Eeva-Liisa Manner: Das Mädchen auf der Himmelsbrücke Guggolz Verlag


Ein Schwerpunkt im Programm des Guggolz Verlags ist die nordische Literatur. Dabei habe ich schon wundervolle Entdeckungen gemacht (siehe untenstehende Links). Und auch „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke„, 1951 veröffentlicht von der finnischen Schriftstellerin Eeva-Liisa Manner hat mich sehr berührt. Obgleich es auch ein trauriger Roman ist, (was ich eh mag) zeigt es auch die Freuden, wenn jemand für sich eine Leidenschaft, ein Talent entdeckt, wenn jemand endlich gesehen wird. Zudem ist es auch ein Aufruf sich ein gewisses Maß an Kindlichkeit zu bewahren.

Die neunjährige Leena lebt bei ihrer Großmutter, weil die Mutter bei ihrer Geburt starb. Auch ihren Vater kennt sie nicht. Sie ist ein Mädchen mit einer blühenden Fantasie, feinfühlend und sensibel, aber auch ein wenig schwermütig. Ihr Denken kreist um Wirklichkeit und Traum, um die große Frage nach Wahrheit. Dennoch hat sie in der Schule Probleme, da es ihr schwer fällt, sich zu konzentrieren. Sie mag das Graue nicht, die Strenge der Lehrerin nicht. So wird sie immer wieder gemaßregelt und bleibt für sich.

„Es war eine sonderbar kraftlose Trauer, sie war überall in ihr, und Leena spürte, dass nichts, wirklich nichts sie davon befreien konnte. Es war eine endlos lange, ewige Trauer, eine Trauer, die nicht zu erklären und dennoch selbstverständlich war.“

Als sie die Diagnose Epilepsie erhält, ist sie froh eine Weile der Schule fernbleiben zu können und spielt sprachlich mit dem Wort ihrer Erkrankung, welches für sie vor allem einen schönen Klang hat. Eines Tages beschließt sie, immer der Wahrheit auf der Spur, die Antwort bei Gott zu suchen. Doch sie findet in der kleinen Kirche die Ordensschwester Elisabet und vor allem die Musik von Bach, auf der Orgel gespielt vom kauzigen blinden Alten Filemon, dem sie dann stellvertretend ihre Fragen stellt. Doch sie erhält Antworten, die noch mehr Fragen nach sich ziehen.

„Sie ärgerte sich über ihre Langsamkeit, tröstete sich dann aber mit dem Gedanken, dass Elisabet vielleicht verstand, dass sie so war – stets ein wenig spät.“

Die Großmutter verbietet Besuche in der „falschen“, der katholischen Kirche. Doch für Leena bleibt eine große Anziehungskraft. Sie erlebt die Welt in einer Sphäre, die sie von anderen trennt. Schwänzt die Schule. Nie weiß man, ob die Geschichte in den Träumen von Leena spielt oder ob sie sich gar in anderen Bewusstseinsebenen aufhält. Hat sie Visionen, Nahtoderfahrungen? Oder sind es Tagträume? Für bodenständige plotorientierte Leser*innen wird es hier schwierig. Für mich war es ein Genuss.

„Wenn man in diese Welt kam, ging man in den Traum über, und der Traum war für Leena wirklicher als das Tageslicht und die Alltäglichkeit des Lebens. Aus dem Alltag konnte man sich jederzeit wegdenken, aus dem Traum nicht – im Traum geschah alles unweigerlich und schicksalhaft, es gab keine andere Möglichkeit. Der Traum war bedingungslos wie ein furchteinflößendes und schönes Märchen, fertiggeschrieben und gerade deshalb so furchteinflößend.“

Manner hat einen Roman wie ein Märchen geschrieben. Atmosphärisch und sinnlich. Eine Handlung gibt es hier kaum, dafür aber ständige Verwandlungen mit diversen Metaebenen. Die Autorin begleitet ihre junge Heldin durch Höhen und Tiefen, durch Raum und Zeit und steht für ihre eigensinnige wankende Hauptfigur ein. Sei es, wenn sie die faszinierende Musik in sich hört, sei es, wenn sie mit ihrem Regenschirm, durch die Luft davonfliegt. Es ist ein zärtlicher und, wie ich finde, vor allem auch ein spiritueller Roman.

„Die Welt ist eine Dichtung meiner Sinne / und erlischt, wenn ich sterbe.“

So zitiert Antje Rávik Strubel in ihrem Nachwort aus einem Gedicht Eeva-Liisa Manners. Wie gerne würde ich auch eine Übersetzung der Gedichte lesen. Vielleicht der erste Lyrikband bei Guggolz? Manner war eine der berühmtesten finnischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Sie übersetzte, schrieb außer Romanen auch Dramen, Essays und Gedichte. Die meiste Zeit lebte sie allein und zurückgezogen. Sehr lange in einem Haus in Tampere, auf dessen Gedenktafel auch die obigen Zeilen von Strubel entdeckt wurden.

Der Roman wurde von Maximilian Murmann aus dem Finnischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weiteres aus dem Guggolz Verlag:

Werbung

Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

20220119_0051298670325838147554938

„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

Gerda Blees: Wir sind das Licht Zsolnay Verlag

Von Licht und Liebe leben? Geht das?

Schon die Leseprobe hat mir gefallen. Wie geht das weiter? Die Niederländerin Gerda Blees erzählt in ihrem Debütroman „Wir sind das Licht“ eine Geschichte, die vor allem auch formal gelungen ist und zwar so, dass der Inhalt tatsächlich durch die Erzählweise noch gewinnt.

Es geht um eine Erwachsenen-WG in einer niederländischen Stadt, die aus vier Personen besteht und unter dem Motto „Klang und Liebe“ unter der Führung von Melodie van Hellingen eine gut gemeinte, aber mitunter fragwürdige Lebensart praktiziert. Aus der Liebe zur Musik gibt Melodie, die als junge Frau an der Musikakademie Cello studierte, aber leider nicht den Erfolg hatte, den sie und ihre Eltern sich wünschten, zunächst Cello-Unterricht und später auch Seminare, in denen zusammen gesungen und musiziert wird. Melodie steht mit ihren Eltern, vor allem mit dem Vater nicht auf gutem Fuß und will ihre eigene ganzheitlich-spirituelle Wunschfamilie gründen und lädt Teilnehmer der Seminare zur Gründung einer Gemeinschaft ein. So ziehen Muriel und Petrus ein, und schließlich noch Elisabeth, Melodies ältere Schwester. Dass Melodie als Leiterin sehr bestimmt das Heft in die Hand nimmt und dabei ziemlich übergriffig über das Tun und Wirken der anderen bestimmt, oft so suggestiv, dass die anderen es nicht merken, nimmt letztlich fatale Ausmaße an.

Als Nacht von Welt bringt uns nichts so schnell aus dem Konzept, aber wir finden es schon auffällig, dass Menschen in einem Land wie diesem freiwillig Hunger leiden, obwohl die Nahrung buchstäblich in Reichweite ist. Als wollten sie gegen den herrschenden Überfluss protestieren.“

Dieser Textauszug zeigt gleich doppelt, wovon diese Geschichte lebt. Zum einen von dem natürlich unmöglichen Versuch, von Lichtenergie als ausschließlicher Nahrung zu leben, was womöglich indischen Meistern oder asketischen Fakiren gelingen mag. Zum zweiten, und das ist der eigentliche Clou des Romans, ist jedes Kapitel aus der Sicht eines Gegenstands oder eines Dings erzählt. So berichtet eben im ersten Kapitel die Nacht, wie sich der Tod von Elisabeth zuträgt. Elisabeth, die, wie wir damit von Anfang an wissen, an Unterernährung gestorben ist. Der Arzt, der ihren Tod feststellt, sieht das und meldet es der Polizei. Diese versucht aufzuklären, wie es dazu kommen konnte und welchen Teil die Mitbewohner dazu beitrugen. So erfahren wir vom Tatort, wie es im Haus aussieht, von den Nachbarn, das „die“ immer schon etwas komisch waren, so erfahren wir von den Eltern etwas über Melodies und Elisabeths Familie. Wir hören Elisabeths toten Körper sprechen und das World Wide Web. Wollsocken und Kugelschreiber (Witzigstes Kapitel!) kommen zu Wort, aber eben auch die Erzählung selbst (die sich über die Autorin beschwert), die Zweifel und schließlich auch die Kognitive Dissonanz. So erfahren wir nach und nach, bruchstückhaft, was da los ist mit dieser WG und wie es, möglicherweise, zu diesem Geschehnis kommen konnte.

„Und ganz langsam setzen wir auch bei Muriel und Petrus die Rädchen des Selbstbetrugs in Gang. Keiner der beiden hatte in den letzten Tagen das Gefühl, bei den anderen zu sein. Sie fühlten sich allein und isoliert. Aber jetzt wird ihnen klar, dass dieses Gefühl nicht zu einem Bewohner der Wohngruppe Klang und Liebe passt, und die Erinnerungen an ihre Erfahrungen in der Zelle werden schleunigst angepasst.“

Die Bewohner, die kurzfristig in Untersuchungshaft kommen und verhört werden, da unterlassene Hilfeleistung im Raum steht, kommen während dieser Bedenkzeit, einer Zeit, die sie einmal nicht alle gemeinsam verbringen, zu Entschlüssen, wie es nun im Leben weiter gehen soll. Melodie bleibt Melodie, bleibt weiter die Manipulierende, sie kann nicht aus ihrer Haut. Doch das Licht selbst erzählt uns am Schluss, ob es jemandem gelingt, sich aus deren ungutem Einfluss befreien zu können …

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag. Übersetzt hat es Lisa Mensing. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Jon Fosse: Der andere Name Rowohlt Verlag

20190924_1831456524768957042284278.jpg

Welch kostbare Lektüre! Welch Leuchten!

Von Jon Fosse, dem großen norwegischen Dramatiker, Lyriker und Romanautor, ist der erste Band seines auf 7 Bände angelegten Werks erschienen. Wie immer hat Hinrich Schmidt-Henkel brillant übersetzt, was bei Fosses Sprachduktus sicher alles andere als einfach ist. Andererseits erkennt man Jon Fosses Werk anhand dieser Sprachmelodie zumindest bei seinen Romanen sofort heraus. Ich bin auch gerade wegen dieser reduzierten, meditativen Sprache große Liebhaberin seiner Bücher und Stücke.

Jon Fosses „Der andere Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Was einem nicht-Fosse-Kundigen anfangs befremdlich scheint, wird im fortgeschrittenen Lesestadium zu einem einzigen Fluß ohne Halt, zu einer Reise durch Raum und Zeit (Fosses Roman hat keine Kapitel, keinen Punkt, nur Kommas – ein einziger langer Satz! Ich liebe es!). Fosse verhandelt hier die ganz großen Themen wie Liebe und Tod in einer Weise, wie sie nur im Kleinen, in den ganz einfachen Dingen des Lebens zu finden sind.

„ja, seltsam, denn groß ist die Entfernung nicht, der Abstand zwischen den Lebenden und den Toten, obgleich diese Entfernung unüberwindlich wirken mag, ist sie es nicht,“

Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen (Fosse schreibt den alten Stadtnamen Bjorgvin) für ihn verkauft. Beinahe der einzige mit dem er freundschaftlichen Kontakt hat, ist sein Nachbar, ein Fischer und Landmann, der ihm oft mit Arbeiten in Haus und Hof hilft. Ihre Gespräche bestehen fast immer aus den gleichen Themen. Keiner versteht so richtig die Lebensart des anderen und doch verbinden sie diese ritualartigen Treffen auf ganz eigene Weise. Der kleine Hund Brage, der unverhofft in des Malers leben auftaucht, ist mir durch Fosses zarte Beschreibung sofort ans Herz gewachsen.

„ich bin nie besonders gern bei Leuten zu Hause gewesen, dafür war ich immer zu schüchtern, ja mir ist dann, als ob ich etwas tun würde, wozu ich kein Recht habe […] als ob ich ihr Leben stören würde oder jedenfalls selbst gestört würde von ihrem Leben, das sich mir aufdrängt, ja als ob ich vom Leben der anderen ausgefüllt würde,“

Ab und an fährt der Maler nach Bergen und bringt neue Bilder, erledigt Einkäufe oder besucht einen Freund, bei dem es sich womöglich um ein Alter Ego des Malers selbst handelt. So ganz klar wird es nie, denn die Geschichte spielt letztlich auch außerhalb einer sicheren Realität, vielleicht in einem bewusstseinserweiternden Raum oder auf einer (oder mehreren?)Meta-Ebene. Darauf weist einiges hin, denn der Maler versinkt oft in Erinnerungen, die sich recht bildhaft zeigen. Hier verwischen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Personen verwandeln sich oder finden sich gedoppelt.

In den Erinnerungen zeigen sich prägende Kindheitsszenen: Der Maler Asle hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Der gute Bekannte Asle, der den gleichen Namen wie der Maler trägt, hat bereits in seiner Kindheit Tod und Missbrauch erlebt und fühlte sich schuldig, weil er die Verbote der Mutter missachtete.

Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt …

„und manchmal sorgt nur ein einziger Strich dafür, dass das Bild so sprechen kann, und das ist nicht zu begreifen, denke ich, und, denke ich, so ist es auch mit der Dichtung, die ich gern lese, nicht dass es wichtig ist, was über dies oder das gesagt wird, sondern etwas anderes, etwas das stumm in und hinter den Sätzen spricht“

Für mich ist der Roman eine Hommage an die Einfachheit, die Hingabe und ein zutiefst spirituelles, mystisches Buch. Ein Leuchten, ölbildfarbenes Leuchten!

Der Roman „Der andere Name“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich freue mich schon auf den nächsten Band, der hoffentlich bald übersetzt ist. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Besprechungen auf dem Blog zu Jon Fosses Roman „Trilogie“ und zu dem wunderbaren Gedichtband „Diese unerklärliche Stille“:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/05/27/jon-fosse-trilogie-rowohlt-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/03/12/jon-fosse-diese-unerklaerliche-stille-verlag-kleinheinrich/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Akwaeke Emezi: Süsswasser Eichborn Verlag

20181013_180709

„Aber ich bin nicht gänzlich gegen den Wahnsinn, nicht, wenn er mit dieser Form der Klarheit einhergeht. Die Welt in meinem Kopf war bisher viel realer als diejenige außerhalb – vielleicht ist das die exakte Definition von Wahnsinn, wenn ich darüber nachdenke.“

Über das Thema Traumatisierung und Missbrauch in der Kindheit ist ja schon oft geschrieben worden, aber noch nie auf diese Art und Weise. Noch nie aus solcher Perspektive, noch nie in einer solch poetisch-feinen Sprache. Wenn die verschiedenen inneren Anteile einer Person geisterhaft eine Geschichte erzählen, ist das ungewöhnlich. Hier bleibt nichts eindimensional. Die nigerianisch-tamilische Autorin Akwaeke Emezi nennt das in ihrem Roman „die andere Seite“, was ich viel stimmiger finde, als von Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörung zu sprechen. Die Erlebnisse aus der Kindheit werden abgespalten und verdrängt. Doch jeder Anteil erhebt in diesem Roman seine Stimme. Wenn der Schutzmechanismus um zu überleben, die Verdrängung, nicht mehr funktioniert, zeigt sich die psychische Krankheit. Nicht immer ist das nur pathologisch zu sehen, sondern weist auf eine Verbindung mit etwas Höherem hin. Darauf läuft Emezis Geschichte hinaus, die auch eine Art der spirituellen Entwicklung aufzeigt. Deshalb freue ich mich riesig über diesen Roman. Die Autorin schreibt mit einer Selbstverständlichkeit über dieses So-Sein, das es für mich nichts mehr Schreckhaftes hat. Erst kürzlich ließ George Saunders in „Lincoln im Bardo“ die Geister der Toten sprechen. Doch konnte er mich rein gar nicht damit überzeugen. Das sieht hier bei Emezi ganz anders aus: Sie kann mich sprachlich begeistern, sie schreibt in einem besonders ausdrucksstarken, sehr eigenen Stil.

Emezi erzählt davon, das es nicht leicht ist mit solch einem Makel oder einer Gabe durchs Leben zu kommen. Ihre Heldin ist eben nicht „normal“, versucht den Schein nach außen hin aber unbedingt zu wahren. Ada kommt in diesem Roman selten selbst zu Wort. Häufig erzählen die Ogbanje, die Geister die in ihr, durch sie leben. In mehreren Schüben baut sich die Ver-rücktheit auf, bis die große Gegenspielerin des Göttlichen, Asughara im „Marmorzimmer“, in Adas Kopf auftaucht, und sich in deren Leben unangenehm und penetrant einmischt. Auslöser ist die Vergewaltigung durch einen Kommilitonen.

„Ogbanje sind Schwellenwesen – Geist und Mensch, gleichzeitig beides und keines von beidem. Ich bin hier und doch nicht hier, real und unwirklich, Energie, in Haut und Knochen gepresst. Ich bin meine anderen; wir sind eins, und wir sind viele.“

Wir begleiten Ada in kurzen Sequenzen durch ihre Kindheit, später durch ihre Studienzeit. Der Vater hat die Familie verlassen, die Mutter im Ausland gearbeitet, die Kinder zunächst allein in Nigeria zurückgelassen. Unter der Obhut des älteren Bruders, kommt es wiederholt zu Gewalt und Mißbrauch. Später schickte sie ihre Kinder zum Studium, Ada in die USA, an eine Provinzuniversität in Virginia. Mit Selbstverletzungen durch Ritzen und mit unzähligen Affären versucht Ada sich selbst zu spüren, später sogar mit einem Selbstmordversuch auf die „andere Seite“ zu gelangen.

„Und so bricht man ein Kind, wisst ihr. Schritt Nummer eins: Nimm ihm die Mutter weg.“

Als schließlich auch noch ein eher zarter, junger männlicher Geist namens Saint Vincent in ihr auftaucht, wandelt sich Ada in ein Richtung Männlichkeit driftendes Wesen, fühlt sich zu Frauen hingezogen und lässt sich sogar die Brüste verkleinern. Zu echter Nähe kommt es jedoch nie, vor zuviel Gefühl und Intimität scheut Ada zurück. Obwohl sie glaubt, zu lieben, bleibt jede Beziehung an der Oberfläche. Doch auch Yshwa, Jesus Christus, bleibt bei ihr, oft im Kampf um die Vorherrschaft über Adas Geist und Verstand.

Die Geschichte, über der immer die Frage schwebt „Wer bin ich wirklich?“, endet mit einer Art Erlösung, einer Befreiung. Ada darf sich selbst erkennen, auch wenn es ein langer Weg ist. Die Angst vor dem Leben, vor dem eigenen Inneren, weicht mehr und mehr, je weiter sie in ihre Herkunft eintaucht, ihre afrikanischen Wurzeln und die Stärke darin erkennt. Ein Leuchten!

Der Roman der 1987 geborenen Akwaeke Emezi erschien im Eichborn Verlag. Übersetzt wurde er aus dem Amerikanischen von Annabelle Assaf und Senthuran Varatharajah, der selbst tamilische Wurzeln hat und einen gleichfalls sehr empfehlenswerten Roman namens „Vor der Zunahme der Zeichen“ geschrieben hat. Eine Leseprobe zu Süsswasser gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Ilse Helbich: Im Gehen Literaturverlag Droschl

Helbich-Im-Gehen

Es ist also nie zu spät: Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht und stetig weitergeschrieben. Es gibt zahlreiche Erzählungen von ihr und nun mit über 90 Jahren den ersten Gedichtband. Er enthält sehr dichte und konzentrierte Miniaturen, die für die Entdeckung der Langsamkeit plädieren, für die Anlehnung an die Natur und für die Schönheit der Sprache, die vielleicht sogar in aller Stille darauf achten lassen, wie es einmal sein kann, im Altern, das Leben.

Ein Gedicht passend zum Titel, erzählt vom Verlust einer, die ihr Leben lang gern gegangen ist. Und es zeugt aber auch vom Vertrauen, auf den, der da jetzt den Karren schiebt. Man kann entscheiden, ob es „Er“, der Göttliche oder ein Irdischer ist.

Schwieriges Gehen

Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und
einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.
Rollen und Rütteln
und Wiegen.
Blätter streicheln die Wange.
Ich möchte gern wissen, wer
mich schweigend dahin fährt,
aber ich wende den Kopf nicht.
Er ist ja da.
Mein schwieriges Gehen.“

In der Tat lese ich in Helbichs Gedichten die starke Verbindung mit etwas größeren, das All-Eins-Sein, eine spirituelle Dimension.

„Er sagte einmal, unter den Buchen
des Latisbergs habe er an mich gedacht.
Als ich gestern dort ging,
unter den Bäumen allein, da hingen
seine Gedanken als Spinnenfäden
zwischen den Ästen.“

In einem Interview (Die Presse, 2010) sagt Helbich:
„Ich glaube, dass sich im Alter verborgene Schlüssel und Lebensmotive zeigen. Die kann man nie benennen. Jeder Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Ich bin jetzt meinen Emotionen mehr ausgeliefert, als ich das mit Ausnahme der Pubertät je empfunden habe. Das ist manchmal sehr angenehm, weil man das Gefühl hat, man kommt in sehr ursprüngliche Schichten. Man ist von so tief unten bewegt, wie das nie vorher im Leben war. Ein fast spirituelles Gefühl.“

Zwei Gedichte widmet Helbich Gottfried Benn und der Leser überlegt und rechnet: Ja, theoretisch könnte es sein, dass sie Briefe an ihn schrieb oder welche erhielt:

„Der Befehl ist: Schreib alles auf. Genauigkeit!
Es gibt nichts als das Wort. Das Wort nagelt das Ding fest.
Das Ding ist Kaffeehaustisch, Marmorplatte, Kühle, weiß,
ferne Gesichter, in Rauchschwaden gefangen;
das Ding heißt auch Rose, heißt: du.“

Vielleicht ist es aber auch einfach eine Hommage an Benns Dichtkunst.

Ein Kapitel heißt Kindergedichte. Es sind allerdings keine heiteren Reime, sondern Texte, die Rückschlüsse ziehen auf ein tiefsinniges ernsthaftes, auch naturverbundenes Kind. Die Bezüge zur Natur und die Freude daran sind auch in anderen Gedichten zu erlesen.

Ich freue mich, diesen Lyrikband entdeckt zu haben, denn er bestärkt und belebt mich auch in meinem eigenen Schreiben. Diese Gedichte sind wunderbare Begleiter auf weiteren Wegen.

Erschienen ist der Lyrikband im Droschl Verlag, wie auch alle anderen Werke von Ilse Helbich. Eine Leseprobe und mehr über die kluge Autorin gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.