Hüseyin Yurtdas: Der Verkrochene Elif Verlag

In „Der Verkrochene“ klagt ein Ich über sich selbst. Wehleidig, wütend, resigniert, gleichgültig, bitter, vermutlich auch ziemlich traumatisiert. Gleich eingangs erfahren wir, dass der „Verkrochene“ offenbar gar nicht erwünscht ist in der Familie, in die er hinein geboren wird, eine angesehene türkische Familie, wie sich im Verlauf herauslesen lässt. Die Mutter verweigert ihm die Brust, vom Großvater setzt es Prügel. Der Schwester des Ichs geht es da wesentlich besser; sie wird wie eine Prinzessin behandelt. Der männliche Protagonist erhält keinerlei Rückhalt, bekommt kein gutes Selbstwertgefühl mit und kein Handwerkszeug fürs weitere Leben.

„Was ist Liebe letztendlich? Das, was ich von meiner Familie nicht erfahren habe? Die gläserne Galerie. Ich versuche heute die Liebe ganz neu zu erschaffen. Leidend wie ein Hund.
Lachen Sie wenigstens ein bisschen? Seien Sie doch nicht ganz so ernst. Sie dürfen meine Anstrengungen mit einem Lachen belohnen.“

Er sitzt einsam in der Wohnung oder manchmal im Teehaus. Er sieht das Leben um ihn herum, nur er selbst scheint kein Leben zu führen. Langeweile, Frust, Selbsthass. Kurze prägnante Sätze zeigen die ganze Tragik in ein paar Worten. Grübeleien, philosophische Fragen, die im endlosen Nichts verdampfen …  Er, der sich selbst Idiot schimpft, war immerhin Student; doch er lebte mit einem Kommilitonen in einer Kellerwohnung und empfand nur Leere. Freunde gibt es fast keine. Einmal wird ein Nachbar, ein Malerpoet, genannt, dem er zuhört, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Es gibt Momente, in denen alles passt, in denen Möglichkeiten aufscheinen, Möglichkeiten, die nicht soo abwegig sind. Doch dann kommen wieder die Selbstzweifel. Ist der Protagonist wütend, äußert sich das bisweilen auch in einer recht derben Erzählart. Ein andermal erzählt er uns, dass er aus dem Adel stammt, dass er aber nicht die richtige (Haut?)Farbe besitze.

„Wie kann ein vernünftiger Mensch, der die Wahrheit liebt, in dieser Welt leben? Es ist unmöglich aufzusteigen. Wie windet man sich von unterhalb der Erde zum weiten Himmelszelt hinauf? Durch Wahnsinn? So ein Mensch wird keine Freunde haben. Und einen Vertrauten auf keinen Fall. Voll Zorn wird er sich erheben und sich schlafen legen. Er muss sich jeden Tag aufs Neue überreden, bereit zu sein. Um ein falsches Leben zu ertragen.“

Zwischendurch kommen kurze Kapitel, die sich lesen als wären es Träume oder Wachphantasien. Oder ist er doch verrückt? Durchgedreht? Ein Pessimist? Ein Menschenfeind? Niemals wird ganz klar, was unser Held für ein Mensch ist. Spielt er mit uns ein Spiel? Oft bezeichnet er sich selbst als Lügner, als Schauspieler, ja Gaukler. Macht er uns etwas vor? Hält er uns mitunter gar den Spiegel vor? Ist er der unzuverlässigste Erzähler der Welt? Vielleicht ist er aber auch einer, der mit ungewöhnlichen Mitteln den Zustand unserer Gesellschaft reflektiert und mit philosophischen Mitteln überdenkt. Und auch wenn der Erzähler immer wieder die Leserin direkt anspricht, ob sie nicht genervt sei, langsam genug hätte, ist sie das nicht. Im Gegenteil: Ich habe dieses 120 Seiten zählende Buch gern gelesen und den Autor mitunter sehr gut verstanden …

Hüseyin Yurtdas, 1978 in München geboren, lebt in Istanbul, wo er auch Sozialpsychologie studierte, was sicher auch den Roman geprägt hat. Barbara Yurtdas übersetzte das Buch. Es erschien im Elif Verlag, den ich generell für schöne Entdeckungen empfehle. Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s