha schafft diese Reise mit seinem Neffen und sowohl er, als auch der 13-jährige Junge wachsen daran. Schön zeigt Zhadan diese Entwicklung, wenn er auf den letzten Seiten von Paschas Erzählperspektive in die des Jungen wechselt.

„Internat“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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4 Gedanken zu “Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

  1. Ich bin direkt noch in der Lektüre und finde dieses Buch herausragend – sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Viele Szenen, das ganze Ausmaß des Krieges, von dem mittlerweile nur noch wenig zu uns dringt und fern erscheint, machen betroffen. Es ist schön, dass Du diesen Roman so wunderbar vorstellst. Es war ein Erlebnis für mich zur Buchmesse, die Preisverleihung miterleben zu dürfen. Nach der Laudatio musste ich mir sofort dieses Buch kaufen. Meine Besprechung wird folgen. Viele Grüße nach Berlin

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